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Nach der edlen Halle ging es in einen breiten Flur. Dann eine mit flauschigem Teppich ausgelegte Treppe hinauf. Sie watschelten der komischen Alten weiter hinterher, als wäre sie ihre Entenmutter. Die Flure wurden enger, die Decken niedriger und die Treppen knarrender. Als sie schließlich bei den Schlafsälen unter dem Dach ankamen, war der Flur so schäbig wie der in Normans altem Haus in Wørringen. Super. Blätternde, blassgrüne Tapeten, splittrige Bodendielen und dazwischen Luft, die nach Moder und süßlich-faulem Holz roch.
Die Alte teilte sie auf die Zimmer auf, scheinbar nach Gefühl. Sie hatte keinen Zimmerplan oder so in den Händen. Als ihr Blick auf Norman fiel, ging ein fröhliches Lächeln über ihr rundes Gesicht.
»Mein bockiges Schäfchen!«, rief sie und Norman hörte Kichern hinter sich. »Du bekommst ein ganz besonderes Zimmer. Hinten rechts, die Nummer 926. Da wirst du dich richtig wohlfühlen.«
Norman nickte matt und schlurfte vorwärts. Jemand machte »Määäh« und er hörte mehr Kichern. Klang, als wäre Brenna dabei.
Zimmer Nummer 926 war ein winziger Verschlag mit einem Mini-Fenster, einem schrägen Dach und zwei klapprigen Betten, die den Raum beinahe ausfüllten. Zwischen ihnen war gerade so viel Platz, dass er sich umdrehen konnte. Er schloss die Tür und sein eigenes Gesicht gaffte ihm entgegen. Oh. Toll. Ein Spiegel.
Norman betrachtete sich lange. Runde Schultern, kräftige Arme und ein Gesicht, das fast so breit wie hoch war. Niemand hätte es hübsch genannt, nicht einmal seine Mutter. Doch es war eindeutig ein Motorengesicht. Was an ihm sagte »Katalysator«? Nichts, absolut nichts …
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als die Tür aufging. Seine traurige Visage wurde durch eine noch elendere ersetzt. Lauchi blinzelte erstaunt, als er Norman erblickte.
»Oh, hallo«, murmelte er. Offenbar versuchte der Schwächling, zu lächeln, war aber selbst dafür zu schwach. Norman hätte ihm eine reinhauen können.
»Was willst du?«, murrte er.
»Wir wohnen zusammen«, sagte Lauchi und blieb unschlüssig stehen. »Darf ich hereinkommen?«
»Nein.«
»Oh.« Lauchi schluckte. Und Norman seufzte.
»Mann, natürlich darfst du reinkommen«, knurrte er. »Du wohnst hier, oder nicht?«
»Ja … ja schon.«
»Dann komm rein. Und mach die Tür zu.«
Norman warf sich auf sein Bett. Er vergrub das Gesicht im Kissen und versuchte, alles zu vergessen. Klappte nicht. Also brüllte er in das Kissen. Der Laut, der herauskam, war lächerlich dumpf. Trotzdem hörte er Lauchi quieken.
»G-geht es dir gut?«, fragte der Schwächling.
»Seh ich so aus?« Norman stierte ihn wütend an. Lauchi schreckte zurück und plumpste auf die schmale Matratze. »Ich bin ein Scheiß-Katalysator und alle haben mich ausgelacht. Warum soll’s mir gutgehen?«
»Ich weiß nicht. Nein, das klingt nicht schön.« Lauchi sah zu Boden. Tränen glitzerten in seinen Augen. »Mich haben sie auch ausgelacht.«
»Ich hab’s gehört«, sagte Norman. Er ballte die Fäuste. Sein Kiefer schmerzte, so fest biss er die Zahnreihen aufeinander. »Wie hast du es geschafft? Hast du irgendwen bestochen?«
»Bestochen?«, murmelte Lauchi. »Ich? Ich weiß gar nicht, wie das geht.«
»Ist nicht weiter schwer«, zischte Norman. »Also wie zum Henker bist du ein verfickter Motor geworden?«
Lauchi keuchte schockiert. Seine weichen Locken wippten und die Augen wurden rund vor Schreck.
»Ich … ich weiß auch nicht«, jammerte er. »Ich verstehe das nicht. Echt. Ich bin auf die Tribüne gegangen und dann habe ich … Ich weiß nicht. Plötzlich war da dieses Netz und … ich weiß nicht«, schloss er kläglich.
»Du wirst ein grottiger Motor«, sagte Norman und verschränkte die Arme. Er starrte an die Wand. »Der Schlechteste.«
»Ja«, murmelte Lauchi. Er schniefte leise. Norman wandte sich um und sah, wie eine Träne an der schmalen Nase entlanglief.
»Alter, reiß dich zusammen«, sagte Norman. »Wie alt bist du?«
»Achtzehn«, wimmerte Lauchi.
»Dann benimm dich auch so«, sagte Norman.
Lauchi biss die Lippen aufeinander, bis sie weiß waren. Seine dichten Wimpern glitzerten nass.
»Aber ich habe Angst«, flüsterte Lauchi. »Wir werden … Wir werden kämpfen müssen, wenn wir fertig sind, oder? Zehn Jahre lang werden wir … kämpfen müssen. Wir könnten sterben. 37 Prozent aller Motoren und 31 Prozent aller Katalysatoren sterben auf der Stadtmauer.«
Norman seufzte. Ja, an Lauchis Stelle hätte er auch geheult. Der würde wahrscheinlich schon vom Anblick eines Lavamonsters krepieren.
»Wir werden ja ausgebildet«, sagte er und versuchte, beruhigend zu klingen. »Wir trainieren drei Jahre lang und dann geht’s erst los. Wer weiß, vielleicht bist du in drei Jahren gar kein Spargel mehr.«
Lauchi nickte kraftlos.
»Vielleicht«, krächzte er. Norman musterte seine Ärmchen und die schwache Brust.
»Sag mal, Lauchi.« Er kratzte sich am Kopf. »Warum bist du eigentlich so schmächtig? Du trainierst doch auch seit zwei Jahren, oder? Warst du nicht in den Vorbereitungskursen?«
»Ja, schon. Irgendwie.«
»Irgendwie? Hattet ihr keine Hindernisläufe?«
Lauchi schüttelte den Schädel, dass sein Zöpfchen flog.
»Meine Mutter war dagegen. Herr Dahle wollte, dass ich mehr Sport mache, aber sie hat es verboten. Sie meinte, ich wäre zu schwach und dass draußen meine Allergien schlimmer werden. Überhaupt war draußen nicht so gut, wegen … wegen meines Vaters. Den …«
»Moment, halt mal an.« Norman richtete sich auf. »Was hat deine Mutter damit zu tun? Warst du nicht im Internat zur Vorbereitung? Habt ihr sowas nicht in … Wo kommst du nochmal her?«
»Dem Nördlichen Flussland«, sagte Lauchi. »Noch hinter Døngard, am Fuß der Berge. Meine Familie lebt seit über zweihundert Jahren dort.«
»Und deine Mutter durfte in deine Ausbildung reinreden?«
»Na ja, das durfte sie vielleicht nicht.« Lauchi sah zu Boden. »Tut sie aber. Sie macht sich so viele Sorgen um mich. Ich bin nicht … Ich bin ihr jüngster Sohn. Eigentlich sollte ich bei ihr bleiben und ihr Gesellschaft leisten, bis sie alt ist.«
»Bis sie tot ist, meinst du.«
»Ja, das auch.« Lauchi schluckte. »Ich habe nicht … Ich bin nicht wie meine Geschwister. Die sind alle so stark und tatendurstig. Nur ich bin viel zu schwach. Keiner hätte gedacht, dass sie ausgerechnet bei mir magisches Potenzial feststellen. Keiner.«
»Ne, sonst hätten sie dich ja besser vorbereitet. Wie war dein Internat denn so? Läuft das bei euch anders? Mit wem warst du da?«
»Mit niemandem. Meine Mutter hat den Bezirk irgendwie überredet, dass ich daheimbleiben darf und einen Ausbilder bekomme. Herrn Dahle.«
»Ah.« Norman hatte noch nie von diesem Herrn Dahle gehört. Konnte nicht allzu toll sein, wenn er sich Lauchi so ansah. »Und bei dem gab’s keine Hindernisläufe? Was ist mit Krafttraining? Und Bewegungsabläufen?«
»Ein bisschen. Vor allem haben wir die Theorie gelernt. Das durfte ich.«
»Das hat deine Mami erlaubt, ja?« Norman schüttelte ungläubig den Kopf. »Nicht nur adlig, sondern auch noch aus dem Nördlichen Flussland. Toll. Da kommen die größten Weicheier her, und weißt du, warum? Weil da fast nie Monster angreifen.«
Etwas Seltsames geschah mit Lauchi. Er straffte sich. Da war keine Wut in seinen Zügen, doch zumindest … milde Verärgerung.
»Mein Vater wurde von einem Eismonster gefressen«, sagte er und sah Norman direkt in die Augen. Der wusste nicht, was er sagen sollte.
»Ach so«, stammelte er schließlich. »Wie?«
»Er hat unsere Ländereien verteidigt, mit den Magiern zusammen. Meine älteste Schwester war auch dabei. Sie sagt, sie hätte nichts gesehen, aber … danach hat sie sich eine Woche lang in ihrem Zimmer eingeschlossen.« Seine Stimme klang rau und krächzig.
»Oh.« Norman rieb seinen Nacken. »Das war hart für dich, was?«
»Ich habe ihn gar nicht richtig kennengelernt«, murmelte Lauchi. »Das hätte ich gern. Alle sprechen sehr gut von ihm, aber ich war erst zwei Jahre alt, als es geschehen ist. Ich kann mich nicht an ihn erinnern.«
Norman, der seinen Vater ebenfalls nie kennengelernt hatte, wollte gerade etwas sagen, als die Tür aufgerissen wurde. Ein Moppel in grün schillernder Seidenmontur und mit glänzenden Locken marschierte herein. Er hielt inne, als er sah, dass im Raum kein Platz für ihn war.
»Junger Herr!«, polterte er und Lauchi schaute plötzlich richtig glücklich. »Dieses Loch ist nicht Ihr Gemach, hoffe ich?«
»Doch, ist es, Nørdington.« Lauchi sprang auf und nahm dem Kerl die große Kiste ab, die er in den Händen hielt. »Sind das meine Habseligkeiten? Vielen Dank, dass Sie sie herbringen.«
»Nun, ich hätte sie früher gebracht, aber die Institutsmitarbeiter haben es erst jetzt erlaubt.« Nørdington schaute, als hätte man ihm zwei saure Gurken in die Nasenlöcher gesteckt. »Für ihren Zimmergenossen steht ebenfalls etwas auf dem Flur.«
Er sah Norman von oben herab an. Der setzte seine beste Türsteher-Miene auf und gewann das Blickduell. Dann sprang er auf und drängte sich an dem Diener vorbei.
All seine Besitztümer lagen in der großen Obstkiste im Flur. Die Zivilklamotten, für die er schon fast zu breit war, eine Zahnbürste, Schuhcreme, drei zusammengerollte Poster und ein Stapel Groschenromane. Er klemmte die Kiste unter einen Arm und zwängte sich wieder in das Zimmer hinein. Es war eindeutig zu winzig für drei Personen. Selbst wenn einer davon so schmächtig wie Lauchi war.
»Wo werden Sie wohnen, Nørdington?«, fragte der gerade. »Haben Sie bereits ein Zimmer gefunden?«
Nørdington zögerte.
Schlechte Nachrichten im Anflug, dachte Norman und hatte, wie immer, recht.
»Ich werde leider nicht in Løbago bleiben können, junger Herr«, sagte der Diener. Er klang, als wollte er einen Säugling beruhigen. Tief und sanft. Lauchis Kinnlade klappte herunter.
»Aber ich dachte … Warum? Meine Mutter hat ausdrücklich darum gebeten, dass Sie in meinen Diensten verbleiben.«
Nørdington schüttelte den Kopf.
»Ich fürchte, der Einfluss Ihrer Mutter endet an der Stadtmauer. Hier herrscht das Militär. Beziehungsweise das Arkane Institut. Und das wünscht nicht, dass einer der Schüler bevorzugt behandelt wird.«
»Aber …« Lauchis Adamsapfel hüpfte. »Dann habe ich ja niemanden hier.«
Er wollte sich straffen und scheiterte. Nørdington betrachtete ihn sichtbar mitleidig.
»Ich werde immer für Sie da sein, junger Herr. Wenn etwas sein sollte, schreiben Sie einfach. Oder noch besser: Rufen Sie an. Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Kosten, die trägt Ihre Mutter.«
»Danke, Nørdington.« Das war das kläglichste Lächeln, das Norman je gesehen hatte. »Ich … Ich wünsche Ihnen eine gute Heimfahrt.«
»Vielen Dank.« Der Moppel verzog das Gesicht. »Ich fürchte, sie wird weit beschwerlicher als die Reise hierher. Ich werde mich flussaufwärts schleppen lassen und das dauert Tage.«
»Die armen Pferde«, sagte Norman und schlug einen der Groschenromane auf. Nørdingtons Augen wurden schmal.
»Ich verabschiede mich, junger Herr. Viel Erfolg am Institut, und … Viel Erfolg.«
»Danke.« Lauchi schaute wie ein verlassener Welpe. »Ich tue mein Bestes.«
Das wird nicht reichen, dachte Norman, aber da er ein sehr höflicher Mensch war, schwieg er.
Nørdington machte eine Geste, die eindeutig »Mitkommen, Abschaum!« bedeutete. Hä? Widerwillig erhob Norman sich. Die Neugier ließ ihn dem Diener auf den Flur folgen. Nørdington schloss die Tür. Sie waren allein in dem düsteren Modergang.
»Was willst du?«, fragte Norman und verschränkte die Arme. In Nørdingtons Blick schwamm kaum verhohlener Ekel.
»Ich möchte, dass jemand auf den jungen Herrn aufpasst. Und da Sie sein Zimmergenosse sind …«
»Nö.« Norman schnalzte mit der Zunge. »Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Das muss er lernen. Je früher, je besser.«
Nørdington schaute, als wollte er ihn ohrfeigen.
»Der junge Herr braucht ein wenig … Starthilfe«, knurrte er. »Er ist für diesen Rabaukenjob nicht so gemacht wie … andere.«
»Wie ich.« Rabauke war nun wirklich nicht das Schlimmste, was man ihm je an den Kopf geworfen hatte. Fast bekam er Mitleid mit dem Moppel. »Warum eigentlich? Warum ist er so ein Schwächling? Konnte seine reiche Mutti ihm keinen Boxtrainer kaufen?«
»Es war nie vorgesehen, dass der junge Herr die Mauern des Anwesens verlässt.«
»Was?« Norman hob eine Augenbraue. »Sollte er echt nur auf seine Mutti aufpassen?«
»Eine ehrenvolle Aufgabe für einen jüngsten Sohn.« Nørdington hob die Nasenspitze noch höher. »Ich erwarte nicht, dass ein Straßenflegel das versteht.«
»Ein Straßenflegel, hä? Zufällig sind wir hier alle gleich. Im Institut bin ich so viel wert wie dein junger Herr.« Norman grinste höhnisch. Nørdington grinste noch höhnischer.
»Fast so viel. Allgemein genießen Motoren das höhere Ansehen, nicht wahr?« Er lächelte süffisant. Normans Fäuste zuckten, aber die Schande wog so schwer, dass er dem Kerl keine reinhauen konnte. Sie machte ihn zu schwach.
»Nørdi«, zischte er. »Wenn du willst, dass ich auf den Kleinen aufpasse, machst du gerade einen groben Fehler.«
Der Diener zögerte, dann schaute er noch biestiger als zuvor. Die dünnen Fältchen um seinen Mund vertieften sich, während er eine prall gefüllte Brieftasche aus der Weste zog.
»Wie viel?«, fragte er. »Was ist der gängige Preis auf der Straße, wenn es einen nach Schutz verlangt?«
»Vergiss es.« Norman reckte das Kinn in die Höhe. »Mich kauft niemand. Ich hab das nicht nötig. Lieber arm als bestechlich. Du wirst das kaum glauben, Nørdi, aber ich hab auch meinen Stolz, und ich arbeite für keinen mehr. Nur für mich selbst.«
»Und für das Institut, nicht wahr?«, sagte Nørdington. Zögernd steckte er die lederne Brieftasche wieder ein. Er war offensichtlich verunsichert. »Soweit ich weiß, werden Sie alle für zehn Jahre verpflichtet.«
»Das mach ich gerne«, sagte Norman. »Ich wollte nie was anderes als ein Magier werden.«
»Ah.« Nørdington schniefte leise. »Na, Ihrem Auftritt heute Mittag zufolge lief es nicht ganz so, wie Sie es sich erträumt haben.« Er hob die Hände, als er Normans Gesichtsausdruck sah. »Schon gut. Ich gehe ja. Aber ich möchte keine Beschwerden vom jungen Herrn hören, ist das klar? Ich mag hier unerwünscht sein, doch die Familie von Mømpelgard kennt immer Wege, sich unliebsamer Zeitgenossen zu entledigen.«
Norman verstand die Worte nur halb, aber er kapierte, was eine Morddrohung war. Er schnaubte verächtlich.
»Keine Sorge, Nørdi, ich vergreif mich nicht an Schwächeren. Mach’s gut.«
Mit diesen Worten drehte er sich um und kehrte zurück in das Zimmer. Beinahe wäre er über Lauchi gestolpert, der gerade ein Poster aufhängte. Eine Karte des gesamten Flusslandes mit bunten Markierungen. Markierungen in den verbotenen Zonen.
»Was ist das da?«, fragte Norman. »Sieht fast aus wie eine Route durch das Eisgebirge.«
»D-das …« Lauchi schluckte. Oh, der war wohl noch nicht über den Abschied hinweg. »Das ist die Strecke, die Gottfrieda von Græwenitzschs Expedition durch das Eisgebirge genommen hat. Von hier sind sie gestartet.«
Ein zitternder Finger deutete auf Rørk, die Hafenstadt, die eine florierende Handelsbeziehung mit Løbago unterhielt. Sie waren sich in Größe und Reichtum fast ebenbürtig. Manchmal, wenn die Monsterangriffe nicht ganz so schlimm waren, führten sie sogar Krieg miteinander.
»Das kam mir gleich bekannt vor«, sagte Norman. Ein winziger Hauch guter Laune kehrte in ihn zurück. »Ich hab von der Expedition gelesen. Das ist aus meinem Lieblingsbuch.«
»Was?« Lauchi strahlte. Stand ihm gar nicht schlecht. »Ist dein Lieblingsbuch etwa auch »Die Tagebücher der Gottfrieda von Græwenitzsch 1791-1797«?«
»Hä? Nein.« Norman kramte in seiner Kiste. Er zog ein dünnes Buch mit buntem Cover hervor. »Es ist das hier. »Der Schrecken der Gletscher – Blut und Eis«. Das beste Buch überhaupt!«
»Der Schrecken der Gletscher?« Lauchis Gesichtsausdruck wechselte von erfreut zu entsetzt, als er den Text auf dem Umschlag las. »Gottfriedas grässliche Abenteuer?« Das ist ja Schund! Und faktisch falsch noch dazu! Frau von Græwenitzsch war über vierzig, als sie ihre Expedition unternahm. Warum ist sie auf dem Titelbild höchstens zwanzig? Und warum ist sie so … umfangreich?«
»Umfangreich?« Norman schaute auf das Titelbild, auf dem Gottfriedas Bluse gerade von einem Eismonster zerrissen wurde.
»Ihre … Oberweite«, erklärte Lauchi. »Das ist … Das ist ja skandalös. Wie kann man aus ihrem Erbe so einen Schundroman machen?«
»Das ist mein Lieblingsbuch«, knurrte Norman und Lauchi wich mit weit aufgerissenen Augen zurück.
Wütend warf Norman das Buch auf das einzelne Regalbrett über seinem Bett. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass Gottfrieda so dicke Dinger hatte. Aber die Geschichte war saugeil. Dieser Schwächling hatte ja keine Ahnung!
Sie sprachen bis zum Abendessen nicht mehr miteinander.
6. Abendessen
Das Essen war so mies wie im Internat. Aber nicht so mies wie daheim bei Mutti während seiner Kindheit. Trotzdem konnte Norman sich nicht richtig über Dinkelgemüse und Ei freuen. Missmutig sah er zu, wie der Kantinenchef die Pampe auf seinen Teller klatschte. Er nahm ihn entgegen und schaute sich um.
Der Speisesaal war niedrig, breit und laut. Gelächter und Rufe hallten von den hohen Wänden wider. Ein Lärm wie in einer Kinderkrippe. Dabei waren die meisten Leute hier nicht nur erwachsen, sondern deutlich älter als zwanzig. Die Studenten waren nur ein kleiner Teil des Arkanen Instituts. Da waren noch die Beamten und die Generäle und die Hohen Magier und … Gunnar Krafft, der Größte, Schönste und Beste unter ihnen. Normans Atem stockte, als er ihn oben auf der Loge sitzen sah. Was Gunnar sich da in den Mund steckte, sah richtig lecker aus. Natürlich. Da oben hatten sie richtige Kellner und bekamen bestimmt jeden Tag Fleisch.
Leider gehörte Norman auf die andere Ebene. Die untere, auf die die hohen Tiere auf dem Podest hinuntersahen. Wenn sie sich denn dazu herabließen. Hier unten waberte der Geruch nach altem Fett und verkochtem Gemüse durch die feuchte Luft. Er zwängte sich zwischen ein paar Studenten vorbei, die an den nietenverzierten Metalltischen saßen und Futter in sich reinschaufelten. Die Holzdielen knarrten unter seinen Stiefeln.
Er war zu spät losgegangen, nachdem sie die Glocke geläutet hatten. Die Essensglocke. Fast wäre er einfach im Bett liegengeblieben. Er wollte nicht in den Saal. Nicht, nachdem er sich vor allen lächerlich gemacht hatte. Aber er hatte Hunger. Das motivierte ihn, wie immer … Ah, da waren sie.
Tore und Brenna saßen an einem Tisch mit anderen Magieschülern. Brenna warf Tore gerade ein Stück Möhre in den Ausschnitt seiner Anwärteruniform. Ihre kräftigen Zähne blitzten, als sie loslachte. Norman seufzte. Er wollte ihnen nicht mal in die Augen schauen. Die beiden hatten es geschafft und er … war ein verdammter Katalysator geworden. Falls sich das nicht doch noch als Versehen herausstellte. Vielleicht würde morgen bei Unterrichtsbeginn ja herauskommen, dass das ein blöder Irrtum gewesen war.
»Hey«, sagte er und zwang sich zu einem Lächeln. »Wie geht’s?«
Die beiden drehten sich zu ihm um. Norman stellte sein Tablett ab und setzte sich auf den leeren Platz neben Tore.
»Wie sind eure Zimmer?«, fragte Norman. »Meins ist ein Schuhkarton.«
Er steckte sich einen Löffel Gemüse in den Mund. Die beiden schwiegen. Hä? Er schaute sie an. Kurz hielten sie seinem Blick stand, dann sahen sie auf die Tischplatte. Und sie aßen nicht. Es wurde ruhig in der Runde.
»Mein Zimmer ist in Ordnung«, erzählte Brenna der Tischplatte. »Ich teil das mit einem Mädel aus Agøln. Äh.«
Tore räusperte sich.
»Das ist der Motorentisch, Norman«, murmelte er.
Was? Norman blickte in die anderen Gesichter. Die alle zurückstarrten. Richtig, das waren all die Typen und Mädels, die goldgelb geleuchtet hatten. Ganz hinten saß Lauchi und schaute trübselig.
»Was?«, fragte Norman. Ein banges Gefühl brachte seinen Magen zum Sinken. »Es gibt einen Motorentisch? Was ist das denn für ein Scheiß? Früher haben wir auch alle zusammengesessen.«
»Das war früher.« Brenna räusperte sich. »Jetzt sind wir Magieschüler. Tut mir leid.«
Immer noch sahen die beiden ihn nicht an. Die anderen Studenten dafür umso mehr.
»Ihr blöden Arschlöcher.« Norman starrte sie an. Dann stand er auf, dass sein Stuhl umfiel und zu Boden krachte. »Ihr arroganten, eingebildeten Drecksäcke! Heute Morgen habt ihr noch so getan, als wärt ihr meine Freunde!«
Sie antworteten nicht. Norman wollte mehr sagen. Doch ein Blick auf die Loge zeigte ihm, dass er erneut die Aufmerksamkeit der Direktoren auf sich gezogen hatte. Und die von Gunnar. Alle beobachteten ihn. Der Direktor hatte schon eine Hand erhoben, als wollte er Norman gleich wieder zu Boden schleudern.
Norman schluckte. Er hatte wirklich geglaubt, er sei am Tiefpunkt angelangt. Aber aufzustehen und sich einen neuen Platz zu suchen, war noch schlimmer. Er fühlte sich, als hätte er Blei geschluckt.
Sein Blick schweifte im Saal umher. Ah, da waren die Katalysatoren. Gudrun Lovell und die anderen. Die starrten ihn auch an. Dann senkten sie schnell den Blick. Da gehörte er also hin, ja?
Nein, dachte Norman.
Er setzte sich an den nächstbesten freien Platz und begann, grimmig die Mahlzeit in sich hineinzuschaufeln. Der Lärmpegel schwoll wieder an. Immer, wenn er aufsah, schaute irgendjemand hastig weg. Er blickte in hämisch verzogene Gesichter. Schon am ersten Abend war er das Gespött des Arkanen Instituts. Fantastisch.
Und das Essen war pampig.
Er schlang alles herunter und trottete zurück auf den Dachboden. Nachdem er sich im Bad frisch gemacht hatte, legte er sich ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf.
Morgen geht’s los, dachte er. Ich hab mich so darauf gefreut und jetzt … würde ich am liebsten abhauen.
Vielleicht konnte er das. Alles hinschmeißen und untertauchen. Das würde als Desertieren gelten und ihm ein paar Jahre Knast einbringen, wenn man ihn erwischte. Falls man ihn erwischte. Aber er war einfach nicht der Typ, der aufgab. Steinschwer und trübsinnig schlief er ein. Die drei Gunnar-Krafft-Poster an der Wand starrten auf ihn nieder.
Nachts wachte er einmal auf und hörte leises Schluchzen. Lauchi. Zum Hades, was war der Kerl für ein Schwächling? Der würde keinen einzigen Eismonsterangriff überstehen, wenn er so weitermachte. Norman erinnerte sich zehnmal daran, dass Mitleid Lauchi auch nicht helfen würde, und döste wieder ein.
7. Fühlen
»Nun setzen wir uns alle in einen Kreis«, sagte die Alte, selig lächelnd. »Und dann lernen wir uns erst einmal kennen.«
Norman stöhnte vernehmlich. Die anderen siebzehn Studenten sahen ihn ängstlich an. Die hatten sich alle brav gesetzt, wie Kleinkinder. Er knurrte leise und ließ sich ebenfalls auf die Holzdielen plumpsen. So heftig, dass feiner Staub von der Decke in seinen Nacken rieselte. Die Alte lachte gütig. Er hasste sie. So sehr.
Sie faltete die Hände und senkte die Lider. Gute Entscheidung, es gab hier eh nicht viel zu sehen. Sie befanden sich im achten Stock, in einem leeren Raum, in dem nichts war. Absolut nichts. Boden, Fenster, Wände, Decke, Idioten. Das war alles. Norman verschränkte die Arme.
»Schließt die Augen«, säuselte die Alte. »Spürt ihr die Energie?«
Schweigen. Norman schloss die Augen und spürte, dass er zuviel gefrühstückt hatte.
»Ne«, sagte er. »Und meinen Sie nicht Magie?«
Verdammt, wenn die Alte noch einmal so überheblich lachte … Er seufzte.
»Mein bockiges Schäfchen, du hast natürlich recht. In der Atmosphäre befindet sich Magie. Hier ist nicht viel davon, aber das ist für unseren kleinen Kreis ganz richtig. Wir wollen euch nicht überladen.«
»Überladen?« Norman öffnete ein Auge. »Man kann sich mit Magie überladen?«
Schon wieder sahen ihn alle ungläubig an.
»Natürlich kann man das.« Gudrun Lovell schüttelte den Kopf, dass ihre dunklen Haare flogen. »Das ist sehr gefährlich. Hast du in den Vorbereitungskursen überhaupt nicht aufgepasst?«




