Buchreihe:Respekt - Wirtschaft -

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„Arbeitnehmer haben das Recht auf Entschädigung für den Verdienstausfall, wenn sie aufgrund einer behördlichen Quarantäneanordnung nicht arbeiten können. Nicht abgedeckt ist dagegen eine Betriebsschließung“, sagt Markus Fischer, Sprecher des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe. „Wir müssen hier genau prüfen: Wann kam die Betriebsschließung, wann die Quarantäne?“
Sollten die rechtlichen Voraussetzungen für eine Entschädigung erfüllt sein, werden die Betriebe wohl das Geld bekommen, sofern sie darauf bestehen. Gesetz ist Gesetz.19
Und weil Gesetz Gesetz ist, ist die Äußerung von NRW-Gesundheitsminister Laumann, „Sie können sicher sein, dass die Behörden in Nordrhein-Westfalen freiwillig keinen Cent an Tönnies bezahlen werden“, allerhöchstens eine interessante persönliche Meinung des Ministers. Nobel, aber wirkungslos, denn die Turbokapitalisten wie Tönnies lassen sich sicher nicht von einem Landesminister ins Bockshorn jagen. Sie werden klagen und haben genügend Geld, um zu ihrem Recht zu kommen.
Wird wahrscheinlich wegen Geringfügigkeit eingestellt
Nun, mit dieser wohl gesetzlich verankerten Forderung hat Tönnies in einer Zeit, in der die Welt durch einen kleinen Virus in Angst und Schrecken versetzt wurde, vielleicht den kapitalistischen Bogen überspannt.
Auf Basis von rund 50 Strafanzeigen, die bei der zuständigen Staatsanwaltschaft eingingen, wird inzwischen gegen Herrn Tönnies ermittelt. Einer der Vorwürfe: fahrlässige Körperverletzung. Mit immerhin fünf Beamten ermittelt die Polizei in einer Ermittlungskommission mit dem Namen ,Carne (Fleisch)‘ nun gegen die Geschäftsleitung der Firma Tönnies.
Was dabei herauskommt, bleibt abzuwarten und es wird sicher sehr lange dauern, bis – so meine persönliche Vermutung – das Verfahren wegen Geringfügigkeit oder aus einem anderen lächerlichen Grund eingestellt wird. Aber so läuft das nun mal im Kapitalismuscasino. Wünschenswert wäre, wenn alle Richter so wie Roland Zickler im Cum-Ex-Betrugsfall urteilen würden: Es war kriminell von Anfang an.
Die verzerrte Fratze der Profitgier, des Gewinns und noch mehr Kohle um jeden Preis leuchtet also rund um das Wort Tönnies, wenn man genauer hinschaut. Aber nicht nur durch Ausbeutung der Arbeiter fallen Tönnies und Konsorten auf. Sie sind auch für einen respektlosen, perversen Umgang mit Tieren verantwortlich. Diese Tierwohlverbrecher behandeln Tiere, als ob es Rohstoffe sind.
Ich erlaube mir, sie als Tierwohlverbrecher zu bezeichnen, weil sie meiner Ansicht nach ganz klar gegen § 90a des Bürgerlichen GesetzBuchs Deutschland verstoßen. Dort heißt es eindeutig: „Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt.“ Zu sehen und zu hören ist von diesen besonderen Gesetzen nichts.
Stattdessen aasen diese Tierwohlverbrecher lustig weiter und benutzen nicht nur die Tiere, die sie schlachten, sondern auch die Arbeitstiere Mensch munter weiter aus und gerieren sich als moderne Sklavenhalter. Alles unter der Aufsicht einer Regierung, die als Staatsziel den Schutz von Tieren und der Umwelt hat.
Darum geht es mir
In dieser Einleitung zum Thema hast du nun gelesen, wie ungleich Vermögen in Deutschland verteilt ist. Das ist eine Auswirkung des Systems, in dem wir leben. Die sogenannte „soziale Marktwirtschaft“, in der wir angeblich leben, ist bei weitem nicht so sozial, wie man annehmen könnte. Auch bei uns scheißt der Teufel immer auf die größten Haufen. Die Reichen werden immer reicher, die Armen ärmer.
50 % der Bevölkerung haben gar nichts. 10 % der Bevölkerung besitzen zwei Drittel von allem. Das geht, weil unsere Gesetze immer weiter den freien und ungezügelten Kapitalismus ermöglichen. Eine Regel nach der anderen wird abgebaut, immer mehr wird privatisiert und das große Kapital schafft es immer umfangreicher, die Politik zu beeinflussen.
Als gutes und aktuelles Beispiel ist der Tönnies-Fleischkonzern zu nennen, der nicht nur die Gesetze ausnutzt, was ihm auch zusteht, sondern auch mit den Leben seiner unterbezahlten Mitarbeiter, beziehungsweise Leiharbeiter, spielt, um den unstillbaren Durst nach Geld und Gewinnen zu stillen. Mit kaum nachvollziehbare Unmenschlichkeit und einer grandiosen Respektlosigkeit gegenüber Menschen und auch gegenüber dem Tierwohl, katapultiert sich Tönnies, sein Management und seine Investoren, an die Spitze der Besitzenden in Deutschland.
Weit weg von den unteren 50 %, die keine Change haben. Und die, die keine Chance haben, müssen hilflos mitansehen, wie ein ehemaliger Bundesminister sich als Erfüllungsgehilfe an den Konzern verdingt und der Meinung ist, dass 10.000 Euro im Monat, für ein paar Tage Beratung, nicht viel sind. #Pfui Teufel
Es geht um unser Wirtschaftssystem
In diesem Respektbuch geht es um unser Wirtschaftssystem. Es geht um dich und mich und warum die einen es schaffen und die anderen nicht. Es geht um die Politik, die es möglich macht. Es geht um Auswüchse des Turbokapitalismus, von denen du keine Ahnung hattest. Du wirst ungeheuerliche Dinge lesen und dich immer wieder fragen, ob das alles wahr ist, ob das alles wahr sein kann. Es ist wahr und du kannst alles, was ich hier schreibe, nachschlagen und selbst überprüfen.
Mit diesem Wissen wirst auch du ganz sicher meiner Meinung sein, dass wir einen neuen Wertekompass brauchen und dass wir diesen einsetzen und umsetzen müssen. Sonst wird es immer lustig so weitergehen und die Quote der Menschen, die nichts haben und die auch keine Chance haben, wird immer größer. Das ist nicht gut! Auch wenn du selbst über genug Geld und Vermögen verfügst und den freien Kapitalismus gut findest, musst du dir bewusst werden, dass zu viele ausgegrenzte Menschen, die Tag für Tag gefühlt ums Überleben kämpfen, nicht gut für unsere Gesellschaft sind.
Unzufriedene Menschen, Menschen, die schlecht bezahlt werden, die sich ausgenutzt und übervorteilt fühlen, fungierten schon einmal als Brandbeschleuniger in einem der verheerendsten Flächenbrände des 20. Jahrhunderts, dem Zweiten Weltkrieg mit über 60 Millionen Toten!
Die Nazis nutzten genau diese Unzufriedenheit, um den Zweiten Weltkrieg zu entfachen. Die Nazis schafften es den Menschen Hoffnung zu geben und so aufzuhetzen, dass 6 Millionen Menschenleben in den Konzentrationslagern von willfähigen Helfern auf Befehl sadistischer Psychos ausgelöscht wurden, 60 Millionen Menschen getötet wurden und eine ähnlich hoch geschätzte Zahl verletzt, verkrüppelt und kriegsversehrt wurden. Vom Hunger und dem psychischen Leid ganz zu schweigen.
Wir müssen uns neu orientieren
Wir stehen am Anfang eines solchen potenziellen Flächenbrands in Deutschland und generell in Europa, wo es heute schon rechten Populisten gelungen ist, die Parlamente zu betreten. Von hier aus sind es nur noch wenige Schritte bis sie die Parlamente erobern. Das ist eine der potenziellen Auswirkungen der Kluft zwischen denen, die immer mehr haben und denen, die nichts haben.
Am 29.08.2020 gelang es Neonazis auf den Stufen vor dem Eingang zum deutschen Parlament die deutsche Reichskriegsflagge zu schwenken. Einigen Dutzend rechtsradikaler Wirrköpfe war es gelungen die Absperrungen rund um den Bundestag zu durchdringen. Nur drei Polizeibeamte in Schutzausrüstung standen zwischen ihnen und dem Parlament. Es war zwar nur ein symbolischer ,Sieg‘ der Rechten, aber der größte Übergriff seit dem Zweiten Weltkrieg.
Das konnte geschehen, weil die Politik sich zu lange im warmen Wasser der Lobbyisten und in den Seen der Finanzkonzerne geaalt hatte und statt dafür zu sorgen, dass weniger Menschen abgehängt wurden, lieber mehr Geld für die Reichen druckte. Solange Menschen durch den Turbokapitalismus respektlos ausgebeutet werden und die Ungleichheit größer wird, solange werden die, die nicht ins Casino können, dem rechten Mob zugetrieben.
Studien aus den USA, die gleich nach der Wahl von 2020 erstellt wurden, kamen zu genau diesem Ergebnis.20 Sehr zur Verwunderung punktete Joe Biden nämlich nicht bei den Arbeitern, sondern die Intellektuellen, die Besserverdiener, die Unternehmer und die Vermögenden wählten ihn. Einen Sozialdemokraten!
Die „Abgehängten“, eigentlich die Zielgruppe der Sozialdemokraten, wählen mit großer Begeisterung den Polterer, den lügenden und Frauen verachtenden Donald Trump. Das ist ein lauter Warnschrei für unsere Demokratie. Ein fatales Zeichen, dass sich die Geschichte wiederholen könnte und die Menschen sich – wieder einmal – nach einem starken Mann sehen.
Wenn die Politik nicht endlich einen neuen Wertekompass zuhilfe nimmt, die Spaltung noch größer wird und die Natur noch mehr verbraucht wird, wird es wieder zum Brand des Reichstagsgebäudes kommen und menschenverachtende Arschlöcher werden die Macht übernehmen.
Die Finanzkapitalisten, diejenigen, die ursächlich dafür verantwortlich sind, werden das zu nutzen wissen und sich anbiedern, so wie sie es auch unter Hitler getan haben. Wenn Deutschland und möglicherweise Europa dann, nach einem weiteren verheerenden Krieg, wieder aufgebaut werden muss, wenn du und deine Familie nichts mehr zu essen haben und in Zelten hausen müssen, dann werden die gleichen Turbokapitalisten beim Aufbau wieder Geld verdienen, weil ihnen so etwas wie Respekt vor Menschen, dem Tierwohl und der Natur schlicht und einfach fehlt. Für sie gibt es nur einen Leitstern: Profit, koste es was es wolle!
Im nächsten Abschnitt geht es mehr in die Tiefe; um das, was täglich geschieht und so normal ist, dass es gar nicht mehr infrage gestellt wird. Du wirst von einigen Ungeheuerlichkeiten des kapitalistischen Wildwuchses erfahren. Aber obwohl ich hier scheinbar den Kapitalismus verdamme und als schlechtes System darstelle, will ich ausdrücklich drauf hinweisen, dass ich nur den ungezügelten, den Turbokapitalismus, den Casinokapitalimus und den Raubtierkapitalismus anprangere.
Kapitalismus mit Herz
Ich werbe ausdrücklich für einen Kapitalismus mit Herz, dem der Respekt vor Menschen, dem Respekt vor dem Tierwohl und der Respekt vor der Natur als höchstes Gut gilt. Alles, was in diesem Kapitalismus mit Herz geschieht, soll durch den Respektfilter beurteilt werden und dann erst als Gesetz verabschiedet werden. Dann klappt’s auch mit dem Kapitalismus.
In welchem Kapitalismus wollen wir leben?
Der Kapitalismus ist die beste Wirtschaftsform, die wir kennen. Sozialismus und Kommunismus sind Rohrkrepierer und führen zu Ungleichheit, Verarmung und Diktatur, trotz der intuitiv guten Idee.
Aber der von uns gelebte Raubtierkapitalismus führt zu dem gleichen Ergebnis und deshalb brauchen wir einen anderen Kapitalismus. Einen Kapitalismus mit Herz.
Kurt arbeitet bei einer Zeitarbeitsfirma. Diese verleiht ihn –also seine Arbeitsleistung – an eine Firma, die logistische Arbeiten erledigt. Natürlich gegen eine entsprechende Gebühr. Deren Auftraggeber ist eine IT-Firma. Diese Firma betreut unter anderen einen ganz großen Kunden: die Bundeswehr.
Der leider kürzlich verstorbene David Graeber lässt in seinem Buch „Bullshit Jobs“ Kurt zu Wort kommen: „Die Bundeswehr vergibt Aufträge an private Firmen, die die EDV betreuen sollen. Einer dieser Auftragnehmer, beauftragt dazu eine weitere Firma, diese Aufträge zu erledigen. Diese Firma, also der Unter-unter-Auftragnehmer, beauftragt seinerseits wieder eine Zeitarbeitsfirma, bei der ich beschäftigt bin.“21
Jetzt weißt du, wie es dazu kommt, dass Kurt sich um die EDV bei der Bundeswehr kümmert.
Im Lichte dessen kannst du gerne einmal darüber nachdenken, wie es kommen kann, dass der Spiegel folgende Überschrift wählte: „Verteidigungsministerium vergab rechtswidrig millionenschwere Verträge mit Beratern.“22 Der Spiegel Text beginnt so: „Auf Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) kommt eine unangenehme Affäre um die von ihr für viele Millionen Euro engagierten externen Unternehmensberater zu: Nach SPIEGEL-Informationen hat der Bundesrechnungshof (BRH) in einem Einzelfall aufgedeckt, dass das Verteidigungsministerium Aufträge für externe Unternehmensberater für das neu eingerichtete Cyber-Kommando regelwidrig vergeben hat. Konkret geht es zunächst um acht Millionen Euro.“
Es hätte schlimmer kommen können
Nun, das ist unangenehm, aber so what. Es passiert ja nichts. Frau von der Leyen konnte ja später als Präsidentin der Europäischen Kommission vereidigt werden und wen interessieren da noch die Beraterverträge, die ihr Ministerium abgeschlossen hat? Immerhin müssen die beauftragten Firmen ja Gewinne machen und die, die sie beauftragen auch und die Unterfirmen, die diese dann wieder beauftragen, auch wieder. Alle wollen ja von irgendwas leben. Auch Kurt. Denn der erledigt ja die Arbeit.
Gut, wir wissen nicht genau, was Kurt verdient, aber wir wissen, dass die Aufträge zumindest für den ersten Auftragnehmer innerhalb dieses Skandals, den der Bundesrechnungshof beanstandete, bei 900 - 1.700 Euro lagen. Pro Tag!
Wenn Kurt also 5 Tage die Woche arbeitet, wovon wir ausgehen müssen, denn auch die An- und Abreise gilt als Arbeitszeit, dann sind das im Monat 20 Tage multipliziert mit, sagen wir nur 1.250 Euro, doch ganz ordentliche 25.000 Euro im Monat brutto. Nicht schlecht Herr Specht.
Dafür würdest du sicher auch sofort anfangen, oder nicht? Aber was genau müsstest du dafür machen?
Eine erfüllende Tätigkeit
Kurt beschreibt es in Graebers Buch ungefähr so: „Sagen wir mal, ein Soldat soll in ein anderes Büro, zwei Zimmer weiter, umziehen. Natürlich kann er nicht einfach den Computer ausstöpseln, in das neue Büro gehen und ihn dort wieder einstöpseln. Er muss erst einmal einen Antrag stellen.
Dieser geht dann an den IT-Dienstleister, wo Sachbearbeiter ihn lesen und bearbeiten. Dann wird der Antrag vom IT-Dienstleister genehmigt an deren Unter-Auftragnehmer geleitet. Dort wird er wieder bearbeitet, genehmigt und dann an die Zeitarbeitsfirma weiter geleitet.“
Die gibt den Auftrag dann an Kurt weiter. Kurt erhält den Auftrag per E-Mail, die anzeigt, wann er wo sein muss, um den PC-Umzug zu organisieren. Kurt ist natürlich nicht zwangsläufig vor Ort, immerhin betreut er Kasernen im Umkreis von bis zu 400 Kilometer. Nachdem also ein solcher Auftrag bei ihm angekommen ist, nimmt er sich einen Mietwagen und fährt zur betreffenden Kaserne.
Dort beginnt jetzt seine wichtige Aufgabe, die er wie folgt beschreibt: „Ich melde mich bei der Firma und sage, dass ich da bin. Dazu fülle ich ein entsprechendes Formular aus. Nun kann ich den Computer aus stöpseln, in einer Kiste stecken und diese Kiste versiegeln. Dann nimmt ein Kollege, der für die Logistik zuständig ist, die versiegelte Kiste. Er transportiert – also trägt – sie in das neue Büro, welches zwei Zimmer weiter ist. Dort übernehme ich die Kiste, fülle ein Formular aus und schließe den Computer wieder an. Nachdem ich ein paar Unterschriften bekommen habe, melde ich mich bei meiner Firma und bestätige die Erledigung des Auftrages. Dann fahre ich wieder nach Hause und sende alle Unterlagen zur Firma.“
Kurt beschreibt zusammenfassend: „Anstelle, dass der Soldat selbst den Computer fünf Meter weiter getragen hat, sind wir mit zwei Mann zusammen sechs bis zehn Stunden gefahren, haben ca. 15 Seiten Formulare ausgefüllt und das alles kostete den Steuerzahler rund 400 Euro.“
Was sind Bullshit-Jobs
Graeber hatte für sein Buch Umfragen durchgeführt, um sogenannte Bullshit Jobs zu identifizieren. Kurt war einer von vielen, die sich gemeldet hatten. Warum hat er das getan? Wer beschwert sich denn, wenn er 25.000 Euro im Monat verdient?
Nun, das Problem ist natürlich, dass Kurt keine 25.000 Euro im Monat erhält, denn die verschiedenen Firmen, der Auftragnehmer und die Unterauftragnehmer, wollen ja auch einen Anteil und der ist sicher nicht zu knapp bemessen. Vielleicht bleiben Kurt 4.000 – 6.000 Euro brutto im Monat. Das ist zwar nicht schlecht, aber doch so unbefriedigend, dass er sich unwohl fühlte. Unwohl wegen des Jobs an sich, der eine Farce ist und vermutlich unwohl, dass der Staat unnötig und sinnlos Geld ausgeben muss.
Kurt ist am Ende der Nahrungskette. Die ersten Auftragnehmer verdienen kräftig. Viele Hundert Millionen hat das Bundesverteidigungsministerium den Damen und Herren Beratern zukommen lassen. Gleich so viel und so offensichtlich, dass eben der Bundesrechnungshof eingeschritten ist. Passiert ist den Verantwortlichen scheinbar nichts, denn wie gesagt, die Verteidigungsministerin ist nur die Chefin der EU.
Damit sich der Kapitalismus besser entfalten kann
Das ist natürlich nur ein Beispiel, wie unsere soziale Marktwirtschaft funktioniert. Tatsächlich ist es aber eine kapitalistische Marktwirtschaft, die immer noch zu stark reguliert ist, sagen die Freien Demokraten (FDP) und bis zu einem gewissen Maße auch die Christdemokraten (CDU & CSU). Selbst die ursprüngliche Arbeiterpartei, die Sozialdemokraten (SPD), sind immer wieder dafür die Zügel zu lockern, damit der Kapitalismus sich besser entfalten kann.
Sie alle fallen leicht den Turbokapitalisten zum Opfer und diese halten sich den Bauch vor Lachen, denn leichter kann man doch gar kein Geld verdienen. Man nehme bis zu 1.700 Euro pro Tag für Kurt und gibt diesem vielleicht 200 – 400 Euro davon ab. Oder auch mal 650 Euro. Man will vielleicht gar nicht so sein. Es bleibt genug übrig. Das ist die sogenannte Marge, der Gewinn. Der ist üppig, und zwar nur, weil die Politik es so organisiert hat. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Soziale Marktwirtschaft
In diesem Kapitel geht es jedoch nicht um Kurt oder die ehemalige Bundesverteidigungsministerin, sondern um die Wirtschaftsordnung, in der wir leben. Eine Wirtschaftsordnung, die wir als soziale Marktwirtschaft kennen und die, trotz der Vorsilbe ,sozial‘, zu massiver Ungleichheit führt. Bullshit-Jobs belasten nicht nur die Seele derjenigen, die sie leisten müssen, sondern fördern auch eine wachsende Unzufriedenheit bei den Betroffenen. Immerhin müssen sie solche Jobs erledigen, damit sie ein Einkommen erhalten, von dem sie leben müssen.
Das ist kein erfüllendes Leben, aber nur ein kleiner Teil des Problems. Der andere Teil des generellen Problems ist der Wert des Menschen selbst, der irgendwie doch durch die Höhe der Bezahlung bestimmt wird. Wer mehr verdient ist angesehener und verdient eben mehr. Er oder sie ist dadurch mehr ,wert‘.
Was ist also ein Leben wert?
Was ist ein Mensch wert? Das ist die wohl schwierigste Frage, die ich in diesem Buch stellen kann. Wahrscheinlich brauche ich noch ein paar Bücher, um der Antwort auch nur näherzukommen, deshalb lassen wir das lieber.
Aber ganz geht das auch nicht, denn immerhin bewerten uns die meisten Menschen nach dem, was wir verdienen und was wir besitzen. Wir sind nur jemand, wenn wir entsprechend viel Geld haben. Ausgedrückt durch dicke Autos, teuren Schmuck, eine Villa oder ausgedehnte Luxusurlaube. Es ist also wichtig und ich habe tatsächlich ein paar Quellen gefunden, die uns weiterhelfen.
Als erste Quelle rufe ich die Antworten des spezialisierten Anwalts Ken Feinberg auf. Er nahm in einem Interview der Zeitschrift „Capital“ Stellung, in dem er unter anderem zu den Schadenersatzbeträgen für die Hinterbliebenen der Terroranschläge auf das Worldtrade Center befragt wurde.23
Beträge zwischen 250.000 Dollar und 7 Mio. Dollar
Capital: Aus dem Fonds zum 11. September wurden Beträge zwischen 250.000 Dollar und 7 Mio. Dollar gezahlt. Die Mutter eines getöteten Hilfskellners bekam einen Bruchteil der Summe, die Sie an Frau und Kinder eines Bankers überwiesen haben. Viele hat das empört.
Feinberg: Ich musste den Hinterbliebenen erklären, dass die Summe davon abhängt, wie viel das Opfer in seinem Arbeitsleben verdient hätte. Für einen Börsenmakler, Banker, Wirtschaftsprüfer oder einen Anwalt waren es vielleicht 5 Mio. Dollar, aber nicht für einen Hilfskellner, Feuerwehrmann oder Polizisten. Den Wert eines Lebens zu berechnen ist nicht schwierig. Das passiert jeden Tag in jedem Gericht in jeder Stadt Amerikas. Es ist eine kalte Kalkulation. Der schwierige Teil besteht darin, mit den Gefühlen umzugehen. Sie müssen jemandem, der einen geliebten Menschen verloren hat, erklären, wie es zu diesen Unterschieden bei der Entschädigung kommt. Das löst garantiert Frustrationen aus.
Capital: Und waren die Menschen am Ende zufriedengestellt?
Feinberg: Niemand war zufrieden, egal ob er 250.000 oder 5 Mio. Dollar bekommen hat. Geld ist ein ziemlich schlechter Ersatz für Glück. Viele haben zu mir gesagt: „Mr. Feinberg, behalten Sie das Geld. Bringen Sie mir meine Frau zurück. Bringen Sie mir meinen Mann aus dem World Trade Center zurück.“
Capital: Aber am Ende haben sie den Scheck angenommen.
Feinberg: 97 Prozent aller Familien haben das Angebot angenommen, 5.300 Menschen. Sie haben das Risiko einer Klage abgewogen, die Kosten und die emotionale Belastung und entschieden, dass es besser ist, innerhalb von 90 Tagen das Geld von mir zu erhalten. Besser für sie selbst, die Familie, alle.
Den Wert eines Lebens zu berechnen
Da hast du es. „Den Wert eines Lebens zu berechnen ist nicht schwierig. Das passiert jeden Tag in jedem Gericht in jeder Stadt Amerikas. Es ist eine kalte Kalkulation. Der schwierige Teil besteht darin, mit den Gefühlen umzugehen.“
Es geht also beim Wert eines Menschenlebens darum, die Gefühle zu beherrschen. So einfach macht es sich der Raubtierkapitalismus. Der emotionale Schmerz eines Vaters, der seinen Bankersohn verloren hat, ist größer und damit wertvoller als der einer Supermarktkassiererin, die ihr Kind oder ihren Mann verloren hat.
Ein zweiter Ansatz, den ich gefunden habe, ist zwar noch abscheulicher, aber dafür wird nicht zwischen Banker und Supermarktkassiererin differenziert und alle Menschen werden gleich behandelt. Wir schauen dazu einfach auf den Materialwert unseres Körpers.
Der Materialwert unseres Körpers
Dazu gibt es auch verschiedene Zahlen. Das Vice-Magazin hat recherchiert, dass unser Körper einen Materialwert von ca. 1.500 Euro hat. Das teuerste ist der Kohlenstoff, schreiben sie, denn für Kohlenstoff muss man wohl bis zu 1.000 Euro für 15 Kilo hinlegen.24
Teurer wird es, wenn wir uns die Reparatur und Instandsetzungskosten anschauen. Vice berichtet von einem Report, der aufgedeckt hat, dass drei Männer in einem moldawischen Dorf ihre Nieren für 1.800 Dollar verkauft hätten. Für dringend benötigte Organe, die nur illegal zu beschaffen sind, werden laut verschiedenen Quellen auch schon mal über 100.000 Euro bezahlt. Wer sich’s leisten kann …
Der brutale ungezügelte Kapitalismus macht es möglich. Für alles gibt es einen Markt und der Markt bestimmt den Preis. So einfach ist das.
Bevor du allerdings jetzt darüber nachdenkst, welche Teile deines Körpers, welche Organe du für wie viel verkaufen kannst, bedenke, dass es ein paar gibt, die du selber brauchst und vergiss auch nicht das nötige Marketing. Du musst natürlich gutes Marketing betreiben, damit du einen guten Preis erhältst. Der Preis wird nämlich durch Angebot und Nachfrage bestimmt und dadurch, wenn du einen kennst, der wieder einen kennt. Wenn du also an einen Händler verkaufst, der an einen Händler verkauft, der an einen internationalen Händler verkauft, dann bist du der Kurt in diesem Beispiel und dir selbst bleibt nicht so viel.
Aber es gibt noch eine weitere Hürde. Organe zu verkaufen ist illegal. Das ist eine der Grenzen, die der ungezügelte Kapitalismus, zumindest in den allermeisten Gesellschaften, noch nicht überwunden hat.
Natürlich trieft der vorstehende Absatz vor schwarzem Humor und Satire. Aber ist die Betrachtung so falsch? Warum gibt es die großen Unterschiede auf der Welt?
Das Durchschnittseinkommen
Die Webseite „Statista“ zeigt ein Durchschnittseinkommen von 23.663 Euro für Deutschland für das Jahr 2019 auf.25 Das ist das Nettoeinkommen für Ledige. Also 2.000 Euro im Monat. Weit entfernt von den 25.000, den die Auftragnehmer der Bundeswehr bekommen. Natürlich sind die 25.000 erst einmal brutto und davon müssen noch Steuern gezahlt werden. Moment. Steuern?



