Buchreihe:Respekt - Wirtschaft -

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Da gibt es doch jede Menge Möglichkeiten für Unternehmer Steuern zu sparen. Nicht für dich und andere Arbeitnehmer, aber für große Unternehmen durchaus. Steueroasen locken ja mit Supersonderangeboten, gleich um die Ecke in Europa. Aber das ist wieder ein anderes Thema.
Also 2.000 Euro im Monat. Frage: Wie lange muss ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten, um so viel zu verdienen wie der reichste Mann der Welt? Nehmen wir Jeff Bezos von Amazon. Laut der Forbes Liste – im Sommer 2020 – besitzt er nur noch ca. 120 Milliarden. Er musste seiner Ex-Frau ein paar Milliarden abgeben, deshalb geht es ihm nicht ganz so gut. Aber immerhin, 120 Milliarden sind auch kein Pappenstiel. 120 Milliarden durch 2.000, drei hin, zwei im Sinn und voilà das macht 60 Millionen Monate. Das nochmal durch 12, damit wir die Jahre berechnen können, wieder drei hin, zwei im Sinn, und wir kommen auf schlappe 5 Millionen Jahre.
5 Millionen Jahre
Also, wenn du 5 Millionen Jahre arbeitest, dann hast du auch so viel Geld wie Jeff Bezos. Natürlich schwankt sein Vermögen ständig, denn es hängt vom Börsenwert ab und natürlich müsste er auch Steuern zahlen und natürlich wird er vielleicht in Zukunft wieder heiraten und durch eine zweite Scheidung eine finanzielle Schlappe hinnehmen, aber das wissen wir nicht. Was wir wissen, ist, dass alles in allem der Kapitalismus dich irgendwie doch nicht so fördert wie andere, obwohl dein Körper den gleichen materiellen Wert besitzt wie der von Jeff Bezos.
Es wird also Zeit, dass wir uns einmal näher mit dem System Kapitalismus beschäftigen, damit diese Ungleichheit erklärt werden kann.
Richtlinie ist der maximale Profit
Im Grunde ist es einfach, wenn die Richtlinie der maximale Profit ist. Wenn sich alles dem Profit unterordnet, dann sind Begriffe wie Menschenrechte, Würde des Menschen und Respekt bedeutungslos. Das macht es sehr einfach.
Leider ist das das Leitbild vieler Politiker, Unternehmer und vor allen Dingen großer Teile der Finanzelite. Die Vorstände großer Unternehmen, die Banker in den oberen Etagen der Bankpaläste denken nur an eins: den Profit!
Menschenrechte, Umweltschutz, Ausbeutung, ja selbst Gesetze stören doch nur. Mit gezieltem Lobbyismus lassen sich die auch ändern, sodass das Raubtier Kapitalismus jede Beute reißen kann, die schmeckt.
Kindern und Jugendliche können das nicht
„Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen“, sagte der FDP-Vorsitzende Lindner der „Bild am Sonntag“ und fügte hinzu: „Das ist eine Sache für Profis.“
Der Vorsitzende der deutschen FDP findet, dass Kindern und Jugendlichen der Raubtier-Instinkt fehlt. Sie sind noch nicht alt genug, um die Welt zu verstehen. Sie sollen erst einmal Ökonomie studieren, also lernen, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert, um zu verstehen, wie die Weltwirtschaft sich in den letzten Jahren verzahnt hat und wo die Grenzen des technisch machbaren sind. Sie kennen doch noch nicht die Idee von Unter-unter-unter-Firmen und wie man mit Lobbyismus Geld verdienen kann. Vorher denn auch?
Die Grenzen des Machbaren sind fließend
Nun, darauf kann man nur antworten, dass die Grenzen des Machbaren in der Wirtschaft jederzeit durch eine bessere Wirtschaftsordnung verschoben werden können. Zum Beispiel durch einen Kapitalismus mit Herz, für den ich mit diesem Respektbuch plädiere. Die globalen Zusammenhänge sind nichts anderes als Menschen-gemachte Systeme, die deswegen nicht gut sein müssen und zu denen es eine Menge Alternativen gibt.
Nichts in der Wirtschaft ist in Stein gemeißelt und selbst wenn, dann verfügen wir heute über genügend Technologie, um Steine auf verschiedene Arten zu zertrümmern und zu verkleinern. Mit dem technisch Sinnvollen können wir ganze Berge abtragen, zerkleinern und damit Häuser bauen, Straßen betonieren und Deiche aufstellen.
Letzteres wird auch immer dringender nötig, denn durch den rücksichtslosen Verbrauch der Umwelt und der Natur sind in den kommenden Jahren ganze Landstriche durch Überflutung bedroht. Warum? Weil die Turbokapitalisten, die radikalen Liberalen und Neoliberalen eine Wirtschaftsordnung fordern, in der die Märkte die Macht haben. Ein Wirtschaftssystem, in dem der Stärkere gewinnt.
Massive Indoktrination
Um die Perversion dieses Systems zu verstehen, bedarf es eines längeren Studiums und einiger Erfahrung oder zumindest massiver Indoktrination. Bevor die Kinder und Jugendlichen also ihrem Herzen folgen und ihrem Gefühl für gut und böse, sollen sie sich bitte noch ein bisschen dem Einfluss des Systems unterziehen. Sie sollen doch bitte ihren Verstand und ihren Intellekt erst einmal abschalten, bis unsere Schulen und Universitäten genügend Zeit hatten, ihnen einseitig die freie oder die sogenannte soziale Marktwirtschaft zu erläutern. Die ist alternativlos und das müssen die Kinder und Jugendlichen verstehen.
Die Geschichte der Menschheit ist voller Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen und der Kapitalismus ist das momentane Format, mit dem die Menschen in den meisten Länder dieser Welt konfrontiert sind. Das ist noch nicht lange so, denn noch vor ca. 30 Jahren herrschten in Osteuropa und in der Sowjetunion der Staatssozialismus vor. Der Staat regelte in diesem System die Wirtschaft. Ohne Erfolg, denn leider ist der Staat ein sehr schlechter Unternehmer.
Sozialismus und Kommunismus sind Rohrkrepierer
Der Sozialismus und noch viel schlimmer, der Kommunismus, sind definitiv nicht geeignet, eine Gesellschaft auf Dauer effizient und nachhaltig mit allen notwendigen Gütern zu versorgen und damit die ein glückliches, zufriedenes und gesundes Leben für alle zu ermöglichen. Seit ca. 1990 kann man das kommunistisch-sozialistische Experiment definitiv als gescheitert betrachten und ad acta legen.
Lediglich ein paar Diktatoren halten heutzutage noch daran fest und glauben immer noch an die eierlegende Wollmilchsau. Ein genauer Blick hinter die Fassaden des Sozialismus in Kuba, Nord Korea und Venezuela zeigt, dass es dort auch nur noch zulasten der Bevölkerung geht und die herrschende Elite sich nur mit Gewalt und mithilfe des korrupten Militärs an der Macht halten kann. In China ist es mit der Freiheit der Bevölkerung auch nicht so weit her und durch die Überwachung mit modernen Videoanalysen und Gesichtserkennung wird es auch nicht besser.
Kommunismus und Sozialismus kann man also getrost abhaken, so wie auch die Feudalherrschaft oder die Monarchie. Jedwede faschistische Diktatur sowieso.
Der Kapitalismus gewinnt!
Es bleibt also der Kapitalismus und der gewinnt. Das kann man genauso sagen und das ist auch gut so. Die Frage ist natürlich, welcher Kapitalismus? Das ist nämlich die Gretchenfrage.
Wenn du jetzt verwirrt bist, weil du dachtest, dass Kapitalismus gleich Kapitalismus ist, dann hast du wahrscheinlich noch nie darüber nachgedacht, warum der Kapitalismus sich in einigen Ländern mehr um arme und schwache Menschen kümmert, wie zum Beispiel in vielen europäischen Ländern, während in anderen, wie in den USA, Arme und Schwache sich weitestgehend selbst überlassen werden.
Kapitalismus ist nicht gleich Kapitalismus
Es gibt eben den unregulierten und wilden Kapitalismus und den etwas mehr eingeschränkten. Diesen eingezäumten Kapitalismus nutzen wir in Europa, wobei er in immer größerem Maße freigelassen wird und werden soll. Das ist das erklärte Ziel der FDP und auch der CDU/CSU.
Nicht ganz frei bis zum erlaubten Organhandel, aber doch sehr viel freier als bisher. In den vergangenen Jahren wurden schon viele Beschränkungen entsprechend aufgehoben, wobei die Lobbyisten der Banken und der Konzerne unermüdlich daran arbeiten, dass immer mehr möglich wird. Ganz anders in den USA, wo der Kapitalismus schon wesentlich intensiver tobt. Mit Erfolg, wie man sehen kann. Also mit Erfolg für die Elite und zum Nachteil der meisten.
Immerhin verdreifachte sich seit Mitte der 1970er-Jahre bis 2017 das sogenannte Bruttosozialprodukt, das BIP, in den USA. Das Bruttosozialprodukt ist ein archaisches Model, das gerne genutzt wird, um den Reichtum eines Landes darzustellen. Politiker und ganze Volkswirtschaften orientieren sich an diesem BIP.
Das Bruttosozialprodukt, das BIP
Das Bruttosozialprodukt ist die Gesamtmenge aller Waren und Dienstleistungen, die eine Volkswirtschaft, also ein Land produziert. Wenn das BIP steigt, dann spricht man von Wirtschaftswachstum. Wirtschaftswachstum soll gut sein. Alternativlos, so sagt man. Das muss gewährleistet werden. Das ist natürlich dummes Zeug, wie du in diesem Respektbuch sehen wirst, aber dazu später mehr.
Das Bruttosozialprodukt ist eine der seltsamsten Blüten des Casinoskapitalismus. Und das aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist die Zusammenstellung, was zum BIP beiträgt und was nicht, irgendwie willkürlich. Die Regeln werden von sogenannten Wirtschaftsfachleuten zusammengestellt, die natürlich irgendwelchen Interessen folgen und dafür sorgen, dass es der Industrie, der Wirtschaft und den Banken gut geht. Keiner beißt die Hand, die ihn füttert.
Diese Regeln besagen zum Beispiel auch, dass Mütter die Kinder umsonst erziehen müssen. Mütterliche Erziehung und Pflege bereichern das BIP nicht. Auch freiwillige Leistungen in Vereinen oder bei Verbänden, die freiwillige Arbeit bei den Tafeln und ähnlichen Organisationen bereichern das BIP nicht. Ein Krieg hingegen würde das BIP erhöhen, denn wenn Waffen produziert werden, dann sind das Waren, die eine Volkswirtschaft produziert und verkauft.
Alleine an diesem kurzem Beispiel erkennst du, dass das Bruttosozialprodukt und auch das Wort Wirtschaftswachstum schön klingen, aber irgendwie auch nur willkürlich berechnete Zahlen sind, die leicht verändert und manipuliert werden können.
Das BIP und die Inflation sind Augenwischerei
Genauso wie übrigens auch die sogenannte Inflation, die aus der Preisveränderung eines definierten Warenkorbs, der ihr zugrunde liegt, berechnet wird. Genau wie beim BIP kann der aber Produkte beinhalten, die mehr oder weniger stark im Preis steigen oder fallen und wird schon mal nach Bedarf angepasst. Dazu ein einfaches Beispiel: Wie hoch wäre die Inflation, also die Preissteigerung, in Deutschland wohl, wenn man die Mietsteigerung oder die Immobilienpreise mitberücksichtigen würde? Immer noch unter 2 % pro Jahr, wie die Politik angibt?
Aber auch hier sind es die Wirtschaftsfachleute, die diesen Warenkorb definieren und diese Wirtschaftsfachleute folgen natürlich irgendwelchen Interessen, oft genug den Interessen der Lobbyisten, die von der Industrie und den Banken bezahlt werden. Auch hier gilt, man beißt doch nicht in die Hand, die einen füttert. Schon gar nicht, wenn man selbst dadurch seinen eigenen Warenkorb mit ganz anderen Produkten füllen kann als der gemeine Bürger, der bei Discountern einkaufen muss, um über die Runden zu kommen.
Mariana Mazzucato leitet ihr Buch „Wie kommt der Wert in die Welt“ mit folgenden Zahlen zum Wirtschaftswachstum in den USA, gemessen am BIP, ein: „Zwischen 1975 und 2017 verdreifachte sich in den USA das reale Bruttosozialprodukt … von 5.49 Billionen auf 17.29 Billionen Dollar. In diesem Zeitraum stieg die Produktivität um etwa 60 Prozent. Der reale Stundenlohn der Mehrzahl der Amerikaner stagnierte jedoch von 1979 an, wenn er nicht gar sank.“
Das scheint ein Missverhältnis zu sein und deshalb kommt sie zu der Konklusion, dass eine winzige Elite nahezu alle Gewinne aus diesem Wirtschaftswachstum einstreicht. Sie schließt den ersten Absatz ihres empfehlenswerten Buchs mit der folgenden faszinierenden Frage ab: „Sollte das daran liegen, dass diese Elite aus besonders produktiven Mitgliedern der Gesellschaft besteht?“
Manche leisten Ungeheuerliches
Das scheint sehr unwahrscheinlich, auch wenn die Daten es nahelegen. Obwohl wir uns wieder in der gleichen Situation wiederfinden wie zuvor, in der der normal Arbeitende ca. 5 Millionen Jahre arbeiten muss, um so reich zu werden, wie einer der momentan reichsten Männer der Welt. Wieder klafft zwischen dem Reichen und dem Durchschnittsmenschen eine riesige Lücke. Dieses Mal eine Produktivitätslücke.
Vielleicht ist es aber auch nur der Unterschied in der Deutung des Worts produktiv? Warum ist das überhaupt wichtig? Ist der Gewinn aus Aktienanlagen produktiv? Oder sollten wir nur von Produktion und sprechen, wenn der Bauer die Kartoffel aus der Erde holt oder eine Firma ein neues Auto gebaut hat? Oder ist das eigentlich sowieso egal?
Sollten nicht andere Kennzahlen eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Zahl der Armen in einem Land oder die Zahl der Obdachlosen? Diese Zahlen zählen nicht zum BIP. Diese und viele andere Zahlen zählen nicht im Casinokapitalimus. Aber es gibt Unterschiede zwischen Kapitalismus und Kapitalismus.
Das Gesetz des Stärkeren
Um diese Unterschiede geht es mir in diesem Respektbuch. Der ungezügelte, unregulierte Raubtier- und Casinokapitalimus, der nichts anderem folgt als dem Gesetz des Stärkeren, führt zu Ungleichheit in einem ungesunden Maß. Wenn die Vermögensverteilung zu extrem wird, geht es zu vielen in der Bevölkerung schlecht. Je schlechter es ihnen geht, desto unzufriedener werden sie.
Wenn du Tag und Nacht schuftest und trotzdem am Ende des Geldes noch viel Monat übrig bleibt, dann ist das auf Dauer frustrierend. Das kann dann nur noch übertroffen werden, wenn dein Chef dich für deine Arbeit lobt und sagt: „Sie sind ein wertvoller Mitarbeiter und durch Sie verdient die Firma viel Geld. Machen Sie bitte weiter so, denn dann kann ich mir schon nächstes Jahr wieder einen neuen Sportwagen anschaffen.“ Gefolgt von einem Schulterklopfen.
Das ist natürlich auch wieder eine übertriebene Satire und hat keinen Bezug zur Wirklichkeit. Keine Satire ist es, dass ein Zehntel der Bevölkerung, rund 67 %, also zwei Drittel von allem, besitzen.
Das hat natürlich nichts mit deiner Arbeitsleistung für deinen Boss zu tun, denn das Geld verdienen die Reichen ja nicht durch deine Arbeit, sondern durch die Spekulation an den Kapitalmärkten. Durch Aktien, Anleihen und Hedgefonds. Das können sie, weil ihnen der Zugang zu diesen Spekulationen möglich ist und weil sie, im Gegensatz zu dir, genügend Zeit, Kontakte und vor allen Dingen Geld haben, um in dem Restmonat – der nach dem Ende deines Geldes – ihr Geld noch spekulativ und gewinnbringend einzusetzen.
Das alles in einem Finanzcasino, dem die Politik immer mehr Türen geöffnet hat und für den seit 40 Jahren die Regeln immer weiter gelockert werden. Und das war jetzt gar nicht mehr satirisch gemeint.
Der Kapitalismus ist die beste Wirtschaftsform
Ich bin nicht gegen den Kapitalismus. Im Gegenteil. Ich glaube, dass es die beste Wirtschaftsform ist, die unserer Gesellschaft den größten Vorteil bringt und vor allen Dingen dafür sorgen kann, dass wir weiterhin in einer Demokratie leben können. Kapitalismus bedeutet auch, gegenüber den sonstigen Herrschaftsformen wie Diktaturen oder auch Monarchien, für alle Freiheit und Recht. Das dürfen wir nicht verspielen, zu viele Menschen sind in den vergangenen Jahrhunderten im Kampf dafür gestorben.
Leider schürt der Raubtierkapitalismus aber das Feuer der Diktatur, des Geldes und der damit verbundenen Ungleichheit und Unfreiheit. Der Raubtierkapitalismus pervertiert Demokratie, Freiheit und zerstört unsere Natur und damit die Grundlage unseres Lebens, indem er die Umwelt so beschädigt, dass wir bald keine Umwelt mehr haben. Dann gibt es auch keinen sicheren Lebensraum mehr und vielleicht auch nicht mehr genug zu essen und trinken für alle. Die Konsequenzen kannst du dir leicht selbst ausmalen, ich will keine Weltuntergangsstimmung verbreiten.
Die Unzufriedenheit wächst
Man sieht heute schon wie die Unzufriedenheit wächst, wie Verschwörungstheorien und rechte, faschistische Vereine und Parteien Zulauf erhalten. Immer mehr Menschen protestieren durch Aufruf zu Gewalt gegen den Staat, Gewalt gegen bestimmte Politiker und immer mehr Menschen stören den sozialen Frieden. Das ist ein Zeichen von mangelndem, beziehungsweise erodierendem Respekt gegenüber Menschen, dem Tierwohl und der Umwelt. Mangelnder Respekt, der von der Jagd nach mehr Kohle, nach noch mehr Schotter, Penunzen und Kröten – nämlich Geld – mehr und mehr und bald ganz verschwindet.
Wenn es uns nicht gelingt den Raubtierkapitalismus zu bändigen und einen Kapitalismus mit Herz zur Richtlinie zu machen, dann wird diese Erosion zu mehr Unzufriedenheit, zu mehr Ungleichheit und zuletzt zu sozialem Unfrieden und einer zerstörten Umwelt führen.
Deshalb plädiere ich in diesen Kapitel definitiv für den Kapitalismus, aber einen Kapitalismus mit Herz.
Was ist „Kapitalismus mit Herz“?
Was hat das Wort „Herz“ in diesem Zusammenhang für eine Bedeutung? Nun, man kann es für die, die es nicht intuitiv verstehen, auch einen Kapitalismus mit Leitplanken nennen. Leitplanken, die den Kapitalismus einzäunen und dafür sorgen, dass Profite nur ein Teil der Lösung sind, aber nicht das ultimative Ziel.
Gerade die Corona-Pandemie 2020 hat gezeigt, dass alles Geld der Welt und die Jagd nach dem Profit für einen Virus keine Bedeutung haben. Das Virus hat sich nicht darum geschert, ob ein Infizierter reich oder arm ist. Es hat einfach einen biologischen Wirt mit bestimmter chemisch biologischer Zusammensetzung benötigt, um seinerseits zu „überleben“ und um sich zu vermehren. Dieser Wirt waren nun mal Menschen und nicht wie bei früheren und anderen Viren ein anderes Tier, ein Schwein oder ein Rind.
Was wir aber auch erleben mussten, war, dass auch wenn das Virus keinen Unterschied macht, die Lebensumstände des Einzelnen einen großen Unterscheid ausmachen. Arme Menschen sind alleine durch die Lebensumstände einem sehr viel höherem Infektionsrisiko ausgesetzt als reichere. Arme Menschen leben enger zusammen, was eine Infektion begünstigt.
Arme Menschen haben weniger Überlebenschancen
Arme Menschen sind in der Regel schlechter ernährt und verfügen auch dadurch über ein schwächeres Immunsystem und können dem Virus weniger entgegensetzen. Ärmere Menschen müssen unter riskanten Bedingungen arbeiten, weil sie über keinerlei Reserven verfügen, um ein paar Wochen oder Monate in Quarantäne zu leben. All dies zeugt von einer riesigen Ungleichheit gegenüber einer Bedrohung durch eine unsichtbare Gefahr für Leib und Leben.
Ärmere Menschen erhalten auch keine perfekte Behandlung, vielleicht können sie gar kein Krankenhaus aufsuchen, weil sie es sich nicht leisten können. Sie sterben dann einfach zu Hause, weil sie nicht beatmet werden.
Der US-Präsident hat das vorgeführt. Er erkrankte am Virus, wurde in dem besten Hospital in den USA von den besten Ärzten und mit den besten Methoden behandelt und überlebte. Seine Lüge, dass alle Menschen in den USA mit den besten Methoden behandelt werden würden, glaubte wohl keiner, der ein bisschen Verstand hat.
Ärmere Menschen, die kein Geld und keine entsprechende Krankenversicherung haben, sterben immer noch durch das Virus.
Eine unfaire Wirtschaftsordnung
All das ist ein direktes Resultat einer unfairen Wirtschaftsordnung, die als frei und demokratisch angepriesen wird. Sie ist aber nichts anderes als eine Politik, in der der Stärkere überlebt, zulasten der Schwächeren. Das gilt es zu ändern. Dringend. Schnell. Nachhaltig.
Wir stehen dort, wo der Legende nach die französische Königin Marie-Antoinette26 stand, als sie erfuhr, dass die Menschen kein Brot kaufen können, weil sie kein Geld haben und deshalb verhungern müssen. Ihre Lösung, dass die Menschen doch anstelle Brot Kuchen essen sollten, war nicht die richtige. Am 16. Oktober 1793 verlor sie dann den Kopf im wahrsten Sinne des Worts, denn sie wurde auf dem Schafott hingerichtet.
Nicht wegen des Kuchen-Zitats, sondern weil die Welt sich mit der französischen Revolution änderte und sie nur eines der Opfer dieser Änderung wurde. Ob sie nun vorschlug, Kuchen zu essen oder ob dieses Zitat frei erfunden wurde, werden wir wohl nie wirklich erfahren.
Dass die Ungleichheit in der Welt immer mehr und immer beschleunigter zunimmt und dass die Umwelt immer mehr beschädigt wird, kann von keinem aufrechten und gebildeten Menschen ernsthaft geleugnet werden. Deshalb müssen wir alle auffordern, ab sofort den Respektfilter zu nutzen, um wirtschaftliche und politische Entscheidungen zu treffen.
Es wird noch schlimmer
Wenn wir weitermachen wie bisher, wird es noch schlimmer. Klaus Schwab, Chef des Weltwirtschaftsforums, einer, der mit den mächtigsten Wirtschaftsbossen und mit den wichtigsten Politikern der Welt auf Augenhöhe kommuniziert, antwortete auf die Frage von Zeit Online, was passieren würde, wenn wir nichts unternehmen sehr deutlich: „Die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichgewichte werden weiter zunehmen, die Ungerechtigkeiten und die Umweltzerstörung werden wachsen. Wenn wir dagegen nichts unternehmen, werden die Veränderungen irgendwann auf anderem Wege kommen, durch gewalttätige Konflikte oder Revolutionen etwa. Das lehrt uns die Geschichte.“27
Deshalb müssen wir den Respekt vor Menschen, dem Tierwohl und der Umwelt zur Maxime unserer Entscheidungen machen, denn sonst landen wir alle auf dem Schafott.
Die Guillotine, die uns alle tötet, ist nicht das Fallbeil, sondern ein zerstörter Planet, der nicht mehr genug Sauerstoff produziert, zu heiß und zu überflutet ist, um darauf als Mensch zu leben. Dann nutzt es den Raubtierkapitalisten auch nichts mehr, wenn der deutsche Börsenindex einen neuen Höchststand erreicht. Nur ein Kapitalismus mit Herz, der als Wertmaßstab den Respekt vor anderen Menschen, dem Tierwohl und der Umwelt anlegt, kann diese Katastrophen verhindern.
Wir müssen alle handeln. Sofort. Dringend. Schnell. Nachhaltig.
Notwendige Änderungen
Damit der Raubtierkapitalismus keine weiteren Schäden, keine weitere Spaltung, kein weiteres Unheil anrichtet, müssen wir schnell Maßnahmen ergreifen, die ihn eindämmen und für eine gerechtere Welt sorgen.
Nur wenn wir jetzt konsequent dagegen vorgehen, kommen wir zu einer respektvollen Wirtschaftsform, in der das Allgemeinwohl über dem Profit steht. Einer Gesellschaft, in denen es vielen gut geht und jeder zufrieden, gesund und sicher leben kann.
Verbale Abrüstung!
In diesem Kapitel geht es um konkrete Forderungen, die die Basis für Veränderungen sein werden. Wenn wir unser Zusammenleben besser gestalten wollen, wenn wir wollen, dass alle mehr Lebensfreude, Glück, Zufriedenheit und Gesundheit erleben, dann muss sich einiges ändern. Deshalb fange ich mit einer grundlegenden Forderung an, denn:
Unsere Freiheit ist in Gefahr.
Jeder von uns, auch du ganz persönlich, kann Einfluss nehmen und mit einfachen Maßnahmen, echten Bekenntnissen und intelligenten Ideen diese Gefahren eindämmen. Das beginnt damit, dass wir aus Respekt vor Menschen, dem Tierwohl und der Natur sprachlich abrüsten.
In dem außerordentlich interessanten und lehrreichen Buch „Wie Demokratien sterben“28 definieren die Autoren, Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, den Anfang vom Ende auf das Jahr 1978. Der Täter: der Republikaner Newt Gingrich, der persönliche Beleidigungen seiner Gegner als Stilmittel in die Politik einführte.
Den vorläufigen Gipfel erlebten wir in den Jahren 2016–2020, in denen ein menschenverachtender, frauenfeindlicher Rassist im Weißen Haus die Demokratie der Vereinigten Staaten massiv belastete und beinahe eine Autokratie errichtet hätte. Sein Stilmittel waren persönliche Angriffe und eine respektlose Rhetorik, vor der niemand gefeit war, noch nicht einmal ausländische Politiker.
Wenn man unsere westliche Demokratie als Krieg verschiedener Parteien und politischer Ideen gegeneinander definiert, dann kann kein sinnvoller und zielführender Diskurs entstehen. Es kann nur schlimmer werden, denn die, die unterliegen, werden immer weiter aufrüsten und zum Schluss sogar bereit sein die Demokratie aufzugeben, zugunsten eines vermeintlich besseren Systems. Das ist 1933 schon schiefgegangen und seitdem immer wieder.



