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Die Bewohner der Welt der Hungergeister werden als Kreaturen mit dürren Hälsen, kleinen Mündern, abgemagerten Gliedmaßen und großen, aufgeblähten, leeren Bäuchen dargestellt. Dies ist der Bereich der Sucht, in dem wir ständig nach etwas außerhalb von uns selbst suchen, um die unstillbare Sehnsucht nach Erlösung oder Erfüllung zu dämpfen. Die schmerzende Leere ist immerwährend, weil die Substanzen, Objekte oder Bestrebungen, von denen wir hoffen, dass sie sie lindern, nicht das sind, was wir wirklich brauchen. Wir wissen nicht, was wir brauchen, und solange wir uns im Zustand der hungrigen Geister befinden, werden wir es nie wissen. Wir geistern durch unser Leben, ohne vollständig präsent zu sein.
Manche Menschen verbringen einen Großteil ihres Lebens in dem einen oder anderen Bereich. Viele von uns bewegen sich zwischen ihnen hin und her, vielleicht sogar durch alle hindurch, im Laufe eines einzigen Tages.
Meine medizinische Arbeit mit Drogensüchtigen in Vancouvers Stadtteil Downtown Eastside hat mir die einzigartige Gelegenheit gegeben, Menschen kennenzulernen, die fast ihre ganze Zeit als Hungergeister verbringen. Es ist ihr Versuch, so glaube ich, dem Höllenreich mit seiner überwältigenden Angst, Wut und Verzweiflung zu entkommen. Die schmerzhafte Sehnsucht in ihren Herzen spiegelt etwas von der Leere wider, die auch Menschen mit einem scheinbar glücklicheren Leben erfahren können. Diejenigen, die wir als „Junkies“ abtun, sind keine Geschöpfe aus einer anderen Welt, sondern nur Männer und Frauen, die am äußersten Ende eines Kontinuums feststecken, auf dem wir uns alle hier oder dort durchaus wiederfinden könnten. Das kann ich persönlich bezeugen. „Sie schleichen mit einem hungrigen Blick um Ihr Leben herum“, sagte einmal jemand zu mir, der mir nahestand. Angesichts der schädlichen Zwänge meiner Patienten musste ich mich mit meinen eigenen auseinandersetzen.
Keine Gesellschaft kann sich selbst verstehen, ohne ihre Schattenseiten zu betrachten. Ich glaube, dass allen derselbe Suchtprozess zugrunde liegt, sei es der Abhängigkeit meiner Downtown-Eastside-Patienten von tödlichen Substanzen, der verzweifelten Selbstbefriedigung durch übermäßiges Essen oder dem zwanghaften Shoppen, der Besessenheit von Spielern, Sexsüchtigen und zwanghaften Internetnutzern oder dem gesellschaftlich akzeptablen und sogar bewunderten Verhalten von Workaholics. Drogensüchtige werden oft abgelehnt und abgewertet, als verdienten sie kein Mitgefühl und keinen Respekt. Mit dem Erzählen ihrer Geschichten verfolge ich eine doppelte Absicht: Ich möchte dazu beitragen, dass ihre Stimmen gehört werden, und ich möchte Licht bringen in den Ursprung und das Wesen ihres unglückseligen Kampfes um die Überwindung ihres Leidens durch Drogenmissbrauch. Sie haben viel gemeinsam mit der Gesellschaft, die sie ausgrenzt. Auch wenn sie scheinbar einen Weg ins Nichts gewählt haben, haben sie uns anderen noch viel beizubringen. Im dunklen Spiegel ihres Lebens können wir unsere eigenen Umrisse erkennen.
Es gibt eine Reihe von Fragen, die zu berücksichtigen sind, zum Beispiel:
• Was sind die Ursachen von Süchten?
• Was ist das Wesen der suchtgefährdeten Persönlichkeit?
• Was geschieht physiologisch in den Gehirnen von Suchtkranken?
• Wie viele Wahlmöglichkeiten hat der Süchtige wirklich?
• Warum ist der „Kampf gegen Drogen“ ein Fehlschlag und was könnte ein humaner, evidenzbasierter Ansatz zur Behandlung schwerer Drogenabhängigkeit sein?
• Wie könnten einige Süchtige, die nicht von starken Substanzen abhängig sind, erlöst werden – das heißt, wie nähern wir uns der Heilung der vielen Verhaltensabhängigkeiten, die durch unsere Kultur gefördert werden?
Die erzählerischen Passagen in diesem Buch basieren auf meinen Erfahrungen als Arzt im Drogenghetto von Vancouver und auf ausführlichen Interviews mit meinen Patienten – von denen es mehr gibt, als ich anführen kann. Viele von ihnen haben sich freiwillig gemeldet, in der großzügigen Hoffnung, dass ihre Lebensgeschichte anderen helfen könnte, die mit Suchtproblemen zu kämpfen haben, oder dass sie dazu beitragen könnten, die Gesellschaft über Suchterfahrung aufzuklären. Ich präsentiere auch Informationen, Reflexionen und Einsichten, die ich aus vielen anderen Quellen gewonnen habe, einschließlich meines eigenen Suchtmusters. Und schließlich biete ich eine Synthese dessen, was wir aus der Forschungsliteratur über Sucht und die Entwicklung des menschlichen Gehirns und der Persönlichkeit lernen können.
Obwohl die Schlusskapitel Gedanken und Anregungen zur Heilung des süchtigen Geistes bieten, ist dieses Buch keine Anleitung. Ich kann nur sagen, was ich als Mensch gelernt habe, und beschreiben, was ich als Arzt erlebt und begriffen habe. Nicht jede Geschichte hat ein Happy End, wie der Leser herausfinden wird, aber die Entdeckungen der Wissenschaft, die Lehren des Herzens und die Offenbarungen der Seele versichern uns, dass jeder Mensch eine Chance auf Erlösung hat. Die Möglichkeit der Erneuerung besteht, solange es das Leben gibt. Wie wir diese Möglichkeit in anderen und in uns selbst fördern können, ist die ultimative Frage.
Ich widme diese Arbeit all meinen Hungergeister-Gefährten, seien es HIV-infizierte Obdachlose in den Innenstädten, Gefängnisinsassen oder ihre glücklicheren Pendants, die ein Zuhause, eine Familie, einen Arbeitsplatz und eine erfolgreiche Karriere haben. Mögen wir alle Frieden finden.
TEIL I
Der Höllenzug
Was war es eigentlich, was mich zum Opiumesser machte?
Elend, völlige Verlassenheit, bleibende, beständige Dunkelheit.
THOMAS DE QUINCEY
Bekenntnisse eines englischen Opiumessers

KAPITEL 1
Das einzige Zuhause, das er je hatte
Als ich durch die vergitterte Metalltür in den Sonnenschein trete, offenbart sich mir eine Kulisse wie aus einem Fellini-Film. Es ist eine Szene, die zugleich vertraut und fremd, fantastisch und authentisch ist.
Auf dem Gehweg in der Hastings Street sehe ich Eva – in ihren Dreißigern, aber immer noch wie ein verwahrlostes Kind wirkend, mit dunklem Haar und olivfarbenem Teint –, wie sie einen bizarren Kokain-Flamenco hinlegt. Sie schiebt ihre Hüften nach außen, bewegt ihren Oberkörper und ihr Becken hin und her, beugt sich in der Taille, wirft einen oder beide Arme in die Luft und bewegt ihre Füße in einer unbeholfenen, aber abgestimmten Pirouette. Die ganze Zeit verfolgt sie mich mit ihren großen, schwarzen Augen.
In Downtown Eastside ist dieses crackgesteuerte Improvisationsballett als „The Hastings Shuffle“ bekannt, und es ist ein vertrauter Anblick. Eines Tages, als ich auf meiner ärztlichen Visite in der Nachbarschaft unterwegs war, sah ich eine junge Frau, die diesen Tanz hoch über dem Verkehr in Hastings aufführte. Sie balancierte auf dem schmalen Rand eines Neonschildes zwei Stockwerke weiter oben. Eine Menschenmenge hatte sich zum Zuschauen versammelt, die Drogenkonsumenten unter ihnen mehr amüsiert als entsetzt. Die Ballerina drehte sich um sich selbst, die Arme waagerecht wie die einer Seiltänzerin, oder machte tiefe Kniebeugen – eine Kosakentänzerin der Lüfte, ein Bein nach vorne tretend. Bevor die Spitze der Feuerwehrleiter ihre Flughöhe erreichen konnte, hatte sich die bekiffte Akrobatin wieder in ihr Fenster zurückgezogen.
Eva bahnt sich ihren Weg zwischen ihren Gefährten durch, die sich um mich drängen. Manchmal verschwindet sie hinter Randall – einem an den Rollstuhl gefesselten, schwerfälligen, ernst dreinblickenden Burschen, dessen unorthodoxe Gedankenmuster nicht unbedingt auf eine ausgeprägte Intelligenz schließen lassen. Er rezitiert eine Ode autistischen Lobes an seinen unentbehrlichen motorisierten Streitwagen. „Ist es nicht erstaunlich, Doc, nicht wahr, dass Napoleons Kanone von Pferden und Ochsen durch russischen Schlamm und Schnee gezogen wurde? Und jetzt habe ich das hier!“ Mit einem unschuldigen Lächeln und ernster Miene schüttet Randall einen sich wiederholenden Schwall von Fakten, historischen Daten, Erinnerungen, Interpretationen, losen Assoziationen, Vorstellungen und Paranoia aus, der fast vernünftig klingt – beinahe. „Das ist der Code Napoleon, Doc, der die Transportmittel der unteren Ränge und Reihen veränderte, wissen Sie, in jenen Tagen, als diese angenehme Langeweile des Nichtstuns noch verstanden wurde.“ Eva schiebt ihren Kopf über Randalls linke Schulter und spielt Kuckuck.
Neben Randall steht Arlene, die Hände an den Hüften, mit vorwurfsvollem Blick und gekleidet mit knappen Jeans-Shorts und Bluse – was an diesem Ort ein Zeichen dafür ist, dass man auf diese Art sein Geld für Drogen verdient und nicht selten schon in jungen Jahren von männlichen Triebtätern sexuell ausgebeutet wurde.
Über das ständige Murmeln von Randalls Gerede hinweg höre ich ihre Beschwerde: „Sie hätten meine Pillen nicht reduzieren sollen.“ Arlenes Arme tragen Dutzende von horizontalen Narben, die parallel verlaufen, wie Eisenbahnschwellen. Die älteren sind weiß, die jüngeren rot, jede markiert ein Andenken an einen Schnitt mit der Rasierklinge, den sie sich selbst zugefügt hat. Der Schmerz der Selbstverletzung löscht, wenn auch nur vorübergehend, bei ihr den Schmerz eines größeren Schmerzes tief in ihrer Seele. Eines von Arlenes Medikamenten kontrolliert diese zwanghafte Selbstverletzung, und sie hat immer Angst, dass ich ihre Dosis reduziere. Das tue ich nie.
Ganz in unserer Nähe, im Schatten des Portland Hotels, haben zwei Polizisten Jenkins in Handschellen gelegt. Jenkins, ein schlaksiger Ureinwohner mit schwarzem, krausem Haar, das bis über die Schultern fällt, ist ruhig und fügsam, als einer der Beamten seine Taschen leert. Er beugt sich mit dem Rücken gegen die Wand, nicht die geringste Spur von Protest im Gesicht. „Sie sollten ihn in Ruhe lassen“, meint Arlene lautstark. „Der Typ dealt nicht. Sie schnappen ihn immer wieder und finden nie etwas.“ Zumindest am helllichten Tag kontrollieren die Polizisten in der Hastings Street mit vorbildlicher Höflichkeit – und nicht, wie meine Patienten sagen, mit der typischen Haltung von Ordnungshütern. Nach ein oder zwei Minuten wird Jenkins freigelassen und verschwindet, ohne etwas zu sagen, mit langen Schritten im Hotel.
In der Zwischenzeit hat der Dichterfürst der Absurdität innerhalb weniger Minuten die europäische Geschichte vom Hundertjährigen Krieg bis Bosnien aufgearbeitet und sich zur Religion von Moses bis Mohammed geäußert. „Doc“, so Randall weiter, „der Erste Weltkrieg sollte eigentlich alle Kriege beenden. Wenn das stimmt, warum gibt es dann die Kriege gegen Krebs oder Drogen? Die Deutschen hatten diese Kanone Dicke Bertha, die sie auf die Alliierten richteten, aber in einer Sprache, die den Franzosen oder Briten nicht gefiel. Gewehre produzieren ein übles Palaver, sie haben einen schlechten Ruf, Doc – aber sie haben die Geschichte vorangebracht, wenn man überhaupt davon reden kann, dass sich die Geschichte vorwärtsbewegt oder sich überhaupt bewegt. Glauben Sie, die Geschichte bewegt sich, Doc?“
Da unterbricht Matthew Randalls Debatte – er ist auf seine Krücken gelehnt, dickbäuchig, einbeinig, lächelnd, kahlköpfig und ungemein jovial. „Der arme Dr. Maté versucht nach Hause zu kommen“, sagt er in seinem charakteristischen Tonfall: sarkastisch und zugleich liebenswert aufrichtig. Matthew grinst uns an, als beträfe der Witz alle, nur nicht ihn selbst. Die verschiedenen Ringe, die sein linkes Ohr durchbohren, schimmern im goldenen Licht der späten Nachmittagssonne.
Eva tänzelt hinter Randalls Rücken hervor. Ich wende mich ab. Ich habe genug vom Straßentheater und will dem jetzt entfliehen. Der gute Arzt will nicht mehr gut sein.
Wir gehören zusammen, diese Fellini-Figuren und ich – oder sollte ich sagen, wir, diese Fellini-Crew –, vor dem Portland Hotel, wo sie leben und ich arbeite. Meine Klinik befindet sich im ersten Stock dieses vom kanadischen Architekten Arthur Erickson entworfenen Gebäudes aus Beton und Glas, eines geräumigen, modernen und zweckmäßigen Gebäudes. Es ist eine beeindruckende Einrichtung, die ihren Bewohnern gute Dienste leistet und das ehemals luxuriöse Haus aus der Jahrhundertwende um die Ecke ersetzt, das das erste Portland Hotel war. Der alte Ort mit seinen hölzernen Balustraden, breiten und geschwungenen Treppenaufgängen, muffigen Treppenabsätzen und Erkern hatte Charakter und Geschichte, die dem neuen Bollwerk fehlt. Obwohl ich die Aura der Alten Welt vermisse, die Atmosphäre von verblasstem Reichtum und Verfall, die dunklen und abblätternden Fensterbänke, die mit Erinnerungen von Eleganz behaftet sind, bezweifle ich, dass die Bewohner Sehnsucht nach den engen Zimmern, den korrodierten Rohrleitungen oder den Armeen von Kakerlaken haben. 1994 gab es einen Brand auf dem Dach des alten Hotels. Eine Lokalzeitung brachte eine Geschichte und ein Foto, auf dem eine Bewohnerin und ihre Katze abgebildet waren. Die Schlagzeile lautete: „Heldenhafter Polizist rettet Fluffy“. Jemand rief im Portland an, um sich zu beschweren, dass Tiere nicht unter solchen Bedingungen leben sollten.
Die gemeinnützige Portland Hotel Society (PHS), für die ich als Arzt tätig bin, verwandelte das Gebäude in eine Unterkunft für Obdachlose. Meine Patienten sind zum größten Teil Süchtige, obwohl bei einigen, wie Randall, die chemischen Gehirnprozesse so weit gestört sind, dass sie auch ohne Drogen den Kontakt zur Realität verloren haben. Viele, wie Arlene, leiden sowohl an psychischen als auch an Suchterkrankungen. Das PHS verwaltet mehrere ähnliche Einrichtungen in einem Umkreis von wenigen Häuserblocks: die Hotels Stanley, Washington, Regal und Sunrise. Ich bin als Arzt für alle Häuser zuständig.
Das neue Portland liegt gegenüber dem Kaufhaus für Armee- und Marinebedarf, wo meine Eltern als Neueinwanderer in den späten 1950er-Jahren den Großteil unserer Kleidung kauften. Damals war dieses Kaufhaus ein beliebtes Einkaufsziel für Berufstätige – und für Kinder aus der Mittelschicht, die auf der Suche nach ausgefallenen Militärmänteln oder Matrosenjacken waren. Draußen auf den Bürgersteigen gab es eine Mischung aus Studenten, die auf der Suche nach etwas Unterhaltung mit dem gemeinen Volk waren, sowie Alkoholikern, Taschendieben, Kauflustigen und Freitagabend-Bibelpredigern.
Jetzt ist es anders. Die Menschenmengen kommen schon seit vielen Jahren nicht mehr. Jetzt sind diese Straßen und ihre Hinterhöfe zum Zentrum von Kanadas Drogenhauptstadt geworden. Einen Block entfernt stand das verlassene Kaufhaus Woodward mit seinem riesigen, beleuchteten „W“-Schild auf dem Dach, das lange ein Wahrzeichen Vancouvers war. Eine Zeit lang belagerten Hausbesetzer und Anti-Armuts-Aktivisten das Gebäude, doch vor Kurzem wurde es abgerissen. Auf dem Gelände soll ein Mix aus schicken Wohnungen und Sozialwohnungen entstehen. Die Olympischen Winterspiele kommen 2010 nach Vancouver und mit ihnen droht die Wahrscheinlichkeit einer Gentrifizierung dieses Viertels. Der Prozess hat bereits begonnen. Es besteht die Befürchtung, dass die Politiker, die die Welt beeindrucken wollen, versuchen werden, die Suchtkranken zu verdrängen.
Eva verschränkt ihre Arme, dehnt sie hinter ihrem Rücken und beugt sich vor, um ihren Schatten auf dem Bürgersteig zu betrachten. Matthew kichert über die Yoga-Übungen der Cracksüchtigen. Randall schwafelt weiter. Ich blicke gespannt auf den vorbeiziehenden Berufsverkehr. Schließlich kommt die Rettung. Mein Sohn Daniel fährt vor und öffnet die Autotür. „Manchmal kann ich nicht glauben, dass das hier mein Leben ist“, sage ich und setze mich auf den Beifahrersitz. „Manchmal glaube ich es auch nicht“, nickt er. „Es kann hier ziemlich heftig zugehen.“ Wir fahren los. Im Rückspiegel sehe ich die sich entfernende Gestalt von Eva, gestikulierend, die Beine verrenkt, den Kopf zur Seite geneigt.
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Das Portland und die anderen Gebäude der Portland Hotel Society stellen ein wegweisendes Sozialprojekt dar. Der Zweck der PHS ist es, ein System der Sicherheit und Fürsorge für marginalisierte und stigmatisierte Menschen zu schaffen – für diejenigen, die „die Erniedrigten und Beleidigten“ sind, um Dostojewski zu zitieren. Die PHS versucht, diese Menschen vor dem zu retten, was ein lokaler Dichter als „Straßen der Vertreibung und Gebäude der Ausgrenzung“ bezeichnet hat.
„Die Menschen brauchen einfach einen Raum, wo sie sich aufhalten können“, sagt Liz Evans, eine ehemalige Gemeindeschwester, deren soziale Herkunft aus der oberen Schicht mit ihrer gegenwärtigen Rolle als Gründerin und Direktorin der PHS unvereinbar zu sein scheint. „Sie brauchen einen Platz, wo sie leben können, ohne verurteilt, gejagt und belästigt zu werden. Es handelt sich um Menschen, die häufig als Belastung angesehen werden, für Verbrechen und soziale Missstände verantwortlich gemacht und … als Zeit- und Energieverschwendung betrachtet werden. Sie werden selbst von Menschen, die Mitgefühl zu ihrem Beruf gemacht haben, barsch behandelt.“
Seit den sehr bescheidenen Anfängen im Jahr 1991 ist die Portland Hotel Society gewachsen und inzwischen sehr aktiv. Sie ist an vielen Projekten beteiligt: an einer Nachbarschaftsbank, einer Kunstgalerie für Künstler des Downtown Eastside, dem ersten betreuten Drogenkonsumraum Nordamerikas, einer kommunalen Krankenstation, wo tiefe Gewebeinfektionen mit intravenösen Antibiotika behandelt werden, einer kostenlosen Zahnklinik und an der Portland Klinik, wo ich seit acht Jahren arbeite. Die zentrale Aufgabe des PHS besteht darin, Menschen, die sonst obdachlos wären, einen Aufenthaltsort zur Verfügung zu stellen.
Die Statistiken sind krass. Eine Überprüfung, die kurz nach der Gründung der PHS durchgeführt wurde, ergab, dass drei Viertel der Bewohner im Jahr vor ihrer Unterbringung mehr als fünf Mal ihre Adresse gewechselt hatten. 90 Prozent waren wegen Verbrechen angeklagt oder verurteilt worden, meist wegen Bagatelldelikten. Gegenwärtig sind 36 Prozent HIV-positiv oder haben Aids, die meisten der Bewohner sind süchtig nach Alkohol oder anderen Substanzen – nach allem von Reiswein oder Mundwasser bis hin zu Kokain oder Heroin. Bei über der Hälfte von ihnen wurde eine psychische Erkrankung diagnostiziert. Der Anteil der kanadischen Ureinwohner unter den Bewohnern vom Portland ist im Verhältnis fünfmal so hoch wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung.
Für Liz und die anderen, die die PHS mit aufgebaut haben, war es unendlich frustrierend zu beobachten, wie Menschen von einer Krise in die nächste gerieten, ohne dass sie eine konsequente Unterstützung bekamen. „Das System hatte sie im Stich gelassen“, sagt sie, „also haben wir versucht, die Hotels als Stützpunkt für andere Dienstleistungen und Programme einzurichten. Es dauerte acht Jahre, bis die Mittel zusammen waren, sowie vier Provinzregierungen und vier private Stiftungen, bis das neue Portland Wirklichkeit wurde. Jetzt haben die Menschen endlich ihre eigenen Badezimmer, Waschmaschinen und einen vernünftigen Ort zum Essen.“
Was das Modell von Portland so einzigartig unter den Angeboten für Süchtige macht und zugleich so umstritten, ist die zentrale Intention, die Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind – ganz gleich, wie dysfunktional, gestört und störend sie auch sein mögen. Unsere Klienten sind nicht die „Armen, die es verdient haben“; sie sind einfach nur arm – unverdient in ihren eigenen Augen und in denen der PHS. Im Portland Hotel gibt es weder das Hirngespinst der Erlösung noch die Erwartung sozial respektabler Ergebnisse, sondern nur eine unsentimentale Feststellung der realen Bedürfnisse von realen Menschen in einer schäbigen Gegenwart, die bei allen gleichermaßen auf einer tragischen Vergangenheit beruht. Wir können hoffen (und tun es auch), dass Menschen von den Dämonen, die sie heimsuchen, befreit werden können, und arbeiten daran, sie in diese Richtung zu ermutigen, aber wir haben nicht die Vorstellung, dass ihnen irgendein psychologischer Exorzismus aufgezwungen werden kann. Die unbequeme Wahrheit ist, dass die meisten unserer Klienten süchtig bleiben werden und, so wie es jetzt aussieht, auf der falschen Seite des Gesetzes. Kerstin Stuerzbecher, eine ehemalige Krankenschwester mit zwei Abschlüssen in Geisteswissenschaften, ist ebenfalls Direktorin der Portland Society. „Wir haben nicht auf alles eine Antwort“, sagt sie, „und wir können den Menschen nicht unbedingt die Fürsorge bieten, die sie brauchen, um ihr Leben entscheidend zu verändern. Am Ende des Tages liegt es nie an uns – entweder haben sie’s in sich oder nicht.“
Den Bewohnern wird so viel Hilfe angeboten, wie es die finanziell angespannten Ressourcen erlauben. Das Pflegepersonal der Einrichtung reinigt die Räume und hilft den Hilflosesten bei ihrer persönlichen Hygiene. Essen wird zubereitet und verteilt. Wenn möglich, werden die Patienten zu Terminen bei Fachärzten oder für Röntgenaufnahmen oder andere medizinischen Untersuchungen begleitet. Methadon, Psychopharmaka und HIV-Medikamente werden vom Personal ausgegeben. Alle paar Monate kommt ein mobiles Labor nach Portland, um auf HIV und Hepatitis zu testen und um weitere Bluttests durchzuführen. Es gibt eine Schreib- und Lyrikgruppe sowie eine Kunstgruppe, wo auch der Wandbehang entstand, der nach Zeichnungen von Portland-Bewohnern gestaltet wurde und jetzt an der Wand meiner Praxis hängt. Ein Akupunkteur und ein Frisör kommen ins Haus, Filmabende werden organisiert, und es gab – solange wir noch die Mittel hatten – einen jährlichen Campingausflug, um die Bewohner aus dem schmutzigen Umfeld von Downtown Eastside herauszuholen. Mein Sohn Daniel, der zeitweilig in Portland angestellt war, leitete eine monatlich stattfindende Musikgruppe.
„Vor ein paar Jahren hatten wir im Portland so einen Talentabend“, erzählt Kerstin, „zusammen mit der Kunst- und der Schreibgruppe, und es gab auch eine Kabarett-Vorstellung. Die Kunstwerke hingen an der Wand und die Leute lasen ihre Gedichte vor. Ein langjähriger Bewohner trat ans Mikrofon. Er sagte, er habe kein Gedicht, das er rezitieren wolle, oder sonst etwas Kreatives. Was er uns mitteilte war, dass das Portland sein erstes Zuhause sei. Dass es die einzige Heimat sei, die er je hatte, und wie dankbar er für die Gemeinschaft sei, der er angehörte. Und wie stolz er war, ein Teil davon zu sein, und wie sehr er sich wünschte, dass seine Mutter und sein Vater ihn jetzt sehen könnten.“
„Das einzige Zuhause, das er je hatte“ – ein Satz, der das Schicksal vieler Menschen in Downtown Eastside, einem Stadtteil in „einer der lebenswertesten Städte der Welt“* zusammenfasst.
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Die Arbeit kann außerordentlich erfüllend, aber auch zutiefst frustrierend sein, je nach meinem eigenen Gemütszustand. Oft sehe ich mich mit der störrischen Natur von Menschen konfrontiert, die ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden weniger schätzen als die unmittelbaren, drogenbedingten Bedürfnisse des Augenblicks. Ich muss mich auch mit meinem eigenen Widerstand gegen sie als Menschen auseinandersetzen. So sehr ich sie, zumindest im Prinzip, akzeptieren möchte, erlebe ich mich an manchen Tagen voller Missbilligung und Bewertung, lehne sie ab und möchte, dass sie anders sind, als sie es nun mal sind. Dieser Widerspruch hat seinen Ursprung in mir, nicht in meinen Patienten. Es ist mein Problem – nur dass es mir angesichts des offensichtlichen Ungleichgewichts der Kräfte zwischen uns allzu leicht fällt, sie als Problem auszumachen.
Die Süchte meiner Patienten machen jede ärztliche Behandlung zu einer Herausforderung. Wo sonst finden Sie Menschen, die sich in einem so schlechten Gesundheitszustand befinden und die dennoch so abgeneigt sind, sich um sich selbst zu kümmern oder gar anderen zu erlauben, sich um sie zu kümmern? Manchmal muss man sie buchstäblich zu einer Behandlung im Krankenhaus überreden. Nehmen Sie Kai, der eine immobilisierende Infektion in seiner Hüfte hat, die ihn zum Krüppel machen könnte, oder Hobo, dessen Brustbeinentzündung sich auf seine Lungen ausbreiten könnte. Beide Männer sind so sehr auf ihren nächsten Kokain-, Heroin- oder Cristal Meth-Trip fixiert, dass die Selbsterhaltung keine Bedeutung mehr für sie hat. Viele haben auch eine tief verwurzelte Furcht vor Autoritätspersonen und misstrauen Institutionen aus Gründen, die ihnen niemand verübeln kann.
„Der Grund, warum ich Drogen nehme, ist, dass ich dann nicht die verdammten Gefühle habe, die da sind, wenn ich keine Drogen nehme“, sagte mir Nick, ein vierzigjähriger Heroin- und Crystal-Meth-Süchtiger, einmal weinend. „Wenn ich keine Drogen nehme, werde ich depressiv.“ Sein Vater hämmerte seinen Zwillingssöhnen die Vorstellung ein, dass sie nichts als ein „Stück Scheiße“ seien. Nicks Bruder beging als Teenager Selbstmord, Nick wurde drogenabhängig.




