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Das Höllenreich der schmerzlichen Emotionen macht den meisten von uns Angst. Drogensüchtige fürchten, dass sie dort für immer gefangen bleiben, wenn sie keine Drogen nehmen. Dieser Drang zur Flucht fordert einen schrecklichen Preis.
Die Flure und der Aufzug im Portland Hotel werden häufig, manchmal mehrmals täglich, gereinigt. Einige Bewohner haben von den Injektionsnadeln chronisch wässernde Wunden. Blut tropft auch von Platzwunden und Schnitten, die ihnen von ihren Mitsüchtigen zugefügt wurden, oder aus Verletzungen, die Patienten sich während kokaininduzierter Paranoia in ihre Haut gekratzt haben. Es gibt einen Mann, der unaufhörlich auf sich einschlägt, um imaginäre Insekten loszuwerden.
Nicht, dass es uns an echtem Befall in Downtown Eastside mangelt. Nager gedeihen hinter den Wänden der Gebäude und in den mit Müll übersäten Hinterhöfen. Ungeziefer bevölkert die Betten, Kleider und Körper vieler meiner Patienten: Bettwanzen, Läuse, Krätze. In meiner Praxis fallen gelegentlich Kakerlaken aus ausgeschüttelten Röcken und Hosenbeinen heraus und huschen unter meinem Schreibtisch in Deckung. „Ich habe gerne ein oder zwei Mäuse um mich herum“, erzählte mir ein junger Mann. „Sie fressen die Kakerlaken und Bettwanzen. Aber ich ertrage kein ganzes Mäusenest in meiner Matratze.“
Ungeziefer, Geschwüre, Blut und Tod: die Plagen Ägyptens.
In Downtown Eastside tötet der Todesengel mit schockierendem Eifer. Marcia, eine fünfunddreißigjährige Heroinsüchtige, war aus ihrer PHS-Wohnung ausgezogen und wohnte in einem Mietshaus einen halben Block entfernt. Eines Morgens erhielt ich einen verzweifelten Anruf wegen einer vermuteten Überdosis. Ich fand Marcia im Bett, die Augen weit aufgerissen, auf dem Rücken liegend und bereits in Totenstarre. Ihre Arme waren ausgestreckt, die Handflächen nach außen gerichtet, eine Geste des angstvollen Protestes, als wollte sie sagen: „Nein, du bist zu früh gekommen, um mich zu holen, viel zu früh!“ Plastikspritzen zerbrachen unter meinen Schuhen, als ich mich ihrem Körper näherte. Marcias geweitete Pupillen und einige andere körperliche Anzeichen erzählten ihre Geschichte – sie starb nicht an einer Überdosis, sondern an Heroinentzug. Ich stand für einige Augenblicke an ihrem Bett und versuchte, in ihrem Körper den charmanten, wenn auch immer geistesabwesenden Menschen zu sehen, den ich gekannt hatte. Als ich mich abwandte, um zu gehen, kündigten heulende Sirenen die Ankunft der Rettungsfahrzeuge vor dem Haus an.
Marcia war erst eine Woche zuvor gut gelaunt in meiner Praxis gewesen und hatte mich um Hilfe bei einigen medizinischen Formularen gebeten, die sie ausfüllen musste, um wieder Sozialhilfe zu erhalten. Es war das erste Mal seit sechs Monaten, dass sie zu mir gekommen war. In dieser Zeit, so erzählte sie mir in lässiger Resignation, hatte sie ihrem Freund Kyle dabei geholfen, eine Hundertdreißigtausend-Dollar-Erbschaft durchzubringen – eine Aktion, bei der ihnen viele andere befreundete Drogensüchtige und Mitläufer selbstlos geholfen hatten. Trotz all dieser Popularität war sie allein, als der Tod sie erwischte.
Ein weiteres Opfer war Frank, ein zurückgezogener Heroinsüchtiger, der einen nur dann widerwillig in sein beengtes Quartier im Regal Hotel ließ, wenn er sehr krank war. „Ich werde auf keinen Fall im Krankenhaus sterben“, erklärte er, als klar wurde, dass der Sensenmann AIDS an seine Tür geklopft hatte. Darüber oder über etwas anderes konnte man nicht mit Frank diskutieren. 2002 starb er in seinem eigenen zerlumpten Bett, aber es war sein eigenes Bett.
Frank war eine gute Seele, was seine griesgrämige Schroffheit nicht verbergen konnte. Obwohl er nie mit mir über seine Lebenserfahrung sprach, drückte er das Wesentliche davon in dem Gedicht Der Höllenzug der Stadt aus, das er einige Monate vor seinem Tod schrieb. Es ist ein Requiem für ihn selbst und für Dutzende von Frauen – drogensüchtige Prostituierte –, die mutmaßlich auf der berüchtigten Pickton-Schweinefarm außerhalb von Vancouver ermordet worden sind.
Ich ging in die Stadt – nach Hastings und Main
Auf der Suche nach Linderung meiner Schmerzen
Alles, was ich gefunden habe, war
Eine Fahrkarte für eine einfache Fahrt in einem Höllenzug
Auf einem Bauernhof nicht weit entfernt
Wurden mehrere Freundinnen entführt
Mögen sich ihre Seelen von den Schmerzen erholen
Möge ihre Fahrt mit dem Höllenzug enden
Gib mir Frieden, bevor ich sterbe
Die Strecke ist so gut ausgebaut
Wir alle erleben unsere private Hölle
Nur noch mehr Fahrkarten für den Höllenzug
Höllenzug
Höllenzug
Einfache Fahrkarte für einen Höllenzug
Da ich in der Palliativmedizin, der Betreuung von unheilbar Kranken, gearbeitet habe, bin ich dem Tod oft begegnet. Streng genommen ist die Suchtmedizin bei dieser Bevölkerungsgruppe ebenfalls Palliativarbeit. Wir erwarten nicht, jemanden zu heilen, sondern nur, die Auswirkungen der Drogenabhängigkeit und der damit verbundenen Leiden zu lindern sowie die Auswirkungen der rechtlichen und sozialen Qualen abzumildern, mit denen unsere Gesellschaft den Drogensüchtigen bestraft. Abgesehen von den seltenen Glücklichen, die dem Drogen-Slum von Downtown Eastside entkommen, erleben nur sehr wenige meiner Patienten ein hohes Alter. Sie sterben an einer Komplikation ihrer HIV-Infektion oder Hepatitis C, an Meningitis oder einer massiven Sepsis, die sie sich durch mehrfache Selbstinjektionen während ihres anhaltenden Kokainkonsums zuziehen. Einige erliegen bereits in relativ jungen Jahren einer Krebserkrankung, da ihr gestresstes und geschwächtes Immunsystem nicht in der Lage ist, den bösartigen Tumor unter Kontrolle zu halten. So ist Stevie gestorben, an Leberkrebs, mit dem gutmütig-spöttischen Ausdruck, der immer auf ihrem Gesicht lag, das von tiefer Gelbsucht gezeichnet war. Oder sie erwischen eines Nachts schlechten Stoff und sterben an einer Überdosis, wie Angel im Sunrise Hotel oder wie Trevor, ein Stockwerk höher, der immer lächelte, als ob ihn nie etwas gestört hätte.
An einem Februarabend, es dämmerte bereits, erwachte Leona, eine Patientin, die in einem nahe gelegenen Hotel wohnte, auf der Liege in ihrem Zimmer und fand ihren achtzehnjährigen Sohn Joey leblos und starr in ihrem Bett liegen. Sie hatte ihn von der Straße geholt und Wache gehalten, um ihn vor Selbstverletzung zu schützen. Nach der durchwachten Nacht war sie am nächsten Vormittag eingeschlafen. Am Nachmittag hatte Joey eine Überdosis genommen. „Als ich aufwachte“, erinnert sie sich, „lag Joey regungslos da. Niemand musste mir etwas erklären. Der Krankenwagen und die Feuerwehr kamen, aber es gab nichts, was sie hätten tun können. Mein Baby war tot.“ Ihre Trauer ist riesig, ihr Schuldgefühl unermesslich.
Der Schmerz ist eine Konstante in der Portland-Klinik. Die medizinische Fakultät unterrichtet die drei Kennzeichen einer Entzündung mit den lateinischen Bezeichnungen: calor, rubror, dolor – Hitze, Rötung und Schmerz. Die Haut, Gliedmaßen oder Organe meiner Patienten sind oft entzündet und dagegen kann meine Behandlung zumindest vorübergehend wirksam sein. Aber wie kann man die Seelen trösten, die durch intensive Schmerzen gequält werden, die zuerst durch die Erfahrungen in der Kindheit – fast zu widerlich, um sie zu glauben – und dann, in mechanischer Wiederholung, durch den Leidenden selbst hervorgerufen werden? Und wie kann man sie trösten, wenn ihre Leiden durch die gesellschaftliche Ächtung täglich schlimmer werden – durch das, was der Gelehrte und Schriftsteller Elliot Leyton als „die seelenlosen, rassistischen, sexistischen und klassistischen Vorurteile beschrieben hat, die in der kanadischen Gesellschaft vergraben sind: eine institutionalisierte Verachtung der Armen, Prostituierten, Drogensüchtigen, Alkoholiker und Ureinwohner“.1 Der Schmerz hier in Downtown Eastside bringt Menschen dazu, um Geld für Drogen zu betteln. Er starrt aus kalten und harten Augen oder zeigt sich niedergeschlagen, im Gefühl der Unterlegenheit und Scham. Der Schmerz äußert sich in schmeichelnden Tönen oder aggressivem Geschrei. Hinter jedem Blick, hinter jedem Wort, hinter jeder gewaltsamen Tat oder desillusionierten Geste verbirgt sich eine Geschichte von Leid und Erniedrigung, eine selbst geschriebene Geschichte mit täglich neu hinzugefügten Kapiteln und selten einem glücklichen Ende.
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Während Daniel mich nach Hause fährt, hören wir im Autoradio CBC und diesen seltsamen Nachmittagsmix aus fröhlichem Geplapper, Klassik und Jazz. Erschüttert von dem Kontrast zwischen der großstädtischen Radiowirklichkeit und der geplagten Welt, die ich gerade verlassen habe, denke ich zurück an meine erste Patientin an diesem Tag.
Madeleine sitzt gekrümmt vor mir, die Ellenbogen auf ihre Oberschenkel gestützt, ihr hagerer, sehniger Körper ist durch heftiges Schluchzen verkrampft. Sie umklammert ihren Kopf mit den Händen, ballt immer wieder die Fäuste und schlägt rhythmisch gegen ihre Schläfen. Ihr glattes, braunes, nach vorne gefallenes Haar verdeckt ihre Augen und Wangen. Ihre Unterlippe ist geschwollen und aufgeplatzt, aus einem kleinen Schnitt sickert Blut. Ihre raue, jungenhafte Stimme ist heiser vor Wut und Schmerz. „Ich bin schon wieder verarscht worden“, weint sie. „Immer bin ich es, die die Scheiße der anderen ausbaden muss. Woher wissen sie, dass sie mir das jedes Mal wieder antun können?“ Sie hustet, als ihr der Speichel in die Luftröhre rinnt. Sie ist wie ein Kind, das seine Geschichte erzählt und um Mitgefühl und Hilfe bittet.
Die Geschichte, die sie erzählt, ist die Variation eines Themas, das in Downtown Eastside bekannt ist: Drogensüchtige, die sich gegenseitig ausbeuten. Drei Frauen, die Madeleine gut kennt, geben ihr einen Hundert-Dollar-Schein. Der Deal ist, dass sie zwölf „Rocks“ Crack von einem Typen kaufen soll, den sie „Spic“ nennt. Einen kann sie behalten, die anderen Frauen werden einen Teil für sich nehmen und den Rest weiterverkaufen. „Die Bullen dürfen nicht sehen, dass wir so viel kaufen“, sagen sie ihr. Die Transaktion ist abgeschlossen, Geld und Crack haben den Besitzer gewechselt. Zehn Minuten später holt der ‚großartige Spic‘ Madeleine ein, „packt mich an den Haaren, wirft mich zu Boden und versetzt mir einen Schlag ins Gesicht“. Der Hundert-Dollar-Schein ist gefälscht. „Sie haben mich reingelegt. ‚Oh, Maddie, du bist mein Kumpel, du bist meine Freundin.‘ Ich hatte keine Ahnung, dass es ein gefälschter Hunderter ist.“
Meine Klienten erzählen oft von „dem Spic“, aber er scheint unsichtbar zu sein, eine mystische Figur, von der ich nur höre. An den Straßenecken in der Nähe des Portland Hotels treffen sich junge, dunkelhäutige Mittelamerikaner mit schwarzen, über die Augen geschobenen Baseballmützen. Wenn ich an ihnen vorbeilaufe, sprechen sie mich im leisen Flüsterton an, selbst wenn ich eindeutig ein Stethoskop um meinen Hals trage: „Upper und Downer“ oder „gute Rocks“. (Upper und Downer ist Junkie-Slang. Upper sind Stimulanzien wie Kokain, und Downer, wie zum Beispiel Heroin, haben eine beruhigende, entspannende Wirkung. Rock steht für Crack/Kokain.) „Hey, siehst du nicht, dass das der Arzt ist?“, zischt gelegentlich jemand. Der Spic könnte durchaus zu dieser Gruppe gehören, aber vielleicht ist der Beiname auch nur ein allgemeiner Begriff, der sich auf jeden von ihnen bezieht.
Ich weiß nicht, wer er ist oder auf welchem Weg er in die heruntergekommene Gegend von Vancouver gelangt ist, wo er die abgemagerten Frauen mit Kokain und Ohrfeigen versorgt, die stehlen, dealen, betrügen oder billigen Oralsex anbieten, um ihn zu bezahlen. Wo wurde er geboren? Durch welchen Krieg und welche Entbehrungen wurden seine Eltern gezwungen, ihren Slum oder ihr Bergdorf zu verlassen, um ein Auskommen so weit nördlich des Äquators zu suchen? Waren es die Armut in Honduras, Milizen in Guatemala oder die Todesschwadronen in El Salvador? Wie wurde er zu dem Latino, dem Bösewicht der Geschichte, die ich von der spindeldürren, verzweifelten Frau in meiner Praxis erzählt bekomme, die tränenerstickt ihre blauen Flecken erklärt und mich bittet, ihr nicht vorzuwerfen, dass sie letzte Woche beim Methadon-Termin nicht erschienen ist. „Ich habe seit sieben Tagen keinen Juice mehr getrunken“, sagt Madeleine. („Juice“ ist Slang für Methadon, denn das Methadonpulver wird in einem Getränk mit Orangengeschmack aufgelöst.) „Und ich werde niemanden auf der Straße um Hilfe bitten, denn wenn sie dir helfen, schuldest du ihnen dein gottverdammtes Leben. Selbst wenn du es ihnen zurückzahlst, denken sie immer noch, dass du ihnen etwas schuldest: ‚Da ist Maddie, die kriegen wir. Sie wird es uns geben.‘ Sie wissen, dass ich nicht kämpfe. Denn wenn ich mich jemals wehren sollte, würde ich eine von diesen Schlampen umbringen. Ich will nicht den Rest meines Lebens im Knast verbringen wegen einer gottverdammten Fotze, mit der ich mich von vornherein nicht hätte einlassen sollen. So wird’s laufen. Ich kann nur ein gewisses Maß ertragen.“
Ich gebe ihr das Methadon-Rezept und biete ihr an, wiederzukommen und zu reden, nachdem sie ihre Dosis in der Apotheke bekommen hat. Obwohl Madeleine einverstanden ist, werde ich sie heute nicht mehr sehen. Wie immer lockt der Drang nach dem nächsten Schuss.
Ein anderer Besucher an diesem Morgen war Stan, ein fünfundvierzigjähriger Ureinwohner, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war und ebenfalls wegen seines Methadon-Rezeptes kam. In den achtzehn Monaten seiner Inhaftierung war er etwas pummelig geworden, was seine bisher bedrohliche Wirkung aufgrund seiner Größe, muskulösen Statur, glühenden dunklen Augen, seines Apachenhaars und seines Fu-Manchu-Schnurrbarts dämpfte. Vielleicht ist er auch milder geworden, da er die ganze Zeit ohne Kokain war. Er schaut aus dem Fenster zum Bürgersteig auf der anderen Straßenseite, wo einige seiner Mitsüchtigen in eine Szene vor dem Armee-Shop verwickelt sind. Es wird viel gestikuliert und scheinbar ziellos hin- und hergelaufen. „Schauen Sie sich das an“, sagt er. „Sie sitzen hier fest. Wissen Sie, Doc, ihr Leben erstreckt sich von hier bis vielleicht zum Victory Square auf der linken Seite und der Fraser Street auf der rechten. Die kommen hier nie raus. Ich will wegziehen, will mein Leben hier nicht mehr vergeuden.“
„Ach, was soll’s. Schauen Sie mich an, ich habe nicht einmal Strümpfe.“ Stan zeigt auf seine abgelaufenen Schuhe und seine abgewetzte rote Jogginghose mit Gummibündchen ein paar Zentimeter über seinen Knöcheln. „Wenn ich in diesem Outfit in den Bus steige, wissen die Leute sofort Bescheid. Sie wenden sich von mir ab. Einige starren mich an, die meisten schauen nicht einmal in meine Richtung. Wissen Sie, wie sich das anfühlt? Als wäre ich ein Alien. Ich fühle mich erst dann wieder wohl, wenn ich hier zurück bin; kein Wunder, dass niemand jemals geht.“
Als er zehn Tage später wegen eines Methadon-Rezepts zurückkehrt, lebt Stan immer noch auf der Straße. Es ist ein Märztag in Vancouver: grau, nass und ungewöhnlich kalt. „Sie wollen nicht wissen, wo ich letzte Nacht geschlafen habe, Doc“, sagt er.
Für viele der chronischen, hartgesottenen Süchtigen in Vancouver ist es so, als ob ein unsichtbarer Stacheldraht das Gebiet umgibt, das sich ein paar Blocks von Main und Hastings aus in alle Richtungen erstreckt. Es gibt eine Welt jenseits davon, aber für sie ist sie größtenteils unerreichbar. Diese Welt hat Angst vor ihnen und lehnt sie ab, und sie wiederum verstehen deren Regeln nicht und können dort nicht überleben.
Es erinnert mich an einen Gefangenen, der aus einem sowjetischen Gulag geflohen war, und sich, nachdem er draußen fast verhungert war, freiwillig wieder inhaftieren ließ. „Die Freiheit ist nichts für uns“, sagte er seinen Mitgefangenen. „Wir sind für den Rest unseres Lebens an diesen Ort gekettet, auch wenn wir keine Ketten tragen. Wir können fliehen, wir können umherziehen, aber am Ende werden wir zurückkommen.“
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Menschen wie Stan gehören zu der kränksten, bedürftigsten und am meisten vernachlässigten Bevölkerungsgruppe überhaupt. Ihr ganzes Leben lang wurden sie ignoriert, im Stich gelassen und haben sich ihrerseits immer wieder selbst aufgegeben. Wie entsteht die Bereitschaft einer solchen Gruppe zu helfen? In meinem Fall weiß ich, dass die Wurzeln dazu in meinen Anfängen als jüdisches Kleinkind im 1944 von den Nazis besetzten Budapest liegen. Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, wie schrecklich und schwierig das Leben für manche Menschen sein kann – ohne dass sie etwas dafür können.
Aber ebenso, wie sich das Einfühlungsvermögen, das ich für meine Patienten empfinde, auf meine Kindheit zurückführen lässt, so gilt dies auch für die intensiven Gefühle der Verachtung, Geringschätzung und Verurteilung, die manchmal aus mir herausbrechen und oft gegen dieselben schmerzgetriebenen Menschen gerichtet sind. Später werde ich darauf eingehen, wie meine eigenen Suchttendenzen auf meine frühkindlichen Erfahrungen zurückzuführen sind. Im Grunde genommen unterscheide ich mich gar nicht so sehr von meinen Patienten – und manchmal kann ich es kaum ertragen zu sehen, wie wenig psychologische Distanz, wie wenig vom Himmel geschenkte Gnade mich von ihnen trennt.
Meine erste Vollzeitstelle als Arzt hatte ich in einer Klinik in Downtown Eastside. Es war eine kurze, sechsmonatige Anstellung, aber sie hat ihre Spuren hinterlassen, und ich wusste, dass ich eines Tages zurückkommen würde. Als mir zwanzig Jahre später angeboten wurde, Klinikarzt im alten Portland zu werden, ergriff ich die Gelegenheit, weil es sich richtig anfühlte: genau die Kombination aus Herausforderung und Sinngebung, die ich zu dieser Zeit in meinem Leben suchte. Ohne groß nachzudenken, verließ ich meine Hausarztpraxis und wechselte in ein von Kakerlaken verseuchtes Hotel im Stadtzentrum.
Was zieht mich hierher? Alle, die wir zu dieser Arbeit berufen sind, reagieren auf eine innere Anziehungskraft, die mit denselben Frequenzen schwingt, die auch im Leben der geplagten, ausgelaugten, dysfunktionalen Menschen in unserer Obhut vibrieren. Aber natürlich kehren wir täglich nach Hause zurück, zu unseren anderen Interessen und Beziehungen, während unsere süchtigen Klienten in ihrem städtischen Gulag gefangen sind.
Manche Menschen fühlen sich zu schmerzvollen Orten hingezogen, weil sie hoffen, dort ihren eigenen Schmerz zu lindern. Andere melden sich freiwillig, weil ihr mitfühlendes Herz weiß, dass ihre Liebe hier am meisten gebraucht wird. Wieder andere kommen aus beruflichem Interesse: Diese Arbeit ist eine ständige Herausforderung. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl fühlen sich vielleicht angezogen, weil es ihr Ego nährt, mit solch hilflosen Menschen zu arbeiten. Einige werden von der magnetischen Kraft der Süchte angezogen, weil sie ihre eigenen Suchttendenzen noch nicht gelöst oder gar erkannt haben. Ich vermute, dass die meisten von uns Ärzten, Krankenschwestern und anderen professionellen Helfern, die in Downtown Eastside arbeiten, von einer Mischung dieser Motive angetrieben werden.
Liz Evans begann im Alter von sechsundzwanzig Jahren in dieser Gegend zu arbeiten. „Ich war überwältigt“, erinnert sie sich. „Als Krankenschwester dachte ich, ich hätte etwas Fachwissen weiterzugeben. Das stimmte zwar, aber ich stellte bald fest, dass ich in Wirklichkeit sehr wenig zu geben hatte – ich konnte die Menschen nicht von ihrem Schmerz und ihrer Traurigkeit erlösen. Alles, was ich anbieten konnte, war, ihnen als Mitmensch, als verwandte Seele, zur Seite zu stehen.“
„Eine Frau, die ich Julie nenne, wurde ab ihrem siebten Lebensjahr von ihrer Pflegefamilie in ihrem Zimmer eingesperrt, mit einer Flüssignahrung zwangsernährt und geschlagen – sie hat eine Narbe am Hals, wo sie sich selbst aufgeschlitzt hat, als sie gerade mal sechzehn war. Seitdem konsumiert sie einen Cocktail aus Schmerzmitteln, Alkohol, Kokain und Heroin und arbeitet als Prostituierte. Eines Abends kam sie zurück, nachdem sie vergewaltigt worden war, und kroch schluchzend auf meinen Schoß. Sie sagte mir wiederholt, dass es ihre Schuld sei, dass sie ein schlechter Mensch sei und nichts Gutes verdient habe. Sie konnte kaum atmen. Ich sehnte mich danach, ihr etwas zu geben, was ihren Schmerz lindern würde, während ich dasaß und sie in meinen Armen hielt. Es war zu intensiv, um es ertragen zu können.“ Denn Liz stellte fest, dass etwas in Julies Schmerz ihren eigenen auslöste. „Diese Erfahrung machte mir deutlich, dass wir verhindern müssen, dass uns unsere eigenen Probleme im Wege stehen.“
„Was hält mich hier?“, sinniert Kerstin Stuerzbecher. „Anfangs wollte ich helfen. Und jetzt … Ich will immer noch helfen, aber es hat sich geändert. Nun kenne ich meine Grenzen. Ich weiß, was ich tun kann und was nicht. Was ich tun kann, ist, hier zu sein und mich für Menschen in verschiedenen Lebensphasen einzusetzen und ihnen zu erlauben, so zu sein, wie sie sind. Wir haben als Gesellschaft die Pflicht, … die Menschen so zu unterstützen, wie sie sind, und ihnen Respekt entgegenzubringen. Das ist es, was mich hier hält.“
Es gibt noch einen weiteren Faktor in der Gleichung. Viele Menschen, die in Downtown Eastside gearbeitet haben, haben es bemerkt: ein Gefühl der Authentizität, der Wegfall der üblichen sozialen Spiele, der Verzicht auf die Heuchelei – die Realität von Menschen, die nicht so tun können, als wären sie etwas anderes als das, was sie sind.
Natürlich lügen, betrügen und manipulieren sie – aber tun wir das nicht alle, auf unsere eigene Art und Weise? Im Gegensatz zum Rest von uns können sie nicht so tun, als seien sie keine Betrüger und Manipulatoren. Sie sind aufrichtig, wenn es um ihre Weigerung geht, Verantwortung zu übernehmen und den sozialen Erwartungen zu entsprechen, sowie um ihre Akzeptanz, alles um ihrer Sucht willen verloren zu haben. Das ist gemessen an den strengen gesellschaftlichen Maßstäben nicht viel, aber man findet paradoxerweise in jedem Betrug, der mit der Sucht zwangsweise einhergeht, einen ehrlichen Kern. „Was erwarten Sie, Doc? Schließlich bin ich ein Süchtiger“, sagte mir einmal ein kleiner, dünner siebenundvierzigjähriger Mann mit einem schiefen und entwaffnenden Lächeln, nachdem es ihm nicht gelungen war, mich zu einem Morphium-Rezept zu überreden. Vielleicht liegt in dieser Art von unverschämter, unentschuldbarer Pseudo-Authentizität eine gewisse Faszination. Wer von uns würde in seinen geheimen Fantasien nicht gerne ebenso leichtfertig und dreist mit seinen Schwächen umgehen?
„Bei uns hier geht man ehrlich mit den Menschen um“, sagt Kim Markel. Sie ist Krankenschwester an der Portland-Klinik. „Ich kann hierherkommen und kann wirklich so sein, wie ich bin. Ich finde das lohnend. Bei der Arbeit in den Krankenhäusern oder den verschiedenen Einrichtungen der Gemeinde gibt es immer den Druck, sich an die Regeln zu halten. Weil unsere Arbeit hier so vielfältig ist und mit Menschen zu tun hat, deren Bedürfnisse so grundlegend sind und die nichts mehr zu verbergen haben, hilft es mir, bei meiner Arbeit authentisch zu sein. Es gibt keinen so großen Unterschied zwischen dem, was ich bei der Arbeit, und dem, was ich außerhalb der Arbeit bin.“
Inmitten der Ruhelosigkeit reizbarer Drogensüchtiger, die für ihr nächstes Hochgefühl lügen und betrügen, gibt es auch häufig Momente der Menschlichkeit und der gegenseitigen Unterstützung. „Es gibt immer wieder erstaunliche Momente der Wärme“, sagt Kim. „Obwohl es eine Menge Gewalt gibt, sehe ich viele Menschen, die sich umeinander kümmern“, fügt Bethany Jeal hinzu, eine Krankenschwester von Insite, dem ersten betreuten Drogenkonsumraum Nordamerikas, der sich in Hastings, zwei Blocks vom Portland entfernt, befindet. „Sie teilen sich Essen, Kleidung und Make-up – alles, was sie haben.“ Die Menschen kümmern sich, wenn jemand krank ist, sie berichten mit Besorgnis und Mitgefühl über den Zustand eines Freundes und sind oft anderen gegenüber freundlicher als normalerweise sich selbst gegenüber.
„Da, wo ich wohne“, erzählt Kerstin, „kenne ich die Person, die zwei Häuser weiter wohnt, nicht. Ich weiß vielleicht vage, wie sie aussieht, aber ihren Namen kenne ich ganz sicher nicht. Hier ist es anders. Hier kennt man sich, und das hat seine Vor- und Nachteile. Es bedeutet, dass die Menschen aufeinander schimpfen und wütend sind, und es bedeutet auch, dass die Menschen ihre letzten fünf Pennys miteinander teilen.“




