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„Ich musste auch meinen Bruder und meine Schwester beschützen. Ich versteckte sie im Keller mit vier oder fünf Flaschen Babynahrung. Sie trugen noch Windeln. Als ich elf Jahre alt war, versuchte ich meinen Großvater abzuweisen, aber er sagte, wenn ich nicht genau das tun würde, was er will, würde er es auch mit Caleb tun. Caleb war damals erst acht Jahre alt.“
„Oh, Gott“, kommt es aus meinem Mund. Ich denke, es ist ein Segen, dass ich nach all den Jahren, die ich in Downtown Eastside arbeite, immer noch fähig bin, schockiert zu sein.
„Und Ihre Großmutter hat Sie nicht beschützt.“
„Das konnte sie nicht. Sie hat so viel getrunken … Jeden Morgen begann sie schon zu trinken. Sie hat getrunken, bis meine Tochter geboren wurde.“
Jahre später wurde Caleb getötet – von drei Cousins nach einem Saufgelage erschlagen und ertränkt. „Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass mein Bruder auch tot ist“, sagt Serena. „Wir standen uns so nahe, als wir Kinder waren.“
Dies war also das perfekte Zuhause, in dem Serena aufgewachsen war, unter der Obhut einer Großmutter, die ihre Enkelin zweifellos liebte, aber völlig unfähig war, sie vor den männlichen Missbrauchstätern in ihrem Haushalt oder vor ihrem eigenen Alkoholismus zu schützen. Und diese Großmutter, die jetzt gestorben ist, war Serenas einzige Verbindung, um tröstende Liebe in dieser Welt zu erhalten.
„Haben Sie jemals mit jemandem darüber gesprochen?“ In Downtown Eastside ist dies fast immer eine rhetorische Frage.
„Nein. Man kann niemandem trauen … Ich kann nicht mit meiner Mutter reden. Wir haben kein Mutter-Tochter-Verhältnis. Wir wohnen im selben Gebäude, wir treffen uns nicht mal. Sie geht direkt an mir vorbei. Das tut mir sehr weh.“
„Ich habe alles versucht. Es hat keinen Sinn. Ich habe so viele Jahre versucht herauszufinden, ob meine Mutter mir nahe sein kann. Und die einzige Zeit, in der sie mir nahe kommt, ist, wenn ich etwas Dope oder Geld in der Tasche habe. Das ist das einzige Mal, dass sie sagt: ‚Tochter, ich liebe dich.‘„
Ich zucke zusammen.
„Das einzige Mal, Maté. Das einzige Mal.“
Ich habe keinen Zweifel, dass, wenn Serenas Mutter über ihr eigenes Leben sprechen würde, eine ebenso schmerzhafte Erzählung herauskommen würde. Das Leiden ist hier generationenübergreifend. Die größte Qual, die fast alle meine Patienten, ob männlich oder weiblich, mir gestehen, ist nicht die Misshandlung, die sie erlitten haben, sondern das eigene Verlassen ihrer Kinder. Das können sie sich niemals verzeihen. Schon die bloße Erwähnung bringt bittere Tränen hervor, und ein Großteil ihres fortgesetzten Drogenkonsums soll die Wirkung solcher Erinnerungen dämpfen. Serena, die hier als das verletzte Kind spricht, schweigt ebenfalls über die eigenen Schuldgefühle gegenüber ihrer vernachlässigten Tochter, die jetzt Crystal Meth konsumiert. Schmerz erzeugt Schmerz. Wer auch immer über eine dieser Frauen urteilen möge, sollte zuerst auf sich selbst schauen.
Wie immer, wenn ich eine unerwartet lange Zeit mit einer Patientin verbringe, bricht die Menge im Wartezimmer in lärmenden Protest aus. „Beeilen Sie sich“, ruft einer lauthals. „Wir brauchen auch unseren Saft!“ Serenas ganzer Schmerz und all ihre Wut explodieren aus ihr heraus in einem lautstarken „Halt’s Maul!“. Ich stecke meinen Kopf aus der Tür, um die nervöse Menge zu beruhigen.
Ich bin damit einverstanden, Serena ein Antidepressivum zu verschreiben, und erkläre ihr, dass es je nach der besonderen Physiologie einer Person funktionieren kann oder auch nicht und dass es Nebenwirkungen haben kann. Und ich sage ihr, dass wir ein anderes Mittel ausprobieren können, wenn dieses nicht wirkt. Ich gebe ihr das Rezept und suche in meinem Herzen nach mitfühlenden Worten, nach Worten, die dazu beitragen könnten, die Qualen zu lindern, die Serenas Herz plagen. Und die Worte kommen, zunächst noch stockend.
„Was Ihnen passiert ist, ist wirklich entsetzlich. Es gibt kein anderes Wort dafür, und es gibt nichts, was ich sagen könnte, das auch nur annähernd anerkennen würde, wie schrecklich, wie ungerecht es für jedes Wesen, für jedes Kind ist, gezwungen zu werden, all das zu ertragen. Aber unabhängig davon akzeptiere ich immer noch nicht, dass die Dinge für irgendeinen Menschen hoffnungslos sind. Ich glaube, dass in jedem Menschen eine natürliche Stärke und angeborene Perfektion steckt. Auch wenn sie von allen möglichen Schrecken und Narben verdeckt sind, sind sie da.“
„Ich wünschte, ich könnte sie finden“, sagt Serena mit einer Stimme, die so erstickt und leise ist, dass ich von ihren Lippen lesen muss, um die Worte zu verstehen.
„Es ist in Ihnen. Ich sehe es. Ich kann es Ihnen nicht beweisen, aber ich sehe es.“
„Ich habe versucht, es mir selbst zu beweisen, und ich bin gescheitert.“
„Ich weiß. Sie haben es versucht und es hat nicht funktioniert und nun sind Sie wieder hier. Es ist sehr schwierig. Es sollte viel mehr Unterstützung geben.“
Schließlich sage ich Serena, dass für einen depressive Menschen alles absolut hoffnungslos aussieht. „So fühlt es sich an, wenn man depressiv ist. Wir werden sehen, wie Sie mit den Medikamenten zurechtkommen. Lassen Sie uns in zwei Wochen wieder miteinander reden.“
Und in dieser Situation fühle ich mich beschämt, beschämt durch meine Schwäche, diesem Menschen nicht helfen zu können. Beschämt, dass ich die Arroganz besaß zu glauben, ich hätte alles gesehen und gehört. Man kann nie alles sehen und hören, denn trotz all ihrer schäbigen Ähnlichkeiten entfaltet sich jede Geschichte in Downtown Eastside in der individuellen Existenz eines einzigartigen Menschen. Jede Geschichte muss jedes Mal aufs Neue gehört, bezeugt und anerkannt werden, jedes Mal, wenn sie erzählt wird. Und ich fühle mich besonders beschämt, weil ich es gewagt habe, mir ein Bild von Serena zu machen, das weniger komplex und leuchtend ist als die Person, die sie ist. Wer bin ich, über sie zu urteilen, weil sie sich dem Glauben verschrieben hat, dass sie nur durch Drogen Erlösung von ihren Qualen finden wird?
Spirituelle Lehren aller Traditionen fordern uns auf, in jedem das Göttliche zu sehen. „Namaste“, der heilige Gruß aus dem Sanskrit, bedeutet: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir.“ Das Göttliche? Es ist so schwer für uns, das Menschliche überhaupt zu sehen. Was habe ich dieser jungen Ureinwohnerin zu bieten, die in den drei Jahrzehnten ihres Lebens die komprimierten Qualen von Generationen ertragen musste: Jeden Morgen eine Antidepressivum-Kapsel, die zusammen mit Methadon genommen wird, sowie ein- bis zweimal im Monat eine halbe Stunde meiner Zeit.
KAPITEL 5
Angelas Großvater
Angela McDowell ist eine Prinzessin der Küsten-Salish, einer indigenen Gruppe, die an der Pazifikküste Nordamerikas in British Columbia, Washington und Oregon beheimatet ist. Sie hat eine aufrechte Haltung, ein ovales Gesicht, dunkle Augen und lange, schwarze Haare, die in Wellen auf ihre Schultern fallen. Hier in Downtown Eastside lebt sie das Leben einer Exilantin. Eine lange, horizontale Narbe überzieht ihre linke Wange. „Ein Mädchen hat mich geschnitten, als ich ins Sunrise Hotel zog“, erzählt sie mir in einem sachlichen Ton.
Sie kommt immer zu spät zu den Terminen, wenn sie diese überhaupt wahrnimmt. Oft übersteht sie einige Tage den Entzug ohne Methadon, bevor sie ihr Rezept einlöst. Oder sie spritzt sich Straßenheroin.
Als Dichterin trägt Angela in ihrer Handtasche ein rosafarbenes Notizbuch mit einer Spiralheftung. Auf jeder Seite stehen in fein säuberlicher Handschrift naive Reime von Hoffnung und Verlust, Trostlosigkeit und Möglichkeiten. Einige, so meine ich, sind authentischer als andere. „Eines Tages werden wir mit dieser Sucht, die wir bekämpfen / alle gewinnen und das Licht sehen“, beschwört sie am Ende eines Gedichts ein Leben, das geprägt ist von der Jagd nach der elenden Droge. Ich habe meine Zweifel: Sind dies ihre wahren Gefühle, oder schreibt sie das, was sie für die angemessene Empfindung hält?
Ich weiß jedoch, dass sie an einem realen Ort gewesen ist, und die Wahrheit, die sie dort erblickt hat, verleiht ihr Autorität. Die Freude, die sie vor langer Zeit erlebt hat, ist in ihrem umwerfend strahlenden Lächeln gegenwärtig. Wenn sich ihre Lippen öffnen, um zu lachen oder zu lächeln, zeigen sich zwei Reihen perfekter, weißer Zähne, die in dieser Ecke der Welt durchaus auffallen. Ihre Augen leuchten, die Anspannung in ihrem Gesicht löst sich und ihre Narbe verblasst. „Die Heilung ist in mir“, sagt sie mir eines Tages. „Ich habe die Stimmen meiner Vorfahren gehört. Als Kind hatte ich einen wirklich mächtigen Geist.“
Angela wurde zusammen mit ihren Brüdern und ihrer Schwester von ihrem Großvater, einem großen Schamanen ihres Stammes, erzogen. „Er war der letzte überlebende McDowell seiner Familie. Alle seine Brüder, Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten wurden getötet, daher wurde mein Großvater in ein Internat geschickt und dort aufgezogen, seit er ein kleiner Junge war. Er wuchs heran, heiratete meine Großmutter und bekam alle seine Kinder – elf Mädchen und drei Jungen. Er trug den Geist all unserer Vorfahren in sich. Jedes First Nation Reservat hat seine eigenen Mächte und Geister. Wir, die Küsten-Salish, tragen die Gabe … – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – wir können den Tod nahezu vorhersagen. Wir sehen Geister. Wir sehen über das Sichtbare hinaus. Wir sehen die andere Seite.“ Sie schüttelt den Kopf, als wolle sie einem Missverständnis meinerseits entgegentreten. „Es ist nicht so, als ob man ein klares Bild sieht – eher so, als ob man etwas aus den Augenwinkeln sieht. Dies ist eine Gabe, die mir überliefert wurde.“
Ein Jahr, bevor Angelas Großvater starb, –sie war sieben Jahre alt–, begann er, sich damit zu beschäftigen, welcher seiner Nachkommen die Gabe weitertragen sollte. „Er musste uns auf seinen Tod vorbereiten und sehen, wer von uns auserwählt wurde. Ein Jahr lang gingen wir jeden Tag zum Fluss, immer an dieselbe Stelle, und nahmen ein Zedernbad – alle Kinder.“
Der Schriftsteller, Kulturkommentator, Süchtige und Bankräuber Stephen Reid hat mir erklärt, dass das spirituelle Bad in kaltem Wasser mit Zedernblättern eine heilige Zeremonie der Küsten-Salish ist. Zurzeit verbüßt er eine lange Gefängnisstrafe im William-Head-Gefängnis auf Vancouver Island, studiert mit einem Salish-Ältesten, der zu Besuch kommt, und fühlt sich hoch geehrt, am spirituellen Bad teilnehmen zu dürfen. In den Erzählungen von Stephen und Angela klingt es wie ein zermürbendes Ritual, das der spirituellen Reinigung dient.
Um fünf Uhr morgens, es ist schon später Winter, führten der alte Mann und seine Frau die Kinder zu einer Gruppe von Zedernbäumen am Flussufer. Im Sommer wie im Winter lagen die Kinder am Ufer, nackt ausgezogen. Der Schamane sang, während ihre Großmutter kleine Zweige von den Stellen riss, wo die aufgehende Sonne auf die Bäume schien. Dann tauchte sie in absoluter Stille, man hörte nur das Rascheln der Blätter und das Rauschen des Baches, die Zweige in das kalte, sprudelnde Wasser. Sie badete die Kinder und bürstete mit den Zweigen ihre Körper. „Sie haben uns abgewaschen und gereinigt und uns für unser Erwachsenenleben gestärkt“, sagt Angela, „um uns darauf vorzubereiten, dass wir keine Knochenbrüche erleiden und dass wir, wenn wir krank sind, nicht sehr lange krank bleiben. Und es war auch eine Möglichkeit für meinen Großvater, herauszufinden, welches von uns Kindern stark genug ist, um die Spiritualität weiterzuführen. Alle unsere Vorfahren leben in diesem Auserwählten weiter.“
„Wie findet er das heraus?“
„Du stehst in eiskaltem Wasser und es fühlt sich an, als würden sie dir die Haut von der Haut kratzen – das ist für ein kleines Kind kein Vergnügen. Wir glaubten nicht, dass es das war, was er uns erzählte. Aber schon bald konnte ich Trommeln hören – die Trommeln der Ureinwohner. Nach einer Weile war es das, was mich beruhigte, das, was ich hörte. Als mein Großvater betete und meine Großmutter mich badete, konnte ich Trommeln hören. Es war so kalt und wir mussten still liegen. Ich beschloss, dass der einzige Weg, es zu überstehen, darin bestand, nicht wahrzunehmen, was mein Körper fühlte. Ich lag einfach nur da, hörte den Trommeln zu und ließ es geschehen. Als die Zeit verging und es schneite, begann ich einen leisen, ruhigen, schönen Gesang in einer Sprache zu hören, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Es war die Musik der Ureinwohner. Seltsam war, dass ich damals noch nicht wusste, wie man Küsten-Salish spricht, aber in dem Moment sang ich mit.“
Ich höre Angela mit Faszination und einer vagen Sehnsucht zu – es ist das Gefühl der verlorenen Verbindung zu vergangenen Generationen. In meinem Leben gab es keine Großeltern. Angela ist durchdrungen von Traditionen und der Welt der Geister. Sie hat die Stimmen ihrer Vorfahren gehört. Ich lese die Stimmen meiner Vorfahren, aber ich höre nur meine eigenen Gedanken.
„Woher kommt das Lied?“, fragte der Schamane Angela eines Tages, als er seine Frau beobachtete, wie sie das Kind mit den Zedernzweigen bürstete, und sah, dass sie, das kleine Mädchen, nicht litt. Sie wurde ihm gebracht, das wusste er, und könnte nun seine Führerin sein. Die beiden gingen langsam den Weg am Fluss entlang und ließen Angelas Brüder, Schwester und Großmutter zurück, bis sie ganz allein waren. Und dort saßen sie auf einer Lichtung, der Schamane und seine junge Enkelin, und lauschten den Stimmen der Toten ihres Stammes. Die Toten vieler Generationen klagten, jammerten und sangen in einer alten Sprache von ihrem Leben, erzählten ihre Geschichten und wie sie seit der Ankunft des weißen Volkes und bereits davor gearbeitet und gekämpft hatten und wie sie gestorben waren. Angela erfuhr die Geschichten und alle Weisheiten.
Ich sehe es in ihr. Ich habe miterlebt, wie sie in meiner Praxis anderen Süchtigen gegenüber Worte des Mitgefühls und des Trostes sprach. Ich war auch beeindruckt von der stillen Zuversicht, mit der sie bei einer öffentlichen Veranstaltung in der Zentralbibliothek von Vancouver die Bühne betrat.
Ich hielt einen Vortrag über Sucht und hatte Angela eingeladen, ihre Gedichte vorzutragen, und wie immer kam sie zu spät. Als ich sie vorstellte, schritt sie zielstrebig von ihrem hinteren Platz auf das Podium zu. Unbekümmert blickte sie über die dreihundert Zuhörer und rezitierte ihre Werke mit klarer, klangvoller Stimme, als wäre es für sie eine selbstverständliche, alltägliche Praxis. Es war eine bewegende Darbietung, die von ihren Zuhörern mit langem und warmem Applaus belohnt wurde.
Diese Lichtung am Fluss ist nach wie vor Angelas Ort der Erhabenheit, auch wenn ihre Verbindung dorthin durch Misshandlungen später in ihrer Kindheit verdunkelt wurde. Sie ist weit weg davongelaufen und weiß nicht, ob sie jemals zurückkehren wird. Sie ist heute keine Hüterin der heiligen Stammesüberlieferungen mehr, sondern lebt in Downtown Eastside als kokainabhängige Hinterhof-Stricherin. „Blow for your dough / play for your pay“ [„Einen blasen für Geld / spielen gegen Lohn“], sagt sie in einem Gedicht.
Doch ihr fröhliches Lächeln und ihre patrizische Autorität verdankt sie ihrem tiefen Wissen, dass es einen solchen Ort gibt und dass sie dort gewesen ist und die Stimmen gehört hat. Sie sprechen zu ihr durch all ihr Elend hindurch. Sie helfen ihr immer noch, sich selbst zu finden. „Spiegel meines inneren Selbst, was sehen andere?“, fragt Angela in einem ihrer Verse. „Ist es die Wahrheit in meinem Herzen oder menschliche Eitelkeit? Und was sehe ich?“
KAPITEL 6
Tagebuch einer Schwangerschaft
Dies ist die kurze Schilderung einer Schwangerschaft – und der Geburt eines opiatabhängigen Säuglings von einer süchtigen Mutter. Trotz ihrer Entschlossenheit, sich ihren Dämonen zu stellen, wird die Mutter nicht in der Lage sein, ihr Kind zu behalten. Ihre Mittel werden nicht ausreichen, und weder ihre Bitten an die göttliche Stimme in ihrem Herzen noch die Unterstützung, die wir in Portland bieten können, werden ausreichen, um ihr bei der Verwirklichung ihres heiligen Ziels, ihre Aufgabe als Mutter zu erfüllen, zu helfen.
Juni 2004
Ich eile in den fünften Stock, wo Celia völlig außer Kontrolle geraten sein soll und droht, aus dem Fenster zu springen. Das ist keine leere Drohung, andere haben es vor ihr schon getan. Der Widerhall des die Wände durchdringenden Geschreis erreicht mich im Treppenhaus zwei Stockwerke tiefer, während ich auf den Lärm zurenne.
Ich finde Celia, die barfuß auf Glasscherben randaliert und aus mehreren kleinen Schnitten blutet. Der Boden glitzert von den Scherben zerbrochener Bildschirme, Gläser und zerborstenen Geschirrs, beleuchtet von der Mittagssonne, die ihre Strahlen in einem scharfen Winkel in den Raum wirft. Die ausgeweidete Fernsehkonsole liegt im Flur. Lebensmittelreste tropfen von den Wänden und von kaputten Holzstühlen. Überall liegt Kleidung herum. Auf der Küchentheke gurgelt und zischt eine kleine Espressomaschine und verbreitet das scharfe, säuerlichen Aroma von verbranntem Kaffee. Ein paar blutverkrustete Spritzen liegen auf dem Tisch, dem einzigen noch intakten Möbelstück.
Celia stampft umher und brüllt mit einer Stimme, die schon nicht mehr menschlich klingt: kratzig, hoch und knirschend. Tränen strömen ihr aus den rot geschwollenen Augen über die Wangen und zittern tröpfchenweise am Kinn. Sie trägt ein schmutziges Nachthemd aus Flanell. Es ist eine überirdische Szene, die sich da bietet.
„Ich hasse ihn, verdammt noch mal. Beschissener, gottverdammter, fucking Bastard.“ Als Celia mich sieht, kippt sie auf der zerlumpten Matratze in der Ecke um. Ich kicke einen Stapel Handtücher beiseite und kauere mich gegen das Balkonfenster. Im Moment gibt es nichts zu sagen. Während ich auf ein Zeichen von ihr warte, dass sie zum Kontakt bereit ist, lese ich das Gebet, das sie an die Wand über ihr Bett geschrieben hat: „Oh, Großer Geist, dessen Stimme ich im Wind höre und dessen Atem der ganzen Welt um mich herum Leben einhaucht, höre unser Weinen, denn wir sind klein und schwach.“ Es endet mit einer Bitte: „Hilf mir, Frieden mit meinem größten Feind zu schließen – mit mir selbst.“
Juni 2004: nächster Tag
Celia ist ruhig und sogar heiter, während sie auf ihr Methadon-Rezept wartet. Sie scheint über mein Erstaunen amüsiert zu sein.
„Ihr Zimmer ist wieder aufgeräumt, sagen Sie?“
„Nun, es ist makellos.“
„Wie kann es makellos sein?“
„Ich hab‘s mit meinem Alten wieder hergerichtet.“
„Der Typ, den Sie hassen?“
„Ich hab gesagt, dass ich ihn hasse, aber das stimmt nicht.“
Mit ihrem sanften Gesichtsausdruck, den klaren Augen, den glatten braunen Haaren und ihrem ruhigen Auftreten ist Celia eine attraktive dreißigjährige Frau. Es ist unmöglich, in ihr die wütende Xanthippe zu erkennen, die ich vor weniger als vierundzwanzig Stunden erlebt habe. „Was, glauben Sie, hat Sie so aus der Haut fahren lassen?“, frage ich sie. „Sie waren aufgebracht, aber da muss noch irgendeine Droge mit im Spiel gewesen sein, die Sie so verrückt gemacht hat. Irgendwas hat Sie völlig umgehauen.“
„Nun ja, stimmt. Koks. Es ist sehr explosiv. Je weniger Dope [Heroin] ich nehme, desto mehr Zeugs aus der Vergangenheit kommt an die Oberfläche. Ich weiß nicht, wie ich mit meinen Gefühlen umgehen soll. Mit Crack kommen Erinnerungen an sensible – unglaublich sensible – ungelöste Dinge in meinem Leben hoch. Dinge, die mich verletzt haben, sie überwältigen mich, bis zu dem Punkt, dass ich völlig am Boden zerstört und verzweifelt bin oder wie ein Vulkanausbruch – es ist erschreckend für mich.“
„Sie stocken Ihr Methadon also immer noch mit Heroin auf. Warum?“
„Weil ich diesen Komazustand will, in dem ich nichts mehr fühle.“ Celia spricht langsam, fast förmlich, mit ihrer tiefen, heiseren Stimme – in einer nachdenklichen, überzeugenden und klaren Weise. Eine Zahnlücke lässt sie ein wenig lispeln.
„Was ist es, das Sie nicht fühlen wollen?“
„Jede Person, der ich jemals vertrauen wollte, hat mich verletzt. Ich bin wirklich in Rick verliebt, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er mich nicht auch betrügen wird. Das geht direkt auf meinen sexuellen Missbrauch zurück.“
Celia erinnert sich, dass sie im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal sexuell missbraucht wurde, und zwar von ihrem Stiefvater. „Das ging acht Jahre lang so. Seit Kurzem erlebe ich den Missbrauch in meinen Träumen wieder.“ In ihren Albträumen ist Celia mit dem Speichel ihres Stiefvaters getränkt. „Das war ein Ritual“, erklärt sie fast nüchtern. „Als ich ein kleines Mädchen war, stand er über meinem Bett und spuckte mich am ganzen Körper an.“
Ich erschaudere. Nach drei Jahrzehnten als Arzt glaube ich manchmal, dass ich jede Art von Verderbtheit gehört habe, die Erwachsene jungen und ungeschützten Menschen antun können. Aber in Downtown Eastside werden immer wieder neue Kindheitsschrecken enthüllt. Celia quittiert meinen Schock mit einem Flackern ihrer Augenlider und einem Nicken und fährt dann fort. „Mein Alter, Rick, war bei der Armee in Sarajevo, und er leidet nun unter posttraumatischem Stress. Da bin also ich, die wegen ihrer Albträume von sexuellem Missbrauch aufwacht, und ich habe ihn, der aufwacht und wegen der Waffen und dem Tod schreit …“
„Sie nehmen also Drogen, um von den Schmerzen wegzukommen“, sage ich nach einer Weile, „aber der Drogenkonsum verursacht mehr Schmerzen. Wir können Ihre Opiatabhängigkeit mit dem Methadon in den Griff bekommen, aber wenn Sie wollen, dass dieser Kreislauf aufhört, müssen Sie sich verpflichten, das Kokain aufzugeben.“
„Das tue ich. Ich will das mehr als alles andere.“ Im Wartebereich vor meinem Praxiszimmer werden die Patienten unruhig. Jemand schreit. Celia winkt abweisend mit der Hand.
Ich lächle sie an. „Sie klangen gestern gar nicht so anders.“
„Ich war viel schlimmer als das. Ich war völlig verrückt.“
Das Geschrei geht weiter, diesmal lauter. „Verpiss dich, du gottverdammtes Arschloch“, schreit Celia, ihr Tonfall plötzlich bösartig. „Ich spreche mit dem Arzt!“
August 2004
Ich mag es, wenn Musik aus der kleinen Musikanlage hinter meinem Schreibtisch tönt. Meine Patienten, von denen nur sehr wenige mit klassischer Musik vertraut sind, sagen oft, dass sie es als willkommene, beruhigende Überraschung empfinden. Heute ist es Kol Nidrei, Bruchs Vertonung des Gebetes der jüdischen Seele um Sühne, Vergebung und Einheit mit Gott. Celia schließt ihre Augen. „Das ist so schön“, seufzt sie.
Als die Musik zu Ende ist, erwacht sie aus ihrer Träumerei und erzählt mir, dass sie und ihr Freund Pläne für die Zukunft schmieden.
„Was ist mit Ihrer anhaltenden Sucht? Bedeutet das ein Problem für Sie oder für ihn?“
„Nun ja, schon, denn ich bin ja nicht mit meinem ganzen Ich präsent. Sie bekommen nicht das Beste von einem Menschen, wenn er süchtig ist, stimmt’s?“
„Richtig“, stimme ich zu. „Ich habe es selbst erlebt.“
Oktober 2004
Celia ist schwanger. Hier in Downtown Eastside ist das im besten Fall immer ein gemischter Segen. Man könnte meinen, dass der erste Gedanke eines Arztes bei einer frisch schwangeren, drogensüchtigen Patientin ist, zur Abtreibung zu raten. Aber die Aufgabe des Arztes – ob bei dieser oder einer anderen Bevölkerungsgruppe – besteht darin, die eigenen Präferenzen der Frau zu ermitteln und gegebenenfalls die Optionen zu erläutern, ohne Druck auszuüben, sich für diesen oder jenen Weg zu entscheiden.
Viele süchtige Frauen entscheiden sich für ihre Kinder, anstatt den Weg eines vorzeitigen Schwangerschaftsabbruchs zu gehen. Celia ist entschlossen, die Schwangerschaft durchzustehen und das Kind zu behalten. „Sie haben mir meine ersten beiden Kinder weggenommen; dieses Kind werden sie mir niemals nehmen“, schwört sie.
Eine Durchsicht von Celias Krankengeschichte der letzten vier Jahre offenbart nichts Ermutigendes. Mehrere Selbstmorddrohungen. Unfreiwillige Einweisung in die Psychiatrie, weil sie während eines Brandes im Washingtoner Hotel nicht von der Feuertreppe runterkommen wollte. Zahlreiche körperliche Verletzungen – Knochenbrüche, Prellungen, blaue Augen, Abszesse, die mittels einer chirurgischen Drainage behandelt wurden, Zahninfektionen, Lungenentzündungen, die einen Krankenhausaufenthalt erforderlich machten, Ausbruch einer Gürtelrose, wiederkehrender Pilzbefall im Mund, eine seltene Blutinfektion – Manifestationen eines Immunsystems, das von HIV geschwächt und durch häufige Drogeninjektionen bis an die Grenze seiner Belastbarkeit gefordert wird. Celia hielt sich lange Zeit nicht an die vorgeschriebenen antiviralen Behandlungen. Ihre Leber ist durch Hepatitis C geschädigt. Der einzige hoffnungsvolle Aspekt ist, dass sie seit ihrer Zeit mit Rick, ihrem derzeitigen „Alten“, ihre HIV-Medikamente regelmäßig einnimmt und ihre Immunwerte wieder in den sicheren Bereich geklettert sind. Wenn sie die Behandlung fortsetzt, wird sich ihr Baby nicht infizieren.




