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Manche beschränken sich nur auf das, aber es gibt welche, die sehr stur sein können. Sie kommen manchmal bedrohlich nahe und bellen uns an, haben sonst nichts zu tun, die armen Hunde. Da ist so ein Zug eine willkommene Abwechslung für ein bisschen Machtspiel.
Wir müssen jedoch energisch durchgreifen, um sie von unseren fernzuhalten. Im Normalfall reicht es, wenn wir sie anschreien, nur selten müssen wir sie mit der, mit Wasser gefüllten, Spritzpistole, die eigens dafür bereitgehalten wird, bespritzen. Das ist für die Meisten unangenehm, sie ziehen sich zurück. Die James Bond-Methode funktioniert.
Ganz schlimm ist es, als wir in Manduria ankommen. In der Altstadt sind wir durch das Kopfsteinpflaster gezwungen, noch langsamer zu fahren und genau da sind einige Rudel streunender Hunde. Sie bewegen sich wie die Gangs in den Ghettos. Das sind die Unangenehmsten, denn das Rudel macht sie stark. Der Kleinste hat in der Regel das größte und lauteste Maul, ja wie bei den Gangs eben. Unsere bellen natürlich zurück, denn die fühlen sich durch uns auch stark, und so ist der Ärger vorprogrammiert.
Da müssen wir das Rudel laut anschreien und bespritzen, um es fernzuhalten, bis es dann doch aufgibt, uns zu verfolgen. Das ganze kostet uns und unseren Hunden sehr viele Nerven. So ein Theater müssen wir in fast jeder Stadt veranstalten, denn freie oder streunende Hunde gibt es hier überall, mehr oder weniger. Das gehört zum Stadtbild dazu. Die Bürger haben gelernt mit diesem Zustand zu leben und dulden es stillschweigend.
Wir wollen in Manduria Gianni besuchen, um uns bei ihm zu bedanken. Er hat eine Metzgerei und uns vor einiger Zeit etwas Geld für die Reise gesponsert. Davon haben wir ein Wägelchen gekauft. Doch als wir vor seinem Geschäft stehen, ist es wegen Sommerferien geschlossen. Nebenan ist ein Supermarkt. Wir wollen nun diesen Halt nutzen, um etwas zum Essen zu kaufen.
Das heutige Nachtlager suchen wir uns wieder in einem Olivenhain außerhalb der Stadt und fahren am nächsten Morgen wieder frisch und gemütlich durch Oria. An ihrer mittelalterlichen Burg machen wir keinen großen Halt.
Den legen wir erst in Francavilla ein. Natürlich mitten in der Piazza, wo wir für Gesprächsstoff sorgen und sogar noch ein paar bescheidene Spenden von einigen Sympathisanten bekommen. Darüber freuen wir uns sehr, weil uns die Leute auf diese Art bestätigen, dass sie unsere Aktion befürworten.
Sabine spricht nicht viel mit den Leuten, hält sich bewusst und gekonnt zurück, zum einem, weil sie nicht so gut italienisch kann und zum anderen, weil sie etwas schüchtern ist und so wie sie selbst von sich behauptet, nicht so wortgewandt ist wie ich. Ich denke, das ist nur eine Überwindung-Sache, bis sie das richtige Gefühl bekommt, um sich frei mit wildfremden Menschen, die obendrein eine andere Sprache sprechen, zu unterhalten.
Wir Italiener haben damit bekanntlich keine großen Probleme, denn wir benutzen zum Glück, Hände und Füße wo es nur geht, um uns Verständnis zu verschaffen. So vergeht auch dieser Tag, kurz vor Ostuni verbringen wir die Nacht zwischen Oliven-und Mandelbäumen.
Ich erzähle das alles so ausführlich, um zu veranschaulichen, wie so ein typischer Europatour-Alltag abläuft.
Was den Zeltplatz angeht, haben wir hier im Salento, die Qual der Wahl. Es bieten sich zahlreiche gute und ruhige Stellen an. Die Leute und die Grundstückbesitzer haben in der Regel keine Einwände, wenn man für eine Nacht das Zelt dort hinstellt, wo es niemanden stört, nichts kaputtmacht und seinen Müll natürlich wieder mitnimmt. Respekt vor Privateigentum und der Natur ist aber die Voraussetzung dafür.
Am fünften Tag gegen 10 Uhr 30 kommen wir in Ostuni an, auch die weiße Stadt genannt. Sie liegt auf einem Hügel etwa 230 Meter über dem Meeresspiegel und ist deshalb von weitem zusehen, mitten im Dunkelgrün der Olivenbaum Plantagen.
Die Stadt hat rund 32.500 Einwohner, mit ihren zahlreichen kleinen Badeorten an der Adriaküste und der historischen Altstadt macht es sie zu einer beliebten touristischen Attraktion.
Wir fahren direkt zu Enzo in sein Fahrradgeschäft und freuen uns, uns wieder zu sehen, aber die Zeit drängt, deshalb fangen wir gleich mit den Vorbereitungen an. Es gibt viel zu tun, die Räder müssen durchgecheckt, einige Teile repariert oder eingestellt werden.
Den heutigen und den morgigen Tag haben wir noch zur Verfügung, um alles zu schaffen und das ist wahrlich nicht wenig, was wir zu erledigen haben.
Die Hunde haben einen Termin in einem Hundesalon.
Jedes komplette Gespann muss vor dem offiziellen Start gewogen werden,
das TV Team von Rai3 möchte einen umfangreichen Bericht über uns drehen.
Ein Treffen mit einigen Leuten vom Club ist auch vorgesehen.
Die Route und wichtige logistische Aspekte müssen durchgesprochen werden
und noch vieles mehr.
Heute und besonders Morgen, sind wir Fünf das gefragteste Bildmotiv, die Attraktion schlechthin.
Der Bürgermeister Signor Tanzarella hat uns die Genehmigung erteilt, in der kleinen umzäunten Parkanlage, in einer relativ ruhigen Lage der Stadt, die bevorstehende Nacht in unserem Zelt verbringen zu dürfen.
Piero, der Präsident des Clubs, besucht uns. Der sportliche Bankangestellte, ist einige Jahre älter als Enzo. Er ist an bestimmte Fragen interessiert, weil er heute Abend ein Interview bei den regionalen Tageszeitungen "La Gazzetta del Mezzogiorno" und "Quotidiano" abgeben wird. Es ist nicht verwunderlich, wenn er über das Ereignis, richtig informiert sein will.
Er persönlich ist von unserem Vorhaben begeistert. Wirkt jedoch auf mich etwas skeptisch, was das Erreichen unserer Ziele anbelangt. Ist aber nur so ein Bauchgefühl von mir.
Tag 5 - km 128
18. bis 21. August 2008

Abb.6- Die Athleten. Von links nach rechts: Whisky, Mona und Fido.

Abb. 7-Campen zwischen den Olivenbäumen.
KAPITEL 3
DIE OFIZIELLE ABFAHRT VON OSTUNI
22. AUGUST 2008
Die Nacht hier im Stadtpark war relativ ruhig. Gestern Abend haben sich noch ein paar Jugendliche hier getroffen, aber die haben uns nicht gestört, und der Autoverkehr nebenan war auch nicht wirklich laut.
Wir haben auf unserer Luftmatratze relativ gut geschlafen. Heute Morgen gibt es viel zu erledigen.
Als erstes bringen wir die Hunde zum Hundesalon. Die zierliche, junge Inhaberin möchte unseren Vierbeinern jeweils eine rundum Fellpflege mit Schnitt und Anti-Parasiten-Lotion spenden. Das hat sie uns vor Wochen schon gesagt, als sie von unserem Vorhaben erfahren hat.
Ob sie weiß, was sie erwartet? Die drei werden nicht still da sitzen und sich das Fell schneiden, geschweige denn, sich shampoonieren zu lassen. Das wird einige Stunden dauern, schließlich ist eine Hunde-Dame dabei.
Also können wir uns in der Zwischenzeit auf die Fahrräder konzentrieren. Nachdem wir bei Enzo die Drahtesel instand gesetzt haben, bekommen wir die Cappottine. Das sind spezielle Überdecke, die an die Räder montiert werden, um uns vor den starken Sonnenstrahlen und vor dem Regen zu schützten, aber auch für mehr Aufmerksamkeit zu sorgen.
Wir bekommen auch jeweils zwei Paar Radler Hosen und Trikots, die bedruckt sind mit einigen lokalen Firmenlogos. Diese werden wir immer in der Öffentlichkeit tragen, das Konzept soll nicht den sportlichen Aspekt verlieren. Anschließend holen wir unsere kleinen Freunde wieder vom Salon ab.
Groß ist die Freude, als sie uns wiedersehen. Denn so eine Prozedur kennen sie nicht. Das wird ihnen wohl keinen Spaß gemacht haben, aber sie sollen heute Abend eine gute Figur abgeben. Sie werden im Mittelpunkt stehen bei den Besuchern und vor allem bei den Reportern.
Heute genießen sie die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Sie sind die Akteure, die zu bewundern sind. Herausgeputzt hat man sie schon.
Die Mona schaut mich an, als ob sie sagen will: „Kannst du dir abschminken Herrchen. So was mach ich nie wieder!“.
Der Fido sieht ziemlich glücklich aus.
Der Whisky schaut dagegen recht abgemagert aus der Wäsche, jetzt wo ihm drei Kubikmeter Haare abgenommen wurden.
Gleich danach fahren wir zu unserem Camp wieder zurück. Dort haben wir einen Termin mit dem Filmteam. Sie drehen einige Stunden für einen Beitrag.
Auch diese Prozedur ist für unsere Hunde anstrengend, genauso wie für uns. Auf Kommando müssen wir fahren, erzählen, erklären, zeigen, nicht aus der Puste kommen und geduldig sein.
Zum Ausruhen haben wir heute leider keine Zeit. So bauen wir das Zelt ab und verstauen alles auf die Gespanne. Jetzt müssen wir sie wiegen lassen. Das dürfen wir bei einer kleinen Firma in der Nähe tun.
Das komplette Gespann von Sabine wiegt, natürlich ohne Mensch und Tier, 90 kg und meines 110 kg! Das ist wahrlich nicht wenig, obwohl wir wirklich nur das Allernötigste eingepackt haben, an Gewicht und Volumen gespart, wo es nur ging.
Wir kennen uns zwar mit Schwertransporten aus, aber das hier müssen wir selbst aus eigener Kraft durch die Ländle ziehen. Wir schleppen praktisch unser ganzes Hausinventar mit, die Utensilien, die für die nächsten vier Jahreszeiten zum Einsatz kommen sollen.
Jetzt müssen wir ins Zentrum. Der Startschuss wird in der Piazza della Libertà um circa 17 Uhr gegeben. Davor wird es noch eine Pressekonferenz mit einigen Politikern geben.
Der Weg dorthin führt durch die halbe Stadt. Da heute in den zwei meist gelesenen Regionalzeitungen, ein Bericht mit Bild von uns zu sehen gibt, erkennen uns die Leute. Deshalb grüßen viele oder applaudieren.
Für uns ist es ein ungewohntes Gefühl. Das ist zwar schön, aber eben noch sehr gewöhnungsbedürftig. Als wir in der besagten Piazza ankommen, werden wir gleich von einigen Sympathisanten umzingelt.
Viele sind gekommen um den Start zu erleben. Einige sind Hundehalter, die natürlich ihren Hund dabei haben. Das macht unsere nervös. Viele sind vom Sportverein. Sie wollen uns mit ihrem Rad durch die Stadt nach dem Startschuss begleiten.
Wir platzieren uns mitten auf den Platz, unsere Hunde sind sehr angespannt. So eine Situation sind sie noch nicht gewöhnt. So viele Leute, viele Hunde, viele Reporter, die sie ständig filmen und fotografieren. Sie wirken etwas verloren. Auch für uns ist es nicht leicht.
Wir versuchen ständig die Hunde zu beruhigen, gleichzeitig aber mit Leuten unterhalten, den Fragen der Reporter beantworten und immer schön in die Kameras lächeln. Die Leute von der Tierschutzorganisation sind da.
Sie stellen sich vor und meinen dann gleich, dass sie zuerst unsere Hunde untersuchen wollen, mit Blutabnahme usw., bevor wir losfahren. Dem stimme ich aber nicht zu. Wir haben die Zeit nicht mehr und wir wollen unseren Vierbeinern diesen zusätzlichen Stress ersparen.
Ich bin sauer, denn sie haben ganze zwei Monate Zeit gehabt, um sich darum zu kümmern. Denn solange wissen sie schon von unserem Vorhaben.
Außer heiße Luft kam bis dato nichts, was sie von sich gegeben haben. Wahrscheinlich haben sie nicht wirklich geglaubt, dass wir unsere Aktion durchziehen und haben uns nicht ernst genommen.
Ich schlage ihnen ein Kompromiss vor, sie könnten die Untersuchung unterwegs nachholen, in einem Ort, der auf unserem Weg liegt. Sie stimmen zu, aber sie wirken etwas seltsam auf mich.
Keiner von ihnen hat versucht sich unseren kleinen Athleten zu nähern, sie kennenzulernen, sie zu streicheln, das ist äußerst merkwürdig. Ich habe den Eindruck, dass sie nicht wirklich begeistert sind von unserem Konzept.
Die vielen Reporter stellen viele Fragen in Bezug auf die Fahrt:
wie die Idee zustande gekommen ist;
wie unser Training und das der Hunde war;
was wir uns von diesem gewagten Abenteuer erwarten;
welche Kriterien bei der Wahl der Route beigetragen haben
und und und.
Ich persönlich habe nicht so viele Medien erwartet.
Es sieht so aus, und da übertreibe ich nicht, als ob mehr Medienoperatoren anwesend sind als Besucher und Zuschauer. Das liegt höchstwahrscheinlich daran, dass gar keine Werbung über dieses Event gemacht wurde.
Wie dem auch sei, wir sind positiv überrascht. Von unserer Aktion werden also mindestens acht Fernsehsender und noch viel mehr Zeitungen berichten. Und das können wir auf jeden Fall schon mal als einen großen Erfolg bezeichnen.
Als dann die politischen Vertreter eintreffen, werden wir gebeten uns mit unserer Karawane in den Rathausinnenhof zu begeben. Dort wurden mehrere Stuhlreihen und eine große Bühne, eigens für die Pressekonferenz, aufgestellt. Auf der Bühne steht ein langer Tisch.
An dem sitzen:
Piero, der Präsident des Radsportclub,
Enzo, der Vizepräsident und Sprecher der Konferenz,
der Regionalpräsident der Radsportorganisation,
der Assessor der Provinz Brindisi und
der Bürgermeister der Stadt Ostuni.
Wir sind beide beeindruckt von so viel Einsatz und Mühe seitens der Organisatoren. Sie werden diese Gelegenheit nutzen um sich zu profilieren, was auch in Ordnung ist, solange sie uns wirklich helfen werden.
Sie halten alle mein Buch in der Hand und blättern es durch. Tagebuchähnlich beschreibe ich darin meine Erlebnisse der letzten Fahrt im Jahre 2006. Ein Buch, das die Interessenten gegen eine kleine Spende haben können, da es nicht im Handel zu kaufen gibt.
Seitlich und in der Mitte über den Tisch sind große Werbeplakate angebracht. Zuerst stellt Enzo die Politiker vor, dann uns und spricht anschließend die Einführung. Erklärt ein paar wichtige Einzelheiten in Bezug auf die Reise und dass sie, als Freunde und als Vertreter des Radsportclubs, glücklich sind, uns bei unserer Mission helfen zu können.
Ungefähr dasselbe „bla bla“ erzählen auch, einer nach dem anderen, die politischen Vertreter, während sie uns volle Unterstützung versprechen! Jeder macht natürlich Werbung für das, was er vertritt.
Besucher und Fotoreporter machen eine Unmenge von Fotos. Ich gebe einige Interviews ab. Dann gehen wir alle wieder auf die Piazza, stellen uns für den Start auf, bedanken und verabschieden uns von der Menge.
Die Hunde sind ganz nervös. Es ist später geworden, als wir dachten und bald wird es dunkel. Also mache ich etwas Druck, daraufhin hebt der Bürgermeister endlich die Fahne hoch.
Auf die Plätze, fertig, los!
Die Leute jubeln, wünschen uns Glück, klatschen die Hände und winken.
„Ciao, wir sehen uns hoffentlich in mehr als einem Jahr wieder.“,
brüllen wir in die Menge zurück.
Jetzt noch eine Ehrenrunde durch die wichtigste Arterie der Stadt.
Viele begleiten uns mit dem Fahrrad, auch das Fernsehteam ist mit einem Roller mit dabei. Die Fahrt durch die hügelige Stadt erweist sich für uns, mit dem schweren Gespann, als eine Tortur, besonders für Sabine.
Sie ist froh, wenn wir das hier hinter uns gebracht haben. Nach und nach verlassen uns die Begleiter. Nun geht auch der Letzte. Wir sind endlich aus der Stadt.
Es ist fast dunkel. Wir müssen schnell irgendwo ein Nachtlager ausfindig machen. Nur gut, dass ich die Gegend hier kenne. Ich weiß in etwa wo ein Platz ist, der für uns in Frage kommt.
Keine zwei km aus der Stadt schlagen wir unser Zelt, neben einem bewohnten Haus in einem Olivenhain, auf. Für heute reicht es. Wir machen nur das Nötigste. Die Hunde bekommen zu fressen und dann die verdiente Nachtruhe. Für alle war heute ein sehr anstrengender, ereignisreicher und turbulenter Tag. Gute Nacht!
Tag 6 - km 137
22. August 2008

Abb.8- Die offizielle Abfahrt aus Ostuni in Süditalien.

Abb. 9-Der Empfang der Gemeindedelegation in Latiano.
KAPITEL 4
VON OSTUNI ÜBER LATIANO NACH TARANTO
23. BIS 25. AUGUST 2008
Ich liebe es, wenn mich frühmorgens die Vögel mit ihrem sanften Gesang vom Schlaf erlösen. Es ist herrlich, wie hunderte verschiedene Töne zu einer Sinfonie zusammen gezaubert werden. Eine Improvisation der Natur und das, bevor ich überhaupt die Augen geöffnet habe. Es ist schön so aufzuwachen.
Ich stehe auf und gehe zuerst mit den Hunden Gassi, Sabine soll noch eine Weile schlafen. Der gestrige Tag war sehr anstrengend für sie.
Der ganze Rummel war auch für die Kleinen nicht so toll, aber ich denke, sie werden sich an neue Situationen gewöhnen. Es wird alles neu sein.
Jeden Tag ständig wechselndes Terrain, neue Leute, neue Gerüche, neue Schlafplätze und auch der Tagesablauf hat nichts gemeinsam mit dem, was sie von zu Hause her kennen.
Aber sie sind sehr flexibel. Es sind glückliche und zufriedene Tiere, solange sie uns und ihr Futter haben. Ganz egal wo das ist. Mehr verlangen sie nicht.
Sie spüren unsere Gefühlslage. Bei Freude spielen und freuen sich mit uns und bei Traurigkeit schmiegen sie sich an. Das sind Anpassungskünstler. Für sie ist diese Abenteuerfahrt das Aufregendste, was ihnen passieren konnte.
Das Frühstück schmeckt uns an diesem schönen Sommermorgen besonders gut. Wir haben das Gefühl, dass wir alle gestern optimale Arbeit geleistet haben. Alles was wir gemacht haben, war nahezu professionell. Dabei haben wir nichts davon geprobt.
Die Filmaufnahmen zum Beispiel oder das Auftreten vor einem Publikum, die Interviews vor laufender Kamera. Selbstbewusst die vielen Fragen der Leute und Reporter beantwortet.
Es ist unglaublich, was man alles schaffen kann, wenn man seine Ideale mit einer gewissen Leidenschaft, Ehrgeiz und Erfolgsdurst durchsetzen will.
Man fühlt sich stark. Man merkt plötzlich, wie viel Potenzial in einem steckt! Ich glaube, diese Reise hat noch mehr Überraschungen für uns parat.
Es geht auf einem geteerten Feldweg weiter, meine „Ragazza“ strampelt sich warm durch die sehr farbenprächtige Campagna, dann schaut sie kurz zu mir nach hinten und leicht hechelnd sagt sie:
„Im Gegensatz zu gestern sind die Gespanne etwas schwerer geworden oder?“
Ich erlaube mir einen Witz und antworte ihr:
„Du hast bestimmt den Anker noch nicht rein geholt!“
In der nächste Sekunde, ganz unangekündigt, legt sie eine Vollbremsung hin, so dass ich, der ja die ganze Zeit über direkt hinter ihr, quasi Stoßstange an Stoßstange fuhr, nicht mehr reagieren kann und es kommt wie es kommen muss.
Ich fahre schon seit meinem achtzehnten Geburtstag Fahrzeuge verschiedenster Art und Größe, bestimmt schon einige Millionen Kilometer weit.
Das ist aber mein erster Auffahrunfall!
Ich bin sprachlos, sogar schockiert, oder habe ich ein Auffahrunfall-Trauma? Wie soll ich mich jetzt rechtfertigen? Soll ich mich überhaupt rechtfertigen oder habe ich gar keine Chance?
In Carovigno machen wir kurz am Brunnen im Stadtpark halt und waschen uns etwas von den Schweiß ab.
Sabine hält mir immer noch Vorträge, wie schlecht meine Reaktion doch ist! Sie meint, meine Fahrweise lässt zu wünschen übrig. Ich solle mir an ihr ein Beispiel nehmen!
Ich bin ruhig und gelassen, dabei denke ich, dass sie eine Frau ist und DNA-bedingt immer Recht hat. Also kaue ich an meinem Stück Brot und singe in Gedanken „La Paloma“, mit der Hoffnung, dass sie noch vor der französischen Grenze mit den Vorwürfen aufhört!
Hier waren wir schon während der Trainingszeit. Daher kennen wir die Strecke gut und wissen genau, wo die streunenden Hunde sind.
Das ist aber nicht unbedingt von Vorteil, denn man kann ihnen nicht ausweichen. Wir können nur hoffen, dass sie sich während unserer Durchfahrt woanders aufhalten. Einfach um uns etwas Ärger zu ersparen.
In einem kleinen Geschäft kaufe ich eine italienische Fahne ein und stecke sie hinten an mein Wägelchen an. So flattert sie im Fahrtwind und erfüllt gleich zwei Funktionen. Die Autofahrer sehen uns besser und man weiß, aus welchem Land man kommt.
Auch heute stehen große Artikel in den Tageszeitungen über uns. Viele Leute haben uns im Fernsehen gesehen. Das merken wir, weil sie uns zuwinken und grüßen.
Gegen Mittag kommen wir in San Vito dei Normanni an und würden uns gerne kurz auf der Piazza aufstellen.
Aber es ist Mittagszeit. Das heißt, alle Geschäfte sind schon geschlossen. Folglich sind keine Leute mehr unterwegs und obendrein ist es sehr heiß. 36 Grad zeigt das Thermometer an. Das ist auch für uns zu heiß, deswegen flüchten wir regelrecht aus der Stadt raus und machen eine lange Pause mit Siesta unter einem Olivenbaum.
Um 18 Uhr kommen wir in Latiano an. Vor dem Touristenbüro wartet ein Empfangskomitee auf uns.
Die Delegation der Stadt setzt sich aus einigen Assessoren zusammen. Der Leiter des Touristenbüro Prof. Galasso hat die Ehrung initiiert, zusammen mit Signor Zizzi, dem Bürgermeister, der aber leider nicht kommen konnte.
Ich kenne diese Leute persönlich. Letztes Jahr haben sie mich für meine Fahrradreise durch Europa 2006 mit einem Pokal geehrt. Unser Weg führt nicht zufällig durch diese Stadt, die sich nochmal geehrt fühlt, uns auf unserer neuen Reise begrüßen zu dürfen.
Das ist der Satz, den Professor Galasso bei den Interviews immer wieder ausspricht. Sicher machen sie Werbung für sich und ihre Partei, aber wir haben auch unsere großen Auftritte in den Medien und das ist es, was wir immer anstreben werden. Nur so kommt unsere Botschaft an die Masse.
Sie haben einen großen Tisch mit kaltem Buffet und Getränke aufgestellt. Die Assessoren Zucchero, Nigro, Prof. Galasso und einige andere heißen uns willkommen. Ich gebe dem lokalen Fernsehsender ein Interview ab. Dann wird angestoßen und etwas gegessen.
Man redet über die Reise, die Botschaft, über Radsport und über die neue Möglichkeit, die sich für die Hunde bietet, am Fahrrad mitlaufen zu dürfen. Diese Variante ist nämlich in Italien und ganz besonders hier im Süden, noch unbekannt und folglich umstritten.
Wir bekommen eine Urkunde und eine Spende, machen ein paar Fotos und müssen schon wieder weiter. So bedanken wir uns und fahren gleich los, denn ein Nachtlager ist nur auswärts möglich.
Heute starten wir etwas früher, denn gegen 12 Uhr werden wir in Francavilla Fontana erwartet. Ein Veterinär wird unsere Hunde im Auftrag der Tierschutzorganisation untersuchen und ihnen Blut abnehmen. Aus diesem Grund fahren wir auch diesmal ohne nennenswerten Halt durch Oria.
So kommen wir pünktlich wie eine Schweizer Uhr am Treffpunkt im Stadtpark an, ohne unterwegs gehetzt zu haben.
Nach einigen Minuten kommen vier Personen zu uns, stellen sich vor, während sie die Hunde streicheln. Die zwei Männer sind ein Tierarzt und ein Delegat der Tierschutzorganisation. Die beiden Frauen, Mitglieder des lokalen Tierschutzvereins.
Die Gespräche sind locker, aber gezielt auf die Hunde und ihren gesundheitlichen Zustand gerichtet. Wir unterhalten uns lange, während wir gemeinsam den Stadtpark verlassen und einige hundert Meter zur Tierarztpraxis laufen.



