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Aus diesen Gesprächen geht hervor, dass die Meinungen über unsere Reise auseinander gehen. Der Tierschutzbeauftragte findet zwar unsere Aktion nobel, aber er kann sich nicht vorstellen, dass diese "normalen Haushunde" eine so lange Reise überstehen können. Ich vermute, dass sie sich in Wirklichkeit Sorgen um ihr Image machen und weniger um die Hunde.
Wir tragen schließlich ihr Logo und wenn wir scheitern sollten, dann schadet das ihrem Ruf! Sie haben wahrscheinlich große Hunde erwartet.
Ich weiß nicht, Huskys für die Hundeschlitten oder Windhunde, Bären oder vielleicht sogar Elefanten? Selbstverständlich sind das "normale Haushunde", was denn sonst? Mit dem Unterschied, dass sie für große Distanzen am Fahrrad laufen, trainiert sind.
Dass ihre Pfoten härter sind als Balkon- oder Sofa-Hunde. Diese Tiere sind abgehärtet. Das sind Athleten! Es ist so wie bei den Menschen. Es gibt Stubenhocker und Sportler. Ich versuche ihm zu erklären, dass auf dieser Fahrt keiner von ihnen jemals rennen wird. Das ist die Voraussetzung, die wir uns gestellt haben, damit wir alle diese weite Reise unbeschadet bewältigen können. Schließlich veranstalten wir kein Rennen!
Es sind glückliche Tiere und sie sind mit einer großen Begeisterung dabei, weil sie diese großartige Abenteuerreise mit uns zusammen machen dürfen. Eine einmalige Chance, die nicht jeder Hund in seinem Leben bekommt. Wir haben nicht vor sie zu strapazieren, sondern die Reise genießen zu lassen.
So werden nacheinander unsere Racker untersucht und ihnen Blut abgenommen. Der Tierarzt meint, dass die Tiere im ersten Blick gesund und munter aussehen. Jetzt müssen wir nur noch auf die Blutanalyse warten.
Sie werden sich in den nächsten Tagen bei uns melden. Eine der Frauen gibt uns einen Sack hochwertiges Hundefutter mit. Sie versprechen uns, einen Futtersponsor für unsere kleinen Athleten zu finden.
Als ich diese Organisation vor einigen Monaten anschrieb, erhoffte ich mir für unsere Hunde nur eine tierärztliche Unterstützung, die periodisch verteilt auf unserer Strecke stattfinden sollte. Von Vorteil wäre auch eine spendierfreudige Hundefutterfirma, die uns unterwegs versorgt.
Sie haben uns prominente Paten versprochen! Denn gute Werbung auf nationaler Ebene, würden wir brauchen für unser Anliegen. Bisher hat man uns jedoch nur mit leeren Versprechungen hingehalten. Die heutige Untersuchung war ihre erste Aktivität.
Wir ziehen etwas nachdenklich weiter. Machen wie üblich unter einem Olivenbaum lange Mittag und als es kühler wird, fahren wir weiter auf der Nebenstrecke der Schnellstraße SS7 in Richtung Taranto.
Gegen 18 Uhr 30 schlage ich das kleine Zelt unter einer großen Pinie neben einem unbewohnten Landhaus auf. Das ist unser heutiges Nachtlager.
Als wir dann am nächsten Morgen durch Grottaglie fahren, ruft mich Enzo an. Er will sich ein letztes Mal mit uns treffen, bevor wir uns zu weit entfernen. So sehen wir uns kurz vor San Giorgio Jonico, sitzen im Schatten der Olivenbäume und analysieren den Starttag.
Er sagt, dass die Politiker, die an dem Tag da waren, dem Club finanzielle Unterstützung für uns zugesagt hätten. Nur wüssten sie noch nicht im welchen Umfang und wann die Gelder zur Verfügung stünden.
Na ja, eigentlich erzählt er mir nichts Neues. Ich kenne dieses Spiel. Es ist nicht das erste Mal, dass Menschen der Politik mir was versprechen. Wir werden uns später noch mit diesem Punkt befassen.
Wir verabschieden uns mit einer freundschaftlichen Umarmung.
"Ciao. Seid vorsichtig. Lasst bei mir kurz am Handy läuten, wenn ihr mich braucht. Egal was, egal wann. Ich ruf euch dann zurück. Okay?".
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir jetzt erst recht allein sind und letztendlich doch alles von mir abhängt.
Neben einem Wasserwerk in einem kleinen Eukalyptuswald machen wir Mittagspause. Die Angestellten dort bieten uns, nachdem wir uns eine Weile unterhalten haben, einen Wasserhahn und eine Duschmöglichkeit an.
Man trifft zum Glück immer wieder auf nette, zuvorkommende Menschen, die spontan Obst, Trinkwasser oder manchmal leckere Panini oder einen Lagerplatz anbieten. Wir sind dankbar dafür und hoffen, dass diese Gastfreundschaft uns weiterhin auf unserem Weg erhalten bleibt, denn davon hängt die Reise mehr ab, als die leeren Versprechungen der Politiker.
Als wir durch die Vororte von Taranto radeln, stoßen wir auf viele herrenlose Hunde. Die meisten sind nicht aggressiv. Viele haben sogar Angst vor den Menschen, weil sie möglicherweise negative Erfahrungen mit ihnen hatten. Sie folgen uns, weil wir sie durch unser Auftreten neugierig machen und weil sie unsere Hunde sehen.
Die Stadtdurchfahrt von Taranto ist durch den Stressreichen Verkehr problematisch für die Hunde und somit auch für uns. Da wir nun auch unter Zeitdruck geraten sind, verschlechtert sich unsere Laune. Nervosität macht sich breit.
"Es wird gleich dunkel. Wo gedenkst du hier ein Nachtlager finden zu können?",
faucht mich Sabine an.
Ich weiß, dass sie Recht hat, aber ich konnte in den Vororten nichts Passendes finden. Taranto ist eine große Stadt. Es ist schwierig, einen Platz zu finden, der unseren Kriterien entspricht. Deswegen wagen wir die Durchfahrt der Stadt in der Hoffnung, außerhalb einen Zeltplatz zu finden.
Nun sind wir im Industriegebiet und der ist relativ groß. Es ist schon ziemlich dunkel geworden. Das heißt, sehr gefährlich, auf dieser Schnellstraße weiter zu fahren. Einen anderen Weg gibt es hier leider nicht. Ich entscheide mich, rechts an einer großen Tankstelle zu halten.
Wir dürfen nicht weiterfahren. Hier müssen wir auf jeden Fall das Zelt irgendwo aufschlagen. Ich entdecke eine kleine Wiese neben einem abgestellten Wohnwagen zwischen zwei Parkplatzbereichen. Das wäre meiner Meinung nach ein passender Notplatz für die Nacht.
"Was Besseres bekommen wir heute nicht. Bist du mit dem Platz hier einverstanden?"
Sabine schaut auf die kleine Wiese, dann auf die Hunde, die sich schon auf den Rasen breit gemacht haben und mit ihren Blicken zu sagen scheinen „bitte sag ja“, dann dreht sie sich wieder zu mir und mit einem einsichtigen Gesichtsausdruck nickt sie mit dem Kopf.
"Hauptsache, ich kann hier aufs Klo!",
sagt sie mit einem resignierten Ton.
Ich gehe zum Tankwart, der auch die Bar nebenan leitet, stelle mich vor, zeige auf den Platz und auf meine müde Gefolgschaft, erkläre ihm unsere Notlage, frage anschließend, ob wir dort für diese Nacht unser Zelt aufschlagen dürfen. Wir würden morgen in der Früh weiter ziehen.
Gott sei Dank hat er nichts dagegen. Wir können bleiben, weist uns aber darauf hin, dass es nachts durch die Lkw laut werden kann und wenn wir noch was von der Bar brauchen oder auf die Toilette müssen, dann sollten wir das jetzt tun, da er bald alles schließen wird.
Wir sind erleichtert, auch wenn dieser Platz nicht das "non plus Ultra" ist. Sind wir doch dankbar im letzten Moment was gefunden zu haben. Wir sind sehr flexibel und das muss man bei einer Abenteuerreise auch sein.
Also machen wir das Beste daraus. Das Zelt wird aufgebaut, der Gaskocher angemacht und ich brate uns zur Feier des Tages zum ersten Mal ein Stück Fleisch, das wir vorher in der Stadt gekauft haben, während Sabine die Hunde versorgt und füttert.
Nun essen wir genüsslich das wohlschmeckende Schnitzel mit Tomatensalat und die Anspannung von vorhin löst sich in Luft auf. Wir sind wieder entspannt und haben den Stress vom Tag vergessen. Niemand stört uns und der Lärm vom vorbeiziehenden Auto- und Lkw Verkehr ist uns beiden nicht fremd. Schließlich sind wir viele Jahre Lkw gefahren und haben sehr oft auf Parkplätzen übernachtet. Daher stört uns diese hohe Lautstärke nicht sonderlich.
Taranto war die erste größere Stadt auf unserem Weg durch Europa.
Die nächste wird Salerno sein, in der Region Kampanien, also an der tyrrhenischen Küste. Laut meiner Rechnung werden wir sie erst in etwa elf Tagen erreichen. Vorher müssen wir jedoch über die Apenninen. Voraussichtlich über zwei hohe Pässe. Das wird sehr anstrengend werden, besonders für Sabine, und gleichzeitig wird das der allerletzte Test für uns alle sein. Erst wenn wir diese schwierige Hürde überstehen, dann schaffen wir alle weiteren auch. Im Klartext ausgedrückt, wenn wir sicher über diese Berge kommen, dann sind wir auch in der Lage, alle anderen Berge und Pässe, die auf unserer langen Strecke sind, zu bewältigen.
Lange Bergstrecken mit Steigungen sind das einzige, was wir nicht geprobt und trainiert haben, da es bei uns im Salento keine Berge gibt.
Tag 9 - km 234
23. bis 25. August 2008

Abb. 10- Taranto. Notschlafplatz auf einem Parkplatz.

Abb. 11-Eine der vielen Reifenpannen am Straßenrand.
KAPITEL 5
VON TARANTO ZUM AGRI TAL
26. BIS 28. AUGUST 2008
Heute ist der 26. August 2008. Ein schöner Dienstagmorgen, der zehnte Tag der Europarundfahrt.
Wir fahren gemütlich auf der wenig befahrenen Nebenstrecke der Schnellstraße SS 106, Richtung West-Südwest, entlang der Bucht von Taranto am Ionischen Meer.
Alles fühlt sich noch wie Urlaub an. Wir haben bisher bestes Sommerwetter gehabt, keine nennenswerten Unannehmlichkeiten, keine Gefahrensituationen, keine größeren Probleme.
Auch das freie Zelten hat uns bis heute kein Kopfzerbrechen bereitet. Körperlich sind wir noch fit, außer hier und da mal ein Muskelkaterchen und kleinere Blessuren und Blasen, ist ansonsten nichts Ungewöhnliches zu beklagen. Kein Wunder, denn bis Dato haben wir eine leichte Strecke gehabt und mal ehrlich, wir sind immer noch fast zu Hause!
Gegen Mittag fahren wir nach Chiatona Marina, einem kleinen Ferienort direkt am Strand. Wir brauchen was für unsere Mägen. In der Nähe des einzigen kleinen Tante-Emma-Ladens halten wir an.
Die Straße ist hier sehr eng und obendrein mit Autos zugeparkt, so dass wir sehr wenig Platz für unsere Gespanne haben. Ein Auto nähert sich. Der Fahrer will nach links abbiegen. Es ist aber ziemlich eng, weil wir direkt an der Ecke stehen. Mona steht etwas ungünstig.
Sie kann nicht ahnen, dass das Auto dahin will, wo sie gerade steht, obwohl der Fahrer blinkt, aber sie hat keinen Führerschein. Sie weiß nicht, was dieses Leuchten bedeutet.
Der Urlauber mit seinem Wagen hatte wohl keine Zeit mehr, um auf die Mona zu warten, bis sie ihm Platz macht. Und so fährt er mit dem Hinterrad über ihre rechte Hinterpfote.
Sie lässt nur einen kurzen Schrei los, während das Auto weiterfährt bis es nicht mehr zu sehen ist. Wir eilen sofort zu ihr, um zu sehen, wie groß die Verletzung ist. Sie blutet zwar ein wenig, aber es ist zum Glück nicht so schlimm, wie es ausgesehen hat. Eine Zehe ist in Mitleidenschaft gezogen worden.
Die Bewohner von gegenüber, eine Frau mit ihrem erwachsenen Sohn, haben alles mit angesehen. Sie kommen zu uns, um zu helfen. Sie bitten Sabine ihnen mit der Mona in ihren Garten zu folgen, um die Pfote in kaltes Wasser zu legen, damit sie sich beruhigen kann. Das tut sie auch ohne zu zögern.
Da der Unfall nicht so schlimm ist, ziehe ich vor nun einzukaufen, bevor der Laden schließt. Ich gehe schnell ein Haus weiter zum Geschäft und bekomme noch rechtzeitig ein paar Panini.
Diesen Zwischenfall, der auch schlimmer hätte ausgehen können, zeigt uns deutlich, wie vielen ungeahnten Gefahren wir alle ausgesetzt sind.
Wie am gleichen Ort, die Leute sehr unterschiedlich sein können. Wie in diesem Fall: Der eine tut was Rücksichtsloses und begeht auch noch Fahrerflucht, die anderen bieten spontan ihre Hilfe in ihrem Haus an.
Mit solchen Erfahrungen werden wir noch öfter konfrontiert werden auf unserem langen Weg.
Den nahe gelegenen, großen Wald wählen wir, um lange Mittag zu machen. Es ist ziemlich dicht bewachsen und menschenleer.
So nutzen wir die Gelegenheit um zu duschen. Ich hänge den Plastikbeutel, der dafür konzipiert wurde und mit Wasser gefüllt ist, an einen Baum. Wir duschen abwechselnd auf eine sehr sparsame Weise. Wir machen uns zuerst kurz nass, danach mit umweltfreundlichen Duschgel einseifen, abspülen, fertig! So verbrauchen wir nur ein paar Liter kostbares Wasser, das wir im Hänger mitschleppen müssen.
Das Zelt platzieren wir heute Abend auf einer Wiese unweit der Straße, direkt neben dem Anschluss Castellaneta Marina. Es ist nicht so versteckt, aber ich will mit dem Suchen keine Zeit verlieren, denn ein Gewitter brodelt in der Nähe. Doch um an die ausgesuchte Stelle zu kommen, muss ich die Gespanne abhängen und die Komponenten einzeln hinein schieben.
Als wir dann mit dem Zeltaufbau fertig sind, besucht uns eine Streife der Carabinieri. Die zwei Beamten wollen sich nur erkundigen, was wir hier machen, unterhalten sich mit uns eine Weile und fahren dann wieder weiter. An der nahe gelegenen Tankstelle hole ich Wasser.
Der Himmel sieht bedrohlich aus, doch es kommt nicht zum Regen. Das Gewitter tobt sich in den Hügeln aus.
Als es am nächsten Morgen weiter geht, merken wir, dass sich die Landschaft um uns langsam verändert. Die Olivenbäume sind nicht mehr so groß und verdreht wie bei uns im Salento. Hier werden mehr Trauben, Pfirsiche, Orangen und Mandeln angebaut. Man kann schon die ersten größeren Hügel sehen, die Vorläufer der Apenninen.
Hier endet die Region Apulien. Jetzt sind wir in der Basilicata. Fahren an den griechisch-römischen Tempelruinen Metaponto vorbei. Machen ein Foto und wollen dann in den Ort, der nur einige Kilometer entfernt ist, um Mittag zu machen. In dem kleinen Park breiten wir unsere Decke auf der Wiese im Schatten aus, essen und ruhen uns aus.
Wir unterhalten uns mit ein paar Leuten und ich besuche in der Nähe kurz eine Bekannte, die ich vor drei Jahren auf meiner letzten Radtour kennen gelernt habe. Sie leitet ein Restaurant. Hier habe ich damals gegessen. Heute ist es uns nicht möglich, weil wir die Hunde dabei haben. Sie dürfen nicht ins Lokal. Draußen unbeaufsichtigt lassen wollen wir sie aber auch nicht, denn es reicht, wenn ein anderer Hund vorbei kommt oder eine Katze. Schon ist die Hölle los. Und weil wir sowieso uns das nicht leisten können, verzichten wir lieber.
Sie freut sich über meinen Besuch, bietet mir einen Kaffee an und bedankt sich für den Erhalt meines Buchs, das ich ihr vor kurzem geschickt habe.
Ein weiterer Zwischenfall passiert, als wir uns später wieder auf dem Weg machen. Wir benötigen wieder Wasser. Also fahren wir die Ausfahrt Pisticci raus.
Es sei noch erwähnt, dass wir uns immer noch auf der Nebenstrecke der Schnellstraße SS 106 befinden. Direkt an der besagten Ausfahrt befindet sich eine große Gärtnerei.
Ich denke, jemand wird uns hier Wasser geben können. So nehme ich den Wasserbehälter und mache mich allein auf den Weg in die offene Gärtnerei, während Sabine und die Hunde auf der Straße auf mich warten.
Ich sehe niemanden, deshalb laufe ich, laut rufend, ob jemand da ist. Plötzlich kommt ein großer Hund auf mich zu gerannt, den ich vorher nicht gesehen hatte. Aus diesem Grund wollte ich allein hier hereinkommen, weil ich ahnte, dass möglicherweise Hunde im Gelände frei laufen. Er bellt mich an, während er immer näher kommt.
Ich verhalte mich ruhig und bleibe einfach stehen. Versuche im freundlichen Ton ihm mitzuteilen, dass ich nicht mit bösen Absichten komme. Es handelt sich um einen italienischen Schäferhund.
Diese Rasse ist sehr lieb, aber ein guter Wachhund. Verhält sich in der Regel Fremden gegenüber zurückhaltend und abwartend. Das tut er auch. Er bleibt einen Meter vor mir stehen und bellt mich nur an. Damit will er nur seinem Herrchen mitteilen, dass jemand da ist.
Im selben Moment kommt ein Mann aus einem Gewächshaus heraus und brüllt mich an:
"Was willst du hier?",
und genau in diesem Moment zwickt mich der Hund in meinen rechten Oberschenkel. Woraufhin sein Besitzer ihn zurück pfeift. Er ist zum Glück folgsam und geht zu seinem Herrchen.
Ich habe leichte Schmerzen und blute etwas. Da wende ich mich genervt an den Mann:
"Wieso brüllen sie mich an? Ich wollte doch nur nach etwas Wasser fragen!".
Da faucht er zurück:
"Aber du kannst hier nicht einfach hereinspazieren. Und außerdem haben wir kein Trinkwasser!"
Ich drehe mich genervt um, lasse aber noch eine Bemerkung los:
"Dass sie mir Wasser verwehren, kann ich akzeptieren. Aber ich verstehe eines nicht, wie machen es ihre Kunden? Müssen sie, wenn sie etwas kaufen wollen, zuerst einem schriftlichen Antrag stellen, bevor sie hier rein dürfen?".
Verärgert verlasse ich das Gelände. Wir haben wohl beide etwas über reagiert, denke ich. Der Hund hätte mich nicht gebissen, wenn sein Herrchen anders reagiert hätte!
Sabine schaut sich die kleine Wunde an,
"Hoffentlich entzündet sich das nicht. Wir müssen es beobachten.",
sagt sie und holt aus ihrer Tasche ein Desinfektionsmittel und sprüht es mir auf die Wunde.
Kurz darauf, als wir uns beruhigt haben, steigen wir in die Pedale und fahren weiter. Um jedoch wieder auf die Nebenstraße zu kommen, müssen wir um die Gärtnerei herum fahren, entlang dem Anwesen, wo das Wohnhaus des Besitzers steht. Da schaut eine Frau aus dem Fenster und entschuldigt sich für den Vorfall. Ihr Mann habe etwas über reagiert.
Verärgert, aber zufrieden, nehme ich die Entschuldigung an. Für mich ist der Fall abgeschlossen.
Am Morgen danach fahren wir gemütlich durch die Traubenfelder. Ein Winzer, den wir an einen Feldweg treffen, bietet uns ein paar Kilo große, wohlschmeckende, weiße und schwarze Trauben an. Sehr lecker. Davon werden wir eine Weile naschen.
In Scanzano kaufen wir ein. Ab hier ändern wir die Richtung. Nun verlassen wir die Küste um nach Westen in das Tal des Agri zu fahren und das ist nicht so dicht bewohnt, wie hier.
Wir schwitzen viel bei diesen Temperaturen. Manchmal ist es richtig staubig. So werden wir und die Wäsche, die wir anhaben, schnell dreckig. Deshalb ist spätestens jeder dritte Tag ein Wäschetag.
Wir waschen sie natürlich mit den Händen. Haben zwei fünf Liter Plastikwannen dabei: eine zum Waschen und die andere zum Spülen. Darin spülen wir auch das Besteck. Die Wannen sind so zusagen multifunktional. Zum Set gehören auch eine Wäscheleine und Klammern. So können wir die Sachen auf der Leine zwischen zwei Bäumen aufhängen, so dass sie in der heißen Mittagssonne schnell trocknen kann.
Die nächsten Tage werden wir auf die Staatstrasse 598 fahren. Hier gibt es keine Alternative, keine Nebenstrecke, keine Ausweichmöglichkeit und an Radwege darf man hier erst gar nicht denken.
Die gibt es hier überhaupt nicht. Die Radwegpolitik steckt hier in Süditalien noch in den Kinderschuhen. Es wird viel darüber diskutiert und geplant.
Die Gemeinden und Städte bekommen Zuschüsse dafür, aber letztendlich wird zu wenig oder gar nichts getan. Und wo etwas gebaut wird, merkt man die fehlende Erfahrung. Lediglich in den Küstenorten, die viel Tourismus betreiben, wird etwas mehr gemacht. Das ist aber von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. Der Radtourismus ist überall groß im Kommen. Und nur wer das erkannt hat, tut auch was für diese Marktgruppe, um selbst davon zu profitieren. Wir werden auf unserer Reise viel über Radwege, Radsportpolitik und Radtouristen erfahren. In allen Ländern, die wir befahren werden, sind die Unterschiede zum Teil enorm.
In den süditalienischen Regionen ist die Mentalität des Radfahrens teilweise noch sehr primitiv. Man fährt ein Rennrad oder ein Mountainbike oder nur ein wenig mit dem City-Rad an der Uferpromenade. Alles andere ist nicht gesellschaftsfähig, gefährlich und unpraktikabel. Besonders für Kinder.
Viele Leute würden gerne Rad fahren, aber sie tun es nicht, weil sichere Einrichtungen fehlen. Der Radsport wird zu wenig gefördert.
Und aus mangelnder Sicherheit und Respekt zwischen den anderen Verkehrsteilnehmern, passieren leider oft Unfälle, die dann andere abschrecken.
Die Radsportvereine sind eigentlich die meiste Zeit damit beschäftigt, für die Vorteile des Radsports zu werben:
Radfahren ist gesund;
schafft Bewegung;
verbraucht keinen Sprit;
ist für die ganze Familie und
ohne Altersbegrenzung.
Gründe, die in nördlichen Teilen Europas selbstverständlich sind, nehmen hier eine andere Dimension an. Werbung zu machen für einen sehr schönen und umfangreichen Sport, wie das Radreisen, war unter anderem einer der Beweggründe meiner letzten Radreise durch Europa gewesen!
Das wurde leider in meiner Heimatstadt nicht erkannt und falsch gedeutet und durch Neider ins schlechte Licht gezogen! Was soll's. Das hat mich zwar berührt, aber nicht umgehauen, und vor allem mich nicht davon abgehalten, eine zweite Europatour zu machen.
Dieses Tal ist nach dem Fluss Agri benannt, der sich seit Millionen von Jahren langsam durch den lehmigen Boden gefressen und das breite Tal geschaffen hat. Die Straße führt durch das Tal hoch bis Marsico.
Dort wird uns auch der erste Pass über die Apenninen führen. Hier merken wir noch nichts von der leichten Steigung. Wir kommen schön langsam auf der noch breiten Fahrbahn voran. Rechts, auf einem Hügel, befindet sich das Dorf Montalbano.
Wie auf einem Balkon steht es da und sieht uns zu, wie wir unten an ihm vorbei schleichen. Ich sehe jemanden am Straßenrand stehen. Bevor wir nach einem Nachtlager suchen, möchte ich die Wasserkanister voll machen. Ich frage den Mann nach einem Brunnen. Er aber sagt, dass er hier in seinem Landhaus Wasser für uns hätte. Er ist sichtlich interessiert zu erfahren, woher wir kommen, und wohin wir wollen. Ich erzähle ihm von unserer Mission. Begeistert sagt er, dass er froh ist, uns getroffen zu haben.
"Ich bin Vincenzo und wohne da oben im Dorf. Seht ihr?"
und zeigt auf Montalbano, das Dorf auf dem Hügel.
"Wenn ihr wollt, könnt ihr hier im Haus übernachten. Da ist Strom und Wasser im Kühlschrank. Es ist sehr spärlich eingerichtet, aber ein kleines Bett und ein Gasherd sind da. Was meint ihr?".
Wir schauen uns etwas überrascht an. Mit so einer spontanen Einladung hatten wir nicht gerechnet.
"Na ja. Warum nicht? Wenn es keine Umstände macht. Dann nehmen wir das Angebot gerne an!"
Vincenzo öffnet uns das große Tor zum Grundstück. Das Haus steht nur einige Meter von der Straße entfernt.
Um das kleine Gebäude herum wachsen viele Bäume. Am Eingang ist ein betoniertes Areal. So groß, dass drei Autos genug Platz hätten. Wir unterhalten uns, während wir die Gespanne hinein schieben und vor dem Hauseingang platzieren.
Sabine leint unsere Athleten an einen Pfosten neben dem Tor an. Da ist es geschützt und eignet sich auch als Schlafplatz. Vincenzo zeigt uns das Haus. Es besteht nur aus einem großen Zimmer mit zwei kleinen Fenstern.
Das alte und verstaubte Mobiliar steht unordentlich herum. Man merkt, dass es nur selten benutzt wird. Er zeigt uns, wie wir den Gasherd anmachen können.
"Das Haus ist nichts Besonderes, aber ist bestimmt besser als im Freiem zu übernachten.",
sagt er und meint, dass er das Anwesen von seinen Eltern geerbt hat. Früher, als Kind, habe er hier in diesem Haus gelebt. Jetzt kommt er nur noch, um das kleine Stück Land zu bestellen, quasi als Zeitvertreib.




