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In dieser Nacht schlief er schlecht. Er hatte Angst, einzuschlafen und mit seinem Geschnarche seine Frau, die sich zu dieser Zeit stets in einem Zustand halbschlafenden Dahindämmerns befand, aufzuwecken. Er dachte an die Klinik und dass er sich jetzt kein Oxazepam mehr holen konnte und auch kein Beruhigungsmittel, auch wenn er noch einige Notfallmedikamente mitgenommen hatte. Schließlich jedoch schlief er ein.
Am nächsten Morgen wachte er spät auf. Ihm rückte sofort zu Bewusstsein, dass er das morgendliche Wecken in der Klinik gewohnt war, und seine Frau hatte ihn nicht geweckt. Er stieg langsam aus dem Bett, wobei er darauf achtete, dass sein Puls nicht zu hoch kletterte.
…
Er saß in der Straßenbahn, seinen Kopf gegen die Scheibe gelehnt, und dachte nach. Er war nun ein alter Mann und wie er die junge Frau, die ihm in dem Vierersitz gegenüber saß, betrachtete, kam ihm dies wieder zu Bewusstsein, dass er keine sexuellen Freuden in seinem Leben mehr haben würde. Er war alt und gealtert.
Die Straßenbahn hielt an der nächsten Haltestelle. Er betrachtete die Menschen beim Ein- und Aussteigen, wie sie sich wanden und doch immer ihrem Trott nachgingen. Er mochte es, die Menschheit in Gedanken mit Ameisen zu vergleichen, die ebenfalls zu klein waren, um ihr winziges Sozialgefüge zu übersehen. Er wurde ebenfalls übersehen. Seine Bedürfnisse hatte man nie ernstgenommen, die Psychiater nicht, die ihm einfach weiter Medikamente verschrieben, die Klinik nicht, die ihn einfach ohne Psychotherapie verfertigt hatte, und auch nicht seine Frau, die ihn nicht verstand und ihm Vorwürfe wegen seiner Erkrankung machte.
Die Straßenbahn fuhr wieder an. Die Frau ihm gegenüber war aufgestanden und hatte ihren Platz verlassen.
Er blickte ihr hinterher, doch sie war schon fast aus seinem Gesichtsfeld verschwunden. Er konnte sie noch draußen knapp erkennen, wie sie einen wohl ebenfalls jungen Mann umarmte, der sich begierig um sie schlang. Was hätte er gegeben, noch einmal in diesem Alter zu sein. Nun war er vorgerückt und betrachtete, das Gesicht an die Fensterscheibe gelegt, sehnsüchtig das junge, so nahm er an, Paar. Zu seiner Zeit hatte man das Paar genannt, auch wenn man nur kurz zusammen gewesen war. Bei seinen Eltern war es anders gewesen, die hatten sich auf einer dieser Studentenkundgebungen kennen gelernt, - oder zumindest hatten sie das bis kurz vor ihrem Tode, ihren Toden, die übrigens zeitlich weit auseinander gelegen hatten, wiederholt. Sein Vater war jung gestorben, im Alter von 57 Jahren, seine Mutter erst vor kurzem. Er erinnerte sich an die Beerdigung, alle in Schwarz, mit Sarg, seine Frau war dabei gewesen, bereits damals hatte seine Ehe gekriselt. Am heutigen Tage hatte er alle Hoffnung auf einen Fortbestand aufgegeben... Nun also der Weg zur Krankenkasse, zur Bewilligung dieser bescheuerten Reise oder wie man das nannte. Die Bahn hielt erneut an und er stieg aus.
In einer der Nebenstraßen der Innenstadt befand sich die Krankenkasse. Die anscheinend zuständige Sachbearbeiterin erklärte ihm, er hätte seinen Antrag schon vor Zeiten einreichen sollen und es sei nun keine Bewilligung mehr möglich, doch um des guten Willens wegen finanziere man ihm trotzdem die Fahrt.
…
Er stieg am Hauptbahnhof in die wie üblich überfüllte Bahn ein. An der nächsten Haltestelle stieg die junge Frau wieder ein. Gierig betrachtete er jeden ihrer Schritte. Sie musste wohl auf dem Weg zur Arbeit sein, denn sie trug nun eine Anzugjacke und war auch ansonsten in Schwarz gekleidet, - Bankerin? Aber dann fuhr sie in die falsche Richtung, die Banken waren in der Innenstadt, in hohen Türmen aus Glas. Während er überlegte, verlor er die Frau aus den Augen.
…
Er war alleine zum Hauptbahnhof gefahren, seine Frau hatte ihm zuhause alles Gute gewünscht. Er stand an Steig 3 inmitten der Stadt Essen, hinter ihm die hohen Gebäude der Skyline, vor ihm, in einiger Entfernung, der Hauptbahnhof. Er hatte einen großen Koffer und eine kleine Handtasche mitgenommen, doch der Koffer alleine war für ihn zu schwer und das leichte Gewicht der Handtasche kam dann noch dazu. Er fühlte sich traurig wegen seiner Frau und gleichzeitig dachte er, dass seine Ehe nun vermutlich für immer vorbei war, bei der Rückkehr hatte sie sich vermutlich schon von ihm geschieden oder eher die Scheidungspapiere eingereicht. Er fürchtete sich vor der Rückkehr und der Leere, die ihn erwartete. Er blickte auf die Uhr. Es war erst 11, Zeit genug, noch in die Innenstadt zu gehen und ein Pommes zu essen. Das war ungesund und machte ihn ein Stück dicker, so dachte er, doch im Falle einer Scheidung konnte man sich schließlich alles erlauben.
Langsam zog er sein Gepäck hinter sich her und ließ die Handtasche leicht schlenkern.
Er überquerte die Straße am Zebrastreifen und musste wieder an die Ameisen denken. Auf der anderen Seite durchquerte er den Hauptbahnhof, kam rechts an MkMöve vorbei, der großen deutschen FastFood-Kette. Doch da gab es kein Pommes. Er ging weiter und sah eine Reklame auf einer ansonsten weißen Säule: Die Werbung des VolkSang-Museums, eine neue Kunstausstellung. Claus Dürer, der Maler, der sich in Venedig das Leben genommen hatte, berühmte Bilder, verzerrte Bilder, realistische Bilder. Und gleich sein berühmtestes war abgebildet, die Madonna mit dem kurzen Hals, wie man sie in Abgrenzung zu Parmigianino genannt hatte. Eine kleine Frau in blau-weißer Seide, in realistischen Proportionen, nur mit eigenartig kurz verzerrtem Hals. Sie legte das Jesuskind in einen Waschtropf und wollte es dort, so lautete die gängige Interpretation, ertränken, da sie es nicht ertrug, die Mutter Gottes zu sein. Er hatte das Bild schon im Kunststudium nicht gemocht, und jedesmal, wenn er ihm begegnete, steigerte sich seine Abneigung in mehr als Hass, Hass, ja, sie hätte froh sein sollen die Mutter Gottes zu sein. Hass, ja, sie hätte ihn nehmen und allen zeigen sollen. Hass, ja, auf eine Frau, die genauso aussah wie seine Frau. Mutter Gottes, er ging weiter.
Auch dass man das Jesuskind immer so lebensentleert darstellen musste, ohne Gesichtszüge, ohne Mimik. Konnte es nicht ein schreiendes Jesuskind sein oder ein im Angesicht des Todes mutig lachendes? Er ging weiter.
Essen Die Einkaufsstadt.
Man hatte ein Komma vergessen. Er fühlte sich gleich wieder wie ein Lehrer. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug, und er versuchte sich zu beruhigen. Langsam schob er sein massiges Selbst vorwärts und schämte sich seiner, der er ein alleinig dickes, geschiedenes, verbliebenes Etwas war.
Er sah wieder auf die Uhr, 11.15. Er kam am Domplatz vorbei, wo ihn früher der Kardinal als Konfirmand gesegnet hatte. Er sah das Burggymnasium und fragte sich, wie man so ein hässliches Gebäude jemals hatte modern finden können. Der Dom war ganz nett, trotz des Protzgrabs für den Kardinal. Er ging weiter geradeaus, hin zu dem kleinen türkischen Imbiss, den er öfters besuchte. Er rief den Kellner - oder wie nannte man die in den türkischen Restaurants, - gab übereifrig Bakschisch - das Wort kannte er - und stach mit der Gabel in seine Pommes. Es schmeckte gut und nach fett. Über seinen Körper konnte er nur das zweite sagen. Er sah wieder auf die Uhr, 11.37. Der Bus fuhr um 12.45. Nein, um 11.45. Er sprang auf und ergriff seinen Koffer und die Tasche mit der einen Hand. Mit der anderen stopfte er sich den Rest Pommes ins Maul, so dachte er. Und er hastete die Straße entlang zum Hauptbahnhof. Er fühlte, wie das alle zu viel für ihn wurde. Er würde einen Herzinfarkt erleiden. Seine Schüler würden sich freuen.
Als er schließlich am Bus ankam, war es beinahe 12, aber man hatte auf ihn gewartet.
2 – Die Abfahrt
Claudia saß hinten im Bus. Sie war schon ganz ungeduldig, denn der Bus hatte bereits vor einigen Minuten abfahren sollen. Wartezeiten machten sie nervös, auch wenn sie sonst immer planlos war, so fühlte sie sich zumindest. Sie dachte an ihre Mutter zuhause und was sie wohl sagen würde, wenn sie ihr von dieser Reise erzählt hätte, - hatte sie nicht. Sie beruhigte ihre immer wechselnde Sorge, ob sie alles richtig gemacht hatte, doch ganz wollte der Gedanke nicht verschwinden. Ganz so wie ihre Gedanken ohnehin nicht verschwanden. Sie blieben einfach, drängten sich auf, die Psychiaterin hatte sie 'drängende Gedanken' genannt. Schöner als 'Zwangsgedanken', dachte sie. Was für eine Idee auch diese Fahrt, wer kam auf solche Ideen? Und doch fühlte sie sich unter ihresgleichen und eigentümlich sicher.
Sie blickte aus dem Fenster, um vielleicht dort den Grund für die verspätete Abreise zu finden. Aber dort war nur die Werbung für irgendeinen Film oder so etwas. VolkSang hieß er wohl, und es ging um das Waschen oder das Taufen von Kindern. Merkwürdiges Bild, war es überhaupt ein Bild? Sie wusste es nicht. Wie immer ahnungslos, dachte sie.
Vorne bewegte sich etwas. Ein hässlicher alter Mann hastete herein, schwer bepackt mit Koffer und Taschen. Ein Nachzügler also. Sie schenkte ihm keine weitere Beachtung, sondern zog den Reisekatalog hervor, der ihnen beim Einsteigen gereicht worden war.
Insane Travels - Eine Möglichkeit, inneren Frieden zu finden
Willkommen zu unserem Reiseprogramm. Sie werden in den nächsten Tagen allesamt eine Reise in ein unbekanntes und aufregendes Land Ihrer Wahl unternehmen. Sie werden neue Städte kennenlernen, neue Gesichter und alte Statuen. Doch das Wichtigste sind Ihre Mitpatienten, sie werden...
"Ist hier noch frei?" Eine Stimme ließ sie aufschrecken. Es war der dicke alte Mann, der zuletzt vorne eingestiegen war. Etwas angewidert zwang sie sich zu einem Lächeln:
"Natürlich, bitte sehr."
Der Mann setzte sich schwerfällig neben sie und zog direkt sein Handy aus seiner Tasche. Sie konnte verstohlen erkennen, dass er vermutlich eine Nachricht suchte, wo keine Nachricht war. Unglücklich verheiratet, schloss sie. Sie suchte nach einem Ehering am Finger, fand aber keinen. Typ unromantisch, dachte sie. Sie hörte, wie der Mann sich zurücklehnte und schwerfällig ausatmete, es roch nach Gebratenem. Angeekelt drückte sie ihr Gesicht an die Fensterscheibe, doch der Geruch verblieb.
"Ich bin Rudolph", sagte der Mann.
"Claudia", murmelte sie.
"Und was haben Sie, darf ich fragen?"
Sie tat so, als hätte sie ihn nicht gehört.
"Ich bin übrigens Lehrer von Beruf... aber ausgebrannt, wenn man das so sagen kann..."
"Ich bin auch Lehrerin", kam eine Stimme von hinten, eine ältere Frauenstimme, so nahm Claudia es wahr.
"Ah." Rudolph schien erleichtert, eine Leidensgenossin gefunden zu haben, und sogleich entwickelte sich ein Gespräch, so fürchtete Claudia.
"Was unterrichten Sie denn?"
Es war dies wohl die Standardfrage im Lehrerzimmer. Claudia hatte das Lehrerzimmer immer gehasst, ein Ort von geistigen pseudotischen - das Wort hatte sie sich damals selbst ausgedacht - Höhenflügen und arrogantem Standesdünkel, sie hasste das Lehrerzimmer; sie hasste die feinen Anzüge, in die sich diese Leute hüllten, sie hasste ihre stocksteif angelegten Frisuren, ihre holzarmen Schuhe - wie konnte man nur Tiere töten? -, sie hasste sie vielleicht auch einfach so.
"Geschichte und Englisch", sagte die Stimme von hinten.
Vergangenheitsalternde, und auch noch fremdsprachig. Sie beherrschte keine Fremdsprache. Fremdsprachen waren unnütz.
"Ah, Geschichte und Englisch..., mein Zweitfach ist Religion, katholisch…“
Nun redeten sie über ihre Zweitfächer… Lehrer, es war typisch, dass diese Pseudogebildeten ihre Überlegenheit zur Schau stellen mussten, typisch, dass sie neben dem ach so tollen Erstfach auch ihr Zweitfach in die Welt hinausposaunen mussten. Claudia versuchte, sich auf das Fenster zu konzentrieren, doch draußen prangte nur die Werbung für diesen Film. Wieder so etwas Spießiges, hoffentlich wurde die ganze Reise nicht so.
„Und mögen Sie Ihre Schüler?“
„Aber natürlich.“
„Und darf ich den Namen Ihres Lieblingsschülers erfahren?“
Oh Gott…
„Heinrich“, sagte der Mann. „Er hieß tatsächlich Heinrich, sehr altmodisch…“
„Das ist aber ganz reizend, ich meine, weniger reizend, dass Sie hieß sagen.“
„Ach so, nein…“
„Nein?“
„Hieß, weil ich nicht mehr im Dienst bin, er ist nicht mehr mein Schüler.“
„Nicht mehr Dienst? Nun ja, ich bin zurzeit auch vom Unterricht freigestellt, anders wäre das hier ja gar nicht möglich. Sagen Sie, was hat denn Ihr Heinrich so Brillantes angestellt?“
„Oh, er hat gemalt, gemalt wie ein Künstler, und seine Interpretationsgabe…, wir nahmen ein Bild und er hat es sofort richtig gedeutet, wie aus dem Lehrbuch.“
„Daran verzweifelt ja selbst unser einer oft, haha…“
„In der Tat…“
Es war nicht mehr zu ertragen, sie hätte vielleicht aufgeschrien, wenn nicht von vorne im Bus eine Stimme ertönt wäre.
„Ich darf Sie alle begrüßen auf dieser Kult-Tour, Kulturreise, Kultur- und Genesungsreise. Wir werden Sie wieder gesund machen, das verspreche ich. Nichts geht über eine schöne Reise ins beschauliche Italien, gar nicht so beschaulich, sollte ich sagen. Wir haben alles an Bord, was wir brauchen. Backboards eine kleine Küche, steuerbords eine Schachtel mit Medikamenten. Ich stelle mich vor: Manuel Zurst, Psychiater und Psychotherapeut, Ihr treuer Begleiter und, vielleicht bald, Freund…
Ich gebe Ihnen nun einen Überblick über die Reise. Sie führt uns von hier über Duisburg nach Köln, wo wir uns die beschaulichen kleinen drei Königsgräber ansehen werden. Dort stoßen dann auch die letzten Mitreisenden zu uns, die uns auf diesem unserem großartigen Abenteuer begleiten werden. Umgeben von diesen freundlichen, aber leider kranken, Menschen werden wir nach München fahren, wo wir übernachten, 3-Sterne-Hotel, die Krankenkasse muss es sich ja schließlich leisten können. Und dann kommen wir ins eigentliche Land der Träume, Italien, wo uns Wunder und Menschen erwarten. Doch nun, genug geredet, hier ist Ihr Reiseleiter, der noch mehr redet: Roland, du darfst“, ertönte eine recht helle Stimme, deren Sprecher wohl in den Dreißigern sein musste, von vorne im Bus.
„Meine Damen und Herren“, hier kam eine ältere Stimme. „Mein Name ist Roland Grossfuss, ich bin Ihr Reiseleiter. Mein Leben zeichneten viele Irrungen und Wirrungen aus. Aus einem gutbürgerlichen Elternhause stammend, gelangte ich alsdann aufs Gymnasium und studierte Kunst und Latein, ja, Latein.“ Er lachte und erwartete wohl auch ein Lachen vonseiten der Reisenden. „Und als mir die Latte dann auf den Kopf fiel, beschloss ich, diesen Job zu übernehmen. Macht mehr Spaß als Lehrer…“ Noch ein Lehrer… „…und wir haben es ja eh lieber mit Erwachsenen zu tun als mit unreifen Jugendlichen, nicht?“ Er lachte wieder. „Nun denn, auf ans Werk, wir fahren los. Ich setze mich ans Steuer und fahre Sie, wohin Sie wollen, nämlich nach Duisburg. Wir treffen in etwa einer Stunde ein.“
Claudia kroch die Angst hoch. Bildungsreise, Lehrer? Ihre Vorstellung von Italien entsprach einem Land mit Sonne, braunen Menschen, - von der Sonne braungebräunt – und weißen Stränden, an denen man Cocktails schlürfte. Etwas spießiger zwar als das Camp der Baumliebenden... Ach, das Camp der Baumliebenden, CdB. Vor 10 Jahren war sie eine unbedarfte junge Frau gewesen, naiv im Glauben daran, eine Ausbildung zur Sozialhelferin sei ein erstrebenswerter Beruf, da man ja Menschen helfen konnte, doch sie wurde bitterst von der Realität enttäuscht. Die ersten Drogensüchtigen, mit denen sie zu tun gehabt hatte, hatten sich ständig mit Nadeln die Haut aufgeritzt. Wo sie doch kein Blut sehen konnte. Sie hatte den Job anderthalb Jahre durchgehalten und war dann zusammengebrochen. Die anschließende Ausbildung zur Ergotherapeutin hatte sie in der Klinik begonnen, begonnen, sagte sie, weil die Ergotherapeutin in der Klinik sie darauf gebracht hatte. Aber das CdB hatte ihr Hoffnung gegeben, direkt nach dem Klinikaufenthalt. Sie waren in den Süden Deutschlands gefahren, an einen der Seen. Dort hatte es grünes Wasser gegeben, weiche, angenehme Luft und gleichzeitig, am wichtigsten, freundliche Menschen, normale Menschen. Damals hatte sie ihren Hang zum Gras gefunden. Grünes Gras, nicht jenes, welches man rauchte. Das hatten die anderen gemacht. Sie hatte einen Mann kennengelernt, Thomas, damals 32, mit langen, braunen Haaren, muskulösen Oberarmen. Er hatte Gitarre gespielt, abends, am Lagerfeuer, und sie hatten zusammen gesungen. Das war vor 10 Jahren gewesen. Nach ihrer Rückkehr aus Süddeutschland war sie erneut zusammengebrochen, als die Ausbildung wieder anfing. Der anschließende Klinikaufenthalt zählte zu den düstersten Kapiteln ihres Lebens. Dunkelheit. Trauer, um sich selbst. Paroxetin – sie war gegen die Wand gerannt vor Unruhe, Mirtazapin – sie hatte nur noch geschlafen, schließlich Mirtazapin und viel Trinken. Sie war immer noch müde, müde von einem Leben, das, so fühlte sie, ihr nichts bot und nichts mehr bieten konnte, so dachte sie manchmal. Aber diese Reise war eine gute Idee gewesen, eine gute Idee bis gerade eben, bis sie von diesen Bildungsmenschen gehört hatte. Sie griff nach ihrer Tasche und wollte die letzten Reste des ihr vor drei Monaten verschriebenen Beruhigungsmittels hervorholen, aber sie befürchtete, dass man sie dabei beobachten könnte. Sie war zwar unter Kranken, aber nichts würde sie dazu bringen, sich vor ihnen innerlich zu entblößen, dachte sie.
Der Bus setzte an.
3 – Nach der Abfahrt
Rudolph war guter Dinge, dass diese Reise ausgezeichnet werden würde. Er konnte zwar sowohl Reiseleiter, da ebenfalls Kunstlehrer – und pensioniert! -, - Kunstlehrer waren die Schlimmsten! -, als auch Bordpsychologe, da Psychologe, nicht leiden, aber die Aussicht auf diese ganzen netten Menschen, von denen sogar einer der beiden, Bordpsychologe oder Reiseleiter, gesprochen hatte, von denen er nun schon einen, eine, kennengelernt hatte, erfüllte ihn mit Wohlgenuss. Und was war mit dieser jungen Frau neben ihm? Sie wirkte etwas aufgelöst und hatte seine Ankunft merklich nicht gerade positiv aufgenommen.
Rudolph seufzte. Egal. Er lehnte sich zurück in seinen bequemen Ledersessel, vermutlich Kunstleder, und entspannte. Er ließ seinen Geist wandern. Was war eine Reise anderes als eine Fahrt ins Ungewisse, so wie sie, daran erinnerte er sich aus dem Studium, Columbus unternommen hatte. Man würde lange Zeit auf See sein, Stürme und Gefährdnisse auf sich nehmen müssen, und weiterhin viel Ruhe brauchen, doch die Aussicht auf die Eingeborenen, und die Kameradschaft, die auf See erlebt wurde, ließen seine Hoffnung höher steigen. Eine schlechte Metapher, dachte er, aber er neigte nunmal zur Mittelmäßigkeit.
„Sind Sie nicht auch gespannt, was es alles zu sehen geben wird?“, brachte sich die nette Frau von hinten wieder stimmlich zum Vorschein.
„Natürlich“, brummte er.
„Ich war noch nie in Venedig, es soll ganz ausgezeichnet dort sein, - und wir werden die Maskensaison mitkriegen. Karneval.“
„Karneval, ja… das interessiert mich auch…“
„Haben Sie auch an die Kunstwerke in Venedig gedacht? Tintoretto, Tiepolo, Tizian. Und dann Dürer, wussten Sie, dass Dürer in Venedig tätig war? Der neue Dürer, nicht der des 16. Jahrhunderts… Das müsste Sie als Kunstlehrer doch gerade interessieren.“
„Oh ja, das tut es“, log er. „Ich mochte Bilder immer schon. Schon als kleines Kind habe ich gerne gemalt.“
„Wirklich? Haben Sie Fotos davon? Und malen Sie heute auch? Ich bin übrigens Romilda…“
„Neinnein, heute nicht mehr. Ich bin da sozusagen herausgewachsen.“
Eine kurze Stille trat ein, während derer Romilda wohl nach einem Weg suchte, das Gespräch fortzusetzen. Rudolph dachte plötzlich an seine Frau, verdrängte den Gedanken aber sofort wieder. Sie war auch Lehrerin, anscheinend waren alle Leute, mit denen er in seinem Leben zu tun hatte, im Lehrberuf tätig. Sein Vater war auch schon Lehrer gewesen: Sportlehrer. Abends war er stets schweißüberströmt nach Hause gekommen und hatte, vorlaut, wie Rudolph es mit zunehmendem Alter und abnehmender Achtung vor den Älteren empfunden hatte, getönt: „Heute war Friedrich im Schulunterricht wieder tüchtig.“ Tüchtig war überhaupt ein Wort, das er geliebt hatte, vermutlich, ohne ihm überhaupt eine wirkliche Bedeutung beizumessen oder seine tatsächliche Bedeutung angeben zu können. Was bedeutete „tüchtig“? Fleißig, ehrlich? Auch er konnte es nicht sagen. Sein Vater hatte ihn ungeschickliches Kind dazu gezwungen, neben der Schule Sport zu betreiben, und kommentierte das stets mit dem Lateinischen „optimum“, dem vermutlich einzigen lateinischen Wort, welches er beherrschte. Rudolph fragte sich, ob nicht der alte Lateinlehrer seines Vaters, so es denn ein Lehrer gewesen war, Schuld an den Qualen seiner Kindheit trug.
„Und was halten Sie denn von Dürer?“, fragte Romilda, wohl um das Gespräch erneut in Gang zu bringen. „Claus Dürer“, fügte sie hinzu.
Er musste überlegen. Er hasste niemanden mehr als den neuen Dürer und seine Bilder der Mutter Gottes.
„Seine Trilogie des Wahnsinns ist doch beeindruckend, nicht?“
Rudolph musste an die Bilder denken. Bilder, wieder Bilder. Heute Morgen erst war er Dürers Bild wieder begegnet, in Form einer Werbung für die Ausstellung im VolkSang-Museum. Aber das war die wahnsinnige Maria gewesen und die war kein Teil der Trilogie des Wahnsinns, auch wenn die thematische Ähnlichkeit unverkennbar war. Die Trilogie des Wahnsinns, drei Ölgemälde, in kurzlebiger Strichtechnik verfasst, Anleihen bei der chinesischen Malerei nehmend. Das erste Gemälde hieß „Der König“, es zeigte einen alten Mann im ebenso alten Altersheim, wie er in seinem Bett lag und eine Topfpflanze neben sich auf dem Bett stehen hatte; das zweite hieß „Der Hund“ und zeigte einen Businessman, wie man modern wohl gesagt hätte, der auf der Straße, grinsend dreinblickend, auf einer Bananenschale ausrutschte. Das dritte Bild der Trilogie schließlich war verschollen, hieß aber, das war allgemein bekannt, „Der Vogel“ und zeigte, so hatte Dürer es später angegeben, einen Mann, der, ikarusgleich, glaubte fliegen zu können.
„Ja, sehr beeindruckend.“ Ihm war bewusst, dass er nun seine eigene Ansicht ausführen musste, um das Gespräch am Laufen zu halten.
„Man hat das dritte Werk ja nie aufgefunden“, sagte er.
„Wie wahr… eine Schande… man sollte meinen, dass die Maler, die doch Wertschätzung vor ihren Bildern haben, vorsichtiger mit ihnen umgehen.“
„Tun sie nicht, tut Heinrich auch nicht…“
„Heinrich?“
„Mein Schüler.“
„Achso, den Namen konnte ich nicht mehr zuordnen.“
Heinrich hatte viel gemalt, schon in der 6. Klasse, - und er hatte ihn 5 Jahre lang begleitet, die 7. und 8. nicht, dann aber fast bis zum Abitur; und Heinrich hatte inzwischen ein gutes Abitur abgelegt, dessen war sich Rudolph sicher. Und er hatte Claus Dürer nie gemocht, lehnte dessen Stil als „vollkommen verfremdelnd“ ab und auch die Thematik sagte ihm nicht zu. Heinrich hatte stets realistisch gemalt, im Stile des Klassizismus. Er hatte ihm davon abraten wollen, doch Heinrich blieb dabei und so hatte Rudolph einen Teil seiner Achtung vor der modernen Malerei verloren.
„Achja, das ist nicht weiter schlimm. Aber Sie müssten mal seine Bilder sehen.“
„Oh“, seufzte sie theatralisch. „Das müssen Meisterwerke sein.“
Rudolph schreckte innerlich auf. Die Frau neben ihm weinte.
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