Seewölfe Paket 34

- -
- 100%
- +
Die „Ghost“ segelte parallel zur Küste und nur ungefähr eine halbe Meile entfernt. Dichter Dschungel bestimmte wieder das Bild, ein Zeichen, daß man sich der Mündung des Tapti näherte.
Dann wurde die See kabbelig. Die schlammigen Fluten des Flusses vermischten sich mit dem aufgewühlten Salzwasser. Der Strudel und unberechenbaren Strömungen wegen, ließ Ruthland anluven. Zu anderen Zeiten, wenn das Meer ruhig war, gab es außer einigen Sandbänken keine Probleme, in den Fluß einzulaufen.
Stunde um Stunde verging.
Nichts änderte sich. Das Land war monoton und riesig in seiner Ausdehnung.
Francis Ruthland lehnte an der Querbalustrade des Achterdecks und starrte unbewegt vor sich hin. Keiner der Decksleute wußte, wen er gerade ansah.
Das Hauptaugenmerk aller war nach wie vor nach achtern gerichtet. Deshalb bemerkten die Männer das Schiff erst, als es nur noch wenig mehr als eine Meile entfernt war.
„Galeone voraus!“ hallte es über die Decks.
Bei dem Schiff handelte es sich um einen Viermaster, einen ziemlich schwerarmierten Brocken, wie Ruthland durchs Spektiv sah. Es führte die spanische Flagge im Topp.
Für einen Ausweichkurs war es zu spät. Der Viermaster hätte die „Ghost“ auf jeden Fall eingeholt.
„Klarschiff zum Gefecht!“ brüllte Ruthland. „Wenn es sein muß, zeigen wir den Dons, daß wir zu kämpfen verstehen.“
„Falls das Pulver wieder trocken ist“, sagte Lefray. „Anderenfalls täten wir gut daran, die Flagge zu streichen.“
„Wo steckt bloß dieser Affenarsch mit seiner Karavelle?“ Edwin Carberry starrte über die See, aber die Finsternis war vollkommen.
„Laß es gut sein, Ed“, sagte Hasard, der neben ihm am Schanzkleid lehnte. „Ich denke, die Burschen haben sich abgesetzt.“
Aber damit geriet er bei Carberry an den Falschen. Der brauste nämlich auf. „Wo gibt’s denn so was? Solange wir mit denen ein Hühnchen zu rupfen haben, sollen sie gefälligst bleiben.“
„Sag das Ruthland, nicht mir.“ Der Seewolf zuckte leicht mit den Schultern.
„Du solltest Befehl zur Wende geben, Sir. Diese lausigen Kakerlaken segeln wieder nach Nordwesten.“
„Davon bin ich nicht überzeugt.“
„Ich hab’s doch mit eigenen Augen gesehen. Jeder hat es gesehen. Die Rübenschweine suchen ihr Heil in der Flucht.“
„Ruthland blufft, weil er weiß, daß wir ihm weiterhin folgen.“ Philip Hasard Killigrew klopfte zur Bestätigung seiner Worte dreimal mit den Fingerknöcheln auf den Handlauf des Schanzkleids.
Der Profos winkte lässig ab. Grollend sagte er: „Ruthland denkt nur daran, wie er seinen karierten Pavianhintern in Sicherheit bringen kann, bevor ich ihm die Haut in Streifen abziehe. So klug, wie du ihn einschätzt, ist er nicht.“
„Aber er ist raffiniert.“
Als sich der Profos das stoppelübersäte Rammkinn kratzte, klang es, als hätte die Schebecke eben ein Riff gestreift. „Diese fischäugige Qualle hofft, daß sie uns reinlegen kann? Wir sollen also nur denken, daß er abdreht?“ Er kratzte sich erneut. „Das läuft so nicht. Ruthland muß wissen, daß wir ihn durchschauen. Jetzt aufgepaßt, damit sich ja kein Fehler einschleicht.“ Er nahm die Finger zu Hilfe und begann, jeden Punkt einzeln abzuzählen. „Der stinkende Hering segelt nach Nordwesten. Er weiß, daß wir ihm nicht glauben, also muß er auf dem Kurs bleiben, weil wir nach Süden törnen. Da wir aber ahnen, daß er weiß, daß wir ihm nicht glauben, segeln wir ebenfalls nach Norden. Das bedeutet, er muß doch nach Süden.“
„Genau das war meine Überlegung“, sagte Hasard.
„Solche Trugschlüsse sind die Folge, wenn niemand den Profos ausreden läßt.“ Carberry war mit dem Abzählen beim Ringfinger der linken Hand angelangt. „Falls Ruthland wirklich so raffiniert ist, wie du behauptest, kann er unsere Überlegungen bestimmt bis hier nachvollziehen. Warum sollte er also nach Süden segeln, wenn er annehmen muß, daß wir ebenfalls nach Süden segeln?“
„Bravo!“ erklang es aus der Dunkelheit zwischen den Culverinen. „Das nenne ich eine wahrhaft logische Beweisführung. Solchen Argumenten mußt du dich einfach beugen, Sir.“ Old Donegal Daniel O’Flynn lehnte an einem der Geschütze und hatte herausfordernd die Arme vor der Brust verschränkt. Da durch die Grätings ausreichend Helligkeit nach oben fiel, tappte niemand ganz im Dunkeln.
„Ich habe noch sechs Finger zur Verfügung“, sagte der Profos warnend. „Das Spielchen läßt sich fortführen.“
Derart gewichtigen Argumenten hatte der Seewolf natürlich wenig entgegenzusetzen. Außerdem war er selbst ins Grübeln geraten. So dumm klangen nämlich die Behauptungen Carberrys gar nicht.
Bis zum neuen Morgen stand die Schebecke etwa fünfundzwanzig Seemeilen tiefer im Golf von Cambay. Der Tag begann mit strahlendem Sonnenschein und bester Sicht. Dan O’Flynn, der sofort in die Tonne am Großmast aufenterte, überschlug sich schier vor Begeisterung.
Durchs Spektiv konnte er sowohl die sumpfige Küste im Osten sehen als auch das weithin flache Land im Westen. Die Sichtweite betrug, solange die See so ruhig blieb, gut und gern zwanzig bis dreißig Meilen.
„Segel Steuerbord voraus!“ meldete er nach einer Weile, aber gleich darauf fügte er hinzu: „Es sind nur zwei Einmaster, wahrscheinlich Fischerboote.“
Die „Ghost“ war und blieb verschwunden.
„Nun ja, Mister Carberry“, sagte Hasard zum Profos, der jeden freien Augenblick nutzte, um selbst Ausschau zu halten, „sieht ganz danach aus, als wäre die Logik in die Hose gegangen.“
„Ruthland und seine lausige Brut verstecken sich bestimmt in irgendeiner Bucht.“
„Oder sie waren doch nicht ganz so schlau wie du, Ed. Woher sollten sie’s auch haben?“
Während der Profos stirnrunzelnd darüber nachdachte, ob Hasard das als Kompliment gemeint hatte, und doch zu keinem Ergebnis gelangte, rief der Seewolf zum Großmasttopp hinauf: „Du hast genau eine Stunde Zeit, Dan. Falls du die ‚Ghost‘ dann noch nicht aufgespürt hast, drehen wir um.“
Im Westen zog Dunst auf, das Land verschwand wieder hinter der Kimm. Nur entlang der Ostküste hielt sich die Sonne noch, aber auch da war zu erkennen, wie ihre Strahlen die Feuchtigkeit aus dem Dschungel sogen. Erste Wolkenschleier bildeten sich. Trotz des anhaltenden Westwindes hingen sie anscheinend unverrückbar in einigen hundert Yards Höhe.
Dan spürte die „Ghost“ nicht auf. Selbst als die Schebecke dichter unter Land ging, sah er nur die Segel von Fischerbooten. Hasard befahl schließlich die Wende.
Die Schebecke tauchte geradewegs hinein in einen neuerlichen Regenguß. Aber schon nach kurzer Zeit schien wieder die Sonne. Verheißungsvoll spannte sich ein Regenbogen über dem Arabischen Meer.
Kurz nach Einbruch der Nacht passierten die Arwenacks die Tapti-Mündung. Alles blieb ruhig. Von Ruthland und seiner Karavelle war nichts zu sehen.
„Wenn er wirklich schlau ist, hat er sich aus dieser Region zurückgezogen“, sagte Don Juan de Alcazar. „Hindustan ist groß, wir müssen uns nicht gegenseitig die Schädel einschlagen.“
Trotz dieser Feststellung blieb die Tonne am Großmast während der Nacht besetzt. Erst hielt Stenmark Ausguck, ab Mitternacht war Bill an der Reihe, und Sam Roskill löste ihn exakt beim vierten Doppelschlag der Schiffsglocke ab.
„Keine Vorkommnisse“, meldete Bill, bevor er das Spektiv übergab und über die Großwanten abenterte.
Im Osten zeigte sich bereits eine fahle Helligkeit. Der Wind hatte aufgefrischt und wehte aus wechselnden Richtungen. Hin und wieder trieb ein Schleier unangenehmer Nässe heran.
Falls irgendwo in der Nähe eine Siedlung war, lagen die Einheimischen noch im wohlverdienten Schlaf. Keine noch so schmale Rauchfahne kräuselte sich in den frühen Morgenhimmel.
Plötzlich stutzte Roskill.
Steuerbord voraus, Richtung offenes Meer, lag noch die undurchdringliche Dunkelheit der Nacht. Aber dort war ein winziges Flackern zu sehen. Während Sam versuchte, mehr zu erkennen, verschwamm es vor seinen Augen.
Er setzte den Kieker ab, blinzelte, wischte sich über die Augen und polierte vorsorglich die beiden Linsen des Spektivs.
Das stete Stampfen und Rollen des Schiffes war schuld daran, daß er das bißchen irrlichternde Helligkeit nicht sofort wiederfand. Aber seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus.
Er hatte sich nicht getäuscht. Da draußen war etwas, was er noch nicht einzuordnen vermochte. Auf jeden Fall kein Schiff, denn eine Hecklaterne wäre größer und heller gewesen. Die Entfernung schätzte er auf ungefähr eine halbe Seemeile, vielleicht ein bißchen mehr. Da der Mond schon lange untergegangen war und sich die meisten Sterne hinter Wolkenschleiern verbargen, war es wohl keine bloße Spiegelung.
„Deck!“ rief Sam Roskill halblaut nach unten. „Da treibt etwas, vorlich an Steuerbord, etwa eine halbe Meile entfernt!“
„Für was hältst du es?“ fragte Blacky zurück, der auf der Kuhl Wache ging.
„Ich weiß nicht. Die ‚Ghost‘ ist es kaum, und für ein Fischerboot ist es zu weit draußen.“
Wenig später war die Mannschaft an Deck versammelt. Der Kurs wurde geändert. Die Schebecke lief erst über Steuerbordbug und entfernte sich scheinbar von dem gesichteten Objekt, ging dann aber auf den anderen Bug und schloß schnell wieder auf.
Dan O’Flynn stand auf der Back und beobachtete ebenfalls. Ein winziges Licht tanzte auf den Wellen.
„Sieht so aus, als hätten wir ein Floß vor uns!“ meldete Sam Roskill aus der Tonne.
Wenig später erkannte es auch Dan von seinem tiefergelegenen Standort.
„Da sind Leute auf dem Floß!“
„Die Laternen an!“ befahl Hasard.
Augenblicke später verbreitete die Schebecke einen fahlen Schein um sich herum. Die große Hecklaterne spiegelte sich vielfach im Wasser.
Außerdem zog die Dämmerung herauf. Der Himmel nahm allmählich eine graue Färbung an.
„Da, sie haben uns entdeckt und winken!“ rief Dan.
Und Sam Roskill fügte aus der Höhe hinzu: „Es sind zwei Männer.“
Der Seewolf gab den Befehl zum Beidrehen. Bei fünfzig Yards Distanz wurde das Großsegel ins Gei gehängt und die Fock herumgeholt. Mit immer noch beachtlicher Geschwindigkeit schoß die Schebecke auf das kleine Floß zu und schien es untermangeln zu wollen. Aber Pete Ballie an der Pinne verstand sein Handwerk wie überhaupt jeder der Arwenacks. Er legte Ruder, als die backgebraßte Fock die Fahrt zu vermindern begann.
Gerade noch fünf Yards trennten letztlich den Dreimaster und das Floß, das alles andere als seetüchtig wirkte. Auf zwei roh zugehauenen, ungeschälten Baumstämmen war ein dichtes Geflecht aus Bambus verschiedenster Stärke mit Lianen vertäut.
Die Zwillinge warfen die Belegleinen aus.
Gleich darauf stutzten sie. Vertraute Laute erklangen. Die beiden Männer, ihrem Aussehen nach stammten sie ohnehin aus der Alten Welt, redeten spanisch.
„Sieht ganz so aus, als würde der zu erwartende Kuchen immer kleiner“, sagte Ben Brighton. „Jetzt geben sich nicht nur Portugiesen und Holländer ein Stelldichein, sondern auch die Dons sind da. Fehlt nur noch, daß das nächste Schiff, dem wir begegnen, für die Hanse segelt.“
„Genau so wird es sein“, bekräftigte Mac Pellew.
Don Juan de Alcazar brachte inzwischen die Jakobsleiter aus. Er beugte sich über das Schanzkleid und rief nach unten: „Ich nehme an, ihr könnt aus eigener Kraft aufentern. Dies ist zwar ein englisches Schiff, aber wir segeln mit gemischter Mannschaft. Also keine Furcht, Señores, niemand an Bord beißt, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.“
Die Arwenacks lachten verhalten.
Hilfreiche Hände streckten sich den Spaniern entgegen und zogen sie über die Verschanzung, als sie nacheinander nach oben kletterten. Beide wirkten zwar mitgenommen, aber noch lange nicht erschöpft. Länger als zwei oder drei Tage trieben sie bestimmt nicht auf dem Floß.
Der eine war ein wahres Gerippe, so dürr, daß man glaubte, bei jeder Bewegung seine Knochen klappern zu hören. Mac Pellew bedachte ihn mit mißbilligenden, abschätzenden Blicken. Wahrscheinlich zerbrach sich der Koch bereits den Kopf darüber, was er alles auftischen müsse, um diese Vogelscheuche zu einem normalen Menschen aufzupäppeln.
„Die Spanier scheinen einen lausigen Koch gehabt zu haben“, flüsterte Jan Ranse neben Mac Pellew. „Denkst du darüber nach?“
„Erst wenn man das Elend sieht, weiß man die eigenen Wohltäter zu schätzen“, erwiderte der Kombüsenmann weise.
Aus tief in den Höhlen liegenden, blutunterlaufenen Augen schaute sich der Don um. Er hatte ein Geiergesicht, das durch die kräftigen Bartstoppeln noch betont wurde.
Der andere Mann war ebenfalls hager, wirkte aber dennoch kräftig. Sein Blick hatte etwas Stechendes, was nicht zuletzt an seinem starren, verkniffenen Gesichtsausdruck lag.
Nachdem Hasard die Spanier seinerseits ausgiebig gemustert hatte, trat er vor. „Ich bin Kapitän Philip Hasard Killigrew. Der Mann neben mir ist Ben Brighton, unser Erster Offizier, und mit Don Juan de Alcazar, einem Landsmann von Ihnen, haben Sie ja schon gesprochen.“
„Julián Carmona, Señor Capitán.“ Der Knochenmann nannte seinen Namen. „Mein Begleiter ist Pilar Aparicio. Wir danken Ihnen und Ihrer Mannschaft für die Hilfe. Es scheint nicht leicht zu sein, vor diesem Kontinent wirklich Freunde zu finden.“
„Was ist geschehen?“ fragte Don Juan.
„Das ist eigentlich mit wenigen Worten gesagt“, erklärte Carmona. „Nur – mit rauher Kehle redet sich’s schlecht.“
Daran hatte im ersten Moment niemand gedacht. Die Spanier wirkten nicht, als wären sie dem Hungertod nahe, und verdursten konnte wegen der häufigen Regengüsse auch keiner. Außerdem lag die Küste ohnehin nur gerade drei Seemeilen querab.
Der Profos zauberte ein halbvolles Rumfläschchen hinter seinem Rücken hervor – oder auch ein halbleeres, das lag einzig und allein daran, welchen Standpunkt man vertrat.
„Nicht so hastig trinken“, sagte er warnend. „Wenn einer tagelang nichts gegessen hat, berauscht der Rum sehr schnell.“
„Danke“, murmelte Pilar Aparicio, setzte die Flasche an die Lippen und trank, bis ihm der Rum über die Bartstoppeln rann. Anschließend reichte er das fast leere Fläschchen weiter.
„Unser Schiff war die ‚El Cobayo‘, ein kleiner, schneller Zweimaster mit nur geringer Mannschaft. Der Kapitän wollte sich mit eigenen Augen vom Reichtum Indiens überzeugen und Gewürze bunkern, deren Erlös eine neue Expedition finanzieren sollte. Leider liefen wir einem Portugiesen vor die Rohre.“
„Die Hunde haben uns, ohne zu zögern, angegriffen und versenkt“, ergänzte Julián Carmona. „Fünfzehn Kanonen gegen vier – wir hatten keine Chance.“ Er setzte die Flasche nochmals an, stellte fest, daß sie leer war, und warf sie in hohem Bogen über Bord.
„Das war weiter nördlich.“ Aparicio übernahm wieder das Wort. „Wir hätten nie geglaubt, daß die Portugiesen euch schon so nahe am Tapti-Fluß gefaßt haben.“
„Wann ist das ‚Meerschweinchen‘ untergegangen?“ fragte Hasard.
„Vor fünf Tagen“, sagte der Hagere. Das Knochengestell nickte eifrig dazu. „Wir sind die einzigen Überlebenden. Als die Pulverkammer in die Luft flog, standen wir auf der Back, das hat uns wohl das Leben gerettet. Danach konnten wir uns an aufschwimmenden Fässern festhalten. Bloß die Küste war mies – Mangroven, Sumpf und Urwald. Wir haben versucht, uns nach Süden durchzuschlagen, aber das ist die Hölle. Unmöglich, sage ich euch, nicht nur wegen der Heerscharen von Mücken und der vielen Schlangen.“
„Deshalb also das Floß“, sagte Don Juan. „Besonders seetauglich scheint es nicht zu sein, vom fehlenden Segel ganz zu schweigen.“
„Wir wollten auch nicht aufs Meer hinaus, sondern nur an der Küste entlang nach Süden“, erklärte Julián Carmona.
„Im Süden, in Goa, sitzen die Portugiesen.“
Carmona lachte verhalten. „Engländer müssen nicht alles wissen.“
„Das ist uns auch recht“, sagte Ben Brighton mißlaunig. „Dann setzen wir euch also hier an Land ab. Oder ihr geht mit eurem Bambusfloß wieder in See. Ausrüstung ist ja vorhanden.“
„Was heißt Ausrüstung?“ Der Knochenmann starrte den Ersten Offizier an, als sei er plötzlich vom Donner gestreift worden.
„Nun ja“, sagte Ben. „Ich habe eine Laterne gesehen …“
„Die stammt von der ‚El Cobayo‘ und war zusammen mit Öl und Feuersteinen in einem der Fässer.“
Ben Brighton fuhr ungerührt fort: „Einen Schiffshauer, jeder von euch trägt einen Dolch im Gürtel – und Proviant und ein volles Wasserfaß stellen wir selbstverständlich zur Verfügung.“
„Das – das können Sie nicht tun.“ Carmona wurde sichtlich blaß. „Die Strömung treibt uns aufs offene Meer hinaus.“
„Ist es nicht genau das, was Sie wollten?“ fragte Hasard.
Pilar Aparicio ließ einen abgrundtiefen Seufzer vernehmen.
„Schätzungsweise zehn bis fünfzehn Meilen von hier gibt es eine versteckte Bucht. Dort stoßen wir auf jeden Fall auf Landsleute.“
Hasard zog die Brauen hoch. „Sieh da“, sagte er. „Die Dons wachsen also neuerdings auf den Bäumen, oder sie stehen einfach nur so herum.“
Aparicio schluckte schwer. Der Seitenhieb hatte gesessen.
„Spanien ist im Begriff, eine erste heimliche Niederlassung aufzubauen“, gestand er. „In der Bucht stehen bereits ein halbes Dutzend Häuser. Esperanza – Hoffnung – heißt die Siedlung, sie wird inzwischen regelmäßig von Schiffen angelaufen.“
„Die ‚El Cobayo‘ war also gar nicht so zufällig vor Surat?“
„Nein“, sagte Aparicio zerknirscht.
„Ist das alles, oder haben Sie noch mehr Halbwahrheiten zu berichtigen?“
„Señor …“
„Schon gut.“ Hasard winkte großzügig ab. Er wollte sich umdrehen und zum Achterdeck hochsteigen, aber die Spanier redeten gleichzeitig auf ihn ein.
„Señor Capitán! Wir würden es begrüßen, wenn Sie uns vor Esperanza absetzen könnten. Selbstverständlich werden Sie für Ihre Bemühungen entschädigt.“
Einige Arwenacks feixten. Daß Spanier ihnen freiwillig Geld anboten, geschah in der Tat recht selten.
„Wie viele Schiffe der glorreichen spanischen Flotte liegen derzeit vor Esperanza vor Anker?“ fragte Hasard.
„Wahrscheinlich eine Galeone“, erwiderte der Knochenmann. „Sofern der Capitán nicht inzwischen die Suche nach der ‚El Cobayo‘ befohlen hat.“
5.
Die Tage vergingen in quälender Langsamkeit.
Sämtliche Arbeiten an der „Aguila“ waren inzwischen abgeschlossen. Das Schiff lag am Kai im Hafen von Cádiz vertäut, aber Capitán César Garcia hatte der Mannschaft den Landgang verboten. Statt dessen hatte er für jeden Tag Gefechtsübungen befohlen. Vom ersten Morgengrauen bis nach Einbruch der Dunkelheit erfolgte ein gnadenloser Drill an den Geschützen und in der Takelage.
Garcia, der ohnehin als scharfer Hund verschrien war, entwickelte sich zum Tyrannen, der seine schlechte Laune an jedem ausließ, der ihm irgendwie auffiel.
Juarez Molina, der Erste, stand ihm in dieser Hinsicht kaum nach.
Das Geschützexerzieren auf dem engen Batteriedeck, dessen lichte Höhe nur etwas mehr als fünf Fuß betrug, wurde zur Qual.
Garcia war sich selbst nicht mehr gut. Am liebsten hätte er die Kanonen mehrmals am Tag abfeuern lassen, doch ihm fehlte ein brauchbares Ziel, an dem er seinen Ärger austoben konnte.
Der Unfall, der sich am 12. Dezember, also nach beinahe zwei Wochen schier unmenschlicher Anstrengungen ereignete, mochte sinnbildlich für den Zustand aller Männer an Bord des Kriegsschiffs sein.
Beim Abschlagen der Segel und Fieren der Rahen löste sich die Großmarsrah aus dem Rack. Zwei Kerle wurden von der Rah, die ein beachtliches Loch in die Decksplanken schlug, mit in die Tiefe gerissen. Drei weitere Decksleute konnten nicht mehr ausweichen und wurden zerschmettert.
Eine Untersuchungskommission gelangte vier Tage später zu der Erkenntnis, daß den Kommandanten keine Schuld träfe, er hätte schließlich versucht, die Fähigkeiten der Mannschaft auf den höchstmöglichen Stand zu bringen. Aber gegen die Dummheit einzelner wäre eben kein Kraut gewachsen.
Der Vormann am Großmast wurde für unschuldig befunden, durch zu lasche Aufsicht den Tod von fünf Männern herbeigeführt zu haben. Da jedoch nicht ganz auszuschließen war, daß einige dieser Männer infolge zu hohen Alkoholgenusses in ihren Reaktionen beeinträchtigt waren, lautete das Urteil lediglich auf siebzig Peitschenhiebe. Es wurde am nächsten Tag auf dem Platz vor den Hafenanlagen vollstreckt.
Capitán Garcia stand in der vordersten Reihe der Zuschauer. Obwohl es ihm äußerlich nicht anzusehen war, genoß er die Bestrafung, die Disziplin und Kampfmoral an Bord bestimmt heben würde.
Der Vormann war längst ohne Besinnung, als er nach den siebzig Hieben losgebunden wurde. Er starb eine Stunde später.
Für Garcia war das Grund genug, den Drill noch härter fortzusetzen. Seine Mannschaft schwitzte Blut und Wasser.
Am 16. Dezember kehrte endlich der berittene Bote vom Hof Philipps III. zurück. Er überbrachte ein Schreiben mit königlichem Siegel, dessen Inhalt César Garcias schlimmste Befürchtungen bestätigte.
Der Konvoi von elf Schatzschiffen aus der Neuen Welt hatte vom Sonderbeauftragten Seiner Majestät, Don Julio de Vilches, in Santa Cruz de Tenerife übernommen und nach Spanien geleitet werden sollen. Der Zielhafen wurde auch jetzt nicht genannt. Philipp III. verlieh jedoch seiner übergroßen Besorgnis Ausdruck, die aus dem Fehlen jeglicher Nachricht erwuchs. Die Schiffe waren überfällig.
„Verdammt!“ sagte Capitán César Garcia, als er das Schreiben an Admiral Mendez zurückreichte.
„Das kann nicht alles sein, Capitán, was Sie zu sagen haben.“
„Natürlich nicht.“ Garcia hatte Mühe, sein Temperament zu zügeln. „Wenn man auf mich gehört hätte, wäre bereits vor Wochen eine Suchflotte in See gegangen. Ich wiederhole hier nochmals, was ich stets deutlich zu verstehen gegeben habe: Der Konvoi wurde von Schnapphähnen aufgebracht und ist für die Krone verloren, wenn wir nicht schnell handeln.“
Mendez lächelte mitleidig. Inzwischen mischte sich aber ein Zug von Nachdenklichkeit in dieses Lächeln.
„Es geschieht zwar gelegentlich, daß eine oder zwei Galeonen von Piraten gekapert werden – aber gleich elf Schiffe? Das ist lächerlich.“
„Wie erklären Sie sich dann den falschen Don Julio de Vilches an Bord eines Schiffes, wie es in aller Regel von Mittelmeerpiraten gesegelt wird?“
„Vorerst gar nicht. Sie selbst, Capitán, haben ausgesagt, daß Sie mit Ihrem Freund, Don Ricardo de Mauro y Avila, an Bord des Flaggschiffs ‚Salvador‘ gesprochen haben. Ich nehme an, an seiner Loyalität hegen Sie keinerlei Zweifel.“
„Natürlich nicht, Admiral.“
„Don Ricardo hat Ihnen gegenüber nichts von Schnapphähnen erwähnt?“
„Er war über die angebliche geheime Order Don Julios verärgert.“
„Die drei Geleitschiffe, die Sie an Stelle der ‚Casco de la Cruz‘ angetroffen haben …“
„… waren natürlich Spanier, Admiral. Wenngleich – auf der ‚Isabella‘ schien einiges im argen zu liegen. Kapitän und Offiziere hatten offenbar ein besonders vertrauensvolles Verhältnis zur Mannschaft.“
„Solange die Disziplin nicht darunter leidet, erscheint mir ein solches Verhalten nicht verwerflich.“
„Admiral.“ Garcia sprang aus dem Sessel auf, in dem er Mendez gegenüber Platz genommen hatte. „Eine Verbrüderung des einfachen Schiffsvolks mit den Offizieren würde untragbare Zustände heraufbeschwören.“
„Bitte, Capitán, nehmen Sie wieder Platz. Ich verstehe Ihre Erregung, wenn ich sie in dieser Hinsicht auch nicht in vollem Umfang teile. Wir schweifen lediglich vom Thema ab. Die Möglichkeit besteht, daß Don Julio de Vilches den Konvoi zu einer unserer nördlichen Hafenstädte geleitet hat. Vigo, La Coruña oder Santander bieten sich dafür an. Nein, Capitán, zügeln Sie Ihr Temperament und lassen Sie mich ausreden.“ Mit einer heftigen Handbewegung schnitt der Admiral Garcia das Wort ab, ehe er überhaupt etwas sagen konnte. Verhaltener fuhr er fort: „Ich kenne und schätze Ihre Leistungen. Deshalb, und nur deshalb, habe ich mir erlaubt, weitere Boten zu unseren Hafenstädten zu schicken. Ich bin überzeugt, wir werden in Kürze endgültig Gewißheit erlangen.“
„Nur Stunden nach der Unterredung mit Admiral Mendez trifft die Schaluppe aus Vigo ein. Statthalter Don Jaime La Roda hat nie etwas von einem Konvoi gehört und gar gesehen. Dummerweise gibt es jedoch die Aussagen eines Teniente und zweier Kapitäne, daß eine Flotte verproviantiert wurde. Irgend jemand will sogar vernommen haben, daß die Schiffe Santander als Ziel hatten.