- -
- 100%
- +
Ihr Vater teilt diese Auffassung keineswegs. Er beschäftigt sich nicht oft mit ihr, amüsiert sich aber dann und wann damit, sie alle möglichen schwierigen Wörter verwenden zu lassen. Ihr ist ein großer Wortschatz angeboren. Sie lässt sich weder von dessen ungeachtet, noch von nichtsdestotrotz oder obgleich aus dem Konzept bringen. Aber bei »Wie läuft es denn so?« schaut sie hilflos zu ihm auf. »Ist das Reisen gemeint?«, fragt sie.
»Apropos reisen, möchtest du vielleicht nach Paris, Rolien?«
»Nein«, antwortet sie, »lieber nach Amsterdam, denn dort kann ich mich nicht unterhalten.«
»Aber wolltest du vielleicht nach Paris, um dort einen Jungen aus dir machen zu lassen?«
»Einen Jungen?«, wiederholt sie überrascht.
»Ja, das geht wirklich. Aber das muss vor deinem zwölften Geburtstag passieren. Und dann kommst du in einem grünen Cordanzug zurück.«
Jetzt kommt ihre Mutter herein. »Und mit kurzen Haaren«, schiebt Vater nach. Dieses kleine Gedankenspiel schenkt ihm die kindliche Befriedigung, sich für einen Moment einen Sohn herbeiphantasieren zu dürfen. Dass er diese Worte auch an sein Kind gerichtet hat, entgeht ihm. Genauso deren Wirkung. Die meisten Eltern säen wie er mit leichter Hand den ersten Samen, aus dem eine düstere, mächtige Pflanze erwächst, die Einsamkeit. Und trifft deren Schatten sie dann unverhofft, stoßen sie in naiver Verwunderung irgendwelche Sätze heraus, der Art: »Wie kommt unser Kind nur dazu … um Himmels willen, von wem hat sie das bloß?«
Am Abend, nach dem Ausziehen, stellt sie sich nackt vor den Spiegel. »Ich heiße Rolien«, sagt sie. »Und danach werde ich Rudolf heißen. Aber was werden sie dort an mir verändern?« Ihre Hand streift über ihre Brüstchen, umschließt die zaghafte Wölbung, streicht über ihre schmalen Schenkel. Sie entdeckt die ersten flaumweichen Härchen und denkt: So etwas haben die Puppen doch nicht. Sogar die alte Mutterpuppe ist weiß und glatt, aber ich hab es wohl … Ich hab es wohl. Das Streicheln ihrer eigenen kühlen Finger auf ihrer warmen Haut ist etwas sehr Angenehmes. Sie wiederholt es an den folgenden Abenden. So wird es zum Spiel. Zu ihrem Spiel, das sonst keiner auf der Welt kennt …
Dann überlegt sie, nicht ohne Bedauern, dass ein erwachsener Rudolf unmöglich Mutter sein kann. Wenn Vaters Plan aufgeht, muss sie sich einen anderen Berufswunsch ausdenken.
Sie hat gerade beschlossen, Arzt zu werden, als Marguérite, der französische Besuch der Nachbarn, sie auf andere Gedanken bringt. Rolien lauscht gern den wunderlichen Pariser Geschichten, die ihr Marguérite in einem ebenso wunderlichen Niederländisch auftischt. Aber immer irgendwo dort, wo keine ihrer Schulfreundinnen sie sehen kann. Denn Marguérite hat so komische, vornehme Kleider an, den Kopf voll unechter Locken, eine gepuderte Nase, rosa lackierte Fingernägel, und sie verbreitet, wo sie geht und steht, einen seltsam süßlichen Geruch. Deshalb lotst sie Marguérite, nach deren alberner Begrüßungsverbeugung vor ihrer Mutter, immer möglichst schnell in den Garten, in eine sichere Ecke im oder hinter dem Schuppen.
»Weißt du«, beginnt Marguérite heute, »wer in Paris die nettesten Männer sind? Ich weiß es von Rosy, unserem früheren Dienstmädchen, und der kann man glauben.«
»Nein«, antwortet Rolien. »Und ich will sehr gern ein netter Mann werden.«
»Heißt das nicht kriegen?«, fragt Marguérite.
Und Rolien, ohne weitere Erklärung: »Nein, werden.«
»Sie sind nicht distinguiert, aber witzig. Wenn Maman ein Diner gibt, sind sie sehr distinguiert, aber lachen gibt’s nicht. Und nie tun oder sagen sie etwas, um mich zum Lachen zu bringen. Doch über Rosys Mann lacht man sich schief. Außerdem ist er mutig. Allerdings nicht vorsichtig, denn jetzt ist er tot. Rosy sagt, das ist nicht so schlimm, ihr Temperament war ohnehin zu verschieden. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet; ich denke mir, dass er sie nicht fest genug geküsst hat.«
»Aber was war er denn eigentlich?«
»Clown und Akrobat bei einem Wanderzirkus.«
Rolien ist enttäuscht. Zwischen distinguiert und Clown gibt es unendlich viele Berufe.
Und Ralien sagt: »Sie starrte düster vor sich hin. Mit einem Mal sah sie die beiden großen Pfosten neben dem Schuppen, an denen mit Ketten befestigte Ringe hingen. Und ihr Gesicht hellte sich auf. Was Rosys verstorbener Ehemann konnte, das kann sie auch, nur ohne zu sterben.«
»Warum sagt du nichts?«, fragt Marguérite ungeduldig.
Rolien geht zu den ledernen Turnringen, nimmt einen großen Anlauf. »Glaubst du«, fragt sie, gibt Schwung und ruft, »glaubst du wirklich, dass ich das auch werden kann?« Sie verschränkt die Beine über dem Kopf, macht ein Vogelnest. Und mit feuerrotem Vogelköpfchen und funkelnden Augen ruft sie: »Jetzt den Todessprung!« Sie schwingt sich so hoch, dass ihre Zehen das Grün der Kastanie berühren; dann lässt sie jäh die Ringe los und fällt vornüber ins hohe Gras.
Marguérite drückt die rosa Fingernägel in ihre Handflächen: »Pauvre chérie, tu t’es fait mal?«
»Bist du verrückt? Ich habe mir einen wunderbaren Plan ausgedacht. Wir geben zusammen eine Zirkusvorstellung, gegen Eintritt, und von dem Geld, das wir kassieren, nehme ich Akrobatikunterricht.«
Der Garten steckt voller Überraschungen. Nicht nur, dass am Festabend dort überall Gänseblümchen und Butterblumen blühen, auch das Licht, das die Windlichter verbreiten, gibt den Blättchen der Rosensträucher einen blau-silbrigen Glanz, wodurch die Rosen an Muscheln erinnern und Rolien sogar einen Augenblick lang wünscht, die Vorstellung würde von höherer Stelle abgesagt, damit sie die Blumen und das Licht für sich allein haben kann. Aber nur für einen Augenblick, denn dann versetzt sie Marguérite, im dottergelben Badeanzug, mit einem von ihrem Cousin geliehenen Akrobatenkostüm (einer langen Hose von Jaeger mit dazu passendem, reich mit Mottenlöchern verziertem Hemd) in Verzücken und Verwirrung. Alles hängt in weiten Falten um Rolien herum, zusätzlich wickelt sie sich in ein verregnetes Fahnentuch.
So empfängt sie die Gäste an der Gartenpforte. Dora und Emmie baumeln an Mutters Arm. Niemand verweigert den Cent Eintrittsgeld, für den ein weiß nummeriertes Kärtchen überreicht wird. Dass einige der Besucher mehr erwarten, als ihnen für diesen einen Cent geboten werden kann, beweisen die achtundzwanzig Kupferstücke, die in dem rosa Fingerschälchen liegen, nachdem fünfzehn Nummern ausgegeben wurden. Dass sich auch Rolien mehr von diesem Abend erhofft hat, beweist ihre Niedergeschlagenheit am Ende des so begeistert begonnenen Fests.
Und trotzdem … zunächst einmal war jeder nett. Zum Beispiel Fräulein Vola, unsere hochgeschätzte Hausfreundin, wie Vater sie nennt. Denn während Rolien, kopfüber an den Ringen hängend, heimlich über die violetten Strumpfbänder lachte, die sie um deren unförmige Knie entdeckt hatte (wie schön stachen dagegen Mutters runde Knie in den schimmernden Strümpfen und die kurzen, glattgeschmirgelten Puppenbeine ab), hörte sie auch Vola lachen, ein fröhliches Kichern, und während sie langsam bis hundert zählte, bevor sie absprang, hörte sie die Bemerkungen: »Was ist das nur für ein merkwürdiges Kind«, und zu Roliens Vater: »Marius, deine Tochter hätte eigentlich ein Junge werden sollen.« Als sie benommen und wohlbehalten wieder aufrecht stand, versprachen Fräulein Vola und auch ihre Mutter, sie bei nächster Gelegenheit in einen richtigen Zirkus mitzunehmen. Nein, an den Erwachsenen hat es heute Abend bestimmt nicht gelegen. Sie schienen sich so zu amüsieren, dass sie ihren unausstehlichen, beschützenden Tonfall ganz und gar ablegten. Und es lag auch nicht an Marguérite, die sich instinktiv völlig im Hintergrund gehalten hatte. Und nicht einmal an dem berüchtigten Todessprung, der misslang, weil der vernünftige Teil von Agnes ausgerechnet in diesem Augenblick schrie: »Lass das, Rolien, oh bitte, lass das sein!« Das Geschrei erschreckte Rolien so, dass sie eine Vierteldrehung zu früh absprang und mit dem Kopf auf der Samtweste des Notars von gegenüber landete; er griff ihr daraufhin ins Haar, zog sie an den Ohren, küsste sie mitten auf den Mund und sagte, selbst wenn sie zehn Jahre älter wäre, wüsste er immer noch nicht, was er tun solle. Am Ende hatten sich alle so höflich bei ihr bedankt, als ob sie es ehrlich meinten.
Marguérite erwartet sie mit dem rosa Fingerschälchen und den achtundzwanzig Cents.
»Weißt du schon, wer dein Professor sein wird, Rolien?«, fragt sie interessiert.
»Professor?«, gibt sie abwesend zurück, und dann: »Oh nein, ich werde keinen Unterricht nehmen, ich werde kein Akrobat. Und hier, die Hälfte ist für dich.«
Worauf Marguérite froh mit der unerwarteten Beute nach Hause rennt.
4
Experimente mit Leben und Tod
Sie bleibt nun allein zurück, ein mageres kleines Mädchen in einem schmuddeligen Fahnentuch; allein mit den ausgebrannten Windlichtern und dem Gras mit den zertretenen Gänseblümchen und Butterblumen. Fern ist jetzt die stille Freude, die der Begeisterung des Festabends voranging. Die Unordnung entmutigt sie, aber wie kann sie dem entkommen? Es ist wie damals, als sie bei dem Katz-und-Maus-Spiel wie angenagelt dastand, obwohl sie am liebsten weggerannt wäre. Sie streckt die Arme nach den Rosen aus, doch die Blütenblätter sind bereits geschlossen und duften unbekannt nach Nacht. Dann stößt ihr Fuß gegen etwas Hartes. Sie bückt sich und greift in Doras langes schwarzes Haar; sie reißt sich das Fahnentuch vom Leib und wickelt die kalte Lieblingspuppe damit ein. »Rolien!«, ruft ihre Mutter, »ich habe im Garten eine Puppe verloren.«
»Verloren«, antwortet Rolien, »hast du auch schon mal ein Kind verloren?«
Nun lacht die Mutter, in dem Augenblick, in dem sie selbst weint; zwar nicht so weint, dass man es hören oder sehen kann, aber das muss die Mutter doch begreifen. Und hat dieses Lachen, das sie sonst (wegen der zwei perlweißen Reihen) so liebt, jetzt nicht etwas Spöttisches? Später im Bett gibt es keinen Grund zu schlafen, aber gute Gründe, wach zu bleiben und an die unförmigen Knie von Fräulein Vola zu denken, wobei sie es jetzt bedauert, dass sie die Knie nicht kurz angefasst hat, um genau zu wissen, wo der Knochen anfängt und das Fleisch aufhört. Auch der warme Mund des Notars kehrt zurück, mit diesem kitzelnden Schnurrbart auf ihren Lippen. Und wieder hört sie: »Rolientje, selbst wenn du zehn Jahre älter wärst, wüsste ich immer noch nicht, was ich tun sollte.« Was würde er dann tun, und warum sollte er es jetzt noch nicht wissen? Und nein, Akrobatin will sie nicht mehr werden, und das mit Paris wird natürlich auch nichts, Vater sagt öfter solche Sachen, und Mutter … wie hat sie nur die arme Dora im Garten vergessen können, und wie konnte sie danach auch noch darüber lachen? Dasselbe Lachen wie nach einem Streit mit Vater, wenn sie seine Krawatte neu bindet. Und trotzdem bleibt sie stolz auf ihre Mutter: Wenn die sie von der Schule abholt, ist sie schließlich immer die Schönste von allen Müttern. Und für ihren Vater schämt sie sich weiterhin: Er spuckt auf die Straße, direkt neben sie, einmal sogar auf ihre weißen Schuhe. Sie hat sie danach nicht mehr anziehen mögen, konnte es der Mutter aber nicht sagen, sonst wäre die Mutter wieder böse auf Vater geworden, und das ist schlimmer als alles andere. Morgen wird sie Marguérite den Akrobatenanzug zurückgeben. Komisch, die Hose wird vorn zugeknöpft, das hat sie noch nie gesehen, sie wird sich auch so eine wünschen. He, da sind sie ja wieder, diese komischen Knie, nun sind sie an Mutters Beinen, nein, Mutter, du hast schlanke Beine, aber du hast falsch gelacht. Du begreifst nicht, dass Dora lebt, auch wenn sie keine Kinder kriegen kann, und sterben kann, genau wie die Gänseblümchen und die Butterblumen. »Liebe, liebe Dora« (sie drückt einen Kuss auf das harte Puppenhaar), »du hättest tot sein können wie das Kätzchen, aber nun du lebst noch. Du lebst noch, denn du bewegst deine Arme und du küsst mich zurück, nicht so eklig wie der Notar, sondern ganz zart. Was sagst du, mein Schatz? Du willst nicht, dass deine Mutter Rudolf heißen soll? Aber nein, ich bleibe Rolien und dein Mütterchen, und später werde ich eine richtige Mutter. Oh, jetzt weiß ich’s, vielleicht hätte der Notar mich in zehn Jahren zur Mutter machen wollen. Aber was auch immer passiert, selbst wenn aus mir achtzehn echte Kindchen herauskommen, darfst du trotzdem bleiben und mit ihnen spielen, du musst mir nur versprechen, dass du nie sterben wirst, auch nicht, falls meine dumme Mutter dich nochmal draußen liegen lässt. Ach Dora, du sollst nie sterben …«
Und während Rolien Dora dann in ihre Achselhöhle bettet und viermal hintereinander sagt, jedes Mal mit der Betonung auf einem anderen Wort, »Dora wird nicht sterben müssen«, und schläfrig überlegt, ob sterben müssen zusammengeschrieben wird, kommt Ralien (und Roliens Herz hämmert bei diesem unerwarteten Besuch) und wiederholt noch einmal, mit der Betonung auf nie: »Dora wird nie sterben müssen, wenn du, Rolien, tust, was ich dir sage:
Steig aus dem Bett,
drück auf den Lichtschalter,
nicht auf das weiße Lämpchen,
sondern den schwarzen Schalter,
halte den Schalter
zehn Sekunden lang fest.«
Rolien schält sich zitternd aus ihren Decken, schlittert mit nackten Füßen über das Linoleum.
»Eins, zwei, drei, vier …«
»Viel langsamer,
öffne die Lade an dem hohen Schränkchen,
genau, so …
mach eine tiefe Verbeugung,
eine Tanzstundenverbeugung,
über die die Jungs gelacht haben,
weil du anders bist
als alle anderen,
noch einen Moment, einen kleinen Moment,
öffne die Lade an dem niedrigen Schränkchen
und halte dein Nachthemd wie ein Ballkleid.«
Jetzt sieht sie in den Spiegel und erschrickt vor dem bleichen Gesicht. Dann lässt Ralien diese feindselige Anrede in der zweiten Person sein und fährt mit ihrer vertrauten Bücherstimme fort: »Sie stolperte fast, so schnell lief sie nach dieser bangen Begebenheit in ihr Bett zurück, wo Dora wieder in ihre Achselhöhle kroch.«
Als Rolien im Winter darauf mit Dora im Schnee spielt, warnt Fräulein Vola sie: »Rolientje, zieh deiner Puppe doch ein Mäntelchen über, sonst holt sie sich noch den Tod.«
»Das kann nicht sein«, antwortet Rolien, und sie denkt an die Sommernacht, in der Ralien Doras Leben gerettet hat. Denn dieses den Schalter Festhalten und dieses sich vor Schubladen Verbeugen und dieses Nachthemd in ein Ballkleid Verwandeln, das sie mindestens dreimal pro Woche wiederholt, bürgt für Doras Leben.
Bevor sie nachmittags zur Schule geht, lässt sie die Puppe im weißen Garten zurück. Es ist barbarisch, sie zu verlassen: Schon kleben die ersten Schneeflocken auf den pechschwarzen Haaren, eine große Flocke auf dem roten Mund küsst sie noch rechtzeitig weg. Und sie ist bereits am Ende der Straße, als sie noch einmal zurückläuft. »Dora«, sagt sie, »das ist ein Test. Nichts weiter als ein Test, ob Fräulein Vola recht hat oder Ralien. Es muss sein, und glaub mir, ich bin wirklich nicht böse. Später, wenn du alt genug bist, werde ich es dir ausführlich erklären.«
Doras eines Auge, das noch nicht eingeschneite, blickt sie freundlich verstehend an. Vier Stunden später kommen dieses eingeschneite Auge und der restliche perfekte Puppenkörper wieder vollkommen unversehrt aus der weißen Schicht hervor, neben dem Baum, in den Marguérite einst ein Herz mit einem Pfeil und zwei Buchstaben geritzt hatte.
Im nächsten freien Aufsatz, in dem es um etwas Aktuelles gehen soll, schreibt Rolien über Schneemänner und eingeschneite Puppen: » … sobald es zu tauen beginnt, bleibt von einem Schneemann nichts übrig; aber die eingeschneite Puppe bekommt nicht einmal eine Erkältung, und deshalb sterben Puppen nie« (deshalb und nie unterstrichen) »und deshalb können sie nur zerbrechen oder kahl werden …« Danach, wieder in Klammern … »(Kinder können sie auch nicht kriegen)«. Als die Lehrerin die Aufsätze in der Woche darauf zurückgibt, reicht sie Rolien das Heft, doch ohne wie üblich ihren Aufsatz laut zu loben. Ihr spitzer rosaroter Nagel deutet auf die Buchstaben am Seitenende. Und Rolien liest: »Sowohl Tod als auch Geburt sind keine Aufsatzthemen für elfjährige Mädchen.«
5
Eine Frau
Diese Zeilen sind für sie der Beginn eines neuen Lebensabschnitts; sie bedeuten nicht nur das nahende Ende der goldenen Puppenzeit, das jegliche Rückkehr zu Holz und Kleie ausschließt, sondern ebenso den schwungvollen Beginn – mit einem Schwung, der ihr Angst macht – einer neuen Phantasterei, der in Ermangelung von vorgeformtem Spielzeug keinerlei Grenzen mehr gesetzt werden. Auf ihre Frage, worüber sie denn überhaupt schreiben dürfe, antwortet Fräulein Balto: »Das werde ich dir gleich sagen.« Als gleich jetzt ist, sagt sie (hört Ralien das richtig?): »Komm heute Abend um sieben Uhr zu mir. Ich wohne am Velperplein 2, zweiter Stock, zweimal klingeln.«
Schon kurz vor halb sieben steht Rolien vor der kahlen Haustür mit dem auf Hochglanz geputzten Messingschild, in dem sie sich dreißig Minuten lang spiegelt, sich also mit einem breiten, gutmütigen oder schmalen, giftigen Gesicht amüsiert; dabei lacht sie sich eher zu, als dass sie sich auslacht. Und in der Zwischenzeit macht sie sich Gedanken über Fräulein Balto, die bunte Gewänder trägt und ihr schwarzes Haar in vierzehn großen Locken hochgesteckt hat. An der linken Hand trägt sie einen glatten Goldring, und bei Klassenarbeiten schielt Ralien immer zu Fräulein Baltos rechtem Zeigefinger, der hinter einem Buchrücken diesen Ring streichelt.
Und außerdem gibt es Han, den Verlobten. Dienstags und freitags steht er vor der Schule, um Clara Balto abzuholen. Er ist lang und mager, und in seinem rechten Mundwinkel hängt, wie ein Riesenschnuller, eine kurze braune Pfeife. Hans Kontakt mit Rolien und ihren Mitschülern beschränkt sich auf das synchrone Zwinkern seiner beiden Lider: Nicht wahr, ihr und ich, wir lieben diese schöne, liebe Frau!
Dann spielt das Glockenspiel vom alten Kirchturm auf dem Platz seine bekannte Melodie; dem folgen sieben »Bams«, die unter ihren Fußsohlen nachbeben. Sie zieht vorsichtig an der Klingel, und die kahle Tür mit dem glänzenden Messing geht auf. Da sie niemand sieht, rennt sie geschwind die engen, dunklen Treppen hinauf. Hinter einer Tür hört sie Stimmen, Flüstern, Lachen. Es ist Clara Baltos Lachen; man kann es von jedem anderen Lachen unterscheiden, weil sie, wie Rolien es ausdrückt, zum zweiten Mal lacht; ohne einen Anfang gleich so, wie andere Menschen aufhören. Sie klopft, die Geräusche verstummen, Schlüssel klirren. Eine Tür weiter taucht Han auf. Zwinkernd: »Bist du immer so pünktlich, Rolien? Komm rein. Clara, Besuch für dich!«
Ist sie wirklich so klein? Wenn sie mit Han spricht, muss sie den Kopf ganz in den Nacken legen. Oder tut sie es nur, um seine Augen richtig zu sehen, blaue, fröhlich funkelnde Augen. Sie weiß nicht genau, was sie sagt, und genauso wenig, wie das Zimmer aussieht. Warum ist Clara nicht da? Sie hat doch ihr Lachen gehört. Und Han gleicht ein bisschen dem großen blonden Mann mit dem freundlichen Gesicht, der Nellie gestohlen hat.
Sie wird jetzt sehr verlegen. Man stelle sich vor, Ralien würde sie nun zwingen, den Lichtschalter zehn Sekunden lang zu drücken oder sich vor einer Schublade zu verbeugen. Gibt es hier überhaupt eine Schublade? Sie dreht sich um und geht auf Han zu, der an der geöffneten Verbindungstür steht. »Aber Kind«, sagt er, »du bist auch ungeduldig; ich komme gleich mit Fräulein Balto zurück«, und er schließt die Verbindungstür hinter sich, einen Augenblick zu spät, um Rolien Folgendes zu verbergen: ein ungemachtes Bett und Clara Balto im rosa Unterkleid, die vor dem Spiegel ihre vierzehn Locken hochsteckt, Clara Balto mit nackten weißen Armen und merkwürdig dunklem Haar in den Achselhöhlen. Verwirrt sucht sie nach einer Verbindung zwischen ihrem Spiel, das niemand sonst auf der Welt kennt, dem Temperament von Rosys verstorbenem Akrobaten, den unförmigen Knien von Fräulein Vola, dem Notar, der nicht weiß, was er tun sollte, selbst wenn sie zehn Jahre älter wäre, und der teilweise entkleideten Lehrerin neben dem zerwühlten Bett. Als diese dann in einem Hausmantel aus dunkelrotem Samt ins Zimmer tritt, sagt sie, dass Rolien sie bei ihrer Siesta gestört habe. Von der Siesta geht sie auf andere komische Wörter über, um Rolien zu beruhigen. Sie gießt Tee in dünnwandige Tassen und stellt eine Schale voll länglicher Kekse mit zartrosa Glasur vor sie hin. Im Widerspruch zu ihrem üblichen Heißhunger wagt Rolien jetzt kaum zuzugreifen.
»Schmecken sie dir nicht?«, fragt Fräulein Balto.
»Oh doch«, sagt Rolien, und während sie sich vorbeugt und genüsslich mit der Zungenspitze über die glatte Zuckerschicht leckt, sieht sie im Aufschauen dasselbe sanfte Rosa auf den Wangen ihrer Lehrerin.
»Hast du je von einem Kind gehört, das Lust hat, eine Lehrerin zu küssen?«, neckt Ralien.
Es ist schon spät, als sie die kahle Haustür mit dem auf Hochglanz polierten Messing hinter sich zuzieht. Die Straßenlaternen brennen, und die Schaufenster sind festlich erleuchtet. Sie bleibt vor einem Spielzeugladen stehen. Rechts liegen Puppen, Bären, Zwerge, links lose Köpfe, Perücken und Glieder; dazwischen eine Holzkiste voller Kleie mit der Aufschrift: »Mädchen, füllt eure Puppenkinder rechtzeitig auf, dann haben sie ein sehr langes Leben.«
Warum wollen große Leute uns bloß immer alles Mögliche weismachen? Abgesehen davon, dass Puppen nicht leben, muss der Spielzeugmann doch wissen, dass Leben und Tod keine Themen für Kinder sind. Fräulein Balto hat es ihr ganz genau erklärt: Geborenwerden und Sterben sind der natürliche Anfang und das natürliche Ende. Außer schrecklich klugen Männern kennen nicht viele die weiteren Einzelheiten, und weil sich die meisten irren, sollte man in Aufsätzen und in Büchern besser von dem berichten, was dazwischen passiert.
»Versuch es doch auch mal mit einem Buch«, hat sie gesagt, »das kannst du bestimmt.«
Aber Han hinter seiner Zeitung (die ihn bestimmt langweilte) hat gebrummt: »Setz dem Kind keine Flausen in den Kopf.« Daraufhin begann Fräulein Balto über Redewendungen zu sprechen, und Han las ruhig weiter. Sie kannte so viele, die sich widersprechen, sodass dies nicht sonderlich ergiebig war. Eigentlich war es, bis auf die Umgebung, eine Art gemütliche Sprachlektion gewesen, die man getrost wieder vergessen durfte, wäre da nicht die Erinnerung an rosa Kekse, rosa Wangen und warme Freudenschauer beim Abschied oben an der engen Treppe, als sie sich in den Falten dieses dunkelroten Samtmantels verborgen hat.
UND WAS DIESE FRAU AUSLÖST. »Mensch, bist du blöd«, sagt sie laut, reißt an der Klinke der geschlossenen Ladentür und streckt der linken Seite der Auslage die Zunge heraus. Seit diesem Abend hat sich ihre Liebe zu Puppen in eine Aversion gegen dieses verdorrte Zeugs verwandelt, verdorrt, weil sie vom Tod nichts mehr hören will. Eines Tages nimmt sie eine große Schachtel und stopft alle hinein, bis auf Dora. Tom liegt auf Emmie, und Jackie wird von der haarlosen Mutterpuppe plattgedrückt. Marguérite wird beauftragt, die Schachtel irgendwo zu verstecken, wo Rolien sie nicht finden kann. Davon abgesehen hat sie auch gar nicht vor, zu suchen. Marguérite verrät es allerdings Griet, und Griet verrät es wieder Rolien, mit der Folge, dass Rolien die Puppen in Papier einwickelt, eine Schnur herumbindet, eine Adresse darauf schreibt und das Paket im Postamt abgibt. Als drei Tage darauf ein Dankesbrief ihrer kleinen Cousinen ankommt, fühlt sie sich glücklich und befreit. In einer Ecke ihres Zimmers liegt Dora, die einzig Übriggebliebene, in der geborstenen Schüssel. Ihre Lider mit den langen schwarzen Wimpern sind geschlossen, sie lächelt philosophisch ergeben; Roliens abschätzige Blicke kümmern sie nicht mehr. Aber es gibt noch Ralien, und die gibt sich nicht damit zufrieden. Also lässt sie Rolien von nun an nach der Verbeugung vor der Schublade Dora umarmen und, mit ihrem Mund auf dem Puppenmund, flüstern: »Ich bin zu alt, um mit dir zu spielen, aber ich verspreche dir, dass du immer bei mir bleiben darfst. Amen.«
Ein Heft mit achtzig Seiten, ein weicher, glatter Bleistift und ein silbriger Bleistiftspitzer ersetzen das ausrangierte Spielzeug. Rolien wird schreiben. Sie sitzt am Schreibtisch ihres Vaters und kaut auf dem neuen Bleistift herum. Sie rührt damit in der Tabaksdose, entdeckt dahinter drei feuchte Zigarrenstummel, schnüffelt daran, nimmt das dicke Heft, den weichen, glatten Bleistift mit frischen Kauspuren, den Spitzer, der ganz silbrig geworden ist, und zieht in ihr Zimmer um. Erneut richtet sie sich ein, jetzt an einem weißlackierten Tisch, auf dem ihr Lieblingsbuch, Der geheime Garten von Burnett, liegt. Um nicht in Versuchung zu geraten, versteckt sie es unter der Matratze. Zwei Minuten später hat sie sich auf der Matratze ausgestreckt und liest zum x-ten Mal die letzten zwanzig Seiten. Ende. Das wird auch der Schluss für ihr Buch sein. Und dann ist es fertig. Und die Zeitungen bringen erhebende Besprechungen: »Die kleine Schriftstellerin Rolien Kolar überraschte uns mit ihrem schönen, gescheiten Roman: Die …«



