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Wir gingen vor die Tür, liefen den Sandweg hoch und runter, spähten über das Feld. Mutter war nirgends zu sehen.
Die abendlichen Wanderungen meiner Mutter, die bis tief in die Nacht dauerten, begannen im letzten Jahr, im Spätsommer, als die Tage schon kürzer wurden. Als sie nach dem Abendbrot in die Dunkelheit verschwand, liefen Karine und ich auf den Sandweg vor das Haus und sahen ihr lange nach, und als sie nachts noch nicht zurückgekehrt war, gingen wir noch einmal hinaus und beobachteten das Feld, bis uns die Augen zufielen und wir uns nicht mehr auf den Beinen halten konnten.
Von diesem ersten Tag im Spätsommer an liefen wir meiner Mutter jeden Abend hinterher, wenn sie ohne eine Ankündigung ihren Mantel nahm, ihre Schuhe anzog, die Tür öffnete und die steinerne Treppe hinabstieg. Wir warteten, bis sie durch das Gartentor gegangen war und wir sie aus dem Verandafenster nicht mehr sehen konnten. Dann zogen wir hastig unsere Schuhe an, warfen die Jacken über und liefen aus dem Haus, aus dem Garten, auf den Sandweg. Stellten uns mitten auf den Weg und sahen meine Mutter nur noch klein an seinem Ende, und dann, dann bog sie plötzlich ab und verschwand zwischen den dicht stehenden Tannen.
Es war immer dasselbe, meine Mutter nahm jedes Mal den gleichen Weg, und wir blieben zurück, weil wir nicht wagten, ihr zu folgen. Wir wussten, dass sie wiederkommen würde, wir gewöhnten uns daran, dass sie nun jede Nacht durch den Wald und über die Felder wanderte und uns nie erzählte, was sie dort tat. Wenn sie am nächsten Morgen wieder zurück war, schien es uns, als hätten wir uns ihre Abwesenheit nur eingebildet, als wäre sie nie weg gewesen. Sie machte uns Frühstück, sprach nur das Nötigste, zu dieser Zeit redete sie nicht mehr viel, und schickte uns in die Schule. Karine und ich beschlossen, niemandem davon zu erzählen. Es hätte nichts geändert, die Leute aus dem Dorf hielten sich ohnehin von meiner Mutter fern.
Es passierte an einem Mittwochabend im Winter, der letzte Winter, den meine Mutter mit uns verbrachte. Jeden Mittwoch fand ein Markt im Dorf statt, und meine Mutter schickte mich los, um den guten Käse und das Bauernbrot zu kaufen, das wir auf dem Teppich im Wohnzimmer vor dem Ofen aßen. Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag das letzte Stück Käse ergattert hatte und dass das Brot trocken schmeckte, nicht so wie sonst. Es gab nur zwei Stände auf dem Platz vor dem Rathaus, einer gehörte dem alten Holm, von ihm bekamen wir den Käse, am anderen verkaufte Linde Hannemann Gebäck und Brot – sie war die einzige Bäckerin im Dorf, ihr gehörte die kleine Backstube am Marktplatz, und normalerweise nahm sie nur das beste Brot für den Markt, alle wussten das. An diesem Mittwoch war das anders. Es kam niemand mehr, seit Wochen verkauften sich die Produkte so schlecht, dass sie am Abend in die Kammer gepackt und am nächsten Tag wieder angeboten werden mussten. Alles andere rentiere sich nicht, erklärte mir die Linde, als sie mir das Brot vom Vortag in Papier packte und über die Theke reichte. Es sind schlimme Zeiten, Kindchen, sagte sie und schüttelte immer wieder den Kopf. Sie gab mir das Wechselgeld, sogar noch ein bisschen mehr, so viel solltest du nicht für ein altes Brot bezahlen, Kindchen. Als ich ging und mich noch einmal zu ihr umdrehte, stand sie wie erstarrt an ihrem Stand, den Blick auf einen Punkt in der Ferne gerichtet.
Meine Mutter biss in das trockene Brot, auf dem eine dünne Scheibe Käse lag. Karine und ich sahen sie an, das flackernde Licht aus der Ofenluke warf Muster auf ihre Wange, und bis heute ist das Gesicht meiner Mutter in dieser Erinnerung fürchterlich entstellt, die Nase baumelt über ihrem Mund, der Mund ist grimassenhaft verzogen, ihr eines, dem Feuer zugewandtes Auge, zuckt auf und ab. Wir sagten nichts, wir hielten unsere Käsebrote in den Händen und sahen meine Mutter an, keine von uns wagte einen Bissen. Draußen war es längst dunkel geworden, es war so still, dass mir die Stille unheimlich wurde. Die Angst aber kam erst später.
Ihr Zimmer halten wir jetzt verschlossen. Manchmal setzen wir uns vorsichtig auf ihr Bett, das wir nicht verändert haben, seit sie gegangen ist. Die Bettdecke liegt noch zurückgeschlagen, das Kissen ist in der Mitte eingedrückt – die Form ihres Kopfes; das Laken schlägt Falten, dort, wo sie gelegen hat. Auch die Vorhänge vor dem Fenster hängen noch genauso, wie sie sie hinterlassen hat, der eine unordentlich von einem Stoffband gehalten, der andere halb zugezogen. Das Fenster ist geschlossen, wir wagen nicht, es zu öffnen und die Luft hinauszulassen. Die Luft, die sich gesammelt hat, als meine Mutter noch hier war; ihr Duft, ihr Atem, alles bleibt im Zimmer. Wir versuchen, die Tür so schnell es geht zu öffnen und wieder zu schließen, damit so wenig wie möglich von ihr entweicht.
Karine schreit, ich denke, es hat mit dem Zimmer zu tun. Sie wirft sich auf den Boden und trommelt mit ihren Fäusten auf die Holzdielen. Ihr Gesicht wird so rot, dass ich Angst bekomme, ihr Kopf könnte platzen. Ich versuche, sie aufzuheben, nehme sie unter den Achseln und rede auf sie ein. Es ist zwecklos, so zu schreien, es hilft ja nichts. Nach ein paar Minuten ist alles vorbei, Karine setzt sich ruhig auf ihr Bett, ihr Gesicht nimmt langsam wieder seine normale, blasse Farbe an. Ich setze mich neben sie und halte kurz ihre Hand, nur, damit sie nicht gleich wieder anfängt.
Heute stapeln wir das Holz neben dem Ofen, ich nehme zwei Scheite und lege sie in die Asche, zünde sie mit einem langen Streichholz an, puste vorsichtig ins Feuer und sehe zu, wie die Funken durcheinanderfliegen und die Flammen aufsteigen und wieder kleiner werden, bis sie stark sind und sich oben halten, das Holz erfassen und sich darumlegen wie ein leuchtend oranges Gewand.
Karine setzt sich auf den Teppich mitten in das Wohnzimmer und sieht ins Feuer. Ihr Gesicht leuchtet im Schein der Flammen, ihre Locken noch röter als ohnehin schon, das Licht flackert über ihre Wangen. Ich beobachte sie einen Moment, drehe mich weg, setze mich auf den Stuhl, den ich mir vors Fenster gestellt habe, und schaue nach draußen.
Einige Wochen nachdem meine Mutter uns verlassen hatte, hörten Karine und ich auf, jeden Abend vor das Haus zu gehen, uns an die morschen Zaunlatten zu setzen und darauf zu warten, dass wir sie zwischen den Tannen hervorkommen sehen würden.
An jenem Mittwochabend im Winter, als wir trockenes Brot und alten Käse auf dem Schafwollteppich vor dem Ofen aßen, sagte meine Mutter, sie würde wiederkommen. Zu der Zeit hatte der Laden am anderen Ende des Dorfes längst geschlossen, und wir konnten nur noch übrig gebliebene Waren aus dem Lager kaufen, das nur einmal in der Woche öffnete.
Ansonsten bekamen wir einiges vom alten Holm, von der Linde und von wenigen anderen Bauern aus dem Dorf, die weiter ihre Höfe bewirtschafteten, obwohl beinahe niemand mehr da war, um etwas zu kaufen. Viele Häuser waren leer, die großen Geräte, mit denen sie ihre Felder bearbeitet und ihre Waren hergestellt hatten, standen einsam auf den Höfen. An den Gartenzäunen hingen kleine Schilder: Zu verkaufen. Es war fast lächerlich, wie sie dort quietschend im Wind hin- und herschwangen, eine Telefonnummer darauf, als ob irgendjemand hier ein Haus oder einen Hof kaufen würde. Nur noch drei, manchmal vier Kinder, unter ihnen Karine und ich, bekamen Unterricht von der einzigen Lehrerin, die geblieben war. Wir wussten aber, dass das nicht für lange sein würde, auch an ihrem Gartenzaun baumelte schon ein Schild. Fragten wir sie, wann sie wegziehen würde, schüttelte sie nur den Kopf, drehte sich zu der kleinen Tafel und kritzelte mit Kreide eine Aufgabe auf das matte Grün. Ich hatte das Gefühl, dass das Kopfschütteln zu einer Krankheit im Dorf geworden war. Auch meine Mutter schüttelte den Kopf an diesem Abend vor dem Ofen. Sie sagte uns, sie wolle gehen, sie wolle es den anderen gleichtun und etwas Neues finden, irgendwo hinter den Hügeln.
In meiner Erinnerung wirkt es, als wären wir alle wie im Tiefschlaf gewesen; wie wir dort saßen, Karine und ich, wie wir meiner Mutter zuhörten und nichts zu sagen wagten, wie wir die Käsebrote in den Händen hielten und keinen Bissen nahmen, während meine Mutter uns erklärte, dass wir hierbleiben müssten, dass sie uns nachholen würde, sobald sie einen sicheren Ort für uns alle gefunden hätte. Wir hätten sie zurückhalten sollen, hätten ihr sagen sollen, dass es schon irgendwie ginge, wir zu dritt in diesem verlassenen Dorf. Wir wären zusammen, und das musste etwas zählen. Aber das sagten wir ihr nicht. Stattdessen sahen wir ihr dabei zu, wie sie den Kopf schüttelte.
Nach diesem Abend warteten wir stumm darauf, dass sie gehen würde. Es dauerte noch einige Wochen, bis es Januar wurde. Während dieser Wochen verließ sie wie gewohnt abends das Haus, und immer fürchteten wir, sie am nächsten Morgen nicht in ihrem Bett zu finden.
Es ist inzwischen dunkel geworden, die Bäume auf der anderen Seite des Feldes sind beinahe vom Abend verschluckt. Ich drehe mich zu Karine. Sie ist auf dem Teppich eingeschlafen. Ich nehme die Decke vom Sofa und lege sie über ihren zusammengerollten Körper. Es wird schon kalt in den Nächten.
Ich setze mich neben den Ofen und sehe mich im Raum um, betrachte die Bücher im Regal, die wir mit meiner Mutter gelesen haben, die Bände des Brockhaus, die sie regelmäßig hervorholte und aus denen sie einzelne Artikel vortrug. Neben den Regalen an der Wand mir gegenüber hängen die vielen kleinen Bilder, die sie dort angebracht hat, mindestens fünfzig müssen es sein.
Wenn meine Mutter nicht gerade durch die Nacht wanderte, saß sie am Küchentisch, bastelte Collagen und verteilte sie im ganzen Haus. Bilder von Blumentöpfen, Gartengeräten, Wurst- und Käseprodukten, lächelnden Frauen mit einem Klecks Creme auf der Nase, Männern in grünen Latzhosen und Harken oder Spaten in den Händen und so weiter. Meine Mutter schnitt die Bilder aus Werbeprospekten und Katalogen aus, klebte sie auf Papier und rahmte sie ein. Auch in der Küche über dem Tisch sind sie mit kleinen Nägeln an der Wand befestigt.
Einmal in der Woche ging sie ins Dorf, um kleine Holzrahmen zu kaufen. Im Laden legte man ganze Pakete davon für sie zurück. Wenn ich sie begleitete, öffneten wir vorher die große Truhe im Keller, die vor der Vorratskammer an der Wand steht, und suchten uns passende Kostüme aus. Meine Mutter wagte sich nie ins Dorf, ohne sich zu verkleiden, und früher hielt ich das immer für ein lustiges Spiel. Wir trugen lange Kleider, die mit bunten Perlen bestickt waren und Rüschen an Saum und Ärmeln hatten, legten uns Seidentücher um die Schultern und setzten Masken mit Federn und goldenen Pailletten um die Augen auf. Meine Mutter sagte, so würde man uns nicht erkennen, und wir könnten ungestört und sicher durch das Dorf laufen. Niemand würde uns etwas tun. Wenn ich sie fragte, wer uns denn etwas tun wollte, sah sie mich fest an und sagte, man wisse es nie. Ich bestand aber darauf, dass wir doch alle Dorfbewohner kennen würden und niemand uns etwas Böses wollte. Niemand aus dem Dorf, sagte sie, und dann nichts weiter. Ich sah ihre Maske, die sie aufgesetzt hatte, die blauen und grünen Federn und die silbernen Perlen um ihre Augen. An ihrem festen Händedruck spürte ich, dass sie Angst hatte, sprach sie von dem, was sich hinter den Hügeln befinden musste. Sie kannte es genauso wenig wie ich. Seit ihrer Geburt lebte meine Mutter in diesem Dorf, und niemals, soweit ich wusste, war sie weiter als bis zu den Hügeln gegangen. Ihre Stimme veränderte sich, wenn sie darüber sprach. Und versuchte sie, mich zu beruhigen, und sagte sie mir, dass wir in unserer Verkleidung sicher seien und ich keine Angst zu haben brauche – auch dann klang etwas falsch daran.
Sobald wir ins Dorf kamen, wurde meine Mutter still, fasste meine Hand fester und ging mit strengem Blick geradewegs zum Laden. Sie grüßte die Leute, an denen wir vorübergingen, mit der immer gleichen leisen, gefassten Stimme, sah sie dabei aber nie direkt an. Ich beobachtete die Blicke der Vorbeikommenden, bemerkte, dass meine Mutter nervös wurde, kaum dass sie im Dorf war, doch ich konnte nicht begreifen, woran es lag. Mir war, als wüsste niemand so recht, was man zu ihr sagen sollte. Einige beschleunigten sogar ihren Schritt, wenn sie an uns vorübergingen.
Im Laden fragte meine Mutter nach den Rahmen, und die Frau an der Kasse stand auf, bat sie, einen kurzen Augenblick zu warten, und verschwand hinter den Regalen. Wenn wir dort standen und warteten, hörte ich ein Flüstern, spürte Blicke auf mir. Drehte ich mich dann aber um, starrten die Leute auf die Waren im Regal vor sich.
Ab einem gewissen Punkt mochte ich diese Ausflüge nicht mehr, und doch ging ich mit. Es gab mir ein komisches Gefühl, zu Hause zu bleiben und meine Mutter nicht an ihrer Hand ins Dorf zu begleiten.
Ich kenne alle Wege, die durch das Dorf führen: die große Dorfstraße und ihre Häuser, die kleinen Feldwege und Pfade hinauf in den Wald. Seitdem die Kühe weg sind, redet Karine darüber, wie es wäre, ebenfalls fortzugehen. Die große Straße entlang, hinter die Hügel, Richtung Stadt. Aber Frau Rosamunde ist noch da, und unser Haus steht noch fest, hält jedem Sturm und Regen stand. Es hat Fenster, die aussehen wie Augen und eine Tür wie ein dümmlich verzogener Mund. Seltsame Hütte, sagt Karine, sie schaut so schief. Frau Rosamunde ist die Einzige, die außer Karine und mir im Dorf geblieben ist. Sie wohnt, seit ich sie kenne, in ihrem kleinen, alten Heim am Fuß des Wasserturms, und mehrmals in der Woche gehen wir zu ihr, um ihr etwas von unseren Vorräten zu bringen. Wenn wir uns ihrem Grundstück nähern und der Wasserturm sich über uns erhebt wie eine riesige, dunkle Wache, wird mir mulmig zumute. So lange steht er schon leer, und niemand weiß, was sich hinter seinen schwarzen Mauern verbirgt. Er thront über dem Dorf und beobachtet uns, jeder Schritt, den wir setzen, wird von seinem düsteren Blick begleitet. Selbst in unserem Zimmer spüre ich seine Präsenz, aber nicht so stark wie draußen – unser Haus ist für mich der sicherste Ort im ganzen Dorf, darüber nachzudenken, es bald zu verlassen, macht mir Angst.
Ich versuche mich zu erinnern, wie es früher ausgesehen hat. Es ist nicht mehr dasselbe, seit meine Mutter gegangen ist. Es sieht jetzt so alt aus, das ist mir vorher nie aufgefallen. Das Gras steht hoch, die Büsche im hinteren Teil des Gartens wuchern über den rostigen Drahtzaun. Früher, ganz früher, als Karine noch nicht hier war, standen dort prächtige Blumen in allen Farben. Meine Mutter sang während der Gartenarbeit aus voller Kehle, sie hörte sich an wie ein alter Seemann, wenn ihre Stimme tief und kratzig wurde. Im Sommer flocht sie beinahe jeden Tag große, wirre Kränze aus den Gräsern und Blumen und dekorierte damit die Fenster. Wenn kein Fenster mehr frei war, hängte sie zwei oder drei Kränze in ein und dasselbe, sodass es schwierig wurde, hinauszuschauen. Während sie das tat, pfiff sie vor sich hin, Melodien, die ich nicht kannte, die mir ein bisschen Angst machten.
Wenn meine Mutter im Garten arbeitete, saß ich oft etwas entfernt von ihr im Gras und sah ihr dabei zu, wie sie das wirre Gestrüpp aus den Beeten riss. Sie fluchte dabei, und wenn sie lauter wurde und wildere Schimpfwörter benutzte, begann ich, sie dabei zu unterstützen, mir die schlimmsten Schimpfereien auszudenken.
Meine Mutter sagte später, dass ich mit sieben Jahren schon wie eine Weltmeisterin fluchen konnte und dass sie das unglaublich stolz gemacht hatte.
An diesen Tagen lauschte ich wie gebannt ihren Geschichten, die sie mir, nachdem sie genug Unkraut gerupft hatte, auf der Wiese vor dem Phlox erzählte. Sie wusste allerhand, und zu der Zeit glaubte ich ihr noch jede Einzelheit. Ich baute mein Weltbild um ein Haus, um die Wiesen und Felder, die darumlagen, und um ein Neunundsechzig-Seelen-Dorf, plus einundfünfzig Kühe. Beweise, die ihre Geschichten widerlegten, gab es für mich nicht, es wäre also ohnehin schwierig gewesen, etwas anderes zu glauben.
Eine ihrer Geschichten war die vom grünen Mond, sie berichtete mir davon, als wir vor vielen Jahren im Keller hockten und Feuerkäfer einsammelten. Wir setzten sie auf die Stämme unserer Apfelbäume, mindestens hundert rote Käfer suchten wir zusammen. Meine Mutter sagte, sie seien nützlich, auch wenn sie so hässlich aussähen. Man dürfe hässlich nicht mit unnütz verwechseln. Sie würden dem Borkenkäfer und den Blattläusen den Garaus machen und unsere Äpfel schützen. Während wir Käfer in Blechdosen einfingen und sie auf die Stämme setzten, sagte mir meine Mutter die Zukunft voraus. Sie behauptete, dass eines Tages der Mond und der ganze Himmel und alles, was darunterlag, grün sein würden. In ihrer Zukunft aber waren die Kühe noch da, und der Kiosk an der Ecke, und die Frisörin war noch nicht vom Stromschlag getroffen worden.
Diese Geschichte holte sie immer wieder hervor, auch als Karine schon bei uns im Haus war. Sie erzählte sie in keinem besonderen Zusammenhang, sagte, der Mond würde grün werden und wir sollten keine Angst davor haben. Ich weiß noch, wie ich, nachdem ich diese Geschichte das erste Mal gehört hatte, die ganze Nacht kein Auge zutat. Ich mochte ihre Visionen nicht, mochte nicht, wie sie sie wie ein Mantra wiederholte, uns immer wieder beteuerte, wir müssten keine Angst haben. Ich begriff, dass eben nicht alles gut werden würde, weil meine Mutter zitterte, wenn sie diese Geschichten fantasierte, schneller als sonst die Lider hob und senkte und mit den Fingern nervös an ihren langen Haaren zupfte.
Meine Mutter ging oft mit uns auf Wanderschaft, über die Wiesen, durch die Felder, und wir sangen Lieder und sammelten Kräuter und Blumen, die sie zu Hause zu Tee und Salben verarbeitete. Sie nannte es Zaubertrunk und Zaubertunke, füllte die getrockneten Teekräuter in kleine verschließbare Gläschen und die Salbe in alte Zahnpastatuben, die sie aufschnitt, auswusch und, waren sie befüllt, mit dem gleichen dicken Klebeband verschloss, mit dem sie auch ihre Sandalen reparierte. Ihre Zauberei stellte sie ordentlich in das deckenhohe Regal mit den schmalen Böden, das noch immer in der hintersten Ecke der Küche steht. Die Salben und Teekräuter sind nicht mehr da. Meine Mutter hörte auf, sie herzustellen, als sie nicht mehr fähig war, hinauszugehen und ihre Zutaten einzusammeln.
An manch spätem Abend holte meine Mutter uns aus unseren Betten, setzte uns auf die untere Stufe der Treppe, steckte unsere Füße in unsere Schuhe und nahm uns mit nach draußen.
Lasst uns noch zu den Feldern vom alten Holm, wir sollten morgen einmal wieder Kartoffelstampf zum Mittag machen, sagte sie zu uns.
Wir klauten die Kartoffeln vom Feld, und meine Mutter machte Stampf und Kartoffelküchlein daraus. Der alte Holm hatte uns schon mehrmals erwischt und verwarnt. Meine Mutter nannte er verrückt. Er schrie es ihr hinterher, als wir, Karine an ihrer einen, ich an der anderen Hand, über den staubigen Kartoffelacker davonliefen. Meine Mutter behauptete, dass er nur wütend werde, weil er ein gesetzestreuer Trottel sei, und dass er uns ganz bestimmt nichts Böses tun würde. Sie hatte etwas gegen Gesetzestreue, sie meinte, es gäbe Menschen, die ihr Leben verpassten, weil sie sich an jede noch so kleine Regel hielten. Als der alte Holm uns wieder einmal zurechtgewiesen hatte, ging sie vor uns in die Hocke, packte uns an den Armen und sah uns abwechselnd tief in die Augen.
Regeln sind für die gemacht, die nichts mit der Welt und sich anzufangen wissen, sagte sie ernst. Haltet euch bloß niemals an Regeln, nur weil man es euch vorschreibt. Es gibt gute Regeln und schlechte Regeln.
Meine Mutter hatte sich nie mit den Dorfbewohnern anfreunden können, niemand von ihnen wüsste, was die guten Regeln seien, sie alle folgten den schlechten.
Das Dorf zählte neunundsechzig Einwohner: vierzehn Kinder und Jugendliche, ihre Eltern und Großeltern und Frau Rosamunde, die schon immer alleinstehend war. Außerdem gab es einundfünfzig Kühe, acht Kühe standen auf der Weide neben unserem Haus. Alle Kinder gingen in dieselbe Klasse, für eine Unterteilung war nicht genug Personal da. Die Schule bestand nur aus einem winzigen Raum, in den sich alle vierzehn Kinder jeden Morgen quetschten. Es gab eine Molkerei, einen Kiosk, einen Festplatz. Und einen Spielplatz, auf dem tagsüber die Kinder spielten und am Abend die Jugendlichen saßen, wenn sie es geschafft hatten, ihren Vätern ein paar Flaschen Bier zu stehlen. Und über allem thronte, und thront noch immer, der Wasserturm.
Im Sommer war es heiß und trocken, und über den Feldern flirrte die Luft. Die Winter waren sehr kalt, und die Felder lagen plan und starr. Ansonsten wuchs immer irgendetwas, das im Jahr davor noch nicht gewachsen war. Als es in einem Jahr Klatschmohn gab, standen in allen Fenstern die roten Blumen, und an den Türen hingen rote Kränze, und wir spielten so lange in den feurigen Feldern, bis wir müde wurden. Man sagte, dass der Mohn die Kinder schläfrig machte, und so ließen uns die Eltern den ganzen Abend auf den Feldern. In diesen Nächten schliefen wir wie noch nie und erwachten erst am Nachmittag aus unserem Steinschlaf. Jeder Versuch, uns zu wecken, war vergebens. Im Dorf sprach man vom Mohn, der die Kinder verschwinden ließ. Nicht ein Kind war an diesen Tagen mehr auf der Dorfstraße, zwischen den hohen Gräsern oder in den Gärten zu sehen.
Ich schaue nach Karine. Sie liegt zusammengerollt unter ihrer Decke, den Kopf auf ihrem Ellbogen. Ich kann erkennen, wie sich ihr Körper langsam hebt und senkt. Ich überlege, sie vorsichtig zu wecken und hochzubringen, sie ins Bett zu legen. Aber es ist dunkel und kalt im Haus, und ich habe keine Lust, das aufgeheizte Wohnzimmer zu verlassen. Ich lege mich neben den Ofen auf den Teppich und schließe die Augen. Ich schlafe nicht, schon lange schlafe ich nicht mehr richtig, ich tue einfach so, damit mein Körper am Morgen nicht völlig schwach ist.
Ich stelle mir etwas vor. Ich tauche ab und merke gar nicht, wie die Nacht vergeht, wie es Mitternacht, ein Uhr, zwei, drei, vier Uhr wird. Ich höre nichts mehr im Haus, und auch von draußen dringt nichts an meine Ohren. Ich bin unter Wasser, und alles glitzert in Türkis oder Tiefblau, kleine Lichtflecke tanzen vor meinen Augen, die Bäume, die Sträucher und Pflanzen schunkeln langsam von einer zur anderen Seite, die Luft ist dick und schwer, die Dinge passieren träge, alles zögert, alles wandelt wie im Traum. Nur dass ich nicht träume. Anfangs ist es noch sehr ungewohnt. Es ist schwer, zu gehen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, es ist fast unmöglich, zu sprechen und zu verstehen. Wenn die anderen mir etwas sagen wollen, vernehme ich nur ein Glucksen, ihre Stimmen klingen, als kämen sie aus einer Büchse, leise und blechern. Nach und nach aber höre ich besser, bewege mich leichter vorwärts, beginne sogar zu rennen, klettere auf die Bäume und rufe ihre Namen. Sie reagieren, und ich verstehe, was sie mir sagen wollen. Die Bilder werden klarer, das Schwanken nimmt ab, aus dem tiefen Blau lösen sich einzelne ungetrübte Farben. Ich springe von meinem Ast, gehe die Wege entlang, an den Häusern vorbei, über die Felder und schaue zurück. Ich kneife die Augen zusammen, um weiter zu blicken, kann den Wasserturm und seine kleinen, dunklen Fenster sehen, die kurz aufzublitzen scheinen, wie die bedrohlichen Augen eines lauernden Tieres. Ich kann die Wiesen und die Hügel dahinter erkennen und das Sonnenlicht, das in breiten Säulen zwischen den Wolken hervorbricht.
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Seit meine Mutter nicht mehr da ist, haben sich meine Erinnerungen an sie verändert. Als sie im letzten Jahr noch neben uns am Küchentisch saß, nebenan in ihrem Zimmer schlief oder im Garten die Wäsche aufhängte, war mir der Gedanke gekommen, wie es wäre, wenn sie verschwinden würde. Ich war zu dem Ergebnis gekommen, dass es mir nichts ausmachen würde. Ich wünschte mir den Tag sogar herbei, an dem sie einfach nicht mehr von ihren Ausflügen nach Hause käme. Damals waren meine Erinnerungen an sie verzerrt durch die letzten Jahre, die ich mit ihr, oder besser, an ihrer Seite, verbracht hatte. Ich konnte nicht mehr verstehen, wie wir uns einmal so nah hatten sein können und was uns zu Freundinnen gemacht hatte. Ich dachte, dass es eine Verblendung gewesen sein musste, die einem Kind eben anhaftet, eine Liebe, die ich ihr anspruchslos, und ohne irgendetwas in Frage zu stellen, entgegengebracht hatte. Aber dann war mir meine Mutter fremd geworden, so fremd, dass ich nachts vor ihrer Zimmertür stand und das Holz anstarrte, als läge dahinter ein mir unheimliches Wesen, das mir Angst machte, mir unbegreiflich war. Ich hatte alles andere vergessen.




