Erkenne dein wahres Selbst und lebe dein lichtvolles Potential!

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Als Jugendliche haben mich die ganzen Erlebnisse sehr beschäftigt, doch wusste ich nicht, wem ich mich diesbezüglich anvertrauen sollte, weil meine Art, die Dinge wahrzunehmen, eine ganz andere war, als ich sie in meinem Umfeld beobachten konnte. Zwar hatte ich viele Fragen, doch stellte ich sie nicht, weil ich Angst vor den Reaktionen derer hatte, die so gottesfürchtig lebten und für die scheinbar alles so normal war. Folglich dachte ich, dass der Fehler bei mir liegen muss und ich ein schlechter Mensch bin, weil ich so denke, obwohl ich in einem sehr christlichen Haushalt aufgewachsen bin. Auch der Religionsunterricht half mir nicht weiter, einen besseren Zugang zu Gott zu finden und mein Gottesbild zu klären. Noch heute frage ich mich: Warum werden Kinder mit Angst erzogen. Warum wurde ihnen von Seiten der Kirche das Bild eines strafenden Gottes anerzogen? Warum wurde es in der Bibel versäumt, den Menschen mehr über den liebenden Gott zu erzählen als über den Gott, der angeblich Opfergaben verlangt, etc. – Fragen über Fragen. Wie geht es Ihnen damit?
Mit 14/15/16 Jahren hatte ich so viele Fragen im Hinblick auf den Sinn meines Lebens im Kopf, dass mich diese ganzen Fragen vergleichbar einem viel zu schweren Rucksack niederdrückten. Doch wem sollte ich sie stellen? Wem mich anvertrauen? Heute weiß ich, dass ich bereits zu dieser Zeit Anzeichen einer Depression in mir trug, die jedoch von niemandem zur Kenntnis genommen wurden. Heute weiß ich, dass es auch daran lag, dass ich auf Seelenebene tiefe Verletzungen in mir trug, weil ich mich als Kind und Teenager viel zu wenig wahrgenommen, gesehen oder gehört fühlte. Mich beschäftigten so viele Dinge, die ich weder mit meinen damaligen Freundinnen noch mit meiner Familie teilen konnte, weil ich immer das Gefühl hatte, irgendwie leben sie und ich in völlig unterschiedlichen Welten. Das, was sie interessiert, das interessiert mich nicht wirklich. Und das, was mich interessiert, findet bei ihnen keinen Gefallen. Oft kam ich mir vor, als wäre ich von einem anderen Stern heruntergefallen und mitten unter Menschen gelandet, mit denen ich im Grunde genommen keine wirklichen Gemeinsamkeiten habe. Dieses Gefühl von nicht wirklich zu ihnen zu gehören, belastete mich sehr. Der einzige Rückhalt, der sich mir zu dieser Zeit bot, war bereits damals meine Liebe zu den Büchern. Zum Glück konnte ich mir in der Stadtbibliothek unserer Kleinstadt Bücher von R. M. Rilke und Hermann Hesse etc. ausleihen, die ich damals regelrecht verschlang. Irgendwann stellte ich dann fest, dass mir die Bücher wichtiger waren als die Menschen, weil ich dadurch zumindest teilweise Antworten auf manche meiner Fragen bekam.
Eine ungesunde Angewohnheit, die ich mir dadurch jedoch zu eigen machte, war, mich immer mehr von den anderen (sowohl von der Familie als auch von Freunden) zurückzuziehen und mich stattdessen in der Literatur zu vergraben, um dort mit mir und meinen Gedanken alleine zu sein. Ein Vorteil, den das Ganze mit sich brachte, war, dass ich dort ungestört war und durch nichts und niemanden verletzt werden konnte. Ein Nachteil: Dass ich mich zusehends selbst von den anderen immer mehr isolierte. Nach und nach trennten sich so die Wege zwischen meinen Freundinnen und mir, weil unsere Interessen immer stärker auseinandertrifteten. Schon bald hatten wir immer weniger Gemeinsames, das wir miteinander hätten teilen können. Doch ich war damals so sehr davon überzeugt, dass für mich alles besser und leichter wird, wenn ich meinen Weg gehe, auch auf die Gefahr hin, dadurch für die anderen nicht mehr interessant und attraktiv genug zu sein. Ich folgte einfach meinem Gefühl, das mir sagte: „Konzentriere dich mehr auf das Buch.“
Natürlich verschloss ich mich auf diese Art und Weise sowohl den Gleichaltrigen als auch den Erwachsenen gegenüber immer mehr. Zudem redete ich mir ein, dass ich mit dem, was mich beschäftigt, ohnedies keine Beachtung finden würde, geschweige denn verstanden werde. Dass ich mit meinem Verhalten nicht lernte, mich mit anderen über meine Gedanken und Gefühle zu unterhalten, das kam mir damals gar nicht in den Sinn. Mein „Rettungsanker“ durch die Zeit meiner Jugend waren die Bücher. Sie waren das einzige für mich, indem ich Halt finden konnte. Und so gewöhnte ich es mir immer mehr an, die Dinge mit mir alleine auszumachen, und nutzte das Buch als den mir wichtigsten Ratgeber.
Was mir bei alledem nicht bewusst war, war, dass dies nur so lange gut funktionierte, solange in der Welt um mich her alles in Ordnung war. Doch war dies nicht der Fall, und ich hatte das Gefühl, dass ich mit den Anforderungen durch Schule, Familie etc. nicht mehr klarkomme, dann fühlte ich mich oft auch von den Büchern im Stich gelassen, weil sie mir für die aktuelle Situation, in der ich gerade Hilfe und Unterstützung gebraucht hätte, keine unmittelbaren Helfer waren. Nicht besonders geschickt gemacht. Ich weiß. Doch damals wusste ich von all den Auswirkungen unseres Denkens, unserer Worte und unseres Verhaltens auf Körper, Geist und Seele noch nichts. Das sollte ich alles erst nach meinem fünfundfünfzigsten Lebensjahr lernen.
Mein Leben änderte sich erst, als ich mit zwanzig Jahren zum Studium in die Großstadt kam. Nach und nach wurde vieles anders, nachdem ich beschlossen hatte, dass ich jetzt die Chancen nutzen will, die mir das Leben bot. Von daher versuchte ich, wieder offener zu werden und auch mal aus mir selbst heraus auf andere Menschen zuzugehen. Was mir dabei half, war, dass es den anderen Studenten letztlich genauso ging wie mir. Auch sie mussten lernen, mit der neuen Situation umzugehen. Hatten mitunter die gleichen Anfangsschwierigkeiten wie ich, um auf Anhieb den richten Hörsaal oder Seminarraum zu finden, so dass sich auf den Wegen dorthin immer wieder nette Gespräche ergaben, die mir guttaten und mir halfen, dieser neuen Phase meines Lebens optimistischer entgegenzusehen. Zwar fühlte ich mich zu manchen Zeiten schon noch ziemlich allein, doch das war gut, denn es zwang mich, mir zu überlegen, wie es weitergehen soll. Und so öffnete ich nach und nach immer mehr die Türen, hinter denen ich mich in den letzten Jahren viel zu sehr verschanzt hatte. Mit der Zeit blühten so neue Bekanntschaften und Freundschaften auf.
Zwar war ich mir bewusst, dass ich viel Zeit für mich und das Studium brauche, doch irgendwie fiel mir in den kommenden Jahren das Leben zum ersten Mal leichter und fühlte sich immer öfter sogar richtiggehend gut an. So bekamen die Dinge um mich her langsam ein völlig anderes Gesicht und veränderten damit auch mich. Soll heißen: Sowohl mein Blick auf die Welt als auch meine Interessen veränderten sich. Da ich das Glück hatte, durch meinen damaligen Freund ein Zimmer im Studentenwohnheim zu bekommen, lernte ich auch dort jede Menge anderer Menschen kennen. Menschen, die aufgrund ihrer Erziehung mitunter schon ganz anders lebten und dachten als ich. Ihre Sicht auf die Welt, ihre Gedanken und Lebenseinstellungen waren äußerst interessant für mich, kannte ich doch vieles davon nicht. So erweiterte sich nach und nach meine kleine Welt. Und neugierig und aufgeschlossen, wie ich war, schaute ich mir diese andere Art des In-der-Welt-Seins mit großen Augen an und erweiterte so – wo auch immer ich nur konnte – meinen eigenen Horizont.
Außerdem konnte ich mit Hilfe dieser neuen Bekanntschaften und Freundschaften so manche Verhaltensweise, die ich mir im Laufe der Zeit angewöhnt hatte, dahingehend prüfen, ob sie mir denn überhaupt guttut. Wenn nicht, war es an mir, sie jetzt zu korrigieren, wenn mir das Neue als besser und attraktiver erschien. Die Zeit des Studiums brachte mir somit nicht nur das nötige Fachwissen, das ich später einmal für meinen Beruf brauchen sollte, viel spannender waren für mich der Kontakt und das „Studium“ anderer Menschen. Was mich faszinierte, waren ihre Wesensart, ihr Denken, ihre Art zu Sein. Wie ein Schwamm saugte ich alles auf, was ich lernen konnte. Mich dürstete förmlich danach, zu erfahren, auf welche Art und Weise wir noch so alles in der Welt sein können als mir dies mein Elternhaus und die Schule bisher vermitteln konnten. Und so – eingenommen von diesem neuen Leben – veränderten sich im Lauf der Zeit immer mehr auch meine persönlichen Interessen.
Das „Welten-Theater“, die verschiedenen „Schaubühnen des Lebens“, hatten mich in der Hand und ermöglichten es mir, mich weiterzuentwickeln, wofür ich sehr, sehr dankbar bin. Denn wäre ich nach wie vor die Alte geblieben, wer weiß, ob es mich dann noch gäbe, denn die Einsamkeit bringt einem erst so richtig die ganzen Schattenseiten des eigenen Lebens ans Licht und konfrontiert uns mitunter auch sehr stark mit den Themen von Leben und Tod. Doch die traurige Phase meiner Jugendzeit hatte ich zum Glück mithilfe der neuen Beziehungen überwunden. – War ich froh!
Jetzt hatte ich vielmehr die Chance, noch ganz andere Seiten des Menschseins zu entdecken. Mehr oder weniger bewusst halfen mir die anderen dabei. Doch im Grunde lernten wir alle voneinander, was ja auch die tiefere Bedeutung jeglicher Beziehungen ist. Zwischen meinem zwanzigsten und achtundzwanzigsten Lebensjahr erlebte ich so meine erste kleine „Hoch-Zeit“ (ich habe das Wort ganz bewusst so geschrieben, weil ich ja nicht verheiratet, aber dennoch in einer sehr schönen Beziehung war, die mir sehr viel bedeutet hat). Leider sollte dieses Glück nicht von Dauer sein. Das Schicksal hatte anderes mit uns vor. Ein entsetzlicher Trennungsschmerz für mich, doch das Leben wollte weitergehen. Um im Schmerz nicht unterzugehen, konzentrierte ich mich auf meinen Beruf. Hatte ich doch schon früh gelernt: Arbeit tut gut. Und ja, es hat funktioniert. Was mir ebenfalls dabei half, war, dass ich – beruflich bedingt – innerhalb weniger Jahre mehrfach den Wohnort wechselte.
Mit zweiunddreißig Jahren lernte ich dann meinen Mann kennen. Und wie könnte es auch anders sein: Es folgten vier wunderschöne Jahre, die im Ergebnis dazu führten, dass wir heirateten. Was wir jedoch nicht geplant hatten, war, dass ich im Januar unseres Hochzeitsjahres an Krebs (Hodgkin) erkranken sollte. Zu meinem Glück wurde dieser jedoch in einer so frühen Phase festgestellt, dass ich mich – was die Behandlung betraf – gegen eine Chemo-, dafür für eine Bestrahlungstherapie entschied. So konnte ich – wenn ich’s genau nehme – an meinem Hochzeitstag gleich zwei „Feste“ feiern. Sowohl den Sieg über die Krankheit als auch den eigentlichen Grund, weswegen wir zu diesem Fest zusammengekommen waren. Auch wenn es zwischenzeitlich diese etwas kritische Phase mit zunächst ungewissem Ausgang gab, meinte es das Leben dennoch gut mit uns.
Trotz der Diagnose Krebs änderte sich im Grunde genommen nicht allzu viel in meinem Leben. Sie führte zwar dazu, dass ich kurzfristig mal innehielt. Nachdenklicher wurde. Über das Leben noch einmal ganz anders reflektierte. Mir viele gute Vorsätze überlegte … Doch sobald ich wieder gesundet war, standen wieder die anderen Bedürfnisse einer Partnerschaft, die gelebt sein will, sowie mein Beruf im Vordergrund. Wenn ich es mir genau betrachte, ging das Leben da weiter, wo es eineinhalb Jahre zuvor bedingt durch die Diagnose und die Zeit der Behandlung stehen geblieben war. Eh ich mich versah, blieben die guten Vorsätze gute Vorsätze, und ich war wieder in den alten Gewohnheiten und Mustern drin, die ich mir über all die Jahre hinweg angewöhnt hatte.
Zudem gab es noch so viel anderes, was mir zu dieser Zeit wichtig war. Kaum gesundet, fing ich ein gutes Jahr später an, mich beruflich weiterzuentwickeln und in neue zusätzliche Aufgabenbereiche hineinzuwachsen. Arbeit sah ich als die beste Ablenkung an, um wieder auf andere Gedanken zu kommen und um möglichst gut am sogenannten „normalen“ Leben wieder teilhaben zu können. So drängte ich die Erinnerung an die Krankheit immer weiter zurück und lebte von einem Tag auf den anderen bis circa zu meinem 48. Lebensjahr. Hatte lange Zeit ein schönes, angenehmes und erfülltes Privatleben und beruflich jede Menge zu tun, sodass meine Tage bestens ausgefüllt waren. Doch es war in Ordnung, so wie es war. Schließlich hatte ich es mir ja selbst so ausgesucht. Ich wollte es ja gar nicht anders haben. Und die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sowie mit den Referendaren tat mir gut. So etwas wie Langeweile kannte ich nicht. Schließlich gab es immer etwas zu tun.
2007/08 hatte ich dann das nächste Etappenziel meiner beruflichen Laufbahn erreicht und wurde zur Konrektorin an einer Staatlichen Realschule ernannt. Doch was mir persönlich zur Freude gereichen sollte, machte andere weniger glücklich. Allen voran meinen Mann, der zwar bis dahin meine berufliche Laufbahn guthieß, doch kaum hatte ich die Stelle angetreten, konnte er sich mit mir darüber nicht mehr wirklich freuen. Zwar akzeptierte er meine Entscheidung, doch irgendwie begann sich zwischen uns zwar ganz langsam, dafür aber stetig, das Klima zu verändern. Zwar hoffte ich, dass sich das mit der Zeit wieder legen wird, doch in Wahrheit entwickelten sich unsere Wege ab diesem Zeitpunkt bereits immer mehr auseinander. Ich hoffte zwar, dass sich das Blatt irgendwann wieder wenden würde. Dass sich das Ganze im Laufe der Zeit wieder einspielen kann. Doch letztendlich war ich so sehr auf mein neues Arbeitsfeld, meine drei Deutschklassen, den Wechsel an eine neue Schule sowie alles andere fixiert, dass mir viel zu wenig auffiel, wie sich in unserer Beziehung die Vorzeichen immer mehr von Dur nach Moll hinbewegten.
Unser wohl größtes Problem war, dass wir beide – harmoniebedürftig wie wir sind – das Streiten sowie das Ausdiskutieren von Problemen nicht wirklich gelernt hatten. Nach außen hin schien vieles in Ordnung zu sein, doch tief in uns selbst fanden bereits Veränderungsprozesse statt, die wir anfangs lange Zeit noch verdrängten, die letztendlich aber nicht mehr abzuwenden waren. Leider dauerte die Phase des Nichtwahrhabenwollens und des Nichthinschauens auf Themen, die der Klärung bedürfen, viel zu lange, sodass es letztlich noch anderer Hinweise bedurfte, um uns laut und deutlich zu sagen: „Seht ihr denn beide nicht, dass hier etwas nicht mehr stimmt?“ – Während mein Mann immer mehr dem Schweigen und dem persönlichen Rückzug verfiel, versteckte ich mich immer noch mehr in meiner Arbeit, bis mein Körper sich wieder einmal auf seine Art meldete und sagte: „Es reicht!“ – Doch reichte es wirklich? – Wurde ich durch weitere gesundheitliche Herausforderungen wirklich klüger? – NEIN!
Zwar schaltete ich vorübergehend wieder einmal einen Gang zurück, doch hatte ich nicht wirklich pausiert oder gar über einen längeren Zeitraum hinweg ein anderes Fahrtempo gewählt. Bereits nach kurzer Zeit fuhr ich wieder – um es mit einem Bild zu sagen – mit mehr als 200 km/h auf der Überholspur der Autobahn dahin und gab Gas, um mein Berufsziel zu erreichen, das ich mir gesetzt hatte. Auch wenn mein Auto (sprich mein Körper) etlichen Schaden erlitten hatte, trieb es mich, solange der Motor (mein Herz) lief, auch weiterhin dazu an, mit all dem weiterzumachen, was ich begonnen hatte. Aufgeben war für mich KEINE Option.
2011/12 war es dann so weit. Und obwohl ich zwischenzeitlich im wahrsten Sinne des Wortes sehr viele Federn gelassen hatte, freute ich mich auf meine Ernennung zur Realschuldirektorin. Das bedeutete zwar wieder einen Wechsel der Schule mit Hineinwachsen in ein neues Kollegium mit rund 55 Kollegen und circa 600 Schülern, sowie die erneute Übernahme eines mir noch weitgehend unbekannten Aufgabenbereichs. Doch ich war am Ziel meiner Träume. Zumindest meiner beruflichen Träume, denn privat sah es immer weniger rosig aus. Irgendwie sollte es sein, dass unsere Ehe in den Jahren zwischen 2007 und 2013 vor der größten Prüfung stand, die wir leider beide – jeder auf seine Art – nicht bestehen sollten. Der Traum unseres gemeinsamen Glücks war vorbei. 2014 wurde die Trennung dann auch offiziell vollzogen.
Wie es das Schicksal wollte, hatte ich beruflich alles erreicht, doch privat alles verloren. Leider erschien mir die Arbeit zu dieser Zeit wichtiger als das private Glück. Der Ehrgeiz, der mich beruflich gepackt hatte, trieb sein Spiel mit mir, doch da ich keine Spieler-Natur bin, musste ich lernen: Voller Einsatz – jedoch „verspieltes Glück“!
Persönlich sollte ich mit dieser Niederlage einer Trennung jedoch noch nicht am Ende meiner Prüfungen für dieses Leben angekommen sein, denn kaum, dass ich einigermaßen wieder Luft holen konnte, sah ich mich der nächsten „Pech-Strähne“ gegenüber. Ein gutes Jahr nach der Trennung von meinem Mann verliebte ich mich wieder. Doch war diese Liebe – so wie es sich mir im Nachhinein herausgestellt hatte – zum einen nur sehr einseitig sowie nur von sehr kurzer Dauer und endete alles andere als schön. Näher will ich jedoch auf diese Geschichte nicht noch einmal eingehen. Wer sich mehr für die ganzen Herausforderungen interessiert, die mir zwischen 2007 und 2016 widerfahren sind, dem empfehle ich mein erstes Buch Meine Seele will endlich wieder fliegen. Raus aus der Ohnmacht – rein in die Schöpferkraft! Dort gehe ich auf vieles näher ein, um zu erklären, was mich letztendlich 2016 im Alter von 55 Jahren gänzlich aus meinem Leben geworfen hat, so dass ich 2017 sowohl meinem bisherigen privaten wie beruflichen Leben ein Ende zu setzen hatte.
Heute, fünf Jahre später, bin ich im Frieden mit allem, was war, doch bis ich dahin kam, war es ein sehr, sehr langer Prozess und mitunter eine sehr harte, aber auch eine sehr aufschlussreiche und interessante Zeit. Und zum Glück hatte ich den allerbesten Wegbegleiter, den ich mir nur vorstellen kann. Obwohl ich in meiner Jugendzeit mit Gott so sehr haderte und ihn gut dreißig Jahre lang ziemlich vernachlässigt hatte, weil mir alles andere im Leben wichtiger erschien, war er in diesen letzten Jahren die ganze Zeit über für mich da und half mir, wieder Land unter den Füßen zu gewinnen, so dass ich heute wieder besseren Zeiten entgegensehen darf. Zudem half er mir, mein Bild, das ich von ihm hatte, vollständig zu revidieren. War ich als Kind so eingeschüchtert und von Angst erfüllt, dass ich in ihm nur den strengen himmlischen Vater sehen konnte, der über die Menschheit eines Tages zu Gericht sitzen wird, so durfte ich ihn in all den letzten Jahren als den erkennen, der er in Wahrheit ist. BEDINGUNGSLOSE LIEBE!
Wie schade, dass wir es als Kinder anders vermittelt bekamen. Doch darüber zu urteilen, steht mir nicht zu. Es war, wie es war. Vergangen ist vergangen. Und da nichts im Leben umsonst geschieht, muss auf einer höheren Ebene auch dies seinen Sinn in meinem Leben gehabt haben, sonst hätte ich es so ja nicht erlebt.
Gott half mir nicht nur dabei, wieder auf die Füße zu kommen und wesentliche Entscheidungen für mich und mein weiteres Leben zu treffen. Er half mir auch, alles, was sich bislang in meinem Leben zugetragen hatte, um ein Vielfaches besser zu verstehen und klärte mich darüber auf, dass ich selbst es war, die sich durch die Art zu denken, zu fühlen und zu handeln die ganzen „Stolperfallen“ selbst im Leben manifestiert hatte. Jetzt war es für mich an der Zeit, dass ich erkennen sollte, warum ich diese ganzen Erfahrungen zu machen hatte. Die Lebensmitte ist die beste Zeit dafür, um Rückschau zu halten auf das, was bisher im Leben gut lief, aber auch, um verstehen zu lernen, was dringend einer Veränderung bedarf, damit ich mir für mein weiteres Leben eine bessere und vor allem eine gesündere Ausgangsposition erschaffen kann.
Was ich dabei als allererstes zu lernen hatte, war, dass ich im Außen niemanden für meine Situation und meine Probleme verantwortlich machen kann, sondern dass alles, was war, letztlich in mir selbst begründet liegt. Wir sollten von daher in diesen entscheidenden Umbruchphasen unseres Lebens vermehrt innehalten und uns darüber bewusstwerden, was bislang gut, was aber auch weniger gut lief und worin vor allem unser Scheitern begründet liegt. Ich staunte nicht schlecht, als ich dies zum ersten Mal hörte, weil ich zunächst gar nicht verstehen konnte, wie sich dies zugetragen haben soll, doch Gott erklärte es mir liebevoll.
Dabei zeigte er mir auf, dass ich mir den Großteil meiner Probleme bereits als Kind und als Teenager selbst ins Leben zog. Aufgrund meines für mich dramatischen Starts in dieses Leben hatte ich von Anfang an keine gute Beziehung zu meiner Mutter, die sich wie ein roter Faden durch mein gesamtes Leben zog. Diese Beziehungsstörung führte letztlich dazu, dass ich mich von ihr nicht wahrgenommen, gesehen, gehört, wertgeschätzt, geliebt etc. fühlte. Aufgrund dieser Gedanken und Gefühle, die ich in mir trug, sowie meines Verletztseins darüber, erschuf ich mir damit jedoch immer und immer wieder neue Situationen, die mir von Mal zu Mal die Welt dieser negativen Gedanken und Gefühle bestätigten. Doch statt meine Probleme im Außen zu klären, zog ich mich immer mehr in meine eigene kleine Welt des verletzten Kindes zurück und schmollte dort vor mich hin, weil ich nicht gelernt hatte, wie ich sonst mit diesen ganzen Gedanken und Gefühlen umgehen kann. Jahrelang sah ich dabei mit einem beleidigten und neidvollen Blick auf die Beziehung der anderen Familienmitglieder zueinander. Als ich dann noch in die Pubertät kam und mich mit Schule, Pubertätskrise und Mutterkrise heillos überfordert sah, führte dies letztlich dann dazu, dass ich mich der Welt im Außen immer noch mehr verschloss, als ich das bisher schon getan hatte. Doch gerade dieses Rückzugsverhalten sowie der damit im Zusammenhang stehende mangelnde Kontakt zu den anderen führte dazu, dass ich – was mein Denken und Fühlen anging – gar keine ausreichenden Korrekturen mehr durch andere erfuhr. Da ich mich zudem von allen nur noch im Stich gelassen fühlte, beschloss ich fortan, die Dinge ganz mit mir alleine auszumachen und mich gar niemandem mehr anzuvertrauen. Kein guter Vorsatz, denn damit konnten sich erst recht all die negativen Gedankenmuster, Glaubenssätze und Verhaltensweisen in meinem Bewusstsein festigen, die für mich alles andere als gesund waren. Dies wirkte sich über kurz oder lang dann natürlich auch auf alle meine Beziehungen aus, egal ob zu den anderen Familienmitgliedern oder Freunden/Freundinnen aus der Jugendzeit.
In meinen beiden ersten Büchern habe ich anhand des Stufenmodells der psychosozialen Entwicklung, das von Erik H. Erikson und seiner Frau entwickelt wurde, bereits thematisiert, dass unser Leben in verschiedenen Phasen verläuft, und dass wir, wenn wir eine dieser Phasen zu gegebener Zeit NICHT ausreichend gelebt und uns damit weiterentwickelt haben, wir diese Phase zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu durchleben haben, um jetzt das Versäumte nachzuholen und es in unser Bewusstsein zu integrieren.
In Kurzform gesagt bedeutete dies für mich, dass ich jetzt, in der Mitte des Lebens, genau dieses Versäumte nachzuholen hatte, weil ich mich aufgrund der neuen Herausforderungen, die sich mir in diesem Lebensabschnitt sowohl privat als auch beruflich zeigten, wieder in meinen alten Verhaltensweisen und Denkmustern verloren hatte, denn auch jetzt hatte ich gefühltermaßen niemanden an meiner Seite, dem ich mich hätte anvertrauen können. Wieder war ich eine Gefangene meiner Selbst geworden und hatte mich erneut entschieden, die Dinge mit mir alleine auszumachen, was mich natürlich gleich doppelt und dreifach unter Stress setzte, weil ich durch all das, was sich in den Jahren ab 2007 zutrug, nur noch heillos überfordert sah.
Erst jetzt in den letzten Jahren sollte ich lernen, dass es genau diese Übermacht an negativen Gedanken sowie die Unterdrückung meiner Gefühle waren, die ich schon aus der Zeit meiner Pubertät kannte, die es mir schon damals schwer machten, meinem Leben überhaupt etwas Schönes abgewinnen zu können. Vierzig Jahre später holte mich somit erneut ein, was ich in der Zeit der Pubertät nicht ins Leben integriert hatte. Hatte ich als Kind die Pubertät unzureichend gelebt, so hatte ich jetzt diese Phase der Rebellion gegen Gott und all die Menschen, die mich meines Dafürhaltens nach alleingelassen hatten, nachzuholen. Hätte ich damals als Jugendliche von meiner Umwelt mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung und damit auch Unterstützung bekommen, wäre manches vielleicht anders gekommen. Doch wer weiß. Es war, wie es war.
Heute trauere ich dem Ganzen nicht mehr nach, denn inzwischen habe ich gelernt, dass dies alles nicht von ungefähr geschah, sondern dass es der Wunsch meiner Seele war, durch diese ganzen Lernprozesse so zu gehen, wie sich mir das Ganze zeigen sollte, um heute genau die Person sein zu können, die ich inzwischen bin. Wäre mir dies alles nicht „passiert“, hätte ich unter Umständen vielleicht ein leichteres und kurzfristig schöneres Teenager-Leben gehabt, doch hätte ich dann all das gelernt, was ich inzwischen weiß? – Mit Sicherheit NEIN.



