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Als weitere Bedingung dieser Möglichkeit dürfen politische Machthaber »nur mit moralischem Einfluß und moralische Autorität«, also »ohne Heer, ohne Polizei, ohne Gerichte«45 den politischen Wettstreit um die Majorität führen.
Da zu Zeiten von Marx und Engels in England und den USA der Staatsapparat (stehendes Heer, Bürokratie usw.) aufgrund ihrer besonderen historischen Entwicklung weitaus weniger als auf dem europäischen Kontinent ausgeprägt war, erscheint diese Möglichkeit plausibel. Sie halten eine »englische Revolution nicht für notwendig, aber – nach den historischen Präzedenzfällen – für möglich. Wenn die unvermeidliche Evolution sich in eine Revolution verwandelt, würde es nicht nur die Schuld der herrschenden Klassen, sondern auch der Arbeiterklasse sein, (…) weil die englische Arbeiterklasse nicht weiß, wie sie ihre Macht ausüben und ihre Freiheiten benutzen soll, die sie beide legal besitzt.«46
Entscheidende Bedingung für die Möglichkeit friedlicher Gesellschaftstransformation – auch in parlamentarischen Demokratien – ist jedoch das Verhalten der politischen Machthaber gegenüber der Systemopposition:
»›Friedlich‹ kann eine historische Entwicklung nur solange bleiben, als ihr keine gewaltsamen Hindernisse seitens der jedesmaligen gesellschaftlichen Machthaber in den Weg treten.«47 Friedliche Entwicklung hat »zur Voraussetzung, daß die Gegenpartei ebenfalls gesetzlich verfährt.«48 Da die jeweils Herrschenden jedoch über die öffentliche Gewalt, die »zentralisierte Staatsmacht mit ihren allgegenwärtigen Organen – stehende Armee, Polizei, Bürokratie, Geistlichkeit, Richterstand«49 sowie »aus bewaffneten Menschen, (…) aus sachlichen Anhängseln, Gefängnissen und Zwangsanstalten aller Art«50 verfügen, ist deren freiwillige Abdankung nach einem grundlegenden Legitimitätsverlust zwar möglich, aber eher unwahrscheinlich. Insbesondere die autoritären, undemokratischen, politisch-repressiven Verhältnisse auf dem europäischen Kontinent im 19. Jahrhundert verhindern einen gewaltlosen Weg:
–»In Frankreich scheint die Vielzahl der Unterdrückungsgesetze und der tödliche Antagonismus zwischen den Klassen eine gewaltsamen Lösung der sozialen Auseinandersetzungen notwendig zu machen.«51
–»In Preußen-Deutschland war vom Beginn der Bewegung an völlig klar, daß man sich vom Militärdespotismus nur durch eine Revolution befreien kann.«52
–»Aber das Faktum, daß man nicht einmal ein offen republikanisches Parteiprogramm in Deutschland aufstellen darf, beweist, wie kolossal die Illusion ist, als könne man dort auf gemütlich-friedlichem Weg die Republik einrichten, und nicht nur die Republik, sondern die kommunistische Gesellschaft.«53
–»Nach den historischen Präzedenzfällen« – gemeint sind die Junischlacht 1848, die Pariser Kommune 1871 und das Sozialistengesetz in Deutschland – und
–dem Emporschrauben der öffentlichen Macht in ganz Europa, sodass »sie die ganze Gesellschaft und selbst den Staat zu verschlingen droht«,54 scheint zu ihrer Zeit Gewaltanwendung unvermeidlich.
Grundsätzlich gilt, dass es keine »um jeden Preis friedliche und Gewaltanwendung verwerfende Taktik«55 für die Arbeiterklassenbewegung geben kann. Zwar haben »Marx und ich, bis zum Überdruß wiederholt, daß für uns die demokratische Republik« die »politische Form«56 des Kampfes ist. Gleichzeitig reflektieren Marx und Engels die Ambivalenz des allgemeinen Stimmrechts in parlamentarischen Demokratien:
»Die Klassen, deren gesellschaftliche Sklaverei sie verewigen soll, Proletariat, Bauern, Kleinbürger, setzt sie durch das allgemeine Stimmrecht in den Besitz der politischen Macht. Und der Klasse, deren alte gesellschaftliche Macht sie sanktioniert, der Bourgeoisie, entzieht sie die politischen Garantien dieser Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in demokratische Bedingungen, die jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg verhelfen können und die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft selbst in Frage stellen. Von den einen verlangt sie, daß sie von der politischen Emanzipation nicht zur sozialen fort-, von den anderen, daß sie von der sozialen Restauration nicht zur politischen zurückgehen.«57
Engels bleibt in seinen letzten Lebensjahren hinsichtlich eines friedlichen Wechsels mittels Stimmrechts skeptisch. In der Broschüre »Der Sozialismus in Deutschland« geht er 1891 aufgrund der rasant wachsenden Wählerstimmen der Sozialdemokraten von Gewaltanwendung der Herrschenden aus:
»Kein Zweifel, sie werden zuerst schießen. Eines schönen Morgens werden die deutschen Bourgeois und ihre Regierungen müde werden, der alles überströmenden Springflut des Sozialismus mit verschränkten Armen zuzuschauen; sie werden Zuflucht suchen bei der Ungesetzlichkeit, der Gewalttat.«58
1892 schreibt er in einer Replik: »Vor allem habe ich nicht gesagt, daß ›die sozialistische Partei die Mehrheit erlangen und dann die Macht ergreifen wird‹. Ich habe im Gegenteil betont, die Aussichten stünden zehn zu eins dafür, daß die Herrschenden noch lange vor diesem Zeitpunkt gegen uns Gewalt anwenden würden; das aber würde uns vom Boden der Stimmenmehrheiten auf den Boden der Revolution führen.«59
Für Marx und Engels eröffnen sich also Chancen friedlicher Gesellschaftstransformation generell unter folgenden Voraussetzungen:
a)demokratisch-parlamentarische Republik mit allgemeinem Stimmrecht
b)Einhaltung der Menschenrechte und des Rechtsstaats
c)schwacher zentral-repressiver Staatsapparat (stehendes Heer/Bürokratie/Justiz etc.)
d)Versammlungs- und Organisationsfreiheit der Arbeiterbewegung
e)Selbstbindung der politischen Machthaber an Gesetze und Recht
f)Rückgabe/Abgabe der politischen Macht bei parlamentarischem Mehrheitsverlust nach verlorenen Wahlen
g)weitgehend gewaltlose gesellschaftliche Auseinandersetzungen (kein tödlicher Antagonismus)
Allerdings ist dieser gewaltlose Weg gefährdet, wenn nach demokratischer Eroberung der Regierungsmacht durch die Arbeiterklassenbewegung die entmachteten Klassen und politischen Machthaber gewaltförmigen Widerstand leisten und/oder einen konterrevolutionären Bürgerkrieg provozieren. So »könnte die ›friedliche‹ Bewegung in eine ›gewaltsame‹ umschlagen durch Auflehnung der im alten Zustand Interessierten; werden sie (wie der amerikanische Bürgerkrieg und [die] Französische Revolution) durch Gewalt niedergeschlagen, so als Rebellen gegen die ›gesetzliche‹ Gewalt.«60
Auf einer Sitzung der Internationalen Arbeiterassoziation fasste Marx 1871 zusammen: »Wir müssen den Regierungen erklären: Wir wissen, daß ihr die bewaffnete Macht seid, die gegen die Proletarier gerichtet ist; wir werden auf friedlichem Weg gegen euch vorgehen, wo uns das möglich sein wird, und mit den Waffen, wenn es notwendig werden sollte.«61
Nach Marx und Engels hängt also die Möglichkeit eines friedlichen Weges wesentlich von der jeweiligen Form des politischen Herrschaftssystems, seinem Repressionsgrad sowie dem Grad der Militanz der Klassenkampfauseinandersetzungen ab.
Reformisten/Revisionisten hingegen, wie Joachim Bischoff in »Marxismus und Staat«, behaupten jedoch, dass für Marx und Engels zentrale Bedingung für die friedliche Transformation sei, »ob wir es mit Ländern mit unentwickeltem oder mit entwickeltem Kapitalverhältnis zu tun haben«,62 und dass in »hochentwickelten kapitalistischen Ländern«63 günstige Chancen für den gewaltlosen Weg bestünden.
Die Absurdität und Gefährlichkeit dieser Auffassung zeigen sich schlaglichtartig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass dem deutschen Faschismus eine hochentwickelte kapitalistische Produktionsstruktur zugrunde lag und keine günstigen Chancen für eine friedliche und humane Transformation vorlagen. Reformisten setzen Hochkapitalismus (ökonomisches System) automatisch mit demokratischem Rechtsstaat (politischem System) gleich, den die Lohnabhängigen über parlamentarische Mehrheiten – ohne dass es zu gewaltförmigen Auseinandersetzungen kommt – in ihrem Interesse umgestalten können. Diese naive und unrealistische Position besiegelte das Schicksal der deutschen Sozialdemokratie 1933, denn unter Hinweis auf den deutschen Hochkapitalismus und seine angeblich naturnotwendig demokratische Form präferierte man weiterhin friedliche Formen des Klassenkampfes, obwohl der deutsche Faschismus diesen Weg längst ad absurdum geführt hatte.
Für Marx und Engels ist nicht der abstrakte Entwicklungsstand des Kapitalverhältnisses einer Gesellschaft, sondern das jeweils vorherrschende politische System des kapitalistischen Staates (sein Repressionsgrad) und die Gewaltintensität der jeweiligen Klassenkampfkonjunktur ausschlaggebend für die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines friedlichen Transformationsprozesses.
Die Arbeiterbewegung in der antifeudal-bürgerlichen Volksrevolution
Die politische Transformation der feudalen Produktionsweise in eine bürgerlich-kapitalistische kann, wie die Geschichte zeigt, in unterschiedlicher Weise erfolgen: als schrittweise Umwandlung (»Reform/Revolution von oben«) oder als revolutionärer Prozess aufständischer Volksmassen. Für letztere beziehen sich Marx und Engels hauptsächlich auf die Französische Revolution von 1789 und die europäischen Revolutionen von 1848/49. Anhand dieser Erfahrungen erteilen sie der Arbeiterbewegung in der antifeudal-bürgerlichen Revolution strategische und taktische Ratschläge.
Da die Republik »die Herrschaftsform der Bourgeoisie«,64 aber auch »die fertige politische Form für die künftige Herrschaft des Proletariats«65 ist, ist es im Eigeninteresse der Arbeiterbewegung, diese Herrschaftsform zunächst im Bündnis mit der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum gegen feudale politische Herrschaftsformen durchzusetzen, denn damit ergibt sich eine günstige »neue Operationsbasis für weitere Eroberungen«.66 Ohne das Erreichen von Versammlungs- und Redefreiheit sowie Grundrechten kann die Arbeiterbewegung »ihre Organisation als kämpfende Klasse nicht herstellen«.67 So ist eine antifeudale »wirkliche Volksbewegung«68 zur Etablierung bürgerlicher Verhältnisse vom Proletariat zu unterstützen, auch wenn es selbst noch »zu schwach (ist), um einen bevorstehenden Sieg des Sozialismus erhoffen zu können.«69
In »Revolution und Konterrevolution« beschreibt Engels diese Option:
»Die Arbeiterklasse griff zu den Waffen in dem vollen Bewußtsein, daß dieser Kampf in seiner unmittelbaren Zielsetzung nicht ihrer eigenen Sache gelte; sie befolgte jedoch die für sie allein richtige Taktik, keiner Klasse, die (wie die Bourgeoisie im Jahre 1848) auf ihren Schultern emporgestiegen, die Festigkeit ihrer Klassenherrschaft zu gestatten, ohne mindestens dem Kampf der Arbeiterklasse für ihre eigenen Interessen freie Bahn zu eröffnen (…).«70
Zehn Jahre später formuliert Engels in der Schrift »Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei« diesen strategischen Zusammenhang:
»Die Bourgeoisie kann ihre politische Herrschaft nicht erkämpfen, diese politische Herrschaft nicht in einer Verfassung und in Gesetzen ausdrücken, ohne gleichzeitig dem Proletariat Waffen in die Hand zu geben. (…) Konsequenterweise muß sie also das allgemeine, direkte Wahlrecht, Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit und Aufhebung aller Ausnahmegesetze gegen einzelne Klassen der Bevölkerung verlangen. Dies ist aber auch alles, was das Proletariat von ihr zu verlangen braucht. Es kann nicht fordern, daß die Bourgeoisie aufhöre, Bourgeoisie zu sein, aber wohl, daß sie ihre eigenen Prinzipien konsequent durchführe. Damit bekommt das Proletariat aber auch alle die Waffen in die Hand, deren es zu seinem endlichen Siege bedarf. Mit der Preßfreiheit, dem Versammlungs- und Vereinsrecht erobert es sich das allgemeine Stimmrecht, mit dem allgemeinen, direkten Stimmrecht, in Vereinigung mit den obigen Agitationsmitteln, alles übrige. Es ist also das Interesse der Arbeiter, die Bourgeoisie in ihrem Kampfe gegen alle reaktionären Elemente zu unterstützen, solange sie sich selbst treu bleibt«.71
Nach der Erringung der Republik und mit der Teilhabe/Herrschaft des Bürgertums an der Macht endet dieses Zweckbündnis jedoch. Die Arbeiterklassenbewegung bildet sofort die »neue Opposition«,72 da »es unser Interesse und unsere Aufgabe (ist), die Revolution permanent zu machen, solange bis alle mehr oder weniger besitzende Klassen von der Herrschaft verdrängt sind.«73
Allerdings existieren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erst »Plebejer, die Anfänge des späteren Proletariats«74 oder das »Vorproletariat«.75 Die eigentlichen und »geborne[n] Repräsentanten des revolutionären Sozialismus wie die Arbeiter der Großindustrie«76 erscheinen erst mit der kapitalistischen industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diesen Unterschied in den Konstituierungsbedingungen des Proletariats gilt es zu beachten: Je entwickelter der Kapitalismus und sein Zwillingsbruder Arbeiterklasse, desto geringer ist aufgrund des Antagonismus ihrer Interessen die Wahrscheinlichkeit eines echten Bündnisses von Bourgeoisie und Arbeiterbewegung gegen feudale Gesellschaftsverhältnisse.
Grundsätzlich waren die frühen antifeudal-bürgerlichen Revolutionsbewegungen »geleitet, (…) von einer Minorität«, dem Bürgertum, und ihrem Inhalt nach immer noch »Minoritätsrevolutionen«, »selbst wenn die Majorität« (das Volk, die Arbeiter) »dazu mittat«.77
In der berühmten Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten im März 1850 formulieren Marx und Engels anhand der Erfahrungen der Revolutionen von 1848/49 zwei grundlegende Prinzipien für die entstehende Arbeiterklassenbewegung:
1.Die Arbeiter sollen »ihre selbständige Parteistellung sobald wie möglich einnehmen« und sich »keinen Augenblick an der unabhängigen Organisation der Partei des Proletariats irremachen lassen.«78 Sie sollen in revolutionären Zeiten »in der Form von Gemeindevorständen, Gemeinderäten, sei es durch Arbeiterklubs oder Arbeiterkomitees« quasi »eigene revolutionäre Arbeiterregierungen«79 bilden und bei jeder Gelegenheit »ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre Stellung und Parteistandpunkte vor die Öffentlichkeit zu bringen.«80
1892 betont Engels in einem Brief an Kautsky diesen zentralen Punkt erneut: »In unserer Taktik steht eins fest für alle modernen Länder und Zeiten: Die Arbeiter zur Bildung einer eignen, unabhängigen und allen bürgerlichen Parteien entgegengesetzten Partei zu bringen.«81
2.Im Revolutionsprozess »müssen die Arbeiter bewaffnet und organisiert sein«.82 Sie sollen versuchen, »sich selbständig als proletarische Garde, mit selbstgewählten Chefs und eigenem selbstgewählten Generalstabe zu organisieren.«83 »Die Bewaffnung des ganzen Proletariats mit Flinten, Büchsen, Geschützen und Munition muss sofort durchgesetzt (…) werden.«84 Diese bewaffnete proletarische Garde hat unter den »Befehl« der »von den Arbeitern durchgesetzten revolutionären Gemeinderäte zu treten.«85
1871 betont Marx unter dem Eindruck der Unterdrückung der Pariser Kommune auf einer Rede zum siebenten Jahrestag der Internationalen Arbeiterassoziation: »Die arbeitenden Klassen müßten sich das Recht auf ihre Emanzipation auf dem Schlachtfeld erkämpfen« und »erste Voraussetzung sei eine Armee des Proletariats«.86
Während des Aufstands den »Kern einer revolutionären Armee zu organisieren«,87 ist jedoch aufgrund der asymmetrischen Ausgangslage eine schwer zu lösende Aufgabe, denn zumeist verfügt die herrschende Regierungsmacht über intakte und überlegene Streitkräfte zur Niederschlagung der Insurrektion. Prinzipielle Unterlegenheit der Aufständischen (s. u.) charakterisiert den bewaffneten Konflikt.
Zum Verständnis dieser Problematik sei kurz angemerkt, dass im 19. Jahrhundert keine (kasernierten/paramilitärischen) Polizeikräfte zur Bekämpfung von Aufständen und Unruhen existierten. Diese Aufgabe oblag dem Militär und wurde durch Ausrufung des Belagerungszustandes und der Unterstellung der Zivilbehörden unter das militärische Kommando realisiert. Erst in und nach der Weimarer Republik kam es schrittweise zur Militarisierung der Polizei, um Unruhen niederzuwerfen. Die Militarisierung der Polizei hat inzwischen enorme Ausmaße angenommen und ist zur Revolutionsunterdrückung bestens geeignet. Das Militär übernimmt nur noch bei extremen Gewaltauseinandersetzungen – im Rahmen von Notstandsgesetzen – Polizeifunktionen zur Herstellung von Ruhe und Ordnung.88
Die brutale Unterdrückungsfunktion des Militärs hat Friedrich Engels während der Revolution von 1848/49 am eigenen Leib erfahren; sie hat ihn zu umfangreichen militärischen Studien veranlasst.89
Die Problematik des frühproletarischen Aufstands
Nüchtern analysieren Marx und Engels die asymmetrischen Kräfte und Mittel im frühproletarischen gewaltförmigen Revolutionsprozess.
a)Waffen und Munition
»Wo sollten sie auch Waffen und Munition hernehmen?«90 Der Sturm auf die »Jagd- und Luxusflinten der Waffenläden«91 oder gar auf die Zeughäuser und Arsenale des Militärs ist äußerst risikobehaftet. 1895 schreibt Engels: »Bis 1848 konnte man aus Pulver und Blei sich die nötige Munition selbst machen, heute ist die Patrone für jedes Gewehr verschieden« und industriell gefertigt, sodass »die meisten Gewehre nutzlos sind, solange man nicht die speziell für sie passende Munition hat.«92 So wurde noch 1848 in Paris während des Juniaufstands aus Schießbaumwolle Munition »in großen Massen im Faubourg Saint Jacques und im Marais fabriziert. Auf dem Platz Maubert war eine Kugelgießerei angelegt.«93
Zudem verfügt die Linieninfanterie des Staates mit der Artillerie (Kanonen/Kartätschen/Granaten) über wirkungsvolle Gewaltmittel, während die Insurgenten üblicherweise »keine brauchbaren Kanonen«94 besitzen.
b)»Schulung«95 und »Disziplin«96
Die militärischen Repressionsstreitkräfte »haben die Handhabung der Waffen, die Kunst sich zu organisieren und sich mit dem Gewehr in der Hand zu verteidigen«97 gelernt. Zudem verfügen sie über »die Kriegserfahrung von Generälen«98 und »gute Cadres«99 – also über akkumuliertes Kriegswissen, um Aufstände zu bekämpfen.
c)»Organisation«100
Da das Militär einer »einheitlichen Leitung« unterliegt, ist eine »planmäßige Verwendung«101 und die jederzeitige »Konzentration der Streitkräfte auf einen entscheidenden Punkt«102 möglich.
d)»Dislokation«103 und Kommunikation
Die Verteilung der Streitkräfte im ganzen Land in gesicherten Ausgangsbasen wie Garnisonen und »ohne Militärinsurrektion uneinnehmbare Zitadelle(n)«104 sichert rasche Verfügbarkeit und Verstärkung. So war 1848/49 das Rheinland schon »durchschnitten in allen Richtungen von Eisenbahnen, mit einer ganzen Dampftransportflotte zur Verfügung der Militärmacht«.105
Die Asymmetrie der Macht- und Kräfteverhältnisse, insbesondere der militärischen Mittel, prägt also entscheidend den bewaffneten Konflikt der frühproletarischen Insurgenten. So analysieren Marx und Engels 1848/49 in der »Neuen Rheinischen Zeitung« nahezu alle Aufstände – sei es in Paris, Prag, Berlin, Frankfurt, Wien, etc. –, um die revolutionären Arbeiter auf mögliche zukünftige bewaffnete Konflikte vorzubereiten.
Für proletarische Insurgenten stellt sich immer wieder die Frage: »Womit Revolution machen ohne Waffen und Organisation?«106
Auf Seiten der Aufständischen ist »alles improvisiert«;107 sie kämpfen »ohne einheitliche Leitung«108 und besitzen »keine militärische Direktion«.109 Vor allem mangelt es den Insurgenten an militärischen Kadern: »Wo sollen in so kurzer Zeit die Offiziere herkommen?«110
Bedenkt man den noch unentwickelten politischen Bewusstseinsgrad des frühen Proletariats und dessen mangelnde Organisationserfahrung, kann man sich lebhaft vorstellen, welche Schwierigkeiten entstehen, wenn man aus »der wirren Masse bewaffneter Proletarier«111 eine schlagkräftige Garde formieren möchte. Die Wiener Revolutionäre machten 1848 bei der Verteidigung ihrer Stadt diese Erfahrung: »Allerdings hatte man zuletzt in aller Eile eine proletarische Garde gebildet; aber da der Versuch, auf diese Weise den zahlreichsten, mutigsten, tatkräftigsten Teil der Bevölkerung heranzuziehen, viel zu spät kam, war sie mit dem Gebrauch der Waffen und mit den allerersten Anfängen der Disziplin zu wenig vertraut, um erfolgreich Widerstand zu leisten.«112
Das wilde Anstürmen der Volksmassen, diese »revolutions improvisees, wie die Franzosen sie nennen«,113 oder »das unvorbereitete Losschlagen«114 ist zwar heldenhaft, aber zumeist mit schrecklichen Folgen für die Aufständischen verbunden. Als Beispiel zitiert Marx die Mailänder Erhebung von 1853: »[…] bewundernswert ist sie als Akt des Heroismus einiger weniger Proletarier, die nur mit Messern bewaffnet, einen Angriff gegen die Zitadelle einer Garnison und gegen eine Armee von 40 000 Mann der besten Truppen ganz Europas wagten.«115
Die Kampfform des Aufstands im frühen 19. Jahrhundert
»Straßenkampf mit Barrikaden«116 – dies ist das klassische Bild des Aufstands im 19. Jahrhundert. Unter dem Ruf »Auf die Barrikaden!« bricht zumeist der Revolutionssturm los. Dieser »Zauber«117 hält lange vor; er wird auch nicht durch die schweren Niederlagen im Pariser Juni 1848, im Wiener Oktober 1849 oder im Dresdner Mai 1849 destruiert. Die kurzfristigen Barrikadensiege 1848/49 stilisieren diese zum entscheidenden Instrument der Volkserhebung. So überrascht es nicht, dass der sozialistische Revolutionär Louis-Auguste Blanqui noch 1868/69 in seinen »Instruktionen für den Aufstand« präzise Anleitungen und Skizzen für die systematische Anlage von Barrikaden verfasst.
Kampfterrain ist die Stadt, die Häuser und Barrikaden sind die Befestigungs- und Verschanzungspunkte der Insurgenten. Das Militär soll im Angriff auf diese seine Kraft verschleißen und zusammenbrechen. Die Kampfszenen gleichen einander immer wieder: »Überall erheben sich Barrikaden und halten das Militär auf.«118 Engels beschreibt anschaulich die Kampfszenen eines typischen Aufstands in seiner Heimatregion Düsseldorf:
»Gegen Abend entspann sich der Kampf. Die Barrikadenkämpfer waren, hier wie überall, wenig zahlreich. Wo sollten sie auch Waffen und Munition hernehmen? Genug, sie leisteten der Übermacht langen und tapfern Widerstand, und erst nach ausgedehnter Anwendung der Artillerie, gegen Morgen, war das halbe Dutzend Barrikaden, das sich verteidigen ließ, in den Händen der Preußen.«119
Über den frühproletarischen Juniaufstand 1848 in Paris verfasst Engels in der »Neuen Rheinischen Zeitung« eine »rein militärische Darstellung des Kampfes«,120 nicht nur um die Tapferkeit des Pariser Proletariats zu würdigen, sondern auch um sich und die Arbeiterbewegung über Bedingungen und Chancen eines Sieges im Straßenkampf zu verständigen. Akribisch notiert er die Art und Weise der Hauptbefestigungen:
»Barrikaden von merkwürdiger Stärke waren hier errichtet, teils von den großen Pflasterquadern gemauert, teils von Balken zusammengezimmert. Sie bildeten einen Winkel nach innen zu, teils um die Wirkung der Kanonenkugeln zu schwächen, teils um eine größere, ein Kreuzfeuer eröffnende Verteidigungsfront darzubieten. In den Häusern waren die Brandmauern durchbrochen und so jedesmal eine ganze Reihe in Verbindung miteinander gesetzt, so daß die Insurgenten nach dem Bedürfnis des Augenblicks ein Trailleurfeuer auf die Truppen eröffnen oder sich hinter ihren Barrikaden zurückziehen konnten.«121
Engels lobt den Revolutionär Kersausie als den »ersten Barrikadenfeldherrn in der Geschichte«.122 Aber im Straßenkampf mit Barrikaden ist »die passive Verteidigung die vorwiegende Kampfform«,123 die Initiative bleibt beim Militär.
Warum scheitern die Barrikadenkämpfe in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts?
Marx und Engels stellen zwei militärische Hauptursachen fest:
1.Die »Verfügung über Geschütz und (…) geübte Genietruppen«124
Der brutale Einsatz von Kanonen durch das Militär im Straßenkampf überraschte die Insurgenten, denn »bisher war nur einmal in den Straßen von Paris mit Kanonen geschossen worden – im Vendemiaire 1795, als Napoleon die Insurgenten in der Rue Saint Honore mit Kartätschen auseinanderjagte. Aber gegen Barrikaden, gegen Häuser war noch nie Artillerie angewandt und noch viel weniger Granaten und Brandraketen. Das Volk war noch nicht darauf vorbereitet; es war wehrlos dagegen.«125 Kann das Militär »ungehemmt durch politische Rücksichten, nach rein militärischen Gesichtspunkten«126 Kanonen gegen Barrikaden einsetzen, endet der Aufstand in einer blutigen Niederlage.



