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Die Niederschlagung des Wiener Aufstands 1849 steht mustergültig für die Asymmetrie im Barrikadenkampf:
»In den langen, breiten Straßen, die die Hauptverkehrsadern der Vorstädte bilden, wurde eine Barrikade nach der andern von der kaiserlichen Artillerie hinweggefegt«.127
2.Die »Festigkeit des Militärs«128
»In der klassischen Zeit der Straßenkämpfe wirkte (…) die Barrikade mehr moralisch als materiell.«129 Es handelte sich darum, die »Truppen mürbe zu machen durch moralische Einflüsse«.130 Die Erschütterung »der Festigkeit des Militärs« ist der »Hauptpunkt, der im Auge zu halten ist«,131 will man Chancen im Straßenkampf haben. Bleiben jedoch die »Soldaten zuverlässig«132 und kann das Militär ohne politische Rücksichten handeln, scheitert der Aufstand.
Immer wieder betont Engels, dass ein Sieg nur möglich war, »weil die Truppe versagte, weil den Befehlshabern die Entschlußfähigkeit ausging oder aber, weil ihnen die Hände gebunden waren.«133
Scheitert jedoch die Erschütterung und Demoralisierung der Armee, »so bewährt sich, selbst bei einer Minderzahl auf Seiten des Militärs, die Überlegenheit der besseren Ausrüstung und Schulung, der einheitlichen Leitung, der planmäßigen Verwendung der Streitkräfte und der Disziplin.«134 Zudem steht den militärisch unerfahrenen Insurgenten oft eine »brutale Soldateska« gegenüber, die sich in traditionellen Kriegen sowie »in den vielen kleinen Konflikten zwischen Militär und Volk«135 ausbilden konnte.
Als letztes Mittel zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung können die jeweiligen Machthaber außerdem auf verlässliche Kolonialtruppen und/oder auf koloniale Unterdrückungsmethoden oder in Vielvölkerstaaten auf intakte Militärverbände nationaler Minoritäten zurückgreifen. Als Beispiele seien nur genannt:
–»Cavaignacs Militärdiktatur aus Algerien nach Paris verpflanzt«136 während des Pariser Juniaufstands 1848. »Das Volk hatte bisher keine Ahnung von solch einer algierischen Kriegsführung mitten in Paris.«137
–Die englische Regierung benutzt Irland als »Vorwand«, um »eine große stehende Armee zu unterhalten, die im Bedarfsfalle, wie es sich gezeigt hat, auf die englischen Arbeiter losgelassen wird, nachdem sie in Irland zur Soldateska ausgebildet wurde.«138
–1893 warnt Engels die Sozialisten in Wien vor Generalstreik, Straßenkampf und Barrikaden, da »man Euch durch Tschechen, Kroaten, Ruthenen etc. ohne weiteres über den Haufen schießen kann.«139
3.Generell sind für proletarische Aufständische »ihre Verteidigungsmittel völlig unzureichend« und fehlen »militärische Kenntnisse und militärische Organisation bei den Mannschaften vollständig«.140 Nicht nur für den Wiener Aufstand 1849 ist es typisch, dass »die Volkspartei nach 8 Monaten revolutionärer Kämpfe keinen Militär von größeren Fähigkeiten hervorgebracht oder für sich gewonnen«141 hat.
Grundsätzlich liegt also der Schlüssel zu Sieg oder Niederlage der Insurrektion im militärisch-politischen Verhalten der Streitkräfte. Diese Erkenntnis bestätigt die schon am 15. September 1848 in der »Neuen Rheinischen Zeitung« zu lesende Meldung:
»Militärrevolte in Potsdam und Nauen. Der Konflikt zwischen Demokratie und Aristokratie ist im Schoß der Garde selbst ausgebrochen (…). Die Potsdamer Soldatenrevolte erspart uns wahrscheinlich eine Revolution.«142
Insbesondere der Badische Aufstand von 1849 zum Schutz der ersten deutschen demokratischen Reichsverfassung, der Paulskirchenverfassung, ist ein Musterbeispiel hinsichtlich der Rolle des Militärs:
»Der Aufstand in Baden kam unter den günstigsten Umständen zustande, in denen eine Insurrektion sich nur befinden kann. (…) Die Armee, die in andern Aufständen erst besiegt werden mußte, die Armee, von ihren adligen Offizieren mehr als irgendwo anders schikaniert, seit einem Jahr von der demokratischen Partei bearbeitet, seit kurzem durch die Einführung einer Art allgemeiner Wehrpflicht noch mehr mit rebellischen Elementen versetzt, die Armee stellte sich hier an die Spitze der Bewegung und trieb sie sogar weiter, als die bürgerlichen Leiter der Offenburger Versammlung wollten. Die Armee gerade war es, die in Rastatt und Karlsruhe die ›Bewegung‹ in eine Insurrektion verwandelte«.143
Dieses Problem der politischen Eroberung und Paralyse des Militärs, um einen möglichst unblutigen Revolutionsprozess zu ermöglichen, wird Engels bis kurz vor seinem Tod beschäftigen. Verzweifelt versucht er, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands entsprechende Lösungswege aufzuzeigen. Er stößt auf taube Ohren. Noch schlimmer: Seine Anregungen und Vorschläge werden in der Parteipresse zensiert, unterschlagen und abgelehnt.
Was ermöglicht den zeitweiligen Sieg auf der Barrikade in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts?
In der antifeudal-bürgerlichen Volksrevolution spielt das in Bürgerwehren/Nationalgarden organisierte bewaffnete Bürgertum eine entscheidende Rolle. Unterstützt die Bürgerwehr den Volksaufstand, ergeben sich gute Chancen, um auf den Barrikaden zu siegen.
Auf dreifache Weise hilft deren Eingreifen den Aufständischen:
a)Die Bürgerwehr trat »direkt auf Seite des Aufstands«144 oder
b)brachte »durch laue unentschiedene Haltung die Truppen ebenfalls ins Schwanken«145 und
c)lieferte »dem Aufstand obendrein Waffen«.146
Weitere positive Faktoren auf Seiten der Insurgenten für den Sieg auf den Barrikaden sind:
–Sie kämpfen »mit dem größten Heldenmut«,147
–unterscheiden sich vom gewöhnlichen Rekruten durch freiwilligen, begeisterten Einsatz und »heroischen Mut«148 und
–bauen auf den Kampfwillen und die unermesslichen Reserven des Volkes, denn »in der Cite schossen Mädchen aus den Fenstern auf die Soldaten«.149
–Letztlich sind es »Menschen und nicht Gewehre, die Schlachten gewinnen müssen.«150
Als wichtige Bedingung für den Barrikadensieg in der antifeudal-bürgerlichen Volksrevolution muss auf Seiten des Militärs allerdings deren Demoralisierung eintreten, indem
a)die Truppe versagt (moralische Zerrüttung),
b)den Militärbefehlshabern die Hände zur Niederschlagung der Insurrektion politisch gebunden sind und
c)es Offizieren und Mannschaften an der Entschlussfähigkeit fehlt oder gar
d)Teile der Armee mit den Insurgenten fraternisieren.
Wenn jedoch auf den Barrikaden die rote Fahne weht und die soziale Republik ausgerufen wird – z. B. Juniaufstand 1848, der Pariser Kommuneaufstand 1871 –, zieht sich die bewaffnete Bourgeoisie (Bürgerwehren/Nationalgarden) nicht nur aus den Kampfhandlungen zurück, sondern bekämpft im bürgerlichen Eigeninteresse den proletarischen Aufstand. Das Bündnis zwischen Bürgertum und Arbeiterklasse gegen feudale politische Herrschaftsformen steht immer auf der Kippe.
1895 konstatiert Engels im Rückblick auf die 48/49er-Revolutionen: Trat die »Bürgerwehr von vornherein gegen den Aufstand« an, »wurde dieser auch besiegt«.151
Für Engels ist die asymmetrische Ausgangslage einer Arbeiterinsurrektion allerdings Ansporn, immer wieder über die Gewaltfrage im Revolutionsprozess nachzudenken.
Die Regeln der Kunst des proletarischen Aufstands
Die seriöse Abwägung der Chancen und Risiken eines Aufstands ist nur die eine Seite der Medaille. Ebenso notwendig ist die Fähigkeit, die Kampfhandlungen zu organisieren und die Kämpfenden in Gefechten taktisch zu führen.
1852 fasst Engels in der Broschüre »Revolution und Konterrevolution in Deutschland«, basierend auf den Erfahrungen der Revolutionen seiner Zeit, seine Ansichten zur Kampfführung zusammen:
So wie der Krieg ist »der Aufstand eine Kunst (…) und gewissen Regeln unterworfen, deren Vernachlässigung zum Verderben der Partei führt, die sich ihrer schuldig macht. Diese Regeln, logische Schlußfolgerungen aus dem Wesen der Parteien und Verhältnisse (…) sind klar und einfach.«152
Diese Regeln sind:153
–Man darf »nie mit dem Aufstand spielen, wenn man nicht fest entschlossen ist, alle Konsequenzen des Spiels auf sich zu nehmen.«
–»Der Aufstand ist eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen, deren Wert sich jeden Tag ändern können.«
–Die »Kräfte des Gegners haben alle Vorteile der Organisation, der Disziplin und der hergebrachten Autorität auf ihrer Seite« – Asymmetrie der Kräfte.
–»kann man ihnen nicht mit starker Überlegenheit entgegentreten, so ist man geschlagen und vernichtet«
–»hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands«
–»Überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind«
–»sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sichere Seite schlagen«
–»Zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können«
–»Um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik zu sprechen: de l’audace, de l’audace, encore de l’audace«
An anderen Stellen ergänzt er:
–»Im Krieg, und besonders im revolutionären Krieg, ist die Schnelligkeit des Handelns, bis ein entscheidender Erfolg errungen, die oberste Regel«154
–»[…] in der Revolution wie im Krieg ist es immer notwendig, dem Feind die Spitze zu bieten, und wer angreift, ist im Vorteil.«155
–Der Aufstand darf nie zum Stillstand kommen. Man hat ihn »ohne einen Augenblick zu zaudern, weiterzutragen«.156
–Ferner muss man »die Macht der Insurrektion zentralisieren«157
–»(…) und in der Revolution wie im Kriege ist es unbedingt notwendig, im entscheidenden Augenblick alles zu wagen, wie die Chancen auch stehen mögen. Es gibt keine einzige erfolgreiche Revolution in der Geschichte, die nicht die Richtigkeit dieser Axiome beweist.«158
Unschwer erkennt man, dass diese Kampfführungsregeln stark von der damals vorherrschenden napoleonischen Kriegsführung abgeleitet sind: energische Offensive, zahlenmäßige Überlegenheit im Gefecht, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Überraschung und Wagemut.159
Gelingt den Insurgenten die Formierung einer revolutionären Armee, spricht nichts dagegen, nach diesen Prinzipien zu handeln. Aber die Anwendung dieser Kampfregeln setzt die Konstituierung/Existenz einer proletarischen Garde oder Armee des Proletariats voraus – dies stellt das eigentliche Problem dar.
Historischer Exkurs: Engels als asymmetrischer Kämpfer
Friedrich Engels befasste sich nicht nur theoretisch mit der Kunst des Aufstands und des Krieges, sondern nahm auch 1849 an den bewaffneten Kämpfen der Revolution teil. Da Engels seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger bei der 12. Kompanie der Gardeartilleriebrigade in Berlin abgeleistet hatte, war es nur konsequent, dass er seine beim Militär praktisch erworbenen Kenntnisse in die Aufstandsbewegung einbrachte.
Zunächst engagierten sich Marx und Engels als führende Mitglieder des »Bundes der Kommunisten« für den Erfolg der Revolution mit der Herausgabe der »Neuen Rheinischen Zeitung«, dem Zentralorgan der Linken. Kurz vor Ausbruch der Märzrevolution 1848 verfasste Marx das »Manifest der Kommunistischen Partei« und formulierte auf dieser Basis als Flugschrift die »Forderungen der kommunistischen Partei in Deutschland«. Auf diese Weise wollten sie direkten Einfluss auf Inhalte und Verlauf der antifeudal-bürgerlichen Revolution in Deutschland nehmen.
Die von der Paulskirchenversammlung in Frankfurt am Main, dem ersten frei gewählten gesamtdeutschen Parlament, am 28. März 1849 »beschlossene und im Reichsgesetzblatt publizierte Verfassung war nach dem Verständnis der Nationalversammlung geltendes Recht«.160 Nachdem aber der preußische König diese demokratische Verfassung am 28. April 1849 definitiv abgelehnt hatte, erstarkte die Konterrevolution. Dagegen entstand nun in der Revolution »eine dritte Aufstandsbewegung, welche die Verwirklichung der Reichsverfassung zum Programm hatte und deshalb unter dem Namen ›Reichsverfassungskampagne‹ in die Geschichtsschreibung eingegangen ist.«161 Militante bewaffnete Volksbewegungen zum Schutz der Nationalversammlung und der Reichsverfassung entwickelten sich in mehreren Städten sowie einigen Regionen Deutschlands. Über den »Erfolg der Bewegung in einem Einzelstaat« entschied jedoch »die Haltung des Militärs«.162 In Dresden (Sachsen) konnten sich die Revolutionäre »auf 3000 wirkliche Kämpfer« und zuziehende »6000« stützen. Diese »waren jedoch zu zwei Dritteln unbewaffnet und kaum einsatzfähig.«163 Loyale preußische Armeeeinheiten marschierten am 5. Mai in Dresden ein, am 9. Mai war der Kampf entschieden. »Mit modernen Zündnadelgewehren und reichlich Artillerie ausgerüstet, waren die preußischen Truppen weit überlegen; 31 gefallenen Soldaten und 97 verwundeten standen rd. 250 Gefallene und 400 Verwundete unter den Revolutionären gegenüber.«164 Die anschließende brutale Verfolgung der Aufständischen mit 6000 Anklagen und 727 längere Zuchthausstrafen (laut Siemann) hatte eine abschreckende Wirkung auf das übrige Deutschland.
Engels beteiligte sich in der Stadt Elberfeld und Umgebung, seiner Heimatregion, am Kampf gegen das preußische Militär. Am 11. und 12. Mai 1849 übergab ihm die militärische Kommission des Sicherheitsausschusses der Stadt das Kommando über die Barrikadenbefestigungen und die Artillerie mit einigen Kanonen.165 Energisch versuchte er, Waffen und Munition zu besorgen, um die Elberfelder Arbeiter zu bewaffnen. Als er reaktionären Bürgerwehren durch Überrumpelung die Waffen abnahm und an verlässliche Arbeiter verteilte, überspannte er die Geduld der Elberfelder Bourgeoisie, die eine »rote Republik«166 fürchtete. Am 14. 5. verlangte sie seine Entfernung aus der Stadt. Engels floh nach Köln, wo gegen ihn wegen Teilnahme am Aufstand am 17. 5. ein Haftbefehl erlassen wurde.
Am 19. Mai verbot die Regierung die »Neue Rheinische Zeitung«, deren Chefredakteur Karl Marx war. Die letzte Kölner Ausgabe der Zeitung erschien ganz in rote Farbe getaucht. Die Wege von Marx und Engels trennten sich in den nächsten Wochen. Während Marx im Ausland den Widerstand organisierte, schloss sich Engels dem bewaffneten badisch-pfälzischen Aufstand zum Schutze der demokratischen Reichsverfassung der Paulskirche an. Dort gab es günstige Bedingungen für den antipreußischen Widerstand, da in Baden die große Mehrheit der einfachen Soldaten der badischen Armee revoltierte und eine bürgerliche revolutionäre Regierung nach der Flucht des Fürstenhauses gebildet wurde.
In der Pfalz und in Baden kämpfte unter dem Kommando von August von Willich, einem Mitglied des Bundes der Kommunisten, eine Freischärlerbrigade von rund 600 bis 800 Mann, der sich Engels am 13. 6. 1849 anschloss.
»Die Gelegenheit, ein Stück Kriegsschule durchzumachen«,167 wollte er nicht versäumen. Die Kräfte der Gegenrevolution schickten zwei preußische Armeekorps unter dem Kommando des Prinzen von Preußen, dem späteren Kaiser Wilhelm I., sowie ein Bundeskorps zur Unterdrückung der badischen Insurrektion. Sie »rückten in Gewaltmärschen gegen die aufständischen Gebiete vor. Die 36 000 Mann starke konterrevolutionäre Armee fegte in einer Woche aus der Pfalz die 8000−9000 Aufständischen hinaus, die sie besetzt hielten (…) Die revolutionäre Armee setzte sich jetzt nur aus den bewaffneten Kräften Badens zusammen, die etwa 10 000 Mann Linientruppen und 12 000 Freiwillige zählten. Nach sechs Wochen Kampf auf offenem Felde waren die Reste der aufständischen Armee gezwungen, sich in die Schweiz zurückzuziehen … Im Verlauf dieses letzten Feldzugs war Engels Adjutant des Obersten Willich, des Kommandeurs eines Korps aus kommunistischen Freischärlern. Er nahm an drei Gefechten und an der letzten Entscheidungsschlacht an der Murg teil«, schreibt Engels 1885 über sich.168
In der Schrift »Die deutsche Reichsverfassungskampagne«169 schildert Engels im Kapitel »Für Republik zu sterben!« auf 35 Seiten seine Kampferfahrungen als asymmetrischer Kämpfer gegen die preußische Militärübermacht.
Die mangelnde Kampfstärke der badischen Revolutionsarmee (zu wenig Soldaten/kaum Offiziere/Waffen/Munitionsmangel/schlechte Organisation/Disziplin usw.) und die nicht nur zögerliche, sondern bremsende Politik der bürgerlichen Revolutionsregierung führten zur Niederlage des Aufstandes. Zwar kämpften die Freischaren erbittert gegen die preußische Militärmacht, doch am 12. Juli 1849 mussten die restlichen revolutionären Truppen – unter ihnen Engels – ins Schweizer Exil ausweichen. Die letzte revolutionäre Festung Rastatt (etwa 6000 Revolutionskämpfer) kapitulierte am 23. Juli. Danach etablierte Preußen bis 1851 eine brutale Besatzungsherrschaft in Baden mit standrechtlichen Erschießungen (mehrere Dutzend), unzähligen Zuchthausstrafen, Verhaftungen und Geldstrafen, sodass es zu einer massiven Auswanderung von Badenern (insbesondere nach Amerika) kam.
Diese Kampferlebnisse und das brutale Vorgehen des preußischen Militärs (»Kartätschenprinz«) prägten Engels. In den nächsten beiden Jahren verfasste er zwei Arbeiten – »Die deutsche Reichsverfassungskampagne« und »Revolution und Konterrevolution« –, um die Schwächen und Unzulänglichkeiten der Revolution nicht nur in politischer, sondern gerade auch in militärischer Hinsicht aufzuzeigen. Schonungslos kritisiert er die Fehler und Schwächen der badischen Revolutionsarmee. Um diese zukünftig zu vermeiden, beginnt Engels Ende 1850 mit dem systematischen Studium des Militärwesens. So schreibt Marx 1859 an Lassalle:
»Engels hat, seit er sich an der badischen Kampagne beteiligt, aus den Militaribus sein Fachstudium gemacht.«170
Zeitlebens wird er umfangreiche und systematische kriegs- und militärwissenschaftliche Studien betreiben, weshalb ihn seine Freunde und Kampfgefährten scherzhaft »General« rufen und er sich selbst ironisch, aber treffend »als Repräsentant des großen Generalstabs der Partei«171 versteht.
So schreibt er 1851 an Joseph Weydemeyer: »Ich habe (…) angefangen Militaria zu ochsen«, und »wenn man das Ding nicht systematisch betreibt, so kommt man zu nichts Ordentlichem«. So will er »theoretisch einigermaßen mitsprechen«, da die »enorme Wichtigkeit, die die partie militaire bei der nächsten Bewegung bekommen muß«,172 militärisch kompetente Arbeiterführer erfordert. Engels las nicht nur Klassiker der Militärtheorie wie Jomini und Clausewitz, sondern in den nächsten Jahrzehnten mehrere hundert Bücher dieses Genres.173
Engels’ Anspruch war immer, »damit wenigstens einer vom ›Zivil‹ ihnen [den Offizieren] theoretisch die Stange halten kann«, wie er 1851 in einem Brief an Karl Marx schreibt.174 Noch 1893, zwei Jahre vor seinem Tod, sieht er seine Lebensaufgabe darin, »zu beweisen, daß wir beim Militär auch etwas gelernt haben.«175
Die neuen Kampfkonditionen im späten 19. Jahrhundert
Marx und Engels analysieren nach dem Ende des Revolutionszyklus 1848/49 eingehend die Entwicklungen im Kriegswesen. So studieren sie intensiv den Krimkrieg, den amerikanischen Bürgerkrieg, die deutschen Einigungskriege und natürlich den Aufstand der Pariser Kommune 1871.
Sie kritisieren in militärischer Hinsicht den Aufstand der Pariser Kommune von 1871, weil man nicht nach den Kampfregeln, der Kunst des Aufstandes handelte. Aufgrund der Niederlage der französischen Armee im deutsch-französischen Krieg ergaben sich zunächst hervorragende Bedingungen für einen proletarischen Aufstand:
»Durch die Belagerung war Paris die Armee losgeworden, die durch eine hauptsächlich aus Pariser Arbeitern bestehende Nationalgarde ersetzt wurde. Nur dank dieser Lage war die Erhebung des 18. März möglich geworden.«176 Und »Paris in Waffen, das war die soziale Revolution in Waffen«.177
Im April 1871 schreibt Marx an Wilhelm Liebknecht: »Es scheint, daß die Pariser unterliegen (…), weil sie törichterweise den Bürgerkrieg nicht eröffnen wollten (…), um nicht den Schein usurpatorischer Gewalt auf sich haften zu lassen.« Sie »verloren kostbare Momente« und gaben den Gegnern »die Zeit zur Konzentration der Kräfte«.178 Der Verlust der Initiative, also Defensive statt Offensive, provoziert die Niederlage. Es blieb den Kommunarden nur die passive Verteidigung der Stadt mittels eines Barrikadensystems. Schon die Revolution von 1848/49 hatte die Schwachpunkte der defensiven Barrikadenkampfweise offengelegt. Wütend antwortet Engels Carlo Terzaghi im Januar 1872: »Es war der Mangel an Zentralisation und Autorität, der die Pariser Kommune das Leben gekostet hat. Machen Sie mit der Autorität usw. nach dem Siege, was Sie wollen, doch für den Kampf müssen wir alle unsere Kräfte zusammenballen und sie auf denselben Angriffspunkt konzentrieren.«179 Den Phrasen-Revolutionären schreibt er ins Stammbuch: »ich kenne nichts Autoritäreres als eine Revolution, und wenn man seinen Willen den anderen mit Bomben und mit Gewehrkugeln aufzwingt, wie in jeder Revolution, dann scheint mir, daß man Autorität ausübt.«180
Da sich die Kommune auf die Verteidigung der Stadt beschränkte, gab sie der Reaktion Zeit und Gelegenheit, aus ganz Frankreich Truppen, Gendarmen und Polizeisergeanten zusammenzuziehen. Bismarck übergab sogar »gefangene französische Truppen«,181 um der französischen Bourgeoisie die Rückeroberung von Paris zu ermöglichen. Die Überlegenheit dieser professionellen Streitmacht über die Arbeitermiliz war offenkundig. Eine Woche lang leisteten die Nationalgarde und das Volk von Paris in den Arbeiterdistrikten erbitterten Widerstand auf den Barrikaden.
Die militärische Niederwerfung der Pariser Kommune durch die überlegenen Kräfte der Gegenrevolution endete in einem schrecklichen Blutbad: Nach Beatrice Heuser wurden über 10 000 Communards während der Kämpfe getötet und weitere 25 000−30 000 später exekutiert.182 Tausende wurden deportiert oder ins Gefängnis geworfen.
Diese Erfahrung der blutigen Unterdrückung der Pariser Kommune schwebt immer im Hintergrund, wenn Marx und Engels zukünftig warnen vor a) unvorbereiteten und zu frühen Aufstandsversuchen der Arbeiterbewegung, aber auch b) vor opportunistischen/reformistischen Strömungen in der Arbeiterbewegung, die den bestehenden Staat nicht als Klassenstaat, sondern als neutrale Institution ansehen, der bruchlos für die soziale Emanzipation benutzbar sei.
Vor dem Hintergrund der Pariser Kommune konkretisiert Marx seine Staatstheorie und definiert näher, was er unter dem berühmt-berüchtigten Begriff »Diktatur des Proletariats« versteht. In seiner Schrift »Der Bürgerkrieg in Frankreich«183 fasst er die Erfahrungen aus dem Kampf der Pariser Kommune in politischer Hinsicht zusammen:184
Die »zentralisierte Staatsmacht, mit ihren allgegenwärtigen Organen – stehende Armee, Bürokratie, Geistlichkeit, Richterstand« ist eine »Maschine der Klassenherrschaft«,185 die »wie eine Boa constrictor«186 die Gesellschaft und die Arbeiterklasse umklammert. Daraus zieht er die zentrale Lehre:
»Die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschine in Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen«,187 sondern man muss »diese abscheuliche Maschine der Klassenherrschaft (…) zerbrechen«.188 Es gilt, den »Staat, diese zentralisierte und organisierte Regierungsgewalt zu zerbrechen, der sich anmaßt, Herr statt Diener der Gesellschaft zu sein.«189
Nach Marx und Engels ist die Pariser Kommune für die Arbeiterklasse »die politische Form ihrer sozialen Emanzipation« und damit »die Rücknahme der Staatsgewalt durch die Volksmassen selbst«,190 »eine Rücknahme des eignen gesellschaftlichen Lebens des Volkes durch das Volk und für das Volk«.191
Die Kommune ist ausgeweitete direkte Demokratie, denn in ihr sind die »öffentlichen Diener (…) gewählt, verantwortlich und absetzbar.«192 Die »Kommune sollte nicht eine parlamentarische, sondern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zugleich.«193 Direktwahl öffentlicher Funktionen (»Beamte«), imperatives Mandat und Rätesystem – das ist nach Marx und Engels die politische Form der Diktatur des Proletariats. In militärischer Hinsicht werden das »stehende Heer und die Regierungspolizei, die Werkzeuge der materiellen Unterdrückung«194 beseitigt und durch die Arbeiter-Nationalgarde (Miliz) ersetzt.




