- -
- 100%
- +
›Du verwendest das Wort ‘Leben’ im selben Sinne wie ‘göttliche Kraft’. Gibt es in deiner Welt einen Begriff für so etwas wie ‘Gott’?
›Eins nach dem anderen … wir sprachen soeben von Identität … Weiche meiner Frage bitte nicht aus!
›Nach allem, was du mir bisher eröffnet hast, fällt es mir ehrlich gesagt schwer, zum Ausdruck zu bringen, wer ich bin. Es wäre gewiss einfacher zu sagen, wer ich nicht bin. Also, ich gehe nicht in der Rolle auf, welche das Leben mir zugewiesen hat …
›Welche du dir zugewiesen hast … Da sollte man schon genau sein … Erzähl weiter!
›Und ich bin auch nicht meine Gedanken. Es gibt da eine Kontinuität in mir … etwas Stetiges, das sich in Gedanken nicht fassen lässt. Zumal es wohl kaum etwas Flüchtigeres gibt als Gedanken. In meinen Gedanken drückt sich eher aus, was ich in einem bestimmten Moment bin …
›Gib mir bitte eine ganz klare Antwort: Versteckst du dich hinter ihnen oder bringen sie dein Sein zum Ausdruck?
›Ich würde natürlich eher sagen, dass ich mich in ihnen ausdrücke …, aber vermutlich ist das eine Fangfrage!
Die Stimme in meinem Kopf bricht schlagartig in schallendes Gelächter aus. Wäre mir nicht auferlegt, angestrengt nachzudenken, würde ich das wohl auch tun, denn ich fühle mich gerade wie ein Schüler, der sich mit seinem Lehrer ein Wortgefecht liefert.
›Entspann dich! Es darf gelacht werden! Warum klammerst du dich an die Vorstellung von harter Arbeit? Es geht ja gerade darum, Lebensfreude zu entdecken … Das ist ein Vergnügen. Das Leben kennt keine Arbeit, es hat seinen Spaß! All euer Leid rührt nur davon her, dass ihr diese grundlegende Wahrheit vergessen habt.
›Also dann, sage ich lächelnd, während ich versuche, mich zu sammeln und nicht ablenken zu lassen, wenn es eine Fangfrage ist, sollte ich wohl eher sagen, ich verstecke mich dahinter – wahrscheinlich verstecken wir uns alle hinter unseren Gedanken, so ist es doch, oder?
›Ja, das stimmt schon eher. Die Gedanken formen das Individuum – aber freilich nicht das Sein – also die Persönlichkeit in all ihren Facetten und Möglichkeiten, sich zu geben. Die Seele kann sich darin spiegeln, doch zugleich bilden sie einen dichten Schleier, welcher die Seele vom Geist trennt. Eine direkte Verbindung zu dem, was du deinem Wesen nach bist, können sie nie herstellen. Niemals! Sie sind nur eine Nachahmung des Prinzips, das in dir lebt. Sie sind die Sprache, aufgrund derer wir uns ernst nehmen.
›Dann muss man ja nur aufhören zu denken!
›Kannst du das? Könntest du wirklich auf jedes Werkzeug verzichten? Weise dieses Instrument nicht von dir. Es geht nur darum, die Rollen nicht zu vertauschen. Das gilt es noch zu lernen. Ich meine, du kannst die Entscheidung treffen, dich vom Strom deiner Gedanken nicht mitreißen zu lassen – sonst wirst du nämlich zu ihrem Objekt. Am Ende identifizierst du dich noch mit ihnen. Außerdem sollst du über das Werkzeug hinausgehen. Nimm es als das, was es ist und suche dein wahres Sein anderswo. Dort wirst du es finden.
Da geht plötzlich ein feiner, eisiger Nieselregen auf das Glasdach über meinem Kopf nieder. Das leise Prasseln genügt, um mich von meinem Inneren abzulenken. Meine körperliche Schwere wird mir wieder bewusst. Gerade kommt alles zusammen, um mich von dem höheren Wesen abzulenken: Unten auf der Straße quietschen Autoreifen auf dem nassen Asphalt … und dann erklingt der Schrei der ersten Möwen, die von den Ufern des Sankt-Lorenz-Stroms fortziehen. Wie leicht man doch aus sich herausgerissen wird! Was ist nun das Lebendigste oder Wahrhaftigste an mir?
›Hör mal – die Stimme dringt nachdrücklich wieder zu mir durch – hör mir gut zu … Wer oder was wir sind, lässt sich am ehesten ‘im Dazwischen’ erahnen, zwischen unseren Gedanken – in jenem völlig reinen, hochheiligen Raum belebter Stille, dem wir meist so wenig Aufmerksamkeit schenken. Sich diese Bereiche zu erschließen, heißt nicht, dass man aufhören soll, zu denken. Man muss vielmehr den Raum erweitern, zwischen allem, was uns so durch den Kopf geht … Luft lassen, zwischen all den Dingen, mit denen wir uns so gerne schmücken. Was du in Wahrheit bist …, ist gerade das, was zwischen Deinen Gedanken zu ersticken droht.
›Im Grunde sagst du mir doch gerade, dass man meditieren sollte. Ich habe gar nichts dagegen und meine Meinung ist auch nicht so bedeutsam. Aber mir scheint Meditation ein allzu strenger und voraussetzungsreicher Weg zu sein, als dass man ihn jedermann empfehlen könnte. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass du mit unserem Gespräch selbst ernannte Eliten bestärken willst, die sich einer Selbstzucht unterziehen.
Meiner Ansicht nach verbirgt sich hinter der zur Schau getragenen Demut vieler, die sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen, um Tag für Tag stundenlang zu meditieren, ein massives Gefühl der Überlegenheit.
›Darum geht es nicht. Wir wissen wohl, dass schon das Wort Meditation vielen verdächtig vorkommt und geeignet ist, Massen in die Flucht zu schlagen. Ihr verbindet damit die Vorstellung, nicht richtig geerdet zu sein und denkt dabei an Randfiguren der Gesellschaft, an Asketen und versponnene Idealisten. Manche bewundern die Meditierenden auch, denken aber: “Naja, für mich ist das nichts. Ich würde es schon gerne machen, habe aber für so was keine Zeit …”
Da kommt mir plötzlich eine Frage. Sie steigt so schnell in mir auf, dass ich meinem Gesprächspartner wohl oder übel das Wort abschneiden muss …
›Und in deiner Welt, meditiert man da?
›Kaum noch, fast gar nicht mehr! Jedenfalls nicht so, wie man sich das auf Erden vorstellt. Unsere Betrachtung der verschiedenen Welten hat gezeigt, dass es grob gesprochen zwei Arten zu meditieren gibt, eine Meditationspraxis und eine rein geistige Meditation. Die beiden schließen sich nicht aus. Wenn ich sage: “In unserer Welt meditiert niemand”, meine ich damit, dass niemand Meditationstechniken anwendet. Dafür betrachten wir unsere Handlungen als etwas Heiliges. Sie sind ‘eine Sprache’. Sie gehören zum Wortschatz des Lebens, genau wie die Haltungen, die wir verschiedenen Situationen gegenüber einnehmen. Indem man ihnen eine heilige Rolle zuspricht, gibt man dem Schweigen Raum, das zwischen ihnen herrscht, sozusagen dem ‘Nicht-Tun’ im Dazwischen.
›Im Herzen des Handelns liegt also das ‘Nicht-Handeln’, das meinst du doch damit, oder?
›Ja, im rechten Handeln … Wir nennen es ‘heiliges Handeln’. Das ist natürlich erläuterungsbedürftig … Für uns hat das Heilige nichts mit Religion zu tun. Es richtet sich nach dem Leben und bringt dessen Essenz so gut wie möglich zum Ausdruck. Durch das ‘Nicht-Tun’ innerhalb des Tuns mildern wir Machtbeziehungen und machen jedes Kampfszenario zunichte. Wir sind schon lange von dem Bewusstsein erfüllt, dass die Gegenwart des Lebens, das uns durchströmt, genau weiß, wohin Es geht und was Es will. Nach unserer Auffassung entspricht das ‘Nicht-Tun’ einer friedfertigen Haltung, also einem Verzicht auf kriegerische Aktionen und einer Nicht-Dualistischen Sicht auf die Dinge. Bestimmt hast du schon einmal zugesehen, wie jemand Tai-Chi macht … Nun, wir leben diese Geschmeidigkeit und Eleganz, ohne dafür körperliche Übungen ausführen zu müssen. So gestalten sich die Beziehungen zu unserer Umwelt ganz natürlich und flexibel. Das heißt nicht, dass wir nicht auch mit Hindernissen zu kämpfen hätten, doch wir gleiten gleichsam ganz leicht an diesen scheinbaren Mauern entlang. Man könnte sagen, wir schlüpfen eben durch die besagten Zwischenräume – durch die Leere und das Schweigen ‘dazwischen’. Wir lassen die Gedanken, die ihnen zugrunde liegen, sich selbst aussprechen. So können sie uns ihre Lehre übermitteln.
›Ihr seid also auch der Meinung, dass alles eine Lehre ist, dass wir ständig lernen?
›Zugegeben, es ist nicht neu, das zu verkünden. Aber es wirklich zu leben, ist etwas anderes. In deiner Gesellschaft ist das absolut revolutionär. Diese Lebensform ist eine Kunst. Sie entspricht einer permanenten Meditation und entfaltet auch deren Kraft. Allerdings gedeiht sie nur auf der Grundlage einer Liebesbeziehung zu sich selbst … und zu allem, was uns begegnet.
Das schließt natürlich eine praktische Meditation nicht aus. Man kann ruhig meditieren, wenn einem danach ist oder die Situation es erfordert. Doch wird man dann nicht mehr so leicht in die Fallen gehen, die diese Technik mit sich bringt. Man lernt vielmehr, sich allem zu öffnen. Das Geistige ist auf so erstaunliche Weise in jedem von uns präsent – und fristet doch oft ein Schattendasein. Genau das wollen wir ändern, weißt du. Wir möchten Glück säen und euch beibringen, wie man das macht. Dabei haben wir keineswegs die Absicht eine neue Religion zu begründen!
›Du hast vorhin angedeutet, in welche Fallen man bei der Meditationspraxis gehen kann …
›Ja, die erste Falle besteht darin, Mittel und Zweck zu verwechseln. Meditation ist noch kein Wert an sich – sie kann niemals Ziel unserer Bemühungen sein. Es ist, als würde man zu Stecheisen und Hammer greifen und einen Steinblock behauen, um aus dem Ungeschliffenen die Form zu befreien, die schon vollendet darin schlummert. Man vergisst nur allzu leicht das Leben, wenn man es ständig beobachtet und in seine Einzelteile zerlegt. Inmitten eurer Welt trocknen eure Wurzeln aus. Das liegt daran, dass ihr genau in diese Falle geht. So gerät euch die transzendente Schönheit der Dinge, die euch umgeben, aus dem Blick. Aber man kann beim Meditieren noch in eine andere Falle tappen. Meditation ist nämlich auch eine Möglichkeit, seinen Aufgaben auszuweichen – eine Flucht vor der Notwendigkeit zu handeln. Mit dem Meditieren erkauft sich so mancher ein gutes Gewissen gegenüber der gebenden Liebe, zu der er im Alltag gerade unfähig ist.
›Ich muss gestehen, ich bin begeistert von deinen Ansichten über ‘das Lebendige’ – wie du es ganz schlicht nennst. Darin scheint mir das Lebensprinzip, das uns alle durchzieht, vollständig zum Ausdruck zu kommen.
›Vorsicht! Auch dieser Begriff kann nichts weiter sein, als eine Karikatur. Ein Wort ist stets nur die Hülse von etwas, das ständig in Bewegung ist. Hängt man zu sehr an den Begriffen, werden sie zum Gefängnis. Dann kann man nicht mehr durch die Gitterstäbe der Wörter gleiten – an den Ort der Stille, von dem ich dir vorhin erzählt habe. Man könnte ohne Übertreibung sagen, es gibt ebenso viele Glossare wie Menschen – jedes denkende Wesen hat seinen eigenen Wortschatz – und zwar von dem Moment an, in dem es beginnt, das Lebendige aus sich herauszusetzen. Darin wurzelt die Geschichte des Turmbaus zu Babel. Jeder schließt sich in seine eigene kleine Welt ein und reduziert das Universum auf sein enges, individuelles Maß. Diesem Vorgehen kann man wahrlich den Namen ‘Tod’ geben.
›Folgt man deiner Argumentation, sind wir auf Erden also alle in gewisser Weise ‘tot’!
›Ich wollte es dir nicht so direkt sagen, aber da du es selbst ansprichst … ! Der Tod ist eine Art Glaubensbekenntnis zu den Einschränkungen, denen ihr euch tagtäglich unterwerft, die ihr innerlich herunterbetet, sobald ihr morgens aufsteht. Das Leben definieren und in Begriffe sperren zu wollen – das ist Tod –, die Vorstellung, man könne das Unaussprechliche aussprechen.
›Und was ist dann Leben?
›Leben bedeutet, sich berufen zu fühlen, mit dem Unaussprechlichen zu verschmelzen.

Sonntag, 12. April
Heute ist Ostern. Das Wetter ist sehr schön. Der Schnee auf dem Mont-Royal ist geschmolzen und ich stelle mir vor, wie die Eichhörnchen auf den Hügeln herumsausen, um zwischen totem Holz und jungen Trieben nach Vorräten zu suchen. Wie gewohnt, sitze ich am Schreibtisch und hoffe wieder einmal auf das Erscheinen des höheren Wesens, heute vielleicht noch ein wenig ungeduldiger als sonst. Zugleich denke ich, diese ganze kleine Welt da draußen im benachbarten Wald kann damit doch eigentlich gar nichts anfangen. Haben Eichhörnchen etwa jemals einen Gedanken an so etwas wie Gott oder auch nur ‘das Leben’ verschwendet? Sie stellen sich solche Fragen natürlich nicht! Müssen wir also lernen, ihnen ein wenig ähnlicher zu werden, um wieder Frieden zu finden? Dabei geht mir auf, welch faszinierende Erfahrung ich gerade mache. Zu früheren Zeiten hätte sie mich auf den Scheiterhaufen gebracht. Dennoch scheint mir alles immer komplizierter zu werden, … anstatt dass der Horizont sich lichtet. Das müssen wohl diese berüchtigten Schwindelzustände sein, über die ich neulich mit meinem Freund aus den höheren Welten gesprochen habe. Muss man unbedingt an Gott oder ein unaussprechliches Licht glauben, um zu wachsen und Glück zu verbreiten? Ich habe genug Anhänger der verschiedensten Glaubensrichtungen erlebt, die ihre Leute mit schnulzigen Reden und unbesonnenen Attitüden nur geschwächt haben! Das war alles so unglaubwürdig und langweilig, dass ich manchmal am liebsten gerufen hätte: “So gesehen bin ich gewiss nicht gläubig – aber durch und durch lebendig und das ist auch gut so!”
›Gott? Zu deiner Beruhigung: Ich weiß auch nicht, wer er ist – wir wissen es alle nicht! Darüber musst du dich nicht wundern. Ich habe dir ja schon mehrfach gesagt, dass wir mit den Worten sehr behutsam umgehen müssen! Ein Begriff sagt noch gar nichts. Er kann allenfalls etwas schattenhaft umreißen – nur vergessen wir darüber gern, dass ein Schatten … beweglich sein kann und wandern. Du siehst also … ‘Gott’ – nun ja … !
Diesmal habe ich gar nicht gespürt, wie ‘es’ kommt. Die Stimme ist in meinem Inneren mit einer Intensität ausgebrochen, als wolle sie darauf pochen, sich als ‘lebendiges Wesen’ zu präsentieren. So nenne ich ‘es’ ja auch – voller Respekt. Sobald es da ist, verstummt mein Gequassel.
›Hör mir gut zu … Überall im Universum, wo das Bewusstsein eine gewisse Reife erlangt hat, erachtet man den Gottesbegriff, wie er auf Erden gepflegt wird, als sinnlos. Er gilt als allzu schlicht, ja geradezu kindisch. In diesen Regionen ist allen klar, dass Gott keine Person ist, sondern eine Kraft, ein absolutes Bewusstsein, das sich immer weiter ausdehnt. Wenn wir uns entwickeln und wachsen, wird auch er größer. Für meinesgleichen ist der Name Gottes lediglich der Versuch, auf einen unbeschreiblichen Liebesimpuls hinzuweisen. ‘Gott’ entspricht einer ganz realen, unfassbaren Kraft, die in allen Bereichen ihrer Schöpfung gleichermaßen anwesend ist. Sie durchdringt und trägt alles, was aus der Welle ihres Bewusstseins hervorgegangen ist. Der Mensch spielt keine privilegierte Rolle. Es mag ein wenig abstrakt klingen, todernst ist es aber nicht … Es ist heiter, voller Freude! Jedenfalls tritt Gott bei uns schon lange nicht mehr in Gestalt eines bärtigen, alten Mannes auf – und auch nicht als Richter im Sinne einer menschlichen Moral.
Man kommt der Sache näher, wenn man das liebende Bewusstsein in Ihm sieht, welches alles übersteigt, an dessen Impuls und Bewegung wir aber zugleich ständig Anteil haben, zu dessen Dynamik wir beitragen. So kann man sich Ihm ganz sanft annähern. Das ist vielleicht ein Weg.
‘Gott’ – sofern dir an diesem Wort gelegen ist – straft nicht und belohnt auch nicht, oh nein! Sollten wir diese lächerliche, alte Vorstellung nicht endlich über Bord werfen? Für uns ist Gott jene Stimmigkeit und Harmonie aufgrund derer jede Lebensform in der Lage ist, sich selbst ins Gleichgewicht zu bringen. Sie nähert sich dabei der Quelle, aus der sie entsprungen ist … und an der sie teilhat, schon durch ihr bloßes Sein.
Die Auferstehung rückt damit in ein ganz anderes Licht. Der tiefere Sinn des Osterfestes bekommt eine völlig neue Dimension. Es erscheint als Hochzeit oder Wiedersehen … denn es entspricht einer Verschmelzung mit dieser ursprünglichen Liebeskraft, die in Vergessenheit geraten ist, obwohl sie uns im Grunde ständig begleitet.
›Dann ist Vergessen also das eigentliche Problem!
›Das Vergessen innerhalb der Illusion der Zeit. Das Problem … oder besser die Lösung, liegt darin, dieses Paradox zu überwinden. Streng genommen ist nämlich alles mit dem gigantischen Bewusstseinsfeld verbunden, das man ‘Gotteskraft’ nennt. Nichts entgeht seiner Gegenwart, Er ist noch im kleinsten Atom. Die göttliche Anwesenheit steht weit über der Frage, ob man daran glaubt oder nicht. Ein jedes Wesen, jegliches Element der Schöpfung, so gering es auch sei, darf sich als erhabene Facette Gottes fühlen … eines Gottes, der sich auf das Abenteuer eingelassen hat, sich in seiner Schöpfung zu verlieren und zu vergessen …, um diese immer größer zu machen.
Ja, so ist es … Schreib also, dass der alte Mann mit dem Bart – den Menschen nach ihrem Bilde geschaffen haben – und der auch wie ein irdisches Wesen denkt, indem er ein Volk dem anderen vorzieht … und wie ein Lehrer in der Schule in Stein gemeißelte Gesetze vertritt, an denen nicht gerüttelt werden darf, die Sternenwesen zum Lachen bringt! Wir schütten uns aus vor Lachen über ihn.
›Wenn ihr so über ‘Gott’ denkt – und diese Auffassung erscheint mir durchaus plausibel – befürwortet ihr gewiss auch keine bestimmte Religion?
›Das siehst du ganz richtig. Es wäre völlig widersinnig! Eine Religion ist nichts als ein Glaubensbekenntnis, ein Credo aus Lebensvorschriften und Ritualen, mit dem Ziel, das Volk moralisch zu unterstützen, ihm ein Ideal zu vermitteln und Hoffnung zu geben. Genau wie Meditation ist auch Religion kein Selbstzweck. Man kann sie mit einer Leiter vergleichen oder einem mehr oder minder gewundenen Pfad, den man so nehmen muss, wie er ist.
Nun hör’ mir gut zu … Sobald uns bewusst wird, dass wir bereits Spuren dieses Pfades in uns tragen … und die Leitersprossen in unserem Herzen von jeher einzeichnet sind, sieht alles gleich ganz anders aus. Die Dinge erscheinen in einem völlig neuen Licht und bekommen einen anderen Wert. Man spürt den Drang, eigenständiger zu werden. Religionen kommen einem dann vor wie Eltern, an die man sich anlehnen musste, so lange man sich noch nicht selbst gefunden hatte. Ich möchte ganz offen zu dir sein, auf die Gefahr hin, dich vielleicht zu schockieren. Aus unserer Sicht sind die irdischen Religionen nur ein Notbehelf – der im Moment wohl noch unvermeidlich ist.
Die Bedeutung der Meister der Weisheit, welche den Impuls zu diesen Religionen gegeben haben, soll damit in keiner Weise herabgesetzt werden. Die Religionen wurzeln zwar im geistigen Potenzial, das diese Meister in die Welt gebracht haben – Religionsbegründer sind diese aber nicht.
Alle Glaubenssätze, Rituale, Verbote, Pflichten und festgefahrenen Vorstellungen, die später daraus hervorgingen, sind rein menschliche Erfindungen. Es sind nichts als Anhaltspunkte, die eurer Persönlichkeit und euren Bedürfnissen entsprechen und euch Orientierung geben. Wir haben im Laufe der letzten Millionen Jahre immer wieder versucht, euch von diesem Verhaltensmuster abzubringen, doch das Ergebnis war stets dasselbe. Sobald sich eine Öffnung auf Unbegrenztes auch nur abzeichnete, wurden sogleich wieder Mauern errichtet. Jede Horizonterweiterung wurde sofort abgeschmettert, um Denken und Bewusstsein wieder in überschaubare Bahnen zu lenken. Ich muss schon sagen, dass mein Volk dieses typisch irdischen Verhaltens langsam überdrüssig ist. Ja … Das kommt dir merkwürdig vor, nicht wahr?
›Ehrlich gesagt ist es schwer vorstellbar, dass Wesen wie ihr enttäuscht oder entmutigt sein können.
›Wieso denn? Ich habe dir doch gesagt, dass wir uns nicht wesentlich von euch unterscheiden. Warum sollten nicht auch wir von Zweifeln geplagt werden oder mit Enttäuschungen umgehen müssen? Es fällt uns einfach leichter, über den Dingen zu stehen, weil wir eher zu inneren Höhenflügen fähig sind. Das unterscheidet uns von euch. Die verschlungenen Pfade des Denkens, die ihr alle kennt, sind auch uns nicht fremd. Auch wir mussten uns mit Hindernissen und Holzwegen herumschlagen. Wir haben uns nur nicht so lange damit aufgehalten, darum scheinen wir ‘weiter’ zu sein. Das heißt aber nicht, dass wir stets bruchlos und fraglos “Ich bin” sagen können – das ist durchaus nicht immer so einfach.
Vor allem sind wir stets bereit, noch mehr zu lieben und unser Herz weiteren Wandlungen zu öffnen. Es ist an der Zeit, eure Vorstellung von Außerirdischen als roboterähnliche, kalte und emotionslose Wesen, die stets reibungslos funktionieren zu überwinden!
Um noch einmal auf das Thema Religionen zurückzukommen – du weißt doch bestimmt, dass mein Volk durchaus dafür war, der Erde einige davon nahezubringen. Das war zu einer Zeit, als eure Menschheit so sehr auf der Suche nach sich selbst war, dass sie als einzig mögliche Stütze erschienen. Doch leider klafft zwischen Ideal und Wirklichkeit oft eine allzu große Kluft. Und so wurden aus den Religionen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bald Institutionen, die vor allem dem menschlichen Machthunger dienten. Unversehens verwandelten sie sich in komplexe Maschinerien, die das Bewusstsein eher einschränken, als neue Horizonte zu eröffnen. Sie lassen es geradezu einrosten.
Meine Äußerungen mögen recht hart und provokant anmuten. Ich möchte sie jedoch nicht abmildern, denn es ist an der Zeit, uns von ‘geistigem Dirigismus’ und moralischer Bevormundung jeder Art frei zu machen.
Ich sage das ohne Groll – doch das Gros eurer religiösen Oberhäupter kommt im Grunde einer Gruppe von Machthabern gleich. Sie stehen an der Spitze einer Hierarchie und führen mit harter Hand eine Politik, der es in erster Linie um den Erhalt von Dogmen geht. Selbst wenn sie es ändern wollten, könnten sie es nicht, sind sie doch selbst Teil des Systems. Die kirchlichen Institutionen sind inzwischen so weit verzweigt und so eng mit den Partikularinteressen und Machtgelüsten ihrer Mitglieder verwoben, dass ein Einzelner kaum noch etwas ausrichten kann.
›Siehst du in diesen Verhaltensweisen nicht so etwas wie ein unabwendbares Schicksal? Du sagst ja selbst, dass eure Anstrengungen stets vergebens waren. Lassen sich solch fatale Mechanismen denn überhaupt überwinden? Und … was bedeutet euer verstärktes Auftreten in letzter Zeit? Habt ihr den Eindruck, dass jetzt andere Bedingungen herrschen?
›Ja, die Bedingungen haben sich wirklich verändert. Die Erdbevölkerung wird schließlich auch älter … und damit reifer, selbst wenn es auf den ersten Blick nicht den Anschein hat. Wir setzen unsere Hoffnung auf jenen Teil der Welt, der Zugang zu einer großen Menge an Daten hat, denn eine der Lösungen des aktuellen Problems hängt tatsächlich mit Informationen zusammen. Oder glaubst du etwa, die Bedingungen, welche für eine Bewusstseinserweiterung erforderlich sind, seien eher bei Völkern zu finden, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen? Nein, die sogenannte Abendländische Gesellschaft trägt die Verantwortung für das, was in den nächsten Jahren geschieht. Nur sie besitzt den Zugangscode zu einer völlig neuen Vision der Dinge. Alle Menschen, die der abendländischen Kultur angehören – oder Zugang zu ihr haben, stehen heute in der Pflicht, ihr Leben neu zu überdenken … also auch du. Die Grundbedürfnisse sind mehr als gedeckt und jedes Mitglied der Gesellschaft kann aus einem riesigen Fundus an Informationen schöpfen. Wir zählen also auf diese Menschen – sozusagen auf diese “geistige-seelische Batterie”. Darum dürfen Informationen nicht zurückgehalten werden! … Wir müssen die Schutzwälle jeglicher Zensur durchbrechen. Ein Großteil der Gesellschaft, in der du lebst, steht einer weitherzigen, liebevolleren Lebensauffassung bereits offen gegenüber. Es fehlen nur noch ein paar entscheidende Impulse …, die aber totgeschwiegen werden. Sie werden bewusst bekämpft. Es gibt da eine ‘Verschwörung des Schweigens’ … vonseiten einer Minderheit, die ihre egoistischen Bestrebungen in den Vordergrund stellt und die Medien unterdrückt. Ohne die Medien ist es aber nicht zu schaffen. Sie spielen eine wichtige Rolle.




