- -
- 100%
- +
An dieser Stelle macht die Stimme im Inneren meines Kopfes eine lange Pause. Es fühlt sich an, als sei ihr plötzlich bewusst geworden, welch bitterernste Wendung unser Gespräch auf einmal genommen hat. Am liebsten würde ich sagen: “Hören wir damit auf, lass uns ein heiteres Thema anschneiden.” Aber da kommt mir noch eine Frage …
›Du hast von einer ‘Verschwörung des Schweigens’ gesprochen – meinst du damit die berüchtigten ‘Schattenmächte’, von denen in gewissen Kreisen die Rede ist?
›Hör mal … auch diesen Begriff solltest du aus deinem Wortschatz streichen. Nicht, weil er nicht gerechtfertigt wäre, sondern weil er eine viel zu dualistische Weltauffassung befördert. Nenn es doch lieber ‘trennende Kräfte’. Ich finde, das klingt besser und trifft die Sache eher. Das Universum basiert ja auch nicht nur auf Annäherung. Der Schatten ist aus dem Licht hervorgegangen, das darf man nie vergessen. Die Kraft, die ihr Gott nennt, hat uns ja gerade die Möglichkeit an die Hand gegeben, uns der Vereinigung zu verweigern. Hast du dir schon einmal klargemacht, dass das Eine ‘die Zwei’ erst erschaffen hat? Das ist doch kinderleicht. Die Einheit trägt das Potenzial der Mannigfaltigkeit schon in sich. In diesem Sinne gehört ‘das Trennende’ einfach dazu.
›Als Vorstellung ist das leicht zu akzeptieren, aber im Alltag kann es einen zuweilen schon zur Verzweiflung treiben, das musst du zugeben! Wie kann man eine fatalistische Haltung vermeiden, wenn uns an jeder Ecke ‘Trennungen’ auflauern? Ich finde nicht, dass solche Bemerkungen für unser Gespräch und meine Notizen darüber sehr konstruktiv sind.
›Diese Antwort habe ich erwartet! Aber es ist schon recht so … Wir plaudern hier unter Freunden, da darf man sich mit Einwänden nicht zurückhalten. Wir wollen keine Hintergedanken hegen!
›Und was ist deine Antwort?
›Nun, eine fatalistische Haltung ist durchaus begründet, so lange man das Leben als Kampf auffasst. Die naive Vorstellung eines ‘lieben Gottes’ beschwört zwangsläufig die Existenz eines ‘bösen Gottes’ herauf. So gesehen gäbe es zwei gleichrangige Götter, die sich permanent gegenseitig bekriegen. Diese eingeschränkte Vorstellung eines ständigen Hin- und Herpendelns führt aber nicht weiter. Die Frage wäre ja dann, wer dieses ‘Pendel’ eigentlich in der Hand hat … und wer es erfunden hat. Um sie zu beantworten, muss man über das Denken hinausgehen, die Unterscheidung zwischen ‘Eins’ und ‘Zwei’ hinter sich lassen und in jenen Raum zwischen Tatsachen und Gedanken vordringen, wo das Spiel seinen Anfang nimmt. Es ist zugleich der Ursprungsort deines höheren Bewusstseins.
Legt man sich also mit dem Spiel des Lebens an, so sitzt man dem Irrtum auf, es sei nichts als harte Arbeit – ein permanenter Kampf. Dann bewegt man sich im Bereich des Dualismus. Wendet man sich hingegen dem Spieler im Zentrum des Lebens zu, hat man Anteil an der Essenz des Glücks.
Genau in diesem Moment stelle ich mir auf einmal vor, dass mein Gesprächspartner mir gegenüber am Tisch sitzt, wieso weiß ich nicht. Während die Bögen der Buchstaben in meinem Heft aufs Papier fließen, vermeine ich sogar seinen Blick zu spüren. Was er sagt, wirkt ja recht ernst, doch ich könnte wetten, dass er Vergnügen dabei empfindet. Ich sehe ihn förmlich lächeln …
›Wenn ich dich recht verstehe, sage ich nun etwas lockerer, beruht das Denken und die Selbstwahrnehmung deines Volkes auf einer inneren Haltung, bei der es darum geht, sich nicht ständig in der Schwebe zwischen Gut und Böse zu sehen – wie beim Seiltanz … oder als sei man an ein Pendel geknüpft, das zwischen diesen beiden Polen hin- und her schwingt.
›Ich muss dich leider sofort unterbrechen … Es geht überhaupt nicht darum, sich so oder so zu sehen. All das gehört noch dem Reich der Vorstellung an. Es geht darum einzusehen, dass nichts von alledem stichhaltig ist. Wir sind weder das Spielbrett noch die Steine, ja, nicht einmal die Hände, die diese bewegen …, sondern zugleich die Erfinder des Spiels, das Spiel selbst, die Spielsteine und die Spieler. Wie könnte es da Gewinner oder Verlierer geben? Das Gleichgewicht unserer Welt basiert, wie gesagt, nicht auf Philosophie, sondern auf dem Willen, sich der immensen Fülle all dessen anzunähern, was sich hinter dem Schleier der Philosophie erahnen lässt.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.




