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Bei dieser Gelegenheit sei auf das Beispiel einer berühmten Moorleiche hingewiesen. Seit den 50er Jahren des 20. Jh. geisterte der Fund als „Mädchen von Windeby“ durch die Presse und wurde allgemein als „hingerichtete Ehebrecherin“ gedeutet: aufgrund ihrer in „obszöner Geste“ geballten Faust. Diese erwies sich jedoch zwischenzeitlich als Irrtum: Der Daumen war nie zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt gewesen. Das hatte nur auf dem ersten Foto so ausgesehen – und das war halt wieder und wieder so abgedruckt worden. Ein halbes Jh. hindurch bezweifelte kein Mensch die „eindeutige“ Botschaft. Aber es kommt noch besser: Das (aus welchen Gründen auch immer im Moor versenkt gewesene) Mädchen ist, wie sich inzwischen herausstellte, in Wahrheit ein Junge. Soviel zu bürgerlich-moralischen Interpretationen germanischer Kultur…!
Wer waren „die Germanen“ nun überhaupt? Die Bezeichnung selbst ist ein propagandistischer Kunstgriff – eine Art antiker Werbeslogan. Sein Schöpfer: Gaius Julius Caesar. Der römische Feldherr hatte Mitte des letzten vorchristlichen Jh.s (ca. 58 bis 50 v. Chr.) zahlreiche gallische Stämme unterworfen. Um das für die Fortführung seiner Feldzüge erforderliche Geld vom römischen Senat bewilligt zu bekommen, war eine überzeugende Erfolgsmeldung nötig. Was hätte besser gewirkt, als „ganz Gallien erobert“ melden zu können? Dafür legte Caesar den Rhein als Grenze fest – und bezeichnete alle jenseits des Ostufers lebenden Stämme kurzerhand als „Germanen“.
Den meisten der so Benannten dürfte der Sammelbegriff unvertraut geblieben sein (wie uns dessen Herkunft: Die lange kolportierte Annahme, wenigstens ein Stamm sich so nennender „Speer-Mannen“ habe für die, dann verallgemeinerte, Namensgebung „Germanen“ Pate gestanden, erwies sich als nicht haltbar). In den rheinöstlichen Wäldern und Sümpfen siedelten Stammesgemeinschaften oder zogen nomadisch herum. Germanische Stämme jener Zeit waren in erster Linie Personengefolgschaften. Sie mögen bestimmte Gebiete für sich beansprucht haben, definierten sich aber nicht über Territorialgrenzen, sondern über personelle Zugehörigkeiten. Die richteten sich nach Verwandtschaft – aber nicht nur. Die Abstammungsmythen bezogen sich auch auf Götter und wer sich den einen nicht mehr zugehörig fühlen mochte, wechselte nicht selten die Gemeinschaft samt (spiritueller) Herkunft: um fortan von den dort bevorzugten Gottheiten mit „abzustammen“. Die massenhafte Aufnahme von Personen ganz anderer und unterschiedlichster Herkunft ist speziell für einen europaweiten Wanderzug von Goten belegt (im so genannten „gotischen Rückstromhorizont“: als binnen kaum einer Generation die Kopfzahl des betreffendes Zuges von hundert bis maximal einhundertfünfzig Leuten auf über dreitausend anschwoll, die sich fortan alle als Goten bezeichneten und die handwerklichen und künstlerischen Merkmale der betreffenden Kultur übernahmen und weiterentwickelten; was wiederum von den daheimgebliebenen Gotenstämmen noch in derselben Generation detailgetreu kopiert wurde).
Insgesamt gilt: Vor allem von den Bildern angeblichen „Germanentums“, die nationalsozialistische Propaganda bis heute in den Köpfen hinterließ, dürfen wir uns getrost und gründlich verabschieden. Stämme verbündeten sich, gingen zuweilen ineinander über oder trennten sich wieder. Sie behaupteten, Abstammungsgemeinschaften zu sein, was sie nachweislich nicht waren und sich nur über spirituelle Auffassungen erklären lässt (auch wenn wir von denen en détail wenig wissen). Ein über jeweilige Stammeszugehörigkeiten hinausgehendes Bindungsgefühl gab es nicht: Die Stämme bekriegten und befehdeten sich untereinander häufig und unüberschaubar. Es gab keine „vereinigten Stämme von Germanien“, kein „germanisches Volk“ – und keinerlei entsprechendes Bewusstsein. In jedem erdenklichen Sinn gilt: Mit Stammeskulturen ist kein Staat zu machen. Die frühmittelalterlichen Reichsbildungen lassen sich nicht mehr als germanische Kulturen bezeichnen. Sie beerbten – mit der Übernahme einer zentralistisch organisierten Religion und, wesentlicher, dem damit staatstragend verknüpften römischen Rechtssystem – das römische Imperium: seine maroden Reste, aus denen sich das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ entwickeln sollte. Die letzten beiden Worte des Begriffs sind irreführend: Die erste „deutsche Nation“ in neuzeitlichem Sinn entstand – lange nach Frankreich, England, Spanien und anderen europäischen Nationalstaaten – erst 1871 mit dem Zusammenschluss der Großherzogtümer Hessen und Baden und der Königreiche Württemberg und Bayern zum „Deutschen Bund“. Die antike Herkunft suggerierende Gleichsetzung neuzeitlicher Franzosen mit antiken „Kelten“ entstammt – ebenso wie deutsche Ansprüche auf „Germanen“ – ausschließlich nationalstaatlicher Propaganda und hat mit den bis dahin schon lange untergegangenen vor- und frühchristlichen Kulturen von Kelten und Germanen nichts zu tun. Im Gegenteil verstellt sie bis heute das Bild auf diese. Nationalromantische Dünkel ziehen sich auch erkennbar durch die deutsche Runenforschung, die in mancher Hinsicht erst dadurch ihren Anfang nahm. Das diskreditiert nicht neuere Forschungen und nötige Korrekturen – es ist nur wichtig zu wissen. Kritisches Lesen absolut jeder Quelle samt ihrer Überprüfung ist grundsätzlich angebracht.
Meine eigene Beschäftigung mit den Runen und ihrer Kultur brachte mir die dahinterstehenden Gottheiten näher, als ich sie zunächst haben wollte… und mündete nach Jahren dann doch in meinen persönlichen Bund mit ihnen. Seitdem kam es zu einer dynamischen Wechselwirkung zwischen dem, was ich aus literarischen und archäologischen Quellen ziehen konnte, und dem, was ich als ideologische Missdeutung oder gar Missbrauch aussortieren musste. Am schwierigsten sind natürlich die persönlichen Anteile zu schildern: jene Auffassungen, die meinen eigenen – höchst subjektiven – Erfahrungen entwuchsen. Diese kann ich hier unmöglich aussparen – und möchte daher betonen, dass sie so wenig verallgemeinerbar sind wie eine eigene Handschrift, ein persönlicher Stil oder eben ein Glaubensgebäude. Was immer ich aus Letzterem vorstelle, dient ausschließlich als Beispiel – und will anregen, das eigene spirituelle Weltbild damit zu erweitern oder zu ergänzen oder, im Bedarfsfall, sich überhaupt ein eigenes zu schaffen.
Für mich sind alle Gottheiten der Welt wahrhaftige Wesenheiten. Diese Auffassung muss niemand teilen. Ich habe nichts davon, wenn irgendjemand die gleichen oder auch nur (angeblich) ähnliche Götter wie ich anruft oder verehrt oder dieselben Namen und Begriffe benutzt – die aber jederzeit und überall anders assoziiert und mit ganz anderen Werten und Bedeutungen verbunden sein können. Wenn mich jemand zum Beispiel fragte, ob ich „an Jesus Christus glaube“, müsste ich – genau genommen – diese Frage bejahen. Das macht mich noch lang nicht zu einem Christen. Ich bin bei der genannten Gottheit so wenig unter Vertrag wie bei Siemens, der Deutschen Bank oder anderen Institutionen und Instanzen, deren Existenz ich ebenso selbstverständlich anerkenne wie die beliebiger Religionsgemeinschaften – unabhängig davon, was ich von den jeweiligen Kräften, ihren Auswirkungen, ihrem Personal oder dessen Methoden halte. Ich glaube an (die spirituelle Existenz und Wirkkraft von…) Jesus genauso wie an (die von…) Allah, Shiva, Pallas Athene, der Weißen Büffelfrau, Quetzalcoatl oder auch – das ist nicht despektierlich gemeint gegenüber vorgenannten Beispielen! – King Kong und Micky Maus; ebenso glaube ich an den Mount Everest, die Donau, das Geld, den Morgenkaffee oder McDonald‘s und Monsanto. Denn all diese – nennen wir sie mal „Phänomene“ – sind da. Und unabhängig davon, welche von ihnen als „real“ gelten und welche nicht, bewirken sie etwas in Materie und Geist. Natürlich ganz unterschiedliche Ereignisse und Zustände. Die einen betreffen mich persönlich, die anderen weniger. „Unter Vertrag“ – im Bunde – bin ich für meinen Teil mit Gottheiten, die ich mir in gewisser Weise selber geschaffen habe… aus Dankbarkeit dafür, dass sie – die Großen, wie ich sie nenne – die Welt und letztlich auch mich erschufen, mich leiten, anfordern, kurz: mich leben und wirken lassen. Den Widerspruch in dieser Aussage kann ich nur mit einem Grinsen beantworten… und dem Hinweis, dass sich eine magische Weltsicht so wenig an Logik oder die gewohnheitsmäßige Zeitachse zu halten braucht wie jeder anständige Traum auch. Ich nehme für mich in Anspruch, sowohl Realist als auch Träumer sein zu dürfen – ja: zu können.
Mein persönlicher Wertekanon ist ganz gut durch die so genannten Menschenrechte umrissen. „Ganz gut“ meint, dass ich den Geist dieses Wertesystems am liebsten noch angewandt auf weitere Teile der Natur sähe. Keinesfalls jedoch akzeptiere ich irgendeine Einschränkung dieses Kanons, ganz konkret: der Proklamation der allgemeinen Menschenrechte von 1948. Sie sind mein Maßstab für die Bewertung und Beurteilung menschlichen Handelns und Unterlassens im Kleinen wie im Großen, im Alltag wie im gesellschaftlichen Gesamtgefüge – welcher Person, welcher Gruppierung und welchen Staates, welcher ethnischen oder kulturellen Gemeinschaft auch immer. Wenn es eine Front zwischen mir und anderen gibt, verläuft sie an dieser Frage: wie wer mit den Menschenrechten umgeht. Ich bin gegebenenfalls bereit, mich mit all denjenigen Menschen verbündet zu sehen oder tatsächlich zu verbünden, die die Menschenrechte achten, leben, verteidigen. Wer dies nicht tut, kann nicht mein Freund oder meine Verbündete sein – egal, wer sich da Hexe, Heide oder irgendetwas anderes nennen mag, gleiche oder ähnlich benannte Gottheiten verehrt wie ich, vielleicht dieselbe Musik hört wie ich, vergleichbaren kulinarischen, sexuellen oder sonst irgendwelchen Vorlieben frönt oder auf andere Ähnlichkeiten pocht, die vorkommen mögen – na und. Entscheidend für meine Bündnisse ist die genannte Haltung – sie ist die unabdingbare Verhandlungsbasis. Innerhalb dieser findet zivilisierte pluralistische Gesellschaft statt. Nur dort. Wer sich außerhalb positioniert, steht draußen (und hat sich gegebenenfalls selber „ausgegrenzt“). Verhältnisse, in denen die Menschenrechte gelten, kamen nicht vom Himmel gefallen, sondern entstanden aus irdischen Einsichten und unendlichen Mühen heraus. Menschenwürdige Verhältnisse bedürfen – auch da, wo sie bereits bestehen – ständigen persönlichen Einsatzes. Ihr Überleben hängt an einer knappen Faustregel: Keine Toleranz für Feinde der Toleranz!
Ich lasse jede spirituelle Wahrheit gelten und akzeptiere jeden persönlichen Glauben – und daraus resultierende Verhaltensweisen, solange und soweit sie sich im Rahmen der Menschenrechte bewegen. Daraus folgt, dass ich auch Wertsysteme, die mir fremd oder gar unsympathisch sind, ebenso selbstverständlich respektieren kann wie deren FürsprecherInnen. Ich gewähre so viel Toleranz, wie ich bekomme (und wo ich es mir leisten kann, auch gern mal etwas mehr: Das lässt sich nicht pauschalisieren, kommt aber vor). Ich toleriere jedoch nicht die Abschaffung meiner Werte, entsprechende Handlungen oder Absichten. Die Gleichwertigkeit aller Menschenwesen ist die Grundlage, auf der alle erforderlichen und möglichen Verhandlungen beruhen. Ich gehöre zur weltweiten Rasse derer, dessen Blut rot ist. Wir alle gehören ihr an. Es bedarf keinerlei Blutvergießens, das zu beweisen.
Wenn ich hier von bestimmten Göttinnen und Göttern rede und erkläre, was sie mit Runen zu schaffen haben, ist das so ähnlich, wie von selbstkomponierter Musik zu sprechen. Musik folgt Regeln (Ausnahmen bestätigen das). Meine Töne und Klangfolgen muss niemand nachspielen oder gutheißen – ich zeige nur auf, wie sie funktionieren, welchen Regeln sie folgen. Es ist ein Unterschied, ob du sie nachvollziehst und anwendest, um deine eigene Musik (oder Magie) zu entwickeln – oder meine Ergebnisse imitierst und übernimmst. Letzteres kann einen Zwischenschritt darstellen, niemals aber taugliches Endergebnis.
Das kann nicht oft genug betont werden. Die Unsitte, andere für sich denken zu lassen, anderen mehr oder minder kritiklos und selbstvergessen zu „folgen“, ist in der Menschheitsgeschichte allzu verbreitet und gerade in unserer Gesellschaft eingeschliffen wie kaum etwas anderes. Die Subszene esoterisch Sinnsuchender spiegelt dieses gesellschaftstypische Phänomen nochmal in ungewollt karikierender Form scharf wieder, lebt es gewissermaßen übertrieben nach: in ihren offenen wie versteckten Hierarchien, in ihren Werten, Zielen, Methoden und deren Resultaten. Das muss nicht erst über offenkundige Kommerzinteressen sichtbar werden oder vorwiegend in seelische Ausbeutung und innere Verelendung münden, tut es aber meistens und typischerweise. Autoritätshörigkeit wird in allen Möglichkeiten des Spektrums gefördert, Selbständigkeit selten gelehrt. Es gibt jedoch Erfahrungen, die sind nur individuell zu machen. Dazu gehören Essen und Trinken, das Darmentleeren, das Sterben – und das Lernen. Und damit auch das Erleben spiritueller Wahrhaftigkeiten. Bei solchen, als einem kulturellen Phänomen, lässt sich natürlich mogeln. Wir können jederzeit spirituelle Erfahrungen anderer Leute für unsere eigenen halten – dabei wird dann ziemlich egal, ob die Erfahrungen jener anderen, von denen wir sie übernehmen, „echt“ sind oder nur vorgegaukelt: Sie kommen in jedem Fall vitaminarm und substanzlos an. Ihr möglicher Wohlgeschmack ist künstlich und meist oberfaul herbeigetrickst. Im schlechtesten Fall machen sie süchtig. Wie schlechte Nahrung sind sie meistens voller Ballaststoffe, ungesunder Zusätze ungewisser Herkunft – und allzu oft zuckersüß. (Das allein sollte schon misstrauisch machen. Es ist ein sicheres Erkennungsmerkmal, dass die Weisheit dahinter nicht das Glanzpapier – oder auch nur den salbungsvollen Ton – wert ist, auf dem sie uns entgegensäuselt.)
Süchtig nach solchem Zeug, laufen wir Gefahr, andere von derselben Sache überzeugen zu wollen. Notfalls um jeden Preis. Denn das mulmige Defizit der ausgebliebenen Erfüllung isoliert unsere Seelen. Die unreflektierte Einsamkeit schreit bald nach Bestätigung durch Äußerlichkeiten: am besten durch gleichartige Gemeinschaft. Ab da werden Gewandung und Gepränge und das Bestätigen verbaler Formeln oberwichtig: als Kennzeichen von Gleichartigkeit, von Miteinander. Das bedingungslose Mitmachen und – vor allem auch äußere – Gleichziehen der anderen wird oft zum einzigen Trost in der zu Recht gefühlten – und umso manischer geleugneten – persönlichen Leere.
Genau darum sind die meisten Offenbarungsreligionen (wie auch ihre marodierenden Ableger, die oft sektiererischen Einzelkulte) so vehement um Missionierung bemüht – und darin so erfolgreich: An die Stelle persönlicher Erfüllung tritt die Not, äußere Merkmale anzugleichen und ans idealisierte Vorbild angeglichen zu sehen. Die Gleichschaltung nennbarer Kennzeichen dient als Ersatz für innere und eigene Entwicklung und Erfahrung. Nur wer im eigenen „Glauben“ keinen echten Halt findet, ist darauf angewiesen, dass möglichst alle anderen dasselbe glauben – und fühlt sich von allen bedroht, die davon irgendwie abweichen. Das sind die üblichen Kennzeichen vieler heutiger Religionen und Kulte… Und so sehr sie individuell durchaus für Halt und Orientierung zu sorgen vermögen, gleichen sie in ihrer Struktur und Grundhaltung doch eher einer gefährlichen Geisteskrankheit. Ungeachtet ihrer Gebetsmühleninhalte tendieren sie zu Heuchelei, Ungerechtigkeit, Willkürherrschaft, Verblendung, Gewalt und Krieg. Es ist ihnen inhärent. Statt die Seele zu befreien, knechten sie die Massen. Noch perfider: Sie haben beides verwoben. Wohlgemerkt: Diese Kritik gilt nicht Menschen und ihrem persönlichen Glauben, sondern den gesellschaftlichen und politischen Organisationsformen ihrer Religionen.
Spiritualität ist entweder eine persönliche Erfahrung oder wertlos. Daraus folgt, dass Missionierung – jegliche! – Gift ist für jedwessen persönliche spirituelle Entwicklung. Missionierung ist das (meist systematische) Übertragen festgelegter Glaubensinhalte von einer Person zur anderen. Das braucht nicht nur so genannte Religionen zu betreffen, ist aber kennzeichnend für sie. Religionen, die missionierend verbreitet werden, verwandeln – wie alle Ideologien – Menschen in Schafe und Bluthunde. Die Verwandlung zum Schaf wie auch zum Bluthund zu vermeiden, ist der erste Schritt zum sozial kompetenten Menschenwesen.
Letzteres wollte ich werden. Wie mir ausgerechnet die Runen des Älteren Futhark dabei helfen sollten – und warum sie dafür taugen – zeige ich in den folgenden Kapiteln.

Bildstein mit Runen, Århus, Dänemark

KAPITEL II
Vorstellung der drei Ættir, Einblick in ihre Zusammenhangsverläufe
VOM WERDEN, ERKENNEN UND HANDELN
Das Ältere Futhark ist aufgeteilt in drei Achterreihen. Die erste beschreibt Prozesse des Erschaffens und Entstehens, die zweite einen exemplarischen Erkenntnis- und Einweihungsweg, die dritte zeigt, worum sich menschliches Handeln dreht und unter welchen Bedingungen es stattfindet.
Während die ersten beiden Reihen konkrete Verläufe in klar aufeinanderfolgenden Ereignisfeldern markieren, erschließen sich die Runen der dritten Acht eher paarweise. Diese letzte Reihe zeichnet keinen bestimmten Weg mehr vor, nur noch das Wie und Womit – und verweist damit umso mehr auf die Macht unserer Verantwortung.
Die drei Runenreihen werden (altnordisch) Ættir genannt. Ætt heißt „Acht“, „Sippe“ oder „Familie“. Über die Ættir des Älteren Futhark wachen drei Gottheiten: Freyr, der sinnliche Herr der Fruchtbarkeit, Hel, die fahle Herrin des Totenreiches, und Tyr, der streitbare Hüter der Gerichtsbarkeit.
Über Freyrs Ætt, die erste Acht, lernen wir, wie Schöpfungsprozesse funktionieren – ihre Voraussetzung, die gleichbleibenden Grundlagen ihrer vielfältigen Entwicklungen, ihr Werdegang und ihre Vollendung – samt möglicher Gefahren: was dabei alles schiefgehen kann, wie dem gegebenenfalls zu begegnen ist und was das jeweils für Konsequenzen hat. Die Abfolge dieser Reihe lässt sich auf zahllose Entstehungsprozesse übertragen – auf kleine und große Menschenwerke bis hin zum Wunder der Schöpfung selbst.
Hels Ætt, die zweite Acht, ermöglicht uns Erkenntnisse darüber, was das alles soll und wer wir überhaupt sind. Sie bietet einen Weg zu möglicher Charakterreife, der auf unterschiedliche Art erlebt und gegangen werden kann. Es ist kein Zufall, dass sich ein Drittel des ganzen Runensystems den Sinnfragen des „wer bin ich“ und „was soll das“ widmet. Der Helsweg, wie ich ihn nenne, ist kein Ponyhof: Er führt uns schnurstracks in unsere persönlichen Abgründe hinein, in die oft verschütteten Untiefen des eigenen Seelen- und Herzensgrundes, die wir im Alltag so gern scheuen (wofür wir ja auch Gründe haben). Doch am Ende wartet ein Schatz. So dunkel der Abstieg beginnt und so viel er fordert, so strahlend und selbstbewusst baden wir am Schluss im Licht der Sonne. „Erleuchtung auf Germanisch“ ließe sich das nennen – wäre der eine Begriff nicht so abgeschmackt und der andere nicht so missverständlich belastet. Aber ich will nicht vorgreifen.
Tyrs Ætt, die dritte Acht, beschäftigt sich mit unserem Tun und Lassen und bringt uns in persönliche Verantwortung – die wir mit den Erkenntnissen und Erfahrungen aus den vorangegangenen Reihen tragen können. Erst wenn wir wissen, wie etwas erschaffen wird, und zudem erfahren haben, wer wir selber sind und aus welchen Motiven wir handeln, können wir zu erwachsenen Menschen werden, die eigenständige Entscheidungen treffen und für deren Folgen einstehen. Zudem kennen wir die Welt und Umgebung, in der das stattfindet. Im gleichzeitigen Beachten dieser Umstände und Möglichkeiten sowie unserer persönlichen Erfahrungen lernen wir, unser Leben zu meistern und unseren Aufgaben gerecht zu werden.
Die Abfolge der 24 Runen des Älteren Futhark lässt sich als Weg von einem Ausgangspunkt zu einem Ziel lesen, aber auch zu einem Kreislauf verbinden. Ich bevorzuge inzwischen die zyklische Variante, da sie alle möglichen Wegteile – auch die linearen – enthält.
Bevor wir uns den Runen und deren Vielschichtigkeit im Einzelnen widmen, werfen wir zunächst einen Blick auf das, was sie verbindet und zusammenhält. Um diese Verläufe in ihrem Zusammenhang kenntlich zu machen, beschränkt sich die Vorstellung der Einzelrunen hier auf Ableitungen ihrer Urbedeutung.
Aller Anfang ist das Entstehen. Wo nichts war, soll etwas werden – und dem kann durch Erschaffen nachgeholfen werden.
Freyrs Ætt – und damit das ganze Futhark – beginnt mit der Rune Fehu. Sie stellt das verfügbare Potential dar, aus dem etwas – ja letztlich alles – erwächst. Diese frei bewegliche Energie ballt sich zusammen in Uruz, das heißt, sie verdichtet sich zu Materie. Thurisaz ist die Kraft, die diese Materie schlagartig und weiträumig verteilt: Das Ergebnis dieser jähen Entladung ist chaotische Verbreitung. Ab hier wird sortiert: Ansuz repräsentiert sowohl das sinnvolle Gefüge als auch die Kommunikation darüber („wo etwas hin soll“: Das Schaffen einer Ordnung bedarf der Verständigung der daran Beteiligten – ob das nun Götter sind oder Menschen…). Raidho erst bringt den Faktor Zeit ins Spiel: Bewegung und Tempo spielen eine Rolle, Zyklen entstehen, rhythmische Abläufe greifen ineinander. Jetzt ist kompetentes Gestalten gefragt und die Lust darauf: wie etwas zusammengehört und wie es zu bearbeiten ist, damit es passt und schön wird. Dieses Können (und den Drang dazu) symbolisiert die Rune Kenaz. Sie führt zur Vollendung des Werkes in Gebo. Das Geschaffene, das nicht mehr verbessert werden kann (was seine Harmonie ausmacht: auf welchem Level auch immer), ist nun fertig, wird „übergeben“, kann ab da sein Eigenleben führen. Das schafft Verbundenheit der daran Beteiligten – sowohl mit dem Werk als auch untereinander. Die Rune dafür ist Wunjo. Sie krönt den Prozess mit Wonne und symbolisiert sowohl die Verbundenheit als auch die Freude darüber.
Der Schöpfungsprozess ist nun abgeschlossen.
Ab hier lassen sich die menschentypischen Fragen stellen: Wer bin ich? Und was soll das alles? Wozu gibt es die Welt? Wozu mich? Und überhaupt was? Die Antwort ist nicht lustig, der Weg nicht einfach. Aber dafür wird er ja beschrieben: um ihn aufzuzeigen, ihn gangbar zu machen, trotz aller Unwägbarkeiten – und durch sie hindurch. Das Ergebnis lohnt alle Mühen. Im Erfolgsfall! Die Anleitung dient seiner Ermöglichung.
Denn Hels Ætt – die mittlere Reihe – beginnt mit einem Schrecken. Hagalaz steht für elementare Zerstörungen und (meist ungewollte) Umwälzungen: Was du hast und was du vorhast, wird womöglich alles verhagelt. Nichts bleibt beim Alten. Wie diese Kraft auch gezielt genutzt werden kann, ist ein besonderes Geheimnis (das an späterer Stelle gelüftet wird) – immer aber stellt diese Rune eine Herausforderung dar. Sie steht letztlich auch für das, was wirklich passiert, während wir Pläne machen – die wir dann aufgeben müssen, weil es angesichts der Umstände so nicht geht. Und damit bringt sie uns – zunächst und bis auf Weiteres – in Not.
Nauthiz, in mehrfacher Hinsicht eine „Schicksalsrune“ (auch das bedarf besonderer Erläuterungen – später!), konfrontiert uns damit, was wir wirklich brauchen – im Wortsinn benötigen. Alles Überflüssige wird unter ihr nichtig und gegenstandslos. So von allem (schönen Zierrat, aber auch störenden Ballast: der meistens überwog – wenn beides nicht eh weitgehend identisch war…) befreit, kommt dein Streben zum Stillstand, die Seele zur Ruhe.
Isa, die einfachste Rune von allen, reduziert uns auf unseren persönlichen Wesenskern. Die zunächst einsame Essenz deines Ichs findet sich bald als Mittelpunkt wieder: von allem.
Jera, als 12. Rune des Futhark auch Mitte des Helsweges, verheißt die Erreichbarkeit alles irgendwie Vorstellbaren – und weist sogar darüber hinaus. Ja: die ganze Welt. Sie sei dein. Sie gehört dir zwar nicht alleine – du teilst das All mit allen anderen Geschöpfen, Kreaturen, Wesenheiten – aber dennoch dir ganz. Alles ist erreichbar: für dich! Bedingungslos und einwandfrei. Das ist wichtig. Es gibt keine Einschränkungen. Du musst nicht einmal Entscheidungen treffen – jetzt noch nicht. Das kannst du erst, wenn du wirklich aus dem Ganzen schöpfen kannst, ohne etwas auszusparen (wie du es vorher lerntest) – und zu dieser Erkenntnis, dass dir (ja, dir!) alles, aber auch wirklich alles möglich ist, verhilft Jera. Sie macht dich eins mit dem All, bis ihr die Rollen tauschen könnt, weil ihr – ungeachtet der Dimensionen: du und das Weltganze – aus ein- und derselben Substanz beschaffen seid.




