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Ab da geht‘s wieder aufwärts: Die Eibenrune Eiwaz repräsentiert deinen langsamen, aber beharrlichen Aufstieg aus dem Dunkel (deiner eigenen Tiefen: wo du all das erlebtest) ans Licht.
Zurück in das deiner Alltagswirklichkeit wiegt und wirft dich Perthro, der Kessel der Wiedergeburt. Diese bezieht sich auf dein Leben: dieses eine. Der Helsweg ist eine Verwandlung: deine. Die deines Charakters.
Und nach diesen Erfahrungen fühlst du dich in der Tat wie neugeboren: hellwach, wie runderneuert, zu allem bereit. Diesen Zustand repräsentiert Algiz. Ganz im Hier und Jetzt. Fähig zu vollkommener Gegenwärtigkeit: erfüllt vom Zauber des Moments. Jetzt fehlt nur noch ein Schritt. Der letzte. Er führt dich direkt in die Sonne.
Sowilo: Dein innerstes Wesen kommt ans Licht. Es wird dir bewusst. Und es ist rein. Du bist es jetzt: geworden. Auf deiner Fahrt durch die Abgründe. Aus deren Tiefen ermessen sich die Höhen deiner Bewusstwerdung. Du erkennst deinen wahren Willen. Die Wurzeln deiner innersten – auch und gerade dir selbst bis dahin verborgen gebliebenen – Wesenswünsche, deines Strebens und Sehnens. Du siehst die Zusammenhänge: Deine eigene Sonne bringt sie an den Tag. Ab hier gelingen deine Taten.
Du bist jetzt voll und ganz. Ein Geschöpf, das seiner selbst bewusst ist.
Ab da bist du überhaupt erst fähig zu handeln: Entscheidungen zu treffen im Bewusstsein deines Wollens und seiner Impulse und die Konsequenzen sowohl einzuschätzen als auch zu tragen. Ab hier kannst du sie übernehmen: Verantwortung.
Sie ist der rote Faden, der sich durch die dritte und letzte Achterreihe zieht. Diese gibt keinen Ereignisverlauf mehr vor: Der hängt jetzt allein von dir und deinen Entscheidungen ab. Von deinem Tun und Lassen. Weshalb ich diese letzte Runen-Acht gern „die für Erwachsene“ nenne. Die erste lehrte uns, etwas zu erschaffen, entstehen zu lassen, zu gestalten und wie solche Prozesse überhaupt funktionieren. Die zweite verhalf uns zur Erkenntnis unserer selbst, zur Sinnstiftung des eigenen Daseins. Denn wer soll diesen Sinn formulieren, wenn nicht du selbst? Genau deshalb fand das alles statt, nur dazu hast du den Helsweg durchwandert, durchlitten, erlebt und zu deiner eigenen Macht gefunden. Die dritte Runenreihe zeigt, wo und wie diese stattfindet und zu welchen Bedingungen. Darüber hinaus stellt sie ein Arsenal dar: für dein Tun. Sie setzt die Erfahrungen der ersten und zweiten Reihe voraus: Die bilden dein Vermögen, dein Wissen, deinen Hintergrund.
Tyrs Ætt besteht aus Runenpaaren. Zumindest die ersten beiden bestechen durch eine Gegensätzlichkeit, die zunächst unvereinbar scheint. Doch genau darin liegt die Lösung: in deren Verbindung, ja Gleichzeitigkeit – zu jeweiligen Anteilen. Erst zusammen entfalten sie ihre Wirkung harmonisch. Sie ist jedoch kein Festwert, sondern veränderlich. Du bekommst ein Arsenal beweglicher Parameter. Ihre Ausrichtung und ihr Maß bestimmst immer du. Es gibt keine Vorschriften. Nur Konsequenzen. Die Runen helfen, deren Gesetzmäßigkeiten zu erkennen.
Tiwaz ist die zielgerichtete, entschlossene Tat und das Tragen ihrer Folgen – und der Mut zu beidem. Berkana steht für die Fähigkeit, dies pfleglich, umsichtig (auch und gerade in Bezug auf deine Umgebung) und sogar fürsorglich, mitfühlend und rücksichtsvoll zu veranstalten. So blank betrachtet liegen beide Extreme klar vor Augen: ihre Möglichkeiten wie Mängel. Tiwaz allein führt, trotz und bei aller Verantwortungsbereitschaft, zu fanatischer, rücksichtsloser Durchführung und Durchsetzung (konsequent zu Ende gedacht) wovon auch immer. Berkana schafft Behaglichkeit, Wärme und Freundlichkeit, wird aber darüber hinaus kaum etwas bewegen. Meist braucht der Mensch eine Mischung von beidem: Umsichtiges, entschiedenes, aber rücksichtsvolles Handeln ließe sich das nennen. Mitunter mag die eine oder die andere Richtung überwiegen – müssen? Deine Entscheidung! Vergiss nie, auch im Extremfall nicht, das „Gegengewicht“, den möglichen Ausgleich. So bleibst du in Balance und deine Umgebung wird es dir danken. Der Erfolg auch.
Ehwaz symbolisiert die wilde Herde deiner animalischen Triebe. Sie sind schreckhaft und, wenn sie erst einmal lostoben, kaum mehr aufzuhalten. Mannaz steht für das soziale Miteinander, deinen Platz in der Gemeinschaft, und die Regeln, die sie sich gibt, denen sie folgt und die sie bedarfsweise verändert. Die Synthese aus beidem füllt Bücher bergeweise, aber kaum wer hält sie für möglich: Wir kennen das so gut wie gar nicht in der Praxis. Das hat mit Geschichte zu tun, mit Religionseinflüssen und -auswirkungen, mit sozialen Entwicklungen. Dennoch hängen beide Phänomene zusammen, sind und bleiben aufeinander angewiesen. Das weitgehende bis versucht vollständige Unterdrücken von Trieben ist möglich, hat aber einen hohen Preis. Zügelloses Sichgehenlassen auch. Ersteres schafft unfrohe Gesellschaften voller Zwang, Letzteres gar keine: Es verhindert jegliche. Zusammenleben und miteinander auskommen ist aber nötig. Über das jeweilige Maß – wem was gestattet ist und was nicht und wann, warum und wie – können vielleicht wirklich nur Kompromisse erzielt werden. Eine ideale Gesellschaft gibt es wahrscheinlich nicht. Aber bessere und schlechtere gibt‘s. Nichts davon ist statisch. Gesellschaften verändern sich – immer und laufend. Daran mitzuwirken, ist das Bestreben aller Beteiligten und Betroffenen. Wer das nicht tut, hat es vielleicht aufgegeben oder nie eine Chance gesehen, die eigenen Interessen einzubringen. Nichtsdestotrotz existieren sie und ihre Unterdrückung hat Folgen. Die Zivilisiertheit einer Gesellschaft lässt sich daran messen, wie wenig Gewalt zu ihrem Erhalt und ihrer Weiterentwicklung aufgewendet wird (je weniger Gewalt ausgeübt werden muss, umso zivilisierter ist das Gemeinwesen) und welchen Einfluss auf diese Gewalt die von ihr Betroffenen nehmen können (je größer und breiter gestreut dieser Einfluss ist, desto demokratischer, hierarchieflacher und gerechter geht es in der betreffenden Gesellschaft zu).
Laguz bedeutet sowohl „Lauch“ als auch „fließendes Wasser“: Pflanzliche Nahrung und Süßwasser sind zweifellos Lebensgrundlagen, ohne die gar nichts geht. Inguz, das Ei, verweist darauf, dass zumindest das Gemüse sich fortpflanzen muss, kann und darf, damit es auch morgen noch etwas zu essen gibt. Die Rune symbolisiert das Lebensprinzip der Fortpflanzung und die Wunder der Genetik. Von beiden Runen lässt sich eine Menge ableiten, was an dieser Stelle noch kein Anstoß für Debatten zu sein braucht.
Die Reihenfolge der letzten beiden Runen ist strittig: Auf den wenigen historischen Funden, die ein vollständiges Älteres Futhark zeigen, steht manchmal Othala, manchmal Dagaz am Ende. Im zeitgenössischen Gebrauch hat sich Othala als Endrune durchgesetzt. Ich bevorzuge inzwischen Dagaz – richtig darf beides genannt werden.
Othala ist sowohl Verwurzelung im Sinne einer „Heimfindung“ als auch Bewusstsein dafür, welcher Weg dich an diesen Ort gebracht hat und welche Ereignisse dich dabei prägten. Dagaz symbolisiert den ewigen Wandel: die größte universale Konstante überhaupt. Auch das trauteste Heim, der vollendetste Weg, die tiefste und hartnäckigste Wurzel fällt irgendwann wieder der Vergänglichkeit anheim, um abermals etwas Neues entstehen zu lassen! So schließt sich der Kreis und erlangt erst darüber seine Dauerhaftigkeit (wie so vieles Natürliche ist auch dies in Wirklichkeit eine Spirale…). Wege mögen enden, aber was auch immer vergeht, schafft nur Platz für Weiteres. Das ist Ewigkeit: dieses gewaltige Kreiseln in stetiger Weiterbewegung. Nicht eine Strecke von A nach B und das Verharren an einem Endpunkt. So gern wir das oft hätten. Die Welt ist größer als unser Wille. Auch er – und gerade er – wird aber erst durch ihre Größe und Wunder ermöglicht. Glück – über die persönliche Zufriedenheit hinaus (vielleicht ist das die Weisheit, die ich meine) – ist, wie ich‘s bis jetzt übersehe oder erahne, eine Mischung aus Macht, der Entfaltung meiner persönlichen Möglichkeiten und der Einsicht um ihre Grenzen. Das ist kein „Mittelweg“, im Gegenteil. Denn mit „Grenzen“ meine ich nicht die menschengemachten, sondern die kosmischen. Ihnen beuge ich mich, diskussionslos und demütig. Was leicht fällt: So viel weiter sind sie als jene, die Menschen mir steckten, stecken wollten, zu oft stecken konnten. Aber Letzteres zu ändern, ist meine Macht. Eine, die von Geburt an in mir lag. Ich musste sie nur finden. Und erkennen. Und einüben. Und auszuüben anfangen. Versuch und Irrtum. „Nur“ heißt nicht, dass es einfach gewesen oder mir leicht gefallen wäre… Ich hatte Hilfe – oft unerwartete – und, allen Rückschlägen zum Trotz, immer wieder erstaunliches Glück. Das alles zu entdecken – und dem nicht nur ausgeliefert zu sein, sondern es mit beeinflussen zu lernen –, halfen mir Runen; damit weiterzukommen, auch. Viel weiter, als ich je gedacht hatte… Deshalb erzähle ich das alles. Vielleicht hilft es ja auch dir.
So beschreiben mir die Runen des Älteren Futhark die ganze Welt. Sie zeichnen eine Art Landkarte – genauer: viele Arten von Landkarten, je nach Bedarf – und nehmen mich gleich mit. Sie geben nichts vor, was ich zu tun oder zu lassen hätte. Sie nehmen mir keine Entscheidung ab, aber sie ermöglichen mir, besser zu erkennen, warum ich welche treffe und welche ich wagen sollte, wenn ich mich denn schon (oder endlich) traute. Oder so ähnlich. Womit ich sagen will, dass es keine Patentlösungen braucht. Wo immer mir solche angeboten werden, misstraue ich ihnen zutiefst und, wie alle Erfahrung lehrt, zu Recht. Was du nicht selbst machst und verantwortest, macht meist unfrei. Ich mache eine Menge Sachen nicht selber, weil ich sie nicht kann oder mag und bin mir der Folgen bewusst. Niemand kann oder muss alles können. Aber Prioritäten setzen: Das lohnt. Was du willst, machst, nehmen und geben kannst. Es gibt keinen „Alles-wird-besser-Knopf“, so wenig wie endgültige Gewissheit über irgendwas. Aber Haltegriffe – die gibt‘s. Wo sie mir fehlen, sehe ich zu, dass ich mir welche schaffe. Daran entlanghangeln – das ist das Abenteuer. Ich kenne schlechtere.

Runenstein auf Gotland, Schweden

KAPITEL III
Fiktive Erinnerungen eines ebensolchen chattischen Kriegers aus dem 6. Jh.
AUS DEM VERGESSEN
Es dunkelt. Aber das Mondlicht sollte reichen: Fast voll steht Manis Nachtgesicht am Himmel, knapp über den Buchen, die jetzt nur noch Schattenrisse sind, schwarz und stumm. Ich bin nicht weit vom Lager, aber entweder sind sie alle still geworden dort – oder etwas in mir blendet die Geräusche aus, ich kann sie nicht mehr wahrnehmen. Stattdessen höre ich Unken aus Südwest, da ist wohl ein Bach, und das Aufflattern einer Ralle, aber jetzt ist auch das vorbei. Nur der Wind pfeift und klatscht mir die nassen Haare ins Gesicht. Der Regen hat aufgehört. Ich atme durch. Es wird Zeit. Lang will ich nicht wegbleiben. Mein kleines Messer und der Speer. Das kleine Messer meines Bruders und der Speer. Das kleine Messer, das mein Bruder mir geschenkt hat, nachdem er mir – Monde her – versucht hat, damit in den Arm zu schneiden. Echt lustig. Wir dachten, es sei stumpf – aber wir waren einfach nur zu betrunken. Jetzt wird unsere Blutsbrüderschaft, obwohl überfällig, noch ein wenig warten müssen. Wenn wir überleben, wir beide. Wofür – zumindest für meinen Teil – etwas getan werden muss: was ich vorhabe. Die Klinge muss in Holz schneiden – erstmal. Ich betrachte meine Hand, die den Speer umfasst und wiegt. Die Hand, aus der ich ihn einst empfing, ist Rabenfraß geworden. Mein anderer Bruder ist das gewesen, mein leiblicher. Er war jünger als ich. Aber dann haben die Valkyries ihn geholt, vor der Zeit, wie ich meine. Er ist tot und ich lebe. Die Welt kann ungerecht sein. Es gilt, Ausgleich zu schaffen. Verdammt. Hätte er nicht überleben können? Es ist, wie es ist. Es rafft immer die Falschen dahin. Morgen werden viele dran sein, niemand weiß, wen es treffen wird. Deshalb bin ich hier. Mit dem kleinen Messer meines Lieblingsbruders, der nicht mein leiblicher ist – aber mir so nah wie die eigene Mutter. Welche Zeichen sind die richtigen – was ist der beste Zauber? Ich spucke aus. Kenne eh zuwenige. Wie war das – was hat die Erilar gesagt?
„Nimm Ansuz. Das ist der Atem der Götter. Mächtiger Schutz. Besseren kriegst du nicht für die Schlacht.“ Und das hat sie gesagt: „Es ist Speerschüttlers Mantel. Siehst du den Stab? Den senkrechten Strich? Zwei schräge Äste gehen von ihm ab, weisen nach unten. Das sind die Falten von Siegvaters Mantel.“ Sie nennt den Schrecklichen nie beim Namen, erfindet immer neue. Aber es ist klar, wen sie meint: den Einäugigen! Ich nenn ihn ja auch nie beim Namen. Den Herrn der Valkyries. Die meinen Bruder fraßen. Meinen leiblichen. Kalt braust der Wind. Ich setze die Messerschneide auf den Speerschaft an. Zögere noch. Wie ging sie noch gleich, diese Rune, Ansuz?
Die Erilar. Was willst du von der, hat es geheißen. Diese alte Wanderkrähe will dich doch bloß vernaschen, weil sie nie einen abkriegt. Jetzt versucht sie es bei dir, pass ja auf, haben sie gespottet. Aber sie haben – wie immer – keine Ahnung. Die Erilar braucht keinen Mann, hab ich die Freunde erinnert. Die hat es mit Frauen – und Tieren, wenn überhaupt. Und den Geistern. Ganz sicher mit den Geistern. Sonst wäre sie ja keine Erilar, oder? Aber mit Besoffenen kannst du nicht reden. Die lallen nur herum und dünken sich doll. Trottel, geliebte. Ich grinse. Aber Ahnung haben sie wirklich keine, die Freunde. Ich ging zur Erilar. Weiß gar nicht, was die so hässlich finden an ihr – angeschmust hat sie mich sowieso nicht. Eher fasziniert. Na ja, vielleicht nicht das richtige Wort. Ich mag sie. Sie macht mich ruhig. Ohne dass sie was sagen muss. Eine weise Frau. Ganz dunkel. Wie die Nacht heute. Fast schwarz ihre Haut, tiefschwarz ihr Haar und so kräuselig wie zerzauste Wolle… Sie sei von weit her gekommen, heißt es. Egal: eine der unseren. Vom Stamm der Katzen. Wir sind alle Katzen. Die Sonne ist unsere Mutter. Die Erilar erzählte mir mal, da, wo sie herkam, ganz fern und urweit im Süden, da, wo angeblich kein Wald mehr wüchse und die Luft viel heißer sei, auch winters, da würden andere Große verehrt. Aber dann kam sie zu uns und wurde eine Katze so wie wir. Eine von uns. Mit uns. Sonnentochter. Und dass ihre Haut so schwarz sei, das läge daran, dass die Mutter sie zu lange gewiegt habe. Denn wo sie, die Erilar, herkam, bevor sie eine Erilar wurde, eine Runenkundige, sei die Sonne näher und heißer gewesen und – äh ja, „männlich“. Das war mir dann ein bisschen zu hoch. Ob Gottheit oder sterblich: Ein Mann ist doch keine Mutter! Zumal die Haut der Erilar nicht wirklich verbrannt ist, sondern einfach nur dunkel. So dunkel wie die Augen meines toten Bruders, des geliebten. Obwohl meine Augen die Farben des Wassers haben und mein Haar hell ist wie das von Sif selbst: wie das reife Korn im Wind! Egal. Hauptsache ist, dass wir alle Katzen sind. Kinder der leuchtenden Großen Herrin, der Sonne am Himmel.
Ich weiß jetzt wieder, wie die Ansuz geht. Ritze ins Holz. Runter, kräftig: ein langer Strich. Ganz gerade, steil und stolz. Kerb ihn rein in den Speerschaft, in seine Rundung. Atme durch, konzentriere mich und setze nochmal an: am oberen Ende des Strichs, direkt an dem Ende, seiner Kante. Ritze von da aus schräg runter: den Ast, den einen. Muss plötzlich lachen. Das ist doch auch ein Zeichen? Ja, ich erinnere mich der Weisen Frau, der Erilar Worte. Wie heißt das Ding? Laguz! Das fließende Wasser, der Lauch! Das ist nicht die Rune, die ich ritzen will. Ein einziger Schräg-Ast macht den Unterschied. Es ist schon kompliziert mit der Zauberei. Es kommt aufs Detail an, aufs verdammte. Zum Donner! Fast scheint es mir einfacher, einen wehrhaften Mann zu erschlagen, was ja auch geübt sein will, als diesen ritzigen Fitzelkram herzukerben. Alles so klein hier! Hochkonzentriert: Der zweite Ast kerbt sich parallel zum ersten in die Schaftrundung. Dies ist Ansuz. Jau, jahu, gelungen! Die erste! Wie viele Runen sollen es werden? Sechs, sagte die Erilar, sechs mindestens. Warum sechs, fragte ich. Denn ich bin ja kein Erilar. „Weil sechs das Zeichen des Könnens ist, der Fackel, der Kunst. Und acht schaffst du ja sowieso nicht.“ Sagte die Erilar. Und hat gelacht. Dieses kehlige Lachen, das ich an ihr so liebe. Natürlich schaffe ich acht – hab ich mir vorgenommen. Eine ganze Ætt: eine Familie, eine Sippe! Aber ich sehe schon: Das wird schwierig. Die zweite Ansuz-Rune, die ich ritze, gerät weniger ideal als ihr Vorbild. Ihr zweiter Ast ragt links ein Stück über den Rückgratsstab hinaus. Mist! Hoffentlich gilt das noch… Außerdem ist sie kleiner als die erste. Gleich die nächste ritzen! Mit Schweiß und Not gelingen mir vier – aber irgendwie sehen sie alle aus wie die Kinder, die ich noch nicht zeugte: eins missratener als das andere. Ansuz, Ansuz, Ansuz…
Verzeiht mir, ihr Großen – meine Pfoten sind zu grob, diesen Zauber vollendet zu weben, aber ich hoffe und bitt‘ euch, ihr versteht, wie mein ungelenkes Ritzen gemeint ist. Ihr versteht doch? Um Schutz ruf ich euch an, dich, Speerschüttler, dich, Hammerwerfer, dich, fauchende Sonnenkatze, Herrin des Krieges, den es zu gewinnen gilt: für mich, für den toten Bruder und den lebendigen, der noch keiner ist, für alle Katzen vom Stamm der Katzen – macht meine Hand sicher, lasst diesen Schaft, den sie wirft, über oder in das Heer der Feinde fliegen! Macht mich, bittebittebitte, unverwundbar, groß und mächtig wie den Schreckensbringer selbst! Leiht mir seinen Mantel! Macht mich unversehrbar für Pfeil, Speer und Axt! Denn ihr Großen wisst ja, worum es geht! Wir sind die Katzen! Die, denen wir morgen gegenüberstehen, nennen sich auch so – doch sie sind keine! Die paktieren mit den Legionen des eisernen Lindwurms… von denen sie auch ihre Schwerter haben. Ein römischer Pfeil war es, der meinen Bruder fällte! So weit zu uns hinauf wären die Schildkrötenpanzer des großen Lindwurms aber nie geklappert gekommen, hätten die vom Stamm der falschen Katzen ihnen nicht den Weg gewiesen und bereitet. Wir werden sehen, wer morgen den Speer übers Heer schleudert – es Gungnirs Schüttler weiht, dem Leichenschwelger und seinen schwarzgefiederten Töchtern.
Leiber will ich fällen, Krieger töten, Schwerter von Armen trennen mit der Schneide meiner Klinge, Schädel zertrümmern und in Augen sehen, die brechen, während ein roter Fluss den Schmerz lindern soll, den das bleiche Antlitz meines jüngsten Bruders hinterließ. Ansuz, Ansuz, Ansuz… Atmet mit mir, ihr Großen: Leiht mir euren Atem, den langen. Wenn ich falle, sollen tausend Katzen meinen Tod rächen – wie ich den Fall meines Bruders räche an so vielen von diesen Lindwurmkriegern, wie mein Speer, mein Sax, meine Axt, meine Keule – oder mein bloßer Arm erreicht. Feuer schleudern sie durch die Luft, heißt es – doch es bricht sich an den Bäumen. Morgen noch nicht: Erst stellen – und fällen – wir die falschen Katzen, Lindwurms Vorhut. Die haben kein Feuer. Doch wir das der Sonne. Wir sind die Katzen. Krieger Freyjas, der Herrin der Lust, der Vanadís. Ich ritze die Ansuz. Ein-, zwei-, drei-, sechsmal. In den Schaft meines Speers. Der übers Heer fliegen wird. Das Heer der Feinde. Sie dem Einäugigen opfernd. Hoch steht Mani am Himmel. Was höre ich? Die Geräusche des Lagers, wieder. Gesprächsfetzen, Feuerknacken, Scheitgeprassel, Lachen. Rundmond: fast voll. So neigt sich die Nacht! Einem roten Morgen entgegen. Dem Tag der Entscheidung. Zurück, rasch zurück: für ein, zwei Hörner am Feuer – und eine Mütze Schlaf!
Nachtrag. Ich überlebte die Schlacht, und mein Blutsbruder in spe auch. Wir siegten! Gewannen die Schlacht – verloren den Krieg. Andere Geschichte. Ich starb Jahre später. Im Kampf gegen Hennen. Die ich versuchte, aus dem obersten Speicher der Scheune zu verscheuchen – wobei ich vom Balken fiel. Als ich erwachte, war ich tot. Ich sah ins Antlitz der Sonne. Komm ich zu dir, bin ich daheim? Fragte ich. Die Große lächelte. Ich schämte mich, den Strohtod gestorben zu sein: als Krieger! Nicht nach Walhall gekommen. Nicht zu Odin – so sein Name – und den Einherjern. Doch die große Katze lächelte. Willkommen in Folkwang, flüsterte sie. Hier ist es viel schöner. Du bist meine erste Wahl. Und – so ich zu euch – nichts sonst geht euch Sterbliche an. Weshalb es keine Überlieferung gibt von diesem Ort. Lebt euer Leben. Macht‘s gut!

Felzritzungen mit Runen, Sollentuna, Schweden

KAPITEL IV
Warum und wie Runen in heutiger Zeit sinnvoll anwendbar sind
GEDANKEN ZUR GEGENWART
Rund 1.500 Jahre später: Die Kämpfe und Nöte unseres Erzählers (aus dem vorigen Kapitel) sind vergessen. Mama Globus trägt über sieben Milliarden Menschen, weit mehr als je zuvor, und ein Großteil ihrer Zivilisationen lebt mit elektrischem Strom. Die wenigsten Erwachsenen haben noch Angst vor Blitzen oder verehren irgendwelche Donnergötter. Vergöttert wird vielmehr ein weltumgreifendes Magiesystem namens Geld. Selbst der eine große Gott, der keine anderen neben sich zulassen will und damit über anderthalb Jahrtausende höchst erfolgreich war, wird in den Industrienationen oft nur noch geduldet oder als zeremonieller Zierrat aufgefasst. Seine Alleinherrschaft jedenfalls ist vorbei und kehrt genauso wenig wieder wie das Zeitalter der Dampfmaschine und ihrer Vorgängerinnen, allen Dampfplauderern – auch allen Wächterräten, Sprengstoffgürtelzündern, Kalifatserköpfungsmaßnahmen sowie dem gesamten Bible Belt – zum Trotz. Der Himmel ist nicht länger sauber, aber, so weit wir sehen und schießen können, ernüchternd unbewohnt. Wir Menschen fliegen längst selbst über den Wolken. Wer sich‘s leisten kann. Die Mehrheit der Menschheit lernte lesen und schreiben – und macht davon Gebrauch. Nur mit dem Denken hapert‘s noch.
Wozu sich mit Runen beschäftigen? Sind das nicht so schreckliche Zeichen, die noch schrecklichere Nazis benutzt haben und noch immer benutzen – gehört das nicht zu deren unappetitlichen Erkennungsmerkmalen? Ja, das ist auch wichtig zu wissen. Aber die haben das nur geklaut – und obendrein keine Ahnung. Runen sind weder Ausdruck ethnischer Zugehörigkeit noch Künder vorbestimmter Schicksale. Es sind mehrschichtige Bedeutungsträger, die eine große Anzahl von Interpretations- und Anwendungsmöglichkeiten zulassen. Die germanischen Zeichensysteme stammen aus Agrar- und Nomadenkulturen, die stammesrechtlich organisiert waren – und in vielerlei Hinsicht, was ich keineswegs despektierlich meine, der Jungsteinzeit näher standen als dem Mittelalter. Als mögliche Werkzeuge sind Runen so amoralisch wie ein Satz Messer, Schraubenschlüssel oder die Kochfelder eines Elektroherdes.
Verabschieden wir uns von der Zwangsvorstellung, dass es eine ausschließliche, immer und überall zutreffende Interpretation für jede Rune – oder auch nur für ein Futhark – zu geben habe. Das einzige Runensystem ohne strittige Bedeutung, mit eindeutiger Auslegung also, ist das neuzeitliche und in keiner Hinsicht als „germanisch“ titulierbare Konstrukt des Rassisten Guido List aus dem frühen 20. Jh.: das so genannte 18er System oder „Armanen-Futhork“. Zu keinem anderen Zweck geschaffen als dem Einteilen von Menschen in wertige und unwertige Sorten, bot es esoterisch angehauchten Herrenrassen-Fanatikern so etwas wie eine göttliche Rechtfertigung ihres Wahns und entsprechenden Denkweisen einen maßgeschneiderten okkulten Überbau. Dass ausgerechnet diese Pseudorunen – in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s, nach der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands – ihre größte Verbreitung fanden, ist eine traurige Tatsache, die hier zunächst nicht weiter erörtert zu werden braucht.



