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Germanische Runensysteme sind zwischen ein- und (fast) zweitausend Jahre alte Hinterlassenschaften untergegangener Kulturen, die kein Interesse daran hatten, ihrer Nachwelt schriftliche Erklärungen zu hinterlassen. Daher sind historische Runensysteme umstandshalber nur lückenhaft und oberflächlich entschlüsselt – und das ist gut so: Es lässt Raum für Interpretationen und Weiterentwicklungen. Was ich für sinnvoll halte, solange wir wissen (und zugeben), was wir tun und warum. Es besteht nicht die geringste Notwendigkeit, eine stimmige Anwendung von Runen damit begründen zu wollen, dass sie bereits aus der Entstehungszeit dieser Zeichen stamme oder bei irgendwelchen Kulturen, die wir heute „germanisch“ nennen, schon oder noch üblich gewesen sei. Das ist schlichtweg nicht möglich – eine solche Behauptung ist immer unseriös. Wer eine germanische Kultur leben möchte, die sich nicht in Reenactment-Übungen und Freizeitkult erschöpft, sondern rund um die Uhr und ums Jahr, mit einer gewissen spirituellen Ernsthaftigkeit, heutigen Alltagsanforderungen genügen soll und ebenso die Aufgabe hat, das eigene Leben zu bereichern und das soziale Miteinander zu erleichtern, muss sich eine solche Kultur eben schaffen: sie selbst entwickeln.
Genau dafür liefern die Runen des Älteren Futhark ein mögliches Modell.
Ohne dass ein solches bereits bei ihrer Entstehung beabsichtigt gewesen sein muss, lassen sie sich in geradezu verblüffender Weise so auslegen und anwenden. Dabei ist es wichtig, unterscheiden zu können, was sich seit der historischen Verwendung dieses Runensystems alles geändert hat und was nicht. Die Lebensverhältnisse sind längst völlig andere als damals – gleich geblieben jedoch, so will mir scheinen, sind die Menschen in ihren grundsätzlichen Bedürfnissen, Wünschen, Nöten, Befangenheiten und Möglichkeiten. Natürlich ist der Alltag in unserer hochtechnisierten und extrem komplexen Zivilisation, ihrer globalen Vernetzung zumal, nicht vergleichbar mit den Lebensanforderungen unmittelbar wetterabhängiger Kleingemeinschaften zwischen Wald und Sumpf. Die Runen bieten aber auch gar keine Anleitungen zum Bau von Langhäusern oder dem Betrieb von Ochsenkarren. Sie erzählen vielmehr etwas über soziales Zusammenleben. Ganz konkret: über den sinnvollen Verlauf projektierter Unternehmungen, über das Erkennen und Weiterentwickeln des eigenen Charakters sowie über die grundsätzlichen Bedingungen, wo und wie beides stattfindet. Alle drei Beschreibungsstränge sind einerseits sehr allgemein, andererseits aber exemplarisch genau gehalten, so dass sie sich ohne weiteres auf unsere heutigen Lebensverhältnisse übertragen lassen. Wie gesagt: Sie enthalten keine Hinweise zum Ausfüllen von Steuererklärungen, Reparieren von Kühlschränken, Pflegen von Bronzeäxten oder Wiederherstellen von Festplatteninhalten. Runenweisheit ist basal: Es geht ums Wachsen und Werden, ums Erkennen und Sinnfinden – und ums Verantworten der eigenen Taten und Unterlassungen. Das gilt im Ochsenkarren wie in Straßenbahn und Flugzeug – auf all unseren Wegen, ob asphaltiert und bereits eingefahren oder nicht. Und auch, wenn wir heute statt Messer, Ahle und Talisman eher ein Smartphone, den (hoffentlich richtigen) USB-Stick und, äh, vielleicht auch einen Talisman bei uns tragen.

KAPITEL V
Überblick über Freyrs Ætt: die acht Stationen des Entstehens, Werdens und Vollendens
DIE ERSTE ACHT: FREYRS SCHÖPFUNG

Am Anfang steht die Möglichkeit. Was vermagst du, über was verfügst du – frei und uneingeschränkt? Von nichts kommt nichts. Aber Kleinvieh macht auch Mist. Was ist dein Potential? Was setzt du davon ein und wofür? Was und wie viel brauchst du und auf welche Weise gehst du vor?

Hier, mit der Rune Fehu, beginnt dein Universum der Schöpfung. Sie entsteht aus dem, was du hineingibst in den Prozess. So war das mit dem Anfang des Weltalls, so ist das mit jedem weiteren Projekt, ob Großbauanlage, Gedankengebäude oder Bastelarbeit. Acht Stationen geben die Runen vor, hier ist die erste.
Die Urbedeutung von Fehu ist Vieh. Hausrinder waren gemeint: Tiere, die sich treiben lassen, die deinen (oder unseren) Wohlstand darstellen. Fehu kann alles bedeuten, was mit deinem Potential zu tun hat und seinen Möglichkeiten. Freyr ist einer der Großen, der die Schöpfung hütet. Er ist vermählt mit Gjerda, jener Riesin, die wir Menschen als Vegetation erkennen: Jeden Frühling legt sie sich erneut auf die Erde mit ihrem Leib, der blüht, glänzt und schillert in den erstaunlichsten Farben. Ihr Göttergatte Freyr steuert und bewacht auch die Wunder der Fortpflanzung (doch dafür gibt es eine Extrarune, die erst später dran ist). Freyr kann Dinge fast aus dem Nichts entstehen lassen – so scheint es zumindest. Er hat ein kleines Ding in seiner Tasche. Faltet er es auf, wird ein Boot daraus – und dieses Faltboot enthält die ganze Götterwelt. Er war, das vermute ich zumindest, am Urknall beteiligt: damit etwas daraus werden konnte. Sonst hätte es nur geknallt – und das wäre es dann gewesen. Wie ein Silvesterböller – schön und ah, aber sogleich vorbei. Dank Freyrs Kunst ist aber das Universum daraus entstanden, wie wir es kennen – und die Wissenschaft hat errechnet, dass der ganze Akt nur den Bruchteil einer Nanosekunde gedauert haben soll… (Jede Kultur braucht – und ersinnt – ihre Mythen). Aber Kunststück – die Zeit war ja noch jung. Vor dem Urknall hat es gar keine gegeben.

Und in dem Moment, da die Schöpfung enstand, wurde die Möglichkeit zur Materie: hat sich manifestiert. Die Rune, die das verbildlicht, ist Uruz. Ihre Urbedeutung ist Auerochs. Das war mal das größte Landtier Eurasiens: schwarz, schön, schlank und wild, riesig und kraftvoll. Uruz symbolisiert geballte (Lebens-)Kraft: die jeglicher Materie – vom nanowinzigen Nukleus, der im Schöpfungsakt (oder Urknall – auf den kommen wir gleich noch einmal zurück) zur ganzen Welt wurde (über die vorstellbare hinaus; auch wenn das allein schon die individuelle Vorstellungskraft sprengt) über jedes einzelne Ding oder Lebewesen bis hin zu dir: deinem Leib, deinem Körper, dem einzigen Zuhause deiner Seele (zumindest in diesem Leben). Und auch jeder andere Körper jedes anderen Lebewesens, ob klein oder groß, ob dick oder dünn, mit oder ohne was dran, drin, drauf – enthält diese Kraft, besteht in gewisser Weise aus ihr.

Wissenschaftlich betrachtet, mag es vielleicht die Kraft der Atome sein. Der Ur-Nukleus war wahrscheinlich kein Atom in heutigem Sinne, aber er flog auseinander, schlagartig. Konnte seine Kraft nicht mehr halten und musste sich entladen, zu ungeheurer Größe aufblähen und ausbreiten. Das ist, wofür die Rune Thurisaz steht. Ihre Urbedeutung ist Riese: im Sinne riesenhafter Naturgewalt. Sich entladendes Chaos. Dessen Resultat: die Ausbreitung von Materie. Das Chaos ist ein wichtiges Moment im Schöpfungsprozess. Denn erst die wilde Ausbreitung schafft die Voraussetzung dafür, das Verstreute und Umhergeworfene sortieren zu können, zu etwas Sinnvollem zusammenzufügen.

Das Zeichen, unter dem dies erfolgt, ist Ansuz: die Rune der göttlichen Ordnung und der Kommunikation, ja, des Geistes überhaupt. Aus unserem eigenen Leben wissen wir: Spätestens dort, wo es etwas zu sortieren gilt, müssen wir uns einigen, was wohin soll und warum. Wir müssen uns verständigen; ein Mittel, dies sogar generationenübergreifend zu tun, ist die Sprache. Sie ermöglicht uns, auch auf die Erfahrungen von Leuten zurückgreifen zu können, die nicht mehr leben. Denn Menschen erzählen weiter, was sie erfahren, was sie wissen – oder zu wissen meinen. So blieben wichtige Entdeckungen erhalten und ließen sich weiterentwickeln, verbessern und verfeinern und in einst ungeahnten Varianten einsetzen – wie zum Beispiel das Rad. Die Rune Ansuz steht für das Wunder des Bewusstseins und all seine Höhenflüge: vom richtigen Wort zur richtigen Zeit über alle Formen der Sprache, der bewussten Verständigung miteinander, bis zum Begeistern der Gemüter mit Gesang. Die Urbedeutung von Ansuz ist „Gottheit“. Vom Wortstamm geht es zurück auf „asa“, Pfahl oder Balken – auch dies passt zur Erschaffung von Struktur. Für mich ist Bewusstsein das Phänomen, das uns mit den Göttern verbindet: Von ihnen haben wir es, sie spiegeln sich in unserem – wir sind ihr Werk ebenso wie sie das unsere. (Das ist nicht die Logik des Verstandes – nur die des Herzens.)

Das Universum ist kein starres Gebilde, sondern in steter Bewegung. Mit der Schöpfung entstand ein weiteres Phänomen: die Zeit. Sie wird durch die Rune Raidho ausgedrückt. Deren Urbedeutung ist „Reiten“: Dabei sind alle rhythmischen Vorgänge gemeint, jedes Auf und Ab, Hin und Her, Hoch und Nieder… immer wieder, in ständiger Wiederholung. Die ganze natürliche Welt besteht aus Zyklen – großen und kleinen, gewaltigen und langsamen wie mikroskopischen und urschnellen samt aller Tempi und Dimensionen dazwischen. Nichts von uns Geschaffenes und Konstruiertes ist frei oder unabhängig davon – zumal unsere Konstruktionen eigene zyklische Verläufe bilden, schon von sich aus (ob wir das beabsichtigen, erkennen oder auch nicht): Ein Haus soll vielleicht für die Ewigkeit dastehen, wird aber früher oder später zur Ruine und deren Reste gehen irgendwann wieder in der Umgebung auf, aus der sie entstanden. Wir selber würden gerne ewig leben, altern aber alle und sterben: gehen genauso wieder auf – und entstehen aufs Neue so wie das Haus. Es ist niemals dasselbe Haus, nie wieder dasselbe Individuum. Auch für dieses Phänomen gibt es eine Rune – zu der kommen wir gleich. Vorher soll noch eine andere wichtige thematisiert werden!

Kenaz – die Fackel. Mit ihr gestalten wir die Welt, verändern unsere Umgebung. Dazu braucht es Kompetenzen. Die Rune repräsentiert das Können – vom spielerischen Basteln und Ausprobieren über alle Arten handwerklicher Fertigkeiten und deren Spezialisierung bis hin zum Erschaffen jener Werke, deren Ziel und Wirkung vollständig losgelöst ist von jedem augenscheinlichen praktischen Nutzen: Kunst. Jeder echte Schaffensdrang ist mit Leidenschaft verbunden und so lässt sich die erotische (gleich welcher Neigung und Ausrichtung) getrost mit dazuzählen. Gestalterische Obsessionen und sexuelle Sehnsüchte nähren sich aus ein- und demselben Feuer (eine Erkenntnis, für die es der Rune nicht bedürfte – aber sie bestätigt sie… und lässt erahnen, dass manche heutigen Weisheiten schon früher einmal bekannt und in der Welt gewesen sein müssen…). Die Kräfte hinter dieser Rune sind, wie ich es erlebe, Freyja und die Zwerge: die Große für die größte Macht der Welt, die Kleinen für die größten Geschicklichkeiten. Kunst schafft – so oder so – immer eine Abbildung ihrer Umgebung und so lässt sich auch die nächste Rune in gewisser Weise als das Ergebnis einer Kenaz-Rune sehen, die sich selbst gespiegelt hat.

Gebo repräsentiert die vollendete Harmonie – astrophysikalisch gesehen den Energieerhaltungssatz (die Energiesumme im Universum bleibt immer gleich) – und aus magischer Sicht dein persönliches Talent, deine Gaben (es können mehr als eine sein). Mindestens eine hat jedes Geschöpf von Geburt an, es ist das persönliche Göttergeschenk: der Schatz, den wir im Laufe unseres Lebens bergen sollten. Natürlich besser früher als später – aber besser spät als nie. Die persönliche Gabe ist das, was uns einzigartig macht als Individuen: viel mehr und bedeutsamer als die Form der Nase oder andere Äußerlichkeiten. Die Gabe ist das, wofür wir jeweils geboren wurden und unterscheidet sich meistens beträchtlich von allem, was wir uns beibringen ließen, wofür wir angeblich geboren seien. Das erschwert die Lage, aber ändert nichts am Umstand: Es gilt, die eigene Gabe zu finden, anzuerkennen – und einzuüben. Talent allein ist nämlich keine Fähigkeit oder gar Leistung, sowenig ein Blatt Papier und ein Bleistift ein Gedicht sind, eine Ackerfurche eine Mahlzeit wäre oder eine anmutig geratene Menschengestalt bereits allein wegen ihrer Ansehnlichkeit ein Auto reparieren, eine Theaterrolle verkörpern oder in Rekordzeit eine Strecke im Wasser zurücklegen könnte. Das alles muss gegebenenfalls gelernt werden – und hat mit den Äußerlichkeiten der Person nicht nennenswert zu tun. Die Rune Gebo markiert auch die Vollendung des Schöpfungsaktes – die Übergabe des Werkstücks, ließe sich sagen: den Moment, in dem es so weit fertiggestellt ist, dass es, so wie es geriet und entstand, nicht mehr verbessert werden kann.

Doch es bedarf noch einer weiteren Kraft, den Akt wirklich abzuschließen, seine Vollendung gewissermaßen zu krönen. Dies geschieht durch die Freude, ausgedrückt durch die Rune Wunjo. Sie repräsentiert die Verbundenheit: sowohl mit dem Geschaffenen als auch der daran Beteiligten untereinander. Freude, Wonne, Glück, Verbundenheit: Das ist das Ziel des ganzen – ja: jeden – Schöpfungsprozesses!

KAPITEL VI
Betrachtungen zur Rune Fehu: von beweglicher Habe zur Abstraktion persönlichen Potentials
DAS LIEBE VIEH
Widmen wir uns Fehu, der ersten Rune im Älteren Futhark, die damit auch die erste Achterreihe eröffnet. Am Anfang war das Vieh. Das typische nord- und mitteleuropäische Hausrind vor rund zweitausend Jahren dürfen wir uns getrost als höchstens halb so groß vorstellen wie das arme Boxenrindvieh von heute und die Euter der Kühe waren natürlich winzig: noch nicht überzüchtet – weder das Tier noch sein Gehänge. Aber was soll die Viecherei?
Hausvieh war Tauschmittel. Innerhalb einer Stammesgemeinschaft brauchte zwar vermutlich kein Mensch irgendwelche persönlichen Zahlungsmittel, aber die Sippen und Stämme untereinander mögen mit Vieh gehandelt haben. Rinder waren „bewegliche Habe“ – wer viel davon hatte, war reich. Daher wird Fehu heute gern die Bedeutung „Geld“ zugeschrieben. Was durchaus richtig ist. Es greift nur ein bisschen kurz. Geld ist – mal wieder – nicht alles. Dein ganzes Vermögen kann gemeint sein: das über Finanzen und Besitz hinausreichende oder sogar… etwas davon Unabhängiges! Sieh es mal so: Was vermagst du? Kann „Vermögen“ auch heutzutage nicht viel mehr sein – oder noch etwas ganz anderes – als ausschließlich finanzielle oder materielle Habe? Kenntnisse, Erfahrungen, anwendbare Fertigkeiten – das alles gilt, gehört dazu! Fehu ist das jeweils zur Verfügung stehende Potential. Woraus immer das bestehen mag! Was finanzielle Möglichkeiten mit einschließt. Aber es beschränkt sich nicht auf sie.
Was immer geschaffen werden soll: Es muss Energie hineingesteckt werden – ob Geld, Arbeitskraft, Hirnschmalz, sonstiges Engagement oder eine Mischung von alledem. Derartiges Potential nenne ich Fehu. Die Bedeutung ergibt sich aus dem Zusammenhang: Ein Rindvieh, das irgendwo auf der Weide grast, hat für sich genommen mit keiner Rune was zu tun – erst wenn es als Tauschwert, Investitionskapital oder Vermögen eingesetzt wird, würde ich Fehu dazu sagen. Und das kann selbstverständlich auch jederzeit etwas anderes sein als Vieh.
Woraus besteht der Energieeinsatz für deine Unternehmung? Was braucht die zum Gelingen – oder um überhaupt in die Gänge zu kommen?
Die erste Runen-Achterreihe veranschaulicht Schöpfungsprozesse, zeigt typische Verläufe des Werdens, Entstehens, Erschaffens. Sie beginnt mit der Potentialrune Fehu und endet mit Wunjo, der Wonnerune. Je mehr Energie du am Anfang hineinbutterst, desto größer ist am Ende die Freude – wenn alles klappt. Von den acht exemplarischen Stationen solchen Schaffens kann jede scheitern außer einer. Aber davon später. Noch brauchen uns keine Wenns und Abers zu interessieren. Das Schöpfungsprinzip ist im Wesentlichen immer das gleiche und es ist grundsätzlich möglich – das reicht für den Anfang (und meistens sogar für den ganzen Verlauf).
Bleiben wir zunächst beim Geld. Meist brauchen wir ja welches – für was auch immer. Wenn die Geldrune am Anfang des Futhark steht – was heißt das? Das heißt, dass sie am Anfang, und zwar nur dort, steht: am Beginn, damit es losgehen, etwas passieren kann. Es folgt eine andere Rune und auf die wiederum eine nächste, und so weiter bis zum Schluss. Fehu ist wichtig, ohne sie ginge gar nichts – aber drehte sich alles nur um sie, ginge nichts voran und nichts weiter. Es gäbe kein Runensystem, kein Werden, kein Erfahren und Wissen, kein daraus resultierendes Tun und Lassen. Dieses Buch könnte hier enden.
Der kranke Aspekt an der Geldgier unserer Gesellschaft ist nicht das Geld an sich, sondern die ihm zugestandene absolutistische Rolle, die alle anderen Werte an den Rand drängt – und mittlerweile allem, was nicht mit einem Preis ausgestattet werden kann, jede Wertigkeit abspricht. Der profitsüchtige Charakter onaniert sich unablässig in Ekstase am Konjunktiv des noch zu gewinnenden oder weiter zu vermehrenden Reichtums, steht dabei aber nicht unbedingt mit irgendetwas Wirklichem in Kontakt. Die Energie, die er dabei verbraucht, ist allerdings real – und es ist nicht seine eigene.
Die wirkliche Welt ausschließlich über ihren Geldwert zu erfassen, entspricht einer Beschäftigung mit Runen, die sich auf die erste von 24 beschränkt – womöglich mit der Begründung, dass es ja die erste sei: die Nummer eins. Die wichtigste von allen. Tatsächlich gibt es eine „wichtigste von allen“ – und zwar genau 24mal. Ohne Fehu kann nichts beginnen; ein Futhark ohne Fehu kannst du wegschmeißen – ob als Denksystem oder handwerkliches Set. Es ist unvollständig. Insgesamt unbrauchbar. Da können die restlichen 23 noch so schön und gelungen sein. Ohne die eine verkommen sie zur Dekoration – sowohl im Gehirn als auch in der Hand. Das gilt allerdings für alle anderen auch. Nicht nur für Fehu, sondern gleichermaßen für Uruz, Thurisaz, Ansuz und alle folgenden bis hin zu Othala und Dagaz. Erst alle zusammen ergeben ein sinnvolles Gefüge. Seine Komponenten sind höchst unterschiedlich, aber gleichwertig. Lass eine einzige Rune fehlen und das Ganze wird so nützlich wie ein Computer ohne Stromzufuhr.
Wie ein Computer ist auch jedes Futhark ein künstliches Gebilde. Die Natur ist da weiter, aber die hat auch ein paar Milliarden Jahre mehr Erfahrung als wir. Ein Mensch bleibt ein Mensch, auch wenn einzelne Körperteile fehlen oder nicht zu gebrauchen sind. (Erschreckend viele kommen ja ohne Hirn zurecht, das heißt, ohne von dessen angeborenen Möglichkeiten nennenswerten Gebrauch zu machen, von so titulierbarem Bewusstsein ganz zu schwelgen – oder ohne Herz, womit ich jetzt nicht den Muskel meine… Das mag die Betreffenden nicht allzu anziehend für andere machen – aber es sind alles Menschen und bleiben immer welche: ebenso wie die ohne Arm, Bein, Leber, Auge oder was auch immer…) Wer Schach spielen kann, braucht nicht alle Figuren – das Spiel selbst bedingt ja ihr allmähliches Verlieren – es reicht, die Regeln zu kennen. Der Rest ist eine Frage der geschicktesten Anwendung. Das Futhark ist weder ein biologisches Wunderwerk, das selbst mit erheblichen Einschränkungen noch sein Potential entfalten kann, noch ein Kampfspiel, das auf ein bestimmtes Ergebnis zielt und dafür Verluste in Kauf nimmt, ohne die sich gar nichts bewegen ließe auf dem Feld. Die Funktionsfähigkeit des Älteren Futhark beruht auf der Verfügbarkeit seiner 24 Komponenten – und dem Verständnis ihres Zusammenhangs.
Ein Futhark ist kein Alphabet, nicht nur wegen der ganz anderen Zeichenreihenfolge, sondern wegen der vielschichtigen Bedeutung der Zeichen, was entsprechend komplexere „Verschaltungen“ sowohl innerhalb als auch zwischen den jeweiligen Bedeutungsebenen ergibt. Runen lassen sich auch als Schreibschrift verwenden, aber lang nicht so gut wie Alphabete, die ausschließlich für diesen Zweck gedacht sind. Doch bereits ein Alphabet ist nicht mehr so gut zu gebrauchen, wenn ihm auch nur ein einziger Buchstabe fehlt – womöglich ein anderer als das (im Deutschen) noch relativ selten benötigte „Y“. Ohne „A“ oder „E“ wird es schon richtig ärgerlich. Je nach Anwendung kommen wohl auch einige Runen häufiger, andere seltener zum Einsatz. Doch letztlich benötigst du alle – auch wenn du vielleicht nur ein paar davon benutzt. Sie bedürfen der Vollständigkeit ihres Systems, weil sie zu ihm gehören. Aus ihm zieht jede einzelne Rune ihre Kraft. Das Ganze als eine Einheit schwingt immer mit… Ich betone das, weil ich den Effekt kenne – und auch für ganz normal halten darf –, dass jede und jedem zunächst einige Runen auf Anhieb „einleuchten“ oder „liegen“ – während sich zu manch anderen zunächst (oder auch für längere Zeit) kein persönlicher Zugang finden lässt. Das ging mir ganz genauso, und das nicht nur während der ersten Monate meiner Beschäftigung damit. Manche tieferen (oder höheren – einigen wir uns vielleicht auf „zusätzliche“) Bedeutungen einzelner Runen und Zusammenhänge gingen mir erst nach vielen Jahren auf, als ich schon längst so vertraut mit der Materie war, dass ich meinte, ich hätte den ganz großen Durchblick und nichts könne mich noch erstaunen. Von wegen! Bis heute erfasse ich von den Runen wahrscheinlich nicht mehr als Columbus von Amerika oder die nächstbeste Sternguckerin vom Weltall. Oder gar ein Psychologe vom echten Leben? Inzwischen glaube ich, dass es keine Grenze der Erkenntnis gibt – vielleicht eine des persönlichen Fassungsvermögens (öfter aber, meine ich, der entsprechenden Bereitschaft). Hier fast mit dem menschlichen Charakter vergleichbar, lässt sich gerade bei den Runen ein ganzes Leben lang Neues entdecken! Die Gleichwertigkeit der unterschiedlichen Kräfte hält das System in Balance, die Vielfältigkeit ihrer Wechselbezüge verschafft ihm eine reiche Tiefe.
Mir beschreiben die Runen, wie die Welt funktioniert. Sie beschränken sich dabei auf wesentliche Wirkkräfte – und wie diese essentiellen Aspekte zusammenhängen. Die Art der Beschreibung ist vergleichbar mit einem Bauplan, einem Mischpult, einer Matrix. Alle Komponenten sind frei verschaltbar, doch diesen Verknüpfungsmöglichkeiten wohnt eine Systematik inne, eine interne Logik. Das macht die Erklärung so schwierig. Was ist zum Beispiel ein Radio? Ich kann einen Sender suchen und einstellen und dann zur Wiedergabe zum Beispiel den Klang beeinflussen, die Höhen etwas anheben oder den Bass absenken oder umgekehrt. Und dann sagen: So klingt das, so geht das. In deiner Wohnung (universeller: von deinem Standpunkt aus gesehen) aber findet sich derselbe Sender vielleicht ganz woanders auf der Skala oder nur Millimeter von der Erstposition entfernt – je nachdem. Vielleicht klingt auch die Sound-Einstellung, die in meiner Wohnung, oder meinen Ohren, am besten kommt, bei dir völlig unzulänglich und bedarf anderer Angleichung, um vergleichbare Wirkung zu erzielen – wenn die überhaupt gewünscht ist, da so viele weitere Varianten möglich sind. Mit den Runen ist es ganz ähnlich. Es gilt, das Grundsätzliche von den jeweiligen Ergebnissen unterscheiden zu lernen – die können nämlich, je nach „Parameterwahl“, sehr unterschiedlich ausfallen.




