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Sie hassen ihn. Er weiß es, das macht ihm auch nichts aus, das kennt er und in gewisser Weise respektiert er das auch. Dass andere ihn hassen. Aber die beiden – sie ignorieren ihn. Und das hat ihm noch jedes Mal das Mittagsmenü verdorben. Das Mittagsmenü gehört aber zu einem Badetag. Heute: Würstel mit Püree. Es schmeckt ihm, könnte aber noch viel besser schmecken, würden nicht Georg und Grant dort an ihrem immer gleichen Tisch sitzen, die Karten mischen und sie lautstark auf die Tischplatte knallen und noch lauter mit ihren Gläsern zusammenstoßen. Georg und Grant haben in der Hallenbadkantine eigene Gläser, mit ihren Namen drauf. Der alte Nazi würde Georg und Grant so gerne zeigen, wie sehr auch er sie hasst. Aber sie ignorieren ihn, und das macht es ihm unmöglich.
Und schon wieder ist es so weit: Diese lauten Menschen drehen sich um und brüllen quer durch die Kantine, dass man ihnen doch bitte die Luft aus den Gläsern lassen solle. »Pronto, wenn’s geht!« Wie immer beginnt Georg laut zu lachen und das so lang, bis auch Grant mitlacht. Hinter der Schank baut Bella ihren beachtlichen, ihren beachtlich großen Körper auf. Weil das nichts bringt, schlägt sie einmal mit der flachen Hand aufs Holz, und es wird wieder ruhig in der Kantine, denn hier drinnen gibt es nur eine Chefin, das sehen auch die Biergeister ein. »Na?!«, fragt Bella und meint damit Susi. Die kämpft mit dem Zapfhahn, hat dann aber die beiden Gläser voll und trägt sie zum sogenannten Stammtisch (es gibt jeweils zwei Gläser, auf denen Georg und Grant steht, und jeweils eines ist immer voll oder zumindest halb voll). »Na also«, schnauft Bella und serviert sich selbst einen Kaffee. Guten-Morgen-Tasse, steht auf Bellas Kaffeetasse geschrieben. Und: Bitte nicht ansprechen!
Susi hinkt ein wenig. Sie bemüht sich, aber das reicht nicht. Bemüh dich!, haben die Erwachsenen immer gerufen, als die kleine Susanne zuhause im Hof über die Pflastersteine gehinkt ist. Bemüh dich mehr! Sie hat es versucht, aber nie war einer ganz zufrieden. Am wenigsten sie selbst. Das ist ihr geblieben. Heute steckt Susi in diesen Kellnerinnenschuhen, die mit den belüfteten Fersen und den dicken Sohlen. Die Füße tun ihr dann nicht so sehr weh, aber das Hinken ist geblieben.
Und so hinkt sie über den Fliesenboden der Kantine, und manches Mal tropft der Bratensaft über die flachen Teller auf die Fliesen, aber Bier wird nie verschüttet. Und trotz ihres Hinkebeins wird sie beobachtet – so wie eine Kellnerin nur von ihren Gästen beobachtet werden kann: mit glasigen Augen. Das übernehmen Georg, Grant und die anderen Biertrinker, die seit Jahrzehnten keine Badehose mehr getragen haben, aber im Hallenbad gern zu den wenigen Stammgästen gezählt werden. Denn: Geht’s der Kantine gut, geht’s auch dem Hallenbad ein wenig besser.
Georg und Grant haben ihr Bier, stoßen die Gläser aneinander und beenden das Ritual mit ihrem lauten Aaaaah! – ganz so, als ob ihnen Bier noch schmecken würde. Den alten Nazi ärgert das natürlich und er löffelt sein Püree schneller. Susi hinkt zurück hinter die Schank. Willi sieht aus seiner Küche hervor, und sofort fragt Bella: »Hast du da drinnen nichts zu tun?« Willi schüttelt den Kopf, und sie sagt: »Na, dann stell dich zu uns her!« Und da stehen sie zu dritt nebeneinander, Bella, Susi und Willi, und sehen ihren Gästen zu. Kein erfreulicher Anblick, aber das fällt ihnen schon lange nicht mehr auf. Oder sie wissen es längst.
Fred kommt durch die Tür und steckt sich eine Zigarette in den Mund. »Freddy!« Willi freut sich, wenn er Fred sieht, und der bleibt gelassen, das gehört dazu. »Hast du da draußen nichts zu tun?«, fragt Bella. »Niemand mehr da«, sagt Fred. Die drei hinter der Schank sehen aus dem Fenster in die Halle, die jetzt leer ist. Nur der Wasserball treibt allein durchs Becken. Während er die Zigarette anzündet, geht Fred zum großen Tisch und zieht einen Holzstuhl lautstark über die Fliesen. Der alte Nazi beißt in seinen Löffel.
Niemand mehr da – das bedeutet Mittagessen. Bella, Susi und Willi lösen die perfekte Dreierreihe, in der sie hinter der Schank gestanden sind, auf. Willi taucht durch seinen Küchenvorhang, Susi sucht nach Gläsern, Bella bleibt genauso stehen. Jetzt kommt auch András und gleich darauf kommt Rose (hinter der Kassa hat sie ihr Schild aufgestellt: Eintrittskarten? Bitte in der Kantine fragen!) und schließlich die Chefs. Marina und Werner übernehmen den Vorsitz, Susi bringt die Suppe und alle lachen, als Robert Anker die Kantine betritt und wieder nur ein Handtuch um die Hüften hat und sonst nichts. »Dich würden wir angezogen wirklich nicht erkennen!« – »Na, wenn das so ist!«, ruft Robert und zieht an seinem Handtuch. Alle haben ihren Spaß und sie essen Würstel mit Püree. Wie eine große, freundliche Familie. Und wenn sie noch so behaupten, davon nichts hören zu wollen – genau das sind sie auch.
2.
Am Nachmittag brauchen dann alle Abstand, und den suchen sie über das gesamte Gebäude verstreut. Marina Antl lässt das Geschäft für eine Stunde ruhen und legt sich in die Dienstwohnung – eine Küche, ein WC und ein kleines Zimmer, das sie mittlerweile genau nach ihren Vorstellungen eingerichtet hat (man weiß ja nie). Dort fällt sie in ihr Bett, liest ein paar Seiten oder sieht eine sinnlose Sendung an, bis sie einschläft. Die Dienstwohnung liegt über dem Technikraum, und an das Brummen und Poltern hat sich Marina langsam und schließlich ganz gewöhnt. Das hilft ihr sogar beim Einschlafen.
Werner Antl ist am frühen Nachmittag auch gerne allein im Büro. Er stellt seine Hausschuhe ab, zieht die Socken aus und wartet, bis das Mittagessen wirkt. Er drückt die Knöpfe, sitzt vor zwölf kleinen Bildschirmen und sieht sich die Übertragung der Überwachungskameras an, die er vor einigen Jahren in den interessantesten Ecken des Hallenbads hat installieren lassen.
Kamera 1 – Eingang außen
Kamera 2 – Eingangshalle
Kamera 3 – Schwimmbad
Kamera 4 – Gang
Kamera 5 – Umkleidekabinen Herren
Kamera 6 – Umkleidekabinen Damen
Kamera 7 – Gang
Kamera 8 – Eingang Kantine
Kamera 9 – Eingang Sauna
Kamera 10 – Sauna
Kamera 11 – Keller / Gang
Kamera 12 – Technikraum
Werner kennt all die anderen besser als sie sich selbst, denn er weiß, was sie tun, wenn sie allein sind.
Kamera 1 – Eingang außen
Vor der Tür sitzen manchmal Jugendliche und rauchen, vielleicht weil sie glauben, dass sie dort keinesfalls erwischt werden. Heute, Dienstag, kurz nach 2, sind die Stiegen aber leer. Keiner kommt, keiner geht, kein Auto bleibt stehen. Werner könnte diesen Bildschirm genauso gut ausschalten.
Kamera 2 – Eingangshalle
Die unnötigste Überwachungskamera ist trotzdem Kamera 2, denn alles, was in der Eingangshalle passiert, kann man auch durch das riesige Panoramafenster vom Büro aus sehen. Der Vollständigkeit halber läuft Kamera 2 aber. Die Übertragung ist meist spannender als der Blick durch das Fenster. Es ist immer aufregend, über einen Bildschirm live dabei zu sein.
Rose Antl geht durch die Halle, die eigentlich nur ein größerer Raum ist. Verzogener Teppich, verschobener Tisch – Rose gibt ihm mit dem Fuß einen Stoß, und er steht noch verschobener da. Werner lächelt. Sogar wenn sie nicht weiß, dass sie beobachtet wird, rebelliert sie. Rose nimmt ihren Platz hinter der Kassa ein und zählt das Schülergeld vom Vormittag. Werner beugt sich vor zum Bildschirm und beißt in seinen Daumen. Sie steckt nichts ein. »Gutes Mädchen«, sagt er. Während sie das Geld zurück in die Kasse legt, dreht sie der Kamera den Rücken zu und das verdeckt Werner die Sicht. Es dauert viel zu lange, bis Rose sich wieder umdreht und die Kassenlade schließt. »Dieses kleine Luder …«
Kamera 3 – Schwimmbad
Nach dem Mittagessen ist Fred immer am motiviertesten. Lange hält es ihn nicht auf seinem Plastiksessel. Er ist gewissermaßen allein, kein Mensch schwimmt um diese Zeit, heute nicht. Der alte Nazi ist zwar noch da, aber nach dem Essen muss er schlafen, dieses Bild kennt Werner – den alten Nazi (Werner selbst nennt ihn nicht so, er weiß, dass er Hermann heißt) am oberen Bildschirmrand, auf der Liege, mit dem Handtuch über dem Kopf.
Fred springt plötzlich aus seinem Sessel auf. Auch das kennt Werner, das ist die Nachmittagsvorstellung. Fred beginnt langsam mit den Beinen zu wippen, er tänzelt, dann tanzt er los. Über den feuchten Fliesenboden bewegt er sich in Zeitlupe rückwärts, ohne dass seine Füße den Kontakt zum Boden verlieren. Moonwalk nennt er das; er hat Werner erzählt, dass er den erfunden hat. »Das stimmt nicht.« – »Oh doch!«, hat er gerufen. »Moonwalk, Moonwalk …« Und dabei ist er immer weiter rückwärtsgelaufen, wie auf Schienen, bis er durch die Tür und auf dem Gang draußen war. Dass Fred seine Lippen bewegt, sieht Werner jetzt auch auf dem Bildschirm. Sieht aus, als ob er singt. »Moonwalk, Moonwalk, Moonwalk …« Die Kamera überträgt nur das Bild und keinen Ton. Und außer dem Wasser gäbe es überhaupt nichts zu hören, denn Fred singt sein Lied tonlos, um den alten Nazi nicht zu wecken. Mit dem macht er sich lieber einen Spaß, tanzt rechts aus dem Bild und kommt am oberen Bildschirmrand wieder raus, singt lautlos »Moonwalk« und gleitet in Zeitlupe rückwärts am alten Nazi auf seiner Liege vorbei, ohne dass seine Füße den Kontakt zum Boden verlieren. Fred wäre wohl ein guter Tänzer, denkt Werner, wäre er nicht so hoffnungslos in diesem Schwimmbad gefangen.
Kamera 4 – Gang
Es ist nur ein Gang, sagt sich Werner und sieht kurz zu Bildschirm 4 hin. Eine Tür links, zwei Türen rechts, weiße Wände und am Ende kommen die Umkleidekabinen. Niemand ist zu sehen. Natürlich nicht. Gott sei Dank.
Kamera 5 – Umkleidekabinen Herren
Kamera 6 – Umkleidekabinen Damen
Die Kameras in der Herren-Umkleide und in der durch eine dünne Wand getrennten, spiegelverkehrten Damen-Umkleide sind so ausgerichtet, dass die beiden Bildschirme nur eine Reihe von Kabinentüren und Kästchen zeigen und keiner sich beim Umziehen beobachtet fühlen müsste. Werner und auch Marina würden das nicht so eng sehen, die Behörden aber schon.
Selbst wenn wenig Betrieb ist, liegt oder hängt immer irgendwo ein vergessenes Handtuch herum. Das ist auch heute so. Im Keller gibt es einen Raum, der ausnahmslos mit vergessenen Handtüchern, Badehosen, Badeanzügen, Unterhosen und Socken gefüllt ist. Auch dort wird der Platz schon eng, denn nach den Sachen sucht keiner mehr. In der Damen- und in der Herren-Umkleide stehen alle Kästchen bis auf eines offen – mit einem Blick weiß Werner somit, dass nur der alte Nazi, also Hermann, im Schwimmbad ist, denn der nimmt alles in einer Tasche mit, die er dann unter seiner Liege versteckt.
Kamera 7 – Gang
Diesen Gang mag Werner lieber. Er ist hell, in freundlichem Gelb gestrichen und führt von den Umkleidekabinen direkt ins Schwimmbad. Wenn viel los ist, ist hier am meisten los. Die Kinder laufen zwischen Bad und Kabinen herum und die Erwachsenen warten auf den Aufzug, der sie ein Stockwerk tiefer in die Sauna bringt.
Um die Ecke kommt Robert Anker und beendet seinen Verdauungsspaziergang durchs Bad, auf dem er nach dem Mittagsmenü besteht. Er drückt den Aufzugknopf, zieht am Handtuch und beendet seinen Spaziergang nackt, wie sich das aus seiner Sicht gehört. Im Aufzug gibt es keine Kamera, das sei technisch nicht möglich, hat man Werner gesagt.
Kamera 8 – Eingang Kantine
Lange Zeit die umstrittenste Kamera. Werner hat sie an einem denkwürdigen Abend in einem harten Kartenspiel gegen Bella erkämpft, und trotzdem wirft Bella noch heute mit Bierstoppeln oder Brotscheiben danach, wenn sie einen schlechten Tag hat. Wäre es nach Werner gegangen, dann würde er auf einem seiner Bildschirme jetzt auch sehen, was hinter der Kantinentür vor sich geht; aber mehr war nicht drinnen: Bella ist eine brutale Kartenspielerin und auch im Verhandeln gnadenlos.
Dennoch hat Bildschirm 8 einiges zu bieten, die Tür zur Kantine geht laufend auf und zu. Das liegt zum einen daran, dass das Klo draußen in der Eingangshalle ist, das bringt reichlich Bewegung. Zum anderen tauchen neben den immer gleichen immer wieder auch neue Gesichter auf, die zumindest bis zum ersten Klobesuch bleiben. Und im Grunde ist Werner froh darüber, dass er nicht sieht, was in der Kantine so alles los ist – wenn er beobachtet, wie vormittags einer der Stammgäste reingeht und am späten Nachmittag völlig verändert wieder herauskommt. Dann ist Werner auch froh, dass es Bella gibt. Zum einen, weil sie ihm die Kamera in der Kantine verboten hat und zum anderen, weil sie die Saubande da drinnen wirklich im Griff hat.
Die Kantinentür schwingt auf und Grant kommt heraus, kratzt sich lange im Schritt und verschwindet dann am rechten Rand des Bildschirms. Auf Bildschirm 2 erscheint er wieder und geht aufs Klo.
Kamera 9 – Eingang Sauna
Nach der Kantinentür und der Klotür ist der Eingang zur Sauna der am stärksten frequentierte Bereich im Hallenbad. Deshalb ist Kamera 9 eine der wenigen, die behördlich vorgeschrieben wurden, aus Sicherheitsgründen. Außerdem sind die Fliesen hier besonders rutschig; das kommt von jenen Gästen, die sich bereits im Aufzug ausziehen und das Wasser noch vor der Saunatür aus ihren Badesachen drücken. Keiner weiß, wer damit angefangen hat, aber diese Angewohnheit hat sich im Lauf der Jahre durchgesetzt, ist unter den Sauna-Insidern sozusagen Hausbrauch.
Wenn Werner auf seinem Bildschirm sieht, wie ein Nackter oder halb Nackter gefährlich über den Boden rutscht, ruft er sofort im Schwimmbad an (der heiße Draht) und schickt Fred mit dem Aufwaschkübel nach unten. Von Stürzen, Knochenbrüchen und all den unangenehmen Folgen will Werner gar nichts hören, und das hat auch Fred schon in seinen Kopf gekriegt. Deshalb fragt er im Falle eines solchen Anrufs nicht lange, nimmt den Kübel und geht los.
Kamera 10 – Sauna
Wie in den Umkleidekabinen gilt auch hier: Die zur Überwachung der Sicherheit installierte Überwachungskamera darf den höchst privaten Bereich der Gäste in keinster Weise einengen oder gefährden! So steht es wörtlich in den behördlichen Richtlinien. Also keine Aufnahmen von Penissen, Hoden, Brüsten, Vaginas oder Schamhaar jeglicher Art. Und obwohl die Kamera von der hintersten Ecke aus nur auf die Türen der drei Saunakabinen und den Ruheraum ausgerichtet ist, lässt es sich nicht so leicht vermeiden, dass nicht auch einmal ein Penis oder ein Paar Brüste durchs Bild spazieren. Soll so sein, sagen die Behörden, oder zumindest die meisten von denen, die sich als die Behörden aufspielen dürfen. Werner hält es da genauso wie Fred: Wenn er Nackte sehen will, kann er gleich selbst in die Sauna runtergehen.
Was Werner nicht weiß: András sieht das anders. Und was Werner auf seinem Bildschirm nicht sieht: Dass András in diesem Moment die allgemeine Mittagsruhe ausnützt und in der finnischen Sauna unter den Bänken herumkriecht, um seine eigene kleine Kamera abzumontieren, die er dort versteckt hat. Die Bilder von heute Vormittag versprechen für heute Abend einiges.
Kamera 11 – Keller / Gang
Im Wettbewerb um die unnötigste Kamera im Hallenbad liegt Kamera 11 unter den Top-3-Plätzen. Denn Bildschirm 11 bleibt die meiste Zeit schwarz. Das Licht im Gang hinter der Kellertür mit der Aufschrift Zutritt für Unbefugte verboten! (direkt neben dem Eingang zur Sauna) geht nur an, wenn dort jemand unterwegs ist. (Diese Bewegungssensoren sparen Energie und irgendwo muss man ja anfangen zu sparen.) Trotzdem bleibt Werners Blick viel zu oft und viel zu lange an diesem Bildschirm hängen. Es könnte ja sein, dass sich dort jemand bewegt, und wenn, dann will Werner sehen, wer das ist.
Kamera 12 – Technikraum
Diese würde dann wohl Platz vier belegen, gäbe es den Wettbewerb der unnützen Kameras wirklich und nicht nur in den Diskussionen, die Werner und Marina beinahe täglich über Sinn und Unsinn (und vor allem Kosten) der Kameras führen. Ob die Technik mitspielt und alle Anzeigen im grünen Bereich sind, kann man auf dem Bildschirm nämlich nicht erkennen. Wohl aber – und das ist Werners Argument in den Diskussionen, zumindest in jenen um Kamera 12 –, ob András auf seine Anweisungen hört und kontrolliert, warum das Warmwasser ausbleibt, wenn es darüber Beschwerden gibt, oder der Frage nachgeht, ob das mit der Heizung wirklich so schwer sein kann. Derzeit gibt es keine Beschwerden (weil keine ernst zu nehmenden Badegäste), und die Temperatur im Hallenbad stimmt so halbwegs. András scheint es sich aber nicht nehmen zu lassen, in seiner Mittagspause nach dem Rechten zu sehen, denkt Werner, denn hinter den Boilern im Technikraum sieht er jemanden auf und ab gehen und das kann nur András sein.
Daran zweifelt Werner auch nicht und seine Augen reibt er, weil es keine leichte Aufgabe ist, alle zwölf Bildschirme auf einmal zu überwachen. Mit den Fingerknöcheln in den Augen sieht er kleine Sterne und Lichtblitze und übersieht dabei beinahe, dass auf Bildschirm 1 etwas los ist. Dass ein großer Wagen vor dem Hallenbad vorfährt, aus dem Hofrat Spreitzer steigt. Diese Ratte.
3.
Marina Antl versucht noch, das Telefonklingeln in ihren Traum einzubauen, dann ist sie wach und hebt ab. »Der Spreitzer ist da! Der will irgendwas!«, ruft Werner in den Hörer, legt auf, sucht mit den Füßen unter dem Schreibtisch seine Hausschuhe, schlüpft hinein, springt vom Sessel und läuft nach unten. Seine Hausschuhe machen lustige Geräusche, als er Hofrat Spreitzer entgegengeht. Dabei behält er die Geschwindigkeit bei. Wie immer steht direkt hinter dem Hofrat sein Assistent, Kaufmann, der demonstrativ Ausschau hält und in einem kleinen Buch herumkritzelt. Kaufmann sieht genauer hin, sieht Werner Antl ungebremst auf seinen Hofrat zuhalten, unterbricht seine Notizen, macht einen Schritt nach vorn und baut sich schützend zwischen den beiden auf.
»Nicht so schnell«, sagt er mit einer Stimme, die aus seinen Nasenlöchern kommt, »nicht so schnell, guter Mann.« Werner bremst, schnauft und kämmt mit den Fingern seine Haare. »Was schreibt er da?!« – »Man wird sich ja noch Notizen machen dürfen«, kommt es aus den Nasenlöchern.
»Zuerst einmal: Guten Tag«, sagt Hofrat Spreitzer und geht ein paar Schritte durch die Eingangshalle. Werner und Kaufmann gehen ihm hinterher. Spreitzer bleibt stehen, fährt herum und hält Werner die Hand hin. Der nimmt sie widerwillig und schüttelt sie. »Wir kommen nur auf einen Sprung vorbei«, sagt Spreitzer und lässt Werners Hand nicht los. Kaufmann grinst. Werner drückt mit der Hand stärker zu, Spreitzer macht es ihm nach; Gesicht an Gesicht stehen sie da.
»Meine Herren, das erledigen wir besser gleich in der Sauna!« Werner und Spreitzer drehen die Köpfe zur Seite und sehen fragend Marina Antl an, die mit deutlich schwingenden Hüften die Stiegen runtergeht und dabei lächelt: »Euren Schwanzvergleich, meine ich.« – »Können wir gerne machen«, sagt Spreitzer. »Darauf kannst du wetten«, antwortet Marina. Werner nickt mit geschlossenen Augen und zieht seine Hand aus Spreitzers Hand. Genau deshalb hat er sie zur Hilfe gerufen – wegen ihres Charmes. Dass Marina den Hofrat einfach per Du anspricht, ist auch für Werner neu, aber es scheint zu funktionieren: Jetzt grinst Spreitzer auch, und Werner findet seinen anzüglichen Blick ganz und gar nicht gut. Kaufmann redet mit: »Die Sauna kontrollieren wir sowieso auch.« Alle drei sehen ihn an, und jetzt ist es Marina, die anzüglich wird: »Kannst gerne mitmachen.« Kaufmanns Gesicht läuft rötlich an. Spreitzer sagt: »Ach, Kaufmann, entspann dich endlich.« Kaufmann blättert verärgert in seinem Notizbuch, Spreitzer schüttelt den Kopf und wendet sich wieder den Antls zu: »Ist heute ja nur ein Freundschaftsbesuch, sozusagen.« – »Was heißt hier kontrollieren?«, fragt Werner. »Stadtratssitzung«, murmelt Kaufmann. »Und was ist da?!« – »Nächste Woche«, sagt Spreitzer, »da geht es wieder um euer Bad. Haben Sie den Bescheid nicht bekommen?« – »Lesen wir nicht.« – »Sollten Sie aber. Noch nicht nächste Woche, aber irgendwann wird’s knapp.«
Werner schnauft, Marina ist inzwischen angekommen und legt ihre Hand auf seine Schulter. Spreitzer wiederum greift auf Kaufmanns Schulter, und dem ist das sichtlich unangenehm. »Ich würde sagen, wir gehen unsere Runde, und dann besprechen wir alles beim Kaffee in der Kantine.« Werner und Marina nicken widerwillig. »Den bezahlen wir natürlich«, sagt Spreitzer, und Kaufmann klappt unnötig laut sein Notizbuch zu.
Zu viert gehen sie los. Während Marina an der Kassa eine kurze Diskussion schlichten muss, weil Rose Antl Eintritt verlangen will, wirft Werner durch das Fenster einen besorgten Blick in die Kantine, wo Georg mit der Hand in seinem Bierglas nach irgendetwas zu suchen scheint und Grant aufgestanden ist und auf den Zehen wippend mit Bella streitet.
»Straßenschuhe gibt’s hier drinnen eigentlich nicht«, sagt Fred, und von seinem Plastiksessel aus zwinkert er Werner mit einem Auge zu. »Schon gut«, sagt Werner und zeigt mit dem Finger nach oben an die Decke: »Und dort ist die Lüftung.« Hofrat Spreitzer nickt, Kaufmann schlägt sein Buch auf und notiert etwas. »In Ordnung«, sagt Fred, »dann machen wir heute eine Ausnahme.« Er meint es gut und lehnt sich demonstrativ entspannt zurück. Dabei weiß er nicht, dass alle den randvollen Aschenbecher unter seinem Sessel sehen können. Kaufmann macht Notizen, Spreitzer nickt ihm zu, Marina stößt Werner inzwischen mit dem Ellbogen, und da sieht er es auch: Der alte Nazi hat zwar immer noch sein Handtuch über dem Kopf, aber auch eine Hand in der Badehose und die bewegt sich langsam auf und ab.
»Wir machen hier weiter«, sagt Werner und dirigiert die Gruppe in die andere Richtung, weg vom Becken, zurück auf den Gang. Dabei sieht er noch einmal über die Schulter, und auch von der anderen Seite macht ihm der Blick durchs Kantinenfenster keine Freude: Dort versucht Grant gerade über die Schank zu klettern, Bella schwingt mit dem Besen einmal durch und trifft ihn am Kopf. Werner schiebt Spreitzer vor sich her, der lässt es zu: »Da geht es in die Sauna.« – »Haben Sie hier eigentlich ein Kinderbecken?«, fragt Kaufmann. – »Ja, warum?« – »Nur so.«
Als sie zu viert auf dem Gang stehen und der Aufzug nicht kommt, geht es endlich allen gleich. Jeder wartet darauf, dass endlich die Türen aufschwingen, jeder wackelt ein wenig mit dem Kopf und summt seine eigene Melodie. Ein altmodischer Klingelton, die Türen gehen auf und Spreitzer sagt: »Nach Ihnen.«
Der Aufzug ist alt und eng. Werner drückt sich an Marina, Kaufmann steht neben Spreitzer, Werner drückt den Knopf, die Türen rattern und keiner sagt ein Wort, obwohl das alles ewig dauert. Die Fahrt nach unten ebenso. Als Kaufmann versucht, Spreitzer etwas ins Ohr zu flüstern, versetzt der ihm einen Stoß, dass die Aufzugkabine wackelt. Werner schwitzt, Marina lässt es sich trotzdem nicht nehmen, ihm von hinten zwischen die Beine zu greifen; da grinst er. Kaufmann sieht das Grinsen, kann damit aber nichts anfangen.
Endlich der Klingelton, und sie kommen ein Stockwerk tiefer an. »Nach Ihnen«, sagt Spreitzer wieder. Werner und Marina steigen aus dem Aufzug, die Luft ist rein. Nein, doch nicht. Als Spreitzer und Kaufmann den Gang betreten, biegt Robert Anker um die Ecke. Nackt – und sein Ding steht leicht vom Körper weg. »Also, das ist ja …«, stottert Kaufmann. »Robert Anker«, fällt ihm Marina ins Wort, »der beste Saunameister von hier bis Bad Gastein!« – »Immer zu Diensten! Einen Aufguss, meine Herren? Den werden Sie nie vergessen.« – »Nein, danke«, antwortet Kaufmann und sieht noch einmal genauer hin. Spreitzer lächelt. »Keine Sorge«, sagt Robert Anker, »ist nur vom Duschen.« Er schnalzt mit seinem Handtuch vor ihren Köpfen einmal durch die Luft und bindet es um seinen Bauch. Auch das Handtuch steht vorne weg. »Sehr gut, Herr Robert. Sie können Pause machen.« – »Warum so förmlich, Frau Antl?«, fragt er und geht mit wedelndem Handtuch den Gang entlang. Alle vier sehen ihm hinterher.
Keine Überraschungen in der Sauna, außer dass es im Aufenthaltsraum unangenehm kühl ist. Wie gehabt macht Kaufmann seine Notizen, Spreitzer lächelt, Werner fragt: »Ist das Buch noch nicht voll?« – Kaufmann schreibt schneller. Sie öffnen alle Saunatüren, stecken die Köpfe rein und schließen sie wieder. »Hier riecht’s gut«, sagt Hofrat Spreitzer und Werner weiß nicht, ob das ernst gemeint ist oder wieder nur ein übler Scherz. Marina fragt laut in die Runde: »Sollen wir uns auch ausziehen?« Das irritiert Werner, sie war schon einmal kreativer. Spreitzer lächelt anzüglich. »Bitte, hier geht’s raus«, sagt Marina.




