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»Und was ist da drinnen?«, fragt Spreitzer, während sie wieder auf den Aufzug warten. »Der Keller. Zutritt für Unbefugte verboten.« – »Ja, da dürfen wir selbst nicht rein«, lächelt Marina, und das findet Werner jetzt doch lustig. »Aber wir würden’s sehr gerne sehen.« – »Meinetwegen. Ist aber nicht besonders spannend.«
Sie betreten den Gang, das Licht geht an, niemand ist da. Vor der Tür zum Technikraum zieht Werner seinen Schlüssel hervor und steckt ihn ins Schloss. Das funktioniert nicht. Werner klopft gegen die Tür. »András!«, ruft er, und das mehrmals hintereinander. Erst viel später kommt eine Antwort: »Was ist los?« – »Bitte aufsperren!« – »Nein, geht schon!« – »Bitte aufsperren!« – »Ich komme dann rauf!« – »Nein, jetzt bitte gleich aufsperren!« – »Riecht’s hier nach Rauch?« – »András raucht nicht.« – »Wer ist eigentlich András?« – »Unser Haustechniker.« – »Nein, ich meine, ob es da drinnen brennt.« – »András?!« – »Ja?!« – »Brennt es bei dir?!« – »Wie?!« – »Ob es da drinnen brennt?!« – »Nein!« – »Wir kommen später wieder!« – »Alles klar, Chefin!«
Im Aufzug schweigen alle oder sehen betreten zu Boden. Es klingelt, sie kommen ein Stockwerk höher an und gehen langsam durch die Eingangshalle. »Schon spät«, murmelt Kaufmann und zeigt Spreitzer seine Armbanduhr. »Ich weiß«, antwortet Spreitzer und dreht sich zu Werner und Marina um: »Wie sieht es mit unserem Kaffee aus?«
Als sie die Kantine betreten, ist es noch schlimmer, als Werner erwartet hat. Georg und Grant haben wieder ihre bescheuerte Musik durchgesetzt: Grant grölt in einen Zuckerstreuer, den er als Mikrofon benutzt, und Georg steht auf dem Tisch, an der Schank klatschen alle mit. Susi räumt die Gläser ab und humpelt merklich. Bella kommt auf Werner zu und flüstert – so laut, dass alle es hören können: »Der Willi, der hat sich im Kühlraum eingesperrt.« – »Ja«, sagt Werner, »ist in Ordnung. Könnten wir bitte vier Kaffee haben? Gleich?« Bella antwortet nicht, bleibt aber vor ihnen stehen. Zwischen ihren Zähnen steckt ein Zahnstocher, den sie im Mund vor und zurück bewegt. »Fräulein Susi«, ruft Marina, »vier Kaffee, bitte!« – »Sie sollen mich doch nicht so nennen«, ruft Susi und schafft es, dabei noch freundlich zu klingen. »Wir sitzen da drüben!«, ruft Werner und schiebt Hofrat Spreitzer wieder vor sich her.
Kaufmann klappt sein Notizbuch zu. Die Musik verstummt, Grant singt weiter in seinen Zuckerstreuer, Georg klettert vom Tisch. Dabei fällt ein Bierglas runter und zerspringt auf den Fliesen. »Das räumst du selbst weg!«, brüllt Bella. – »Leck mich!«, brüllt Georg zurück, nimmt dann aber doch den Besen, nachdem Bella ihm damit auf den Rücken geschlagen hat. Kaufmann und Spreitzer beobachten die Szene mit offenem Mund, ebenso Werner und Marina – in gewisser Weise aber auch fasziniert davon, dass es Bella und den anderen schlichtweg egal ist, dass sie hier die Besitzer des Hallenbads mit zwei Gästen der Stadtverwaltung am Tisch sitzen haben. »Kaffee kommt gleich!«, brüllt Bella und spuckt ihren Zahnstocher auf den Boden: »Aufwischen!«
»Also?«, Marina lächelt, und Spreitzer lächelt zurück. »Alles bestens«, sagt er. »Was passiert jetzt als Nächstes?« – »Nicht viel. Keine Angst.« – »Wir haben keine Angst.« Kaufmann sagt: »Das war nur eine Routinekontrolle.« Spreitzer sieht ihn eindringlich an. »Stimmt ja«, murmelt Kaufmann. »Komisch«, sagt Werner.
Susi humpelt auf den Tisch zu und kämpft mit dreimal Kaffee, der auch in den Untertassen schwimmt. »Der vierte kommt gleich.« Noch einmal wird es laut in der Kantine, Bella hat den Knopf der Kaffeemaschine gedrückt. Dann ist es wieder still, die Biergeister sitzen an der Schank, rauchen und benehmen sich. Es ist zu still, findet Werner und klappert mit seiner Tasse.
»Ich kann Sie wirklich beruhigen«, spricht Hofrat Spreitzer mit gedämpfter Stimme. »Mit Ihrem Hallenbad ist alles in Ordnung, das werde ich in der Stadtratssitzung noch einmal betonen. Es wird nichts passieren, was Sie nicht auch wollen.« Klingt wie aus einer Wahlkampfrede; Werner sucht nach den Falltüren. Er ist und bleibt eine Ratte, denkt er, aber leider auch ein Fuchs. »Bleiben Sie ganz entspannt, und gemeinsam finden wir eine Lösung.« – »Eine Lösung wofür? Ich wusste nicht, dass wir eine Lösung brauchen«, fällt ihm Marina ins Wort. Sie ist bereit, die Nerven zu verlieren. Spreitzer bewegt seine Hand unbeholfen über den Tisch, und bevor er sie auf Marinas Hand legt, erscheint Susi zur richtigen Zeit mit dem vierten Kaffee. »Bitte sehr.« Spreitzer gießt die Milch aus dem kleinen Kännchen in die Tasse, macht einen Schluck und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. »Wir müssen jetzt wirklich«, sagt er, »vielen Dank für den aufschlussreichen Nachmittag.« Er steht auf und nickt übertrieben zum Abschied. Kaufmann steht ebenfalls auf und flüstert Spreitzer etwas ins Ohr. Der hört zu, verzieht noch einmal sein Gesicht und wird laut: »Na, dann geh doch, Mensch!« Kaufmann fragt Werner: »Die Toiletten …?« – »Draußen in der Halle.« – »Ich warte beim Wagen«, sagt Spreitzer genervt, winkt, geht um den Tisch herum und beugt sich zu Marina, um tatsächlich einen Handkuss anzudeuten. Wäre sie besser aufgelegt, würde sie kichern und mitspielen; dazu sieht sie jetzt aber keinerlei Anlass. Werner schnauft, Spreitzer nickt ein weiteres Mal und geht.
Nicht einmal eine halbe Minute später wird an der Schank das Gemurmel merklich lauter, ebenso die Musik. Werner und Marina Antl sitzen immer noch auf ihren Plätzen, mit kaltem Kaffee in ihren Tassen, und über die steigende Lautstärke hinweg versuchen sie, ein paar grundlegende Fragen, die dieser Nachmittag aufgeworfen hat, zu klären. »War es so schlimm?« – »Was meinst du?« – »Hätte besser sein können.« – »Oh ja.« – »Was wollen die eigentlich?« – »Weiß ich nicht. Aber ich traue ihm kein bisschen.« – »Denkst du, ich?« – »Was machen wir jetzt?« – »Wir machen weiter.«
Werner und Marina schweigen und bleiben noch eine Weile nebeneinander sitzen. Es ist kurz nach sechs und jemand springt ins Becken. Bewegung im Wasser; am späten Nachmittag kommen die Nach-der-Arbeit-Schwimmer. In zwei Stunden ist Badeschluss. Die Kantine hat offiziell bis neun geöffnet, das ist aber selbstverständlich nur ein Richtwert. In Wahrheit hängt es von Bellas Laune und von der Leistungsfähigkeit ihrer Gäste ab. Also eigentlich doch nur von Bellas Laune, denn die Leistung ihrer Gäste ist auch deren einzig gute Eigenschaft – und schlechte zugleich (und hat jedenfalls keinen Einfluss auf Bellas Laune).
Hinter Werner und Marina machen sie sich bereit für den Abend. Sie versuchen, die Musik mit ihrem Gemurmel zu übertönen; das Ergebnis ist Kantinenlärm.
Das Hallenbad
Das Hallenbad – ein Prachtbau von einem Betonklotz
Heuer begeht das Hallenbad am 13. März sein 29-jähriges Bestehen. Das soll mit einem Fest gefeiert werden – ein Probelauf für das große Fest zum 30. Jubiläum im kommenden Jahr. Wenn das Hallenbad dann überhaupt noch geöffnet haben wird; wenn es dann überhaupt noch steht.
Die goldenen Zeiten (die 1970er) sind lange vorüber, die 80er (ebenso golden für Hallenbäder) ebenfalls. Am Montag, dem 14. April 1986, übernahm das Ehepaar Antl offiziell die Geschäftsführung (voller Träume und großer Pläne). Die 90er waren bereits schwieriger – die meisten Menschen hatten schön langsam Besseres zu tun; die anderen verliebten sich in die Thermalbäder, das Ehepaar Antl blieb seinen Träumen und großen Plänen treu.
Heute kann man es nicht mehr genau sagen. Keiner weiß so recht, wie die 2000er einzuschätzen sind. Immerhin: Zum sogenannten Millennium ging die Welt nicht unter. Aber: In wenigen Monaten werden entführte Flugzeuge in Gebäude krachen. So gesehen: immer noch eine unschuldige Zeit, die Zeit vor dem 29-jährigen Hallenbadjubiläum und dem 15-jährigen Geschäftsführungsjubiläum des Ehepaars Antl, was in zweieinhalb Wochen gemeinsam gefeiert werden soll.
Kurzum: Heute, am Dienstag, dem 20. Februar 2001, hat man auf jeden Fall Schwierigkeiten, sich in der Welt zurechtzufinden. Sicher, die hatte man auch schon früher. Aber die 2000er – damit sind die Menschen noch immer nicht so richtig warm geworden; das werden sie wohl bis zu den 2010ern nicht. (Und danach wird er immer mehr zur Nebensache, der Wunsch, der Drang, sich zurechtfinden zu wollen.)
Außerdem (und vor allem – denn was kümmert die Leute im Hallenbad schon die Welt draußen und die Idee, dass ein neuer Weltkrieg oder etwas in der Art (Weltkrieg, das sagt man heute so nicht mehr, hat man nicht einmal mehr zu Beginn der 2000er so gesagt) drohen könnte, der dann doch nicht kommt, aber nie ganz abwegig sein und das seine zur allgemeinen Verwirrung beitragen wird, ganz abgesehen von der Angst vor Anschlägen) wird es im Hallenbad jetzt langsam wirklich eng.
Die Stammgäste sind schnell und an einer Hand oder an maximal zwei Händen abgezählt. Das Zählen hat man hier aber gar nicht mehr gern, denn Zahlen leuchten längst nur noch in roter Farbe. Deshalb hat sich auch Hofrat Spreitzer persönlich der »Causa Hallenbad« (ein Begriff, der sich mittlerweile im Gemeinderat und in der lokalen Presse durchgesetzt hat) angenommen – und das nicht ganz ohne Vergnügen (ja, es könnte sogar sein, dass er für das Gelände, auf dem das Hallenbad einmal gestanden sein wird, bereits eine lukrative Idee in der Hinterhand hat). Gerne absolviert er deshalb einen der unangekündigten Besuche ebenso persönlich, überprüft die Hygiene, wirft einen Blick in die Bücher, in die Technikräume oder unter den Rock der hinkenden Kellnerin Susi, wenn die sich bückt und nicht aufpasst. Das Ehepaar Antl lässt ihm die Freude, wird aber zunehmend unentspannt, denn die Zahlen lügen nicht. Die Träume und die großen Pläne sind verblasst; eigentlich sind sie längst vergessen.
Und überhaupt: Die Welt steht zwar noch, aber irgendetwas stimmt nicht mehr so ganz. Und irgendwie scheint das auch das Hallenbad zu spüren …
4.
19 Uhr – Dienstantritt: umziehen, aufwärmen, dann in die Kantine. »Herbert!«, rufen die einen, »Peter!« die anderen. Herbert Peter salutiert und leuchtet mit seiner Taschenlampe einmal durch die Runde. Er steht gut da in seinen schweren Stiefeln und im Kampfanzug, den er Uniform nennt. Steht gut da und weiß es und brüllt: »Was ist da los?! Dienstantritt!« – »Scheiß drauf! Wir haben bald Dienst-Abtritt.« – »Gratuliere! Deshalb bin ich ja nicht ihr.« – »Eben!« – »Dann bis morgen!« – »Gute Nacht!« – »Fängt gerade erst an«, sagt Herbert Peter, lacht laut, geht ab und hofft, dass ihm jemand hinterhersieht, denn es sieht gut aus, wie er den Raum verlässt. Er ist ein Cowboy, oh ja.
Herbert liebt das. Er trinkt fast immer nur zwei Bier mit ihnen. Wenn er die Kantine verlässt, ruft Fred gerne: »Keine Straßenschuhe im Bad!« – »Kein Problem«, lacht Herbert, »nicht mein Problem …« Dann geht er – raus in die Halle und über den Gang. Er hat die Schlüssel und kann gehen, wohin er will, geht aber direkt ins Bad, legt sich am Beckenrand in einen Liegestuhl und behält das große Kantinenfenster im Auge, wartet, bis dahinter alle Lichter ausgegangen sind. Bis das Haus ihm gehört, komplett in Schwarz, mit Schlüsselbund, Taschenlampe und schweren Stiefeln.
Wenn Nachtwächter arbeiten (und es dauert nur ein paar Wochen, dann machen sie es auch in ihrer Freizeit und überhaupt zu jeder Zeit), dann machen sie es so: Den Kopf immer leicht zur Seite geneigt, halten sie das Ohr in die Dunkelheit und kneifen die Augen zusammen. Sie horchen.
Herbert Peter hört dem Wasser zu. Dem Gurgeln und Plätschern, und es bleibt dabei: In regelmäßigen Abständen hört er im Becken etwas auftauchen – was in einem Teich und vielleicht sogar in einer Sommernacht im Freibad kein Problem wäre. Aber in einem Hallenbad sollte nachts nichts auf- und abtauchen; schon gar nicht etwas, das man nicht sieht, wie schnell man den Kopf auch dreht.
Diese Geräusche, jene, die einen verfolgen, nennt man in seiner Branche Spaßverderber. Und wenn Nachtwächter im kleinen Kreis zusammensitzen, dann erlauben sie es, dass auch darüber geredet wird. Kaum einmal wird dabei gelacht und nicht selten haben die Spaßverderber eine solche Laufbahn beendet, haben aus dem Nachtwächter einen Kaufhausdetektiv, Versicherungsmakler oder Jahrmarktfahrer gemacht.
Was Nachtwächter sonst noch machen: Sie öffnen alle Schubladen, weniger aus Neugier denn aus Langeweile; sie essen ständig aus dem Kühlschrank (ebenfalls aus Langeweile); sie versuchen zu schlafen, und immer wieder horchen sie und reden sich ein: Da war nichts … Sie fahren tatsächlich mit Bürostühlen auf den Gängen Rennen gegen sich selbst. Sie singen und pfeifen (gegen die Angst). Und dann und wann und öfter, als man denkt, masturbieren sie sich einmal quer durch das zu bewachende Objekt. Ist es ein Hallenbad, so begünstigt das natürlich diesen Zeitvertreib: Da kommt man auf Ideen, würden ähnlich Interessierte Herbert Peter recht geben. So war das bis vor Kurzem auch; aber in letzter Zeit hat er keine Lust auf den Spezialrundgang. Schuld daran ist ein Stuhl, und wie er da stand – allein am Beckenrand.
Herbert Peter war und ist sich bis heute sicher, dass er ihn nicht übersehen und schon gar nicht selbst dort hingestellt hat. Wie denn auch? Es war keiner von den grünen Plastiksesseln, sondern eines der alten Ungetüme aus der Eingangshalle, die aus Holz mit oranger Polsterung. Stand da am Beckenrand, das war nicht sein Platz. Herbert Peter dachte nicht daran, ihn zu umkreisen, mit dem Fuß anzustoßen oder gar darauf zu sitzen. Er dachte an nichts, sondern ging ins Büro (wobei sich die Haut auf seinem Nacken zusammenzog und erst am nächsten Morgen zuhause unter der Dusche wieder einigermaßen entspannte) und wartete ab. Er fragte nicht nach, was aus dem Stuhl geworden war, ob man ihn wieder in die Eingangshalle zurückgetragen hatte und wer das getan haben sollte, oder ob er von selbst dort hingegangen war. Am Ende wäre es wohl auf das eine hinausgelaufen: He, ist doch nur ein Stuhl …
Wie in den gut vierzig Nächten davor ist auch heute Nacht alles friedlich – bis jetzt. Die orangen Stühle stehen draußen in der Halle (diesen Kontrollblick lässt er sich nicht nehmen; er zählt sie jeden Abend durch), sie sind nicht hinter Herbert Peter her. Das Wasser plätschert weiter, dass irgendetwas von Zeit zu Zeit auf- und abzutauchen scheint, überhört er.
Herbert Peter zieht sein Mobiltelefon hervor: keine Anrufe. Er hat versprochen, Bescheid zu geben, wenn die Luft rein ist. Er hat schon lange nicht mehr zu einem seiner Nachtschwimm-Specials eingeladen, heute hat er aber zwei Autoschrauber mit Anhang an der Angel und da würde er eine Ausnahme machen. Seit Monaten gelingt es ihm nicht so recht, in die Szene reinzukommen; das würde vielleicht helfen. Denn wer möchte nicht einen Nachtwächter zum Freund haben – den mit den Schlüsseln? Zugleich ahnt er, dass dieser eine Anruf vermutlich in einem Gelage von zwanzig oder mehr Autoschraubern plus Anhang enden würde. Das wäre dann selbst ihm zu viel, das kriegt man bis zum Morgen nicht mehr sauber.
Herbert Peter steckt sein Mobiltelefon wieder in die Tasche und horcht und riecht. Manchmal wird er hier drinnen auch von Gerüchen überrascht, die sich trotz der Chlorwolke, die über dem Becken hängt und alle Ecken ausfüllt, breitmachen – meistens undefinierbare Gerüche, dann wieder eindeutig Erdbeeren, zum Beispiel. Jetzt aber hört er nichts und riecht nichts Verdächtiges. Kurz kehrt die Euphorie zurück, wobei er das lächerlich findet, aber es kribbelt wieder: Das Haus gehört ihm allein, er ist der Boss!
Dann geht das Licht in der Kantine aus. Das war’s: Sperrstunde, früher als sonst. Herbert Peter ist allein, die Euphorie verflogen, das Wasser im Becken laut.
Er macht die Taschenlampe an und lässt sich für den Weg durch die Halle ausdrücklich Zeit. Er sperrt die Tür zur Kantine auf und schaltet das Licht ein. Nicht nur einmal hat er einen der Stammgäste überrascht, den Bella einfach an der Schank liegen gelassen hatte. Von einer solchen nächtlichen Begegnung hat niemand etwas, beiderseitiger Schreck, viel Gebrüll und Adrenalin. »Gut, dass sie mir keine Waffe geben«, hat Herbert Peter dann immer gesagt und er und Grant, oder wer auch immer von diesem Pack, haben übertrieben laut und lang gelacht, denn so ist das, wenn einem das unnötig ausgeschüttete Adrenalin aus dem Körper fährt. Und zu zweit hat ihnen das Gratisbier gleich noch besser geschmeckt und Grant, oder wer auch immer, hat gleich wieder vergessen, dass er einen Teil seines Rausches bereits weggeschlafen hatte, und wollte bleiben und noch mehr Gratisbier. »Aber auf gar keinen Fall«, hat Herbert Peter in einem solchen Fall schnell seine Fassung und seine Autorität wieder beisammen.
Jetzt liegt aber niemand mit dem Kopf auf der Schank, die Kantine ist leer; nur die Geräte brummen. Wenn es Nacht ist, wird es im Hallenbad erst so richtig laut. Herbert Peter sieht auch unter die Tische, nur um sicherzugehen. Er klatscht in die Hände und ist für den Moment ganz zufrieden, hält ein großes Glas unter den Zapfhahn und lässt den letzten Schwall dann direkt in seinen Mund. Er ist wieder da, er ist der Boss!
Der Mut aus der Kantine dauert an. Herbert Peter steht im Bad, hält sein Ohr in die Luft und hört nur das Wasser, dann steckt er einen Kopfhörer rein, dreht die Musik auf volle Lautstärke und geht los. Zunächst rückwärts im Moonwalk, Moonwalk, Moonwalk. Der gelingt ihm nicht ganz, was er auf die schweren Stiefel zurückführt, aber es hat ihn ja keiner gesehen (hoffentlich, denn sonst wäre ja einer hier).
Herbert Peter steckt den zweiten Kopfhörer in sein zweites Ohr und startet seine Runde: raus durch die Schwingtür und rechts herum, quer durch die Eingangshalle (aus den Augenwinkeln beobachtet er die orangen Stühle, sie stehen still), er biegt in den Gang ab, das Licht geht automatisch an, eine Neonröhre flackert, das muss so sein. Er lacht, sieht über seine Schulter, dann eine Drehung und wieder geradeaus, er tänzelt zur lauten Musik, irgendein Techno ohne Namen, bumm bumm, tack tack … Als er an der Tür zu den Umkleidekabinen vorbeikommt, nimmt er den Kopfhörer aus seinem linken Ohr und stellt das Tänzeln ein. Er atmet durch die Nase ein und aus, ignoriert den Aufzug (in den Keller führt seine Runde immer erst nach fünf Uhr morgens, wenn es draußen langsam hell wird, obwohl man das im Keller nicht mitbekommt – und eigentlich wäre es auch egal, sicherheitstechnisch, eigentlich alles egal, aber das Drehen von Runden gehört für einen Nachtwächter eben dazu, außerdem vergeht dann die Zeit). Er ignoriert den Aufzug und steckt den Kopfhörer zurück in sein linkes Ohr, bleibt stehen und deutet ein Schlagzeugsolo an, das so nicht zur Musik passt, dann tänzelt er wieder.
Scheiß Job, denkt Herbert Peter und lacht leise, und ab in den langen Gang. Und da hört sich der Spaß auf. Lange Gänge sind die Spielverderber, auch für Nachtwächter (vor allem für Nachtwächter): Schon nach den ersten Schritten gelangt man an jenen Punkt, ab dem es kein Vor und Zurück mehr gibt; sollte am Ende des langen Ganges jemand auftauchen, der dir den Weg versperrt, oder einer hinter dir, der dich verfolgt. Eigentlich will er schneller gehen, eigentlich will er laufen, wird aber immer langsamer – bis er stehen bleibt und sich nicht mehr bewegt. Die Musik kommt immer noch laut aus seinen Kopfhörern, aber eigentlich hört er nur das Wasser. Also bleibt er stehen und hört dem Wasser zu.
5.
Wie das Wasser den ganzen Tag lang gegen den Beckenrand schlägt, durch die weißen Plastikgitter abgesaugt wird, das ständige Gurgeln und Rauschen, ein Katalog voller Geräusche und doch immer nur eines und immer dasselbe – Fred macht das wahnsinnig. An manchen Tagen nicht nur im übertragenen Sinn. Da sitzt er zehn Minuten lang in einer Umkleidekabine und überlegt beim Aufsperren ernsthaft, wie er dort eigentlich hingelangt ist. Natürlich weiß er es noch, seine Flucht aus der Halle, ihm kommt es aber dennoch immer wieder wie eine echte außerkörperliche Erfahrung vor. Und mit denen kennt er sich schließlich aus.
Wenn Fred nach Badeschluss auf dem Parkplatz steht, fehlt es ihm dann. Wenn er abends zuhause vor dem Fernseher sitzt, wünscht er sich das Rauschen des Wassers zurück. Er geht schlafen, ohne die Zähne zu putzen, und weiß, dass er es morgen wieder kriegen wird.
Am Morgen ist Fred wie immer der Erste und wie immer allein im Bad (glaubt er). Herbert Peter verschwindet raus in den Tag, eine Stunde bevor Fred das Eingangstor auf- und hinter sich wieder versperrt; die anderen kommen erst um neun. Dann heißt es für ihn saubermachen, alles für einen langen Badetag vorbereiten, kontrollieren und optimieren – sprich: ab in die Kantine, Kaffeemaschine einschalten, Kaffee trinken, eine Zeitung durchblättern, später eine Runde ums Becken und vielleicht einmal den Finger ins Wasser halten, wegen der Kontrolle. Wie ernst Fred seinen Job nimmt, das weiß Werner Antl. Zu oft hat er Fred über seine Bildschirme bei dem beobachtet, was er morgens alles nicht macht. Denn nicht selten ist Werner noch früher im Bad, zumeist wenn es am Abend noch Streit mit Marina gegeben hat (selten, aber heftig). In einem solchen Fall fährt er die zehn, elf Kilometer (von Frühjahr bis Spätherbst fährt er sie mit dem Rad), wenn es sein muss, im Morgengrauen, um sich und ihr die Schmach eines schweigsamen Frühstücks zu ersparen, fährt die Kilometer, hält im Büro die Füße still, und wenn sie um neun durch die Tür kommt, gibt er vor zu arbeiten, begrüßt sie beinahe überschwänglich und meist ist bis zum Mittagessen alles wieder vergessen.
Auch Herbert Peters halbherzige Rundgänge kennt Werner, selbst einen seiner Spezialrundgänge musste er einmal über die Bildschirme mitansehen, weil er einfach nicht wegsehen konnte. Denn noch seltener, aber doch, muss er sich und Marina mitunter auch die Schmach einer Nacht ersparen, in der ein jeder von ihnen nach einem Streit im Bett rotiert und sie einander ins Gesicht schnaufen. In einem solchen Fall steigt Werner noch vor Mitternacht in seinen alten Wagen oder auf sein altes Rad und fährt die zehn, elf Kilometer ins Hallenbad, verschwindet im Büro und schläft auch dort, meistens schläft er aber kaum, wenn er die Nacht im Hallenbad verbringt.
Er steigt aus den Hausschuhen und rollt im Drehsessel zum Schnapsschrank hinüber und trinkt sauteuren Whisky, und weil er dabei die Bildschirme beobachtet, kann er gar nicht übersehen, wie Herbert Peter so versucht, die Nacht herumzubringen. Das kann Herbert Peter nicht wissen, womöglich würde es ihn im Nachhinein sogar beruhigen, da ihn das Gefühl, beobachtet zu werden, nicht getäuscht hat. Aber Werner hat es ihm bis jetzt noch nicht verraten und wird auch nie ein Wort über den Spezialrundgang verlieren. Und er wird kein Wort über das verlieren, was er in der vergangenen Nacht auf einem seiner Bildschirme gesehen hat, allein schon, weil er nicht wüsste, wie er es sagen soll.
Er hat in den fünfzehn Jahren im Hallenbad manches zu sehen geglaubt, von alten Geschichten gehört und einiges mit eigenen Augen gesehen. Vergangene Nacht hat er auf seinem Bildschirm Herbert Peter gesehen, wie der auf dem Gang stand und sich nicht bewegte, so als würde er nicht mehr richtig funktionieren. Dass hinter ihm eine Frau stand, hat Herbert Peter nicht gesehen, Werner aber schon. Eine alte Frau im Badeanzug, auf dem Kopf eine Badehaube, die unförmig wegstand, vielleicht war da auch Blut, das auf dem schwarzweißen Bildschirm schwarz unter der Badehaube hervorkam, vielleicht auch nicht. Werner ging mit dem Gesicht ganz nah ran, bis das Bild unscharf wurde. Sie schien Herbert Peter von hinten anzubrüllen, der bewegte sich aber immer noch nicht. Werner klopfte mit dem Fingernagel gegen den Bildschirm. Die Frau hob den Kopf und sah ihm genau in die Augen.
6.
»Wenn du einen Ball allein im Wasser treiben siehst«, würde Fred sagen, hätte er einen Sohn, »dann setz dich hin und sieh ihm dabei zu. Und sei es nur für zwei, drei Minuten«, würde er sagen. »Und warum?«, würde sein imaginärer Sohn fragen. »Weil du damit Zeit gewinnst«, würde Fred sagen und damit etwas sehr Kluges. Weil er aber keinen Sohn hat – und selbst wenn, würde der wohl nicht um acht Uhr morgens mit ihm am Beckenrand sitzen, aber wer weiß –, weil er keinen Sohn hat und allein am Becken sitzt, sagt er nichts. Im Wasser treibt ein Ball vorüber, bald hat er es an den Rand geschafft. Fred sieht ihm dabei zu. »Schön ruhig hier, nicht?«




