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Fred schreit auf, »Verdammt!«, lächelt aber, weil es nur Werner ist und aus dem ersten Schrecken Erleichterung wird. »Keine Angst«, sagt Werner Antl, »ich bin’s nur.« – »Haben Sie mich erschreckt!«, lacht Fred. »Sind wir tatsächlich per Sie?«, fragt Werner, und Fred antwortet: »Kommt auf die Uhrzeit an.« – »Ha! Das ist gut!« Jetzt lacht Werner und setzt sich neben Fred an den Beckenrand. Er sieht aus, als wäre er froh, auch einen Grund zum Lachen zu haben und Fred fragt, ob mit ihm alles in Ordnung sei. »Lange Nacht«, sagt Werner, »seltsame Nacht.« Fred riecht hinter dem vielen Chlor in der Luft eine Spur Schnaps und nickt. »Nächte sind immer lang«, sagt er, und hat damit etwas Kluges laut gesagt. Dann sitzen beide da und schweigen. Als ihm dieser Moment zu lang dauert, hat Fred das Gefühl, dringend noch etwas sagen zu müssen: »Sehen Sie – der Ball da. Treibt einfach so im Wasser.« Werner Antl nickt.
Dann ist es wieder still. Bis Werner murmelt: »Da möchte man meinen, jeden Moment taucht eine Hand auf und zieht ihn unter Wasser …« Dabei sieht er Fred von der Seite an. Der schüttelt langsam den Kopf: »Ich weiß nicht. Mich beruhigt er, der Ball.« – »Klar«, sagt Werner. Und nach einer weiteren Pause: »Schon einmal was gesehen hier drinnen?« – »Was meinen Sie? Was Sexuelles?« – »Nein. Und bitte, sag endlich Du zu mir. Das hält man ja nicht aus.« – »Ok, entschuldigen Sie.« – »Na?« – »Der alte Witz.« – »Ach ja. Ha!« – »Hast du etwas gesehen?« – »Nein, alles bestens. Lange Nacht. Seltsame Nacht.«
»Guten Morgen, die Herren.« Eine tiefe Stimme hinter ihnen, Werner und Fred schrecken diesmal zu zweit auf. »Na, was denn?« Bella kommt auf sie zu, in den Händen ein Tablett mit drei Tassen darauf. »Ich bin heute gut gelaunt«, sagt sie, nimmt eine Tasse vom Tablett und drückt sie Fred in die Hand, »aber nutzt mir das ja nicht aus.« Sie wackelt mit den Augenbrauen. »Und die hier ist für dich, Chef.« Sie reicht Werner eine Tasse mit der Aufschrift I AM THE BOSS. »Entzückend«, sagt Werner. »Danke«, antwortet Bella und deutet einen Knicks an. Sowohl Werner als auch Fred geht ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf: Gute Laune wirkt bei Bella noch gruseliger als alles, was sie ihnen sonst so ins Gesicht bellt. Kurz denken beide über mögliche Gründe für ihre gute Laune nach, in unterschiedlicher Deutlichkeit, aber in Ansätzen wieder ähnlich; dann schütteln beide unmerklich den Kopf und halten ihre Tasse vors Gesicht. Der Kaffee riecht gut, dampft, und Werners Brillen beschlagen.
»Ich darf doch?«, fragt Bella und lässt sich umständlich neben Fred am Beckenrand nieder. Und jetzt sitzen sie zu dritt da, sehen aufs Wasser und trinken Kaffee. »Ich hatte auch eine seltsame Nacht«, sagt Bella plötzlich und lacht schon wieder, und Fred findet, dass ihr das gar nicht so schlecht steht, das Lachen. »Mhm«, macht Werner. »Und ich habe auch schon einmal etwas gesehen.« Bella nimmt einen kräftigen Schluck. Werner sieht sie lang an, doch sie reagiert nicht. Es ist wieder still, nur das Wasser ist zu hören, das ewig gegen den Beckenrand schlägt und durch die weißen Plastikgitter abgesaugt wird, das ständige Gurgeln und Rauschen, das sie alle lieben und hassen zugleich. »Wo ist eigentlich der Ball?«, fragt Fred. »Welcher Ball?«, fragt Bella.

Eine Stunde später wird an die Eingangstür gehämmert. Georg und Grant drücken ihre Gesichter gegen die Scheibe und brüllen das Glas an. Fred kommt gemächlich durch die Eingangshalle, in der Hand seinen Schlüsselbund. Georg und Grant hämmern trotzdem weiter wie die Irren gegen die Tür. Sind sie ja auch – zwei Irre, denkt Bella, die hinter ihrer Schank steht, tief einatmet und die Luft durch die Nase wieder rauslässt. Zwei Irre, mit denen sie jetzt den ganzen Tag verbringen muss. Wobei: So wie die beiden da durch die Halle stolpern, scheinen sie nicht schon wieder, sondern noch immer unterwegs zu sein. Und wenn sie das sind, fallen bei ihnen meistens gegen Mittag die Lichter aus. Dann gehen sie zwar noch lang nicht nach Hause, halten aber das Maul (»Haltet endlich euer Maul!«), weil sie in einer Ecke liegen und schlafen.
Jetzt aber, um neun Uhr früh, sind sie noch lebhaft, aufgekratzt, idiotisch laut. Und da platzen sie schon in die Kantine, noch während Bella ein weiteres Mal schnauft (eindeutig ein Schnaufen, denn sollte es ein Seufzen gewesen sein, so würde sie das nie zugeben).
»Guten Morgen, die Herren. Wo sind denn eure Badehosen?« – »Die haben wir schon drunter an.« – »Genau! Drunter!« – »Herzeigen!« – »Ich bin unten ohne.« – »Da bin ich mir ganz sicher.« – »Gibt’s hier noch was zu trinken?« – »Schon …« – »Aber?« – »Schon was zu trinken.« – »Aber?« – »Kaffee.« – »Na das bestimmt nicht!« – »Für mich bitte Kaffee.« – »Brav.« – »Danke.« – »Und du?« – »Überrasch mich!« – »Na klar.« – »Für mich bitte Kaffee.« – »Hast du schon gesagt.« – »Danke.« – »Euch geht’s gut?« – »Herrlich.« – »Sieht man.« – »Nicht wahr?« – »Seid ihr nicht zu alt dafür?« – »Wofür?« – »Nichts schlafen und herumstolpern.« – »Dafür ist man nie zu alt.« – »Hab ich auch so gehört.« – »Na dann ist ja alles gut.« – »Sag ich ja.« – »Eben.« – »Ich will jetzt nicht mehr reden«, sagt Bella, drückt auf der Kaffeemaschine einen Knopf und es wird augenblicklich laut. Georg lässt ein Lachen los, wie ein schlechter Schauspieler; während er lacht, holt er Luft, immer wieder. Grant beißt inzwischen von seinem Glas ab und kaut die Scherben. Dienstbeginn in der Kantine.

»Altes Arschloch«, sagt Grant eine Stunde später. Er hält zwar eines seiner Augen mittlerweile geschlossen; um den alten Nazi zu erkennen, wie der glaubt, unbemerkt auf der anderen Seite der Scheibe vorbeizukommen, in seinem lächerlichen Badeanzug, sein verdächtig gemustertes Handtuch über der Schulter – um den alten Nazi zu erkennen, reicht ihm auch ein Auge aus. »Riesenarsch«, murmelt Georg und schnauft.
»Willi, ich glaube, du gewinnst!«, ruft Bella, und Willi taucht grinsend hinter dem Küchenvorhang auf: »Echt?!« – »Sieht ganz so aus«, deutet Bella mit dem Kopf in Richtung des einäugigen Grant und des nuschelnden Georg, der es selbst noch nicht weiß, aber er macht genau das: Unbewusst bringt er seine Arme bereits auf der Schank in Position, legt sie so hin, wie er dann darauf einschlafen wird. Und Bella wird ihm eins mit dem Geschirrtuch überziehen. »He«, wird sie schimpfen, »geschlafen wird dort drüben!« Sie wird ihm noch eins überziehen, auch ein wenig aus Zorn, denn Bella, Willi und Susi haben gewettet, wie lang Georg und Grant noch durchhalten werden.
Elf, hat Bella gesagt, Willi hat auf viertel vor elf getippt, und Susi, weil nichts Besseres mehr übrig war, auf halb zwölf. Jetzt ist es halb elf, und es sieht tatsächlich so aus, als wäre Willi drauf und dran, die Wette zu gewinnen. Gerade hat es nämlich auch Grant erwischt: Mit nur einem geöffneten Auge, den Ellbogen auf die Schank gestützt, ist ihm die Hand weggerutscht und sein Kopf hängt schief vom Hals. »Jahaaa!«, jubelt Willi. »Hast du nichts Besseres zu tun?«, fragt Bella. Dann fragt sie Susi: »Haben wir nichts Besseres zu tun?« – »Ich glaube nicht. Ich nicht.« Dabei macht Susi ein trauriges Gesicht. Und ob sie will oder nicht – da muss Bella lachen und alle lachen mit, sogar Georg und Grant, was denen die letzte Energie kostet. Neun Minuten vor elf sind beide eingeschlafen, womit Willi die Wette haarscharf gewinnt.

Niemand mag es gern allein im Keller, auch András nicht. Er schleicht durch die Gänge und hat kein Ziel. Er würde gerne behaupten, das Haus wie seine eigene Hosentasche zu kennen oder etwas in der Art. Das heißt, er behauptet es natürlich, aber eben nur gegenüber allen anderen. In Wahrheit kennt er das Hallenbad nur so gut, um damit gerade noch durchzukommen. Nicht dass ihn das so sehr stören würde, aber wenn er hier unten im Keller seine Runde macht, wüsste er gern, was nach der nächsten Ecke kommt – ein weiterer Gang, der mit der kaputten Neonröhre an der Decke vielleicht, der mit der schmutzigen Wand, die ihm noch keiner hier erklären konnte (einmal musste er sie selbst putzen, als sie sich mit dem grauschwarzen Film, der die schmutzige Wand – so heißt sie im Sprachgebrauch des Hauses längst auch offiziell – überzieht, noch nicht abgefunden hatten); oder der Gang, in dem die große Uhr so laut tickt, der üble Geruch, das Schlagloch, die eingetretene Tür, das Graffiti, die Mausefalle, der Technikraum, da drinnen brennt es, zischt es und klopft es. Da geht András heute nicht hinein, er ist fertig mit dem Technikraum. Und hinter der nächsten Ecke steht Robert Anker, und András erschrickt gehörig und lautstark.
Robert Anker bindet in diesem Moment sein Badetuch um den Bauch und lässt sich nicht dabei stören. Er nickt András nur kurz zu, der schüttelt den Kopf: »Was machst du bitte hier unten?« – »Und was machst du hier?« – Rundgang.« – »Siehst du, ich auch.« – »Stimmt nicht.« – »Natürlich nicht.« – »Und was sonst?« – »Ich sauniere.« – »Du … was?« – »Saunierst. Ich sauniere, du saunierst, er, sie, es …« – »Sei still!« – »Bitte, lernst du eben nichts.« – »Danke.« – »Bitte«, sagt Robert Anker und macht sich auf, um hinter der nächsten Ecke zu verschwinden.
»Ich verrate dich nicht!«, ruft ihm András hinterher. »Moment, Moment!«, ruft Robert Anker und bleibt stehen: »Da gibt es auch nichts zu verraten. Ich kann genauso gut wie du hier unten sein.« – »Kannst du nicht. Ich verrate dich aber nicht.« – »Was soll das? Sag schon.« – »Wenn du mich auch nicht verrätst.« – »Was soll ich nicht verraten. Du machst mich irre.« – »Das, was ich dich jetzt frage.« – »Na bitte, dann frag endlich.« – »Kannst du mir lernen, wie man tanzt?« – »Ob ich dir … wie man tanzt?« András nickt. »Wenn’s weiter nichts ist!«, ruft Robert Anker und dreht sich einmal im Kreis, dann noch einmal und noch einmal. Wer in den besten Häusern alle nackt gesehen hat, der weiß auch, wie man tanzt. Die beste Wahl als Tanzlehrer also: Robert Anker, dreht sich hier im Keller im Kreis, bis sein Handtuch runterrutscht und er es wieder umbinden muss, und András sieht darüber hinweg und betreten zu Boden, als er sieht, dass Robert Ankers Ding leicht vom Körper wegsteht. »Also dann: Tanzen wir!«
András gibt ihm noch eine Minute, erklärt ihm, dass es gewissermaßen ein Notfall sei, denn in drei Tagen »… ist es ja so weit. Na klar!«, vollendet Robert Anker die Erklärung, und weil das Handtuch inzwischen wieder korrekt hängt und nichts wegsteht, kommt András näher an Robert Anker heran, als er es jemals für möglich gehalten hätte, und zu zweit beginnen sie nun: »Ta-da-da-da-damm!« – »Damm-damm-damm-damm! Donauwalzer!« Und noch einmal: »Ta-da-da-da-damm-damm-damm-damm-damm! Ta-da-da-da-daaaa…«
»Schau mal«, lacht Werner Antl vor dem Bildschirm laut auf, und Marina rollt mit ihrem Sessel zu ihm rüber und lacht auch und, wie zu erwarten war, weil beide auf einen Moment wie diesen gewartet haben, ist der dumme Streit vom vergangenen Abend damit vergessen. Wenn auch nicht ganz, weil das mit Streit eben so ist. Im Moment aber lassen sie beide die Anspannung nur zu gern ziehen und sehen mit Vergnügen dabei zu, wie Robert Anker und András im Keller tonlos ihre Walzerrunden drehen. Ta-da-da-da-damm-damm-damm-damm-damm.
Der Spaß scheint heute auch gar kein Ende nehmen zu wollen, denn als ihnen Bella höchstpersönlich eine Stunde später das Mittagsmenü serviert, trägt sie dabei eine Augenklappe und einen Piratenhut mit Totenkopf. Werner, Marina, Rose, Fred, András und Robert Anker werden mit dem Spaß gar nicht fertig. Susi kichert verhalten, Willi steht hinter der Schank und lässt sich von Bella einen Eisbecher mit Schirmchen drin servieren. »Ja, was ist denn los?!«, lachen auch die Unbeteiligten mit. »Wette«, murmelt Bella, während sie an ihnen vorüberschleicht. »Haha! Gewonnen?« Sie bleibt stehen, lüftet die Augenklappe und – da ist er schon wieder: Bellas böser Blick.
Und der ist allemal echt, denn Bella hat Willi zuvor eine Revanche-Wette vorgeschlagen, die sie allerdings ebenfalls verloren hat: das klassische Minigolf mit Kochlöffel, Rumkugeln und Georgs offenem Mund am Ende der Schank. Und weil sie die Kugel auch beim fünften Versuch nicht versenkt hat, trägt sie jetzt ein dämliches Piratenkostüm, und Willi isst fröhlich seinen Eisbecher und wird noch frecher: »Wenigstens dein Kostüm hast du schon!«, brüllt er und deutet mit dem Eislöffel auf ein Plakat an der Wand:
Verzauberung am Meeresgrund Fische, Tanz & Party mit DJ Freddy F(r)esh Samstag, 24. Februar (20 Uhr bis ?) Bellas Kantine
7.
Nach dem Essen, allesamt Knödel und Tiefkühl-Pilzmischung im Bauch, kommt jeder nur zu gerne seiner Verpflichtung nach, die anderen in Ruhe zu lassen. Werner Antl ist mit seinen Bildschirmen beschäftigt, nickt dabei kurz ein, Marina ringt sich eine Einheit Yoga in der Dienstwohnung ab. Robert Anker wäscht und poliert sein Aufguss-Werkzeug und denkt über Temperaturen nach; das ist es tatsächlich, was ihn einen Großteil seiner Zeit beschäftigt: Temperaturen – nicht eine oder die Temperatur, sondern alle möglichen. Die finnische Sauna ist leer, bis auf András, der unter die Bank kriecht, um seine Kamera zu positionieren und dabei einen Schlüssel findet, der gestern noch nicht da war. Fred schläft. Bella trinkt Kaffee, nachdem sie Piratenhut und Augenklappe in den Mistkübel gestopft hat. Susi löst Kreuzworträtsel, und Koch Willi beobachtet sie heimlich dabei. Georg und Grant schlafen noch immer; zwei, drei Unbeteiligte blättern an der Schank in alten Illustrierten, und zwei weitere knallen abwechselnd Spielkarten auf eine Tischplatte.
Rose Antl ist abgetaucht, ab durch die Gänge, hat Türen geöffnet und wieder versperrt und raus durch den Hinterausgang. Sie atmet auf, auch wenn der Geruch von Chlor sich längst in ihre Kleidung und in die Haare gefressen hat. Hier unten, in einem schmalen Hof, den sie mit ein paar Mülltonnen teilt, hat sie vor ein paar Wochen ihr Versteck eingerichtet, hat einen weißen Plastiksessel hingestellt, auf dem sie im Schatten des Hallenbads sitzt und raucht und wie eine Wilde ihr Mobiltelefon bearbeitet. Es läutet, sie drückt drauf, hält das Telefon an ihr Ohr und beginnt zu flüstern.

András sitzt auf einem der orangen Sofas in der Eingangshalle und dreht den Schlüssel, den er zuvor in der finnischen Sauna unter den Sitzbänken ganz hinten bei der Wand gefunden hat, zwischen den Fingern hin und her. Ein herkömmlicher Schlüssel, an einem Ring ein kleines Metallschild mit der Nummer 25; der Schlüssel zu einem Hallenbadkästchen. Und auch wenn András bis auf seine Saunakamera so ziemlich alles hier drinnen ziemlich egal ist, und er auf die alten Legenden nichts gibt, so weiß er, dass es nur der Schlüssel sein kann, der eine, Kästchen 25, seit Jahren verschwunden, das Kästchen versperrt und auch mit äußerster Gewalt nicht aufzukriegen. András hat ihn jetzt – den Schlüssel. Er wird ihn benutzen, bald schon.

Zwei Uhr nachmittags ist es mit der Ruhe vorbei: Babyschwimmen. Im allgemeinen Gebrüll läuft Fred planlos mit dem Schlauch durchs Bild, und hinter dem Kantinenfenster hält sich Susi mit beiden Händen die Ohren zu. Willi findet das befremdlich, würde ihr gerne über den halb nackten Rücken streicheln, muss aber zurück hinter den Küchenvorhang, um literweise Brei zu kochen. Eine Idee, die ihm eines Nachts gekommen ist und die ihm anfangs wenig Begeisterung und sogar den Zorn Unbeteiligter einbrachte. Jetzt aber verdankt Bella an Babyschwimm-Tagen ihren Reichtum, wie sie sagt, Willis Brei und nicht den Mittagsmenüs, abgesehen natürlich von der Bier-Flut der Marke Georg, Grant oder X-Y – die Schecks jedoch nicht immer gedeckt.
Also dürfen über Babyschwimm-Tage sowohl in der Kantine als auch im Hallenbad keine abschätzigen Bemerkungen fallen – es ist zeitweise zwar die Hölle, aber es funktioniert. Und sie haben noch etwas Gutes, das denkt vor allem Fred: Sie vertreiben den alten Nazi aus dem Bad, denn gegen Babys kommt das Böse nicht an. Ganz aber gibt er nicht auf, der zähe alte Sack, sitzt in der Umkleidekabine oder in der Eingangshalle herum und liest in zweifelhaften Geschichtsbüchern. Heute sitzt er in der Umkleidekabine, und plötzlich steht András vor ihm – in der Hand den Schlüssel mit der Nummer 25, bereits in Aufsperr-Position. Der alte Nazi sieht von seinem Buch auf und fragt: »Was gibt’s, junger Mann?« – »Kontrollgang«, murmelt András und steckt den Schlüssel schnell in die Tasche seiner Arbeitsweste.
Gerade rechtzeitig, denn über den Bildschirm zu Kamera 5 ist Werner soeben die seltene Szene zwischen dem alten Nazi und András aufgefallen, und hätte er den Schlüssel gesehen, dann hätte er ihn zwar nicht als solchen erkennen können, wäre der Sache aber vielleicht nachgegangen, und das hätte wieder eine neue Spirale an Ereignissen ausgelöst. Denn eines steht fest: Werner ist nicht der Einzige, der so einiges dafür geben würde, an diesen Schlüssel und hinter die Tür zu Kästchen 25 zu kommen.
8.
»Wie geht’s?« – »Alles klar hier. Rose hab ich eine Zeit lang nicht gesehen.« – »Und?« – »Jetzt sitzt sie wieder hinter der Kassa.« – »Wie es dir geht, wollte ich wissen.« Marina Antl klingt genervt, das kennt er. Sie ist auch genervt. »Mir geht es gut«, sagt Werner und macht das einzig Richtige: Er schenkt seine Aufmerksamkeit Marina und nicht den Bildschirmen. »He«, winkt sie, »schon lang nicht gesehen.« – »Stimmt«, sagt Werner und klopft mit beiden Händen auf seine Oberschenkel. Sie geht langsam zu ihm hin, dann lässt sie sich in seinen Schoß fallen. »Na also«, sagt Werner Antl. »Na also«, sagt Marina Antl.
»Und, wie hat dir das Pilzgulasch geschmeckt?«, fragt Werner und sein Atem riecht nach Pilzen. Marina schüttelt den Kopf: »Komm schon, W., streng dich ein wenig an.« Und das mit einem Augenaufschlag und einem Blinzeln, dass bei Werner gleich alles aus ist. Er denkt kurz nach und sagt: »Februar ist der Unnötigste von allen. Den braucht wirklich keiner.« – »Schon besser, aber noch laaange nicht gut.« – »Na, was denn?!«, schnauft Werner, und dann sagt er: »Ein guter Tag beginnt mit einem Kuss von dir.« Sie blinzelt, küsst ihn aber immer noch nicht. Er singt: »Marina, Marina, Marinaaa!« Sie hebt die Hand und er singt nicht weiter, stattdessen fragt er: »Bist du untenrum rasiert?« – »Bin ich ein Pornostar?« – »Manchmal.« Werner grinst und ja, ja, ja – da kommt sie näher, mit ihrem Mund an seinen und ja, ja – da kommt ihre Zunge raus und leckt über seine Lippen und er drückt seine fest auf ihre und weiter unten kommen die alten Hausschuhe in Gang und sie rollen mit dem Drehsessel durchs Büro und küssen einander, auf und ab zwischen den beiden Schreibtischen und all den Bildschirmen. Ta-da-da-da-damm-damm-damm-damm-damm!
»Was schmeckst du gut!«, stöhnt Werner. »Und du nach Pilzen«, lacht Marina und drückt ihm noch einen Kuss rein. »Schmatz nicht so!«, sagt Werner, und sie: »Ich mach, was ich will …« Und das macht sie auch. Und er macht mit.

Das Babyschwimmen ist zu Ende und durch die Eingangshalle rollen die Kinderwägen Richtung Ausgang. Hinter der Kassa zählt Rose das Eintrittsgeld und steckt nichts davon ein, denn so viel ist das nicht. Im Hallenbad wischt Fred den Boden trocken, und zu wischen gibt es viel. Babys können zwar selbst nicht gehen, machen aber jede Menge Unordnung, und zum Schluss ist immer alles nass und Rutschgefahr ohne Ende. Fred wischt den Boden, und aus den Augenwinkeln und weil er es spürt, bemerkt er, dass der alte Nazi ihn dabei beobachtet. »Was?!« Fred hört zu wischen auf und brüllt quer übers Becken. Der alte Nazi hebt die Hand zum Gruß. »Was ist das mit dem alten Arsch«, sagt Fred mehr laut als leise, »wohnt der eigentlich hier?« Nazi Hermann imitiert mit seinen runzligen Lippen perfekt den Klang einer Trompete und verschwindet unter seinem Handtuch. Würde Fred es nicht besser wissen, könnte er glatt denken, der Alte habe Humor. Hat er aber nicht. Er hat auch keine nennenswerten Freunde und keinen, der zuhause auf ihn wartet.
Also bleibt er unter dem Handtuch liegen und spielt sich mit seiner imaginären Trompete selbst einen Marsch. Fred tanzt vor dem alten Nazi auf und ab und zeigt ihm abwechselnd den linken und den rechten Mittelfinger. Niemand ist da, der das sieht, denn das Hallenbad ist nach dem Babyschwimmen so verlassen wie davor. Werner Antl hat ausnahmsweise Besseres zu tun, als seine Bildschirme zu beobachten, und in der Kantine haben sie im Moment ganz andere Sorgen.
In der Kantine ist Grant kurz davor, wie ein Pirat am Luster zu schwingen und mit Fußtritten die Feinde abzuwehren. Da es keinen passenden Luster gibt, beschränkt er sich darauf, mit Gläsern zu werfen und zu brüllen: »Kommt mir nicht zu nahe! Ich warne euch!« Und dass er eigentlich keine Feinde in dem Sinn, sondern seine Kantinenkollegen anbrüllt und bewirft, darüber denkt Grant nicht nach, denn er denkt selten und im Moment überhaupt nicht über das, was er tut, nach, sondern tut es einfach, wenn es an der Zeit ist, etwas zu tun – und außerdem haben sie es nicht anders gewollt. Also brüllt er und wirft mit Gläsern. Den Nachschub holt er sich hinter der Schank; mindestens zwanzig Gläser, wenn nicht mehr, sind schon quer durch die Kantine geflogen, an der Wand zersprungen oder einfach auf den Boden gefallen. Grant brüllt weiter, und alle anderen brüllen gegen ihn an. Nur Bella nicht. Sie sitzt ganz still an der Schank, vor ihr springt Grant auf und ab, rauf und runter, wirft und verursacht Chaos. Und Bella sieht ihm dabei zu und schwört sich selbst, dass niemand anderer als Grant persönlich jede Einzelne dieser Scherben zusammenkehren wird; wenn es sein muss, mit seiner Zunge.
Die Rolle des betrunkenen Piraten bekommt Grant jetzt immer schlechter hin, denn das Aufwachen und Von-der-Bank-Aufspringen aus vollem Rausch, das Auf-die-Bar-Hinaufspringen und Tanzen und Brüllen und Gläserwerfen hat ihn derart viel Kraft gekostet, dass seine Energiereserven, die er im Schlaf immerhin halbwegs aufladen konnte, wieder verbraucht sind. Aber er gibt nicht auf, das muss man ihm lassen. Er brüllt und wirft mit Gläsern und seine Schimpfwörter werden immer absurder.
Es sieht fast so aus, als würde er gewinnen, denn langsam verlieren selbst die Unbeteiligten das Interesse an der Action. Langsam ist es an der Zeit, beschließt Bella, die weiß, dass Grant nichts zu gewinnen hat, nur verlieren kann, heute und hier drinnen ab sofort nur noch. Das beschließt sie und sagt: »Besen.« Streckt die Hand aus und brüllt: »Besen!« Susi läuft und humpelt hinter den Küchenvorhang und wieder zurück und drückt Bella den Küchenbesen in die Hand. »Danke!«, brüllt Bella und holt weit aus. Auf der Bar vollführt Grant einen lächerlichen Tanz und wirft mit Strohhalmen, weil ihm die Gläser ausgegangen sind. Diesem Jammer muss ein Ende gemacht werden, Bella ist kurz davor, den Besen zu schwingen.
»Es wäre mir«, steht plötzlich der alte Nazi neben ihr, »eine große Ehre wäre mir das«, schnauft er Bella ins Ohr, und sie sieht ihn nicht einmal an: »Das kann ich mir vorstellen. Und warum sollte ich dir den Gefallen tun, alter Mann?« – »Hm«, macht Nazi Hermann, »ich weiß nicht … soll ich einmal die anderen fragen?« Er kichert und Bella ist sich ziemlich sicher, von unten her aus seiner Richtung auch einen Furz gehört zu haben. »Scheiß auf dich«, sagt Bella und gibt den Besen weiter an den alten Nazi. Der nimmt ihn, hört gar nicht auf zu kichern, steht auf seinen dünnen Beinen breitbeinig da, hebt den Besen hoch in die Luft und stößt einen schrillen Schrei aus: »Yyaaayyy!«, schreit er und zieht voll durch, trifft Grant an der Wade oder in der Kniekehle. Es klatscht, Grant brüllt vor Schmerzen auf und lässt seinen Körper von der Bar einfach nach vorne fallen. Als er ungebremst auf dem Boden aufschlägt, verziehen selbst die Härtesten kurz das Gesicht; zu hässlich ist das Geräusch. Dann ist es vollkommen still in der Kantine. Nur das zufriedene Schnaufen des alten Nazis ist zu hören. Mit dem Besen in den Händen steht er da.




