Schach mit toter Dame

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»Stopp«, flüsterte ich irgendwann, »wer soll sich das denn merken? Und warum erzählst du mir das alles?«
»Wirst du gleich erfahren, wenn wir unter uns sind«, erwiderte Cäcilie gleichmütig. »Du wirst staunen.«
Ich staunte ja jetzt schon.
Und in mir keimte allmählich der Verdacht, dass die beiden Damen, mit denen ich gerade zu Mittag aß, einen Kriminalfall witterten. Jemand, der nicht mehr lebte … Diese Formulierung allein sprach Bände. Allerdings jemand, der vermutlich ziemlich betagt gewesen war, und manchmal starben alte Leute halt. Daran war in den allermeisten Fällen nichts geheimnisvoll. Oder kriminell. Ich seufzte innerlich, denn genau das würde ich ihnen wohl gleich schonend beibringen müssen.
»Du musst dir auch gar nichts merken«, sagte Käthe, »wir wollten nur, dat du alle mal in natura siehst. Wir haben für dich natürlich Fotos von sämtlichen Leuten, selbstverständlich auch vom Personal. Außerdem einige Informationen über jeden und eine genaue Liste, wo jeder unserer Mitbewohner in diesem Haus residiert.«
Na, da bin ich aber beruhigt, dachte ich amüsiert.
Selbst wenn nichts dahintersteckte, würde ich Dennis immerhin einiges zu erzählen haben, wenn ich später noch zu ihm fuhr.
Käthes weiteren Ausführungen hörte ich nur noch mit halbem Ohr zu, sah mir die jeweiligen Personen dennoch kurz an. Alle machten einen recht wohlhabenden Eindruck, waren gepflegt und hochwertig gekleidet. Nur einer – Hansi Sommer, Ex-Schlagersänger – fiel durch sein gleichermaßen exzentrisches wie seltsam altmodisches Äußeres aus dem Rahmen: Sein blond gefärbtes Haar war beinahe schulterlang, und er trug einen weißen Anzug mit absurd breitem Revers sowie ein violettes Satinhemd. Ich wusste, Dennis würde das Outfit lieben.
»Er lebt ein bisschen in der Vergangenheit«, erzählte Käthe, »und manchmal gibt er Konzerte für uns.«
»Manchmal?«, raunte Cäcilie mit gehobenen Brauen. »Ein wenig zu häufig für meinen Geschmack. Zumal er beleidigt ist, wenn man nicht erscheint. Dat sind Pflichtveranstaltungen. Dafür müssten wir eigentlich Geld kriegen.«
»Gönn ihm doch sein kleines Vergnügen«, sagte Käthe. »So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Immerhin war er mal recht erfolgreich.«
Sie unterbrach ihren Vortrag, als der nächste Gang serviert wurde: Rinderbraten mit kräftiger Sauce, Kartoffelgratin und grüne Bohnen.
Als hätte sie mir nicht gerade ein ganzes Bündel geheimnisvoller Informationen vor die Füße geworfen, schnitt Käthe unvermittelt ein komplett anderes Thema an.
»Und? Wie läuft es mir dir und dem schillernden jungen Mann? Hoffentlich immer noch verliebt wie am ersten Tag?«, zwitscherte sie und wechselte einen schelmischen Blick mit Cäcilie.
Das konnten sie gut: Blicke miteinander tauschen. Mal schelmisch wie jetzt, mal beredt, mal kaum deutbar. Ganze Unterhaltungen schienen sie völlig ohne Worte zu führen. Das spielte sich vermutlich ein, wenn man so eng miteinander verbunden war.
»Ich bin sehr glücklich mit Dennis«, sagte ich lahm, denn mein Gehirn war noch immer mit der Frage beschäftigt, welche Geschichte sie mir später wohl auftischen würden.
»So ein ritterlicher Mann«, flötete Cäcilie mit leuchtenden Augen. »Ich habe gleich gewusst, dat ihr zusammengehört. Nicht wahr, Käthe? Ich hab gleich gesagt: Die zwei gehören zusammen. Passt wie Arsch auf Eimer, hab ich gesagt. Stimmt doch, Käthe? Dat hab ich gesagt.«
»Ja, das hast du.« Käthe rollte dezent mit den Augen. »Aber ich wäre dir ausgesprochen dankbar, wenn du stattdessen ein Wort wie ›Gesäß‹ verwenden würdest, meine Liebe.«
Ich schmunzelte. Wie unterschiedlich sie sich ausdrückten: Käthe stets makellos und gewählt, während von Cäcilie immer mal recht handfester Ruhrpottslang zu hören war. Eine über achtzigjährige Dame mit weißen Löckchen, pfirsichfarbenem Kaschmir-Twinset und Perlenkette, die eine Formulierung wie ›Arsch auf Eimer‹ benutzte. Ich fand das zum Brüllen. Käthe offenbar weniger.
Kein Treffen mit den beiden, ohne dass sie Hymnen auf Dennis’ Heldenmut sangen und die Tatsache beschworen, dass sie vom ersten Moment an gewusst hätten … Nun ja. Auch Dennis gegenüber machten sie aus ihrer Bewunderung für ihn keinen Hehl, zusätzlich punktete er bei ihnen mit vollendeten Manieren, was sie großzügig über seine exzentrischen Outfits hinwegsehen ließ.
Allerdings wusste ich nun, dass sie diesbezüglich vermutlich durch ihren Mitbewohner Hansi Sommer abgehärtet waren: Seine Frisur kopierte zweifellos diejenige, die Günter Netzer in den Siebzigern getragen hatte – dessen damaligen Stil Dennis übrigens sehr bewunderte.
»Wir freuen uns jedenfalls, dass du einen so netten Gefährten gefunden hast«, sagte Käthe. »Eine so besondere junge Frau wie du sollte nicht allein durchs Leben gehen.«
»Das sollte niemand, oder?«, erwiderte ich.
»Aber viele sind allein.« Mit einer kaum merklichen Kopfbewegung deutete Käthe in die Runde. »Die meisten Bewohner unserer Residenz zum Beispiel. Das macht es ja auch so einfach …« Sie brach ab und fuhr dann fort: »Wo kein Kläger, da kein Richter. Du wirst gleich verstehen, was ich meine.«
Okay – mittlerweile hatten sie mich so neugierig gemacht, dass ich unser Dessert in Windeseile hinunterschlang, ohne es wirklich zu genießen. Dabei hatte die himmlische Pannacotta das nun wirklich nicht verdient. Ungeduldig zappelte ich auf meinem Stuhl herum und sah dabei zu, wie sich die beiden Damen ihre Nachspeise Löffelchen für Löffelchen im Mund zergehen ließen.
Plötzlich blickten alle auf: Eine elegante Dame betrat den Raum und grüßte huldvoll in die Runde. Begleitet wurde sie von einem mürrischen Mann Mitte fünfzig, dessen blaue Latzhose und Werkzeugkasten ihn als Handwerker auswiesen. Ganz offensichtlich ging es ihm massiv gegen den Strich, am Sonntagmittag hier antanzen zu müssen.
»Ich will Sie gar nicht lange stören«, sagte die Dame, »aber … Herr Sommer …?«
Der Mann im Schlagersänger-Outfit winkte, tupfte sich dann mit einer Stoffserviette die Mundwinkel ab und erhob sich. »Wunderbar, dass Sie sofort kommen konnten, Herr Meister. Der tropfende Wasserhahn macht mich verrückt.«
Wow, ein tropfender Wasserhahn.
Nicht etwa ein verstopftes Klo oder eine zerbrochene Fensterscheibe, nein: ein tropfender Wasserhahn. Dafür wurde am Sonntag ein Handwerker bemüht? Nun ja, wenn man für den Notdienst seiner Firma eingeteilt war, musste man wohl damit rechnen. Umso saftiger würde die Rechnung ausfallen.
Die drei verließen den Speisesaal, und Käthe beugte sich zu mir. »Das war Frau von Dillingen; sie leitet dieses Haus. Und Herr Meister, unser Hausmeister.«
»Na, sein Name passt ja wie Ar…, äh, wie die Faust aufs Auge«, gab ich leise zurück. »Wohnen die auch hier?«
»Frau von Dillingen bewohnt einige Räume im ersten Stockwerk«, sagte Käthe. Sie deutete auf einen alten Herrn mit grau meliertem Bürstenschnitt und fuhr fort: »Das ist übrigens ihr Vater, Justus von Dillingen. Er lebt auch in der Residenz. Aber Herr Meister natürlich nicht. Er kommt werktags jeden Morgen um sieben und hat um fünf Feierabend.«
Missbilligend schüttelte ich den Kopf. »Heute ist kein Werktag, soweit ich weiß. Und ich bin ein bisschen erstaunt, dass der Mann für einen läppischen tropfenden Wasserhahn hierher zitiert wird. Das kann man ja wohl kaum als Notfall bezeichnen. Sogar mir fallen spontan diverse Möglichkeiten ein, um so ein Tropfgeräusch abzustellen. Da improvisiert man halt ein bisschen und wartet ab, bis der Hausmeister normal zum Dienst kommt.«
Cäcilie lächelte sanft. »Kindchen, lass es mich so sagen: Die meisten Bewohner dieser Residenz sind der Meinung, dat sie nich Unsummen für dat Privileg zahlen, hier einen gewissen Luxus zu genießen, um sich selbst etwas einfallen zu lassen, wenn der Wasserhahn tropft. So simpel ist dat. Die Glühbirne in einer Stehlampe geht am Samstagabend kaputt, und schon wird nach Herrn Meister geschrien. Ehe du dich aufregst – Käthe und ich würden das niemals tun.«
»Herr Meister scheint ja einen echten Traumjob zu haben. So ein verdammter Glückspilz. Ich hoffe, er bekommt für seinen Einsatz heute wenigstens ein großzügiges Trinkgeld.«
Cäcilie schnaubte. »Darauf würde ich nicht wetten. Einige hier sind nicht nur stinkreich, sondern haben auch noch einen Igel in der Tasche.«
Wie überaus sympathisch.
Die schöne Fassade dieser Luxusresidenz bekam in meiner Wahrnehmung erste Risse. Lebte hier etwa ein Haufen bornierter Snobs, die glaubten, die Angestellten herumscheuchen zu können? Bäh. Was gab ihnen das Recht dazu? Ihr Geld? Wohl kaum. Aber Herzensbildung konnte man sich halt nicht kaufen.
»Ach, Cäcilie, das gilt wirklich nicht für jeden. Etliche sind äußerst großzügig, Lucia zum Beispiel, oder Elisabeth. Was soll Loretta nur von unseren Mitbewohnern denken? Sieh nur, jetzt hat sie prompt schlechte Laune gekriegt«, sagte Käthe bekümmert. »Loretta, das wollten wir nicht.«
Ich riss mich zusammen. Mit einem Lächeln winkte ich ab. »Ist ja nicht eure Schuld. Selbst wenn nur zwei oder drei von ihnen sich so hochherrschaftlich verhalten: Da muss ich an Zeiten denken, als Angestellte wie Leibeigene behandelt wurden und rund um die Uhr zur Verfügung stehen mussten. Dafür sind selbst die Bewohner dieser Filmkulisse eindeutig zu jung, was allerdings kein Hinderungsgrund zu sein scheint. Wenn die mit allen so herablassend umgehen, lebt der eine oder andere hier gefährlich, schätze ich mal.«
Zwischen Käthe und Cäcilie flogen die Blicke hin und her wie ein Tennisball beim Finale in Wimbledon.
Sah ganz so aus, als hätte ich ins Schwarze getroffen.
Kapitel 3
Käthe und Cäcilie wittern ein Verbrechen, und Loretta soll es aufklären – aber wie?
»Ich mache uns einen schönen Mokka«, sagte Käthe, als wir wieder in der Suite der Schwestern waren. Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie in der winzigen Küche.
Mittlerweile wusste ich, dass die beiden Damen dort einen Kaffee-Automaten stehen hatten, dessen Kaufpreis ich im vierstelligen Bereich vermutete. Die Maschine war zwar relativ klein und kompakt, konnte aber das, was unter dem Oberbegriff Kaffee lief, in vierundzwanzig Variationen produzieren, Knopfdruck genügte. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass mich bei unserer ersten Begegnung eine tiefe Zuneigung zu diesem Gerät ergriffen hatte, was Käthe und Cäcilie ziemlich amüsiert hatte.
Ich stellte mich an eines der bodentiefen Sprossenfenster, von denen zwei auch als Terrassentüren fungierten. Der Ausblick auf den Park konnte sich sehen lassen, und das zu jeder Jahreszeit, wie ich annahm. Selbst im Winter musste die Anlage ihren Reiz haben, zum Beispiel, wenn alles mit Raureif überzogen war.
Da ich den Gebäudekomplex schon früher einmal umrundet hatte, wusste ich, dass es vier dieser Terrassen gab, die vermutlich sämtlich zu Suiten gehörten, wie die Schwestern sie bewohnten. Optisch unterschieden sich diese Außenbereiche stark voneinander: Die vor meiner Nase war von einer hüfthohen Buchenhecke mit einer seitlichen Lücke zum Durchschlüpfen umgeben. Bei meinem ersten Besuch hatte ich mich gefragt, ob ich mich mit einer höheren Hecke wohler fühlen würde, die mir etwas mehr Privatsphäre gewähren konnte. Aber es hatte sich herausgestellt, dass die Leute normalerweise die weiter entfernten Pfade benutzten und nicht – wie ich – quer über den Rasen latschten, um den Weg abzukürzen.
Bei den anderen Terrassen gab es keine Hecken, sondern lediglich vereinzelte am Rand platzierte Kübel mit affig geschnittenen, unecht wirkenden Buchsbaumskulpturen: Kugeln, Spiralen oder Kegel, die genauso gut aus Plastik hätten sein können. Im Sommer waren diese Bereiche mit geschmackvollen Gartenmöbeln und Sonnenschirmen ausgestattet gewesen, die alle gleich aussahen und wahrscheinlich zur Ausstattung der Suiten gehörten.
Ich hätte jede Wette gehalten, dass Frau von Dillingen es den Bewohnern keinesfalls erlaubte, das Gartenmobiliar selbst auszusuchen. Immerhin würde es den harmonischen Gesamteindruck der Residenz massiv stören, wenn einer sich für einen gestreiften Sonnenschirm begeistern würde und ein anderer für einen mit Punkten – undenkbar, schließlich war man hier nicht auf dem Jahrmarkt. Also bekamen alle einheitlich grüne Schirme, farblich passend zu den Polstern der Sitzmöbel.
Sicherlich gab es Schlimmeres, aber mich hätte es genervt, meine Terrasse nicht individuell gestalten zu dürfen.
Käthe brachte den Mokka herein. »Sooooo«, flötete sie dabei, wie weiland Else Tetzlaff.
Wir setzten uns aufs Sofa. Ich nippte an der zierlichen Mokkatasse, dann sagte ich: »Also, meine Damen: Raus mit der Sprache.«
Käthe schüttelte den Kopf. »Wir genießen jetzt erst einmal unseren Mokka, und dann machen wir drei Hübschen einen schönen Verdauungsspaziergang.«
Da in eine Mokkatasse gerade mal zwei oder drei kleine Schlucke passten, waren sie rasch geleert.
»Seid ihr ganz sicher, dass ihr in den Park gehen wollt?«, fragte ich. »Hier ist es so schön gemütlich.«
Um die Wahrheit zu sagen: Ich war diejenige, die keine Lust hatte, mich durch den Park zu quälen. Nicht nach diesem reichhaltigen Mittagessen. Aber keine Chance – die Schwestern waren unerbittlich. Und wenn ich heute noch herausfinden wollte, was sie mir zu sagen hatten, musste ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen.
Sie zogen sich warme Jacken an, und dann schlenderten wir über die gewundenen Wege. Ich verkniff mir weitere Aufforderungen, endlich auszupacken. Sonst plapperten sie zwar immer wie zwei hyperaktive Kanarienvögel, aber wenn sie nichts sagen wollten, war halt Funkstille. Noch.
»Setzen wir uns in den Pavillon, dort sind wir ganz ungestört«, sagte Käthe und deutete in Richtung der kleinen, verschnörkelten Laube, die hinter einigen rot belaubten Büschen zu erahnen war.
Nun, das wären wir in ihrer Wohnung doch auch gewesen, oder? Dennoch: Ich ahnte, dass sie einen triftigen Grund dafür hatten, unser Gespräch nach draußen zu verlegen. Meine Neugier stieg allmählich ins Unermessliche.
Die verblichenen Korbsessel knarrten, als wir uns setzten. Die Sonne schien, und es duftete zart nach den letzten Rosenblüten an den Ranken, die den Pavillon schmückten.
Cäcilie nickte Käthe zu. Die beugte sich zu mir und raunte: »Hier gehen Dinge vor sich, Loretta.«
Aha. »Was für Dinge? Spukt es etwa in dem alten Gemäuer?«
Ich hatte einen Witz machen wollen, aber Cäcilie zuckte nicht mit der Wimper. »Keinen Schimmer, ob Heriberts ruheloser, rachsüchtiger Geist hier spukt. Würde mich aber nicht wundern. Ich an seiner Stelle würde es tun.«
Heriberts … rachsüchtiger Geist?
»Wer ist Heribert?«, fragte ich. »Und warum sollte sein Geist rachsüchtig sein?«
Käthe atmete tief durch. »Heribert wohnte in Suite C. Vor drei Wochen ist er ganz plötzlich gestorben. Über Nacht. Abends haben wir noch zusammen Bridge gespielt, und am nächsten Morgen lag er tot im Bett.«
Du musst zugeben: Das ist seltsam, sagte ihr Blick, und ich wusste, jetzt war ein gewisses Maß an Diplomatie gefragt.
»Mädels, ich will euch nicht zu nahe treten, aber es soll vorkommen, dass ein alter Mann stirbt, auch mal über Nacht«, erwiderte ich also. »Wisst ihr zufällig, was als Todesursache festgestellt wurde?«
»Angeblich Herzstillstand.« Cäcilie schnaubte verächtlich. »Also echt, wat sagt dat schon aus? Bleibt die olle Pumpe etwa nicht immer stehen, wenn einer stirbt?«
»Das ist schon richtig, aber …« Mich fröstelte plötzlich. Während des Spaziergangs war mir warm genug gewesen, aber mittlerweile … »Sagt mal, warum sitzen wir eigentlich hier und nicht in eurer Wohnung?«
Sie wechselten einen Blick. »Damit man uns nicht belauschen kann«, erwiderte Cäcilie leise.
Jetzt kapierte ich gar nichts mehr. Was ging hier ab? Galoppierende Paranoia? Die Schwestern waren fasziniert von Kriminalfällen, wie ich wusste, und deshalb waren sie auch regelrecht aus dem Häuschen gewesen, als sich vor einigen Monaten in ihrem Lieblingscafé direkt vor ihrer Nase ein Todesfall ereignet hatte. Die gesamte Kavallerie war aufmarschiert, sie hatten ihr Glück kaum fassen können. Mit diesem Erlebnis hatten sie in ihrer Seniorenresidenz sogar zwei oder drei unterhaltsame Vortragsabende gestaltet, die sie dort zu Superstars gemacht hatten.
Ich roch die Gefahr, dass sie nun dazu neigten, vermeintlich Kriminelles in völlig harmlosen Vorgängen zu suchen, und da kam ich ins Spiel. Da ich besagten Todesfall aufgeklärt hatte, hielten sie mich nun für eine oberschlaue Super-Detektivin, die der Polizei mal eben zeigte, wo der Frosch die Locken hatte. Obwohl ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, ließen sie sich nicht von ihrer Meinung über mich abbringen.
Und jetzt hatte ich den Salat.
»Wer soll uns denn eurer Meinung nach nicht belauschen können?«, fragte ich sanft.
»Wissen wir nicht.« Käthe zuckte mit den Schultern. »Wir sind allerdings ganz sicher, dass die Wohnungen verwanzt sind. Vielleicht nicht alle. Aber zumindest diejenigen, in denen was zu holen ist.«
Sag ich doch: galoppierende Paranoia. Dennoch schien es mir geboten, sensibel damit umzugehen und sie nicht etwa auszulachen.
»In Ordnung«, sagte ich. »Ihr habt bestimmt einen sehr guten Grund für eure Vermutung.«
Erneut warfen sie sich einen dieser Blicke zu und nickten synchron. Dann winkte Käthe mich näher zu sich und raunte: »Heribert besaß eine sehr kostbare antike Kaminuhr aus Porzellan, die stets auf seinem Vertiko gestanden hat. Seit seinem Tod ist sie verschwunden. Stattdessen hat man dort ein billiges, ähnliches Modell platziert, damit das Fehlen des Originals nicht auffällt. Auch sein persischer Teppich wurde ausgetauscht. Weiß der Himmel, was noch alles geklaut worden ist.«
»Könnte es nicht sein, dass irgendwelche Verwandten, also seine Erben, die Uhr und den Teppich genommen haben?«
Vehement schüttelte Käthe den Kopf. »Nie und nimmer. Der Heribert hatte keine Familie mehr. Außerdem: Warum sollten Erben die austauschen? Wenn sie die Sachen doch sowieso erben?«
Das stimmte natürlich.
»Sein Besitz sollte nach seinem Tod einem guten Zweck zugutekommen«, fuhr Käthe fort, »das hat er uns erzählt. Einem Hospiz oder einem Waisenhaus oder dergleichen. Genau hat er sich dazu nicht geäußert.«
»Verstehe. Seid ihr sicher, dass diese Gegenstände wirklich so überaus wertvoll waren? Oder hat er vielleicht nur ein bisschen … Ihr wisst schon.«
»Auf dicke Hose gemacht?«, fragte Cäcilie amüsiert. »Nee. Er hatte dafür sogar Expertisen, die hat er uns gezeigt. Irgendein Zar hat die Uhr irgendeinem von Heriberts Vorfahren geschenkt; für besondere Verdienste oder so. Und der Teppich war ein uraltes Stück aus einem Königspalast. Er hatte uns mal auf eine Tasse Tee eingeladen, dat war kurz vor seinem Tod. Eigentlich lebte er sehr zurückgezogen und lud niemals zu sich ein, aber«, sie kicherte kokett, »ich glaube, der alte Knabe hatte sich in mich verguckt. Ich habe – aus reiner Höflichkeit – die Uhr bewundert, die ich in Wirklichkeit potthässlich fand. Der Teppich war allerdings sehr hübsch, muss ich zugeben. Ich hab ihn gefragt, ob er diese Sendung kennt, die mit diesem kleinen Kerl mit dem Zwirbelschnäuzer. Da kann man hingehen, wenn man Sachen begutachten und schätzen lassen will. Außerdem sind da noch ein paar Antiquitätenhändler, die auf die Gegenstände bieten können.«
Sie blickte mich fragend an, und ich schüttelte den Kopf. Der Tag, an dem ich mich für Antiquitäten interessierte – seien es echte oder vermeintliche –, musste erst noch kommen.
»Nicht? Da hast du was verpasst. Käthe und ich raten immer, was die Sachen wohl wert sein könnten. Wie auch immer: Mein Vorschlag hat den guten Heribert sehr amüsiert«, fuhr Cäcilie fort. »Alle Händler zusammen hätten nicht genug Geld für seine Uhr dabei, und für den Teppich auch nicht, sagte er. Zack, schon hatte er die Expertisen aus dem Sekretär gezaubert und hielt sie uns unter die Nase. Der war stolz wie Oskar, sag ich dir. Und wat ich da gelesen hab, hat mich glatt aus den Socken gehauen: Die Uhr wurde auf 30.000 Euro geschätzt, der Teppich auf 55.000. Na, wat sagst du jetzt?«
Ich sagte gar nichts. Erst mal musste ich diese unglaublichen Summen verkraften. So etwas hatte ich nicht im Traum erwartet.
Käthe erzählte weiter. »Außerdem besaß er wohl noch eine Sammlung antiker Taschenuhren, die mal irgendwelchen Persönlichkeiten gehört hatten: Zaren, Königen und Politikern. Die sollen ein kleines Vermögen wert sein.«
»Und diese kostbaren Dinge hatte er einfach so in seiner Suite?«, fragte ich ungläubig. »War das nicht sehr leichtsinnig? Ich dachte immer, so etwas bewahrt man in Bankschließfächern oder dergleichen auf.«
»Das haben wir ihn natürlich auch gefragt«, erwiderte Käthe ernst. »Aber davon wollte er nichts wissen. Er wolle seine Schätze um sich haben und jederzeit ansehen können, hat er gesagt. Er wolle die Uhr schlagen hören und den Teppich unter seinen Füßen spüren, das waren seine Worte. Das war ein wenig exzentrisch, zugegeben, aber tatsächlich fand ich das sehr sympathisch. Er besaß diese Dinge, weil er sie wirklich liebte. Und nicht etwa als Geldanlage, die in irgendeinem Tresor vor sich hin schimmelt. Sein Plan war, das alles am Ende seines Lebens in einem Auktionshaus versteigern zu lassen und den Erlös so zu verteilen, wie er es in seinem Testament festgelegt hatte. Oder festlegen wollte.«
Die Schwestern sahen mich gespannt hat, und ich sagte: »Aber dazu ist es nicht mehr gekommen. Hat er erwähnt, wann er die Dinge verkaufen wollte?«
Synchron wurden zwei silberlockige Köpfe geschüttelt, dann holte Cäcilie tief Luft. »Für ihn gab es keinen Grund zur Eile. Er war ja gesund und fit. Tägliches Powerwalking durch den Park, und zwar bei jedem Wetter. Gymnastik und Training in unserem Fitnessraum, gesunde Ernährung … Sein Arzt hatte ihm gerade erst die Konstitution eines Mannes von höchstens Ende sechzig attestiert – und Heribert war Mitte achtzig. Verstehst du jetzt, warum wir misstrauisch sind?«
»Lasst mich einen Moment nachdenken.« Ich stand auf und ging ein paar Schritte, um das Gehörte zu sortieren.
Tatsächlich war nicht zu leugnen, dass Heriberts Besitz für Diebe durchaus reizvoll gewesen wäre. Ebenso wenig war zu leugnen, dass der wirkliche Wert der Sachen vermutlich nur einem Kunstexperten klar gewesen sein dürfte.
Oder hatte besagter Heribert nicht nur die Schwestern eingeweiht, sondern überall mit seinen Kostbarkeiten geprahlt? Eventuell aber hatte irgendjemand – Personal, Besucher, was weiß ich – Fotos von der Uhr und dem Teppich gemacht und diese dann einem Experten vorgelegt. Aber war es möglich, aufgrund von Fotos wirklich verbindliche Aussagen zu machen?
Ich setzte mich wieder und fragte: »Seid ihr wirklich sicher, dass Heribert mit dem Wert der Sachen diskret umgegangen ist?«
Beide nickten, dann erwiderte Käthe: »Er war kein geschwätziger Mensch, das mal vorweg. Außerdem: Wenn er es herumerzählt hätte, wäre es mit Sicherheit in der Residenz ein beliebtes Tratschthema gewesen – die Klatschtanten hier stürzen sich auf alles, was nur halbwegs interessant ist. Dazu kommt: Bei unserem Gespräch bat er uns dringend um Stillschweigen, da niemand davon wisse. Das sicherten wir ihm natürlich zu.«
»Und woher wisst ihr so genau, dass die besagten Dinge ausgetauscht wurden? Nach seinem Tod durfte doch bestimmt niemand in seine Suite, oder?«
Käthe kicherte. »Man kann durchs Fenster nicht nur raus-, sondern auch reingucken. Wir zwei waren neugierig, das gebe ich gerne zu. Eigentlich gab es nicht einmal einen besonderen Grund, denn wir haben ja erst dann entdeckt, dass dort eine andere Uhr stand. Cäcilie fiel dann auf, dass auch der Teppich anders aussah. Und was bedeutet das wohl, liebe Loretta? Welches eindeutige Signal sendet dein kriminalistischer Instinkt?«
Ich wusste genau, worauf sie hinauswollten. »Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte es keine Notwendigkeit gegeben, die Gegenstände auszutauschen, dann wären sie einfach weg gewesen. So wurde zumindest auf einen flüchtigen Blick der Eindruck erweckt, dass sich nichts verändert hat. Und deshalb denkt ihr auch, dass …«







