Schach mit toter Dame

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Erwin hob den Finger. »Spontan würde ich sagen, wir haben drei Möglichkeiten. Erstens: Es ist jemand vom Personal, der seine Zugehörigkeit zum internen Kreis der Residenz und seine Kenntnisse ausnutzt, um zu klauen. Zweitens: Es ist ein Angehöriger eines der Bewohner, der weiß, dass dort leichte Beute zu machen ist. Drittens: Es ist jemand, der überhaupt nicht zum Kosmos der Residenz gehört.«
»Zum Beispiel?«, fragte ich alarmiert, denn ›Drittens‹ hörte sich nach einer unüberschaubaren Menge potenzieller Verdächtiger an. Vielen Dank auch.
»Ganz einfach«, erwiderte Dennis. »Paketdienste, Handwerker, Postboten, Dienstleister – schlicht und ergreifend jeder, der mal ins Haus gekommen ist und sofort gerafft hat, dass dort keine armen Leute wohnen. Dort stinkt es nach Geld, Loretta. Das ist eine verdammte Luxus-Residenz. Und wer sich so etwas leisten kann …« Er zuckte mit den Schultern.
»Der hat auch einen Koffer voller Goldstücke unter dem Bett, wolltest du sagen?«, fragte ich süffisant. »Du verwechselst da was – das war Pippi Langstrumpf.«
Dennis rollte mit den Augen. »Der verblichene Heribert latschte immerhin über einen 55.000-Euro-Teppich, oder etwa nicht? Und wer weiß, welche anderen Kostbarkeiten in der Residenz noch darauf warten, geklaut zu werden? Hier, diese Frau zum Beispiel, diese …« Er durchstöberte die Seiten und tippte dann auf ein Bild. »Die meine ich, diese russische Primaballerina! Vielleicht hat sie ja millionenschwere Juwelen unter ihrer Matratze versteckt.«
»Ja, vielleicht«, sagte ich. »Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist sie ja schlauer als Heribert und bewahrt ihren Schmuck, falls derartige Klunker überhaupt existieren, in einem Bankschließfach auf, wie es sich gehört.«
»Und wenn nicht?«, blaffte Dennis.
»Und wenn doch?«, blaffte ich prompt zurück.
»Nanu – Streit im Paradies?« Amüsiert schüttelte Erwin den Kopf. »Abgesehen davon seid ihr bereits zehn Schritte zu weit. Noch wissen wir nicht einmal, ob die Bewohner der Residenz überhaupt abgehört werden, das müssen wir als Erstes herausfinden.«
»Okay. Und falls sich die Vermutung der Schwestern als wahr herausstellt, was tun wir dann?«, fragte ich.
»Ist doch ganz klar!«, rief Dennis mit blitzenden Augen. »Wir schleusen jemanden in die Residenz ein und …«
Erwin hob die Hand. »Ach ja? Und als was? Als Bewohner? Wie stellst du dir das vor? Soll mein Täubchen etwa dort einziehen und herumschnüffeln?«
Ich unterdrückte ein Kichern.
Sein Täubchen – meine Arbeitskollegin Doris – war zwar bereits über siebzig, aber sie würde ihren zehn Jahre jüngeren Gatten Erwin um einen Kopf kürzer machen, würde er sie in einer Seniorenresidenz einquartieren wollen. Außerdem war es organisatorisch viel zu kompliziert und langwierig, denn man zog nicht einfach von einem Tag auf den anderen irgendwo ein. Abgesehen davon würde Erwin seine Liebste um nichts in der Welt irgendeiner Gefahr aussetzen.
»Genau über dieses Problem zerbreche ich mir den Kopf, seit die Schwestern mir alles erzählt haben«, sagte ich. »Selbstverständlich kommt nicht infrage, Doris einzuschleusen, zumal wir dann vermutlich auch die Heimleiterin einweihen müssten, oder? Und was, wenn sie diejenige welche ist? Das ist viel zu riskant.«
»Die Heimleiterin?«, fragte Dennis verblüfft.
Ich zuckte mit den Schultern. »Warum denn nicht, kann doch sein? Skrupellosigkeit gibt es überall, das ist doch nicht von der Position in einer Hierarchie abhängig.«
»Ich schlage Folgendes vor«, sagte Erwin. »Die beiden Damen kommen in mein Büro, und wir unterhalten uns über die Personen, die in diesem Dossier aufgeführt sind. Wer von den Bewohnern ist ein potenzielles Opfer, weil er – oder sie – reich ist? Oder sogar, was optimal wäre, reich ohne Angehörige. Wer vom Personal kommt infrage?«
Spontan fiel mir die Szene mit dem Hausmeister ein. Würde ich mich rächen wollen, wenn ich so herablassend behandelt würde? Diebstahl als kleine Wiedergutmachung? Gingen die Bewohner – oder besser: einzelne von ihnen – auch mit dem restlichen Personal so unhöflich um? Dem Service, dem Gärtner, dem Küchenpersonal? Gab es jede Menge Motive, von denen wir momentan noch nichts ahnten?
»Aber dann machen wir sofort einen Plan für unsere Ermittlungen«, sagte Dennis.
Erwin musterte ihn mit mildem Lächeln. »Immer einen Schritt nach dem anderen, mein Junge. Immer einen Schritt nach dem anderen.«
Nach Feierabend fuhr ich zu mir und rief als Erstes die Schwestern an, um mich mit ihnen zu verabreden. Das war nicht ganz einfach, wie ich feststellte, denn ihr Terminkalender war randvoll: Arzttermine, langfristig gebuchte Tagesausflüge und diverse andere Verpflichtungen bedeuteten, dass wir uns erst am Mittwoch treffen konnten.
»Dann also Mittwochvormittag«, sagte ich. »Ich stehe um Punkt elf vor der Residenz auf der Straße und warte auf euch.«
»Und dann besprechen wir den Fall mit einem echten Polizisten?«, fragte Käthe aufgeregt. »Und dann gibt es echte Ermittlungen?«
»Erwin war früher Polizist«, sagte ich.
»Na und? Er wird wohl kaum so senil sein, dass er alles vergessen hat, was zu einer professionellen Ermittlung gehört, oder?«
»Natürlich nicht. Aber es ist nicht so, als könnte er den Polizeiapparat benutzen, verstehst du?«
»Aha. Und diese nette Kommissarin vom letzten Mal? Kann die nicht ermitteln?«
Ich seufzte innerlich. »Wir müssen zunächst einmal herausfinden, ob es überhaupt einen Fall gibt, Käthe. Außerdem ist Kommissarin Küpper nicht für Diebstahl zuständig, das ist ein anderes Dezernat.«
»Wie bitte?« Käthe klang empört. »Und was ist mit dem Mord an Heribert?«
»Käthe, ich enttäusche euch wirklich nicht gerne, aber wir haben keine Ahnung, ob es bei seinem Tod mit rechten Dingen zugegangen ist oder nicht. Falls nicht, wird es sich vielleicht niemals beweisen lassen. Offenkundig ist dem Arzt, der den Totenschein ausgestellt hat, nichts Ungewöhnliches aufgefallen.«
Was nichts heißen musste, wie mir nur allzu klar war. Tatsächlich gab es eine hohe Dunkelziffer an unentdeckten Morden, bei denen bloß ›Herzversagen‹ im Totenschein stand. Aber das würde ich den Schwestern nicht auf die Nase binden.
Musste ich auch nicht, wie sich bei Käthes nächsten Worten herausstellte.
»Du machst wohl Witze«, sagte sie spitz. »Jeder weiß, dass längst nicht jeder Mord entdeckt wird, wenn nicht gerade ein riesiges Küchenmesser deutlich sichtbar in der Brust des Opfers steckt. Ärzte sind auch nur Menschen, oder? Da liegt ein alter Mensch tot im Bett, und schon scheint alles klar zu sein. Bloß kein Aufheben darum machen, was übrigens auch ganz im Sinne der hochwohlgeborenen Frau von Dillingen sein dürfte. Für das Ansehen der Residenz ›Herbstglück‹ ist es nicht gerade die beste Werbung, wenn sich herumspricht, dass man dort ermordet und bestohlen wird.«
Das wartende Schweigen am anderen Ende der Leitung erforderte eine diplomatische Antwort.
»Da bin ich ganz deiner Meinung«, erwiderte ich also. »Aber wie ich schon sagte: Vielleicht wird ein eventueller Mord sich nicht beweisen lassen, so schlimm das auch sein mag. Wir können nicht zur Kommissarin gehen und erwarten, dass sie sofort tätig wird. So einfach ist das nicht. Dazu braucht sie echte Beweise oder wenigstens überzeugende Verdachtsmomente.«
»Dass der Teppich und die Uhr verschwunden sind, findest du also nicht verdächtig?«, fragte Käthe.
»Doch, das tue ich sehr wohl. Aber darum geht es nicht, die Kommissarin muss es verdächtig finden. Nicht nur das: Sie müsste es auch als mögliches Motiv für einen Mord anerkennen. Und jetzt kommt das größte Problem: Ihr beide seid vielleicht die Einzigen, denen das Verschwinden aufgefallen ist. Vorschlag: Ich bitte Erwin, beim zuständigen Dezernat nachzufragen, ob ein Diebstahl der Gegenstände angezeigt wurde.«
Sofort besserte sich ihre Laune wieder. »Das könnte er tun?«, zwitscherte sie. »Das ist ja wunderbar!«
»Er kann es versuchen«, sagte ich. »Ich will euch nichts versprechen, was dann ein anderer halten muss. Bitte, ihr müsst noch ein wenig Geduld haben. Lasst uns in Ruhe überlegen, was wir tun können, um eventuelle Beweise zu sammeln. Genau aus diesem Grund treffen wir uns am Mittwochvormittag mit Erwin.«
Als wir aufgelegt hatten, lehnte ich mich im Sofa zurück und atmete tief durch.
Dass Käthe und Cäcilie ungeduldig waren, konnte ich sehr gut verstehen. Aus ihrer Sicht hatten sie einen sehr konkreten Verdacht, und sie wollten so schnell wie möglich handeln. Ein wenig erinnerten sie mich an mein früheres Ich. Auch ich hatte eine ganze Zeit gebraucht, um zu kapieren, wie die Ermittlungen der Polizei funktionieren.
Noch heute erinnere ich mich mit Grausen an meinen allerersten Besuch im Präsidium bei Kommissarin Küpper, um ihr von meinem Verdacht gegenüber einigen Hausfrauen zu berichten, die ich für Mörderinnen hielt. Auch ich war damals fest davon ausgegangen, damit einen Einsatz auszulösen. Okay, vielleicht nicht gerade eine Hundertschaft vermummter Spezialkräfte und zwei Helikopter, aber doch immerhin intensive Befragungen derjenigen, auf die ich mit meinem kleinen, schmutzigen Finger gezeigt hatte.
Minuten später war ich wie ein geprügelter Hund mit eingezogenem Schwanz aus ihrem Büro geschlichen.
Sie hatte mir umstandslos und nicht sonderlich höflich verklickert, dass haltlose Anschuldigungen gegen missliebige Personen zu ihrem Alltag gehörten – zu ihrem größten Leidwesen. Zu viele Krimis – ob in bewegten Bildern oder als gedruckter Text – führten bei ›besorgten Bürgern‹ wie mir ihrer Erfahrung nach gerne mal zu überbordenden Fantasien, was vermeintliche Kriminalfälle anginge. Sehen Sie sich gerne Krimiserien an, Frau Luchs?, hatte sie mich süffisant gefragt.
Immer wieder war ich mit ihr zusammengestoßen, und immer wieder hatte ich mir Zurechtweisungen und Vorträge über korrekte Polizeiarbeit anhören müssen. Sie hasste es, wenn ich amateurhaft ermittelte, und noch mehr hasste sie es, dass ihr Patenonkel Erwin sich daran zu beteiligen pflegte.
Eines war für mich klar: Kommissarin Küpper würde keinen Mucks von den Vorgängen in der Residenz erfahren. Jedenfalls nicht, solange wir keine hieb- und stichfesten Beweise im Gepäck hatten.
Den Rest des Abends verbrachte ich damit, die Unterlagen zu studieren, was allerdings nicht besonders viel brachte. Außer Cäcilie und Käthe hatte die Residenz dreizehn Bewohner, und zwar sieben Frauen und sechs Männer. Noch waren die Informationen über die Personen recht spärlich, aber es ergab sich ein erstes Bild: Beinahe alle schienen in gut bezahlten Berufen gearbeitet zu haben. Es gab ein Fabrikantenehepaar, zwei wohlhabende Witwen, zwei ehemalige Berufssoldaten hohen Ranges, eine ehemalige Primaballerina, diesen Ex-Schlagersänger, der mir beim Essen durch sein Verhalten dem Hausmeister gegenüber unangenehm aufgefallen war, eine exzentrische Künstlerin … Es war ein ziemlich buntes Durcheinander verschiedenster Persönlichkeiten.
Ich fragte mich, ob sich alle untereinander gut verstanden. Aber würde es für den Fall überhaupt eine Rolle spielen, ob in der Residenz Harmonie oder doch eher Zwietracht herrschte? Beinahe ärgerte ich mich jetzt, dass ich beim Essen am Sonntag nicht darauf geachtet hatte, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich ja noch nicht ahnen können, was die Schwestern mir später erzählen würden.
Vielleicht ergab sich ja noch eine Gelegenheit, alle zusammen zu erleben?
Nur zu bald würde ich erfahren, dass Wünsche manchmal schneller in Erfüllung gehen, als man denkt.
Kapitel 6
Ausgestopfte Fische, echter oder falscher Schmuck, Goldene Schallplatten – potenzielles Diebesgut oder nicht?, fragt sich Loretta
Erwin, Dennis und ich hatten beschlossen, nicht weiter zu spekulieren, sondern das Treffen mit den Schwestern abzuwarten. Entsprechend gespannt war ich am Mittwoch, als die beiden an der Straße vor der Residenz in mein Auto stiegen. Und nicht nur ich, wie ich umgehend erfuhr.
»Loretta, wir sind ja so aufgeregt!«, zwitscherte Käthe, die hinten saß, und Cäcilie neben mir nickte.
»Müsst ihr nicht sein«, sagte ich. »Erwin ist ein extrem netter Mann, und Dennis kennt ihr ja bereits. Wir sind also ganz unter uns.«
»Und wir haben eine tolle Überraschung für dich«, jubilierte Cäcilie. »Aber die heben wir uns für später auf!«
Sie drehte sich nach hinten um und zwinkerte ihrer Schwester verschwörerisch zu, dann seufzte sie zufrieden und schaute wieder nach vorne. Vom Rücksitz erklang leises Kichern, und prompt läuteten bei mir die Alarmglocken.
Da war doch was im Busch!
Obwohl Erwins Büro innerhalb der Räumlichkeiten des Callcenters lag, hatte es zusätzlich einen eigenen Eingang. Den benutzten wir stets, wenn wir in Begleitung von Leuten waren, die mit den Gegebenheiten nicht vertraut waren. Bei einer Sexhotline konnte es durchaus laut werden, und wir wollten niemanden unvorbereitet dieser Woge aus Liebesschwüren, Stöhnen und vorgespielten Orgasmen aussetzen. Dazu kam, dass wir mit dem, was wir da taten, sehr diskret umgingen. Außenstehenden erzählten wir meistens, dass wir für eine Online-Bank arbeiteten.
Ich klingelte also an der Seitentür, und schon wenige Sekunden später öffnete Dennis, der in Cordanzug und Rolli nicht nur sehr schick, sondern auch äußerst seriös aussah, wie ich fand. Guter Junge.
»Welch Glanz in dieser bescheidenen Hütte, da geht doch glatt die Sonne auf«, schmalzte er, was bei mir Augenrollen, bei den Schwestern allerdings kokettes Kichern auslöste. Er lächelte ein Lächeln, das einen dahinschmelzen ließ, und bat uns mit einer galanten Handbewegung herein.
Die Schwestern trippelten an mir vorbei in Erwins Büro und blickten sich neugierig um. Sie klatschten entzückt in die Hände, als sie an einem Flipchart die von mir erstellten Seiten des Dossiers entdeckten.
»Wir haben also alles zu Ihrer Zufriedenheit vorbereitet?«, sagte Erwin mit seiner schönsten sonoren Stimme und kam hinter seinem Schreibtisch hervor.
Ich übernahm es, ihn und die Schwestern einander vorzustellen. Zwei formvollendete Kusshände später lagen Cäcilie und Käthe ihm zu Füßen und ließen sich wie betäubt aufs Besuchersofa sinken. Als er ihnen auch noch Kaffee und Kekse servierte, waren sie vollends hingerissen.
Dennis setzte sich auf die Armlehne meines Sessels, und Erwin nahm den Schwestern gegenüber Platz.
»So«, sagte er, »Loretta hat mir bereits alles erzählt, und ich muss sagen, dass die Geschichte recht aufregend ist.«
»Nicht wahr?«, kiekste Käthe, und ihre Wangen färbten sich rosa – farblich perfekt passend zu ihrem Seidenpullover. »Was werden Sie unternehmen?«
Erwin lachte sein Guter-Bulle-Lachen, das seine grauen Minipli-Löckchen lustig tanzen ließ und das einem Weihnachtsmann gut zu Gesicht gestanden hätte. »Immer langsam mit den jungen Pferden. Ihr Temperament beeindruckt mich, aber hier ist Besonnenheit gefragt, meine Damen. Was ich Ihnen jedoch vorab schon sagen kann: Meine Nachforschungen haben ergeben, dass kein Diebstahl angezeigt wurde. Jedenfalls keiner, der eine antike Uhr und einen kostbaren Teppich beziehungsweise die Residenz betrifft.«
»Sie zweifeln also nicht daran, dass es diese Dinge gab?«, fragte Käthe.
Erwin schüttelte den Kopf. »Warum sollte ich? Ich wette, Ihre Beobachtungsgabe ist hervorragend. Außerdem gab es ja dieses Gespräch zwischen Ihnen und dem mittlerweile verblichenen Besitzer, bei dem es konkret um besagte Gegenstände ging. Dabei werden Sie sich die Uhr und den Teppich mit Sicherheit ziemlich genau angesehen haben, nicht wahr?« Auf das synchrone Nicken der Schwestern hin fuhr er fort: »Sehen Sie? Also musste Ihnen selbstverständlich auffallen, dass beides nach seinem Tod ausgetauscht worden war.«
»Aber bedeutet dat nicht automatisch, dat Heribert ermordet wurde?«, fragte Cäcilie.
»Ich fürchte nein«, erwiderte Erwin. »Es könnte ja sein, dass ein verbrecherischer Bestatter alles eingesackt hat.« Er lächelte. »Obwohl es natürlich unwahrscheinlich ist, dass ein Bestatter auf Verdacht einen Teppich und eine Uhr im Auto hat, falls es etwas zu klauen beziehungsweise auszutauschen gibt. Aber es könnte jemand vom Personal gewesen sein, der schlicht die Gelegenheit genutzt hat. Das muss nicht zwingend mit einem eventuell gewaltsamen Tod Ihres geschätzten Mitbewohners zusammenhängen. Wir sollten uns davor hüten, vorschnell Verbindungen zu konstruieren, wo es in Wirklichkeit gar keine gibt.«
Verzagt fassten die Schwestern sich bei den Händen. »Aber wir dachten, der arme Heribert musste wegen seines Besitzes sterben«, murmelte Käthe.
Erwin lächelte strahlend. »Es ist gut, dass Sie aufmerksam waren – und vermutlich nach wie vor sind. Deshalb benötigen wir jetzt Ihre Expertise zu allen Personen, die Sie uns aufgelistet haben. Dann überlegen wir weiter, einverstanden?«
Er gab ihnen eine Liste mit den Fotos und Namen der Bewohner, und ich ging zum Flipchart und nahm einen Stift zur Hand.
»Alles klar, Mädels«, sagte ich, »es kann losgehen.«
Zwei silberhaarige Köpfe beugten sich über die Liste, dann blickte Käthe hoch. »Der Reihe nach?«
Ich schüttelte den Kopf. »Muss nicht sein. Ganz wie ihr wollt. Wir könnten zum Beispiel auch mit denen anfangen, die nicht reich sind, um sie gleich als potenzielle Opfer eventuell noch geplanter Diebstähle auszuschließen. Wisst ihr über die finanziellen Verhältnisse der Leute Bescheid?«
Die Schwestern blickten sich amüsiert an. »Hat der Papst ’nen lustigen Hut auf?«, fragte Cäcilie. »Wir wissen es sicher nicht auf den Cent genau, aber ob einer wat auf der Naht hat oder nicht, ist uns natürlich bekannt.«
Natürlich. Wie hatte ich auch nur eine Zehntelsekunde lang daran zweifeln können?
»Beginnen wir mit Egbert Fröhlich und Johannes Blum«, sagte Käthe. »Rüstige Rentner, wie sie im Buche stehen. Bei beiden zahlen die Familien die Kosten der Residenz, bei ihnen ist also nichts zu holen. Außerdem wäre da noch Rosamunde Maier. Sie war ihr Leben lang als Haushälterin und Kinderfrau bei einem international tätigen Architektenehepaar angestellt, hat auch dort im Haus gewohnt. Ihre ehemaligen Arbeitgeber wollen, dass sie im Ruhestand alle Bequemlichkeiten genießt, die möglich sind. Weil Rosamundes Rente natürlich nicht ausreicht, übernehmen sie einen Großteil der Kosten.«
»Ganz schön nobel«, murmelte Dennis, »da hat die gute Rosamunde großes Glück gehabt.«
Cäcilie lächelte. »Es ist ihr zu gönnen, nicht wahr? Wenn man sich sein ganzes Leben für eine fremde Familie beziehungsweise deren Kinder aufopfert, hat man sich ein bisschen Dankbarkeit redlich verdient, finde ich.«
Ich hatte die Informationen in Stichpunkten bei den betreffenden Personen an dem Flipchart notiert; jetzt sah ich die Schwestern an. »Die drei können wir also ausschließen, einverstanden? Sonst noch jemand?«
Die Schwestern nickten, dann sagte Cäcilie: »Unser Schlagerheini, Hansi Sommer. Residiert pompös in einer Suite, ist aber arm wie eine Kirchenmaus.«
»Ach was?« Erwins Brauen verschwanden unter seinen Löckchen. »Das müssen Sie mir genauer erklären.«
»Der hat alles, wat er jemals verdient hat, gnadenlos verballert«, erwiderte Cäcilie kichernd. »Für Weiber, Schampus und Glücksspiel, und da ist er auch noch stolz drauf. Der hat nix mehr außer seinen alten Bühnenklamotten und ein paar verstaubten Goldenen Schallplatten. Aber«, sie senkte verschwörerisch die Stimme, »es gibt da einen Fanclub, rein weiblich, natürlich. Allesamt sehr wohlhabende Damen gesetzten Alters, die angeblich mal seinen Schampus schlürfen durften«, sie zwinkerte in die Runde, »wenn ihr versteht, wat ich damit sagen will.«
Käthe zuckte zusammen und lief tiefrot an. »Cäcilie!«, zischte sie entrüstet.
Cäcilie zuckte mit den Schultern. »Ist doch wahr! Der geht mit seinen Gönnerinnen doch überall hausieren. Samt und sonders Ex-Geliebte. Angeblich. Wie auch immer: Die dummen Weiber schmeißen zusammen und ermöglichen ihm ein Leben wie Gott in Frankreich.«
»Der würde dir übrigens gefallen, Dennis«, sagte ich, während ich mir Notizen zu Hansi Sommer machte. »Am Sonntag trug er einen weißen Anzug und ein lila Satinhemd, strictly seventies.«
»Und einen exzellenten Haarschnitt hat er außerdem!«, rief Dennis und lachte schallend. »Ein Mann von Stil und Geschmack, wie es scheint.«
»Und? Sind das alle, die wir ausschließen können?«, fragte Erwin die Schwestern.
»Nein, Hermine Sanders gehört noch in diese Gruppe«, erwiderte Käthe. »Sie ist eine ehemalige Oberstudienrätin und hat ihr Leben lang jeden Pfennig auf die Seite gelegt, um ein Polster für ihren Ruhestand zu haben. Sie hat sich nie etwas gegönnt und tut es nach wie vor nicht, weil sie Angst hat, das Geld könnte ihr ausgehen, bevor sie stirbt.«
»Verstehe«, sagte Erwin. »Sie hat also vermutlich einen ordentlichen Batzen auf dem Sparbuch beziehungsweise irgendwie angelegt, aber keine … wie soll ich sagen … beweglichen Kostbarkeiten wie Schmuck oder dergleichen, die ihr geklaut werden könnten.« Er musterte forschend die Schwestern. »Und was ist mit Ihnen, meine Damen?«
»Ich besitze tatsächlich ein wenig Schmuck«, antwortete Käthe, »natürlich keine Fünfkaräter oder so. In unsrer Suite gibt es einen eingemauerten Tresor, in dem ich den Schmuck einschließe.«
»Käthes Perlen sind echt – meine nicht!«, verkündete Cäcilie fröhlich. »Und es ist kein Unterschied zu sehen, nicht wahr?«
Ich verglich die Perlenketten, die beide aktuell trugen. Tatsächlich: Ich konnte keinen Unterschied erkennen. Nun war ich kein Juwelier … aber das waren die wenigsten Leute. Man könnte also zu dem Schluss kommen, dass beide Ketten echt waren. Dass die Schwestern stets hübschen Schmuck trugen, wurde mir erst in diesem Moment bewusst: Ringe, Armbänder, Broschen und Ketten. Ob echt oder unecht, hatte ich mich nie zuvor gefragt. Für jemanden, der nach Beute Ausschau hielt, war diese Frage schon deutlich interessanter.
Die Schwestern gehörten eindeutig zur Risikogruppe. Verdammt.
»Okay, machen wir weiter«, sagte ich und nickte den Schwestern zu.
»Mal sehen«, erwiderte Käthe und studierte wieder die Liste. »Wir hätten da noch zwei Künstlerinnen, zwei wohlhabende Witwen und zwei hochrangige Militärs. Und das Fabrikantenehepaar natürlich: die Mönchhausens, Berta und Paul. Antike Möbel, schöne Gemälde, kostbares Geschirr. Beide sind sehr gesellig und laden gerne zu sich ein. Mal ein guter Wein auf der Terrasse, mal eine feine Kaffeetafel im Salon – man wird dort ganz hervorragend bewirtet. Sie spielen gerne Gesellschaftsspiele, fällt mir ein. Kurzum: Sie führen ein recht offenes Haus.«
»Klingt sympathisch«, warf Dennis ein, und die Schwestern nickten.
Cäcilie übernahm. »Unterhalten wir uns über die beiden Künstlerinnen, Olga Krasnaja und Lucia de Vitello. Olga hat eine glanzvolle Karriere als Primaballerina assoluta in mehreren großen Häusern hinter sich. Sie besitzt sehr schönen Schmuck, und das weiß jeder. Olga ist sehr diszipliniert …« Sie kicherte und fuhr fort: »Seien wir ehrlich: Sie ist ein staubtrockener, humorloser Stockfisch, eine echte Spaßbremse. Schrecklich langweilig. Lucia ist das genaue Gegenteil. Welche Kunst sie genau ausgeübt hat, ist sehr nebulös. Fakt ist wohl: Berühmte Maler haben sie porträtiert, berühmte Fotografen fotografiert. In den Swinging Sixties hat sie angeblich dem internationalen Jetset angehört und zum Beispiel in London mit bekannten Bands herumgehangen, und mehr als ein Song soll für sie geschrieben worden sein. Sie scheint genug Geld zu haben, um ein sorgenfreies Leben führen zu können, aber Genaues ist nicht bekannt.«
»Vielleicht bezahlt ja Mick Jagger ihre Miete«, sagte Dennis verträumt, »oder irgendein anderer steinreicher Mäzen. Tolle Vorstellung!«
»Und was wissen Sie über den Besitz der beiden?«, fragte Erwin die Schwestern.
Käthe zuckte mit den Schultern. »Olga soll von Bewunderern mit sagenhaften Juwelen beschenkt worden sein, aber ich weiß wirklich nicht, ob das nicht nur eine Legende ist, mit der sie ihre Vergangenheit aufpeppt. Herrje – Hansi erzählt ja auch immer die wildesten Geschichten, so sind Künstler halt. Wenn man mal in Applaus gebadet hat und berühmt war, ist es sicher schwer zu ertragen, wenn man in Vergessenheit gerät. Olgas Apartment ist übrigens zwar recht hochwertig, aber karg eingerichtet. Bei Lucia hängt ein riesiges Warhol-Porträt von ihr als junger Frau, aber ob das echt ist? Keine Ahnung.«







