Schach mit toter Dame

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»Die beiden können sich übrigens nicht ausstehen«, verkündete Cäcilie mit einer gewissen Schadenfreude, wie mir schien. »Aber dummerweise leben sie in nebeneinanderliegenden Apartments, und es gibt ständig Streit zwischen ihnen, weil beide gerne laut Musik hören. Bei Olga ist es Klassik, bei Lucia eher Led Zeppelin.« Sie warf ihrer Schwester einen schelmischen Blick zu. »Genau wie bei uns, nicht wahr? Allerdings benutzen wir Kopfhörer, um die andere nicht zu stören.«
Es bedurfte nicht viel Fantasie, um darauf zu kommen, wer von ihnen was mochte. Trotzdem fand ich es witzig, wie selbstverständlich eine Achtzigjährige über Led Zeppelin sprach. Aber wieso auch nicht? 1960 war Cäcilie in ihren Zwanzigern gewesen – warum sollte sie nicht auf Rockmusik stehen? Oder zumindest darüber Bescheid wissen?
Erwin stand auf und kam zu mir an das Flipchart. Konzentriert studierte er meine Notizen, dann wandte er sich zu den Schwestern um. »Bleiben noch die beiden wohlhabenden Witwen und die beiden Militärs.«
»Wanda Dehring und Elisabeth Hennig«, sagte Käthe. »Unterschiedlich wie Tag und Nacht. Elisabeth genießt ihr Leben und verprasst ihr Vermögen, als hätte sie einen Gelddrucker in ihrem Apartment. Mindestens einmal pro Jahr richtet sie sich komplett neu ein, zu jeder Saison geht sie Kleidung nach der neuesten Mode shoppen und verschenkt die alten Sachen. Immer vom Feinsten.«
»Aber nicht gerade Dinge, die für Diebe interessant sind«, warf ich ein. »Es sei denn, sie hat eine Sammlung dieser absurd teuren Designer-Handtaschen.«
»Nee, sie ist keine klassische Sammlerin«, erwiderte Cäcilie. »Sie mag die ständige Veränderung. Sie ist sehr großzügig mit den Dingen, die sie aussortiert. Es kann durchaus vorkommen, dat unsere Servicekraft Susi in einer von Elisabeths abgelegten Designerblusen zur Arbeit kommt. Ausgemusterte Möbel spendet sie der Diakonie, Kleidung geht an gemeinnützige Kaufhäuser, die den Erlös behalten dürfen. Wanda dagegen trägt ihre altmodischen Röcke, bis sie ihr in Fetzen vom Hintern fallen. Wenn jemand einen Igel in der Tasche hat, dann sie. In ihrem Apartment ist es ähnlich. Da ist gar nichts, dat irgendwie nach Geld aussieht. Sie hat mal gesagt, sie habe alles in Aktien angelegt.«
Erwin hatte in der Zwischenzeit frischen Kaffee zubereitet und kam mit der Kanne zurück an den Tisch. Er schenkte nach und setzte sich wieder.
»Aus dem, was Sie uns bisher erzählt haben, ergibt sich schon ein sehr lebendiges Bild Ihrer Mitbewohner«, sagte er mit charmantem Lächeln zu den Schwestern. »Das machen Sie sehr gut, meine Damen. Zwei Herren fehlen noch, wenn ich richtig gezählt habe.«
Käthe nippte an ihrem Kaffee, und Cäcilie nickte. »Unsere beiden wackeren Zinnsoldaten. Man merkt ihnen an, dass sie beim Militär waren, immer zackig und diszipliniert, die Jungs. Albert Küppersbusch ist jahrelang zur See gefahren, zuletzt als Admiral. Er weiß recht unterhaltsam zu erzählen, dat muss man ihm lassen. Justus von Dillingen ist der Vater unserer hochwohlgeborenen Residenzleiterin. Viel ist über ihn nicht zu sagen, denn er macht sich selten mit dem niederen Volk gemein, um es höflich zu formulieren. Ich bin sicher, dat ihre Bezüge hoch genug sind, um den kostspieligen Aufenthalt in der Residenz locker zu bezahlen. Ob sie irgendwelche wertvollen Gegenstände besitzen, entzieht sich meiner Kenntnis.« Sie dachte kurz nach und fügte hinzu: »Kann ich mir aber nicht vorstellen. Männer, die ihr Leben lang Uniform getragen haben und von Standort zu Standort gezogen sind, häufen nichts an. Dat ist für sie nur Ballast, könnte ich mir denken.«
»Albert hat einige Souvenirs von Einsätzen im Ausland«, fügte Käthe hinzu, »aber die sind eher von sentimentalem Wert und meist ziemlich skurril. Schrumpfköpfe, ausgestopfte Fische und dergleichen.«
Ich ging zu meinem Sessel und setzte mich, ich brauchte dringend eine Pause. Viele neue Informationen ratterten durch meinen Kopf. Automatisch dachte ich bereits darüber nach, wer ein potenzielles Opfer war und wer nicht. Am liebsten hätte ich mich in mein Büro zurückgezogen und alles ganz in Ruhe durchdacht.
Nur am Rande nahm ich wahr, dass Doris hereinkam und von Erwin mit den Schwestern bekannt gemacht wurde. Zwischen ihnen entspann sich ein lebhaftes Gespräch, von dem ich allerdings nur Wortfetzen mitkriegte, während ich vor mich hin brütete, wessen Wohnung wohl verwanzt war und wo sich vielleicht noch unbekannte Schätze versteckten.
Ob bei der Künstlerin, von der man nicht wusste, welche Kunst sie ausgeübt hatte, wirklich ein echter Warhol hing? Der wäre einiges wert, aber man würde so ein großformatiges Bild kaum unauffällig verschwinden lassen können.
Was war mit den kostbaren alten Möbeln der Mönchshausens? Auch nicht ganz einfach zu klauen, zumal sie so gesellig waren, dass viele Leute das antike Mobiliar kannten.
Doris verabschiedete sich wieder, und ich musterte unauffällig das muntere Quartett aus ihr, den beiden Schwestern und Erwin … Vielleicht sollten wir ja doch darüber nachdenken, sie in der Residenz einzuquartieren? Aber dann würde bis zu ihrem Einzug viel zu viel kostbare Zeit vergehen, ehe sie sich umhören konnte.
Nein, das war wirklich kein guter Plan.
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