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Sasina Mine
Schweizer Kurzgeschichten
Eine Frau kämpft sich durch
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Müllentsorgung und andere Fallen
Ich versteh` es einfach nicht
Ist doch `ne Hure
3 in 1
Quellensteuer
Ebbelwoi – verzweifelt gesucht
Da, wo keiner einkaufen geht
Eine Bähnlifahrernation kommt ins Zeitalter der Ticket-Apps
Die Schweiz und Corona
Der Schweizer Traummann
Impressum neobooks
Ja, da war ich also frisch in der Schweiz gelandet. Und frisch in meiner kleinen Wohnung: ein Zimmer, mit offener amerikanischer Küche. Was grösseres kann man sich bei den Preisen ja auch gar nicht leisten…
Der Mietvertrag sprach zwar von 1,5 Zimmern. Aber wo das halbe Zimmer war, konnte ich beim besten Willen nicht entdecken. Vielleicht der kleine Flur ? Denn ansonsten war da echt nix.
Aber dafür fehlten dann im Mietvertrag die Quadratmeterangaben. Quadratmeter gibt es in der Schweiz anscheinend nicht. Nur imaginäre halbe Zimmer… Aber ich will mich ja nicht beschweren – ich war ja froh, endlich eine Wohnung zu haben. Die Monate davor hatte ich in einer Art Pension gewohnt – „Bauernhof Blauschild“. Kein wirklicher Bauernhof - eine Art bezahlbares Hotel für sogenannte „Expatriates“. Also so Leute wie ich, die zum Arbeiten in die Schweiz gekommen sind. Auf Dauer geht das natürlich nicht: Viiiel zu klein, viiiiel zu eng, und kostet dennoch viel zu viel Geld.
Also bin ich abends, nach der Projektarbeit, auf Wohnungsbesichtigung gegangen. Wobei die Wochenenden jeweils davor natürlich erst einmal mit Wohnungssuche draufgegangen waren. Weitestgehend elektronisch, aber durchaus auch papieren: in lokalen Zeitungsblättchen halt.
Nicht gerade die Form des Freizeitvergnügens, das man sich nach einem anstrengenden Arbeitstag wünscht, oder das man dauerhaft betreiben möchte.
Und so eine Wohnungsbesichtigung in der Schweiz ist ein wirklich spannendes Unterfangen. Da steht man mit vieeelen – ganz vielen !!! – anderen Leuten vor der Wohnungsbesichtigungsadresse. (Und das war noch mitten im Winter… .) Irgendwann, in der Regel kurz vor der angegebenen Uhrzeit, kommt jemand von der Wohnungsverwaltung, öffnet die Wohnungstüre und lässt die besichtigungswütigen Wartenden ein. Dann darf man sich umschauen, und – bei Interesse – ein bereitliegendes Bewerbungsblatt, und ein Informationsblatt, mitnehmen. Und was man alles so braucht, wenn man sich in der Schweiz als Mieter*in für eine Wohnung bewerben will:
- ein Bewerbungsdossier
- einen aktuellen Betreibungsregisterauszug
- die Aufenthaltsbewilligung
- möglichst Empfehlungsschreiben und Referenzen, Lohnausweis und/oder Arbeitsvertrag
Immerhin braucht es keinen Lebenslauf für eine Wohnungsbewerbung. Und auch Blutgruppe oder Schuhgrösse wurde noch nie gefragt.
Den Betreibungsregisterauszug muss man sich natürlich beim Amt ausstellen lassen – kostet die entsprechende Gebühr. Die Schweiz hat halt schon ein einnehmendes Wesen !
Empfehlungsschreiben und Referenzen sind natürlich meist nur KANN Forderungen des Vermieters – aber real hat man ohne keine Chance. Analoges gilt für Lohnausweis/Arbeitsvertrag. Erst recht, wenn man kein Schweizer, sondern Ausländer ist. Denn so ein Ausländer – egal aus welchem Land er kommt - könnte ja einfach nach Hause verschwinden, und nicht bezahlen.
(Klar – das mit dem Verschwinden ist mein Plan ! Deshalb bin ich ja auch extra hergekommen… ) Aber Logik hilft da irgendwie nicht wirklich weiter…
Sehr schnell habe ich aber herausgefunden, dass man auf diese Weise Wochen und Monate „verbraten“ kann, ohne vom Fleck zu kommen. Denn wenn man den Hausverwaltungen erst einmal alle Unterlagen zugestellt hat, versinken sie in eine Art „Glaskugellesen“. Mit völlig unvorhersehbarem Ergebnis. Meist hört man wochenlang nichts mehr von ihnen (oder auch gar nicht mehr). Wenn man anruft und nachfragt, heisst es meist nur: „Ja, das ist noch im Prozess.“ Ja, ich sag`s doch: „Glaskugel-Lese-Prozess“.
Also habe ich recht bald schon nur noch nach Wohnungen gesucht, die schon länger „auf dem Markt“ waren. Also offensichtlich nicht so leicht zu vermieten. Meist elektronisch. Bei einer Wohnung hatte ich Glück: Da hat der Hausmeister des (kleinen) Hochhauses mir die gezeigt. Und den hab` ich dann auch gleich gefragt, was ich tun könnte, um die Verwaltung zu überzeugen, mir die Wohnung zu geben. Und er sagte: „Sie könnten darauf verzichten, eine 2. Reinigung für den Fleck auf dem Teppich zu fordern. Und erklären, dass Sie die Wohnung so nehmen.“
Das hab` ich dann auch so gemacht. Und die Wohnung bekommen. Hipp, hipp, hurra !!!
Also, endlich eingezogen ! Und wie von zu Hause gewohnt, habe ich eine Plastiktüte in meinen Mülleimer getan. Als ordentliche Mieterin habe ich dann meine Plastiktüte, sobald voll, gepackt und zur Mülltonne getragen. Die war eher ein Müllcontainer. Aber na gut: Auch so was kennt man ja. Und halt hineingeschmissen.
Und dann geschah etwas seltsames… Flugs, wie von unsichtbarer Hand dahin gezaubert, stand plötzlich ein kleines Männlein neben mir. Und sagte, in verkrampftem Hochdeutsch, das dennoch den Dialekteinschlag nicht zu verleugnen vermochte: „Das dürfen Sie aber nicht.“ zu mir. Der Zeigefinger des kleinen Männleins schnellte in die Höhe, die Stimme erhob sich: „In diese Behälter dürfen nur Müllsäckli des Kantons ABC entsorgt werden !“
Ich schien da etwas nicht so ganz richtig gemacht zu haben. Auch war ich der Ansicht, ich solle mich besser nicht mit einem „Eingeborenen“ anlegen. Zumal ich ja noch gar nicht so lange in der Schweiz war und mich nicht auskannte.
Ich entschuldigte mich also, zog meine Plastik-Mülltüte wieder aus dem Container und fragte: „Ja, und wo bekomme ich so Müllsäcke des Kantons ?“ Das Männlein, offensichtlich zufriedengestellt ob meiner raschen Reaktion, antwortete freundlich: „Bei jedem Kiosk. Oder im Supermarkt.“Ich bedankte mich für die Auskunft – und das Männlein verschwand so flugs, wie es gekommen war.
Also, da war mein Plan für den kommenden Montag, nach der Arbeit, ja schon mal klar: Einen Kiosk finden und solche „Kantonsmüllsäcke“ kaufen. Damit ich meinen Müll endlich ordnungsgemäss entsorgen konnte und nicht in meiner Wohnung stapeln musste. Das war dann gar nicht so schwierig – die Müllsäcke dafür aber überraschend teuer. Ja, wie sagte ich: Die Schweiz hat eben ein einnehmendes Wesen !
Und ich hatte ja nun schon eine ganze Menge Dinge von der Schweiz:
- meine Aufenthaltsbewilligung
- eine Mietwohnung
- ein Bankkonto
Wahnsinn !!!
Ein Expatriate-Kollege aus Deutschland hatte mir freundlicherweise seine Werkzeugkiste geborgt, so dass ich ein paar Dinge in meiner frischgebackenen Mietwohnung richten konnte. Einen Kreuzschraubenzieher hatte ich dabei leider kaputt gemacht, also sagte ich: Ach, gib` mir Deine Kontonummer und die Bankleitzahl – dann überweise ich Dir das Geld - in Schweizer Franken natürlich. Für einen neuen Schraubenzieher (und noch ein kleines „Dankeschön !“ für die Werkzeugleihe dazu).
Gelächter war die Antwort. „In der Schweiz gibt es keine Bankleitzahlen.“ 1
Erst dachte ich: Das kann doch gar nicht sein. Wie machen die das denn bei z.B. Überweisungen ? So ohne Ordnungskriterium für ein Bankinstitut ? Die können doch nicht landesweit komplett unterschiedliche Kontonummern haben, so dass bei jedem Konto eindeutig klar ist, welche Bank es führt ?
Dann wurde mir klar, dass die Schweiz ja nicht so gross ist. Und dass das hier vielleicht durchaus so funktionieren könnte. Aber ganz so ist es auch nicht. Die Schweiz macht es halt nur anders. Wie ich übrigens im Laufe der Zeit gemerkt habe, dass die Schweiz alles anders macht. Schon aus Prinzip.
Wer die Details wissen will, der googele mal nach „Referenznummer“ und „Bank-Clearing-Nummer“. Auch die Schweiz hat Ordnungskriterien. Nur eben andere…
Dass die Schweiz ein anderes Steckersystem hat als Deutschland, weiss man ja. Praktisch ist, dass man die Eurostecker auch in zwei Pole der dreipoligen Schweizer Steckdose stecken kann. Aber nicht alle meine elektrischen Haushaltsgeräte hatten Eurostecker: mein Fön nicht. Meine Kaffeemaschine nicht. Also: da mussten Adapter her. Gesagt, getan.
Das klappte dann auch problemlos.
In meiner Wohnung waren flache Mehrfachsteckdosen an der Wand. Drei dreipolige Einsteckmöglichkeiten waren gesamt in so einer Mehrfachsteckdose. Das war praktisch, fand ich.
Aber an einer der Einsteckmöglichkeiten – links unten – war so ein merkwürdiges Zeichen: ein bisschen wie ein Spermium, das kurz vor einer zu befruchtenden Eizelle ist. Da hatte ich nie Strom, so oft ich da tagsüber auch meinen Staubsauger oder anderes einsteckte. Bis ich irgendwann abends, bei Licht, saugen wollte. Und, siehe da: Da ging es auf einmal ! Überraschung !
Diese Steckdose war mit dem Lichtschalter gekoppelt !!! Und hatte nur Strom, wenn das Licht eingeschaltet war.
Naja – da hab` ich den Sinn nicht ganz verstanden, zugegeben. Habe diese Steckdose auch nur im Notfall benutzt – und nur zum Staubsaugen. Hab` ihr irgendwie nicht ganz getraut…
Ich versteh` es einfach nicht
Tja, mein Vorstellungsgespräch für meinen Expatriate-Job war ja noch auf Hochdeutsch. Wie auch das Telefonat vorher, das zu dem persönlichen Vorstellungstermin führte. Also so, dass man alles und vor allem sich gegenseitig verstehen konnte. Ich habe mich zwei Schweizer Teamleitern des Unternehmens vorgestellt – und der eine hat mich dann in sein Team genommen. Der andere hätte mich zwar auch gerne gehabt – aber bei dem einen war der Bedarf wohl dringender.
Mein Pech, muss ich im Nachhinein sagen. Mit dem anderen wäre ich wahrscheinlich besser ausgekommen. Denn der eine mochte mich irgendwie nicht. Oder er mochte Expatriats generell nicht: Sein gesamtes Team bestand nur aus ausländischen Expatriats – er war der einzige Interne. Und nur darum wahrscheinlich der Teamleiter.
Nach der Zusage durch das Unternehmen einigte man sich auf den Tag des Arbeitsstarts: Der war dann schon am nächsten Montag. Da zeigte mein „neuer Chef“ mir dann das Wesentlichste des neuen Arbeitsinhaltes, die Tools, mit denen gearbeitet wurde etc. Und erklärte noch auf Hochdeutsch. Das war dann aber auch das Ende der „Schonzeit“. Er meinte dann: „Und ansonsten rede ich so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Wenn Du etwas nicht verstehst, musst Du halt fragen.“
Und der kam aus einer ländlichen Gegend – nicht Stadt Zürich oder so. Sein Dialekt war - naja: speziell…
Zum Glück haben in dem Unternehmen viele ausländische Expatriates gearbeitet, und auch viele der internen Mitarbeiter waren keine Schweizer oder hatten ausländische Heimatwurzeln. Zudem hat das Unternehmen mit der spanischen Unternehmensschwester zusammengearbeitet. So waren viele spanische Mitarbeiter für ein oder zwei Jahre in die Schweiz entsandt. Und all die konnten natürlich auch kein oder wenig Schweizerdeutsch, so dass man schon auch auf Hochdeutsch oder Englisch kommunizieren musste, damit man einander verstand. Gott sei Dank – das machte mir das „Überleben“ möglich.
Doch mir war klar, dass das kein Dauerzustand sein konnte und ich so schnell wie möglich Schweizerdeutsch verstehen lernen musste. Sprechen nicht unbedingt: da hatte ich verschiedene Aussagen zu. Oft wurde gesagt, dass die Schweizer Leute das eher als Nachahmen, als Verspotten, als lächerlich machen empfinden, und nicht positiv - als Bemühung um Anpassung - werten. Also entschied ich mich, auf das Sprechenlernen zu verzichten. Es sollte ja schon authentisch sein. Ausserdem wäre ich mir selber blöd vorgekommen: mir war ja klar, dass ich niemals so reden würde, wie jemand, der in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist.
Was macht man also, wenn man die Sprache verstehen lernen will, die Arbeitskollegen aber überwiegend auch Expatriates sind und die Schweizer Arbeitskollegen sicher kein Interesse daran haben, einem das Verstehen des Schweizerdeutschen näherzubringen ?
Man hört viel Radio… Zumindest habe ich das gemacht: Ich hatte kein TV da, wo ich untergebracht war. Und Mobiltelefone waren noch nicht so verbreitet wie heute – heutzutage würde man da wahrscheinlich eine App zu Rate ziehen. Oder auf YouTube auf die Suche gehen. Oder so.
Aber das mit dem Radio hatte immerhin den Vorteil, dass ich verschiedene lokale Schweizer Dialekte hören konnte. Am wichtigsten war natürlich das Idiom der Gegend, in der ich gerade war.
Und so habe ich dann also den Grundstock des Verstehens der Schweizer Sprache gelegt.
Was auch hilft, ist, am Anfang in verschiedenen Regionen der Schweiz zu arbeiten. In meinem Falle: in verschiedenen Regionen in der Deutschschweiz. Französisch oder Italienisch konnte ich ja eh` nicht – in die Romandie oder das Tessin habe ich mich also gar nicht getraut…
Im alltäglichen Leben war das Erlernen der Dialekte sowieso schwierig: Sobald ein Schweizer, mit dem man sich unterhielt, ein Antwort in deutscher Sprache bekam, „schaltete“ er (oder sie) automatisch auf Hochdeutsch um. Ganz ohne willentliche Entscheidung – einfach automatisch. Auch, wenn ich extra sagte „Ach, bitte sprechen Sie doch weiter Schweizer Deutsch. Das hilft mir, es verstehen zu lernen“.
Keine Chance – spätestens zwei Antworten weiter war der Schweizer Gesprächspartner (oder die Gesprächspartnerin) wieder beim Hochdeutsch.
Aus meiner Sicht sind die Spiegelneuronen bei der Schweizer Bevölkerung ein bisschen stärker ausgeprägt als bei vielen anderen Nationen. Das ist - so denke ich – die Ursache des „automatischen“ Umschaltens.
Und damals war es wohl auch ein Zeichen von Höflichkeit, eben nicht Schweizerdeutsch zu sprechen, wenn man merkte, dass der Gesprächspartner es nicht kann.
Das ist heutzutage deutlich anders: Inzwischen wird Schweizerdeutsch von Schweizer Seite auch ganz bewusst als sprachliche Waffe gegen die ungeliebten Ausländer eingesetzt. Frei nach dem Motto: „Vielleicht versteht er/sie es nicht – und so werden wir ihn/sie dann los, vertreiben ihn/sie aus der Schweiz.“
Aber naja: Inzwischen verstehe ich es ja…
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