- -
- 100%
- +
»Zum Kauf oder als Leasing?«, fragte er mich.
Aha, der Kunde wurde anscheinend bereits bei der ersten Frage klassifiziert und in Schubladen gesteckt. Hätte er mich gleich fragen sollen, wie viel Geld ich auf dem Konto hatte?! Irgendwie amüsierte mich die Situation.
»Ich würde gerne ein praktisches, kleines Auto kaufen, wenn geht, gebraucht, nicht älter als drei Jahre. Allerdings bin ich nicht gleich davon ausgegangen, mit einem Truck nach Hause zu fahren«
Der Verkäufer leckte sich kurz die Lippen, als er das Wort „kaufen“ hörte und ich könnte schwören, winzig kleine Dollarscheine in seinen Pupillen erkannt zu haben.
»Ich bin eher auf der Suche nach einem kleineren Wagen, einen VW Polo, oder so?« Ich war mir aber ziemlich sicher, dass ich mit solch einem Auto nicht nach Hause fahren würde.
»Wenn Sie mir eines glauben können, ist es die Tatsache, dass Sie in ganz Island keinen VW Polo finden werden. Bitte vertrauen Sie mir, wenn Sie den Winter hier überleben möchten, dann würde ich Ihnen dazu raten, sich die großen Jungs hier anzusehen«, sagte er stolz und zeigte auf die Ausstellfahrzeuge. Von Jeep, Nissan, Kia, Opel bis BMW, VW und Audi, alles was einen Namen hatte, war hier bunt vertreten und stehts in XXL-Ausführung.
»Na ja, einen Blick kann ich ja mal darauf werfen«, sagte ich verunsichert, wusste aber insgeheim, dass der Verkäufer recht hatte. Die Winter hierzulande waren sehr lang und rau. Ich lebte hier quasi am Nordpol und wollte mich im Straßenverkehr sicher bewegen.
Tja, das waren auch schon meine letzten Worte, bevor ich eine halbe Stunde später in meinem nigelnagelneuen, moosgrünen Jeep das Autohaus verließ. Hoch über dem Boden schwebend und mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht, der mich selbst überraschte, düste ich die Straße hinunter Richtung Mall. Der Autoverkäufer hatte nicht nur einen guten, sondern einen ausgezeichneten Job gemacht. Seine Monatsprovision war ihm jetzt schon sicher. Doch alles in allem hatte ich mich vollkommen richtig entschieden. Der isländische Winter ließ mir keine andere Wahl.
»Carpe diem, Tessa! Carpe diem!«, sagte ich leise zu mir.
»Das hast du dir so was von verdient!«
Das Fahren in diesem Monstrum bereitete mir solch eine Freude, dass ich deutlich spürte, wie meine Wangen zu glühen begannen. Rechte Kurve, linke Kurve, in den Außenspiegeln konnte ich den Pulverschnee in allen Richtungen davonspritzen sehen. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das ins Bällebad hüpfen durfte.
Plötzlich huschte vor meinen Augen ein schwarzes Etwas vorbei! Direkt vor mein Auto!
VOLLBREMSUNG!!!
Ich schrie erschrocken auf, der Jeep geriet ins Wanken, Spurhaltung ade! Wie in Zeitlupe konnte ich erkennen, wie ich mich im Uhrzeigersinn zu drehen begann. Die Umgebung drehte sich im Kreis, weiße Landschaft, Bäume, weiße Landschaft, Bäume … Ich hielt das Lenkrad so fest, dass sich sogar meine kurz geschnittenen Fingernägel ins Leder zu bohren begannen. Das war’s dann wohl mit meinem neuen Wagen, wie gewonnen, so zerronnen. Im Radio lief „At last“ von Etta James. Das Auto drehte sich rhythmisch im Takt zur Musik. Das hatte beinahe schon etwas von einer gefühlvollen Tanzeinlage auf dem Eis, wie im Eiskunstlauf. Was für eine absurde Situation! Ich kam von der Straße ab und landete mit einem lauten Knall im nächstgelegenen Schneehaufen!
Stille.
Ich wagte es nicht mal, mich zu bewegen. War ich verletzt? Gelähmt oder etwa tot?!
»Tessa, jetzt mal tief durchatmen!«, ermahnte ich mich mit einem leicht panischen Unterton. Ich öffnete die Augen, bewegte vorsichtig meine Finger, meine Arme, meine Beine und hob schließlich ganz langsam den Kopf. O. k., soweit ich das beurteilen konnte, war ich o. k. Meine Hände zitterten, ich spürte wie das Adrenalin durch meine Adern zischte.
»Oh, mein Gott, Miss, alles o. k?!«, hörte ich draußen jemanden rufen. Eine männliche Stimme. Warum nannten mich alle nur »Miss«?. Das war auf so vielen Ebenen falsch, aber eigentlich sollte es mir schmeicheln. Er hämmerte gegen meine Fensterscheibe und versuchte den Schnee wegzuwischen.
»Hallo?!! Ja, ich bin hier drinnen!«, rief ich instinktiv zurück.
»Ich hole Sie hier raus! Nur keine Panik!«, antwortete der Fremde.
»Ist gut! Ich warte dann so lange.«
Herrgott, wie peinlich, Tessa! Sehr intelligente Antwort. Na klar, wo sollte ich denn sonst hin? Ich war ja regelrecht im Auto gefangen. Schamesröte stieg mir ins Gesicht.
Der nette Helfer schaffte es irgendwie mit viel Mühe und Not, die Fahrertür mit den Händen vom Schnee freizuschaufeln und öffnete sie mit einem kräftigen Ruck. Da ich mich dagegenstemmte, um ihm zu helfen, plumpste ich im gleichen Moment hinaus und fiel hochkant auf ihn drauf! Gemeinsam fielen wir wie ein Fleischklops in den Pulverschnee.
Er landete rückwärts im Schnee und ich klatschte recht tollpatschig auf ihn drauf.
»Ähm, hallo. Ich meine, danke!«, stammelte ich vor mich hin.
Mit einem breiten und gleichzeitig unwiderstehlichen Lächeln sah er mich an. Unsere Gesichter waren nur fünf Zentimeter voneinander entfernt, ich konnte seinen warmen Atem spüren.
»Gern geschehen«, antwortete er.
Oh, mein Gott! So nah war ich einem männlichen Wesen sage und schreibe seit Jahren nicht mehr gewesen! Er lag einfach nur da und machte keine Anstalten, sich von mir wegzubewegen. Er fand unsere verzwickte Lage sehr amüsant und lächelte mich unentwegt an. Dumpfe, stampfende Geräusche lenkten mich plötzlich ab und mit einem Mal sprang mich wie aus dem Nichts ein schwarzes, nasses Fellknäuel an.
»Schleck!«
Seine feuchte Zunge schlabberte alles ab, was sie erwischen konnte und landete auf meinem Gesicht. Das kitzelte überall und ich konnte nicht anders, als mich zur Seite zu rollen und kichernd den Überfall über mich ergehen zu lassen.
»Magnus, runter! Komm her!«, befahl er dem schwarzen Riesen mit einem leicht amüsierten Unterton.
Der Hund sprang auf und befolgte brav die Befehle. Hechelnd, mit seiner heraushängenden rosaroten Zunge, die fast bis zum Boden reichte, saß er neben seinem Herrchen und beide sahen mich an. Was für ein zuckersüßes Duo, da kriegte man fast Diabetes!
»Danke! Vielen Dank, dass Sie so schnell zur Stelle waren und mir geholfen haben«, bedankte ich mich und wischte mir dabei den warmen Hundesabber aus dem Gesicht. Glitschig!
»Na ja, zur Stelle ist gutgesagt«, gab er zurück.
»Magnus ist Ihnen vors Auto gelaufen. Ich weiß nicht, wie er sich von seiner Leine befreien konnte. Das ist so untypisch für ihn! Das hat er bisher noch nie gemacht«, sagte er und kraulte seinem Hund neckisch die Ohren.
Mamma Mia! Was für ein Mann! Ich stand einfach nur da und konnte nicht aufhören, ihn anzustarren. Er war groß! Sehr groß. Er hatte breite Schultern, große Hände und mit Sicherheit eine Schuhgröße von mindestens 50. Ich schämte mich fast dafür, wohin meine Gedanken plötzlich abschweiften, als ich die Relation der Körperteile berücksichtigte! Dunkelblondes Haar, zu einem Man Bun zusammengebunden, dichter, aber gepflegter Bart und stahlblaue Augen machten ihn auf jeden Fall zu einem richtigen Hingucker. Ein gepflegtes Äußeres und ein warmherziges Inneres. Wenn man ihn so ansah, konnte man ihm mit Leichtigkeit zutrauen, mein Auto mit nur einem Arm hochheben zu können! Ein richtiger Wikinger wie aus meiner Lieblingsserie Vikings. Ragnar Lothbrock war ein Winzling dagegen, kein Wunder, dass er allein die Schneemassen mit seinen bloßen Händen wegeschaufeln konnte. Durchatmen, Tessa, tief durchatmen.
»Hi, ich heiße Raik. Magnus haben Sie ja bereits kennengelernt«, stellte er sich vor und reichte mir die Hand. Ich nahm seine Hand und schüttelte sie so lange, dass es uns fast schon peinlich wurde. Leicht irritiert ließen wir voneinander los.
»Hallo, bitte duzen wir uns. Tessa. Mein Name ist Tessa. Vielen Dank noch mal. Du hast mir das Leben gerettet«, gab ich zurück und lachte ihn an.
»Bist du verletzt? Geht es dir gut?«, fragte er besorgt nach.
»Danke, aber soweit ich es beurteilen kann, geht es mir gut. Mein Herzschlag hat sich Gott sei Dank auch schon normalisiert. Gut, dass Magnus nichts geschehen ist. Das ist das Allerwichtigste«, antwortete ich.
»Ich bin Tierarzt, kein Humanmediziner, aber wenn du möchtest, kann ich dich gerne ins nächstgelegene Krankenhaus für einen schnellen Check-up hinfahren, nur um sicherzugehen«, bot er mir an.
»Nein, danke! Alles in bester Ordnung. Ich muss den Schreck mal verdauen, es geht mir wirklich gut. Ich denke, ich werde ganz vorsichtig nach Hause fahren und mir einen heißen Tee kochen«, antwortete ich und lächelte ihn an.
»Ein sicheres Fahrzeug hast du ja schon mal«, sagte er und betrachtete interessiert den Jeep. Er umrundete mein Fahrzeug und stellte erleichtert fest, dass das Auto nichts abbekommen hatte.
»Danke, das Auto habe ich mir vor nicht länger als dreißig Minuten gekauft«
»Da hast du einen ausgezeichneten Kauf getätigt! Kaum auszudenken, was sonst alles hätte passieren können«, antwortete er und fuhr sich mit den Händen durchs Haar.
»Ja, das stimmt«, pflichtete ich ihm bei.
»Na dann, komm gut nach Hause. Vielleicht läuft man sich ja wieder über den Weg«, verabschiedete er sich freundlich.
Ich hätte schwören können, er wollte noch etwas sagen. Etwas Eigenartiges lag in der Luft … Das konnte ich definitiv spüren.
»Ja, vielleicht. Auf Wiedersehen und danke noch mal«, verabschiedete ich mich ebenfalls und stieg in meinem Jeep. Ich fuhr langsam los und blickte in meinen Rückspiegel. Er stand noch immer wie angewurzelt da und schaute mir nach. Magnus auch. Ich beobachtete die beiden so lange, bis ich bei der nächsten Kreuzung abbog.
Ich fuhr schnurstracks nach Hause. Keine Umwege mehr, die Einkäufe mussten ein anderes Mal getätigt werden. Der Zwischenfall hatte mir einen richtigen Schrecken eingejagt. Trotzdem musste ich schmunzelnd zugeben, dass der Vorfall auch eine angenehme und unerwartete Wendung genommen hatte. Der wilde Mann und sein Hund. Was für eine Begegnung! Meine Hände wurden bei dem Gedanken immer noch feucht.
Am liebsten wäre ich nochmal zurückgefahren und hätte ihn gefragt, ob er auch gerne Tee trinke. Aber nein, das wäre vollkommen ausgeschlossen, denn Männer kamen für mich in meiner jetzigen Situation definitiv nicht in Frage. Noch nicht. Instinktiv schüttelte ich den Kopf, um mich wieder zu besinnen, und konzentrierte mich auf die Straße.
Ich betrachtete mich im Spiegel. Graugrüne, traurige Augen sahen mich an. Wo ist das Feuer geblieben? Ich war zu jung, um mit diesem Thema abzuschließen. So unverbraucht noch, so wenig erlebt und doch so übersättigt von Geschehenem. Mein Herz wurde bereits einmal gebrochen, ein zweites Mal durfte so etwas nicht wieder passieren.
Ich musste meine Lebensfreude wiederfinden. Ich spürte, dass das Feuer tief in mir drinnen noch nicht ganz erloschen war. Es loderte es immer noch, ich musste es nur vor dem Erlöschen retten.
Zuhause angekommen, machte ich mir einen heißen Tee, nahm mir die kuscheligste Decke, die ich im Haus finden konnte, und ging raus ins Freie.
Die kleine steinerne Terrasse mit zwei Stühlen und einem runden, kleinen Steintisch war das i-Tüpfelchen. Der Ausblick? UNBEZAHLBAR!
Vor mir erstreckte sich der gesamte Nordatlantik in seiner vollen Pracht. Nicht einmal der eiskalte Winter konnte seine Schönheit schmälern. Der Nordwind frischte auf und begann die Wellen aufzuwühlen. Sie peitschten mit unerbittlicher Kraft gegen den Küstenhang, der sich rechtsseitig kilometerlang vor meinen Augen erstreckte. Alles begann zu schäumen, der Wind spielte mit meinen offenen Haaren und wirbelte sie in alle Richtungen. Ich schloss meine Augen und genoss die Laune der Natur. Was für ein einziges Naturschauspiel! Ich dachte nur, wie schön mussten der Sommer und der Herbst erst sein, wenn mir bereits der Winter vor lauter Schönheit die Luft zum Atmen nahm?!
3 Raik
Da es wieder zu schneien begann, machten Magnus und ich uns hastig auf den Weg nach Hause. So einen unvorhergesehenen Zwischenfall konnten wir uns nicht noch einmal leisten. Magnus’ Adrenalinspiegel ließ ihn wortwörtlich fünf Zentimeter über dem Boden schweben und ich spürte meine Finger vor lauter Kälte fast nicht mehr. Hätte ich doch meine Fäustlinge mitgenommen. Wer konnte schon ahnen, dass ich heute noch in den Genuss kommen würde, einen riesigen Berg Schnee mit meinen bloßen Händen wegzuschaufeln? Der kurze Spaziergang mit Magnus entpuppte sich definitiv als Highlight der Woche, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben würde.
Ich war noch richtig benommen. Als ich den Zwischenfall gedanklich nochmal durchging, war ich einfach nur erleichtert, dass niemandem etwas zugestoßen war. Weder Magnus noch … Wie hieß sie noch mal?
»Tessa«, flüsterte ich leise vor mich hin.
Was für eine Naturgewalt! Sie fiel aus dem Auto direkt auf mich drauf. Wie ein wild gewordener Feuerball flammten Ihr Haare auf, fielen auf mein Gesicht und liebkosten mich. Ich hatte ihren Duft immer noch in meiner Nase. Ihre kühlen, graublauen Augen hatten sich in Sekundenschnelle in mein Innerstes gebohrt. Was für ein heftiges Erlebnis, das ich schon seit Langem nicht mehr erleben durfte.
Was war passiert? Wie konnte diese zarte Schönheit mir in die Arme fallen, um sich dann doch wieder in Luft auflösen? Ich hätte mir wortwörtlich in den Hintern beißen können, dass ich nicht daran gedacht hatte, sie auf einen Kaffee einzuladen. Tee war nicht so meins.
Die letzten vier Jahre Singledasein hatten mich nicht wirklich zum Casanova gemacht. Klar, mir fehlte es an nichts, und ich hatte in der letzten Zeit auch einige kurze Bekanntschaften gemacht, doch irgendwann hatte ich enttäuscht feststellen müssen, dass ich genau „die eine Frau“, die ich vergeblich suchte, noch immer nicht getroffen hatte. Die Tierarztpraxis lief mehr als zufriedenstellend, die Patienten gingen ein und aus, doch die Zweisamkeit fehlte mir allmählich. Nicht nur das Körperliche, mehr das miteinander Lachen, Fernsehabende auf der Couch mit einer Tüte Chips, das gemeinsam Einschlafen und wieder Aufwachen. Ich vermisste die menschliche Wärme.
Ich hätte Tessa noch ein wenig aufhalten sollen, sie um ihre Nummer fragen. Stattdessen stand ich nur da und schaute zu, wie sie davonfuhr. Ich stand einfach nur da und ließ sie davonfahren. Tschüss, und auf Wiedersehen! Ich hätte mich dafür ohrfeigen können! Der irre Gedanke, sie eventuell doch noch von Magnus aufspüren zu lassen, ließ mich plötzlich auflachen. Es war zwar ein guter Schnüffler, doch das klang schon ein wenig krankhaft. Ich wollte doch nicht als Stalker abgestempelt werden.
»Magnus, dein Herrchen dreht jetzt völlig durch. Komm, gehen wir rein, es wird richtig ungemütlich hier draußen«, sagte ich zu Magnus und sperrte die Ordinationstür auf.
Magnus lief sofort hinein, schüttelte sich kräftig durch, machte sich über die Stufen auf zum oberen Wohnbereich. Es war sehr praktisch, die Tierarztpraxis und meine Wohnung in einem Haus zu haben, das ersparte mir schließlich den täglichen Arbeitsweg.
Im Wohnzimmer angekommen, schenkte ich mir einen Schluck Brennivin ein, um mich ein wenig aufzuwärmen. Genau das brauchte ich jetzt. Magnus machte es sich vor dem Kamin gemütlich und fing sofort an zu schnarchen. Harter Tag für ihn. Hund müsste man sein!
Ich ging nachdenklich zur Fensterfront, die mir einen unglaublichen und atemberaubenden Blick auf den gesamten Horizont freigab. Genau deswegen wollte ich an dieser Stelle keine Wand, die mir die Sicht nach draußen verdeckte. Nur Glas. Riesiges, dreifachverglastes Sicherheitsglas, das einem Schaufenster ähnelte. Meine Seele brauchte Raum, musste sich frei entfalten können. Ich blickte nach draußen und ließ meine Gedanken schweifen. Unendliche Weite.
Da war er, der unbändige und gleichzeitig wunderschöne Ozean, der schon damals meinen Vorfahren das Zittern beibrachte und Respekt einflößte. Trotzdem lernten sie schnell, die Natur zu ihrer Verbündeten zu machen. Sehr oft fühlte ich diese Verbundenheit zu meinen Ahnen. Ich liebte es sehr hier zu sein und fühlte mich gesegnet, in diesem wunderschönen Land leben zu dürfen. Ja, ich war ein stolzer Isländer, der tief verwurzelt war. Manche Menschen hatten eine derartige Verbundenheit nicht, bei mir war es anders und dafür war ich dankbar.
Ein Sturm kam auf. Die tiefschwarzen Wolken verschmolzen mit den tosenden Wellen. Der Horizont war fast nicht mehr zu erkennen und die klaren Linien schienen miteinander zu verschmelzen. Alles schäumte und wütete, wie ein wildgewordener Dämon, der seiner Laune freien Lauf ließ. Manchmal spiegelte das Meer mein Innerstes wider. Ich erkannte mich oft darin, und auch wenn es lächerlich klang, das Wasser zu beobachten war meine Medizin. Auf diese Art und Weise konnte ich am besten abschalten und meine Gedanken neu ordnen. Nichts war für mich beruhigender als das. Die Natur war von Anfang an ein heiler Ort gewesen, so rein und aufrichtig. So rein.
Ich nahm noch einen kräftigen Schluck und spürte, wie der Schnaps eine warme Spur beim Schlucken hinterließ.
Was für ein Tag!
4 Tessa
Die darauffolgenden Tage verliefen Gott sei Dank komplikationslos. Keine Unfälle, keine Stürze, keine Hormone. Ich hatte es endlich geschafft, meinem neuen Zuhause eine eigene Handschrift zu verpassen. Einige Dekorationselemente, neue Vorhänge, Zimmerpflanzen und vor allem viele, gute Bücher. Ich fühlte mich mittlerweile so wohl, dass ich das Haus nur mehr für die notwendigsten Besorgungen verließ. Ich genoss meine neu gewonnene Freiheit und vor allem die Ruhe.
Mein Alltag bestand hauptsächlich darin, es mir jeden Tag mit zwei, drei Büchern auf der Fensterbank gemütlich zu machen, mich in meine Kuscheldecke einzumummeln und literweise grünen Tee zu trinken. Ich las viel über die Geschichte Islands, den rauen Norden. Über den Lebensraum in der ewigen Kälte und die Kompromisse, die die Menschen hier Tag für Tag mit der Natur eingehen mussten, um zu überleben. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wie vielfältig und beeindruckend Flora und Fauna hier waren. Alles war neu für mich und so hatte ich viel zu entdecken.
Diese Ruhe hatte mir sehr gefehlt. Für Außenstehende musste ich wie eine Schmetterlingspuppe in einem Kokon aussehen, bereit für die Metamorphose. Meine Verwandlung hatte bereits begonnen, war aber noch lange nicht vollbracht. Solch eine Entwicklung brauchte viel Zeit und Geduld, genau wie meine geschundene Seele.
Ich dachte manchmal auch über Haustiere nach, vielleicht eine Katze oder ein Frettchen, doch solange ich noch keine Arbeit hatte, konnte ich diese Entscheidung noch ein wenig aufschieben. So weit war ich noch nicht. Ich wollte mich nicht schon wieder binden. Weder emotional noch vertraglich. Meine Wunden mussten erstmal heilen, die Narben waren noch viel zu frisch.
Nichtsdestoweniger durchforstete ich gelegentlich die Stellenausschreibungen in der Lokalzeitung. Ich sollte wirklich mal in Erwägung ziehen, mir ein Tablet zu kaufen und online zu gehen. Das würde mir einiges erleichtern. Die Digitalisierung war ein Segen, doch gleichzeitig auch ein Fluch. Sollte ich meinen Namen ändern lassen? War das wirklich notwendig?! Es war unbeschreiblich schwer, das Geschehene zu vergessen und gefühlsmäßig neu anzufangen. Doch wie hieß es so schön? Die Zeit würde alle Wunden heilen, sogar meine …
Es wurde schon spät! Ich ging langsam zu Bett und wusste, dass es nicht besonders lange brauchen würde, bis ich eigeschlafen war. Das tat es nämlich nie. Die tiefe Müdigkeit ließ mich jede Nacht augenblicklich abdriften.
***
[ Mit seiner flachen Hand verpasste er mir eine. Die Ohrfeige traf mich mit so einer Wucht, dass mein Kopf hin- und herwackelte.
»Baaaam!«
Ich sah bunte Sterne vor meinen Augen flimmern. Weiße Punkte tanzten in meinem Kopf. Ein stechender Schmerz durchzog meine linke Wange und hinterließ ein brennendes Gefühl auf meiner Haut. Ich hielt inne und sah ihn einfach ausdruckslos an. Ich spürte, wie das Blut aus meinen Wangen wich.
Instinktiv trat ich einen Schritt zurück.
»Tessa«, hauchte er.
»Das tut mir leid. Oh, mein Gott, das tut mir leid …«
Ich stand nur da und war wie versteinert. Meine Beine fühlten sich wie Blei an. Ich konnte mich nicht bewegen, obwohl meine innere Stimme mich anschrie: »Lauf! Lauf weit weg!«
»Bitte entschuldige! Mir ist vor lauter Zorn die Hand ausgerutscht«
Er kam auf mich zu, umarmte mich fester, als es mir lieb war, und presste wortwörtlich die Luft aus meinen Lungen. Mir wurde schlecht. Übelkeit kam in mir hoch.
»Hannes, was hast du getan?«, hauchte ich ihm so leise ins Ohr, dass es kaum hörbar war. Instinktiv griff ich zu der pochenden Stelle in meinem Gesicht. Schmerz, lass nach!
»Ich weiß nicht. Ich wollte dir nicht wehtun. Bitte glaub mir. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist!?«
Seine panische Stimme überschlug sich fast.
Er sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, packte meine Schultern und hielt mich eine Armlänge von ihm entfernt fest, sodass ich ihn ansehen musste. Eigenartig, wie sich seine Mimik ständig veränderte, fast im Sekundentakt.
Mein Mann hatte mich gerade geschlagen. Es hatte mir eine verpasst. Hannes war zum ersten Mal gewalttätig geworden. Ich stand einfach nur da und brachte kein Wort heraus. Eine Träne kullerte die rechte Wange hinunter, ansonsten blieb mein Gesicht ausdruckslos. Ich wusste auch nicht, warum ich weinte … Ich war einfach nur schockiert, dass ich momentan gar nicht wusste, wie mir geschah. Ich konnte keine Emotion, keine einzige Regung zeigen. Ich kam mir vor wie im falschen Film. So etwas hört oder sieht man nur im Fernsehen, aber einem selbst kann so was einfach nicht passieren. Nein, so was konnte MIR doch nicht passieren!
Er atmete tief aus, nahm mich erneut im Arm und begann mich langsam wie ein kleines Kind hin und her zu wiegen, das von der Mutter in den Schlaf geschaukelt wird …
Ich drehte meinen Kopf zur Seite und übergab mich auf dem Fußboden.]
***
Ich fuhr hoch! Ich keuchte wie nach einem Tausendmeterlauf. Schweißperlen standen mir auf der Stirn. Ich saß kerzengerade in meinem Bett und griff mir an die Brust.
Einatmen, ausatmen.
Ich versuchte mich zu beruhigen und meinen Puls zu entschleunigen. Ich hatte nur geträumt. Ich wusste, dass mich meine Dämonen wieder heimsuchen würden. Sie fanden mich immer, egal, wohin ich floh. Schade, ich dachte, es würde länger dauern, bis sie mich hier finden würden.
»Ruhig, Tessa, beruhige dich wieder. Du hast nur schlecht geträumt«, flüsterte ich mir leise zu. Ich hatte gehofft, dass ich die Albträume loswerden würde. Ich dachte, dass es endlich vorbei wäre, doch da hatte ich mich offensichtlich getäuscht.
Ich musste anscheinend mit meiner Vergangenheit leben, musste immer noch mit ihm leben, obwohl ich ihn aus meinem Leben bereits verbannt hatte. Verlassen hatte. Verabscheut und gehasst hatte.
Ich stieg aus dem Bett, ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Ich fasste mir hinters Ohr und berührte die zarten Narben, die zum Glück von meinen langen Haaren verdeckt wurden. Ich ließ meine Finger langsam entlanggleiten und schloss die Augen. Ich ging in die Knie, sank auf dem Fußboden zusammen, und fing an zu weinen. Ich weinte bitterlich, meine Tränen tropften auf dem Fußboden. Sanft umfasste ich meine Knie, kauerte mich in der Embryonalstellung zusammen und blieb einfach so liegen. Irgendwann schlief ich wieder ein.
Stunden später wachte ich in der gleichen ungemütlichen Position auf. Es war bereits früh am Morgen. Ich versuchte, mich auf dem Boden auszustrecken und hörte meine Knochen knacken. Jeder einzelne Knochen tat mir weh. Das war doch keine so gute Idee, meine Schlafstätte auf den Fußboden zu verlagern.
Die letzte Nacht steckte mir noch wortwörtlich in den Knochen. Ich beschloss, aus dem angebrochenen Tag das Beste zu machen. Ich nahm mir vor, entlang der Küste spazieren zu gehen, um mir den Kopf vom Wind mal richtig durchpusten zu lassen. Auf anderen Gedanken zu kommen und versuchen, mal nicht an die Vergangenheit zu denken. Was geschehen war, konnte ich nicht mehr ändern.
Ich packte mich warm ein, nahm meinen Parka vom Hacken, zog meine gefütterten Boots an und machte mich auf den Weg nach draußen.




