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60 Prozent der Juden, die nach dem Krieg nach Australien kamen, ließen sich in Melbourne nieder, die anderen überwiegend in Sydney. Während die deutschen, österreichischen und ungarischen Juden Sydney offenbar attraktiver fanden, zog Melbourne vorwiegend die osteuropäischen und insbesondere polnischen Juden an. Bereits 1954 war Victoria das Bundesland mit der größten jüdischen Bevölkerungsdichte Australiens, und Melbourne erhielt schnell den Ruf, die Gemeinde mit der höchsten Prozentzahl an Holocaust-Überlebenden in der Diaspora zu sein. Eine große Anzahl der zweiten und dritten Generation der Melbourner Juden sind Kinder und Enkelkinder von Überlebenden, die Erinnerung an den Holocaust ist damit auch 70 Jahre nach Kriegsende noch sehr präsent in jeder jüdischen Familie dieser Stadt.
Der Gedanke unter den jüdischen Immigranten Melbournes, eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Juden zu errichten, war schnell geboren. Fast ohne staatliche Zuschüsse, allein durch Spenden von Überlebenden und deren Familien sowie mit Hilfe von großzügigen Gönnern wurde 1984 unter der Schirmherrschaft der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem das Jewish Holocaust Museum and Research Centre von den jüdischen Einwanderern eröffnet. Die Frauen und Männer der ersten Stunde, die Kuratorin, die Bildungsverantwortliche, die Mitarbeiter im Archiv und in der Bibliothek arbeiteten alle ehrenamtlich. Es gab einen Ausstellungsraum, eine Bibliothek, später eine Ton- und Videoabteilung, mehrere kleine Büros und ein Auditorium, denn von Anfang an wurde beabsichtigt, das Museum zu einer Bildungsstätte insbesondere für junge Menschen zu machen. Viele der Überlebenden, alle inzwischen weit über achtzig, arbeiten auch heute noch ehrenamtlich im Museum, meistens als Guides. Sie führen die Besucher durch das Museum und berichten vor Schülergruppen über ihre persönlichen Erlebnisse während des Holocaust.
Kurz nach meiner Begegnung mit Stephanie Heller begann ich, im Museum zu arbeiten – in der Abteilung der Kuratorin. Meine Arbeit dort gab mir Gelegenheit, zahlreiche Holocaust-Überlebende kennenzulernen. In ungezählten, stundenlangen Gesprächen und Diskussionen wurden sie mir sehr vertraut. Wir unterhielten uns im Museum, trafen uns im Café, häufig wurde ich auch von ihnen nach Hause eingeladen. Statt zu reden, hörte ich oft einfach nur zu. Was ich zu hören bekam, waren unvorstellbare Lebensgeschichten von Menschen, die den Holocaust überlebt hatten und die sich nach dem Krieg wieder in ihr Leben finden mussten. In einem fernen und völlig fremden Land mussten sie komplett von vorn beginnen: oftmals allein und ohne jede familiäre Unterstützung, ohne der Sprache mächtig zu sein, ohne finanzielle Mittel. Alles war anders in diesem Land: die Gebräuche, das Essen, das Klima, die Landschaft, sogar der Sport. Das Heimweh war oft überwältigend. Viele der Emigranten hatten keine oder keine abgeschlossene Ausbildung, weil ihnen die Nazis keine Chance dazu gelassen hatten, und sie verfügten nicht über die notwendigen finanziellen Mittel, um das Versäumte – oft wäre es eine akademische Laufbahn gewesen – nachzuholen. Andere besaßen eine Qualifikation, die sich jedoch als nutzlos erwies, weil sie in Australien nicht anerkannt wurde. Ausnahmslos arbeiteten sie alle in angelernten Berufen, um sich – mühsam – den Lebensunterhalt zu verdienen.
Davon reden die alten Damen und Herren aber nicht. Sie reden auch nicht davon, dass sie am Anfang nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen worden sind. Haben sie es vergessen oder verdrängt? Hat die Tatsache, dass Australien die Grenzen für sie geöffnet hat, alles andere überstrahlt? Oder haben sie mit ihren australischen Nachbarn und Arbeitskollegen – Australier sind von Hause aus ausgesprochen freundliche Menschen – doch viel Positives erlebt? Jedenfalls werden sie nicht müde, Australien zu preisen, das das demokratischste und beste Land der ganzen Welt sei. Die Loyalität zu diesem Land, das sie aufgenommen und ihnen einen sicheren, friedlichen Hafen geboten hat, ist enorm. Sie sind australische Bürger geworden, und sie fühlen sich als Australier.
Auch Australien hat profitiert, indem die jüdischen Emigranten das Flair der europäischen Metropolen ins Land brachten. Sie belebten die provinzielle kulturelle Szene – Theater, Literatur, Oper, Ballett und die Welt der Musik – und bereicherten den von vielen Europäern als langweilig empfundenen Speisetisch der Australier: Jüdische Feinkostläden, Cafés und Restaurants öffneten und verkauften die herrlichsten europäischen Delikatessen.
Das Wissen und die Erfahrungen von Holocaust-Überlebenden sind aufgrund der Authentizität überaus kostbar und lassen sich durch kein Geschichtsbuch der Welt ersetzen. Kein Historiker ist in der Lage, das Leiden der Millionen Opfer so zu beschreiben, dass es für uns Nachgeborene emotional erfahrbar wird. Erst wenn wir einzelne Stimmen vernehmen, wenn sich Namen und Gesichter aus der anonymen Masse der Opfer herausschälen, bekommen wir eine Ahnung vom Ausmaß des nationalsozialistischen Terrors.
Ich habe beschlossen, die Biografien dieser Menschen aufzuschreiben, solange sie sie noch erzählen können. Sechzehn Zeitzeugen kommen zu Wort – sechzehn ganz normale Menschen, die vor dem Krieg in verschiedenen Ländern Europas gelebt haben: in der Tschechoslowakei, in Ungarn, in Polen, in Litauen, in Belgien und in Deutschland. Alle haben sie gemein, dass sie als Juden den Holocaust überlebt haben und nach dem Krieg nach Australien emigriert sind. Was sie unterscheidet, sind die verschiedenen Umstände, unter denen sie den Holocaust als Kinder, junge Frauen und junge Männer überlebt haben.
Die unterschiedliche Herkunft und die unterschiedliche Vita der Zeitzeugen waren die Auswahlkriterien für das vorliegende Buch: Jedes Porträt belichtet schwerpunktmäßig einen anderen Teilaspekt des Holocaust. Um dem Leser einen schnellen Einstieg in das jeweilige Thema zu ermöglichen, stelle ich jeder Biografie einige Daten, Fakten und Hintergrundinformationen voran.
Überraschend war für mich die Tatsache, dass niemand von den Überlebenden es ablehnte, mit mir, der Deutschen, zu reden. Das lag, wie ich schnell herausfand, auch an meinem Alter. Auf die Frage, ob sie denn keine Berührungsängste mit Deutschen hätten, sagten mir einige von ihnen unverblümt, dass sie ein Gespräch mit Menschen ihrer Generation durchaus schwierig fänden. Da schliche sich dann dauernd die Frage in den Hinterkopf, was der Gesprächspartner denn während des Krieges gemacht hätte. Mit den Nachgeborenen jedoch hätten sie kein Problem – im Gegenteil, sie freuten sich ja, wenn sie in das Museum kämen und Interesse für das Thema hätten.
Die zweite Überraschung war, dass die meisten der Überlebenden keinen Hass auf die Deutschen zu haben scheinen. Oft wird ihnen von Schülern, die das Museum besuchen, genau diese Frage gestellt: Hassen Sie die Deutschen? Und immer beantworten sie die Frage – mit dem Hinweis, dass Hass nur einen Nährboden für weiteren Hass bildet – mit „nein“.
Zuweilen hatte ich das Gefühl, dass es mir meine Gesprächspartner leicht machen wollten – dass sie mir nicht immer alles erzählten, dass sie die schrecklichsten Details ausließen und dass sie bewusst eine Episode über „den guten Deutschen“ einstreuten. Der allerdings hilft auch ihnen, den Glauben an die Menschheit nicht komplett zu verlieren.
Wie verarbeiten diese Menschen das, was sie gesehen und erlebt haben? Wie verarbeiten sie die Demütigungen, die ihren Familien, ihren Freunden und Bekannten angetan wurden, die Ausgrenzung und die Verfolgung? Wie verarbeiten sie die jahrelange Angst – im Versteck oder unter dem Deckmantel einer falschen Identität? Wie verarbeiten sie die Trennung von ihren Liebsten und Freunden, den Verlust von Eltern, Geschwistern, Großeltern, Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen?
Die Antwort ist: gar nicht. In den Jahren nach dem Krieg hatten die Emigranten die Geister der Vergangenheit möglicherweise im Griff, denn sie waren damit beschäftigt, Geld zu verdienen, eine Familie zu gründen, ein Zuhause zu schaffen, Kinder großzuziehen. Nun, im Alter – die Kinder sind aus dem Haus, der Ehepartner ist womöglich gestorben – kehren die Geister zurück. Einige der Überlebenden haben angefangen, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, andere modellieren, zeichnen oder bildhauern, andere wiederum reden als Zeitzeugen vor Schülern. Das beherrschende Thema bei allem ist immer der Holocaust. Die selbst verordnete Therapie hilft mal mehr, mal weniger. Sarah hatte „nur“ dreißig Jahre lang jede Nacht Albträume, Sabina (deren Geschichte keinen Eingang in das Buch gefunden hat, weil sie nicht reden möchte) hat die Albträume bis heute. Zsuzsi denkt jeden Tag an ihre ermordete Mutter und wird den Gedanken nicht los, dass sie im eisigen Wasser der Donau nach ihr hätte suchen müssen. Phillip quält sich mit der Frage nach dem „Warum?“, „Warum ausgerechnet die zivilisierten Deutschen?“, Sala hat bis heute Verfolgungsängste und kann nur bruchstückhaft über das Erlebte sprechen. Die meisten nehmen Antidepressiva.
Auch die Familie wirkt wie ein Antidepressivum. Die Kinder haben häufig die Träume der Eltern wahrgemacht: Viele von ihnen haben studiert, sind Lehrer, Ärzte, Architekten geworden. Inzwischen sind es die Enkel und Urenkel, auf die man stolz ist. „Unsere Kinder und Enkel sind unser Sieg über Hitler“, sagt Stephanie Heller.
Warum arbeiten viele der Überlebenden auch noch im hohen Alter im Museum? Nur für wenige ist es eine Art Therapie, denn den meisten fällt es nach wie vor schwer, über die Vergangenheit zu reden. Sie machen es vielmehr, weil sie es als Verpflichtung empfinden: als Verpflichtung gegenüber ihren ermordeten Familienangehörigen und Freunden, als Verpflichtung gegenüber allen ermordeten Juden. Ganz nebenbei ist das Museum dabei für viele zu einer zweiten Heimat geworden, zu einer Art Ersatzfamilie. Oft hörte ich Polnisch, wenn die alten Damen und Herren beim Lunch oder beim Kaffee saßen.
Ich habe Freunde, die mir sagen, dass sie nichts über den Holocaust lesen können, weil sie dann den Glauben an die Menschheit verlören. Dem Argument kann ich mich nicht völlig verschließen – auch ich hatte Phasen völliger Verstörtheit während meiner Interviews und Recherchen. Wenn wir jedoch versuchen, den Fokus beim Lesen nicht auf die Täter und deren Grausamkeiten, sondern vielmehr auf die Menschen zu richten, die zu Hilfe kamen, und – auch zwischen den Zeilen – erkennen, dass es Handlungsmöglichkeiten, Alternativen und zivilen Ungehorsam gab, dann ändert das die Perspektive. Wie sagte Kitia Altman, die Auschwitz überlebt hat, am Ende unseres Interviews doch sehr überraschend: „Eigentlich ist meine Lebensgeschichte doch eine Geschichte von tiefer Menschlichkeit.“
Kapitel 1
Die Verfolgung der Juden im Deutschen Reich: Von Dresden nach Theresienstadt
Fünf Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 unterzeichnete Adolf Hitler die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“, ein Gesetz, das die Versammlungs- und Pressefreiheit in Deutschland umfassend einschränkte. Ende Februar 1933 wurde die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ verabschiedet, die wesentliche Bürgerrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft setzte und die juristische Grundlage für willkürliche Verhaftungen politischer Gegner bot. Kurz darauf begann eine Verfolgungswelle, die mit der Inhaftierung von Tausenden Kommunisten, Sozialdemokraten und deren Sympathisanten im Ende März 1933 errichteten Konzentrationslager Dachau endete. In schneller Folge wurden nun neue Lager im gesamten Deutschen Reich errichtet. Zu den größten, die bis 1939 gebaut wurden, gehörten Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenbürg, das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und, nach dem „Anschluss“ Österreichs, Mauthausen. Am Ende des Krieges sollte es im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten, inklusive aller Außenlager, über 1.000 Konzentrationslager geben.
Schriftsteller, Künstler, Politiker, Intellektuelle – sofern sie nicht zu den Inhaftierten gehörten – verließen fluchtartig das Land, unter ihnen, um nur einige zu nennen, Leute wie Thomas Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Arnold Schönberg, Kurt Weill, Herbert Marcuse, Albert Einstein, Erich Ollenhauer und Willy Brandt.
Am 24. März verabschiedete der Reichstag das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“, das die Regierung ermächtigte, eigenständig und ohne Zustimmung des Parlamentes Gesetze zu erlassen, die – so hieß es ausdrücklich – auch von der Verfassung abweichen durften. Es war das wohl bekannteste Ermächtigungsgesetz in der deutschen Geschichte, das die Grundlage für die nationalsozialistische Diktatur schuf. Die KPD war bereits zerschlagen, im Mai wurden die Gewerkschaften aufgelöst, im Juni wurde die SPD verboten, im Juli wurden auch die restlichen Parteien zur Auflösung gezwungen. Es gab nun nur noch eine einzige politische Partei: die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, kurz: NSDAP.
In den ersten Monaten der Nazi-Herrschaft waren also nicht die halbe Million in Deutschland lebenden Juden das Ziel von Übergriffen. Das änderte sich jedoch rasch: Am 1. April organisierte die NSDAP einen landesweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien, der mit Plünderungen und wüsten Ausschreitungen einherging. Dies war der Auftakt für die nun folgende systematische Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Am 7. April wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen, das die Gleichschaltung des öffentlichen Dienstes zum Ziel hatte. Oppositionelle Beamte wurden entlassen, Beamte nicht arischer Abstammung in den Ruhestand versetzt. Eine zusätzliche Verordnung erläuterte: „Als nicht arisch gilt, wer von nichtarischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt. Es genügt, wenn ein Elternteil oder ein Großelternteil nicht arisch ist.“
Mit diesem sogenannten „Arierparagraph“ wurde die erste formaljuristische Grundlage für die Entrechtung der Juden geschaffen. Schlag auf Schlag folgten nun Gesetze, die jüdischen Rechtsanwälten und Ärzten die Zulassungen entzog, die die Anzahl jüdischer Schüler und Studenten an deutschen Schulen und Universitäten auf ein Minimum begrenzten, die jüdische Bürger aus allen kulturellen Berufen ausschlossen und Zeitungsherausgeber mit Berufsverbot belegten, die Juden verboten, einen Bauernhof zu besitzen oder Landwirtschaft zu betreiben, und sie von allen Turn- und Sportvereinen ausschlossen. In einer Kampagne „Wider den undeutschen Geist“ verbrannten am 10. Mai 1933 Studenten in zweiundzwanzig deutschen Universitätsstädten in einer öffentlichen, ritualistischen Inszenierung Bücher von missliebigen linken, pazifistischen und jüdischen Schriftstellern.
Auf dem Nürnberger Reichsparteitag am 15. September 1935 verkündete Adolf Hitler die Nürnberger Rassengesetze, die den Rassenwahn der Nationalsozialisten juristisch untermauerten. Es handelte sich um das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ (auch „Blutschutzgesetz“ genannt) sowie das „Reichsbürgergesetz“.
Das „Blutschutzgesetz“ stellte die Ehe sowie außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Ariern und Nichtariern unter Strafe. Verstöße gegen das Gesetz wurden als „Rassenschande“ geahndet und mit schweren Gefängnis- oder Zuchthausstrafen bestraft. In weiteren Gesetzeskommentaren wurde genauestens ausgeführt, wer Volljude (mindestens drei jüdische Großeltern) und wer „Mischling“ war und welche Rechte Volljuden, Halb-, Viertel- und Achteljuden im Einzelnen hatten. Halbjuden wurde es beispielsweise verboten, Nichtjuden oder „Vierteljuden“ zu heiraten. Der Personenkreis, der zwecks „Reinerhaltung der deutschen Rasse“ nicht geheiratet werden durfte, wurde von Juden auf „Zigeuner, Neger und ihre Bastarde“ ausgeweitet.
Das Gesetz bot fruchtbaren Boden für Denunziationen, häufig handelte es sich um falsche Anschuldigungen, auf die sich die Gestapo stützte. Die Definition für Geschlechtsverkehr wurde sehr breit ausgelegt, und in der Folge wurden mehr als 2.000 Bürger zu Zuchthausstrafen verurteilt. Obwohl Frauen per Gesetz straffrei blieben, da sie zwangsläufig für die Überführung gebraucht wurden, handelte die Gestapo oft eigenmächtig und überstellte weibliche „Rasseschänder“, jedenfalls wenn es sich um Jüdinnen handelte, an Konzentrationslager.
Das Reichsbürgergesetz schuf den Status des „Reichsbürgers“ für Arier, verbunden mit allen bürgerlichen Rechten. Juden dagegen wurden zu „Staatsbürgern“ erklärt und verloren als solche die vollen Rechte als gleichberechtigte Bürger. Damit war die Grundlage für die weitere Ausgrenzung und Entrechtung der Juden geschaffen. Diverse Zusatzverordnungen hoben die Zulassungen für jüdische Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Apotheker, Rechtsanwälte und Notare auf. Jüdische Gewerbebetriebe und jüdisches Vermögen wurden meldepflichtig, jüdische Kinder wurden ab November 1938 vom Besuch staatlicher Schulen ausgeschlossen, Kulturstätten, öffentliche Plätze, Badeanstalten konnten gesperrt werden, der Zugang zu Bibliotheken wurde verboten, der Führerschein von Staatsbürgern eingezogen. Die antijüdische Wirtschaftskampagne gipfelte in den von der NSDAP organisierten Pogromen am 9. und 10. November 1938, in deren Verlauf Tausende von jüdischen Geschäften, Wohnungen und Friedhöfen verwüstet, Hunderte von Synagogen in Brand gesteckt, etwa einhundert Menschen getötet und 30.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verbracht wurden. Am 12. November wurde die Einstellung sämtlicher jüdischer Geschäftstätigkeit verordnet, die „Arisierung“ der noch verbliebenen jüdischen Betriebe begann: Alle im Reich lebenden Juden wurden gezwungen, ihre Unternehmen zu verkaufen. Jüdischer Grundbesitz, Aktien, Juwelen und Kunstwerke mussten veräußert werden. Arbeitslose Juden wurden zu Zwangsarbeit verpflichtet, Juden durften „entmietet“ und in sogenannten „Judenhäusern“ untergebracht werden.
Ab 1. September 1941 wurde im Großdeutschen Reich – also dem „Altreich“, der „Ostmark“, dem Sudetenland, Böhmen, dem Memelgebiet, Danzig und Westpreußen, Schlesien, Elsass-Lothringen und Deutsch-Belgien – die Pflicht für alle Juden ab dem sechsten Lebensjahr eingeführt, einen gelben Judenstern sichtbar an der Kleidung zu tragen. Ab Oktober war Juden die Auswanderung aus dem Deutschen Reich verboten. Das war genau der Zeitpunkt, an dem die Deportationen von deutschen, österreichischen und tschechischen Juden begannen. Die Transporte gingen zunächst von Wien, Prag, Berlin und Frankfurt, später von Breslau, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Dortmund, München, Stuttgart, Nürnberg, Hannover und Dresden ab. Sie führten in die Ghettos von Łódź, Minsk, Kaunas und Riga in den von den Deutschen besetzten Gebieten in Polen und in der Sowjetunion. Massenermordungen von Juden in den Ostgebieten waren zu dieser Zeit bereits in vollem Gange. Bis zum Januar 1942 wurden knapp 50.000 Juden aus dem Deutschen Reich deportiert, Tausende wurden sofort nach der Ankunft erschossen. Bis zum Ende des Krieges wurden weitere 123.000 deutsche Juden deportiert. Etwa 315.000 deutschen Juden gelang die Ausreise oder die Flucht, zwischen 10.000 und 15.000 gingen in die Illegalität. Schätzungen zufolge überlebten 6.000 Juden in den Lagern, und 5.000 im Untergrund.
Im November 1941 ließ Reinhard Heydrich in seiner Eigenschaft als Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren die etwa 70 Kilometer nordöstlich von Prag gelegene Festung Theresienstadt – auf Tschechisch: Terezin – zu einem Konzentrationslager umfunktionieren. Die festungsartige Anlage mit Gefängnisanlagen, Baracken und hohen Schutzwällen schien ideal für die Zwecke der Nazis: Sie siedelten die dort wohnenden tschechischen Einwohner um und richteten – zunächst für die 88.000 tschechischen Juden aus Böhmen und Mähren – ein Sammel- und Durchgangslager ein. Die Deportationen der tschechischen Frauen, Männer und Kinder nach Theresienstadt begannen noch im November. Bereits zwei Monate später erfolgte der erste Weitertransport der Häftlinge in den Osten.
Im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 erklärte der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich, dass unter der Federführung der SS nunmehr die Deportationen aller europäischen Juden nach Osteuropa stattfinden würden: Man rechnete mit elf Millionen. Um „die vielen Interventionen“ auszuschalten, so laut Protokoll, sollten alle Juden über 65, schwerkriegsbeschädigte Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen aus dem ersten Weltkrieg nicht „evakuiert“, sondern in das „Altersghetto“ Theresienstadt „überstellt“ werden.
Im Sommer 1942 begannen die Transporte der deutschen Juden nach Theresienstadt – unter ihnen auch viele einstige Prominente aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Noch vor der Deportation wurden die Juden bedrängt, sogenannte „Heimeinkaufsverträge“ abzuschließen, in denen ihnen eine lebenslange kostenfreie Unterbringung, Verpflegung und Krankenversorgung in einem Altersheim zugesichert wurde: ein letzter infamer Betrug an den Juden, durch den sich die Nazis auch noch deren restliches Vermögen einverleibten.
Weil das Lager Theresienstadt unter jüdische Selbstverwaltung gestellt wurde und sich die Inhaftierten relativ frei bewegen konnten, wurde Theresienstadt oft auch als Ghetto bezeichnet. Die Lebensbedingungen unterschieden sich jedoch nicht wesentlich von denen in einem Konzentrationslager. Statt eines altersgerechten Domizils fanden die Ankömmlinge überfüllte, verlauste und verwanzte Unterkünfte mit katastrophalen sanitären Anlagen vor. Die Essensrationen waren völlig unzureichend. Diejenigen, die noch arbeitsfähig waren, wurden zu schwerer Zwangsarbeit eingeteilt. Der von der SS installierte Ältestenrat beschloss, Kindern und Arbeitenden größere Essensrationen als Alten und Kranken zu geben. In der Folge verhungerten die alten und nicht arbeitsfähigen Häftlinge – das waren im Wesentlichen die deutschen und österreichischen Juden. Krankheiten und Seuchen taten ihr Übriges. Allein im Jahr 1942 starben knapp 16.000 Menschen – die Hälfte der dort lebenden Juden. Aufgrund der hohen Sterbeziffer war die SS gezwungen, ein Krematorium zu bauen.
Während ein steter Strom von neuen Häftlingen nach Theresienstadt kam, gingen permanent Transporte mit Juden in den Osten ab: in die Ghettos von Warschau, Łódź, Riga und Bialystok oder direkt in die Vernichtungslager von Auschwitz, Majdanek und Treblinka.
Trotz der miserablen Lebensbedingungen und der ständigen Angst vor dem nächsten Transport, trotz – oder vielleicht auch wegen – aller Hoffnungslosigkeit entfaltete sich ein reges kulturelles Leben im Ghetto: Lehrer unterrichteten Kinder; Wissenschaftler, Philosophen und Soziologen hielten Vorträge; Schriftsteller gaben Lesungen; Schauspieler organisierten Theater- und Kabarettabende; Musiker gaben Konzerte. Opern wurden inszeniert, eine Kinderoper wurde komponiert und mehr als 50-mal aufgeführt. Die Aufführungen wurden trotz widrigster Umstände geprobt und gespielt: Immer wieder wurden mitspielende Künstler deportiert und mussten durch neue ersetzt werden.
Nachdem im Oktober 1943 ein Transport mit dänischen Juden nach Theresienstadt gekommen war und die dänische Regierung daraufhin Druck auf die deutsche Regierung machte, beschlossen die Nazis, einer Besichtigung des Lagers durch eine Kommission des Internationalen Roten Kreuzes zuzustimmen. Natürlich beabsichtigten sie, die Kommission gründlich zu täuschen und putzten Theresienstadt zu einem Musterghetto heraus: Fassaden wurden gestrichen, Läden hergerichtet mit gefüllten Schaufenstern, ein Café und ein Kindergarten wurden eröffnet, ein Musikpavillon wurde errichtet, Bänke wurden aufgestellt und Blumen gepflanzt, und sogar Geld wurde gedruckt. Um die Häftlingsdichte im überfüllten Lager zudezimieren, gingen im Vorfeld des Besuchs weitere Transporte nach Auschwitz ab.
Die Vertreter des Roten Kreuzes kamen am 23. Juni 1944. Sie waren beeindruckt, sahen sich die Kinderoper „Brundibár“ von dem tschechisch-deutschen Komponisten Hans Krása an und schrieben einen ausgesprochen positiven Abschlussbericht. Um nun auch die gesamte Weltöffentlichkeit zu täuschen, ließen die Nazis nach dem Besuch des Roten Kreuzes einen Propagandafilm in Theresienstadt drehen – von dem Häftling Kurt Gerron, einem namhaften deutsch-jüdischen Schauspieler, bekannt aus Filmen wie „Der blaue Engel“ oder „Die Drei von der Tankstelle“. Nach Beendigung des Films wurde Gerron nach Auschwitz deportiert – ebenso wie Hans Krása und andere namhafte Künstler und Prominente.



