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Die Ankömmlinge im Lager werden voneinander getrennt: Frauen von ihren Männern, Eltern von ihren Kindern. Die Kinder kommen in separate Baracken.
„Ich war mit zwanzig anderen Mädchen in einer Baracke mit Stockbetten, jeweils drei Betten hoch, mit Strohmatratzen. Die Mädchen waren aus ganz Europa – aus Holland, der Tschechoslowakei, Österreich und Deutschland. Wir mussten arbeiten. Zuerst habe ich in einem Garten gearbeitet, in dem Gemüse für die SS – natürlich nicht für uns – angebaut wurde. Das war gut, weil manchmal konnte ich eine Mohrrübe oder ein Kohlblatt oder so klauen. Unsere Essensrationen waren sehr schmal. Manchmal mussten wir auch Kastanien ernten. Dann fuhren sie uns aus dem Lager raus, und wir mussten auf die Bäume klettern und die Kastanien pflücken. Das war schön – das war so eine wunderschöne Allee von Kastanienbäumen.“
Der jüdische Ältestenrat organisiert schulischen Unterricht für die Kinder, aber Irmgard versäumt die schulischen Aktivitäten: Mit 12 Jahren ist sie zu alt, sie muss arbeiten. Sie arbeitet in einer Glimmerfabrik, in der ein spezielles Silikatmineral für die Elektroindustrie in dünne Schichten gespaltet wird. Die Arbeit ist gesundheitsschädigend – beim Spalten des Minerals entsteht feiner Staub, der in die Lunge eindringt.
„Die Zustände im Lager waren entsetzlich. Die hygienischen Bedingungen waren wirklich unbeschreiblich, ich möchte das gar nicht erzählen. Es gab kein warmes Wasser, um uns zu waschen, und manchmal gab es auch kein kaltes Wasser – im Winter nämlich, dann froren die Wasserrohre zu. Krankheiten grassierten, und wir waren voller Läuse – Läuse, Läuse und Läuse, schrecklich. Oh, und dann diese Wanzen – die kommen nachts. Einmal wachte ich auf und hatte so einen schrecklichen Geschmack im Mund – das war eine Wanze. Die meisten Leute im Lager hatten Typhus.“
Irmgard macht eine Pause und holt tief Luft.
„Und dann gab es natürlich Hinrichtungen. Einmal waren elf junge Männer geflüchtet. Da führte man eine Gruppe von uns Mädchen in den Wald und sagte uns, wir müssten hier bleiben, bis man die Jungs gefunden hätte. Nach eineinhalb Tagen hatte man sie alle und hängte sie vor unseren Augen auf.“
Irmgard wird krank: Sie bekommt eine lebensgefährliche Hirnhautentzündung. Krank werden an sich ist bereits gefährlich, da die Alten und die Kranken zuerst deportiert werden. Aber Irmgard hat gleich zweimal Glück – sie entgeht einer Deportation und überlebt die Meningitis. Dennoch: Ihre Gesundheit ist angegriffen. Kurz nach ihrer Genesung erkrankt sie an Gelbsucht, gleich darauf bekommt sie eine Mandelentzündung. Es sieht nicht gut aus – der Hals ist völlig vereitert, und Irmgard hat hohes Fieber.
„Irgendwer hat dann schließlich einen tschechischen Häftlingsarzt geholt, der mich operiert hat. Der hatte kein Anästhetikum oder irgendwelche Instrumente, der hat meine Zunge rausgezogen, mit einer Klammer befestigt, und dann mit was weiß ich was meine Mandeln rausgeschnitten. Ich erinnere mich nicht wirklich, ich muss wohl bewusstlos geworden sein. Viel später dann in Australien, als ich aufgrund einer Mandelentzündung mal zum Arzt musste, hat der mich gefragt, was für ein Fleischer denn meine Mandeln rausgenommen hätte. Ich hab ihm dann meine Geschichte erzählt. Der war erstaunt, dass ich diese Operation überlebt habe.“
Nachdem die SS Ende 1943 beschlossen hat, einer Kommission des Internationalen Roten Kreuzes einen Besuch im Ghetto zu gestatten, werden sorgfältige Maßnahmen getroffen, um das Lager in exzellentem Zustand zu präsentieren. Zu den ersten Maßnahmen gehört, die Anzahl der Häftlinge in dem völlig überfüllten Lager zu reduzieren – 7.500 Menschen werden nach Auschwitz deportiert. Anschließend werden Potemkinsche Dörfer gebaut, um ein völlig normales Leben in einer jüdischen Siedlung zu simulieren.
„Die haben Läden aufgebaut und ein Café und sogar ein Karussell aufgestellt. Dann haben sie Geld gedruckt – und ob Sie es glauben oder nicht: Da haben sie hinten Moses und die Zehn Gebote draufgedruckt.“
Das Rote Kreuz stattet seinen Besuch am 23. Juni 1944 ab, drei Delegierte dürfen in das Lager.
„Als das Rote Kreuz dann kam, gab es alle möglichen kulturellen Veranstaltungen: Da wurde zum Beispiel ein Fußballspiel gespielt und eine Theateraufführung gegeben. Die Karren, die immer zum Abtransport der Leichen benutzt wurden, waren weiß gestrichen und mit Broten beladen worden, und die Leichenträger hatten schöne weiße Kittel an. Trotzdem: Es ist mir ein absolutes Rätsel, wieso die nicht gemerkt haben, dass alles um sie herum eine einzige Fälschung war.“
Um auch der beunruhigten Weltöffentlichkeit zu zeigen, was für ein wunderbares Leben die Juden im Deutschen Reich bzw. in den von den Deutschen besetzten Gebieten führen, drehen die Nazis einen Propagandafilm.
„Ich musste auch mitspielen und hoffte, dass meine Tante mich vielleicht sehen würde. Mein Part war, zusammen mit anderen Kindern einfach an einem großen Tisch zu sitzen – an einem großen Tisch voller geschmierter Brote. Nachdem die Szene gedreht war, verschwanden aber auch die Brote. Wir Kinder kriegten nicht ein einziges Brot, das war eine schreckliche Enttäuschung für uns.“
Während ihrer Lagerzeit wird Irmgard Zeugin von elf Transporten, die in den Osten abgehen. Im April 1945 sieht sie Häftlinge ankommen, die, weil die Rote Armee auf dem Vormarsch ist, hastig aus anderen Konzentrationslagern evakuiert worden sind.
„Die Hälfte der in die Viehwaggons gepferchten Menschen war schon tot, als sie ankamen. Und die andere Hälfte, die Lebenden – das waren Halbtote, reine Skelette, junge Menschen, die aussahen wie achtzig. Es war wirklich schrecklich.“
Am 5. Mai 1945 verlässt die SS das Lager, drei Tage später ist die Rote Armee da. Noch ist das Leid der Mädchen jedoch nicht vorbei.
„In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai hörten wir, dass in der Nachbarbaracke Mädchen vergewaltigt wurden. Zum Glück kamen am nächsten Tag russische Offiziere und machten dem Spiel ein Ende. Dann wurde das Lagerhaus aufgemacht, und wir bekamen Kleider und Schuhe – wir hatten ja nur Holzpantoffeln.“
Lotte Hempel wird vom Roten Kreuz informiert, dass ihre Nichte am Leben sei. Lotte selbst hat im Versteck überlebt. Wie die anderen knapp 200 noch verbliebenen Juden in Dresden – entweder Mischlinge ersten Grades oder Juden, die mit einem „Arier“ verheiratet sind – erhält sie am 13. Februar 1945 eine schriftliche Aufforderung, sich am 16. Februar, also drei Tage später, mit Handgepäck und Proviant für zwei bis drei Arbeitstage zu einem „auswärtigen Arbeitseinsatz“ in der Zeughausstraße einzufinden. Der „Arbeitseinsatz“ ist eine Tarnung – tatsächlich planen die Nazis, nunmehr auch die bislang verschont gebliebenen Juden zu deportieren. Lotte beschließt zu Bekannten zu flüchten, die bereit sind, sie zu verstecken, und schreibt zur Tarnung einen Suizid-Abschiedsbrief an ihren Mann, der bereits vor Monaten in ein Arbeitslager verbracht worden war.

Irma (r.) mit einer Freundin kurz nach der Befreiung
Am Abend des gleichen Tages, an dem Lotte die Aufforderung zum „Arbeitseinsatz“ erhält, beginnt der erste von mehreren schweren Luftangriffen auf Dresden. In den nächsten beiden Tagen fallen Tausende von Bomben. Der resultierende Feuersturm zerstört weite Teile der Innenstadt, über zwanzigtausend Menschen verbrennen, ersticken oder sterben durch Hitzeschock und Luftdruckwellen. Lotte hat Glück. Sie überlebt das Bombardement, reißt sich geistesgegenwärtig den Stern von der Kleidung und taucht unter. Die Bekannten sind selbst ausgebombt, aber es gelingt Lotte, sich bei einem Bauern auf dem Land zu verstecken. Auch Walter überlebt.
Lotte holt ihre Nichte Irmgard nach Hause.
„Sie hat sich wie verrückt gefreut, mich zu sehen. Ich kann mich seltsamerweise an keinerlei Gefühle erinnern. Ich war wie betäubt und völlig versteinert. Noch eine ziemlich lange Zeit nach Kriegsende war ich nicht in der Lage zu weinen.“
Irmgard ist 15 Jahre alt und möchte gern Kindergärtnerin werden. Aber mit ihren vier Schuljahren bekommt sie dafür keinen Ausbildungsplatz. Stattdessen macht sie eine Ausbildung zur Schneiderin. Es ist ein großer Augenblick für Irmgard, als sie von einer jüdischen Organisation zu einem Urlaub eingeladen wird. Zusammen mit anderen Jugendlichen erlebt sie wunderschöne Ferien am Wannsee im Südwesten der Stadt Berlin.
„Es war traumhaft, wir hatten eine tolle Zeit. Ich konnte zwar nicht schwimmen, aber ich habe das Wasser geliebt, und ich habe mir dort sogar ein Bikinioberteil gehäkelt. Ich habe noch ein Foto von mir und von anderen im See.“ Ein Lächeln huscht über Irmgards Gesicht, aber sie wird gleich wieder ernst. „Ich konnte es kaum glauben, als ich später erfuhr, dass der Wannsee der Ort war, an dem die Nazis die ‚Endlösung‘ beschlossen hatten, die völlige Auslöschung der Juden.“
Die Freunde, die sie dort kennen lernt, überreden Irmgard, mit ihnen in einem Kibbuz in Berlin zu leben.
„Das war die glücklichste Zeit in meinem Leben. Ich habe dort viele Freundschaften geschlossen, und ich war fest entschlossen, nach Palästina zu gehen. Aber meine Tante wollte mich nicht gehen lassen, ich war noch nicht 18 und brauchte ihre Zustimmung. Sie hatte Angst, dass es Krieg geben würde in Palästina und kam also nach Berlin, um mich abzuholen.“ Irmgard lacht: „Ich wollte nicht mit ihr mitgehen und habe mich in einem Schrank versteckt, aber es hat nichts geholfen.“
Lotte bemüht sich um Einreisevisa für Australien, wo ihr Bruder Max lebt. Das erste Visum wird für Irmgard ausgestellt – sie verlässt das heutige Deutschland während der Berlin-Blockade im September 1948. Die Sowjets hatten die Land- und Wasserstraßen West-Berlins blockiert und die Amerikaner zur Versorgung der Berliner eine Luftbrücke eingerichtet. Mit einem amerikanischen Flugzeug dieser Luftbrücke – im Volksmund wegen des Kaugummis und der Süßigkeiten für die Kinder auch „Rosinenbomber genannt“ – fliegt Irmgard aus Berlin aus. Der Flug geht nach Marseille, dort kümmert sich das Joint (American Jewish Joint Distribution Committee), eine amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation, um die Flüchtlinge, bevor sie nach Paris weiterreisen.
„Wir blieben zehn Wochen in Paris. Die UNRRA1, eine Organisation der Vereinten Nationen, brachte uns in einem billigen Quartier in Pigalle unter, das war das Rotlichtviertel. Wir bekamen jeden Tag eine warme Mahlzeit und ein bisschen Taschengeld. Aber die Prostituierten gingen da in den benachbarten Räumen ihrem Gewerbe nach, und die Wände waren hauchdünn. Das war schrecklich, ich habe mich da ziemlich alleine gefühlt und habe jede Nacht in mein Kissen geweint.“
Im Spätherbst ist es soweit: Irmgard besteigt den Ozeandampfer „Volendam“ in Rotterdam und erreicht einige Wochen später, am 19. Januar 1949, den Hafen von Melbourne.
„Mein Onkel Max und seine australische Frau Mary haben mich am Hafen abgeholt – ich habe mich so gefreut, ihn zu sehen, und er hat sich genauso gefreut. Ich habe dann erst mal bei meinem Onkel und meiner Tante in Richmond, einem Stadtteil von Melbourne, gelebt. Tante Mary war unheimlich nett – ich mochte sie sofort und sie mich auch.“
Eine Woche nach Ankunft in Australien beginnt Irmgard, als Näherin in einer Bekleidungsfabrik zu arbeiten. Sie verdient 30 Schilling die Woche – 10 davon gibt sie zu Hause ab, 10 spart sie, und den Rest gibt sie aus für die Straßenbahn, für Schuhe und Kleidung – sie ist ja nur mit einem Koffer in Melbourne angekommen und besitzt nicht viel. Max und Mary sprechen Englisch zu Hause, und auch in der Fabrik muss Irmgard Englisch reden, um sich zu verständigen. So lernt sie die Sprache schnell.
Im Oktober, neun Monate nach Irmgards Ankunft treffen Lotte und Walter Hempel in Melbourne ein, und Irmgard zieht zu den beiden.
„Ich werde nie vergessen, dass meine Tante Lotti, als ich 19 wurde, eine Party für mich veranstaltet hat – das war die erste Geburtstagsparty meines Lebens.“
Lotte und Walter fassen schlecht Fuß. Walter möchte gern wieder in einem Orchester spielen, muss aber erst fünf Jahre im Land gelebt haben, bevor er in einem Orchester aufgenommen werden kann. Beide finden Arbeit in einer Eisengießerei, in der Eisenrohre zum Häuserbau hergestellt werden. Walter ist unglücklich, er sorgt sich um seine alte Mutter in Dresden – Walters Bruder, SS-Mitglied, hatte sich am Ende des Krieges in Polen umgebracht –, und es gibt Spannungen in der Ehe. Als Walter in der Fabrik eine Eisenstange auf den Kopf fällt, ist das Maß für ihn voll: Er will zurück nach Deutschland – mit Lotte. Lotte aber lehnt ein Leben in Deutschland, einem Land, in dem ihre ganze Familie verfolgt worden war und sie selbst nur mit viel Glück überlebt hatte, ab. Walter kehrt alleine zurück nach Deutschland – eine Tragödie für alle Beteiligten, auch für Irmgard.
„Ich habe noch Briefe von Onkel Walter, die sind herzzerreißend. Er fühlte wohl eine tiefe Schuld, dass er seine Frau Lotte verlassen hatte. Tante Lotti hat dann bald versucht, die australische Staatsangehörigkeit zu bekommen – das erste Mal wurde es abgelehnt, weil man vermutete, dass Walter Hempel ein Spion sei; das hat man meiner Tante jedenfalls später erzählt. Der zweite Antrag war dann erfolgreich. Tante Lotte ging noch auf die Abendschule und wurde Kauffrau in einem Büro. Sie starb 2001 im Alter von 88 Jahren. Wie alt Onkel Walter wurde, weiß ich nicht, der Kontakt brach dann irgendwann ab.“
1951 lernt Irmgard Oskar kennen – einen polnischen Juden, der außer seinem Cousin, der in der Sowjetunion überlebte, seine ganze Familie im Holocaust verloren hat. Irmgard – die sich jetzt Irma nennt, weil offenbar kein Australier ihren Namen aussprechen kann oder ihn sowieso abkürzt – und Oskar heiraten zwei Jahre später. Kurz darauf erbt Irma etwas Geld von einem Bruder ihres Großvaters, der in Australien lebt. Das junge Paar kann sich von dem Geld ein Haus in Melbourne kaufen, und an dem Tag, an dem sie die Schlüssel für das Haus in der Hand halten, wird Sohn Bernhard geboren. 1956, zwei Jahre später, kommt Sohn Robert auf die Welt.

Irma mit ihrem Mann Oskar und den beiden Söhnen anlässlich Bernhards Bar-Mizwa, Melbourne 1967
„Wir haben mit den Kindern nie über den Holocaust gesprochen, bis sie uns gefragt haben, warum sie eigentlich keine Großeltern haben. Da waren die beiden ungefähr sieben und neun. Da mussten wir dann anfangen, den Kindern alles zu erklären.“
Oskar ist Klempner und macht sich selbständig, Irma erledigt alle Büroarbeiten. Beide arbeiten viel und schwer, um den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen und um peu à peu Anschaffungen machen zu können. Bernhard lernt zunächst wie sein Vater den Beruf des Klempners, entscheidet sich dann jedoch, Lehrer zu werden. Robert studiert Medizin und wird Arzt für Allgemeinmedizin.
Oskar stirbt tragischerweise bei einem Unfall, er wird nur 63 Jahre alt.
„Ein Freund hatte meinen Mann gebeten, etwas auf seinem Dach zu reparieren. Oskar fiel vom Dach – und verletzte sich dabei tödlich. Ach, das war die allergrößte Tragödie in meinem Leben. Er erlebte noch die Hochzeit unseres ältesten Jungen,und die Approbation unseres jüngeren Sohnes als Arzt. Aber er hat keines unserer fünf Enkelkinder kennengelernt.“
Irma ist erst 55 Jahre alt, als Oskar stirbt. Aber sie geht keine neue Bindung ein – Oskar bleibt die Liebe ihres Lebens.
„Nachdem mein Mann gestorben war und die Kinder geheiratet hatten, hatte ich das Bedürfnis, noch einmal etwas zu tun, etwas Wichtiges. Da haben mich dann Freunde eingeladen, doch im Holocaust-Museum zu arbeiten. Ich habe zuerst in der Abteilung angefangen, in der Zeugenaussagen gesammelt und aufgezeichnet werden. Erst später habe ich dann begonnen, Besucher durchs Museum zu führen und vor ihnen zu reden. Manchmal finde ich das nicht einfach. Je älter ich werde, desto emotionaler werde ich. Aber wenn ich dann das positive Feedback insbesondere von den jüngeren Menschen höre, dann denke ich: Meine Arbeit lohnt sich und ist nicht umsonst.“

Irma an ihrem 84. Geburtstag mit den Enkelkindern Ilana, Dovi, Oscar, Lena und Avi, Melbourne, 9. Juni 2014
Kurz nach dem Krieg wird Lotte Hempel von einer Frau kontaktiert, die als Zeugin Jehovas im Konzentrationslager Ravensbrückinhaftiert war. Im KZ hatte sie Rosa Conradi kennengelernt – Irmgards Mutter und Lottes Schwester. Für den Fall, dass sie nicht überleben sollte, hatte Rosa dieser Frau den Wunsch abgenommen, Lotte zu kontaktieren. „Und sagen Sie doch bitte meiner Schwester, dass sie auf meine kleine Tochter Acht geben soll“, gab sie ihrer Leidensgenossin in Ravensbrück mit auf den Weg. Rosa überlebte nicht. Die Frau berichtet, dass Rosa Conradi aufgrund von medizinischen Experimenten, die an ihr vorgenommen worden waren, Wundbrand bekam und daran starb.

Stolperstein von Rosa Conradi in der Bautzner Straße 20 in Dresden, 2009
Im November 2008 bekommt Irmas Sohn Robert Antwort auf seine Anfrage beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen. Er wird darüber informiert, dass seine Großmutter am 2. November 1939 in das Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert wurde. Der Vorwurf lautet: „Rassenschande“ – sexueller Verkehr mit einem Arier.
Von Ravensbrück wird sie ins Untersuchungsgefängnis Dresden überführt, von dort am 13. April 1940 wieder ins KZ Ravensbrück geschickt. Dort stirbt sie am 29. Mai 1942. Rosa Conradi ist erst 30 Jahre alt.
Im Jahr 2009 wird in Dresden der „Verein Stolpersteine für Dresden“ gegründet, der es sich zur Aufgabe macht, an die Bürger Dresdens zu erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion, ihrer politischen Überzeugung oder ihrer Sexualität ermordet worden sind. Im November 2009 wird in der Bautzner Straße 20 ein Stolperstein für Rosa Conradi gelegt.
Kapitel 2
Polen: Die Tragödie einer Nation
„Die blühendste Phantasie einer Greuelpropaganda ist arm gegen die Dinge, die eine organisierte Mörder-, Räuber- und Plündererbande unter angeblich höchster Duldung dort verbricht … Diese Ausrottung ganzer Geschlechter mit Frauen und Kindern ist nur von einem Untermenschentum möglich, das den Namen Deutsch nicht mehr verdient. Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein.“
Helmuth Stieff, Leiter der Organisationsabteilung III im Generalstab des Heeres (später Widerstandskämpfer des 20. Juli, hingerichtet im August 1944) in einem Brief vom 21. 11. 1939 aus Warschau an seine Frau.
Am Ende des 18. Jahrhunderts erlebte Polen, dessen Geschichte bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht, seinen ersten Untergang in den sogenannten drei Teilungen: Russland, Preußen und Österreich teilten den Staat in drei Schritten unter sich auf, die Republik Polen hörte für die nächsten 120 Jahre auf zu existieren. Erst im Ergebnis des Ersten Weltkrieges erlangte Polen seine Souveränität zurück, es entstand die Zweite Polnische Republik.
Die hundertzwanzigjährige Geschichte der Fremdherrschaft war traumatisch für Polen. Die größere Katastrophe stand dem Land und seinen Bewohnern allerdings noch bevor: Sie begann mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht am 1. September 1939 und endete mit der völligen Zerstörung des Landes.
Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges hatte Polen eine Bevölkerung von 35 Millionen Menschen, darunter 3,3 Millionen Juden. Das war mit Abstand die größte Konzentration von Juden in ganz Europa. Die Mehrheit von ihnen lebte in den Städten, wo sie oft einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausmachten. Das Zentrum des polnischen Judentums war die Hauptstadt Warschau. Mit seiner reichen Kultur und Architektur hatte sich Warschau über die Jahrhunderte hinweg zu einer der bedeutenden europäischen Städte entwickelt und wurde das Paris des Ostens genannt. Die 375.000 Warschauer Juden – nur die Stadt New York hatte eine größere Zahl an jüdischen Einwohnern – machten fast 30 Prozent der Warschauer Bevölkerung aus. Das jüdische Leben in der Stadt pulsierte, die politischen Parteien hatten hier genauso ihren Hauptsitz wie die jüdischen Wohlfahrtsverbände, Bildungs- und Sportorganisationen, Jugendbewegungen sowie religiöse Institutionen. Es gab eine bedeutende jüdische Literatur- und Theaterszene, und mehr als hundert jüdische Zeitungen und Zeitschriften wurden in unterschiedlichen Sprachen publiziert.
Als die Deutschen ihren Nachbarstaat überfielen, glaubten die Polen noch an ihren schnellen Sieg. Hitler setzte für seinen Polenfeldzug jedoch nahezu 80 Prozent seines gesamten Feldheeres ein, dazu die gesamte Panzer- und Luftwaffe, und die Verbündeten Großbritannien und Frankreich erklärten dem Deutschen Reich zwar den Krieg, kamen den Polen aber militärisch nicht zu Hilfe. Die polnische Regierung verließ Warschau bereits vier Tage nach Kriegsbeginn. Die Polen kämpften heldenhaft, spätestens nach zwei Wochen war jedoch klar, dass sie keine Chance hatten. Mitte September, als die polnische Armee so gut wie besiegt war, überfiel die Sowjetunion das Land von Osten her und versetzte Polen den Todesstoß.
Erst nach schweren Luftangriffen und heftigem Artilleriebeschuss kapitulierte Warschau am 28. September. Einen Tag später besetzten deutsche Truppen die Stadt, am 5. Oktober nahm Adolf Hitler die Siegesparade der deutschen Wehrmacht im Zentrum der Stadt ab. Innerhalb von vier Wochen war die junge Zweite Republik zerstört, 200.000 Soldaten und Zivilisten waren tot, 700.000 Menschen in Gefangenschaft geraten. Das war jedoch erst der Anfang: Sowohl Hitler als auch Stalin beabsichtigten Polens völlige Vernichtung.
Im Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 teilten das Deutsche Reich und die Sowjetunion das Land unter sich auf. Der vom Deutschen Reich besetzte Teil mit etwa 23 Millionen Einwohnern, darunter 2,1 Millionen Juden, wurde in etwa zwei gleich große Gebiete aufgeteilt: die westlichen wurden direkt in das Deutsche Reich eingegliedert und zu den autonomen „Reichsgauen“ Danzig-Westpreußen und Wartheland gemacht, die östlichen Gebiete inklusive Warschau, Krakau und Lublin als sogenanntes „Generalgouvernement“ unter deutsche Administration gestellt. Die Nationalsozialisten planten, die eingegliederten Ostgebiete einzudeutschen und die Menschen im Generalgouvernement als Arbeitssklaven zu verwenden.
Die folgenden sechs Jahre deutscher Besatzungszeit in Polen waren von Terror und grenzenloser Brutalität gekennzeichnet. Die Polen wurden in unvorstellbarem Ausmaß entrechtet, erniedrigt, misshandelt und gemordet. Hitler und seine Vasallen hielten die Polen für Untermenschen und versprachen, das Land so zu „sanieren“, dass es nicht mehr stören würde. Sie sanierten es gründlich.
Noch im September 1939 wurde, um jegliche Opposition gegen die deutschen Besatzer im Keim zu ersticken, die polnische Elite liquidiert. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD – mobile Sondereinheiten im Dienste der SS – erschossen Tausende von Aristokraten, Wissenschaftlern, Professoren, Lehrern, Ärzten, Priestern und Künstlern, darunter auch viele Juden. Tausende mehr wurden verhaftet und in deutsche Konzentrationslager verbracht. Polen wie Juden gleichermaßen wurden enteignet – bis 1942 allein wurden 112.000 jüdische Firmen und Geschäfte sowie 115.000 Gewerbebetriebe konfisziert. Juden wurden willkürlich auf der Straße aufgegriffen oder aus ihren Häusern geholt, um Bombenschutt aufzuräumen, Straßen zu säubern oder andere Hilfsarbeiten zu erledigen. Gleichzeitig begann die Verschleppung von Hunderttausenden polnischer Zivilisten als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich – gegen Ende des Krieges waren es weit mehr als eine Million Menschen.
In den eingegliederten polnischen Gebieten begann die „Eindeutschung“ und „Umvolkung“ – Polen mussten Platz machen für deutsche Aussiedler aus den sowjetisch besetzten Gebieten in Ostpolen und im Baltikum. Allein im Herbst 1939 wurden 90.000 Polen aus dem Warthegau in das Generalgouvernement deportiert. Die Vertriebenen durften nur je einen Koffer mitnehmen, die Mitnahme von Decken, Betten, Geld (außer 20 Zloty) oder Wertsachen (außer dem Ehering) war verboten. Die polnischen Schulen wurden geschlossen, das Sprechen der polnischen Sprache in der Öffentlichkeit wurde verboten. Polen und Juden wurden unter ein Sonderstrafrecht gestellt, das sie praktisch zum rechtlichen Freiwild machte.



