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Im Generalgouvernement errichtete derweil der Nazi-Jurist Hans Frank, Generalgouverneur und Herrscher über das „Nebenland des Deutschen Reiches“, wie er es selbst nannte, ein Schreckensregime gegen die Zivilbevölkerung. Obwohl er bereits im November gut „saniert“ hatte, ordnete Frank im Mai eine weitere „Außerordentliche Befriedungsaktion“ (AB-Aktion) an: die Liquidation der Führungselite, die noch am Leben war. Tausende von Polen wurden erschossen, Zehntausende ins KZ Auschwitz deportiert. Warschaus Universität sowie alle höheren Schulen wurden geschlossen, nur noch vierklassige Volksschulen waren erlaubt: Die Schulbildung der Polen im Generalgouvernement sollte nicht über einfaches Rechnen, das Schreiben des Namens und die Lehre vom Gehorsam gegenüber den Deutschen hinausgehen. Frank, der sein Hauptquartier in der Krakauer Burg aufgeschlagen hatte, dem ehemaligen Sitz der polnischen Könige, schwang sich zum absolutistischen Herrscher auf. Innerhalb von sechs Monaten beschlagnahmte der Kunstliebhaber den gesamten Kultur- und Kunstbesitz des Landes und der Kirchen, nicht ohne sich selbst dabei reichlich zu bedienen. Widerstandsaktionen wurden während der gesamten Besatzungszeit hart geahndet – für einen toten Deutschen wurden 50 bis 100 Polen exekutiert, willkürlich aus den Gefängnissen oder von der Straße geholt.
Sogleich nach seiner Amtsübernahme im November 1939 erließ Frank die ersten antijüdischen Gesetze: Ab dem 1. Dezember musste jeder Jude ab zehn Jahren ein weißes Armband mit blauem Davidsstern am rechten Ärmel des Oberarms tragen, jüdische Geschäfte und Firmen mussten ebenfalls mit dem Judenstern gekennzeichnet sein. Alle jüdischen Männer im arbeitsfähigen Alter wurden zu Zwangsarbeit herangezogen, Radios wurden eingezogen, Zugfahren war verboten, jüdische Bankkonten wurden gesperrt, Firmen beschlagnahmt, jüdische Schulen, Institute und Organisationen geschlossen.
Die Besatzer ordneten die Bildung von Judenräten an, von denen die jüdische Bevölkerung zunächst glaubte, dass sie eine jüdische Gemeindevertretung seien. Tatsächlich bedienten sich die Deutschen der Judenräte, um die antijüdischen Maßnahmen durchzusetzen. Die Rolle der Judenräte blieb darauf beschränkt, die Administration der Ghettos zu gewährleisten, die Ordnung aufrechtzuerhalten (mit Hilfe einer jüdischen Polizeitruppe, zu deren Gründung sie gezwungen wurden) sowie die deutschen Befehle auszuführen. Spätestens als die Judenräte von den Deutschen gezwungen wurden, die Deportationen zu organisieren, standen deren Mitglieder vor einem tragischen Dilemma.
Um die polnischen Juden zu konzentrieren und zu isolieren, wurden inzwischen im gesamten besetzten Polen Ghettos eingerichtet. Das Ghetto in Łódź war mit 165.000 Juden eines der ersten großen Ghettos und wurde im Frühjahr 1940 hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Es folgte das Warschauer Ghetto im Generalgouvernement, in dem 400.000 Juden auf engstem Raum zusammengepfercht worden waren und das Mitte November geschlossen wurde. Versuche, die abgeriegelten Ghettos zu verlassen, wurden mit dem Tode bestraft. Juden, die außerhalb der Ghettos aufgefunden wurden, erwartete ebenso wie deren polnische Helfer die Todesstrafe.
Die Lebensbedingungen in den Ghettos waren entsetzlich, Goebbels nannte sie in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen „Todeskisten“. Üblicherweise wurden viel zu kleine Stadtgebiete im ärmsten Viertel der Stadt für viel zu viele Menschen abgegrenzt. Im Warschauer Ghetto lebten 30 Prozent der Bevölkerung auf 2,4 Prozent der Stadtfläche, sechs bis sieben Menschen mussten sich im Schnitt ein Zimmer teilen.
Eingeschlossen im Ghetto hatte die jüdische Bevölkerung keine Möglichkeit mehr, einer Arbeit nachzugehen – eine wirtschaftliche Tragödie selbst für diejenigen, die in den von den Deutschen errichteten Produktionsstätten arbeiteten und dafür einen Hungerlohn erhielten. Die Lebensmittel, die ins Ghetto geliefert wurden und die man auf Lebensmittelkarten erhielt, waren bei weitem nicht ausreichend, um davon überleben zu können. Nur einige wenige Juden hatten Erspartes retten können, viele verkauften ihre letzte Habe.
Schmuggel wurde zu einem lebensnotwendigen, aber gefährlichen Gewerbe. Im Warschauer Ghetto produzierten jüdische Untergrund-Werkstätten Schals, Küchenutensilien, Bürsten und dergleichen und tauschten sie gegen Essen ein. Kleine Kinder – nicht älter als vier oder fünf Jahre alt – kletterten unter Lebensgefahr über die Ghettomauer, um etwas zu essen zu finden für ihre Familien. Fast jeden Tag wurden Schmuggler erwischt – und geschlagen, drangsaliert oder erschossen.
Immer mehr Leute verarmten, verhungerten und erfroren, Typhus- und Tuberkulose-Epidemien grassierten, die Sterblichkeitsziffer in den Ghettos stieg enorm an. Allein im Jahr 1941 starben knapp 55.000 Menschen im Warschauer Ghetto und mehr als 11.000 im Ghetto Łódź, das entsprach einer Sterberate von 90 pro tausend beziehungsweise 76 pro tausend. Bereits im Folgejahr kletterte die Mortalität auf 140 beziehungsweise 160 pro tausend an – sterbende oder tote Menschen in der Gosse oder auf den Bürgersteigen gehörten zum Ghettoalltag. Emanuel Ringelblum, ein im Warschauer Ghetto lebender Historiker, gründete das Untergrundarchiv Oneg Schabbat (Freude am Sabbat), und dokumentierte mit Hilfe vieler Mitarbeiter das Leben im Ghetto. Ringelblum hat nicht überlebt, aber große Teile des versteckten Untergrundarchivs – eine unschätzbare historische Quelle.
Am 22. Juni 1941 begann die deutsche Wehrmacht ihren Ostfeldzug und überfiel die Sowjetunion, dicht gefolgt von den Einsatzgruppen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA): Es war zugleich der Beginn des systematischen Massenmords an den russischen und den im sowjetisch besetzten Teil Polens lebenden polnischen Juden. Der Vernichtungsfeldzug wurde schnell auf den deutsch besetzten Teil Polens und auf alle besetzten Länder Europas ausgeweitet.
Im Januar 1942 fand auf Einladung von Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, die Wannsee-Konferenz in Berlin statt – Thema: die „Endlösung der Juden“, wie die Nazis die Ermordung der europäischen Juden euphemistisch nannten. Während der Konferenz drängte Josef Bühler, Stellvertreter von Hans Frank, mit der „Endlösung“ im Generalgouvernement zu beginnen, weil es hier keine Transportprobleme gäbe und er die Judenfrage so schnell wie möglich zu lösen wünsche.
Bereits im Monat zuvor, im Dezember 1941, war das erste Vernichtungslager im Reichsgau Warthegau in Einsatz gegangen: Chełmno. Es war das erste Lager, in dem Gas zum Einsatz kam. Zu den ersten Opfern gehörten Juden und „Zigeuner“ aus dem Ghetto Łódź, darunter Juden aus dem heutigen Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Tschechoslowakei, die nach Łódź abgeschoben worden waren. Bis März 1943 wurden mindestens 100.000 Menschen nach Chełmno deportiert – der Warthegau war nun, bis auf das Ghetto Łódź, judenfrei. Im April 1944 wurde die Arbeit in Chełmno wieder aufgenommen, um nunmehr auch die Juden des Ghettos Łódź zu vergasen.
Auch das Generalgouvernement hatte bereits im Herbst 1941 erste Vorbereitungen für die Ermordung der dort etwa zwei Millionen Juden (inklusive der seit August 1941 zum Generalgouvernement gehörenden Juden aus Lvov und Ostgalizien) getroffen. In der ersten Hälfte des Jahres 1942 wurden drei Vernichtungslager in Betrieb genommen: Bełżec, Sobibór und Treblinka. In Bełżec wurden ab März 1942 allein in den ersten vier Wochen 80.000 Juden aus Lublin, Lvov und anderen Ghettos im Distrikt Lublin und Galizien vergast – bis zum Dezember wurden es 600.000. In Sobibór wurden in den ersten drei Monaten zwischen Mai und Juli 1942 über 100.000 Juden aus Lublin, dem Protektorat Böhmen und Mähren, dem Deutschen Reich, der Ostmark und der Slowakei vergast, bis zum Herbst 1943 waren es 250.000.
Die mit Abstand größte „Aktion“ (so von den Nationalsozialisten genannt) im besetzten Polen fand vom 22. Juli bis zum 12. September im Warschauer Ghetto statt: eine Abfolge von Razzien und Aushebungen, in deren Folge etwa 300.000 Bewohner des Ghettos zum Umschlagplatz gebracht wurden, dem Güterbahnhof, der direkt an das Ghetto anschloss. Hier wurden die Menschen in Güterwagen gepfercht und nach Treblinka transportiert.
Bis zum Schluss versuchten die Nazis, ihre Absichten zu verschleiern und die Opfer zu täuschen. Sie propagierten, dass man die Juden umsiedeln würde an einen (nicht benannten) Ort, an dem es Arbeit gäbe und ordentliche Wohnungen. Trotz vieler Gerüchte wollten viele Juden nicht an die mit Recht unvorstellbaren Todesfabriken glauben. Andere jedoch machten sich keine Illusionen darüber, was sie erwartete. Sie versteckten sich in ihren Häusern, in Kellern, Dachkammern und Bunkern, um den Deportationen zu entkommen. Die SS jedoch räumte die Ghettos Haus um Haus, Straße um Straße. Die jüdische Polizei wurde gezwungen, jeden Tag eine bestimmte Anzahl von Juden abzuliefern, andernfalls drohte die Deportation der eigenen Familie. Adam Czerniaków, der Vorsitzende des Judenrates in Warschau, weigerte sich, die Deportationen zu organisieren und verübte am 23. Juli 1942 Selbstmord. Chaim Rumkowski, Vorsitzender des Judenrates im Ghetto Łódź, hoffte, wenigstens einen Teil der jüdischen Bevölkerung retten zu können. Auf Geheiß der Deutschen halfen er und der Ältestenrat, die Deportationen zu organisieren. Rumkowski befand sich auf dem letzten Transport aus dem Ghetto Łódź am 30. August 1944 und wurde in Auschwitz ermordet.
Nach der „Aktion“ im Sommer 1942 befanden sich noch etwa 55.000 – 60.000 hauptsächlich junge Menschen im Warschauer Ghetto. Sie waren verzweifelt, fühlten sich schuldig, dass sie keinen Widerstand geleistet hatten, und sie wussten, dass sie in Kürze ebenfalls deportiert werden würden. In dieser hoffnungslosen Situation schlossen sich verschiedene jüdische Parteien und Organisationen zur „Jüdischen Kampforganisation“ (ZOB) zusammen. Die ZOB nahm Kontakt mit der Armia Krajowa auf, der polnischen Widerstandsorganisation, die eine kleine Anzahl von Waffen lieferte. Währenddessen baute die Ghettobevölkerung Bunker mit Belüftungsschächten und Elektrizität und versorgte die Bunker mit Wasser und Nahrungsmitteln, um im Ernstfall dort längere Zeit überleben zu können.
Am 19. April 1943, am Vorabend des jüdischen Pessachfestes, kam die SS. Das Ghetto war gähnend leer – die gesamte Bevölkerung hielt sich versteckt –, und die Deutschen wurden von bewaffneten Widerstandskämpfern begrüßt: Es war der Anfang des Aufstands im Warschauer Ghetto – ein ungleicher Kampf zwischen ein paar hundert ausgehungerten Widerstandskämpfern, die nichts als ein paar Gewehre, Pistolen und Handgranaten besaßen, und knapp tausend schwer bewaffneten Deutschen. Dennoch hatten die Deutschen Schwierigkeiten mit der Partisanentaktik der Juden. Der Befehlshaber der Großaktion, SS-Gruppenführer Jürgen Stroop, beschloss daraufhin, das Ghetto systematisch niederzubrennen. Das Ghetto stand in Kürze in Flammen, die Bunker wurden zu Infernos. Dort, wo die Menschen noch aushielten, wurden sie mit Gasgranaten aus den Bunkern getrieben.
Der Aufstand dauerte fast vier Wochen, es war der größte jüdische Aufstand im besetzten Europa. Am 16. Mai verkündete Stroop, dass der ehemalige jüdische Wohnbezirk Warschau nicht mehr existiere. Um den Sieg entsprechend zu feiern, ließ er die Große Synagoge, die sich außerhalb des Ghettos befand, niederbrennen. In seinem Endbericht über die Aktion notierte er, dass seine Leute 56.065 Juden ergriffen hätten, von denen 7.000 im Kampf getötet worden seien. 7.000 Ghettobewohner wurden in das Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo sie sofort nach Ankunft vergast wurden. Einige Tausend wurden in Arbeitslager, die meisten in die Konzentrationslager Majdanek, Poniatowa und Trawniki deportiert, wo sie kurze Zeit darauf, im November 1943, dem „Unternehmen Erntefest“ zum Opfer fielen – einer Erschießungsaktion, in der in den drei KZs 43.000 Juden erschossen wurden. Nur die Juden in den Arbeitslagern überlebten.
Am 1. August 1944, mehr als ein Jahr nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto, begann der Warschauer Aufstand: der bewaffnete Kampf der Armia Krajowa gegen die deutsche Besatzungsmacht in Warschau. Zwei Monate lang lieferten sich polnische Widerstandskämpfer und deutsche Truppen heftige Gefechte und Straßenkämpfe um die Stadt, SS-Einheiten verübten in dieser Zeit furchtbare Massaker an der Zivilbevölkerung. Himmler hatte die Hinrichtung sämtlicher Personen im Aufstandsgebiet befohlen – egal, ob AK-Kämpfer oder Zivilisten und ohne Ansehen von Alter und Geschlecht. Allein im westlichen Stadtteil Wola wurden an einem einzigen Tag 50.000 Zivilisten kaltblütig erschossen – Frauen, Männer und Kinder. Die Rote Armee, die bereits vor den Toren Warschaus stand, stoppte ihre Offensive und wartete ab. Nach 63 Tagen – Warschau war ein Flammenmeer, es gab keine Nahrungsmittel mehr und kaum noch Wasser – kapitulierte die AK.
Die traurige Bilanz des Warschauer Aufstands: Zwischen 16.000 und 20.000 polnische Widerstandskämpfer und mehr als 160.000 polnische Zivilisten kamen ums Leben. Aber das war noch nicht das Ende: Reichsführer-SS Heinrich Himmler ordnete an, dass Warschau komplett von der Erde verschwinden müsse, kein Stein solle auf dem anderen bleiben, jedes Gebäude müsse dem Erdboden gleichgemacht werden. 100.000 Zivilisten wurden in deutsche Zwangsarbeitslager, 65.000 in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Die übrige Zivilbevölkerung wurde aus der Stadt in das restliche Gebiet des Generalgouvernements getrieben. Anschließend begannen die Deutschen mit der Vernichtung Warschaus oder dessen, was noch stehen geblieben war – mit Flammenwerfern und Sprengstoff zerstörten sie systematisch Haus um Haus, Straße um Straße. Sie konzentrierten sich dabei insbesondere auf historisch und architektonisch bedeutsame Gebäude sowie Kulturdenkmäler – die Universität, die Nationalbibliothek, das Brühlsche Palais, fast alle Theater, fast alle Kirchen. Zum Schluss holten sie mit Baggern die Telefonleitungen aus der Erde.
Im Januar 1945 waren 85 Prozent Warschaus zerstört, insgesamt 685.000 Bewohner der Stadt waren tot, und diejenigen, die noch lebten, hatten jegliche Habe verloren. Als die sowjetischen Truppen Warschau Mitte Januar 1945 befreiten, befreiten sie eine Stadt in Ruinen. Sie war menschenleer.
Der Vernichtungskrieg kostete allein in Polen insgesamt sechs Millionen Menschen das Leben, darunter waren knapp drei Millionen polnische Juden. Weniger als zwölf Prozent der polnischen Juden haben den Holocaust überlebt.
Maria Lewit
„Die Blätter vibrieren über mir als wäre ein Zittern durch den ganzen Baum gegangen. Himmelsflecken spielen Versteck, zwischen dem Grün der Blätter zeigt sich das blaueste Himmelsblau. Und wie ein Scheinwerfer im Theater, der die ganze Szene zum Leben erweckt, brechen die Sonnenstrahlen hindurch … Ich war nicht glücklich, ich war nicht unglücklich. Ich war einfach da, und das war alles. Ich philosophierte nicht über das Leben, aber mein Verstand war wie eine Kamera, die einen Abdruck hinterlässt von der Idylle des europäischen Sommers im Jahr 1939.“

Maria mit ihren Söhnen Joe und Michael bei der Preisverleihung des OAM, Melbourne 2011
So beginnt Maria Lewits autobiografischer Roman „Come Spring“ (Wenn der Frühling kommt).
Das Buch ist ein literarisches Juwel – geschrieben in einer wundervollen, poetischen Sprache, die ganz bewusst kontrastiert mit dem Inhalt, der von der Verfolgung der jungen Autorin und ihrer Familie handelt, von Angst, Hunger und Tod im besetzten Warschau. Ich erinnere mich, dass mein erster Gedanke beim Lesen war: „Dieses Buch sollte ins Deutsche übersetzt werden, damit es dem deutschen Leser zugänglich ist.“
Ich wollte die Autorin kennenlernen. Als Maria Lewit schließlich an einem Montag – montags ist „ihr“ Tag im Museum – zur Tür hereinkam, stürzte ich auf sie zu, stellte mich vor und teilte ihr auf der Stelle mit, dass ich ihr Buch gelesen hätte und wie großartig ich es fände.
Maria Lewit ist eine nüchterne Frau. Sie muss einigermaßen irritiert gewesen sein von dem Gebaren dieser fremden Person, aber wenn es so war, zeigte sie es nicht. Sie wechselte einige freundliche Worte mit mir, bevor sie sich dem zuwandte, weshalb sie gekommen war: Sie begrüßte eine Schulklasse mit ihrem Lehrer und ging mit der Gruppe hinüber in den Vortragssaal. Dort würde sie den Schülern nun über ihre persönlichen Erfahrungen während des Holocaust berichten.
Maria Lewit hat mir später eine Menge über sich erzählt – über ihre Kindheit und Jugend im zunächst freien und später besetzten Polen, über ihre Freunde und ihre Familie, über ihr Überleben. Sie besitzt noch einige Briefe von Schulfreundinnen aus dem Warschauer Ghetto. Maria und ich haben diese Briefe aus dem Polnischen ins Englische übersetzt – eine emotional nicht einfache Aufgabe: keine der Freundinnen hat überlebt. Mit etlichen Wörterbüchern umgeben verbrachten wir auf diese Weise viele Stunden miteinander. Ich profitierte dabei von Marias profundem Wissen über den Holocaust ebenso wie von ihrer Erfahrung und Klugheit. Manchmal gingen wir in ihre gut bestückte Bibliothek hinüber und schauten etwas nach, oft empfahl sie, eine leidenschaftliche Leserin, das eine oder andere Buch oder borgte es mir – nicht immer, aber doch vorwiegend über den Holocaust. Häufig allerdings spornte sie mich an, die ganze Holocaust-Lektüre doch einfach beiseitezulegen und mich mit freundlicheren Themen zu beschäftigen.
Maria Lewit wusste, warum sie das sagte. Je tiefer man in die Geschichte des NS-Terrors eindringt, desto verstörender wird es. Und als ob sie mich manchmal aufmuntern oder auch mit meiner Elterngeneration versöhnen wollte, erzählte sie mir zuweilen die Geschichte über einen „guten Deutschen“: „Schau, Hannah – es gab auch gute Menschen!“
Marias langjähriger Ehemann Julian verstarb im November 2005. („Mein Mann starb im Bett, in frischen Laken, von einem Arzt betreut, und im Beisein aller seiner Lieben.“) Marias Söhne Joe und Michael, vier Enkel und fünf Urenkel leben in Melbourne, die Familie ist oft beisammen und sie ist Marias große Freude.
Für ihr Buch „Come Spring“ und den nachfolgenden Emigrantenroman „No Snow in December“ (Kein Schnee im Dezember) wurde Maria Lewit mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet. Im Jahr 2011 erhielt sie zu ihrer großen Überraschung für ihren Beitrag zur australischen Literatur und für ihre ehrenamtliche Arbeit im Holocaust-Museum die „Medal of the Order of Australia“ (Orden zur Würdigung außerordentlicher Leistungen australischer Bürger). So ganz versteht sie die Ehrung und den Rummel um ihre Person nicht: Sie habe doch nichts Besonderes getan, um diesen Orden wirklich zu verdienen. Außer, vielleicht, allen (australischen) Museumsbesuchern und insbesondere den jüngeren unter ihnen immer wieder zu sagen, wie glücklich sie doch seien, in Australien zu leben.
Marias Geschichte
Maria wächst in einer gut situierten Familie in Łódź auf. Łódź, bekannt als das Manchester Polens, ist in den zwanziger Jahren – nach Warschau – die zweitgrößte Stadt Polens. Seit dem frühen 19. Jahrhundert hat sich die Stadt zu einem großen Textilzentrum entwickelt, das Polen, Deutsche und Juden gleichermaßen anzieht. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges hat Łódź 665.000 Einwohner, von denen 34 Prozent Juden und 10 Prozent Deutsche sind. Mit den mehr als 220.000 Juden ist die jüdische Gemeinde der Stadt die zweitgrößte Polens: Es gibt jüdische Schulen, Bibliotheken, Theater und Sportklubs; jüdische Intellektuelle, Poeten und Schriftsteller wohnen in der Stadt. Durch die industrielle Entwicklung entsteht auch so etwas wie ein jüdisches Proletariat.

Lidia und Borys Markus, aufgenommen in einem „Photomat“ in Łódź, Anfang der 30er Jahre
Marias Vater Borys Markus, ein polnischer Jude, ist Geschäftsmann in der prosperierenden Textilindustrie. Zusammen mit Jozef Lewit (der später Marias Schwiegervater werden soll) besitzt er eine Firma, die Taschentücher produziert. Die Firma hat eine Zweigstelle in Moskau, und auf einer seiner Geschäftsreisen trifft Markus die junge und sehr hübsche Russin Lidia Wagin. Die beiden verlieben sich, heiraten, und – der Ehe zuliebe – konvertiert die russisch-orthodoxe, also christliche Lidia zum jüdischen Glauben. 1919 kommt Tochter Genia zur Welt, 1925 wird die zweite Tochter Maria geboren.

Maria and Genia, Łódź 1931
Die Familie lebt sehr komfortabel in einem Sechs-Zimmer-Apartment im Zentrum von Łódź.
„Das Apartment war im 4. Stock und hatte einen Fahrstuhl. Es gab zwei Balkone mit einem hübschen Blick auf den protestantischen Kirchturm und die Stadt – mein Vater hatte die Wohnung wegen der Aussicht ausgesucht. Er und ich standen im ständigen Wettbewerb um die besten Fotos vom Balkon. Er hatte eine Zeiss Ikon und ich eine Kodak Box – ich für meinen Geschmack machte natürlich immer die besseren Fotos“, lacht Maria.
Wie alle wohlhabenden jüdischen Familien haben die Markus’ eine polnische Hausangestellte, die bei der Familie wohnt.
„Sie hieß Kazia, und ich habe sie geliebt. Sie war zwar Analphabetin, aber eine geborene Geschichtenerzählerin, und ich habe oft mit ihr in der Küche gesessen. Sie hat meine Eltern mit ‚Gnädige Frau‘ und ‚Gnädiger Herr‘ angesprochen und Genia und mich mit ‚Fräulein‘, während wir sie immer einfach mit ihrem Vornamen ansprachen. Irgendwie kam uns das gar nicht in den Sinn, dass das nicht in Ordnung war. Allerdings muss ich sagen: Als Dienstmädchen durfte Kazia nie den Lift nehmen, und das gefiel mir schon als Kind nicht.“
Jeden zweiten Tag kommt ein weiteres polnisches Mädchen und hilft beim Saubermachen und Teppichklopfen. Maria schmunzelt:
„Das Interessante dabei war, dass dieses Mädchen auch in der Nachbarschaft arbeitete, und ich konnte nie genug von dem ganzen Klatsch kriegen.“
Maria, die von jedem Marka genannt wird, geht in das jüdische Mädchengymnasium „Eliza Orzeszkowa“, so benannt nach einer polnischen Schriftstellerin.
„Das war eine exzellente Schule, die von einer Gruppe jüdischer Eltern gegründet worden war, da die polnische Regierung nur zehn Prozent Juden auf weiterführenden Schulen zuließ. Und die progressiven Juden wollten natürlich, dass nicht nur ihre Söhne, sondern auch ihre Töchter eine hervorragende schulische Bildung erhalten. Die Schule wurde von wohlhabenden jüdischen Familien finanziert, die damit gleichzeitig intelligente Kinder aus ärmeren Familien förderten, und zwar jüdische und nicht jüdische. Das heißt, in unseren Klassen waren durchaus auch nicht jüdische polnische Mädchen. Es gab eine Kantine, und für die ärmeren Kinder war das Essen frei. Ich war an der Schule zuständig für das Thema ‚soziale Gerechtigkeit‘ und kümmerte mich deshalb immer ein bisschen um die ärmeren Kinder.“
Maria hat viel Spaß in ihrer Schulzeit. Sie ist gescheit, aufgeweckt und bekannt für den Unfug, den sie gerne schon mal ausheckt.
„Mein Mathelehrer hat mich nur ‚marna istoto‘ genannt, das heißt so viel wie ‚unnützes Ding‘. Aber auch mit anderen Lehrern hatte ich so meine Probleme. Einmal habe ich zum Beispiel den Namen meines Musiklehrers veralbert. Der hieß ‚Pedzimaz‘, das heißt ‚rennender Ehemann‘, und über den Namen habe ich ein Lied gemacht, das ich in der Klasse gesungen habe. Natürlich hat mich mein Musiklehrer daraufhin rausgeschmissen. Was der aber nicht wusste, war, dass ich den Rausschmiss vorausgesehen habe. Bevor die Musikstunde also anfing, habe ich zehn Mädchen mit einer Kordel an mich dran geknotet, eine nach der anderen.“ Maria lacht noch heute über ihren Streich. „Als ich dann aus dem Klassenzimmer rausging, mussten mir also zehn Mädchen folgen. Die ganze Schule hat davon erfahren, ich hatte mir mit dieser Geschichte einen Namen gemacht.“

Maria mit ihren Freundinnen Iwetta und Zosia, 1939



