So weit wie möglich weg von hier

- -
- 100%
- +
„Das Ziel war, eine Mauer zu durchbrechen und einen Bunker unter der rückwärtigen Terrasse zu machen mit einem Fluchtweg in den Garten. Um den Lärm möglichst gering zu halten, haben wir den Mörtel um die Ziegelsteine herum mit scharfen Nägeln abgekratzt – das war harte Arbeit. Juleks Hände waren völlig aufgeschnitten und bluteten, aber es machte uns nichts, wir waren nämlich ineinander verliebt.“ Maria lacht und fährt fort: „Ehrlich gesagt waren wir sogar froh, dass wir im Keller arbeiten konnten, weil wir da nämlich unter uns waren.“
Die beiden Verliebten wollen mehr als heimliche Küsse, also fragt die rebellische Maria ihre Mutter, ob sie und Julek zusammen schlafen können. Lidia ist nicht erfreut und meint, dass ihre achtzehnjährige Tochter bis zum Ende des Krieges warten sollte, um sich ihrer Gefühle auch wirklich sicher zu sein. Aber als Julek schließlich offiziell bei Lidia um die Hand ihrer Tochter anhält, gibt sie nach.
„Meine Mutter zauberte eine Flasche Wodka auf den Tisch, und die Familie erklärte, dass wir verheiratet seien und von nun an auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen dürften.“
Währenddessen wird Genia, die noch in Warschau lebt, von Juden-Jägern in ihrer Wohnung aufgespürt und, nachdem sie kein Geld bezahlt, übel zugerichtet. Nach diesem Vorfall ziehen auch Marias Mutter und Schwester nach Kobyłka.
„Jetzt waren wir neun im Haus. Ich werde nie erfahren, ob Onkel Jerzy wusste, dass die ganze Familie im Haus lebt. Wenn er es wusste, hat er jedenfalls nie ein Wort gesagt.“
Maria und Julek bauen nun mit doppelter Kraft an dem Versteck im Keller.
„Wir haben oft Geschichten gehört von Leuten, die im Versteck lebten und denunziert worden waren. Und wenn man sie fand, gab es immer nur ein Ergebnis: den sicheren Tod.“
Es gelingt den beiden, einen schmalen Gang im Keller zu graben.
„Wir haben dabei eine Menge Sand herausgeholt, den haben wir im Garten herumgestreut, so, dass die Nachbarn nichts merkten. Julek hat dann Onkel Jerzys Weinregale benutzt, um einen Kaninchenstall zu bauen. Den wollten wir vor den Eingang des Verstecks stellen, um für den Fall des Falles die deutschen Schäferhunde zu täuschen.“
Nachdem Marias Onkel Jerzy Zmigrodzki stirbt, ist das Haus – für Außenstehende – ein Vier-Frauen-Haushalt. Vitek, Inka, Julek und Marek leben nach wie vor versteckt und können das Haus nicht verlassen.
Olga wird von einem Nachbarn angesprochen, der sie gut kennt. Er eröffnet ihr, dass er für die Armia Krajowa (AK) arbeite, die größte polnische Untergrundbewegung, und bittet Olga um Unterstützung. Die etwa 400.000 Untergrundkämpfer der Armia Krajowa sabotieren deutsche Züge, die in den Osten fahren, sprengen Brücken, befreien Gefangene und Geiseln, liefern sich Kämpfe mit Einheiten der Polizei und Wehrmacht und liefern wichtige militärische Informationen an die Alliierten. Jeder Untergrundkämpfer, der in die Hände der Deutschen gerät, wird unweigerlich exekutiert.
„Ich erinnere mich, dass wir mit dem Nachbarn bei einer Flasche Wodka zusammengesessen haben und dass der Nachbar meine Mutter und meine Tante fragte, ob er unser Haus als Radiostation benutzen könne, um täglich Nachrichten an die polnische Exilregierung in London zu senden. Diese Idee wurde zwar schnell von den beiden Frauen verworfen, aber die Begeisterung, anderweitig zu helfen, war groß. Und so fingen meine Mutter und meine Tante an, Dokumente und Waffen im Keller zu verstecken. Ich habe mich mit dieser Idee überhaupt nicht wohl gefühlt, aber Mutter und Tante waren nicht zu bremsen.“
Eines Tages fahren Maria und ihre Mutter nach Warschau, um Lebensmittel zu besorgen und neue Bücher aus der Bibliothek zu holen. Die Bücher sind besonders wichtig für die Familienmitglieder, die das Haus nicht verlassen dürfen. Es ist eine von vielen Zugfahrten zwischen Kobyłka und Warschau. Diesmal jedoch ist es anders.
„Der Zug war brechend voll und voller Soldaten. Meiner Mutter und mir wurde ein Sitzplatz angeboten im ‚Nur für Deutsche‘-Abteil. Soldaten erzählten und lachten und alles war gut – bis ich plötzlich eine Stimme sagen hörte: ‚Ich weiß, du bist eine Jüdin.‘ Erst langsam, dann schneller und lauter, und fast einfallend mit dem Rhythmus des Zuges, wiederholte die Stimme. ‚Ich weiß, ich weiß, du bist Jüdin.‘“
Maria ist gemeint. Es ist eine gezielte Denunziation.
„Ich habe ganz still gesessen und wusste nicht, was ich machen sollte, bis meine Mutter eingriff.“
Lidia Markus protestiert, erklärt, dass Maria ihre Tochter sei und nicht irgendeine Jüdin, die vom Zug abgesprungen sei, wie der Denunziant behauptet, und zeigt ihre Kennkarten. Es hilft nichts. Als der Zug in Warschau hält, ruft der Denunziant die Polizei und bittet sie, Maria und ihre Mutter zur Gestapo-Zentrale zu bringen.
„Und so haben uns sechs Gendarmen zur Gestapo gebracht: Zwei liefen vor uns, zwei hinter uns und zwei an der Seite. Ich nahm mir fest vor, nicht zu weinen, aber ich hatte eine entsetzliche Angst. Würden die mich fragen, wo ich die letzte Nacht geschlafen habe? Würde ich dann stark genug sein, Tante Olgas Adresse nicht zu verraten? Würden die mich foltern? Ich hatte so meine Zweifel, ob ich dann meinen Mund halten könnte. Würden sie vielleicht meine Mutter bedrohen? Das waren so meine Gedanken. Aber vor allem dachte ich: Ich will nicht sterben.“
Die Gestapo-Zentrale ist eines der am meisten gefürchteten Gebäude Warschaus. Es ist bekannt, dass hier brutale Verhöre stattfinden, dass hier geschlagen, gefoltert und gemordet wird.
„Wir mussten eine Treppe nach oben gehen, und mir ging durch den Kopf: Komisch, und ich dachte immer, die Gestapo sei im Keller. Die Treppenstufen glänzten, der lange Flur glänzte, jemand öffnete eine Tür, und vor uns standen drei Gestapo-Leute in schwarzen Uniformen. Und an der Wand war ein riesiges Porträt von Hitler. Während meine Mutter unsere Kennkarten vorzeigte, dachte ich immerzu: Bitte, bitte, lass mich stark sein und mich nicht die Menschen verraten, die ich so sehr liebe.“
Einer der Gestapo-Männer inspiziert die Kennkarten, legt sie auf eine Glasplatte und beleuchtet sie.
„Und dann, plötzlich, brach dieser Mann, der offenbar der Vorgesetzte war, in offenes Gelächter aus und sagte: ‚Blonde Haare, blaue Augen, helle Haut und ordentliche Papiere – was für ein netter Scherz so früh am Morgen. Sie sind frei, Sie dürfen gehen. Heil Hitler.‘ Und dann liefen wir also zurück durch diesen Flur, und ich wollte nichts anderes als den nächsten Zug nach Hause nehmen. Ich war in totaler Panik, dass mich nun jedermann als Jüdin erkennen würde. Aber meine Mutter beruhigte mich, meinte, dass alles in Ordnung sei, und sie bestand darauf, dass wir uns nun genauso wie immer verhalten – also einkaufen und Bücher aus der Bibliothek holen. Natürlich konnte sie mich nicht zum Narren halten. Ich wusste, dass das nur Vorsichtsmaßnahmen waren, um sicherzugehen, dass uns niemand folgte.“
Maria kann das Gelächter des Gestapo-Mannes für lange Zeit nicht vergessen. Von nun an ist sie von den Zugfahrten nach Warschau befreit, Tante Olga springt ein. Lidia und Olga verbinden ihre Zugfahrten nach Warschau mit ihren patriotischen Pflichten für die AK. Die achtzehnjährige Maria zieht sich zurück und denkt viel darüber nach, was passiert ist.
„Wieso haben die mich laufen lassen? Nicht, weil ich irgendetwas Tolles oder Heroisches vollbracht hätte. Nein – nur weil ein Gestapo-Mann das Ganze als Witz betrachtete. Und weil ich mit meiner Mutter zusammen war. Meine Mutter war bildschön und hatte diese typischen slawischen Gesichtszüge. Niemand, nicht mal die Gestapo, konnte ernsthaft annehmen, dass sie Jüdin sei. Ja, dachte ich, meine Mutter war mutig, aber es war ja auch leicht für sie, mutig zu sein mit ihrem blonden Haar und ihren blauen Augen. Jüdische Mütter konnten ihre Töchter jedenfalls nicht retten, obwohl sie genauso mutig waren. Ich fand das unfair.“
Maria hält einen Moment inne. „Ich weiß nicht, ob das irgendjemand verstehen kann, was ich jetzt sage, aber ich habe meiner Mutter das arische Aussehen fast übel genommen.“
Olga und Lidia bringen das „Biuletyn Informacyjny“ nach Hause, das offizielle Presseorgan der Armia Krajowa. Es informiert über die politische Situation, über den Krieg und berichtet detailliert über die Untergrundaktivitäten. Der Leser wird aber auch über die „Endlösung“ informiert – die deutsche Antwort auf die „Judenfrage“. Maria liest, dass die Deutschen im Sommer und Herbst 1942 etwa 300.000 Juden aus dem Warschauer Ghetto deportiert haben, darunter alle 200 Kinder des Waisenhauses. Janusz Korczak, damals bereits berühmter Kinderbuchautor und Pädagoge, ist der Direktor des Waisenhauses. Er und alle seine Mitarbeiter weigern sich, die Kinder allein zu lassen, und begleiten die Kinder im Deportationszug, der in den Tod führt.
„Ich musste so oft an Dr. Korczak denken. Ich hatte seine ganzen Kinderbücher gelesen und einige seiner psychologischen Arbeiten. Als Kind und Teenager war ich wirklich total in seinem Bann. Das alles war einfach unfassbar.“
Ein weiteres Manuskript wird ins Haus geschmuggelt: Der Augenzeugenbericht eines polnischen Juden, der den Aufstand im Vernichtungslager Treblinka im August 1943 überlebt. Sofort nach seiner Flucht aus dem Lager – unter dem unmittelbaren Eindruck der Erlebnisse – schreibt Jankiel Wiernik auf, was er gesehen und erlebt hat. Wiernik ist Zeuge an dem Mord an etwa 700.000 Menschen geworden, und in der Monografie „Ein Jahr in Treblinka“ beschreibt er, nüchtern und ungeschönt, die Hölle des Lagers. Der Bericht ist grauenvoll, Maria ist entsetzt.
„Ich las unter anderem von einem namenlosen Mädchen, das sich auf einen SS-Wachmann geworfen hat, und das auf der Stelle erschossen wurde. Ich habe mir gewünscht und mich schließlich selbst davon überzeugt, dass das Irma war.“
An einem Frühlingstag im Jahr 1943 wird die Gegend um Kobyłka von den Deutschen durchkämmt. Sie stürmen in jedes Haus. Vitek, Inka, Julek und Marek haben nur Sekunden, um in ihr Versteck im Keller zu verschwinden.
„Die Deutschen kamen mehrmals ins Haus, sie schauten in jede Ecke, unter die Betten, in die Schränke. Wir waren paralysiert vor Angst. Noch in der gleichen Nacht sind meine Tante Olga und ich losgegangen, um von irgendeinem Dorfbewohner ein Kaninchen zu bekommen. Nachdem wir an Hunderte von Türen geklopft hatten, verkaufte uns tatsächlich jemand zwei Kaninchen. Die haben wir dann sofort in den Käfig gesteckt, der im Keller vor dem Versteck stand.“
Im April 1943 können Maria und ihre Familie Rauchwolken aus der Ferne über Warschau sehen – es ist der Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto. Maria ist unruhig und ängstlich.
„Das Ghetto brannte. Meine Familie wollte mich zurückhalten, aber ich bin trotzdem nach Warschau gefahren. Ich musste selbst sehen, was dort passiert. Es war Ostern, und gleich neben der Ghettomauer war ein Volksfest mit Karussells und Schießbuden. Die Leute hatten ihren Spaß, sie lachten, und es spielte laute Musik. Und zur gleichen Zeit konnte man Häuser im Ghetto brennen sehen und Menschen, die aus den Häusern sprangen.“
Jeden Tag sehen Maria und ihre Familie von ihrem Haus in Kobyłka aus den dicken, schwarzen Rauch über dem Warschauer Ghetto.
„Aber das Thema wurde nicht erwähnt. Es war wie ein stillschweigendes Übereinkommen: Man spricht nicht über den Tod in Anwesenheit eines sterbenden Patienten. Ich habe natürlich die ganze Zeit an meine Freundinnen gedacht – die Freundinnen, die ich im Stich gelassen hatte.“
Mitte Mai ist das Ghetto bis auf den Grund niedergebrannt. „Und ich dachte, das Ghetto hat sich gegenüber den Deutschen länger verteidigt als Polen, Frankreich und der ganze Kontinent.“
Sechs Wochen nach ihrem ersten Besuch kehrt Maria zum Ghetto zurück und sieht nur noch Ruinen. „Das Haus, in dem Irma und ihre Familie gelebt hatten, stand eigentümlicher Weise noch – vermutlich weil es so dicht an der Mauer war. Ich ging rein und suchte nach irgendeinem Zeichen von Irma, aber natürlich fand ich nichts.“
Marias Familie lebt nun seit eineinhalb Jahren im Versteck. „Wir stritten uns oft, meist über dumme und wirklich kleine Sachen. Tatsache war, dass wir nun schon viel zu lange auf viel zu kleinem Raum zusammen waren.“ Lethargie, Angst und Depression setzen ein. Als sich die sowjetischen Truppen Warschau nähern, kommen Gerüchte auf, dass die Deutschen die gesamte polnische Bevölkerung evakuieren will.
„Ich bekam jetzt wirklich Angst, dass ich das Ende des Krieges nicht mehr erleben würde. Vitek, sonst der große Geschichtenerzähler, wurde still, und seine Augen merkwürdig dunkel. Er hatte irgendwelche Kapseln zum Schlucken organisiert, falls die Deutschen kommen. Ich habe eine Menge über den Tod nachgedacht – und dabei wollte ich doch so gerne leben. Ich wollte mehr lernen, mehr über die Welt erfahren, ich wollte mit meinem Liebsten spazieren gehen, und ich wollte frei sein.“
Es ist Sommer 1944, als die Rote Armee Warschau erreicht.
„Wir haben angefangen, Hoffnung zu schöpfen, wir fühlten, dass das Kriegsende nahe war. Aber dann lasen wir in der Untergrundpresse von der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek und von den schrecklichen Verbrechen, die dort verübt worden waren. Nun bekamen wir eine entsetzliche Angst davor, was die Deutschen auf ihrem Rückzug alles mit uns machen würden.“
Am 1. August beginnt die Armia Krajowa ihren Aufstand gegen die deutsche Besatzungsmacht. Die Kämpfe sind erbittert.
„Von unserem Dachboden aus konnten wir Rauch über Warschau sehen und das Licht von dem Artilleriebeschuss erhellte unsere Zimmer. Einmal landete sogar eine Granate in unserem Dachboden, aber zum Glück explodierte sie nicht. Und dann sahen wir in der Ferne auch all die Menschen, die unter deutscher Bewachung aus Warschau getrieben wurden – Erwachsene, Kinder, Hunde, Kühe – alles war in Bewegung.“
Die Deutschen kommen auch nach Kobyłka.
„Da war ein Hämmern an der Tür, und deutsche Soldaten schrien: raus, raus! Sie hielten uns ihre Gewehre vor die Nase und sagten, wir würden vor den nahenden Russen evakuiert werden. Sie gaben uns keine Minute Zeit – wir mussten sofort mitkommen. Sie trieben uns aus dem Haus – und wir mussten Inka, Vitek, Julek und Marek allein im Keller zurücklassen.“
Die SS-Verbände, die eigens vom Reichsführer-SS Heinrich Himmler zur Zerschlagung Warschaus zusammengestellt worden waren, evakuieren das ganze Dorf, plündern und brennen Häuser ab. Nach einem Tagesmarsch gelingt es Maria, ihrer Schwester, Mutter und Tante bei Dunkelheit, sich von dem Strom der Flüchtlinge unerkannt abzusondern und nach Hause zurückzukehren. Das Haus ist schwer demoliert, aber nicht abgebrannt. Die vier versteckten Juden im Keller sind wie durch ein Wunder am Leben. Mitte Januar 1945 rollen sowjetische Panzer in Kobyłka ein.
„Nun waren wir also frei. Ich habe geweint und mich gewundert, dass ich so traurig bin. Meine Mutter sagte, sie wolle den ersten russischen Soldaten küssen, den sie sieht, rannte auf einen jungen Offizier zu, küsste ihn und dankte ihm. Vitek und die anderen trauten sich zunächst nicht aus ihrem Versteck – aus Angst, dass die Deutschen zurückkommen könnten. Schließlich kamen sie aber doch. Vitek ließ sich auf den Boden fallen und weinte, und der dreizehnjährige Marek, der ja die vergangenen drei Jahre keine einzige Möglichkeit gehabt hatte, seine Beine zu bewegen, sprang glücklich auf der Straße herum.“
Die Familie kehrt nach Łódź zurück, Maria und Julek heiraten – diesmal offiziell – und zwei Jahre später wird Sohn Joe geboren. Im Juli 1946 kommt es zu einem Ausbruch von Gewalt gegen Juden in Kielce, einer polnischen Stadt 130 Kilometer südöstlich von Łódź, der mit dem Tod von 42 jüdischen Frauen, Männern und Kindern endet – mit Bajonetten erstochen, erschossen, erschlagen oder gesteinigt. Dies ist der Moment, in dem das junge Paar entscheidet, dass es nicht in Polen bleiben will. Zum Glück hat Julek entfernte Verwandte in Australien. Zwei Cousinen von Juleks Mutter, denen es gelungen war, kurz vor Ausbruch des Krieges nach Australien zu emigrieren, schicken Visa für Julek, Maria und Joe. Trotzdem ist es schwer, den Reisepass von den polnischen Behörden zu bekommen.
„Wir mussten Millionen von Dokumenten und Papieren bei irgendeinem Ministerium in Warschau einreichen. Dann mussten wir von jedem Gegenstand, den wir mitnehmen wollten, eine Fotografie machen, unsere Bücher mit Autor, Titel, Erscheinungsjahr und Verlag auflisten – und wir mussten bestechen.“
Im Dezember 1947, in einem sehr kalten Winter, verlassen sie Polen und müssen in Frankreich ein Jahr auf ihre Weiterreise nach Australien warten.
„Das war eine gut angelegte Zeit. Ich hatte schon immer nach Paris reisen wollen, wo mein Vater studiert hatte. Er nannte Paris immer die ‚aufgeklärte‘ Stadt. Während meiner ganzen Kindheit hatte ich ein mentales Bild geformt von Paris. Für mich war das die Sorbonne, Louis Pasteur und Marie Curie, Emile Zola und Honoré de Balzac, Gauguin und Degas und all die Cafés. Juleks Bruder Simon und seine Frau lebten in Paris, und wir konnten bei ihnen wohnen. Wir haben die Stadt geliebt.“
Ende 1948 fährt die junge Familie nach Triest und besteigt dort das Schiff nach Australien. Fünf Wochen später, in der Mitte des australischen Sommers, erreichen sie Sydney.
„Ich hatte nie zuvor eine so schöne Stadt wie Sydney gesehen – aber es war einfach viel zu heiß für uns, um die Stadt zu genießen. Die Sonne brannte, die Luft war so stickig, dass wir kaum atmen konnten, und unsere Mäntel waren viel zu schwer. Am gleichen Abend bestiegen wir den Zug nach Melbourne – und mussten an der Grenze von New South Wales zu Victoria den Zug wechseln, weil die Spurweite der Gleise unterschiedlich war zwischen den beiden Bundesstaaten. Wir waren verblüfft: Wir waren von Polen über die Tschechoslowakei, Österreich und Deutschland nach Frankreich gereist, ohne dass sich auch nur einmal die Spur geändert hätte – und hier hatten sie unterschiedliche Gleise in einem einzigen Land.“
Die unterschiedlichen Gleisanlagen sind nicht das Einzige, das die Neuankömmlinge erstaunt.
„Alles war so völlig anders als in Europa. Die Sonne, die das Land so versengte, die silbrigen Eukalyptusbäume anstatt der sattgrünen Kiefernwälder, die andere Tierwelt und die Vögel, die die Luft mit Gelächter erfüllten wie in einem Irrenhaus,3 und die Nacht, die so schnell ohne Dämmerung hereinbrach: In einem Moment war es noch hell, und dann auch schon dunkel.“
Die junge Familie hat kein Geld, sie wohnt zunächst bei Juleks Cousinen, die, obwohl sie eine hervorragende Ausbildung haben, als polnische Immigranten keine adäquate Arbeit in Melbourne bekommen konnten und nun eine Hühnerfarm betreiben. Maria spricht kein Englisch, Julek, der in Manchester studiert hat, spricht die Sprache zwar fließend, bekommt aber auch keine Arbeit, die seiner Qualifikation entspricht.
„Der australische Traum fing an, Risse zu bekommen. Julek hatte eine Anzeige in die Zeitung gesetzt: ‚Textilingenieur mit englischem Abschluss sucht Arbeit‘. Er hatte viele Interviews, aber jedes Mal, wenn dem Gesprächspartner klar wurde, dass Julek Pole ist, war das Gespräch zu Ende. Die haben ihm geradeheraus gesagt, dass australische Arbeiter ihn nicht in einer Managerposition akzeptieren würden. Und so fing Julek eben an, als Arbeiter zu arbeiten. Aber er hat sich nicht beschwert. Ehrlich gesagt war ich diejenige, die unglücklich war. Ich habe auch meine Familie vermisst, die so weit weg war.“
Julek arbeitet schwer, und mit der Hilfe einiger Freunde, die ihm Geld leihen, kann er ein kleines Haus für die Familie kaufen. Kurz darauf kommen Bekannte aus Polen mit ihrem fünfjährigen Sohn in Melbourne an, und Maria und Julek sind mehr als froh, die drei bei sich unterzubringen: Franka war Marias Lehrerin gewesen, und zusammen mit ihrem Mann Leon hatte sie heimlichen Unterricht für ihre ehemaligen Schülerinnen im Warschauer Ghetto organisiert. Die beiden Familien teilen das kleine Haus für die nächsten drei Jahre.
Während die Kinder die neue Sprache sehr schnell lernen, tun sich die Erwachsenen schwer – insbesondere Franka und Maria, die nicht arbeiten und daher wenig Kontakt mit den „Aussies“ haben.
„Wir mussten noch nicht mal groß das Haus verlassen, um einzukaufen. Milch und Brot wurden täglich geliefert, und zweimal in der Woche kam ein Obstladen auf Rädern und hielt vor der Tür. Der Verkäufer war ein Italiener, und die Konversation ging normalerweise nicht über ‚Geben Sie mir dies‘ mit Fingerzeigen und ‚Si, si, Signorina‘ hinaus. Also haben wir uns schließlich entschlossen, Englisch-Unterricht zu nehmen. Leider ist unser sehr guter Lehrer nach kurzer Zeit nach England gegangen und ließ uns mit unserem dürftigen Grundwissen zurück. Aber wenigstens konnte ich schon Bücher lesen – ich habe mit Büchern angefangen, die ich schon aus dem Polnischen kannte.“
Maria muss sich ständig selbst daran erinnern, wie gut das Leben doch ist in Australien – jedenfalls im Vergleich zu all dem Horror, den sie und ihre Familie durchgemacht haben während des Krieges. Sie fühlt sich nicht wirklich zu Hause. Sie vermisst Polen, sie vermisst die Kiefernwälder, sie vermisst den Schnee im Winter und die milden, warmen Sommer. Aber in erster Linie vermisst sie ihre Mutter und alle anderen in der Familie, die ihr so lieb und teuer sind.
„Ich habe noch nicht mal Melbourne gemocht, weil ich dachte, es sei eine gesichtslose Stadt ohne Persönlichkeit, fast schon klinisch. Es gab keine kleinen Straßenhändler, keine Straßenkünstler oder -musikanten, keine Bettler und keine Verrückten auf der Straße. ‚Wo waren diese Leute in Australien?‘, fragte ich mich dauernd. Und wann immer ich in die Stadt ging, sah ich natürlich auch keine bekannten Gesichter und traf niemanden – ich kannte ja niemanden.“
Maria und Julek hatten Polen in dem Glauben verlassen, dass ihre Familie – oder was von der Familie übrig geblieben war (Juleks Mutter war im Ghetto von Łódź gestorben und sein Vater 1944 aus dem Ghetto heraus in ein Vernichtungslager deportiert worden) – nachkommen würde, sobald die nötigen Papiere vorliegen würden.
„Ich hätte alles gegeben für meine Söhne – inzwischen war mein zweiter Sohn Michael geboren – damit sie eine Großmutter und eine Tante haben. Sie sind wirklich nur mit uns groß geworden, ihren Eltern, und haben nie ihre weitere Verwandtschaft kennengelernt. Eines Tages erhielten wir einen Brief von meiner Mutter, in dem sie erklärte, dass der Mann meiner Schwester als polnischer Journalist in Polen bleiben wolle, dass meine Schwester ein Baby erwarte – und dass meine Mutter deshalb nun auch in Polen bliebe. Das war hart, und ich habe viel geweint.“
Lidia Markus bleibt in Łódź, ihre Schwester Olga Zmigrodzki zieht nach Warschau. Beide bleiben in enger Verbindung, fahren gemeinsam in Urlaub und besuchen ihre russischen Verwandten in Moskau. In den siebziger Jahren fliegt Maria nach Polen, um nach langer Zeit ihre Familie wiederzusehen. 1975 stirbt ihre Mutter, Joe und Michael haben ihre Großmutter nie kennengelernt.
Marias Schwester Genia zieht später in ihrem Leben nach Schweden, wohin ihr Sohn aus dem kommunistischen Polen geflohen ist. Marek geht nach Paris, um dort im Fach Elektronik zu promovieren, seine Eltern Vitek und Inka folgen ihm und leben in Paris.
Bald nach ihrer Ankunft in Australien fängt Maria an zu nähen, um zum Familieneinkommen beizutragen. Weil sie die Kinder nicht einem Kindermädchen überlassen will, näht sie zu Hause. Julek verkauft seine kostbare Kamera und kauft eine Nähmaschine. Allmählich lernen die beiden auch ein paar Leute kennen, meistens polnischer Herkunft, und Maria beginnt, das ihr zunächst so fremde Land zu mögen. Bald schon können sie ihren „Esky“4 gegen einen Kühlschrank eintauschen, und schließlich werden sie stolze Besitzer eines Austin A40. Um unabhängiger zu werden und ein bisschen mehr zu verdienen, kaufen sie eine „Milchbar“.5 Aber Maria hasst das Geschäft.
„Erstens haben wir nicht großartig verdient, und zweitens hat das Geschäft wirklich unser Familienleben beeinträchtigt. Zum Beispiel konnten wir nicht mehr zusammen essen, weil ja einer immer im Laden sein musste. Ich war sauer auf mich und auf Australien, weil mein Mann und ich unsere produktivsten Jahre damit vergeudeten, Kühlschränke mit Milch und Limonade zu füllen, fehlende Ware in den Regalen nachzufüllen und leere Flaschen zu sortieren. Wir haben den Laden nur ein gutes Jahr lang behalten.“



