So weit wie möglich weg von hier

- -
- 100%
- +
Julek, der inzwischen längst Julian genannt wird, bekommt eines Tages eine Arbeitsstelle vom Institut für Technologie angeboten, die seiner Qualifikation entspricht. Das Institut befindet sich jedoch in Geelong, einer Hafenstadt etwa 75 Kilometer südwestlich von Melbourne. Als Maria Angst vor einem erneuten Neubeginn bekommt, lehnt er die Stelle ab und kauft stattdessen eine Konditorei. Maria fühlt sich lange Zeit unwohl bei dem Gedanken, Julek die Karriere verbaut zu haben. Die Jungs entwickeln sich derweil bestens und werden zu echten „Aussies“.
„Die haben Aussie Rules gespielt, die australische Version von Fußball, und außerdem Cricket. Das war ein Spiel, das wir nie richtig verstanden haben!“
Den Australiern begegnet Maria mit Vorsicht und Wachsamkeit. Sie fürchtet, dass es Vorurteile gegen sie und ihre Familie geben könnte, weil sie Immigranten sind – und Juden. Zu ihrem Erstaunen trifft sie jedoch auf keine Ressentiments, die Australier sind freundlich und offen. Eines Tages in den frühen sechziger Jahren allerdings kommt Joe nach Hause und berichtet von einem Klassenkameraden, der antisemitische Reden schwingt. Maria und Julek schreiben einen Beschwerdebrief an den Direktor, der freundlich antwortet, dass er nur dann etwas tun könne, wenn er den Namen des Jungen wüsste. Den aber will Joe nicht preisgeben.

Maria und Julian in ihrem Haus in Melbourne, 1980
„Ich war wirklich deprimiert, weil ich plötzlich wieder diese Stimmen aus meiner Kindheit im Kopf hatte: ‚Nieder mit den Juden!‘ Aber ein paar Tage später kam Joe von der Schule nach Hause und erzählte, dass der Direktor eine Serie von Vorlesungen für die oberen Klassen organisiert hatte. Er hatte verschiedene Experten eingeladen, um über den Zweiten Weltkrieg zu berichten. Fantastisch! Da habe ich wirklich gedacht: Was für Glückspilze wir doch sind, dass wir uns in Australien niedergelassen haben, und was für eine gute Entscheidung für unsere Kinder. Ich war sogar bereit, den Australiern für ihr Cricket zu vergeben“, lacht Maria.
Maria ist bereits in ihren Fünfzigern, als sie mit einem Projekt beginnt, von dem sie schon als Schulkind geträumt hat: Sie schreibt ein Buch. Sie schreibt es in Englisch – in der Sprache, die sie nie studiert und nur vom Hören gelernt hat. „Come Spring“ ist, obwohl als Roman geschrieben, Marias Autobiografie. Das mit einem Literaturpreis ausgezeichnete Buch erscheint 1980 in Melbourne. „No Snow in December“ (Kein Schnee im Dezember), ihr zweites Buch über ihre frühen Jahre in Australien, wird ebenfalls ausgezeichnet. Weitere Kinderbücher, Kurzgeschichten und Gedichte erscheinen. Maria macht sich ebenfalls an die Aufgabe, Jankiel Wierniks Bericht über Treblinka vom Polnischen ins Englische zu übersetzen – kein leichtes Unterfangen, denn es bringt die Erinnerungen an ihre Schulfreundinnen im Warschauer Ghetto zurück, von denen keine überlebte.
In den neunziger Jahren stellt Maria einen Antrag in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte Israels, ihre Tante Olga als „Gerechte unter den Völkern“ anzuerkennen – ein Ehrentitel, der an Nichtjuden vergeben wird, die unter Einsatz ihres Lebens während des Holocaust Juden retteten. Der Antrag ist erfolgreich: 1997 wird Aleksandra (Olga) Żmigrodzka, die über mehrere Jahre vier Juden in ihrem Haus versteckt hielt, posthum der Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ zuerkannt. Bis heute wurde dieser Titel an 6.394 Polen verliehen.
1996 beginnt Maria, als ehrenamtlicher Guide im Museum zu arbeiten. Sie findet schnell einen Draht zu Kindern und Jugendlichen, und anstatt mit ihnen über den Horror des Holocaust zu reden, spricht sie über den Mut und die Zivilcourage von Menschen. Es gibt eine kleine Episode, die Maria oft erzählt – eine Episode, die sie persönlich während des Krieges in Warschau beobachtet hat.
„Wir lebten schon außerhalb des Ghettos, und in dem Wunsch, meine Freundin Irma zu sehen, lief ich an der Ghettomauer entlang. Gleich neben dem Ghetto war immer ein Wochenmarkt, und plötzlich sah ich da einen Pulk von Menschen. Als ich näher kam, sah ich, dass ein polnischer Polizist einen kleinen, völlig ausgemergelten Jungen verprügelte. Der Junge lag schon am Boden, neben ihm ein paar Kartoffeln, Karotten und ein halbes Brot. Und der Polizist brüllte: ‚Du dreckiger Jude, dir will ich’s zeigen, was es heißt zu stehlen.‘ In diesem Moment erschien ein deutscher Soldat. Der sah den polnischen Polizisten scharf an, schrie ihm etwas zu und verpasste ihm einen solchen Schlag, dass er zu Boden ging. Dann half der Deutsche dem kleinen Jungen auf, half ihm über die Mauer, hob die Kartoffeln, Karotten und das Brot auf und schmiss es hinterher. Dann schaute der Soldat sich um – die Menge hatte stumm zugesehen – ging auf die Marktstände zu, griff sich noch ein bisschen mehr Gemüse und schmiss auch das noch über die Ghettomauer.“
Maria hat dieses Erlebnis bis zum heutigen Tage nicht vergessen, und sie hält es wie ein Kleinod in ihrer Erinnerung wach.
„Wie glücklich bin ich doch, dass ich diesen Vorfall miterleben durfte. Dieser deutsche Soldat hat sein Leben riskiert – und mir den Glauben an die Menschheit bewahrt.“
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


