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»Ah - hmm«, machte Gerald, dem plötzlich aufging, daß die Unterhaltung, die für ihn höchst interessant und durchaus passend war, auf Ellen ganz anders wirken würde, und er hatte ein schlechtes Gewissen dabei, daß vor den 0hren ihrer Töchter ein so freimütiges Gespräch geführt wurde. Mrs. Tarleton aber war wie gewöhnlich taub für alles andere, wenn es sich um ihr Lieblingsthema handelte: Zuchtfragen, sei es bei Pferden oder Menschen.
»Ich weiß, was ich sage. Ich hatte einen Vetter und eine Cousine, die einander geheiratet haben. Nun, ich gebe Ihnen mein Wort, die Kinder hatten alle richtige Froschaugen, die armen Dinger. Und als meine Familie von mir verlangte, ich sollte meinen Großvetter heiraten, habe ich gebockt wie ein Fohlen. Ich habe gesagt: >Nein, Ma, ich nicht! Dann bekommen ja meine Kinder alle den Spat und werden Rohrer.< Ma fiel natürlich in 0hmmacht, als ich das vom Spat sagte, aber ich blieb fest, und Großmama hielt mir die Stange. Sie verstand eben auch was von Pferdezucht und gab mir recht. Sie ist mir dann behilflich gewesen, mit Mr. Tarleton durchzugehen. Und nun sehen Sie sich meine Kinder an! Groß und gesund und nicht ein kränkliches oder zurückgebliebenes dazwischen, wenn auch Boyd knapp sechs Fuß mißt. Die Wilkes hingegen ...«
»Nicht etwa, daß ich das Thema wechseln möchte, gnädige Frau«, fiel ihr Gerald hastig ins Wort. Er hatte Carreens entgeisterten Blick gesehen, dazu die gespannte Neugier in Suellens Zügen, und fürchtete, sie könnten am Ende Ellen peinliche Fragen stellen, wobei dann herauskommen würde, was für ein unzulänglicher Aufpasser er war. Mit Freuden bemerkte er, daß Puß offenbar an andere Dinge dachte, wie es sich für eine junge Dame schickte.
Hetty Tarleton half ihm aus der Klemme.
»Du lieber Himmel, Ma, laß uns doch weiterfahren«, rief sie ihrer Mutter ungeduldig zu. »Ich brate in der Sonne und höre förmlich, wie mir die Sommersprossen amHalse sprießen.«
»Eine Sekunde, gnädige Frau, ehe Sie weiterfahren«, sagte Gerald. »Haben Sie schon etwas darüber entschieden, ob Sie der Truppe die Pferde verkaufen wollen? Der Krieg kann jeden Tag ausbrechen, und den Jungens ist daran gelegen, daß die Sache in 0rdnung kommt. Für die Truppe aus der Claytonprovinz möchten wir auch Pferde aus Clayton haben. Aber Sie weigern sich immer noch eigensinnig, uns Ihre schönen Tiere zu verkaufen.«
»Vielleicht gibt es ja gar keinen Krieg.« Mrs. Tarleton, deren Geist noch eifrig mit den Heiratssitten der Familie Wilkes beschäftigt war, suchte die Angelegenheit auf die lange Bank zu schieben.
»Aber gnädige Frau, Sie können doch nicht ...«
»Ma«, unterbrach Hetty wieder, »kannst du nicht mit Mr. 0'Hara genausogut in Twelve 0aks über Pferde reden wie hier?«
»Sie treffen den Nagel auf den Kopf, Miß Hetty«, sagte Gerald. »Sehen Sie, ich will Sie nur noch eine Minute aufhalten. Gleich sind wir in Twelve 0aks, und da möchte jeder, jung und alt, über die Pferde angelegenheit Bescheid wissen. Ach, es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, daß eine feine, schöne Frau wie ihre Mutter so geizig mit ihren Pferden ist. Wo ist denn Ihre Vaterlandsliebe geblieben, Mrs. Tarleton? Sind Ihnen denn die Konföderierten gar nichts ?«
»Ma«, schrie die kleine Betsy, »Randa sitzt auf meinem Kleid, und es wird ganz kraus.«
»Gib Randa einen Schubs und sei still. Nun hören Sie, Gerald 0'Hara.« Ihre Augen fingen an, bedenklich zu funkeln. »Kommen Sie mir nicht mit den Konföderierten! Ich denke, die bedeuten mir nicht weniger als Ihnen, denn ich habe vier Jungens bei der Truppe und Sie gar keinen. Aber meine Jungens sorgen für sich selbst, und das können meine Pferde nicht. Wenn ich wüßte, sie würden von den Jungens geritten, die ich kenne, von Gentlemen, die Vollblüter gewohnt sind, ich gäbe sie gern umsonst her.
Nein, keinen Augenblick würde ich mich besinnen. Aber soll ich denn meine schönen Tiere den Urwaldbauern und Kleinfarmern, die nur Maultiere kennen, auf Gnade und Ungnade überlassen? 0 nein, mein Lieber! Ich hätte ja Alpdrücken bei dem Gedanken, daß sie mir wundgeritten und nicht ordentlich gepflegt würden. Meinen Sie, ich lasse ahnungslose Dummköpfe meine im Maul so weichen Lieblinge reiten, ihre Mäuler zersägen und sie schlagen, bis das ganze Temperament zum Teufel ist? Bei dem bloßen Gedanken kommt mir schon jetzt eine Gänsehaut. Nein, Mr. 0'Hara, es ist furchtbar nett von Ihnen, daß Sie meine Pferde haben wollen, aber Sie tun besser daran, in Atlanta ein paar alte Schimmel für Ihre Buschklepper zu kaufen. Die merken den Unterschied gar nicht.«
»Ma, bitte, laß uns weiterfahren!« stimmte jetzt auch Camilla in den ungeduldigen Chor ein. »Du weißt ganz genau, am Schlusse gibst du ihnen deine Lieblinge doch, wenn Pa und die Jungens erst einmal richtig anfangen, davon zu reden, daß die Konföderierten sie wirklich brauchen und so weiter, dann wirst du weinen und sie hergeben!«
Mrs. Tarleton schüttelte lächelnd die Zügel.
»Fällt mir gar nicht ein«, sagte sie und streifte die Pferde leicht mit der Peitsche. Der Wagen rollte geschwind von dannen.
»Eine großartige Frau.« Gerald setzte den Hut wieder auf und ritt zum eigenen Wagen zurück. »Fahr zu, Toby. Wir wollen sie schon mürbe machen und die Pferde doch noch von ihr bekommen. Natürlich hat sie recht. Recht hat sie. Wer kein Gentleman ist, soll die Finger von den Pferden lassen. Für ihn ist die Infanterie der rechte 0rt. Um so bedauerlicher ist es, daß es hier nicht genug Pflanzersöhne gibt, um die Truppe vollzählig zu machen. Was sagtest du eben, Puß?«
»Pa, bitte, reite voran oder hinterher. Du wirbelst so viel Staub auf, daß wir ersticken.« Scarlett hatte das Gefühl, daß sie eine längere Unterhaltung nun nicht mehr aushalten könnte. Das Sprechen lenkte sie von ihren Gedanken ab, und sie wünschte sehr, Gedanken und Gesicht ganz in der Gewalt zu haben, ehe sie nach Twelve 0aks kam. Gerald gab gehorsam seinem Pferde die Sporen und ritt in einer roten Wolke auf und davon, hinter dem Tarletonschen Wagen her, wo er seine Pferdegespräche fortsetzen konnte.
Sie fuhren über den Fluß und den Berg hinauf. Noch ehe Twelve 0aks in Sicht kam, sah Scarlett in den hohen Baumkronen träge eine Rauchwolke hängen und roch das würzige Duftgemisch von brennenden Holzscheiten und gebratenem Schwein und Hammel .
Die Feuerstellen für den Gartenschmaus, auf denen seit dem Abend vorher ein langsames Feuer glomm, glichen langen Trögen voll rosenroter Glut. Darüber wurde das Fleisch am Spieß gedreht, und der Saft tröpfelte zischend auf die glühenden Kohlen. Scarlett wußte, der Duft, den die schwache Brise ihnen entgegenwehte, kam von dem Hain alter Eichen hinter dem großen Haus. Dort auf dem sandigen Abhang, der in den Rosengarten führte, hielt John Wilkes immer sein Gartenessen ab. Es war ein angenehm schattiger Platz, viel schöner als der, den Calverts benutzten. Mrs. Calvert aß diese am Spieß gebratenen Speisen nicht gern und behauptete, der Geruch bliebe tagelang im Hause. Deshalb mußten ihre Gäste immer auf einem flachen, unbeschatteten Platz, eine Viertelmeile vom Hause entfernt, in der Sonne schmoren. John Wilkes aber, im ganzen Staat für seine Gastfreiheit berühmt, verstand ein Gartenfest richtig zu feiern.
Die langen Picknicktische, mit dem feinsten Leinen aus den Wilkesschen Truhen bedeckt, wurden immer im tiefsten Schatten aufgeschlagen, Bänke ohne Lehnen wurden zu beiden Seiten aufgestellt, und für Leute, die nicht gern darauf saßen, gab es auf der Waldwiese Stühle, Hocker und Kissen genug, die aus dem Hause dort hingebracht wurden. Die länglichen Feuerstellen, wo das Fleisch briet und die riesigen eisernen Waschkessel dampften, denen die leckeren Düfte der üblichen Sauce und des vielfältig zusammengekochten Brunswick-Stews entstiegen, waren so weit von den Gästen entfernt, daß der Rauch sie nicht behelligte. Mindestens ein Dutzend Schwarze liefen geschäftig hin und her und reichten die Speisen auf Tabletts herum. Hinter den Scheunen gab es immer eine gleiche Feuerstelle, an der die Dienstboten des Hauses, die Kutscher und Jungfern der Gäste Maiskuchen, Bataten und Schwarzsauer aßen, das Gericht, das dem Herzen so teuer ist, und dazu gab es Wassermelonen, soviel sie begehrten.
Als Scarlett den Duft des knusperigen Schweinebratens spürte, zog sie die Nase begehrlich kraus und hoffte, bis er gar wäre, wieder etwas Appetit zu haben. Im Augenblick war sie noch satt und zudem so fest geschnürt, daß sie immerfort Angst hatte, aufstoßen zu müssen; aber das war nur alten Herren und sehr alten Damen erlaubt.
Nun waren sie oben, und das weiße Haus stand in seinem ma kellosen Ebenmaß vor ihnen, mit hohen Säulen, breiten Veranden und flachem Dach, schön wie eine Frau, die ihrer Schönheit so gewiß ist, daß sie gegen jedermann huldreich und gut sein kann. Scarlett liebte Twelve 0aks sogar noch mehr als Tara, denn die Jahre hatten ihm eine Würde verliehen, die Geralds Haus noch fehlte. Die breite, gewundene Auffahrt stand voll von Reitpferden und Wagen und von abund aussteigenden Gästen, die mit ihren Freunden Grüße wechselten. Grinsende Farbige, aufgeregt wie immer, wenn Gäste kamen, führten die Pferde in den Wirtschaftshof, wo ihnen Geschirr und Sättel abgenommen wurden. Schwarze und weiße Kinder schwärmten kreischend über den frisch ergrünten Rasen, spielten Hüpfen und Verstecken und prahlten damit, wieviel sie essen wollten. In der weiten Halle, die von der Hausfront bis nach hinten durchging, wimmelte es von Menschen. Als der 0'Harasche Wagen vorfuhr, sah Scarlett Mädchen in Krinolinen, so bunt wie Schmetterlinge die Treppe zum zweiten Stock hinaufgehen und herunterkommen. Einzeln und paarweise sah sie sie stehenbleiben und sich über das Treppengeländer lehnen, hörte sie lachen und den jungen Leuten unten in der Halle zurufen. Durch die offenen Glastüren sah sie die alten Damen würdevoll in ihren schwarzen Seidenkleidern im Wohnzimmer sitzen, wie sie sich fächelten und einander von Babys und Krankheiten erzählten und wer wen geheiratet hätte und warum. Der Wilkessche Diener Tom eilte geschäftig mit einem silbernen Tablett durch die verschiedenen Räume und bot grinsend mit ei ner Verbeugung jungen Herren in rehfarbenen und grauen Hosen und feingefältelten Batisthemden hohe Gläser mit Pfefferminzwhisky an. In der sonnigen Vorderveranda drängten sich die Gäste. Es war wohl die ganze Provinz da, dünkte es Scarlett. Die vier Tarletonjungens und ihr Vater lehnten an den hohen Säulen, die Zwillinge Stuart und Brent nebeneinander, unzertrennlich wie immer, Boyd und Tom mit ihrem Vater James Tarleton. Mr. Calvert stand dicht neben seiner Yankeegattin, die nach fünfzehn Jahren in Georgia immer noch nirgends so recht hingehörte. Alle waren sehr höflich und freundlich zu ihr, weil sie ihnen leid tat, aber keiner konnte vergessen, daß zu dem Urfehler ihrer Abstammung auch noch die Tatsache kam, daß sie bei Mr. Calverts Kindern Erzieherin gewesen war. Die beiden Calvertsjungen Raiford und Cade waren da mit ihrer blonden Schwester Cathleen, einer blendenden Erscheinung, die sich mit dem dunklen Joe Fontaine neckte und mit Sally Munroe, seiner hübschen Verlobten. Alex und Tony Fontaine flüsterten Dimity Munroe etwas ins 0hr, worauf sie in ein helles Lachen ausbrach. Von weit her waren Leute gekommen, von dem zehn Meilen entfernten Lovejoy, von Fayetteville und von Jonesboro, einige sogar aus Atlanta und Macon. Die Wände wollten ob der Menge schi er bersten, ein unendliches Schwatzen und Lachen, Kichern und Kreischen klangen bald lauter, bald leiser ins Freie hinaus.
Auf den Stufen vor der Eingangstür stand hochaufgerichtet John Wilkes in seinem Silberhaar und strahlte den stillen Zauber und die herzliche Gastfreundschaft aus, die warm und nie versagend wie die georgianische Sommersonne waren. Neben ihm stand Honey Wilkes - Honey genannt, weil sie von ihrem Vater an bis zum letzten Ackerknecht unterschiedslos jeder mit diesem Kosenamen anredete - und begrüßte geziert und kichernd die ankommenden Gäste.
Honeys nervöses und gar zu augenfälliges Bestreben, jedem Mann, der in Sicht kam, zu gefallen, stand in scharfem Gegensatz zu der vornehmen Haltung ihres Vaters. Scarlett kam der Gedanke, daß am Ende doch etwas Wahres an alledem sei, was Mrs. Tarleton gesagt hatte. Der gutaussehende Teil der Familie waren zweifellos die Männer. Die dichten tiefen Wimpern, zwischen denen John Wilkes' und Ashleys Augen so schön standen, waren bei Honey und ihrer Schwester India spärlich und farblos geraten. Honey hatte den eigentümlichen wimperlosen Blick eines Kaninchens, und India konnte man nur als häßlich bezeichnen.
India war nirgends zu sehen, Scarlett vermutete sie in der Küche, wo sie wahrscheinlich den Dienstboten die letzten Anweisungen gab. Arme India, dachte Scarlett. Sie hat sich seit dem Tode ihrer Mutter so mit dem Haushalt plagen müssen, daß sie es mit Ausnahme von Stuart Tarleton zu keinem Verehrer gebracht hat; und schließlich ist es nicht meine Schuld, wenn er mich hübscher findet als sie.
John Wilkes kam die Treppe herunter und bot Scarlett den Arm. Als sie aus dem Wagen stieg, bemerkte sie, wie Suellen plötzlich in ihren Bewegungen geziert wurde. Sie mußte wohl Frank Kennedy irgendwo in der Menge entdeckt haben.
Schrecklich, wenn man sich keinen besseren Verehrer einspannen kann als diese alte Jungfer in Hosen! dachte sie verächtlich, als sie den Fuß auf den Boden setzte und John Wilkes ihren Dank zulächelte. Frank Kennedy kam eilig an den Wagen, um Suellen herauszuhelfen, worauf diese sich so stolz gebärdete, daß Scarlett sie hätte ohrfeigen mögen. Mochte Frank Kennedy auch mehr Land sein eigen nennen als irgendwer in der Provinz, mochte er auch ein sehr gutes Herz haben, was bedeutete all das dagegen, daß er schon vierzig war, hager und nervös, und einen dünnen gelbbraunen Backenbart trug und ein altjüngferliches, umständliches Wesen hatte. Doch Scarlett dachte an ihr Vorhaben, schluckte die Verachtung herunter und begrüßte ihn mit so strahlendem Lächeln, daß er mit dem für Suellen ausgestreckten Arm plötzlich innehielt und in beglückter Verwunderung Scarlett anstarrte.
Während Scarlett leichthin mit John Wilkes plauderte, suchten ihre Augen in der Menge nach Ashley, aber vor dem Hause war er nirgends zu sehen. Dutzende von Stimmen begrüßten sie, Stuart und Brent Tarleton kamen auf sie zu. Die Munroemädchen stürzten herbei und begeisterten sich für ihr Kleid, und im Handumdrehen stand sie im Mittelpunkt eines lauter und lauter sprechenden Kreises, in dem jeder versuchte, den anderen zu überschreien. Wo war Ashley? Und Melanie und Charles? Sie bemühte sich, nicht aufzufallen, während sie überall herumschaute und in die Halle und das lachende Menschengewühl darin spähte.
Als sie so plaudernd und lachend mit raschen Blicken Haus und Hof absuchte, fiel ihr Auge auf einen Fremden, der allein in der Halle stand und sie mit so kühler Unverschämtheit ansah, daß sie augenblicklich stutzte, teils in weiblicher Freude darüber, daß sie einen Mann auf sich aufmerksam gemacht hatte, teils in dem verlegenen Gefühl, daß ihr Kleid vorn zu tief ausgeschnitten sei. Er sah gar nicht mehr jung aus, mindestens wie fünfunddreißig, und war sehr groß und kräftig. Scarlett meinte, sie hätte nie einen so breitschultrigen Mann mit so gewaltigen Muskeln gesehen, fast schon zu kräftig, um vornehm zu sein. Als ihr Auge dem seinen begegnete, lächelte er und zeigte dabei tierhaft weiße Zähne unter seinem kurz
geschnittenen schwarzen Schnurrbart. Er war dunkelhäutig,
sonnenverbrannt wie ein Seeräuber. Seine Augen waren kühn und schwarz wie die eines Piraten, der sich überlegt, ob er eine Galeone versenken, ob er ein Mädchen rauben soll. Kühle Verwegenheit lag in seinem Gesicht, und ein zynischer Humor spielte um den Mund, als er ihr zulächelte. Scarlett verschlug es den Atem. Eigentlich sollte ein solcher Blick sie beleidigen, und sie ärgerte sich über sich selbst, daß sie sich nicht beleidigt fühlte. Wer das sein mochte, wußte sie nicht; aber unleugbar sprach aus seinem dunklen Gesicht vornehme Abstammung. Man sah es an der dünnen Habichtnase über den vollen roten Lippen, der hohen Stirn und den weit auseinanderstehenden Augen. Widerstrebend nur wandte sie den Blick ab, ohne wiederzulächeln; und er drehte sich um, als jemand rief: »Rhett! R hett Butler, komm her! Du sollst das hartherzigste Mädchen in Georgia kennenlernen.«
Rhett Butler? Der Name kam ihr bekannt vor und erinnerte sie an irgendeine herrliche Skandalgeschichte, aber ihre Gedanken waren bei Ashley und gingen der Sache nicht weiter nach.
»Ich muß hinauf und mir das Haar richten«, sagte sie zu Stuart und Brent, die versuchten, sie von der Menge abzuschneiden. »Wartet hier auf mich und lauft gefälligst nicht mit einem anderen Mädchen davon, sonst werde ich böse.«
Sie gewahrte, daß Stuart heute Schwierigkeiten machen würde, sobald sie mit jemand anderem flirtete. Er hatte getrunken und trug die hochfahrende, kampflustige Miene zur Schau, die nichts Gutes bedeutete, wie sie aus Erfahrung wußte. In der Halle blieb sie stehen, sprach mi t Freunden und begrüßte India, die gerade mit unordentlichem Haar und winzigen Schweißtropfen auf der Stirn aus dem Hinterhause auftauchte. Arme India! Es war schon sehr schlimm, wenn Haar und Wimpern farblos waren und das Kinn als Zeichen einer eigenwilligen Natur vorstand und man obendrein noch nicht zwanzig Jahre alt war und doch schon als alte Jungfer galt. 0b India wohl sehr böse war, daß sie ihr Stuart weggenommen hatte? Es hieß, sie sei noch immer in ihn verliebt, aber man konnte nie genau wissen, was in einem Wilkes vorging. Trug sie es Scarlett nach, so ließ sie es doch niemals merken und behandelte ihre Nebenbuhlerin mit der gleichen zurückhaltenden, liebenswürdigen Höflichkeit, die sie ihr stets gezeigt hatte.
Scarlett sagte ihr einige freundliche Worte und schickte sich an, die breite Treppe hinaufzugehen. Da hörte sie sich von einer schüchternen Stimme beim Namen gerufen, drehte sich um und erblickte Charles Hamilton. Er war ein gutaussehender Junge mit einem Gewirr von weichen braunen Locken auf der weißen Stirn und tiefbraunen, reinen, sanften Augen wie ein Schäferhund. In seinen senfgelben Hosen und seinem schwarzen Rock war er sehr elegant, auf seinem gefältelten Hemd saß die breiteste, modernste schwarze Krawatte, die man sich vorstellen ko nnte. Eine leichte Röte stieg ihm ins Gesicht, als Scarlett sich ihm zuwandte. Mit Mädchen war er schüchtern, und wie die meisten schüchternen Männer bewunderte er so lebhafte, selbstsichere Mädchen wie Scarlett aufs höchste. Sie hatte bisher nie mehr als oberflächliche Höflichkeit für ihn gehabt, und so benahm ihm die strahlende Freundlichkeit, mit der sie ihn begrüßte und ihm ihre beiden Hände entgegenstreckte, fast den Atem.
»Ach, Charles Hamilton, hübscher alter Junge! Ich wette, Sie sind den weiten Weg von Atlanta nur hergekommen, um mir das arme Herz zu brechen.«
Charles stotterte fast vor Aufregung, als er die warmen kleinen Hände in den seinen hielt und ihr in die schillernden Augen sah. So sprachen Mädchen stets mit anderen Burschen, aber nie mit ihm. Er begriff nicht, warum die Mädchen ihn immer wie einen jüngeren Bruder behandelten und sehr freundlich mit ihm waren, sich aber nie dazu herbeiließen, ihn zu necken. Von jeher wünschte er sich, daß die Mädchen auch mit ihm flirten und scherzen sollten wie mit den anderen Burschen, die viel weniger gut aussahen als er und zudem mit den Gutem dieser Welt längst nicht so gesegnet waren. Geschah das aber ganz selten einmal, so fielen ihm nie passende Antworten ein, und er starb vor Verlegenheit über seinen hilflos verschlossenen Mund. Danach lag er nächtelang wach, und all die reizenden Galanterien, die er hätte sagen können, kamen ihm nachträglich in den Sinn. Aber eine zweite Gelegenheit dafür bot sich nie, denn nach einem oder zwei vergeblichen Versuchen ließen die Mädchen stets von ihm ab. Sogar mit Honey, mit der er sich in dem unausgesprochenen Einverständnis befand, daß sie einander im nächsten Herbst heiraten wollten, war er scheu und still. Zuzeiten hatte er das niederdrückende Gefühl, daß Honeys kokette Art, ihn als Eigentum zu behandeln, ihm nicht eben zur Ehre gereichte. Sie war so hinter den Männern her, daß er sich wohl vorstellen konnte, wie sie mit jedem, der ihr Gelegenheit gab, ebenso umspringen würde. Die Aussicht, sie zu heiraten, erregte ihn nicht sonderlich. Die wildromantischen Gefühle, die sich, nach seinen geliebten Büchern zu urteilen, für einen Liebhaber schickten, vermochte sie nicht in ihm zu erwecken. Er hatte sich immer danach gesehnt, von einem schönen hinreißenden Geschöpf voll Feuer und Gefahr geliebt zu werden, und nun neckte ihn Scarlett 0'Hara damit, daß er ihr das Herz bräche!
Er suchte nach Worten, fand aber keine, und so war er insgeheim froh, daß sie ohne Unterlaß auf ihn einredete und ihn der Notwendigkeit enthob, Entgegnungen zu finden. Es war zu schön, umwahr zu sein!
»So, nun rühren Sie sich nicht vom Fleck, bis ich wiederkomme. Wir wollen beim Essen zusammen sitzen. Und daß Sie mir nicht mit den anderen Mädchen anfangen, ich bin furchtbar eifersüchtig!« klang es kau m glaubhaft von den roten Lippen zwischen den beiden Grübchen, während dichte schwarze Wimpern sich sittsam über grüne Augen senkten.
»0 nein«, brachte er schließlich leise heraus und ahnte nicht, daß sie ihn dabei wie ein Kalb aussehend fand, das auf den Metzger wartet.
Sie schlug ihm leicht mit dem zusammengefalteten Fächer auf den Arm und wandte sich die Treppe hinauf. Da fiel ihr Blick noch einmal auf den Mann namens Rhett Butler, der ein paar Schritte von Charles entfernt allein stand. 0ffenbar hatte er die ganze Unterhaltung gehört, denn tückisch wie ein Kater lachte er sie an, und wieder schweiften seine Augen, völlig bar der Ehrerbietung, die sie gewohnt war, über sie hin.
»Heiliger Strohsack!« In ihrer Entrüstung gebrauchte Scarlett im stillen Geralds Lieblingsfluch. »Er tut, als ob er wüßte, wie ich ohne Hemd aussehe!« Damit warf sie den Kopf zurück und ging nach oben. In dem Schlafzimmer, wo die Damen abgelegt hatten, fand sie Cathleen Calvert, die sich vor dem Spiegel putzte und auf die Lippen biß, damit sie röter aussähen. An ihrem Gürtel steckten frische Rosen, die zu ihren Wangen paßten, und ihre kornblumenblauen Augen sprühten vor Erregung.
»Cathleen«, sagte Scarlett und versuchte, sich die Taille höher hinaufzuziehen, »wer ist eigentlich dieser gräßliche Butler da unten?«
»Ja, weißt du denn das nicht?« flüsterte Cathleen aufgeregt und hatte dabei ein scharfes Auge auf das Nebenzimmer, wo Dilcey mit der Mammy der Wilkesschen Mädchen schwatzte. »Es muß für Mr. Wilkes ein peinliches Gefühl sein, ihn hier zu haben, aber er war gerade zu Besuch bei Mr. Kennedy in Jonesboro, ich glaube in Baumwollgeschäften, und da mußte Mr. Kennedyihn natürlich mit hierherbringen.«
»Was ist denn mit ihm?« »Man verkehrt nicht mit ihm.« »Wahrhaftig?«
Scarlett hatte daran ein Weilchen schweigend zu kauen. Noch nie war sie mit jemandem, mit dem man nicht verkehrt, unter einem Dach zusammen gewesen. Das war sehr aufregend.
»Was hat er denn getan?«
»0 Scarlett, er hat einen ganz schrecklichen Ruf. Er heißt Rhett Butler und stammt aus Charleston. Seine Eltern gehören da zu den besten Familien, aber mit ihm verkehren sie nicht mehr. Caro Rhett hat mir vorigen Sommer von ihm erzählt. Er ist aus West-Point rausgeschmissen worden. Stell dir vor! Wegen etwas so Schummeln, daß Caro es nicht wissen darf, und dann war da noch die Geschichte mit dem Mädchen, das er nicht geheiratet hat. Ja, weißt du denn gar nichts davon? Also, dieser Mr. Butler ist in Charleston mit einem Mädchen im Einspänner spazierengefahren. Ich weiß nicht, wer sie war, aber ich habe so meinen Verdacht. Aus sehr guter Familie kann sie nicht gewesen sein, sonst wäre sie nicht so spät nachmittags ohne Begleitung mit ihm ausgefahren, und denk mal, sie blieben beinahe die ganze Nacht und gingen schließlich zu Fuß nach Hause. Sie behaupteten, das Pferd sei ihnen durchgegangen und hätte den Wagen zertrümmert und sie hätten sich im Walde verirrt. Und nun rate, was geschah!«
»Das kann ich nicht raten, erzähle!« sagte Scarlett begeistert und machte sich auf das Schlimmste gefaßt.
»Den nächsten Tag hat er sich geweigert, sie zu heiraten.«




