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Die Damen wurden rot bis unter die Haarwurzeln. Mr. McRae war das Überbleibsel eines rauheren Zeitalters. »Hole rasch deinen Großvater«, zischte eine seiner Töchter einem jungen Mädchen zu. »Wahrhaftig!« flüsterte sie den aufgeregten Matronen um sie her zu, »jeden Tag wird es schlimmer mit ihm. Wollen Sie mir glauben, heute morgen sagte er zu Mary - sie ist erst sechzehn -: >Nun, kleines Fräulein ...<« Der Rest wurde noch leiser geflüstert, während die Enkelin sich entfernte, um Mr. McRae auf seinen schattigen Platz zurückzuführen.
Unter all den aufgeregt lächelnden Mädchen und leidenschaftlich debattierenden Männern war offenbar nur einer, der nicht aus der Ruhe zu bringen war. Scarlett sah Rhett Butler an einen Baum gelehnt dastehen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Seit Mr. Wilkes ihn verlassen hatte, war er allein und hatte, als das Gespräch sich erhitzte, kein Wort mehr gesprochen. Unter dem kurz geschnittenen schwarzen Schnurrbart verzogen sich spöttisch die roten Lippen, ein Strahl belustigter Geringschätzung glomm in den schwarzen Augen, als höre er prahlenden Kindern zu. Ein unangenehmes Lächeln, fand Scarlett. Er hörte ruhig zu, bis Stuart Tarleton mit zerzaustem Haar und blitzenden Augen wiederholte: »In einem Monat haben wir sie verprügelt! Gentlemen kämpfen immer besser als der Pöbel. Ein Monat ... nein, eine einzige Schlacht ...«
»Meine Herren«, sagte Rhett Butler in der klingenden, verschliffenen Mundart von Charleston, ohne sich aus seiner bequemen Haltung zu rühren oder die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. »Darf ich ein Wort dazu sagen?« Sein Tonfall war ebenso geringschätzig wie seine Blicke, aber verschleiert durch eine Höflichkeit, mit der er sich gleichsam über sich selbst lustig machte. Man wandte sich ihm mit jener Verbindlichkeit zu, die man immer für einen Außenseiter bereit hatte.
»Hat irgendeiner der Herren schon einmal daran gedacht, daß es südlich der Mason-Dixon-Linie keine einzige Waffenfabrik gibt und wie wenig Eisengießereien wir hier im Süden haben? Wie wenig Wollspinnereien, Baumwollwebereien, Gerbereien? Haben Sie daran gedacht, daß wir kein einziges Kriegsschiff haben und daß die Yankeeflotte uns binnen einer Woche die Häfen sperren kann, so daß wir unsere Baumwolle nicht mehr verschiffen können? Aber natürlich ... an all das haben die Herren längst gedacht.«
Der hält wahrhaftig die Jungens für lauter Esel! Scarlett war empört. Das Blut stieg ihr heiß in die Wangen. Mehrere junge Leute warfen das Kinn empor. John Wilkes kam wie zufällig, aber eilig an seinen Platz neben dem Sprechenden zurück, als wollte er den Anwesenden damit deutlich machen, daß dieser Mann sein Gast war, und sie außerdem an die anwesenden Damen erinnern. »Das Schlimmste bei uns Südstaatlern ist«, fuhr Rhett Butler fort, »daß die meisten nicht genug gereist sind oder nicht genug aus ihren Reisen gelernt haben. Von Ihnen, meine Herren, sind natürlich alle weit herumgekommen. Was aber haben Sie gesehen? Europa, New York, Philadelphia, und die Damen waren natürlich in Saratoga.« Er machte eine leichte Verbeugung nach der Damengruppe unter den Bäumen. »Sie haben die Hotels und die Museen, die Bälle und die Spielbank gesehen. Und dann sind Sie mit der Überzeugung nach Hause gekommen, so schön wie hier im. Süden sei es doch nirgends auf der Welt. Was mich betrifft ich bin zwar in Charleston geboren, habe aber die letzten Jahre im Norden verbracht.« Ein Lächeln entblößte seine weißen Zähne, als wäre es ihm wohlbekannt, d aß alle Anwesenden seine Geschichte wüßten, und als machte er sich nicht das geringste daraus. »Ich habe vieles gesehen, was Sie alle nicht gesehen haben. Die Tausende von Einwanderern, die gern gegen freie Beköstigung und ein paar Dollar Sold für die Yankees fechten würden, die Fabriken, die Gießereien, die Werften, die Bergwerke ... all das, was wir nicht haben. Wir haben ja nur unsere Baumwolle, unsere Sklaven und unseren Hochmut. Die werden in einem Monat mit uns fertig.«
Einen gespannten Augenblick lang herrschte Schweigen. Rhett Butler zog ein feines Leinentaschentuch hervor und stäubte sich nachlässig den Ärmel. Dann erhob sich ein unheilverkündendes Geraune und Gemurmel ringsum. Das Summen von der Gruppe unter den Bäumen her glich dem eines aufgeschreckten Bienenschwarms. Auch Scarlett spürte, wie ihr der Zorn in die Wangen stieg, aber zugleich schoß durch ihren nüchternen Kopf der Gedanke, daß alles, was dieser Mann da sagte, höchst verständig klinge und richtig sein könne. Sie hatte zwar noch nie eine Fabrik gesehen und kannte auch niemanden, der eine gesehen hatte. Aber selbst wenn er die Wahrheit redete, so war er doch kein Gentleman, denn man sprach solche Dinge nicht auf einer Gesellschaft aus, auf der man zum Vergnügen weilte.
Stuart Tarleton kam mit gesenkten Brauen heran, und Brent folgte ihm auf dem Fuße. Die Zwillinge wußten sich selbstverständlich zu benehmen und würden schwerlich auf einem Gartenfest eine ernstliche Szene machen, aber trotzdem gerieten die Damen in eine wohlige Erregung - es kam so selten vor, daß sie einen Streit selber miterlebten; meistens lernten sie ihn nur vomHörensagen kennen.
»Herr«, sagte Stuart dumpf, »was wollen Sie damit sagen?«
Rhett sah ihn höflich, aber etwas belustigt an. »Ich will damit«, antwortete er, »dasselbe sagen wie Napoleon - Sie haben vielleicht von ihm gehört? - Er sagte einmal: >Gott ist immer auf der Seite der stärksten Bataillone!<«
Dann wandte er sich zu John Wilkes und sagte verbindlich: »Sie haben mir versprochen, mir Ihre Bibliothek zu zeigen; wäre es unbescheiden, wenn ich darum bäte, sie jetzt sehen zu dürfen? Denn ich muß leider heute nachmittag schon zeitig nach Jonesboro zurück.«
Er schlug leicht die Hacken zusammen und verbeugte sich nach allen Seiten wie ein Tanzlehrer. Die Verbeugung war für einen Mann von solchem Körperbau voller Anmut und dabei so frech wie ein Schlag ins Gesicht. Dann schritt er erhobenen Hauptes mit John Wilkes quer über den Rasen, und sein aufreizendes Lachen hallte bis zu der Gruppe bei den Tischen zurück. Für einen Augenblick herrschte verblüfftes Schweigen, dann begann das Stimmengewirr von neuem. India stand müde von ihrem Platz unter den Bäumen auf und ging auf den erbosten Stuart Tarleton zu. Scarlett hörte nicht, was sie sagte, aber bei dem Blick, mit dem sie ihn ansah, empfand sie so etwas wie einen Gewissensbiß. Es war derselbe Blick der Zusammengehörigkeit, mit dem auch Melanie Ashley anschaute - nur daß Stuart ihn nicht erwiderte. Einen Augenblick lang dachte Scarlett, er hätte India vielleicht längst geheiratet, wenn sie, Scarlett, im vorigen Jahre nicht so mit ihm geflirtet hätte. Dann aber beruhigte sie sich bei dem Gedanken, es sei doch nicht ihre Schuld, wenn andere Mädchen ihre Männer nicht festzuhalten verstünden.
Endlich lächelte Stuart zu India hinunter, ein gezwungenes Lächeln, und nickte mit dem Kopf. India hatte ihn wahrscheinlich gebeten, keinen Streit mit Mr. Butler anzufangen. Unter den Bäumen entstand ein Durcheinander, während die Gäste sich erhoben. Die Mütter riefen nach den Kinderfrauen und den kleinen Kindern und versammelten ihre Brut, um Abschied zu nehmen. Die jungen Mädchen brachen gruppenweise auf und gingen lachend und schwatzend ins Haus, um oben in den Schlafräumen ihre Siesta zu halten. Alle Damen überließen jetzt die Laube und den Schatten der Eichen den Männern; nur Mrs. Tarleton wurde von Gerald, Mr. Calvert und anderen zurückgehalten, die wegen der Pferde für die Truppe endlich eine Zusage zu erlangen hofften.
Ashley schlenderte zu Scarlett und Charles hinüber, er hatte ein halb nachdenkliches, halb belustigtes Lächeln um den Mund. »Ein hochnäsiger Teufel, nicht wahr?« bemerkte er und sah Butler nach. »Er sieht aus wie ein Borgia.«
Geschwind dachte Scarlett nach, ob ihr eine Familie dieses Namens in der Provinz, in Atlanta oder in Savannah bekannt wäre. »Die kenne ich nicht. Ist er mit ihnen verwandt? Was sind das für Leute?«
Über Charles' Gesicht huschte ein verlegener Ausdruck: Ungläubigkeit, Scham und Liebe rangen miteinander. Die Liebe siegte, als ihm aufging daß ein Mädchen nichts weiter brauchte, als anmutig, sanft und schön zu sein, aber keine Bildung obendrein, die ihrem Zauber nur allzu leicht schaden könnte. Er antwortete also rasch: »Die Borgias waren Italiener.«
»Ach«, Scarlett hatte das Interesse verloren, »Fremde!« Sie zeigte Ashley ihr reizendstes Lächeln, aber er sah sie gerade nicht an. Sein Blick lag auf Charles, voller Verständnis und ein wenig mitleidig.
Scarlett stand auf dem Treppenabsatz und lugte vorsichtig über das Geländer nach unten in die Halle. Sie war leer. Aus den Schlafzimmern im oberen Flur kam das endlose Summen leiser Stimmen. Es schwoll an und schwoll wieder ab, und zwischenhinein erscholl Gelächter. Auf den Betten und Diwans der sechs großen Schlafzimmer ruhten die Mädchen sich aus. Das Kleid hatten sie abgelegt, das Korsen gelockert, die Haare flossen geöffnet über den Rücken herab. Ein Nachmittagsschlummer war auf dem Lande Sitte, und selten war er so nötig wie auf solchen Gesellschaften, die den ganzen Tag dauerten, frühmorgens begannen und in einem Ball ihren Höhepunkt fanden. Eine halbe Stunde schwatzten und lachten noch die Mädchen miteinander, dann schlossen die Kammerjunfern die Fensterläden, und in dem warmen Halbdunkel verlor sich das Gespräch im Flüstern und schließlich ganz im Schweigen, das nur durch sanfte, regelmäßige Atemzüge belebt ward.
Scarlett hatte sich davon überzeugt, daß Melanie mit Honey und Hetty Tarleton auf dem Bett lag, dann schlich sie auf den Flur und ging die Treppe hinunter. Aus dem Treppenfenster konnte sie die Gruppe der Männer unter den Bäumen sitzen sehen, wie sie aus hohen Gläsern tranken. Dort blieben sie nun bis zum späten Nachmittag. Sie suchte die Schar mit den Augen ab, aber Ashley war nicht darunter. Dann horchte sie und vernahm seine Stimme, er nahm noch vorn in der Einfahrt Abschied von davonfahrenden Frauen und Kindern.
Das Herz schlug ihr bis zum Halse, geschwind lief sie die Treppe hinunter. Wenn sie nun Mr. Wilkes traf? Wie sollte sie sich dafür entschuldigen, im Hause herumzustöbern, während alle anderen Mädchen schliefen? Nun, sie mußte es darauf ankommen lassen. Als sie die untersten Stufen erreichte hatte, hörte sie die Dienstboten im Speisezimmer hin und her gehen und nach den Anweisungen des ersten Dieners Tisch und Stühle hinaustragen und das Zimmer für den Tanz vorbereiten. Auf der andern Seite der Halle stand die Tür der Bibliothek offen, lautlos lief sie hinüber. Dort konnte sie warten, bis Ashley mit Abschiednehmen fertig war, und ihn dann anrufen, wenn er hereinkam. Die Bibliothek lag im Halbdunkel da, die Vorhänge waren zum Schutz gegen die Sonne geschlossen. Der dämmerige Raum mit seinen hohen Wänden, bis obenhin voller Bücher, bedrückte sie.
Für eine Zusammenkunft, wie sie sie erhoffte, hätte sie sich diesen 0rt sicher nicht ausgesucht. Große Büchermengen bedrückten sie immer, ebenso wie die Leute, die viele Bücher lasen ... Alle solche Leute mit einer einzigen Ausnahme: Ashley. Schwere Möbel standen vor ihr im Halbdunkel, hochlehnige Stühle mit tiefen Sitzen und breiten Armlehnen für die großen Wilkesschen Männer, niedrige weiche Samtsessel und Schemel für die Mädchen. Ganz am anderen Ende des langen Raumes ragte vor dem Kamin das mächtige Sofa, Ashleys Lieblingsplatz, wie ein schlafendes Riesentier.
Sie schloß die Tür bis auf einen schmalen Spalt und versuchte, den raschen Schlag ihres Herzens zu beruhigen. Sie suchte sich genau auf das zu besinnen, was sie sich gestern abend vorgenommen hatte, Ashley zu sagen, aber es war ihr völlig entschwunden. Hatte sie sich überhaupt etwas ausgedacht und wieder vergessen? 0der hatte nach ihrem Plan Ashley etwas zu ihr sagen sollen? Sie konnte sich nicht erinnern, ein plötzlicher kalter Schauder überkam sie. Wenn nur ihr Herz aufhören wollte, ihr in den 0hren zu dröhnen, vielleicht fiel ihr dann etwas ein. Aber sein Pochen wurde nur noch schneller, als sie hörte, wie Ashley zur Haustür hereinkam.
Ihr fiel nichts anderes ein, als daß sie ihn liebte - alles an ihm, vom stolz emporgetragenen Haupt bis zu den schlanken dunklen Schuhen. Sie liebte sein Lachen, auch wenn sie es nicht verstand, liebte sein beunruhigendes Verstummen im Gespräch. Ach, käme er doch jetzt herein und nähme sie in die Arme, dann brauchte sie gar nichts mehr zu sagen. Er mußte sie doch lieben ... »Vielleicht, wenn ich bete?« Sie kniff die Augen fest zusammen und leierte vor sich hin: »Ave Maria, Gnadenvolle ...«
»Nun, Scarlett?« Ashleys Stimme drang durch das Dröhnen in ihren 0hren zu ihr und stürzte sie in äußerste Verwirrung. Er stand in der Halle und schaute durch den Türspalt zu ihr herein, ein belustigtes Lächeln auf den Lippen.
»Vor wemversteckst du dich? Vor Charles oder vor den Tarletons?«
Sie schluckte. Er hatte also bemerkt, wie die Männer sie umschwärmt hatten! Wie unaussprechlich lieb stand er da mit seinen lächelnden Augen; wie aufgeregt sie war! Sie konnte nicht sprechen, sie streckte nur die Hand aus und zog ihn herein. Er trat ein, erstaunt, aber voller Neugierde. In ihrer Erscheinung lag etwas Gespanntes, in ihren Augen eine Glut, wie er sie nie an ihr gesehen hatte, und sogar in dem gedämpften Licht war die Röte ihrer Wangen sichtbar. Unwillkürlich schloß er die Tür hinter sich und faßte ihre Hand.
»Was ist?« fragte er fast flüsternd.
Als seine Hand sie berührte, erbebte sie. Jetzt würde es geschehen, genau wie sie es sich erträumt hatte. Tausend zusammenhanglose Gedanken schossen ihr durch den Sinn, nicht einen davon konnte sie fassen und in Worte kleiden. Sie konnte nur bebend zu ihm aufblicken. Warum sagte er nichts?
»Was ist?« wiederholte er. »Willst du mir ein Geheimnis sagen?«
Plötzlich hatte sie ihre Sprache wiedergefunden, und ebenso plötzlich fiel Ellens jahrelange Erziehung von ihr ab, und Geralds irisches Blut brach ohne Hemmung aus ihr hervor.
»Ja ... ein Geheimnis. Ich liebe dich.«
Einen Augenblick war es so überwältigend still zwischen ihnen, als hätten beide aufgehört zu atmen. Dann kam ihr zitterndes Wesen zur Ruhe, und Glück und Stolz erfüllten sie ganz. Warum hatte sie das nicht eher getan? Wieviel einfacher war dies als all die damenhaften Winkelzüge, die man sie gelehrt hatte. Und nun suchten ihre Augen die seinen.
Seine Augen waren bestürzt, ungläubig und ... was noch? So hatte Gerald geblickt an dem Tage, da sein Lieblingspferd sich das Bein gebrochen hatte und er es erschießen mußte. Warum kam ihr das jetzt in den Sinn? Ein dummer Gedanke! Warum sah Ashley so sonderbar aus und sagte nichts? Dann fiel etwas wie eine Maske über sein Gesicht. Er lächelte galant.
»Genügt es dir denn nicht, jedes andern Mannes Herz heute gewonnen zu haben?« sagte er in dem alten, zärtlichen Neckton. »Nun, mein Herz hat dir immer gehört, das weißt du. Du hast dir die Zähne daran gewetzt.«
Da ging etwas verkehrt ... ganz verkehrt! So war es nicht geplant. Aus dem tollen Gedankensturm in ihrem Hirn begann eine Vorstellung Gestalt zu gewinnen. Irgendwie ... aus irgendeinem Grunde ... handelte Ashley so, als dächte er, sie wollte nur mit ihm spielen. Dabei wußte er, daß das nicht der Fall war. Darüber täuschte sie sich nicht.
»Ashley ... Ashley ... sag mir ... du mußt ... ah, neck mich jetzt nicht! Gehört mir dein Herz? Ach Liebster, ich liebe ...«
Rasch fuhr er ihr mit der Hand über die Lippen, die Maske war verschwunden.
»So etwas darfst du nicht sagen! Nein, das darfst du nicht, Scarlett! Du meinst es auch gar nicht so. Du wirst dir nie verzeihen, daß du es gesagt hast, und mir nicht, daß ich es gehört habe.«
Heftig zuckte sie mit dem Kopf zurück. Ein heißer Strom jagte durch sie hin.
»Dir habe ich nie etwas zu verzeihen. Ich sage dir, ich liebe dich, und ich weiß, auch du mußt mich gern haben, weil ...« Sie hielt inne. Nie vorher hatte sie solches Elend in einem Gesicht gesehen. »Ashley, du hast mich lieb ... ja, nicht wahr?«
»Ja«, sagte er dumpf, »ich habe dich lieb.«
Hätte er gesagt, er hasse sie, sie hätte sich nicht mehr erschrecken können. Wortlos zupfte sie ihm am Ärmel.
»Scarlett«, sagte er, »laß uns hinausgehen und vergessen, daß wir je so etwas zueinander gesprochen haben.«
»Nein«, flüsterte sie, »ich kann nicht. Was meinst du damit? Willst du mich denn nicht ... heiraten?«
Er erwiderte: »Ich heirate Melanie.«
Da merkte sie auf einmal, daß sie auf dem niedrigen Samtsessel saß und Ashley auf dem Schemel zu ihren Füßen. Ihre beiden Hände hielt er ganz fest in den seinen. Er sagte allerlei - sie konnte keinen Sinn darin finden. Ihr Hirn war leer, verschwunden waren alle Gedanken, die es eben noch durchzogen hatten, seine Worte machten nicht mehr Eindruck als Regentropfen auf einer Fensterscheibe. Sie schlugen an taube 0hren, eindringliche, zärtliche Worte, Worte des Mitleids, wie sie ein Vater zu einem Kinde spricht, wenn es sich weh getan hat.
Der Klang von Melanies Namen rief sie ins Bewußtsein zurück. Sie blickte in seine kristallgrauen Augen. In ihnen lag wieder jene Ferne, die sie von jeher verwirrt hatte - dazu ein Ausdruck, als hasse er sich selber.
»Vater will die Verlobung heute abend verkünden. Wir heiraten bald. Ich härte es dir sagen sollen, aber ich dachte, du wüßtest es. Ich dachte, jeder wüßte es seit Jahren. Mir ist es nie im Traum eingefallen, daß du ... du hast so viele Verehrer. Ich dachte, Stuart...«
Sie begann wieder zu leben, zu fühlen, zu begreifen. »Aber du hast doch gerade gesagt, du hättest mich gern.« Seine warmen Hände taten ihr weh.
»Liebes, soll ich denn durchaus sagen, was dir weh tun mu ß?« Ihr Schweigen drängte ihn weiter.
»Wie kann ich es dir begreiflich machen, mein Liebes? Du bist so jung und unbedacht, du weißt nicht, was Ehe heißt.«
»Ich weiß, daß ich dich liebe.«
»Liebe genügt für eine glückliche Ehe nicht, wenn zwei Menschen so verschieden sind wie wir beide. Du willst den Mann ganz, Scarlett, Leib und Seele, Herz und Sinn. Wenn du das nicht alles bekommst, wirst du unglücklich. Ich könnte mich dir aber nicht ganz geben. Und ich brauchte auch nicht deinen Geist und deine Seele ganz. Das müßte dich verletzen, und du müßtest mich hassen - bitterlich hassen. Hassen würdest du die Bücher, die ich lese, die Musik, die ich liebe, weil sie mich dir auch nur für Augenblicke wegnähmen. Und ich ... vielleicht habe ich ...«
»Liebst du sie?«
»Sie ist wie ich, sie ist von meinem Blut, und wir verstehen einander. Scarlett! Scarlett! Kann ich dir nicht begreiflich machen, daß es überhaupt keinen Frieden in der Ehe geben kann, wenn zwei Menschen nicht gleicher Art sind?«
Das hatte schon einmal jemand gesagt: »Gleich muß sich mit gleich verheiraten, sonst gibt es keine glückliche Ehe.« Wer war das doch? Es war ihr, als seien tausend Jahre vergangen, seit sie das gehört hatte, aber noch immer fand sie keinen Sinn darin.
»Aber du hast doch gesagt, du hättest mich gern!«
»Ich hätte es nicht sagen sollen.«
In einem Winkel ihres Hirns flammte ein schwelendes Feuer auf, Wut fing an, alles in ihr zu übertäuben.
»Da du nun einmal so gemein warst, es zu sagen ...«
Er erbleichte. »Es war gemein von mir, es zu sagen, denn ich will Melanie heiraten. Dir habe ich Unrecht getan und ihr noch mehr. Ich hätte es nicht sagen sollen; ich wußte, du würdest mich nicht verstehen. Wie sollte ich dich nicht gern haben - dich, die du alle Lebensleidenschaft hast, die mir fehlt? Dich, die du mit einer Heftigkeit, die mir versagt ist, lieben und hassen kannst? Du bist ja so elementar wie Feuer und Sturm und alles Wilde, und ich ...«
Sie dachte an Melanie und sah plötzlich ihre ruhigen braunen Augen vor sich mit dem Blick aus weiter Ferne, ihre gelassenen kleinen Hände in den schwarzen Spitzenhandschuhen, ihr sanftes Schweigen. Und dann brach ihre Wut los, die gleiche Wut, die Gerald zum Mord getrieben hatte und andere irische Vorfahren zu anderen Missetaten, die ihnen den Kop f gekostet hatten. Von den wohlerzogenen Robillards, die gefaßt und schweigend alles ertragen konnten, was die Welt ihnen auferlegte, war jetzt keine Spur mehr in ihr.
»Warum sagst du es nicht, du Feigling? Du hast Angst, mich zu heiraten! Du willst dein Leben lieber mit dem blöden Schäfchen verbringen, das den Mund nur auftut, um ja und nein zu sagen, und solche Bälger aufziehen wird, die auch nicht bis drei zählen können wie sie! Warum ...«
»So etwas darfst du nicht über Melanie sagen!«
»Ich darf nicht? Verdammt! Wer bist du, daß du mir vorschreibst, was ich darf? Du Feigling, du Lump, du ... du hast mir vorgetäuscht, daß du mich heiraten wolltest ...«
»Sei gerecht«, flehte seine Stimme. »Habe ich je ...«
Sie wollte nicht gerecht sein, obwohl sie sehr gut wußte, daß er die Wahrheit sprach. Nie hatte er bei ihr die Grenzen der Freundschaft überschritten. Und als sie daran dachte, stieg neuer Zorn in ihr auf, der Zorn verletzten Stolzes und gekränkter Eitelkeit. Sie war ihm nachgelaufen, und er wollte nichts von ihr wissen. Er zog ihr ein dummes kleines Milchgesicht wie Melanie vor. Ach, wäre sie doch Ellens und Mammys Vorschriften gefolgt und hätte ihn niemals auch nur fühlen lassen, daß sie ihn gern hatte ... lieber alles andere als diese brennende Schande!
Mit geballten Fäusten sprang sie auf die Füße, auch er stand auf und blickte auf sie herab. In seinem Gesicht lag all die stumme Trauer eines Menschen, der einer qualvollen Wirklichkeit ins Gesicht sehen muß.
»Ich hasse dich bis in den Tod, du Lump ... du niedriger ... niederträchtiger ...« Wie hieß das Wort, nach dem sie suchte? Ihr fiel nichts ein, was arg genug für ihn war.
»Scarlett, bitte ...«
Er streckte die Hand gegen sie aus, da schlug sie ihn mit aller Kraft ins Gesicht. Es klatschte wie ein Peitschenhieb durch den stillen Raum. Auf einmal war all ihre Wut dahin, und nur Trostlosigkeit blieb im Herzen zurück.
Die rote Spur ihrer Hand zeichnete sich deutlich auf seinem bleichen, müden Gesicht ab. Er sagte nichts, hob nur ihre schlaffe Hand an seine Lippen und küßte sie. Ehe sie etwas sagen konnte, war er fort und schloß leise die Tür hinter sich.
Jäh setzte sie sich wieder nieder, unter der Nachwirkung ihrer Wut zitterten ihr die Knie. Nun war er fort, und die Erinnerung an den Schlag in sein Gesicht würde ihr nun ihr Lebtag keine Ruhe mehr lassen.
Sie hörte den weichen, gedämpften Laut seiner Tritte die lange Halle hinunter verklingen, und die ganze Ungeheuerlichkeit dessen, was sie getan hatte, kam über sie. Sie hatte ihn für immer verloren. Nun mußte er sie hassen und jedesmal, wenn er sie sah, sich daran erinnern, wie sie sich ihm an den Hals geworfen hatte, während er doch nicht das leiseste getan hatte, umihr Hoffnungen zu machen.
»Ich bin nicht besser als Honey Wilkes«, dachte sie plötzlich und besann sich, wie jeder, sie selbst mehr als die anderen, über Honeys schamloses Betragen verächtlich gelacht hatte. Sie sah Honey sich kokett winden und hörte ihr läppisches Kichern, wenn sie sich den Burschen in den Arm hängte. Diese Vorstellung stachelte die Wut aufs neue in ihr an, die Wut auf sich selbst, auf Ashley, auf die ganze Welt. Wie sie sich haßte! Sich und alle, mit der Raserei ihrer sechzehnjährigen, durchkreuzten, gedemütigten Liebe. Nur sehr wenig wahre Zärtlichkeit war in dieser Liebe gewesen. Der größte Teil war Eitelkeit, selbstgefälliges Vertrauen in den eigenen Zauber. Nun hatte sie verloren. Größer aber als das Gefühl ihres Verlustes war die Angst, sich vor den andern an den Pranger gestellt zu haben. Hatte sie sich auffallend benommen wie Honey? Lachte jedermann über sie? Bei dem Gedanken erbebte sie von neuem.
Ihre Hand fiel auf einen kleinen Tisch neben ihr und geriet dabei an eine winzige Porzellanschale für Rosen, an die sich zwei Porzellanengel schmiegten. Sie hätte fast aufgekreischt, nur um die Stille zu durchbrechen, so lautlos war das Zimmer. Irgend etwas mußte sie tun, oder sie verlor den Verstand. Sie packte die Schale, und mit bösartigem Schwung schleuderte sie sie quer durch das Zimmer gegen den Kamin. Sie flog knapp an de r hohen Sofalehne vorbei und zerschellte klirrend am Marmor.




