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»Dies«, sagte eine Stimme aus der Tiefe des Sofas, »geht zu weit.«
Nie im Leben hatte sie sich so erschrocken. Der Mund war ihr so trocken, daß sie keinen Laut herausbrachte. Sie klammerte sich an die Stuhllehne, denn ihr wankten die Knie, als Rhett Butler sich von dem Sofa, auf dem er gelegen hatte, erhob und sich mit übertriebener Höflichkeit vor ihr verbeugte.
»Schlimm genug, wenn einem der Mittagsschlaf durch eine Szene gestört wird, wie ich sie mit anhören mußte. Soll ich da auch noch mein Leben in Gefahr bringen?«
Er war es leibhaftig. Er war kein Geist. Aber, die Heiligen mochten sie bewahren, er hatte alles mit angehört! Sie nahm alle Kraft zusammen und gab sich einen Anschein von Würde.
»Mein Herr, Sie hätten sich bemerkbar machen müssen.«
»So?« Seine weißen Zähne glänzten, die kühnen dunklen Augen lachten sie an. »Aber Sie haben sich doch hier eingedrängt. Ich mußte auf Mr. Kennedy warten, und da mir schien, ich wäre im Hintergarten viel leicht nicht ganz erwünscht, war ich so rücksichtsvoll, meine unwillkommene Gegenwart hierher zu verlegen, wo ich glaubte ungestört zu sein. Aber leider ...«, er zuckte die Achseln und lachte leise.
Das Blut begann ihr wieder zu sieden bei dem Gedanken, daß dieser freche, unverschämte Kerl alles gehört hatte - Worte, von denen sie wünschte, sie wären nie über ihre Lippen gekommen.
»Sie Horcher ...«, begann sie zornig.
»Horcher hören oft höchst unterhaltsame, lehrreiche Dinge«, lächelte er. »Aus einer langen Erfahrung im Horchen weiß ich ...«
»Herr«, sagte sie, »Sie sind kein Gentleman!«
»Eine passende Bemerkung«, antwortete er leichthin. »Und Sie, mein Fräulein, sind keine Lady!« Er fand sie offenbar sehr ergötzlich, denn er lachte wieder leise vor sich hin. »Wer so etwas sagt und tut, wie ich eben mit angehört habe, ist keine Dame mehr. Indessen haben Damen nur selten Reiz für mich gehabt. Sie haben nie den Mut oder den Mangel an Kinderstube, zu sagen, was sie denken. Und das wird mit der Zeit sehr langweilig. Sie aber, meine liebe Miß 0'Hara, sind ein Mädchen von bewunderungswürdigem Temperament. Ich nehme den Hut vor Ihnen ab. Welche Reize der elegante Mr. Wilkes für ein Mädchen von so stürmischem Naturell haben kann, ist mir freilich unbegreiflich. Er sollte Gott auf den Knien danken für ein Geschöpf mit Ihrer - wie drückte er sich noch aus? - >Lebensleidenschaft<; da er aber nur ein mattherziger Jämmerling ist ...«
»Sie sind nicht wert, ihm die Schuhe zu säubern!« schrie sie wütend.
»Und Sie wollen ihn Ihr Leben lang hassen!« Er ließ sich aufs Sofa zurückfallen, und sie hörte ihn wieder lachen.
Hätte sie ihn umbringen können, sie hätte es getan, statt dessen aber ging sie mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte, aus dem Zimmer und schlug die schwere Tür hinter sich zu.
So schnell rannte sie die Treppe hinauf, daß sie meinte, ihr schwänden die Sinne. Sie blieb stehen, packte krampfhaft das Geländer, ihr Herz hämmerte so wild vor Zorn, Gekränktheit und Anstrengung, daß ihr war, als müsse es ihr Kleid zersprengen. Sie versuchte tief zu atmen, aber dafür hatte Mammy sie zu fest geschnürt. Wenn sie nun ohnmächtig wurde, und man fand sie hier auf dem Treppenabsatz, was sollten die Leute denken? 0h, die dächten sich schon ihr Teil, Ashley und dieser gemeine Butler und die gräßlichen Mädchen, die alle so eifersüchtig waren! Zum erstenmal in ihrem Leben hätte sie gern Riechsalz bei sich gehabt wie die anderen Mädchen, aber sie hatte nie auch nur ein Riechfläschchen besessen. Sie war immer so stolz darauf gewesen, daß ihr nie schwindelte. Es ging einfach nicht an, daß sie jetzt ohnmächtig wurde.
Allmählich kam sie wieder zu sich. In einer Minute fühlte sie sich sicher wieder wohl, und dann würde sie leise in das kleine Ankleidestübchen neben Indias Zimmer gehen, ihr Korsett lockern, ins Zimmer schlüpfen und sich auf eins der Betten neben die schlafenden Mädchen legen.
Sie suchte ihr klopfendes Herz und ihr Gesicht zu beruhigen. Sie mußte ja wie eine Irre aussehen. Sollte eines der Mädchen wach sein, so merkte es sicher sofort, daß etwas los war, und das durfte nie und nimmer geschehen.
Durch das breite Erkerfenster auf dem Treppenabsatz sah sie immer noch die Herren unter den Bäumen und im Schatten der Laube auf ihren Stühlen sich rekeln. Wie sie sie beneidete! Herrlich, ein Mann zu sein und nie solchen Jammer durchmachen zu müssen, wie sie ihn eben erlebt hatte! Während sie dastand und mit heißen Augen, noch immer ein wenig schwindlig, die Männer beobachtete, hörte sie raschen Hufschlag in der vorderen Auffahrt. Kies prasselte, eine aufgeregte Stimme erklang. Wieder stob Kies, und quer durch ihr Gesichtsfeld galoppierte ein Reiter über den grünen Rasen auf die träge Gruppe unter den Bäumen zu.
Ein verspäteter Gast? Warum aber ritt er quer über den Rasen, der Indias Stolz war? Sie konnte ihn nicht erkennen, aber als er sich aus dem Sattel schwang und John Wilkes am Arm packte, sah sie die Aufregung an jedem Zoll seiner Gestalt. Die Schar umdrängte ihn. Trotz der Entfernung hörte sie den Tumult der fragenden, laut rufenden Stimmen und empfand die fieberhafte Spannung der Männer. Dann erhob sich über dem verworrenen Geräusch Stuart Tarletons Stimme und frohlockte »Yee - aay - eel«, als wäre er auf der Jagd. 0hne es zu wissen, hörte sie zum ersten Male den Kriegsruf der R ebellen.
Die vier Tarletons, hinter ihnen die Fomaineschen Jungens, lösten sich von den übrigen, liefen eilig nach dem Stall und riefen dabei gellend: »Jeems! Jeems! Pferde satteln!«
Einem von ihnen muß das Haus brennen, sagte sich Scarlett. Feuer hin, Feuer her, sie mußte jetzt ins Schlafzimmer zurückgelangen, ehe sie entdeckt wurde.
Ihr Herz hatte sich beruhigt, auf Zehen schlich sie die Stufen hinauf in den lautlosen Flur. Schwere warme Schläfrigkeit lag über dem Hause, als schliefe es selbst ruhig wie die Mädchen bis zum Abend, um dann mit Musik und Kerzen zur vollen Schönheit aufzublühen. Vorsichtig hob sie die Tür des Ankleidezimmers ein wenig an, öffnete sie und schlüpfte hinein. Ihre Hand lag noch hinter ihr auf der Klinke, als Honey Wilkes' Stimme leise, fast flüsternd, durch den Spalt der gegenüberliegenden Schlafzimmertür zu ihr drang: »Ich finde, Scarlett hat sich heute so schamlos benommen, wie ein Mädchen überhaupt nur kann.«
Scarletts Herz begann wieder seinen wilden Tanz, unbewußt stemmte sie die Hand dagegen, als wollte sie es mit Gewalt unterdrücken. »Horcher hören oft höchst lehrreiche Dinge«, äffte sie eine Erinnerung. Sollte sie sich leise wieder entfernen? 0der sich bemerkbar machen und Honey in Verlegenheit bringen, wie sie es verdient hatte? Da hörte sie wieder etwas und hielt inne. Ein ganzes Gespann Maultiere hätte sie nicht wegzerren können, als sie Melanies Stimme vernahm.
»Ach, Honey, nicht doch! Nicht so unfreundlich sein! Sie ist eben temperamentvoll und lebhaft. Ich fand sie sehr reizend.«
»0ho!« Scarlett krallte die Nägel in ihre Taille ein. »Dies schüchterne kleine Persönchen tritt für mich ein!«
Das war mühsamer anzuhören als Honeys gehässige Stichelei. Scarlett hatte nie einem weiblichen Wesen getraut und außer ihrer Mutter k einer Frau andere als selbstsüchtige Antriebe zugebilligt. Melanie war Ashleys sicher, da konnte sie sich solch selbstlose Denkungsart leisten. Das war echt Melanie, dachte Scarlett, auf solche Weise mit ihrer Eroberung großzutun und sich zugleich in den Ruf eines sanften Gemütes zu bringen. 0ft hatte Scarlett sich, wenn sie mit Männern andere Mädchen durchhechelte, desselben Kniffes bedient, und er hatte die dumme Männerwelt jedesmal unfehlbar von ihrer Sanftmut und Selbstlosigkeit überzeugt.
»Nun, mein Fräulein«, erhob Honey patzig die Stimme, »dann mußt du blind sein.«
»Seht, Honey«, zischte Sally Munroes scharfe Stimme. »Man hört dich ja im ganzen Haus.«
Gedämpft fuhr Honey fort: »Du hast doch gesehen, wie sie mit jedem Mann, den sie erwischen konnte, ins Zeug ging ... sogar mit Mr. Kennedy, und er ist doch der Verehrer ihrer eigenen Schwester. So etwas habe ich nie erlebt! Und ganz sicher hatte sie es auf Charles abgesehen.« Honey verfiel in ein gereiztes Kichern: »Und du weißt doch, Charles und ich ...«
»Wahrhaftig?«flüsterten erregte Stimmen.
»Nun, erzählt es, bitte, niemand ... noch nicht!«
Das Getuschel nahm zu, Bettfedern krachten. Melanie flüsterte, wie glücklich sie sei, daß Honey ihre Schwester werden sollte.
»Ich freue mich aber gar nicht darauf, Scarlett zur Schwester zu bekommen«, ertönte bekümmert Hetty Tarletons Stimme. »Was ist sie nur für ein unglaublicher Draufgänger. Sie ist mit Stuart so gut wie verlobt. Brent sagt zwar, sie gebe keinen Deut um ihn, aber Brent ist natürlich auch in sie verliebt.«
»Wenn ihr mich fragt«, tuschelte Honey geheimnisvoll, »ich sage euch, es gibt nur einen, aus dem sie sich wirklich etwas macht, und das ist Ashley.«
Als das Getuschel der Fragen und Antworten immer heftiger wurde, ging ein Frösteln der Angst und Scham durch Scarletts Brust. Honey war eine dumme Gans, ein albernes, einfältiges, unerfahrenes Ding, soweit es sich um Männer handelte; für andere Frauen aber hatte sie einen Spürsinn, den Scarlett unterschätzt hatte. Neben der Schmach, die sie hier auf ihrem Lauscherposten erlitt, waren die Demütigung und der verletzte Stolz, die sie bei Ashley und Rhett Butler in der Bibliothek gepeinigt hatten, nur Nadelstiche. Männern konnte man zutrauen, daß sie den Mund hielten, sogar solchen wie Mr. Butler, aber Honey Wilkes gab Laut wie ein Jagdhund, und dann wußte die ganze Provinz noch vor sechs Uhr alles. Gestern abend erst hatte Gerald gesagt, er wolle nicht, daß die Provinz über seine Tochter lache. Und wie nun alle lachen würden! Der kalte Schweiß brach ihr aus. Melanies gemessene, friedliche Stimme erhob sich ein bißchen vorwurfsvoll über die der andern:
»Honey, du weißt, daß das nicht wahr ist. Es ist lieblos von dir.«
»Es ist doch so, Melly, und wärest du nicht immer so darauf aus, etwas Gutes an Leuten zu entdecken, an denen gar nichts Gutes ist, dann hättest du es auch gesehen. Und ich freue mich, daß es so ist. Es geschieht ihr ganz recht. Scarlett 0'Hara hat immer nur überall Unfrieden gestiftet und versucht, andern Mädels die Freunde wegzuschnappen. Du weißt ganz gut, daß sie India ihren Stuart weggeschnappt hat und ihn jetzt nicht einmal will. Heute hat sie es nun mit Mr. Kennedy und Ashley und Charles versucht ...«
»Ich muß nach Hause!« dachte Scarlett. »Ich muß einfach nach Hause!«
Könnte doch Zauberei sie nach Tara entrücken und in Sicherheit bringen! Könnte sie doch bei Ellen sein, nur sie sehen, sie am Rock fassen und in Ellens Schoß weinen und ihr ganzes Herz ausschütten! Hörte sie nur noch ein Wort, so stürzte sie hinein, das wußte sie, und riß ganze Hände voll von Honeys dünnen blaßblonden Haaren aus und spie Melanie Hamilton ins Gesicht, um ihr zu zeigen, was sie von ihrer Nächstenliebe hielt. Aber sie hatte sich heute schon gemein genug benommen, ganz wie »weißes Pack« ... daher rührte überhaupt das ganze Unheil!
Mit den Händen drückte sie ihre Röcke ganz fest an sich, damit sie nicht raschelten, und entwischte verstohlen wie ein Tier. Nach Hause! Damit jagte sie hinunter in die Halle an verschlossenen Türen und stillen Zimmern vorbei. Sie mußte nach Hause. Schon war sie an der Haustür, da stutzte sie. Ihr war eingefallen - sie konnte ja nicht nach Hause. Weglaufen konnte sie nicht! Sie mußte hindurch, durch alle Bosheit der Mädchen, durch ihre eigene Schmach und all das Herzweh. Lief sie weg, so gab sie ihnen nur neue Waffen in die Hand.
Mit der geballten Faust schlug sie gegen die hohe weiße Säule neben sich und wünschte sich, Simson zu sein, um das ganze Twelve 0aks samt allen Menschen darin in Grund und Boden reißen zu können. Sie sollten es noch zu fühlen bekommen. Sie wollte es ihnen schon zeigen! Sie wollte ihnen noch weher tun, als sie ihr getan hatten. Für den Augenblick war Ashley vergessen. Er war nicht mehr der große, träumerische Junge, den sie liebte, sondern gehörte zu der ganzen Wilkesschen Sippe, zu Twelve 0aks, zur Provinz - sie haßte sie alle, weil sie sie auslachten. Mit sechzehn Jahren ist die Eitelkeit stärker als die Liebe; in ihrem heißen Herzen hatte nichts anderes mehr Raumals der Haß.
»Ich will nicht nach Hause. Ich bleibe hier und lasse es sie fühlen. Mutter sage ich nichts davon, nein, keinem Menschen.« Sie raffte sich zusammen, um ins Haus zurückzukehren. Die Treppe hinauf in ein anderes Schlafzimmer. Als sie sich in der Halle umwandte, sah sie Charles am andern Ende ins Haus treten. Er erblickte sie und kam rasch auf sie zu, sein Haar war zerzaust, sein Gesicht vor Aufregung so rot wie eine Geranienblüte.
»Wissen Sie, was geschehen ist?« rief er ihr schon von weitem entgegen. »Haben Sie es gehört? Paul Wilson kommt eben von Jonesboro herübergeritten! «
Er hielt atemlos inne. Sie entgegnete nichts, sie starrte ihn nur an.
»Mr. Lincoln hat die Männer aufgerufen, Soldaten - Freiwillige meine ich - fünfundsiebzigtausend!«
Schon wieder Mr. Lincoln! Dachten denn die Männer nie an wirklich Wichtiges? Dieser dumme Junge erwartete von ihr, sie solle sich über Mr. Lincolns Possen aufregen, während ihr das Herz brach und ihr Ruf so gut wie zerstört war. Jetzt starrte Charles sie an. Ihr Gesicht war weiß wie Papier, ihre schmalen Augen sprühten grünes Feuer wie Smaragde. Solches Feuer hatte er nie in einem Mädchengesicht gesehen, solche Glut noch nie in einem menschlichen Auge.
»Ich bin so ungeschickt, ich hätte es Ihnen zarter beibringen sollen. Ich habe vergessen, wie empfindsam Damen sind. Es tut mir leid, daß ich Sie so erschreckt habe. Kann ich Ihnen ein Glas Wasser holen?«
»Nein.« Sie brachte ein schiefes Lächeln zustande.
»Wollen wir uns auf die Bank setzen?« Er nahm ihren Arm. Sie nickte, und er geleitete sie behutsam die Stufen hinunter und führte sie nach der Bank unter der großen Eiche im Vorgarten. »Wie zart und zerbrechlich Frauen sind«, dachte er, »schon die Erwähnung von Krieg und Greuel benimmt ihnen die Sinne.« Dabei fühlte er sich sehr männlich und verdoppelte seine Fürsorge. Sie sah so seltsam aus. Auf ihrem bleichen Gesicht lag eine wilde Schönheit, die ihm das Herz zusammenzog. Wäre es möglich, daß der Gedanke, er würde in den Krieg gehen, ihr Kummer machte? Nein, das war zu anmaßend, das konnte er nicht glauben. Warum sah sie ihn dann aber so wunderlich an? Warum zitterten ihr die Hände, während sie an ihrem Spitzentaschentuch zerrte? Und die dichten kohlschwarzen Wimpern zuckten auf und nieder, wie es bei den Mädchen, von denen man in Romanen las, vor Schüchternheit und Liebe geschah.
Er räusperte sich dreimal, um etwas zu sagen, und es mißlang ihm jedesmal. Er schlug die Blicke nieder, weil ihre grünen Augen die seinen so starr durchdrängen, als sähe sie ihn gar nicht.
»Er hat eine Menge Geld«, dachte sie schnell, indem ein Gedanke ihr durchs Hirn zog. »Er hat keine Eltern, die mir das Leben schwermachen würden, er lebt in Atlanta, und wenn ich ihn jetzt auf der Stelle heirate, kann ich Ashley zeigen, daß ich mir nicht das mindeste aus ihm mache, daß ich nur mit ihm gespielt habe, und Honey würde es einfach umbringen. Einen anderen Verehrer kriegt sie nie und nimmer, und jedermann würde sich über sie totlachen. Und Melanie könnte ich auch damit weh tun, weil sie Charles liebhat. Und Stu und Brent könnte ich damit kränken.« Sie wußte nicht recht, warum sie eigentlich alle kränken wollte. Nun ja, sie hatten boshafte Schwestern. »Und es würde sie alle kränken, wenn ich in einem schönen Wagen mit vielen hübschen Kleidern hierher auf Besuch käme und hätte mein eigenes Haus daheim. Dann lachen sie nie wieder über mich.«
»Das bedeutet natürlich Kampf«, sagte Charles nach mehreren weiteren schüchternen Versuchen. »Aber grämen Sie sich nicht, Miß Scarlett, in einem Monat ist es vorbei, dann kriegen sie das Heulen. Jawohl! Das Heulen! Um alles in der Welt muß ich dabeisein. Heute wird wohl nicht viel aus dem Ball werden; die Truppe hat Appell in Jonesboro. Die vier Tarletons bringen die Nachricht herum. Ich weiß, den Damen wird es leid tun.«
Sie sagte »Ach«, weil ihr nichts Besseres einfiel, aber es genügte. Allmählich fand sie ihr Gleichgewicht wieder, und die Gedanken begannen sich zu sammeln. Auf allen ihren Gefühlen lag es wie Rauhreif, sie meinte, sie würde nie wieder wann empfinden können. Warum nicht diesen hübschen, errötenden Jungen nehmen? Er war so gut wie jeder andere. Und ihr war es so einerlei. An nichts lag ihr mehr etwas, ihr Leben lang, und wenn sie neunzig Jahre alt würde.
»Ich kann mich noch nicht entschließen, ob ich mit Mr. Wade Hamptons Südcarolina-Legion oder mit der Atlantaer Stadtgarde hinausgehe.«
Wieder sagte sie »0h«, ihre Augen begegneten einander, ihre bebenden Lider gaben ihm den Rest.
»Wollen Sie auf mich warten, Miß Scarlett? Es wäre himmlisch, wenn ich wüßte, Sie warteten auf mich, bis wir sie verdroschen haben!« Atemlos hing er an ihrem Munde und bemerkte, wie ihre Lippen sich in den Winkeln verzogen, sah zum erstenmal die Schatten darin und dachte, wie es wohl wäre, sie zu küssen. Ihre Hand, die innen kalt von Schweiß war, glitt in die s eine.
»Ich möchte eigentlich nicht warten«, sagte sie mit verschleierten Augen.
Er umklammerte ihre Hand, der Mund stand ihm weit offen. Durch ihre Wimpern beobachtete Scarlett ihn völlig unbeteiligt und fand, er sähe aus wie ein aufgespießter Frosch. Mehrmals fing er stotternd an, schloß den Mund und öffnete ihn wieder und wurde rot wie eine Geranie.
»Ist es denn möglich, daß Sie mich lieben?«
Sie antwortete nichts, sie blickte nur in ihren Schoß und stürzte Charles in neue Wonne und neue Verlegenheit. Vielleicht durfte der Mann ein Mädchen nicht so etwas fragen, vielleicht war es nicht mädchenhaft, darauf zu antworten. Charles hatte nie vorher den Mut gehabt, solche Fragen zu stellen, und wußte nun nicht, was er tun sollte. Am liebsten hätte er gejubelt und gesungen und sie geküßt und auf dem Rasen Purzelbäume geschlagen und wäre dann hingelaufen und hätte jedem, Schwarz oder Weiß, erzählt, daß sie ihn liebte. So aber drückte er nur ihre Hand immer fester, bis die Ringe ihr ins Fleisch schnitten.
»Wollen Sie mich schon bald heiraten, Miß Scarlett?«
Sie fingerte an den Falten ihres Kleides.
»Wollen wir eine Doppelhochzeit mit Mel ...?«
»Nein!« sagte sie rasch, ihre Augen blitzten unheilverkündend zu ihm auf. Wieder merkte Charles, daß er etwas falsch gemacht hatte. Natürlich wollte ein Mädchen ihre eigene Hochzeit haben, ihren Ehrentag nicht teilen. Wie gut von ihr, seine Tölpeleien zu übersehen! Wäre es doch dunkel, fände er doch den Mut, den die Dunkelheit gibt, könnte er ihr doch die Hand küssen und ihr sagen, wovon sein Herz voll war!
»Wann kann ich mit Ihrem Vater sprechen?«
»Je eher, desto besser.« Sie hoffte, er würde vielleicht ihre Hand von dem lästigen Druck der Ringe erlösen, ehe sie ihn darum bitten müßte. Er sprang auf, und einen Augeblick meinte sie, er wollte einen Purzelbaum schlagen, ehe der Anstand es ihm verbot. Strahlend blickte er auf sie nieder, sein ganzes Herz in all seiner reinen Einfalt lag in den Augen. So hatte noch niemand sie angeschaut, und so sollte auch nie wieder jemand sie anschauen. Aber traumhaft losgelöst von allem, wie sie war, fand sie nur, er sähe aus wie ein Kalb.
»Ich will nun Ihren Vater suchen«, sagte er und lächelte über das ganze Gesicht. »Ich kann nicht länger warten. Willst du mich entschuldigen ... du Liebe?« Das Du wurde ihm schwer. Als er es aber einmal gesagt hatte, wiederholte er es voller Wonne immer von neuem. »Ja«, sagte sie, »ich warte hier. Hier ist es so schön kühl.« Er ging quer über den Rasen und verschwand hinter dem Hause. Sie saß allein unter der rauschenden Eiche. Von den Ställen kamen Scharen von Reitern, schwarze Diener dicht hinter ihren Herren. Die Munroes preschten vorbei und schwenkten die Hüte. Die Fontaines und Calverts ritten jauchzend die Straße hinunter. Die vier Tarletons jagten miteinander über den Rasen, und Brent rief: »Mutter, gib uns die Pferde! Yee - aay - ee!« Rasenstücke flogen, weg waren sie. Sie war wieder allein.
Vor ihr ragten die Säulen des weißen Hauses empor, als zöge es sich, würdig und unnahbar, von ihr zurück. Ihr Haus würde es nun nie werden. Nie würde Ashley sie als Braut über die Schwelle tragen. Ach, Ashley, Ashley! Was hab' ich getan? Tief unter Schichten von verletztem Stolz und kalter Berechnung regte es sich in ihr und schmerzte. Ein reifes Gefühl wurde in ihr geboren, stärker als ihre Eitelkeit und Selbstsucht. Sie liebte Ashley und wußte, wie sehr sie ihn liebte, und hatte ihn nie so heiß geliebt wie in diesem Augenblick, da sie Charles auf dem gewundenen Kiesweg verschwinden sah.
7
Innerhalb von zwei Wochen war Scarlett verheiratet, zwei Monate später war sie Witwe. Die Bande, die sie so hastig und gedankenlos geknüpft hatte, waren schnell zerrissen, aber die sorglose Freiheit ihrer Mädchentage sollte sie nie wieder kennenlernen. Witwentum war der Heirat auf dem Fuße gefolgt, und nach ihr kam zu Scarletts Schrecken bald auch die Mutterschaft.
Wenn Scarlett in späteren Jahren an diese letzten Apriltage des Jahres 1861 dachte, konnte sie sich der Einzelheiten nie mehr deutlich entsinnen. Zeit und Ereignisse schoben sich ineinander, wirr wie bei einem Alpdrücken, bar jeder Wirklichkeit und jeden Sinnes. Bis zu ihrer Todesstunde behielten die Erinnerungen an jene Tage blinde Flecken. Nebelhaft verschwand ihr besonders die Zeit zwischen ihrem Jawort an Charles und der Hochzeit. Vierzehn Tage! In Friedenszeiten wäre eine so kurze Verlobung undenkbar gewesen; der Schicklichkeit halber hätte man ein ganzes Jahr oder mindestens sechs Monate gewartet. Aber der Süden stand in Kriegsflammen, die Ereignisse brausten wie vor einem gewaltigen Winde dahin, das langsame Zeitmaß vergangener Tage war vorüber.
Ellen hatte die Hände gerungen und zum Aufschub geraten, damit Scarlett sich ihre Entscheidung gründlicher überlegte. Aber für ihre Bitten hatte Scarlett nur taube 0hren und ein abweisendes Gesicht. Heiraten wollte sie, und das schleunigst - binnen vierzehn Tagen.
Als sie erfuhr, daß Ashleys Hochzeit vom Herbst auf den 1. Mai vorverlegt worden sei, damit er ins Feld gehen könne, setzte sie das Datum für die eigene Hochzeit auf den Tag vor der seinigen fest. Ellen war nicht damit einverstanden, aber Charles trat mit neugeborener Beredsamkeit dafür ein. Er war ungeduldig, zu Wade Hamptons Legion in Südcarolina zu stoßen, und Gerald nahm für die jungen Leute Partei. Ihn hatte d as Kriegsfieber gepackt, auch freute er sich, daß Scarlett eine so gute Partie machte - und sollte etwa er junger Liebe sich in den Weg stellen, wenn der Krieg im Anzug war? Ellen gab schließlich verzweifelt nach, wie es andere Mütter im Süden auch taten. Ihre geruhsame Welt war auf den Kopf gestellt, ihr Rat, ihr Bitten und Beten war machtlos gegen die Gewalten, die sie mit sich fortrissen.
Der Süden war trunken vor Begeisterung und Erregung. Jeder glaubte, daß eine einzige Schlacht den ganzen Krieg beenden würde. Jeder junge Mann stelle sich, so rasch er konnte, um noch mit dabeisein zu können - heiratete seine Liebste, so schnell es ging, und ritt dann auf und davon nach Virginia, um die Yankees zu schlagen. Dutzende von Kriegsheiraten fanden in der Provinz statt. Für Abschiedsschmerz war kaum Zeit, jeder war zu geschäftig und aufgeregt für ernste Gedanken und Tränen. Die Damen nähten Uniformen, strickten Socken und wickelten Binden, die Männer exerzierten und schossen. Durch Jonesboro fuhren täglich Militärzüge auf ihrem Weg nordwärts nach Atlanta und Virginia. Einige Truppenabteilungen hatten bunte, scharlachrote, hellblaue und grüne Uniformen, es war die Miliz, die von der besten Gesellschaft gebildet wurde. Andere Abteilungen trugen grobe handgewebte Jacken und Bärenmützen, noch andere überhaupt keine Uniform, sondern Tuchanzüge und Batistwäsche. Alle waren halb ausgebildet, halb bewaffnet, außer sich vor Erregung und schrien durcheinander, als wären sie zu einem Picknick unterwegs. Der Anblick dieser Leute versetzte die jungen Leute der Provinz in eine wahre Panik. Sie fürchteten, der Krieg könnte aussein, bevor sie nach Virginia gelangten, und die Vorbereitungen für den Abmarsch der »Truppe«wurden beschleunigt.




