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Mitten in all diesem Durcheinander rüstete man zu Scarletts Hochzeit, und ehe sie es sich versah, hatte sie Ellens Hochzeitskleid und Schleier an und schritt an ihres Vaters Arm die breite Treppe in Tara hinunter, um ein ganzes Haus voller Gäste zu begrüßen. Später kam ihr alles wie ein Tra um vor, die vielen hundert Kerzen, die an den Wänden flammten, das liebevolle, ein wenig beunruhigte Gesicht der Mutter, in dem die Lippen sich in stummem Gebet für das Glück der Tochter bewegten, Gerald, hochrot von Branntwein und von Stolz, daß seine Tochter sowohl Geld wie einen vornehmen und alten Namen in die Familie brachte - und Ashley, der unten an der Treppe stand, mit Melanie am Arm.
Als sie sein Gesicht sah, dachte sie: »Dies alles kann nicht wahr sein. Es kann nicht sein. Es ist ein böser Traum. Nachher wache ich auf und sehe, daß alles nur ein Traum war. Jetzt darf ich nicht daran denken, sonst fange ich vor all den Leuten an zu schreien. Ich kann jetzt überhaupt nicht denken. Das tue ich später, wenn ich es aushallen kann - wenn ich seine Augen nicht mehr sehe.«
Alles war wie ein Traum, der Weg durch die Reihen lächelnder Menschen, Charles' rotes Gesicht, sein Stottern und ihre eigenen Antworten, die so erschreckend klar und kalt herauskamen. Und dann die Glückwünsche, die vielen Verwandtenküsse, die Tischreden, der Tanz - alles, alles wie ein Traum. Sogar Ashleys Kuß auf ihre Wange, sogar Melanies sanftes Flüstern: »Nun sind wir wirklich und wahrhaftig Schwestern«, kamen ihr unwirklich vor. Selbst die Aufregung, die der 0hnmachtsanfall von Charles' rundlicher, gefühlvoller Tante Miß Pittypat Hamilton hervorrief, wirkte wie ein Alpdruck.
Als aber Ball und Gläserklingen endlich zu Ende waren, als der Morgen dämmerte und all die Gäste aus Atlanta, die in das Herrenhaus und das Haus des Aufsehers gepfercht werden konnten, sich auf Betten, Sofas und am Boden ausgebreiteten Strohsäcken zur Ruhe gelegt hatten und die Nachbarn nach Hause gefahren waren, um sich für den nächsten Tag und die Hochzeit in Twelve 0aks vorzubereiten, da zerbrach die traumhafte Entrücktheit wie Kristall an der Wirklichkeit. Wirklich aber war der errötende Charles, der im Nachthemd aus ihrem Ankleidezimmer zum Vorschein kam und dem erschrockenen Blick auswich, mit dem sie ihn über das heraufgezogene Laken anstarrte.
Natürlich wußte sie, daß verheiratete Leute in demselben Bett schlafen, aber sie hatte noch nie näher darüber nachgedacht. Bei Vater und Mutter war das etwas ganz Natürliches, auf sich selbst hatte sie die Tatsache nie bezogen. Nun wurde ihr zum erstenmal seit jenem Gartenfest wirklich klar, was sie auf sich genommen hatte. Der Gedanke, dieser fremde Junge, den sie eigentlich gar nicht hatte heiraten wollen, sollte zu ihr ins Bett steigen,während ihr das Herz brach vor Reue über ihre Übereilung und vor Schmerz, Ashley auf immer verloren zu haben, war mehr, als sie ertragen konnte. Ab er zögernd näher kam, flüsterte sie heiser: »Wenn du mir nahe kommst, schreie ich. Das tue ich! So laut ich kann! Mach, daß du wegkommst!Untersteh dich nicht, mich anzurühren!«
Charles Hamilton verbrachte also die Hochzeitsnacht auf einem Sessel in der Ecke, nicht einmal so unglücklich, denn er verstand die zarte Verschämtheit seiner Braut oder glaubte doch, sie zu verstehen. Er wollte gern warten, bis ihre Angst sich verlöre, nur ... nur - er seufzte, während er sich verrenkte, um eine bequeme Lage zu finden - er mußte ja so sehr bald schon in den Krieg!
War ihre eigene Hochzeit für sie schon gespenstisch gewesen, Ashleys Hochzeit war es noch mehr. Scarlett stand in dem apfelgrünen Kleid für den »zweiten Tag« im Salon zu Twelve 0aks mitten im Glanz von vielen hundert Kerzen, umdrängt von der gleichen Menschenmenge wie am Abend vorher, und sah Melanie Hamiltons schlichtes Gesichtchen zu Schönheit erglühen, als sie Melanie Wilkes wurde. Nun war Ashley auf immer dahin. Ihr Ashley. Nein, jetzt nicht mehr der ihre. War er es jemals gewesen? Alles ging so durcheinander in ihrem Sinn, ihr Kopf war so müde, so verworren. Er hatte gesagt, daß er sie liebte. Was hatte sie denn eigentlich getrennt? Wenn sie sich nur darauf besinnen könnte! Sie hatte die Klatschmäuler der Provinz durch ihre Hochzeit mit Charles zum Schweigen gebracht, aber was lag daran? Es war ihr damals so wichtig vorgekommen, jetzt war es so völlig gleichgültig. Das einzige, worauf es ankam, war Ashley. Nun war er fort und sie an einen Mann verheiratet, den sie nicht liebte, den sie sogar verachtete.
Amschlimmsten ward die Erkenntnis, daß sie allein an allem schuld war. Ellen hatte versucht, sie zurückzuhalten, aber sie hatte nicht hören wollen.
So vertanzte sie die Nacht von Ashleys Hochzeit wie betäubt, sprach mechanisch allerlei, lächelte und verwunderte sich über die Dummheit der Menschen, die sie für eine glückliche Braut hielten und nicht sahen, daß ihr das Herz gebrochen war. Nun, Gott sei Dank, daß sie es nicht sehen konnten.
Als Mammy ihr dann beim Ausziehen geholfen hatte und hinausgegangen war, als Charles schüchtern in der Tür des Ankleidezimmers auftauchte, unsicher, ob er auch die zweite Nacht in dem Roßhaarstuhl zubringen mußte, brach sie in Tränen aus. Sie weinte, bis Charles zu ihr ins Bett stieg und sie zu trösten suchte, weinte wortlos, bis ihr keine Tränen mehr kamen, weinte sich schließlich an seiner Schulter in den Schlaf.
Wäre nicht Krieg gewesen, so wäre jetzt eine Woche gefolgt mit Besuchen in der ganzen Provinz, mit Bällen und Gartenfesten zu Ehren der beiden Jungverheirateten Paare, ehe diese nach Saratoga oder nach White Sulphur auf die Hochzeitsreise gingen. Wäre nicht Krieg gewesen, so hätte Scarlett die verschiedenen Kleider für den »dritten«, »vierten« und »fünften Tag« bei Fontaines, Calverts und Tarletons auf den Gesellschaften, die ihr zu Ehren dort gegeben wurden, anziehen können. Jetzt aber gab es weder Gesellschaften noch Flitterwochen. Acht Tage nach der Hochzeit reiste Charles ab, um sich dem 0berst Wade Hampton zu stellen, und vierzehn Tage später marschierte Ashley mit der »Truppe« ab, und die ganze Provinz war vereinsamt.
In diesen vierzehn Tagen sah Scarlett Ashley niemals allein und wechselte kein Wort unter vier Augen mit ihm, nicht einmal in dem schrecklichen Augenblick des Abschieds, als er auf dem Wege zur Bahn in Tara vorsprach. Melanie mit Haube und Schal hing, erfüllt von ihrer neuerworbenen Frauenwürde, an seinem Arm, und die ganze Einwohnerschaft von Tara, Schwarze wie Weiße, kamen heraus, um Abschied zu nehmen von Ashley, der jetzt in den Krieg zog.
Melanie sagte: »Du mußt Scarlett einen Kuß geben, sie ist jetzt meine Schwester.« Und Ashley beugte sein von Qual gespanntes Gesicht herab und berührte mit kalten Lippen ihre Wangen. Scarlett hatte kaum Freude an dem Kuß, so verdroß es sie, daß Melly ihn dazu auffordern durfte. Melanie selbst erstickte sie fast in ihrer Abschiedsumarmung.
»Du besuchst mich doch in Atlanta bei Tante Pittypat, nicht wahr? Ach, Liebes, wir hätten dich so gern bei uns, wir möchten doch Charles' Frau besser kennenlernen!«
Fünf Wochen verstrichen, in denen Briefe von Charles aus Südcarolina ankamen, scheue, überschwengliche, zärtliche Briefe, in denen er von seine r Liebe, von seinen Zukunftsplänen für die Zeit nach dem Kriege schrieb, von seiner Sehnsucht, um Scarletts willen ein Held zu werden, und von seiner Verehrung für seinen 0berst Wade Hampton. In der siebenten Woche kam ein Telegramm von 0berst Hampton persönlich, und dann ein gütiger, würdiger Kondolenzbrief. Charles war tot. Der 0berst hätte eher telegraphieren wollen, aber Charles hatte seine Krankheit leichter genommen und wollte seine Familie nicht beunruhigen. Der unselige Junge war nicht nur um die Liebe betrogen worden, die er sich erobert zu haben meinte, sondern auch um seine hochfliegenden Hoffnungen auf Ruhm und Ehre in der Schlacht. Er starb einen schmählichen, raschen Tod an einer Lungenentzündung infolge von Masern, ohne näher an die Yankees herangekommen zu sein als bis in das Feldlager in Südcarolina.
Nach der gehörigen Zeit wurde Charles' Sohn geboren und Wade Hampton Hamilton genannt, weil es gerade Mode war, einen Jungen nach dem Vorgesetzten seines Vaters zu nennen. Scarlett hatte vor Ver zweiflung geweint, als sie merkte, daß sie schwanger war, und zu sterben gewünscht Aber sie trug das Kind ohne alle Beschwerden aus, brachte es leicht zur Welt und erholte sich so rasch, daß Mammy ihr insgeheim sagte, es sei einfach unvornehm - Damen müßten dabei mehr leiden. Sie empfand wenig Zärtlichkeit für das Kind, wenn sie auch diese Tatsache verbarg. Sie hatte es nicht haben wollen und sein Erscheinen übelgenommen. Und nun, da es da war, kam es ihr unmöglich vor, daß es von ihr geboren, daß es ein Teil ihrer selbst sein sollte.
0bwohl sie sich körperlich von Wades Geburt in wiederum unvornehm kurzer Zeit erholte, war ihr Gemüt trotz der Bemühungen der ganzen Plantage, sie aufzumuntern, wie betäubt. Ellen ging mit faltiger, sorgenvoller Stirn umher, Gerald fluchte noch häufiger als sonst und brachte ihr aus Jonesboro Geschenke mit, die nichts fruchteten, so daß der alte Dr. Fontaine zugab, daß er nicht mehr recht ein noch aus wisse, nachdem sein Stärkungsmittel aus Schwefel, Zuckersirup und Kräutern versagt hatte. Er teilte Ellen unter vier Augen mit, die Ursache für Scarletts abwechselnd reizbare und schwermütige Stimmung sei in gebrochenem Herzen zu suchen. Hätte Scarlett sich äußern wollen, sie hätte ihnen sagen können, daß ihr Leiden ganz anderer und viel komplizierterer Natur sei. Sie verschwieg ihnen, daß eine maßlose Langeweile, Fassungslosigkeit gegenüber der Tatsache, daß sie wirklich Mutter war, und vor allem Ashleys Abwesenheit ihr dies schmerzliche Aussehen gaben.
Ihre Langeweile war schmerzhaft und verfolgte sie auf Schritt und Tritt. Seitdem die »Truppe« im Feld stand, hatten alle Vergnügungen, alles gesellige Leben der Provinz aufgehen. Alle unterhaltenden jungen Männer waren fort - die vier Tarletons, die beiden Calverts, die Fontaines, die Munroes und alles aus Jonesboro, Fayetteville und Lovejoy, was jung und nett war. Nur die älteren Männer, die Krüppel und die Frauen waren zurückgeblieben und brachten die Zeit mit Stricken und Nähen zu, mit dem Anbau von immer mehr Baumwolle und Getreide, mit der Aufzucht von immer mehr Schweinen, Schafen und Kühen für das Heer. Einen richtigen Mann bekam man nie zu Gesicht, außer Suellens etwas angejahrten Verehrer Kennedy, den Leiter der Intendantur, der allmonatlich kam, u m die erforderlichen Bestände zu requirieren. Die Herren dieser Behörde waren wenig aufregend, und der Anblick von Franks schüchternem Liebeswerben ging Scarlett so auf die Nerven, daß sie Mühe hatte, höflich zu bleiben. Wenn er und Suellen es doch endlich einmal überstanden hätten!
Aber selbst wenn die Herren der Intendantur amüsanter gewesen wären, es hätte Scarlett doch nicht geholfen. Sie war Witwe, und ihr Herz lag im Grabe. So nahm wenigstens jeder an und erwartete von ihr, daß sie sich demgemäß betrage. Das reizte sie unbeschreiblich, denn sosehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich keines Zuges an Charles entsinnen außer seines Blickes zu ihrem Jawort, der dem eines verendenden Kalbes glich. Und sogar dieses Bild verblaßte. Aber sie war Witwe und mußte ihre Haltung wahren. Die Vergnügungen der jungen Mädchen waren nicht mehr für sie da. Sie mußte die Trauernde, Unnahbare spielen. Ellen hatte ihr das ernst vorgehalten, nachdem sie Franks Leutnant dabei ertappt hatte, wie er für Scarlett die Gartenschaukel stieß, bis sie vor Lachen schrie. Tiefbekümmert hatte Ellen ihr gesagt, wie leicht eine Witwe ins Gerede komme. Ihr Betragen müsse doppelt so vorsichtig sein wie das einer verheirateten Frau.
Scarlett hörte folgsam auf die sanfte Stimme ihrer Mutter und dachte bei sich: »Gott allein weiß, daß schon eine Frau überhaupt keine Freude mehr hat. Witwen aber täten besser daran, sich begraben zu lassen.«
Als Witwe mußte man scheußliche schwarze Kleider tragen, keine bunten Farben durften sie beleben, keine Blumen, kein Band, keine Spitzen, nicht einmal Schmuck, nur dunkle 0nyxbroschen und Halsketten aus dem Haar des Verstorbenen. Der schwarze Kreppschleier ihrer Haube mußte bis zu den Knien hinabreichen und durfte erst nach dreijähriger Witwensc haft bis auf Schulterhöhe gekürzt werden. Eine Witwe durfte niemals lebhaft plaudern, nie laut lachen. Selbst lächeln durfte sie nur mit gramvoller Miene. Aber das schlimmste war: sie durfte sich auf keine Weise anmerken lassen, daß sie an männlicher Gesellschaft Vergnügen fände. Sollte je ein Mann so unerzogen sein, kundzutun, daß er sie leiden mochte, so mußte sie ihm mit einer würdigen Anspielung auf ihren verstorbenen Mann eine gründliche Abfuhr erteilen. Ja, gewiß, dachte Scarlett müde, es kommt wohl vor, daß eine Witwe später einmal wieder heiratet, wenn sie alt und runzelig geworden ist Aber der Himmel mag wissen, wie sie das unter den Späheraugen ihrer Nachbarn fertigbringt; meistens ist es dann auch ein alter, grämlicher Witwer mit einer großen Plantage und einem Dutzend Kinder.
Ja, für eine Witwe war es für immer mit dem Leben vorbei. Die Leute waren zu dumm, wenn sie ihr immer wieder vorredeten, was für ein Trost der kleine Wade Hamilton ihr nun sein müsse, da Charles von ihr gegangen sei. Zu dumm, wenn sie meinten, sie hätte jetzt etwas, wofür sie leben könnte! Alle redeten davon, wie süß dieses Vermächtnis der Liebe sei, und sie ließ sie bei ihrem Glauben. Ihr aber lag dieser Gedanke am allerfernsten. Wade bedeutet ihr wenig; manchmal fiel es ihr schwer, sich daran zu erinnern, daß er wirklich ihr eigen sei.
Jeden Morgen, wenn sie aufwachte, war sie im Halbschlummer auf einen Augenblick wieder Scarlett 0'Hara. Die Sonne lag hell auf der Magnolie vor ihrem Fenster, die Spottdrosseln sangen, der gute Duft von bratendem Speck stieg ihr sacht in die Nase. Sie war wieder sorglos und jung. Dann hörte sie das hungrige Jammergeschrei, und jedesmal - aber auch jedesmal kam dann ein erschrockener Augenblick, da sie dachte: »Was, ist denn ein Baby im Haus?« Dann fiel ihr ein, daß es ihr eigenes war. Es war sehr schwer, sich darein zu finden.
Und Ashley! Ach, vor allem Ashley! Zum erstenmal in ihrem Leben haßte sie Tara, haßte sie die lange rote Landstraße, die den Hügel hinab bis an den Fluß führte, haßte sie die roten Felder mit der sprießenden grünen Baumwolle. Jeder Fußbreit Erde, jeder Baum, jeder Bach, jeder Feldweg erinnerte an ihn. Er gehörte einer anderen Frau an und war im Krieg, aber sein Gesicht ging in der Dämmerung auf den Wegen um, lächelte ihr aus verträumten grauen Augen im Schatten der Veranda zu. Nie hörte sie Hufschlag die Straße über den Fluß aus Twelve 0aks heraufkommen, ohne einen wonnevollen Augenblick lang zu denken: Ashley!
Jetzt haßte sie auch Twelve 0aks und hatte es doch einst so geliebt. Sie haßte es, und trotzdem zog es sie hin. Dort konnte sie John Wilkes und die Mädchen von ihm erzählen hören - konnte zuhören, wenn sie seine Briefe aus Virginia vorlasen. Sie taten ihr weh, aber sie mußte sie hören.
Indias Steifheit und Honeys dummes Geschwätz waren ihr schrecklich, und sie wußte, die Mädchen mochten sie auch nicht, aber wegbleiben konnte sie nicht. Und jedesmal, wenn sie aus Twelve 0aks heimkam, legte sie sich vergrämt auf ihr Bett und wollte zum Abendessen nicht aufstehen. Daß sie die Nahrung verweigerte, beunruhigte Ellen und Mammy mehr als alles andere. Mammy brachte ihr die verlockendsten Gerichte und legte ihr nahe, daß sie jetzt als Witwe soviel essen dürfe, wie sie wolle. Aber Scarlett hatte keinen Appetit. Als Dr. Fontaine in ernstem Ton Ellen mitteilte, ein gebrochenes Herz führe oftmals raschen Verfall herbei und es gebe Frauen, die sich ins Grab härmten, erbleichte sie, denn davor hatte sie im tiefsten Herzen gebangt.
»Eine Luftveränderung wäre das allerbeste für sie«, sagte der Arzt, dem viel daran lag, die unbequeme Patientin loszuwerden.
Scarlett machte sich also ohne Lust und Liebe mit ihrem Kinde auf und besuchte die 0'Haraschen und Robillardschen Verwandten in Savannah und dann Ellens Schwestern Pauline und Eulalia in Charleston. Aber sie kehrte einen Monat früher als beabsichtigt zurück und gab für ihre vorzeitige Rückkunft keinerlei Erklärung. In Savannah war sie freundlich aufgenommen worden; aber James und Andrew und ihre Frauen waren alt und wollten ihre Ruhe haben und von einer Vergangenheit reden, die Scarlett nicht interessierte. Ebenso war es bei Robillards, und Charleston fand sie einfach schrecklich.
Tante Pauline und ihr Mann, ein kleiner Greis von formvollendeter spröder Höflichkeit mit dem abwesenden Ausdruck derer, die in einem vergangenen Zeitalter leben, wohnten am Fluß auf einer Plantage, die noch viel einsamer lag als Tara. Der nächste Nachbar wohnte zwanzig Meilen entfernt und war nur auf düsteren Wegen durch stille Dickichte von Sumpfzypressen und Eichen zu erreichen. Die Eichen mit ihren wehenden grauen Moosschleiern erfüllten Scarlett mit Schauder und erinnerten sie an Geralds irische Gespenstergeschichten, in denen Geister in flimmernden grauen Nebeln umgingen. Zudem mußte sie dort den ganzen Tag stricken und abends 0nkel Carey zuhören, wenn er aus den belehrenden Werken Bulwer-Lyttons vorlas.
Eulalia, die in einem großen Hause auf der Schanze in Charleston hinter den hohen Mauern ihres Gartens zurückgezogen lebte, war auch nicht unterhaltend. Scarlett war den weiten Blick über wogende Felder gewohnt und fühlte sich nun wie in einem Gefängnis. Das gesellige Leben war hier lebhafter als bei Tante Pauline, aber die Gäste waren Scarlett zuwider durch die Art, wie sie sich selbst, ihre Traditionen und ihre Familien wichtig nahmen. Sie wußte sehr gut, daß man sie hier als den Sprößling einer Mesalliance ansah und es unbegreiflich fand, daß eine Robillard je einen eben eingewanderten Iren hatte heiraten können. Sie spürte, daß Tante Eulalia hinter ihrem Rücken für ihr Dasein um Entschuldigung bat. Das erregte ihren Zorn, denn sie gab nicht mehr auf Familie als ihr Vater. Sie war stolz auf Gerald und auf alles, was er ohne fremde Unterstützung nur mit Hilfe seines gescheiten irischen Kopfes geleistet hatte.
Und wie die Leute in Charleston mit Fort Sumter prahlten! Gott im Himmel, wenn die einen nicht den ersten Schuß in diesem Kriege abgefeuert hätten, so hätten es eben die anderen getan. Scarlett war die scharf akzentuierenden Stimmen 0bergeorgias gewöhnt, die gedehnten, klingenden Laute des Unterlandes kamen ihr geziert vor. Ihr war, als müßte sie schreien, wenn sie noch einmal »Paame« statt Palme, »Hoas«, statt Haus und »Maa« und »Paa« statt Ma und Pa hören mußte. Es fiel ihr so auf die Nerven, daß sie zum Entsetzen ihrer Tante während eines formellen Besuchs den irischen Dialekt Geralds nachahmte. Schließlich kehrte sie nach Tara zurück. Besser noch, sich von Erinnerungen an Ashley quälen zu lassen als von der Charlestoner Aussprache!
Ellen war Tag und Nacht geschäftig, die Ertragsfähigkeit Taras zu verdoppeln, um den Konföderierten nach besten Kräften helfen zu können.
Sie erschrak aus tiefster Seele, als ihre älteste Tochter mager, bleich und mit scharfer Zunge aus Charleston zurückkehrte. Sie wußte selbst, was ein gebrochenes Herz bedeutete, und lag Nacht für Nacht neben dem schnarchenden Gatten wach und grübelte, wie man wohl Scarletts Seelennot lindern könnte.
Charles' Tante, Miß Pittypat Hamilton, hatte ihr mehrmals geschrieben und dringend gebeten, ihr Scarlett für einen langen Besuch nach Atlanta zu schicken. Zumerstenmal zog Ellen den Vorschlag ernstlich in Erwägung.
Sie wohnte mit Melanie allein in dem großen Haus »ohne männlichen Schutz«, schrieb Miß Pittypat, »seitdem unser lieber Charles nicht mehr ist. Natürlich habe ich noch meinen Bruder Henry, aber er hat sein Heim nicht bei uns. Vielleicht hat Scarlett Ihnen von Henry erzählt. Mein Zartgefühl verbietet mir, mehr von ihm dem Papier anzuvertrauen. Wir beide, Melly und ich, würden uns viel behaglicher und sicherer fühlen, wenn Scarlett bei uns wäre. Drei einsame Frauen sind besser als zwei. Und vielleicht findet auch die liebe Scarlett wie Melly einigen Trost darin, unsere braven Jungens im hiesigen Lazarett zu pflegen. - Und natürlich haben Melly und ich große Sehnsucht, den süßen Kleinen zu sehen.«
So wurden Scarletts Trauerkleider denn von neuem in den Koffer gepackt, und sie machte sich mit Wade Hampton und seinem Kindermädchen Prissy auf den Weg, den Kopf voller Ermahnungen von Ellen und von Mammy und in der Tasche hundert Dollar in Banknoten der Konföderierten, die Gerald ihr mitgab. Sie hatte keine Lust, nach Atlanta zu gehen. Tante Pitty war nach ihrer Meinung die albernste alte Dame, die sie sich vorstellen konnte, und der bloße Gedanke, mit Ashleys Frau unter einem Dach zu wohnen, war ihr schrecklich. Aber die Heimat mit ihren Erinnerungen war ganz unerträglich geworden, und jede Veränderung war ihr willkommen.
ZWEITES BUCH
Als an einem Maimorgen des Jahres 1862 die Eisenbahn Scarlett nordwärts trug, meinte sie, Atlanta könne unmöglich so langweilig sein wie Charleston und Savannah, und trotz ihrer Abneigung gegen Miß Pitty und Melanie war sie doch ein wenig neugierig, zu sehen, wie es der Stadt seit ihrem letzten Besuch im Winter vor Beginn des Krieges ergangen war. Atlanta hatte sie immer mehr interessiert als jede andere Stadt, weil Gerald ihr einmal erzählt hatte, sie und Atlanta seien gleichaltrig. Später kam sie allerdings dahinter, daß Gerald es mit der Wahrheit nicht so genau genommen hatte. Atlanta war immerhin neun Jahre älter als sie, aber es gehörte doch ihrer eigenen Generation an. Es war rauh wie die Jugend und ungestüm und eigensinnig wie Scarlett selbst. Geralds Behauptung beruhte darauf, daß Atlanta und sie in demselben Jahre getauft worden waren. Die Stadt hatte zuerst Terminus und dann Marthasville geheißen, und erst in dem Jahre, da Scarlett geboren wurde, war Atlanta daraus geworden. Als Gerald auf seinen neuen Besitz nach Nordgeorgia hinaufzog, hatte es an dieser öden und leeren Stätte noch nicht einmal ein Dorf gegeben. Dann hatte der Staat den Bau einer Eisenbahn nordwärts durch die von den Cherokesen kürzlich abgetretenen Territorien genehmigt. Endpunkt und Richtung der geplanten Eisenbahn waren klar und deutlich, Tennessee und der Westen, aber ihr Ausgangspunkt in Georgia lag noch im dunkeln, bis ein Jahr später ein Ingenieur einen Pfahl in den roten Lehm rammte und damit den südlichen Endpunkt der Linie bezeichnete. Das war der Anfang von Atlanta, geborener Terminus.
Damals gab es noch keine Schienenstränge in Nordgeorgia und auch anderswo nur sehr wenige. Aber in den Jahren vor Geralds Heirat wuchs die winzige Niederlassung fünfundzwanzig Meilen von Tara allmählich zu einem Dorf heran, und die Schienen rückten langsam nach Norden vor. Die Zeit des Eisenbahnbaues begann. Von der alten Stadt Augusta ging westwärts durch den Staat eine zweite Strecke, die die Verbindung mit der neuen Linie nach Tennessee herstellen sollte. Von der alten Stadt Savannah aus wurde eine dritte Linie zuerst bis Macon im Herzen Georgias und dann nordwärts durch Geralds eigene Provinz bis Atlanta geführt, wo sie mit den andren beiden Strecken zusammentraf und dadurch dem Hafen Savannah eine Verbindung mit dem Westen verschaffte. Schließlich wurde von demselben Knotenpunkt Atlanta aus noch eine vierte Strecke südwärts nach Montgomeryund Mobile gebaut.
Mit den Eisenbahnen geboren, wuchs Atlanta auch mit ihnen. Nach Fertigstellung der vier Linien war es nun verbunden mit dem Westen, de m Süden, mit der Küste und über Augusta mit dem Norden und dem 0sten. Es war der Kreuzungspunkt für Reisen nach allen vier Himmelsrichtungen geworden, mit einem Satz stand das kleine Dorf mitten im großen Leben.
In einem Zeitraum, der wenig länger war als Scarletts siebzehn Jahre, war Atlanta aus einem einzigen in den Erdboden geschlagenen Pfahl zu einer blühenden Kleinstadt von zehntausend Einwohnern aufgewachsen, auf die der ganze Staat sein Augenmerk richtete. Die älteren, stilleren Städte blickten auf den geschäftigen Neuling mit den Gefühlen einer Henne, die ein Entlein ausgebrütet hat. Die Einwohner der jungen Stadt waren rastlose, unternehmungslustige, energische Leute, die ihre Ellbogen gebrauchten. Sie kamen von allen Seiten mit Begeisterung herbei. Sie bauten ihre Lagerhäuser an den fünf morastigen Straßen, die sich in der Nähe des Bahnhofs kreuzten. Ihre Villen aber bauten sie in der Whitehallund Washingtonstraße und an dem hohen Hügelrücken, wo unzählige Indianergenerationen mit ihren Mokassins einen Weg getreten hatten, der sich Pfirsichpfad nannte. Sie waren stolz auf die Stadt, stolz auf ihr rasches Wachstum und stolz auf sich selbst. Atlanta kümmerte sich nicht um den Neid der anderen Städte. Aus denselben Gründen, die es in Savannah, Augusta und Macon unbeliebt machten, hatte Scarlett von jeher Atlanta gern gehabt. Es war wie sie selbst, ein Gemisch aus dem alten und dem neuen Georgia, darin sich das alte oft als das weniger Gute erwies. Dazu kam die aufregend persönliche Note, die für sie die Stadt haben mußte, die in demselben Jahre wie sie getauft worden war.




