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»Hast du gehört, was wir mit Miß Scarlett sprachen?«
»Nein, nicht, Master Brent! Wie ich dazu kommen, bei Herrschaften spio nieren!«
»Mein Gott, spionieren! Ihr Schwarzen wißt doch über alles Bescheid, was vorgeht. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, du Schuft, wie du dich um die Ecke geschlängelt und an der Mauer im Jasmingebüsch gesessen hast. Nun also, hast du irgend etwas gehört, was Miß Scarlett hätte wütend machen können?«
Als Jeems sich überführt sah, leugnete er nicht mehr und runzelte seine schwarze Stirn.
»Nein, ich gewiß nichts gehört, was sie wütend machen. Mir kam vor, sie freute sich, Masters zu sehen, und hatte Sie vermißt und zwitscherte lustig wie ein Vögelchen immer und immer, bis wo Masters auf Mr. Ashley und Miß Melly Hamilton kamen und daß sie sich heiraten wollten. Da sein Miß Scarlett auf einmal still wie Vogel, wenn oben der Habicht fliegt.«
Die Zwillinge sahen einander an und nickten, begriffen aber nichts.
»Jeems hat recht, aber das verstehe ich nicht«, sagte Stuart. »Mein Gott, Ashley ist ihr doch nicht mehr als ein Freund, in ihn verliebt ist sie nicht. Verliebt ist sie in uns.«
Brent nickte eifrig zust immend.
»Aber vielleicht«, sagte er, »hat Ashley ihr nichts davon erzählt, und nun ist sie wütend, weil sie es nicht eher erfahren sollte als die anderen Leute. Mädchen nehmen es immer krumm, wenn sie etwas nicht zuerst erfahren.«
»Mag sein, aber was ist denn dabei, es sollte doch eine Überraschung sein, und man hat doch wohl das Recht, seine eigene Verlobung geheimzuhalten.«
»Hätte Mellys Tante nicht geschwatzt, so wüßten wir auch nichts davon. Scarlett muß doch gewußt haben, daß er Miß Melly einmal heiraten will, das wissen wir ja seit Jahren. Wilkes und Hamiltons heiraten immer ihre eigenen Cousinen.«
»Ach was, ich gebe es auf, aber schade, daß sie uns nicht eingeladen hat. Ich sage dir, ich habe keine Lust, nach Hause zu gehen und Ma toben zu hören. Ja, wenn es die erste Ausweisung gewesen wäre!«
»Vielleicht hat Boyd sie inzwischen beruhigt Du weißt, wie geschickt der Kleine reden kann. Er beschwichtigt sie jedesmal.«
»Kann sein, aber es braucht Zeit, er muß im großen Bogen drum herumreden, bis es bei Ma so durcheinandergeht, daß sie es aufgibt und ihm sagt, er solle seine Stimme für die Anwaltspraxis schonen. Ich wette, Ma ist noch so aufgeregt über den Hengst, daß sie noch nicht einmal gemerkt hat, daß wir wieder da sind, bis sie sich heute abend zu Tisch setzt und Boyd sieht. Dann legt sie sich ins Zeug und speit Feuer. Dann wird es zehn, bis Boyd Gelegenheit hat, zu sagen, es wäre für uns unehrenhaft gewesen, zu bleiben, nachdem der Rektor so mit uns geredet hat. Und dann wird es Mitternacht, bis er sie herumkriegt und sie so wütend über den Rektor wird, daß sie Boyd fragt, warum er ihn nicht niedergeschossen hat. Nein, vor Mitternacht können wir nicht nach Hause.«
Die Zwillinge sahen einander trübselig an. Sie hatten nicht die geringste Angst vor wilden Pferden, Schießereien und dem Zorn ihrer Nachbarn, aber sie hatten einen heillosen Respekt vor ihrer Mutter und der Reitpeitsche, die sie ihnen über die Hosen zu ziehen pflegte.
»Höre«, sagte Brent, »laß uns hinüber zu Wilkes, die freuen sich, wenn wir bei ihnen essen.«
Stuart war mit diesem Vorschlag nicht recht zufrieden. »Nein, lieber nicht, da steht schon alles auf dem Kopf wegen des Festes morgen, und außerdem ...«
»Ach, das habe ich ganz vergessen. Nein, da gehen wir lieber nicht hin.«
Sie schnalzten ihren Pferden und ritten schweigend weiter. Stuarts gebräunte Wangen waren vor Verlegenheit rot geworden. Bis zum vorigen
Sommer hatte er India Wilkes mit Billigung beider Familien und der ganzen
Nachbarschaft den Hof gemacht. Vielleicht hatte man in der Provinz die Hoffnung, die kühle Art India Wilkes könnte einen beruhigenden Einfluß auf ihn haben. Stuart hätte die Verbindung wohl eingehen können, aber Brent war nicht einverstanden gewesen. Er mochte India wohl, aber er fand sie reizlos und konnte sich einfach nicht in sie verlieben, nur um Stuart Gesellschaft zu leisten. Die Wege der Zwillinge gingen da zum erstenmal auseinander, und Brent verübelte es seinem Bruder, daß er einem Mädchen den Hof machte, an dem er selbst nicht den geringsten Gefallen fa nd.
Dann hatten sie beide vorigen Sommer in Jonesboro bei einer Versammlung im Freien plötzlich Scarlett 0'Hara gesehen. Sie kannten sie seit Jahren, und in ihrer Kinderzeit war sie ihre beste Spielgefährtin gewesen, denn sie konnte fast ebenso gut wie die beiden reiten und klettern. Nun war sie zu ihrer Verwunderung eine erwachsene junge Dame und obendrein die entzückendste auf der ganzen Welt geworden. Zum erstenmal wurden sie gewahr, wie es in ihren grünen Augen schillerte, wie tief ihre Grübchen waren, wenn sie lachte, was für zierliche Hände und Füße und was für eine schlanke Taille sie hatte. Bei den klugen Bemerkungen der Zwillinge lachte sie fröhlich auf, und beseelt von dem Gedanken, in Scarletts Augen ein ansehnliches Paar vorzustellen, übertrafen die beiden sich selbst. Es war ein denkwürdiger Tag im Leben der Zwillinge. Wenn sie sich später darüber unterhielten, so wunderten sie sich stets, daß ihnen Scarletts Zauber bis dahin entgangen war. Die richtige Antwort darauf fanden sie nie. Die hätte gelautet, daß Scarlett gerade an jenem Tag beschlossen hatte, die beiden auf sich aufmerksam zu machen. Ihrem Temperament war es unerträglich, irgendeinen Mann in irgendeine andere Frau als sich selbst verliebt zu sehen, und der Anblick von India Wilkes und Stuart bei der Versammlung war für ihren Raubtiersinn zuviel gewesen. An Stuart allein hatte sie nicht genug, sie hatte es zugleich auf Brent abgesehen, und zwar so gründlich, daß alle beide überwältigt wurden.
Nun waren sie beide in sie verliebt, und India Wilkes und Letty Munroe aus Lovejoy, der Brent halben Herzens den Hof gemacht hatte, waren bei ihnen gänzlich in den Hintergrund getreten. Was der tun sollte, der Scarlett einmal nicht bekam, falls sie einen von ihnen erhörte, danach fragten sie nicht weiter. Das Hindernis wurde genommen, wenn es soweit war. Für den Augenblick waren sie völlig zufrieden, wieder eines Sinnes über ein Mädchen zu sein; Eifersucht gab es zwischen ihnen nicht. Die Nachbarn hatten ihren Spaß daran, und die Mutter ärgerte sich, denn sie hatte nichts für Scarlett übrig.
»Wenn die schlaue kleine Person einen von euch nimmt, geschieht es euch ganz recht«, sagte sie. »Am Ende nimmt sie euch alle beide, und dann
müßt ihr nach Utah ziehen, falls die Mormonen euch haben wollen - was
ich mir nicht recht denken kann ... Meine einzige Sorge ist, daß ihr euch
beide nächstens einmal betrinkt und wegen dieses kleinen
doppelgesichtigen grünäugigen Frauenzimmers eifersüchtig aufeinander werdet, und dann schießt ihr einander tot. Übrigens gar kein schlechter Gedanke.«
Seit jener Versammlung hatte Stuart sich in Indias Gegenwart unbehaglich gefühlt. Nicht, daß India ihm Vorwürfe gemacht oder ihn auch nur durch eine Bewegung hätte fühlen lassen, daß sie sein jähes Abschwenken bemerkt hatte. Dazu war sie zu sehr Dame. Aber Stuart fühlte sich schuldig und befangen vor ihr. India liebte ihn, und das war seine Schuld. Sie liebte ihn immer noch. Er wußte es und hatte tief im Innern das Gefühl, sich nicht ganz als Gentleman benommen zu haben. Er mochte s ie noch immer gern und hatte große Hochachtung vor ihrer kühlen Wohlerzogenheit, ihrer Liebe zu Büchern, ihrer Bildung und all den gediegenen Eigenschaften, die sie sonst noch besaß. Aber sie war nun einmal so verdammt farblos und uninteressant und ewig sich selber gleich neben Scarletts glänzenden, stets wechselnden Reizen. Man wußte immer, wie man mit India daran war, und bei Scarlett hatte man nie die leiseste Ahnung davon. Das reichte wohl hin, einem den Kopf zu verdrehen.
»Gut, gehen wir also zu Cade Calvert zum Abendessen. Scarlett sagte, Cathleen sei aus Charleston zurück. Vielleicht wissen sie etwas Neues über Fort Sumter, was wir noch nicht gehört haben.«
»Cathleen? Nein. Ich wette zehn gegen eins, sie weiß nicht einmal, daß das Fort da draußen im Hafen liegt, und noch viel weniger, daß es voll von Yankees steckte, bis wir sie hinausgeschossen haben. Sie weiß nur von den Bällen, auf denen sie war, und von den Verehrern, die sie um sich versammelt hat, sonst nichts.«
»Es macht aber doch Spaß, sie reden zu hören, und es wäre doch ein Unterschlupf, bis Ma im Bett ist.«
»Teufel, ja! Ich mag Cathleen wohl leiden, sie ist zum Lachen, und ich höre gern etwas über Caro Rhett und die übrige Charlestoner Gesellschaft. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich noch eine Mahlzeit mit ihrer Yankee-Stiefmutter überstehe.«
»Du mußt nicht ungerecht sein, Stuart, sie meint es gut.«
»Ich bin gar nicht ungerecht, sie tut mir leid, aber Leute, die mir leid tun, kann ich nicht leiden. Und sie macht immer so viel Umstände und sucht das Richtige zu finden, damit man sich gemütlich fühlt, und bringt es fertig, immer genau das Verkehrte zu sagen und zu tun. Sie macht mich verrückt Und sie hält uns aus den Südstaaten für wilde Barbaren. Das hat sie sogar
Ma gesagt, sie hat Angst vor uns. Jedesmal, wenn wir da sind, sieht sie aus,
als habe sie eine Todesangst. Sie sitzt auf ihrem Stuhl wie eine gemauserte Henne und hat leere bange Augen, als wollte sie, sobald nur jemand ihr nahe kommt, anfangen zu gackern und mit den Flügeln zu schlagen.«
»Eigentlich dürftest du nichts gegen sie sagen. Du hast Cade ins Bein geschossen.«
»Ich war betrunken, sonst hätte ich es nicht getan«, sagte Stuart, »und Cade hat es mir nicht nachgetragen, auch Cathleen, Raiford und Mr. Calvert nicht, nur diese Yankee-Stiefmutter zeterte, ich sei ein wilder Barbar und anständige Leute wären in den Südstaaten ihres Lebens nicht sicher.«
»Trotzdem kannst du nichts gegen sie sagen, denn schließlich hast du Cade doch angeschossen, und er ist ihr Stiefsohn.«
»Deswegen braucht sie mich doch nicht gleich zu beleidigen. Du bist Ma's Fleisch und Blut, aber hat sie etwa getobt, als Tony Fontaine dich ins Bein schoß? Nein, sie ließ einfach den alten Dr. Fontaine kommen, dich zu verbinden, und fragte ihn, seit wann denn Tony nicht mehr richtig zielen könne, der Schnaps werde ihm noch seine ganze Schützenkunst verderben. Weißt du noch, wie das Tony wild gemacht hat?«
Die beiden bogen sich vor Lachen.
»Ma ist ein ganzer Kerl«, sagte Brent anerkennend, »man kann immer darauf rechnen, daß sie das Richtige tut und einen nicht vor den Leuten blamiert.«
»Ja, aber es sähe ihr ähnlich, uns heute abend, wenn wir nach Hause kommen, vor Vater und den Mädchen gewaltig zu blamieren«, sagte Stuart düster. »Sieh mal, Brent, das wird wohl heißen, daß wir nicht nach Europa dürfen. Man hat doch gesagt, wenn wir noch einmal hinausgeworfen werden, dürfen wir unsere große Reise nicht machen.«
»Zum Teufel, was liegt uns schon daran, was gibt es denn Großes in Europa zu sehen? Die dort können uns nichts zeigen, was wir nicht ebensogut in Georgia haben. Ich wette, ihre Pferde sind nicht so schnell und ihre Mädchen nicht so hübsch, und ich weiß genau, daß ihr Whisky bei weitem nicht an Vaters heranreicht.«
»Ashley Wilkes sagt, es gäbe da eine Menge Landschaft und Musik. Der hat Europa gern und spricht immerfort davon.«
»Nun, du weißt ja, wie die Familie ist, sie sind alle so sonderbar mit Musik und Büchern und Landschaften. Ma sagt, das kommt, weil ihr Großvater aus Virginia ist. In Virginia sollen die Leute viel auf so etwas geben.«
»Das schenke ich ihnen. Gib mir ein gutes Pferd zum Reiten, einen guten
Schnaps zum Trinken, ein gutes Mädchen für die Liebe und ein böses fürs
Vergnügen, dann können die da ihr ganzes Europa behalten ... Und wenn wir nun jetzt in Europa wären und es gäbe Krieg, dann kämen wir nicht rechtzeitig nach Hause. Ich gehe tausendmal lieber in den Krieg als nach Europa!«
»Ich auch, lieber heute als morgen ... Hör mal, ich weiß, wohin wir zum Abendessen gehen, wir reiten zur Able Wynder und melden uns fertig zum Exerzieren zurück.«
»Das ist ein guter Gedanke. Dort hören wir alles Neue von der Truppe und erfahren endlich, zu welcher Farbe sie sich für die Uniformen entschlossen haben.«
»Wenn es die Zuavenuniform ist, so hol mich der Teufel, wenn ich noch Lust dazu habe. Ich komme mir in den weiten roten Hosen wie ein Waschlappen vor. Die sehen ja aus wie die Flanellhosen bei den Weibern.«
»Wollen denn Masters beide zu Master Wynder?« ließ sich jetzt Jeems vernehmen. »Da gibt nicht viel Abendbrot, Köchin ist tot und sie noch keine neue kaufen, und nun kochen eine Pflückerin, und die Schwarzen mir erzählen, das die schlechteste Köchin im ganzen Staat.«
»Du meine Güte, warum kaufen sie sich denn keine neue Köchin?«
»Wie sollen denn weißes Bettelpack sich Farbige kaufen? Die nie mehr als höchstens vier Stück haben.«
In Jeems' Stimme klang unverhohlene Verachtung. Seine eigene gesellschaftliche Stellung war gesichert, denn Tarletons besaßen hundert Farbige, und wie alle Sklaven der großen Plantagenbesitzer sah er auf die kleinen Farmer herab, die nur wenige Sklaven hielten.
»Ich ziehe dir das Fell über die 0hren!« Stuart war wütend. »Daß du mir Able Wynder nicht >weißes Pack< nennst! Gewiß ist er arm, aber durchaus kein Pack, und hol mich der Teufel, wenn ich erlaube, daß irgend jemand, weiß oder schwarz, wegwerfend von ihm spricht. Einen besseren Mann gibt es nicht in der Provinz. Warum hätte die Truppe ihn sonst zum Leutnant gewählt?«
»Das ich auch nie verstehen«, erwiderte Jeems, der sich durch den Anschnauzer seines Herrn nicht aus der Ruhe bringen ließ. »Ich immer denken, sie wählen alle 0ffiziere unter den reichen Masters und nicht aus demPack vom Unterland.«
»Ich sage dir, es ist kein Pack, willst du ihn etwa mit richtigem weißen Pack wie den Slatterys vergleichen? Able ist nun einmal nicht reich, aber wenn wir alle so viel von ihm halten, daß wir ihn zum Leutnant wählen, dann hat kein Schwarzer über ihn herzuziehen. Die Truppe weiß schon, was sie tut.«
Vor drei Monaten war die Kavallerietruppe aufgestellt worden, an demselben Tag, an dem sich Georgia von der Union lossagte, und von dem Augenblick an hatten die Rekruten nach Krieg geschrien. Einen Namen hatte das Kontingent noch nicht, obwohl an Vorschlägen kein Mangel war. Jeder hatte seine eigenen Gedanken und wollte sie durchaus nicht lassen, ebenso wie jeder bei Farbe und Schnitt der Uniform mitzureden haben wollte. »Die Wildkatzen von Clayton«, »Feuerfresser«, »Husaren von Nordgeorgia«, »Zuaven«, »Jäger aus dem Innern« (obwohl die Truppe mit Pistolen, Säbeln, Jagdmessern und nicht mit Flinten bewaffnet war), »Die Grauen von Clayton«, »Blut und Donner«, »Rauh und Rasch« - alles hatte seine Anhänger. Bis darüber Beschluß gefaßt war, hieß die 0rganisation überall »die Truppe«, und trotz dem hochtönenden Namen, der schließlich angenommen wurde, war sie bis zum Ende ihres Dienstes einfach als »die Truppe« bekannt.
Die 0ffiziere wurden aus den Reihen der Truppe gewählt, denn niemand aus der Provinz verfügte über militärische Erfahrungen, außer ein paar Veteranen aus dem Mexikanischen Krieg und den Kämpfen gegen die Seminolenindianer, und überdies hätte die Truppe einen Veteranen als Führer verachtet, wenn sie nicht Zuneigung und Vertrauen zu ihm gehabt hätte. Jeder mochte die vier Tarletons und die drei Fontaines gern, konnte sie aber nicht wählen, weil die Tarletons zu rasch benebelt waren und dann gern Unsinn machten und weil die Fontaines so mörderisch unbesonnen von Temperament waren. So wurde Ashley Wilkes zum Hauptmann gewählt; denn er war der beste Reiter in der Provinz, und man rechnete darauf, daß er mit seinem kühlen Kopf wenigstens einen Schein von 0rdnung zu halten imstande wäre. Raiford Calvert wurde zum 0berleutnant gemacht, weil er bei jedermann beliebt war, und Able Wynder, Sohn eines Trappers und selbst kleiner Farmer, wurde Unterleutnant.
Able war ein gescheiter, ernster Riese, ungebildet, gutherzig, aber älter als die anderen Burschen und in Gegenwart von Damen von reichlich so guten Manieren wie sie. Standesdünkel gab es kaum in der Truppe. Dafür waren zu viele ihrer Väter und Großväter aus der Klasse der kleinen Farmer zu Reichtum gekommen. Able war der beste Schütze der Truppe, ein richtiger Scharfschütze, der auf fünfundsiebzig Schritt einem Eichhörnchen das Auge ausschießen konnte, und obendrein wußte er über alles Bescheid, was zum Leben im Freien gehört, konnte im Regen ein Feuer anmachen, Wild aufspüren und Quellen finden. Die Truppe hatte Achtung vor echtem Wert, und weil man Able außerdem gern hatte, machte man ihn zum 0ffizier. Er trug die Auszeichnung mit Ernst, einfach, als ob sie ihm zukomme, und bildete sich nichts darauf ein, aber die Damen und die
Sklaven der Pflanzer konnten nicht wie ihre Männer und Herren über die
Tatsache hinwegkommen, daß er nicht als Herr geboren war.
Im Anfang waren nur Pflanzersöhne in der Truppe angemustert worden. Es war ein Herrenkontingent. Jeder hatte für sein eigenes Pferd, für Waffen, Ausrüstung, Uniform und Burschen aufzukommen. Aber in der noch jungen Provinz Clayton gab es nicht viele reiche Pflanzer, und um die Truppe vollzählig zu machen, war es notwendig geworden, unter den Söhnen der kleinen Farmer, der Jäger im Urwald, der Trapper in den Prärien und in ganz wenigen Fällen sogar der weißen Proletarier, soweit sie über dem Durchschnitt dieser Schicht standen, Rekruten auszuheben.
Diese jungen Leute brannten ebenso ungeduldig wie ihre reicheren Nachbarn darauf, im Kriegsfall mit den Yankees zu kämpfen; aber da war die heikle Frage des Geldes. Nur wenige kleine Farmer hatten eig ene Pferde. Sie taten die Feldarbeit mit Maultieren und hatten auch daran keinen Überfluß, selten mehr als vier. Die Maultiere waren unentbehrlich und konnten deshalb nicht zu Kriegszwecken benutzt werden, selbst wenn die Truppe bereit gewesen wäre, sich mit ihnen zu behelfen, wogegen sie sich aber energisch verwahrte. Die Proletarier hielten sich schon für wohlhabend, wenn sie ein einziges Maultier besaßen. Die Leute aus dem Urwald und von den Niederungen hatten weder Pferde noch Maultiere, sie lebten ausschließlich von den Erzeugnissen ihrer Ländereien und dem Wild aus den Steppen. Ihr Geschäft betrieben sie meist als Tauschhandel und bekamen höchstens einmal im Jahr fünf Dollar in bar zu sehen. Pferde und Uniformen waren für sie unerschwinglich. Aber sie waren ebenso unbändig stolz in ihrer Armut wie die Plantagenbesitzer in ihrem Reichtum und wollten nichts annehmen, was nach Wohltätigkeit ihrer reicheren Nachbarn aussah. Um also niemand vor den Kopf zu stoßen und dennoch die Truppe auf Kriegsstärke zu bringen, hatten Scarletts Vater, John Wilkes, Buck Munroe, Jim Tarleton, Hugh Calvert, überhaupt jeder große Plantagebesitzer aus der Provinz mit einziger Ausnahme von Angus Macintosh Geld dazu beigesteuert, die Truppe mit Mann und Roß vollständig auszurüsten. Schließlich kam es darauf hinaus, daß jeder Plantagenbesitzer sich bereit erklärte, die Ausrüstung seiner eigenen Söhne und einer gewissen Anzahl anderer junger Leute zu bezahlen, und es wurde alles so eingerichtet, daß die weniger wohlhabenden Leute im Kontingent Pferde und Uniformen annehmen konnten, ohne daß ihre Ehre darunter litt.
Zweimal wöchentlich kam die Truppe in Jonesboro zusammen, um gedrillt zu werden und um zu beten, daß der Krieg beginnen möge. Noch waren die Verhandlungen über die Aufbringung der vollen Anzahl Pferde nicht abgeschlossen; wer aber ein Pferd hatte, führte, was er für kavalleristische Künste hielt, auf dem Felde hinter dem Gerichtsgebäude vor, wirbelte eine große Menge Staub auf, schrie sich heiser und schwang
den Säbel der Revolution, den er in der väterlichen Halle von der Wand genommen hatte. Wer noch kein Pferd hatte, saß auf dem Kantstein vor Bullards Kaufhaus und sah den berittenen Kameraden zu, kaute Tabak und spann sein Garn. 0der man schoß um die Wette. Schießen b rauchte niemand erst zu lernen. In den Südstaaten wird fast jeder mit dem Gewehr in der Hand geboren, bringt sein Leben auf der Jagd zu und wird von selbst zum Scharfschützen.
Bei jeder Musterung kamen die verschiedenartigsten Feuerwaffen aus den Pflanzerhäusern und Blockhütten zum Vorschein. Lange altmodische Feuerrohre aus der Zeit, da die Alleghanies zuerst überschritten worden waren, alte Vorderlader, denen in Georgias Jugendzeiten mancher Indianer zum 0pfer gefallen war, Sattelpistolen, die 1812 in den Seminolenkriegen und in Mexiko ihren Dienst getan hatten, silberbeschlagene Duellpistolen, Taschenderringers, doppelläufige Jagdflinten und elegante neue Gewehre, englisches Fabrikat, mit blanken Schäften aus Hartholz.
Der Drill endete immer in den Kneipen von Jonesboro, und wenn die Nacht einbrach, waren so viele Raufereien im Gange, daß die 0ffiziere es schwer hatten, Verluste zu verhindern, noch ehe die Yankees sie ihnen beibrachten. In einer dieser Schlägereien hatte Stuart Tarleton Cade Calvert angeschossen und Tony Fontaine Brent. Als die Truppe aufgestellt wurde, waren die Zwillinge gerade von der Universität Virginias nach Hause geschickt worden und ließen sich voller Begeisterung anmustern. Aber nach dieser Schießerei vor zwei Monaten hatte ihre Mutter sie wieder auf die Universität ihres eigenen Staates geschickt, mit gemessenem Befehl, dort zu bleiben. Die aufregenden Abwechslungen des Drills hatten sie in jener Zeit schmerzlich vermißt. Was war ihnen Wissen und Bildung, wenn sie nur reiten und schreien und schießen konnten!
»Laß uns doch querfeldein über 0'Haras und Fontaines Weiden reiten«, schlug Brent vor. »Dann sind wir im Nu da.«
»Wir da kriegen nur 0possum und Grünkram zu essen«, wendete Jeems ein.
»Du kriegst überhaupt nichts«, grinste Stuart, »denn du reitest nach Hause und sagst Ma, daß wir nicht zum Abendessen kommen.«
»Nein, das ich nicht tun«, schrie Jeems voller Angst. »Das ich nicht tun! Ich auch nicht Spaß haben, von Misses Beatrice verprügelt werden. Zuerst sie mich fragen, wie ich es fertigbringen, daß Masters wieder rausgeschmissen, und dann, warum ich Masters heute abend nicht mitbringen, damit sie uns alle prügeln kann. Und dann sagen, ich bin an allem schuld. Und wenn Masters mich nicht mit zu Master Wynder nehmen, ich die ganze Nacht draußen im Wald liegenbleiben. Besser mich Landjäger beim Kragen nehmen, als Misses Beatrice!«
Verblüfft und ärgerlich sahen die Zwillinge den entschlossenen farbigen Jungen an. »Er wäre gerade dumm genug, sich vom Landjäger fassen zu lassen, und dann hätte Ma wochenlang etwas Neues zu reden. Du kannst mir glauben, mit den Schwarzen hat sie es noch schwerer als mit uns; manchmal denke ich, daß die ganz recht haben, die den Sklavenhandel abschaffen wollen.«
»Nun, es wäre unrecht, Jeems dem auszusetzen, wovor wir Angst haben. Wir müssen ihn schon mitnehmen. Aber paß auf, du unverschämter schwarzer Schafskopf, wenn du dich vor den Schwarzen bei Wynder damit dicke tust, daß wir jeden Tag Brathuhn und Schinken essen und sie nur Kaninchen und 0possum, dann sage ich es Ma und du darfst nicht mit uns in den Krieg.«
»Dick tun? Ich mich nicht vor billigen Farbigen dick tun! Ich bessere Manieren, haben mir Misses Beatrice ebenso gute beigebracht wie Masters.«
»Das ist ihr bei uns allen dreien nicht besonders gut gelungen«, sagte Stuart. Er riß seinen Fuchs herum, gab ihm die Sporen und schwang sich leicht über den Lattenzaun auf den weichen Acker von Gerald 0'Haras Plantage. Brents Pferd setzte hinterher, und ihm nach Jeems, der sich am Sattelknopf festklammerte. Jeems setzte nicht gern über Zäune, aber er hatte schon höhere als diese nehmen müssen, um mit seinen Herren Schritt zu halten.
Als sie im immer tieferen Dunkel durch die roten Furchen den Hügel hinab bis zur Flußweide ihren Weg verfolgten, rief Brent mit lauter Stimme seinem Bruder zu: »Stu! Kommt es dir nicht auch so vor, als ob Scarlett uns eigentlich zumAbendessen einladen wollte?«
»Das ist mir die ganze Zeit so vorgekommen«, schrie Stuart zurück. »Warum, meinst du, hat sie ...«




