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Die beiden Zuhörerinnen waren vor Entsetzen sprachlos.
»Ich habe es satt, zu Hause zu sitzen. Ich tue es nicht mehr. Wenn alle jetzt über mich herziehen, ist mein Ruf ohnehin erledigt, und es kommt nicht mehr darauf an, was sie sonst sagen.«
Sie merkte nicht, daß dies Rhett Butlers Gedanke war. Er kam ihr so gelegen und fügte sich so gut in ihre eigenen Gedanken ein.
»Ach, was wird deine Mutter sagen, wenn sie davon hört? Was soll sie nur von mir denken?«
Als Scarlett sich Ellens Bestürzung vorstellte, falls sie je von dem anstößigen Benehmen ihrer Tochter erfahren sollte, wurde ihr beklommen ums Herz. Aber sie schöpfte wieder Mut, als sie sich überlegte, daß zwischen Atlanta und Tara fünfundzwanzig Meilen lagen. Miß Pitty erzählte Ellen sicher nichts, denn sie würde sich als Tante in ein gar zu schlechtes Licht setzen.
»Ich glaube«, sagte Pitty, »es ist besser, ich schreibe Henry einen Brief darüber, so ungern ich das auch tue, aber er ist unser einziger männlicher Verwandter und sollte Kapitän Butler ins Gewissen reden. Ach, wenn nur Charlie noch lebte! Mit dem Mann darfst du niemals wieder auch nur ein Wort sprechen, Scarlett.«
Melanie hatte ruhig mit den Händen im Schoß dagesessen, während ihr die Waffeln auf dem Teller kalt wurden. Sie stand auf, trat hinter Scarlett und legte ihr die Arme umden Hals.
»Liebes«, sagte sie, »laß dich nicht irremachen. Ich verstehe dich. Was du gestern abend getan hast, war tapfer von dir und eine große Hilfe für das Lazarett. Wenn jemand sich untersteht, daran zu mäkeln, bekommt er es mit mir zu tun ... Tante Pitty, nicht weinen! Es war hart für Scarlett, daß sie nirgends hingehen durfte. Sie ist eben noch ein Kind.« Ihre Finger glitten spielend durch Scarletts schwarzes Haar. »Vielleicht täte es uns allen besser, wenn wir hin und wieder ausgingen. Ist es nicht eigentlich sehr selbstsüchtig von uns, wenn wir uns so mit unserem Kummer einschließen? In Kriegszeiten ist das etwas anders als sonst. Wenn ich an all die Soldaten in der Stadt denke, die fern von zu Hause sind und keine Freunde haben, die sie abends besuchen können ... und an die im Lazarett, die gesund genug sind, aufzustehen, und doch nicht gesund genug, an die Front zurückzukehren ... ja, wir sind selbstsüchtig gewesen! Wir sollten auf der Stelle, wie jeder andere, drei Genesende ins Haus nehmen und jeden Sonntag ein paar Soldaten zu Tisch haben. So, Scarlett, nun mach dir keine Gedanken mehr. Wenn die Leute dich verstehen, reden sie auch nicht. Wir alle wissen, wie lieb du Charlie gehabt hast.«
Scarlett machte sich durchaus keine Gedanken mehr darüber, ab er Melanies weiche Hände in ihrem Haar waren ihr unangenehm. Es reizte sie, mit einem Ruck den Kopf wegzuziehen und »dummes Zeug!« zu sagen, denn die Erinnerung daran, wie Landwehr, Landsturm und all die Frontsoldaten aus dem Lazarett sich um Tänze mit ihr gerissen hatten, erwärmte sie noch immer. Von allen Menschen wünschte sie sich Melly am wenigsten zur Verteidigerin. Sie wollte schon für sich selbst aufkommen, danke schön, und wenn die alten Drachen fauchen wollten nun, sie konnte auch ohne sie auskommen. Für sie gab es viel zuviel nette 0ffiziere auf der Welt, als daß sie sich über alte Weiber und ihr Gerede den Kopf zerbrechen müßte.
Bei Melanies beruhigenden Worten tupfte sich Pittypat die Augen. Da kamPrissy mit einem dicken Brief herein.
»Für Sie, Miß Melly. Ein kleiner farbiger Junge wird ihn bringen.«
»Für mich?« Melly konnte sich nicht denken, woher er kam, und öffnete den Umschlag.
Scarlett beschäftigte sich gerade mit ihren Waffeln und bemerkte nichts weiter, bis sie Melly in Tränen ausbrechen hörte und, als sie aufblickte, Tante Pittypat sich nach dem Herzen greifen sah.
»Ashley ist tot!« kreischte Pittypat, warf den Kopf zurück und ließ beide Armeschlaff heruntersinken.
»Mein Gott!« Scarletts Blut erstarrte.
»Nein! Nein!« rief Melanie. »Rasch das Riechsalz, Scarlett! Nun komm, Tante, fühlst du dich besser? Tief atmen! Nein, es ist nicht Ashley. Es tut mir leid, daß ich euch einen Schrecken eingejagt habe. Ich weinte vor lauter Freude.« Und auf einmal öffnete sie die Faust und drückte etwas, was darin steckte, an die Lippen. »Ich bin so glücklich!« Und wieder brach sie in Tränen aus.
Scarlett sah, daß es ein breiter, goldener Ring war.
»Lies.« Melly wies auf den Brief, der am Boden lag. »Ach, wie lieb und gut von ihm!«
Scarlett wußte nicht, was sie davon denken sollte, sie hob das Blatt auf und las die breiten kühnen Schriftzüge: »Mögen die Konföderierten auch das Blut ihrer Männer brauchen, das Herzblut ihrer Frauen verlangen sie noch nicht. Nehmen Sie, liebe gnädige Frau, dieses Zeichen meiner Verehrung für Ihre Tapferkeit entgegen, und meinen Sie nicht, Ihr 0pfer sei umsonst gebracht. Dieser Ring ist für das Zehnfache seines Wertes eingelöst worden. Kapitän Rhett Butler.«
Melanie steckte sich den Ring an den Finger und betrachtete ihn liebevoll.
»Habe ich nicht gesagt, daß er ein Gentleman ist?« wandte sie sich an Pittypat und lächelte glücklich durch die Tränen auf ihren Wangen. »Nur ein feinfühliger, verständnisvoller Gentleman konnte sich vorstellen, wie es mir das Herz brach! Ich schicke statt dessen meine goldene Kette. Tante Pittypat, du mußt ihm eine Zeile schreiben und ihn Sonntag zum Mittagessen einladen, damit ich ihm danken kann.«
Keiner der beiden andern war es in ihrer Erregung aufgefallen, daß Kapitän Butler nicht auch Scarletts Ring zurückgeschickt hatte. Sie aber merkte es und ärgerte sich darüber. Sie wußte, daß Kapitän Butler nicht aus Feingefühl so ritterlich gehandelt hatte. Er wollte gern in Pittypats Haus eingeladen werden und hatte das sicherste Mittel dazu herausgefunden.
»Es hat mich tief bekümmert, zu hören, wie Du Dich kürzlich aufgeführt hast«, lautete Ellens Brief, und Scarlett, die ihn bei Tisch las, machte ein finsteres Gesicht. Schlechte Nachrichten reisen schnell. Sie hatte in Charleston und Savannah oft sagen hören, daß die Leute von Atlanta ärger klatschten als irgend jemand sonst im Süden, und nun glaubte sie es. Erst vorige Woche hatte das Fest stattgefunden. Wer von den alten Drachen mochte es wohl auf sich genommen haben, Ellen zu benachrichtigen? Einen Augenblick hatte sie Tante Pittypat im Verdacht, ließ den Gedanken aber sofort fallen. Die arme Tante hatte Qualen der Angst ausgestanden, Scarletts dreistes Betragen könnte ihr zur Last gelegt werden. Es mußte wohl Mrs. Merriwether gewesen sein.
»Es fällt mir schwer zu glauben, daß Du Dich und Deine Erziehung so völlig vergessen hast. Von der Ungeschicklichkeit, in Trauer öffentlich zu erscheinen, will ich nicht reden. Ich begreife, wie es Dir am Herzen gelegen hat, etwas für das Lazarett zu tun. Aber tanzen und das mit einem Mann wie Kapitän Butler? Ich habe viel von ihm gehört, wer hätte das nicht, und Pauline schrieb mir, er würde in Charleston nicht einmal von seiner eigenen Familie mehr empfangen, außer von seiner untröstlichen Mutter. Er ist ein durch und durch schlechter Charakter, der Deine Jugend und Deine Unschuld benutzt, um Dich zu kompromittieren, um Dir und Deiner Familie Schmach anzutun. Wie konnte Miß Pittypat ihre Pflicht gegen Dich so vernachlässigen?«
Scarlett blickte über den Tisch zu ihrer Tante hinüber. Die alte Dame hatte Ellens Handschrift erkannt und spitzte erschrocken ihr Mündchen wie ein kleines Kind, das vor Schelte bange ist und sie durch Tränen abwenden möchte.
»Es geht mir sehr nahe, daß Du Deine Erziehung so vergessen konntest. Ich ging schon mit dem Gedanken um, Dich sofort nach Hause zurückzurufen, stelle aber das lieber Deinem Vater anheim. Freitag kommt er nach Atlanta, um mit Kapitän Butler zu sprechen und Dich nach Hause zu bringen. Ich fürchte, trotz meiner Bitten wird er sehr streng sein. Ich hoffe und bete, nur Deine jugendliche Unerfahrenheit möge die Ursache zu so keckemBenehmen gewesen sein.«
Es ging noch lange in demselben Ton weiter, aber Scarlett las den Brief nicht zu Ende. Dieses Mal war sie wirklich zu Tode erschrocken. Dies ließ sich nicht einfach trotzig abschütteln. Sie fühlte sich so klein und schuldbewußt wie mit zehn Jahren, wenn sie Suellen über den Tisch einen Zwieback ins Gesicht geworfen hatte, und nun wollte ihr Vater gar in die Stadt kommen, um mit Kapitän Butler zu sprechen! Der Ernst der Sache ging ihr immer deutlicher auf. Dieses Mal, wußte sie, konnte sie sich der Strafe nicht dadurch entziehen, daß sie sich schmeichelnd auf Geralds Knie setzte.
»Es sind doch keine schlechten Nachrichten?« stammelte Pittypat .
»Pa kommt morgen und will mich tüchtig abkanzeln«, antwortete Scarlett kläglich.
»Prissy, mein Riechsalz!« wimmerte Pittypat und schob den Stuhl zurück. »Mir wird schlecht!«
»Das haben Sie in der Rocktasche«, sagte Prissy. Sie ahnte das Drama und genoß es. Master Gerald war immer so schön aufgeregt, wenn er böse wurde, und das liebte sie sehr, vorausgesetzt, daß ihr wolliger Kopf nicht gerade das 0pfer war. Pittypat suchte in ihrem Rock und hielt sich das Fläschchen an die Nase.
»Ihr müßt mir beistehen und dürft mich keinen Augenblick allein lassen«, sagte Scarlett. »Er hat euch beide gern, und wenn ihr dabei seid ...«
»Ich kann nicht«, sagte Pittypat matt und erhob sich mühsam. »Ich ... ich fühle mich krank ... ich muß mich hinlegen, den ganzen Tag muß ich mich morgen hinlegen. Ihr müßt mich bei ihm entschuldigen.«
»Feigling!« dachte Scarlett und funkelte sie voll Verachtung an. Melly nahm alle Kraft zusammen, obwohl sie bei dem Gedanken an den feuerspeienden Mr. 0'Hara ganz blaß vor Schreck wurde.
»Ich helfe dir, ihm klarzumachen, daß du es um des Lazaretts willen getan hast. Das muß er doch begreifen.«
»Nein, das tut er nicht. Ach, ich sterbe, wenn ich nach Tara zurück muß, wie Mutter mir droht!«
»Ach Gott, du kannst doch nicht nach Hause«, sagte Pittypat unter Tränen. »Wenn du fortgingst, wäre ich ja gezwungen, Henry zu bitten, er möge zu uns ziehen, und du weißt doch, ich kann und kann nicht mit Henry unter einem Dache leben. Mir ist abends so bange, wenn ich mit Melly allein im Haus bin, bei all den fremden Männern, die jetzt in der Stadt sind! Du bist so tapfer, da macht es mir weniger aus, daß kein Mann im Haus ist!«
»Ach, er kann dich doch nicht mit nach Tara nehmen!« Auch Melly sah aus, als wären ihr die Tränen ganz nahe. »Dein Heim ist jetzt bei uns, was sollten wir je ohne dich anfangen?«
Ihr würdet mich mit Freuden entbehren, wenn ihr wüßtet, wie ich in Wirklichkeit über euch denke, dachte Scarlett mißmutig und wünschte, jemand anders als Melanie möge ihr helfen, Geralds Zorn abzuwehren. Es war ihr ein jämmerliches Gefühl, gerade von der verteidigt zu werden, die sie so wenig leiden mochte.
»Sollten wir nicht lieber die Einladung an Kapitän Butler widerrufen?« fing Pittypat an.
»Aber das können wir doch nicht! Das wäre wirklich die Höhe der Unhöflichkeit!«Melly war ganz unglücklich.
»Bringt mich ins Bett, ich werde krank«, stöhnte Pittypat. »Ach, Scarlett, wie konntest du mir das antun?«
Pittypat lag wirklich im Bett, als Gerald am nächsten Nachmittag ankam. Hinter ihrer verschlossenen Tür verschanzt, hatte sie sich tausendfach entschuldigen lassen und überließ es den beiden verängstigten Mädchen, sie beim Abendessen zu vertreten. Gerald war von unheilverkündender Schweigsamkeit, wenn er auch Scarlett küßte und Melly in die Wange kniff und sie »Cousine Melly« nannte. Flüche und Vorwürfe wären Scarlett sehr viel lieber gewesen. Melanie hielt getreulich ihr Versprechen und hängte sich, ein kleiner raschelnder Schatten, an Scarletts Rock. Gerald war zu sehr Gentleman, um seiner Tochter in ihrer Gegenwart die Leviten zu lesen. Scarlett mußte zugeben, daß Melanie es sehr geschickt anfing. Sie benahm sich, als wäre alles in bester 0rdnung, und als das Abendessen aufgetragen war, gelang es ihr auch, Gerald in ein Gespräch zu ziehen.
»Ich möchte alles aus der Provinz hören«, sagte sie strahlend zu ihm. »India und Honey schreiben keine Briefe; Sie aber wissen ja alles, was dort vorgeht, bitte, erzählen Sie uns von Joe Fontaines Hochzeit.«
Das schmeichelte Gerald, und er erzählte, die Hochzeit sei recht still verlaufen, weil Joe nur kurz Urlaub hatte. Sally, das kleine Munroeküken, habe sehr niedlich ausgesehen. Nein, was für ein Kleid sie anhatte, wußte er nicht mehr, er hatte aber gehört, ein Kleid für den »zweiten Tag« habe sie nicht gehabt.
»Nicht möglich!« Die beiden Mädchen waren entrüstet.
»Sicher nicht, sie hatte ja gar keinen >zweiten Tag< «, erklärte Gerald und lachte schallend, ehe ihm einfiel, daß solche Bemerkungen für weibliche 0hren nicht geeignet sein mochten. Es wurde Scarlett bei seinem Gelächter wieder ein wenig wohler, und sie segnete Melanies Taktik.
»Joe ist am nächsten Tage schon wieder nach Virginia gegangen«, fuhr Gerald hastig fort, »da gab es keine Besuche und keinen Tanz hinterher. Die Tarleton-Zwillinge aber sind zu Hause.«
»Wir haben davon gehört, sind sie wieder hergestellt?«
»Sie waren nur leicht verwundet. Stuart hatte einen Schuß ins Knie, und durch Brents Schulter war eine Gewehrkugel gegangen. Habt ihr schon gehört, daß sie wegen ihrer Tapferkeit im Kriegsbericht erwähnt worden s ind?«
»Nein! Erzähle!«
»Tollköpfe - alle beide. Mir scheint fast, sie haben irisches Blut«, sagte Gerald wohlgefällig. »Was sie eigentlich gemacht haben, ist mit entfallen, aber Brent ist jetzt Leutnant.«
Es machte Scarlett Freude, von ihren Heldentaten zu hören. Es war eine Freude am Eigentum. War ein Mann einmal ihr Verehrer gewesen, so betrachtete sie ihn immer weiter als ihr Eigentum, und alles, was er leistete, gereichte ihr zur Ehre.
»Ich habe noch eine Neuigkeit für euch beide«, sagte Gerald, »es heißt, Stuart gehe in Twelve 0aks auf Freiersfüßen.«
»Bei Honey oder India?« fragte Melly gespannt, während Scarlett fast entrüstet dreinsah.
»Natürlich Miß India, die hatte ihn doch am Bändel, bis mein eigenes Gelichter nach ihm äugte. Stimmt's?«
Melly war in nicht geringer Verlegenheit über Geralds freimütige Ausdrucksweise.
»Und, was noch mehr ist, der junge Brent fängt an, in Tara herumzulungern. Was sagt ihr nun?«
Scarlett war sprachlos. Es kam ihr geradezu wie eine Beleidigung vor, daß ihre Verehrer sie solcherart im Stich ließen, besonders wenn sie daran dachte, wie die beiden Tarletons sich aufgeführt hatten, als sie Charles heiraten wollte. Stuart hatte sogar damit gedroht, Charles zu erschießen oder Scarlett oder sich selbst oder alle drei. Es war höchst aufregend gewesen.
»Suellen?« fragte Melly und lächelte freudig. »Aber ich dachte, Mr. Kennedy ...«
»Der?« sagte Gerald, »ja, er katzbuckelt immer noch um sie herum und hat Angst vor seinem eigenen Schatten. Wenn er nicht bald selber mit der Sprache herausrückt, frage ich ihn nächstens, was er eigentlich vorhat. Nein, dies gilt meiner Kleinen.«
»Carreen?«
»Aber sie ist doch noch ein Kind«, sagte Scarlett scharf. Sie hatte ihre Sprache wiedergefunden.
»Sie ist nur ein gutes Jahr jünger, als du bei deiner Hochzeit warst, mein Kind«, gab Gerald zurück. »Gönnst du deiner Schwester deine alten Verehrer nicht?«
Melly, der solche 0ffenheiten äußerst peinlich waren, wurde rot und gab 0nkel Peter ein Zeichen, daß er den süßen Kartoffelauflauf hereinbringe. Verzweifelt suchte sie in ihrem Hirn nach einem Gesprächsthema, das nicht so persönlich, aber doch geeignet wäre, Mr. 0'Hara von seinem eigentlichen Reisezweck abzulenken. Ihr fiel nichts ein. Nachdem aber Gerald einmal im Gange war, brauchte er zu seiner Anregung nichts weiter als Zuhörer. Er redete sich in Zorn über die diebische Intendantur, die jeden Monat höhere Forderungen stellte, über Jefferson Davis' schuftige Dummheit und die Schäbigkeit der Iren, die sich durchs Handgeld verlocken ließen, in das Heer der Yankees einzutreten.
Als der Wein auf dem Tisch stand und die beiden Mädchen sich erhoben, um den alten Herrn allein zu lassen, warf er hinter zusammengezogenen Brauen seiner Tochter einen strengen Blick zu und befahl sie zu einer kurzen Unterhaltung unter vier Augen. Während Scarlett ihr verzweifelt nachsah, ging Melly, hilflos an ihrem Taschentuch zerrend, hinaus und schloß leise die Flügeltür.
Gerald schenkte sich ein Glas Portwein ein. »Also, mein Kind, das ist ja eine hübsche Geschichte! So kurz erst Witwe und schon auf den zweiten Mann aus!«
»Nicht so laut, Pa, die Dienstboten ...«
»Die wissen längst alles. Jeder weiß von deiner Schande. Deine arme Mutter liegt deswegen zu Bett, und ich mag mich nirgends mehr sehen lassen. Schmählich ist es. Nein, Puß, diesmal kommst du mir nicht mit Tränen davon.« Zwischen seinen hastigen Worten wurde eine gelinde Panik wahrnehmbar, als Scarletts Lider zu beben und ihr Mund zu zucken begann. »Ich kenne dich. Du würdest noch unter den Augen deines eigenen Ma nnes flirten. Nicht weinen! Nun, nun, ich will heute abend nichts mehr sagen. Ich suche jetzt den famosen Kapitän Butler auf, der es mit dem Ruf meiner Tochter so leicht nimmt. Aber morgen früh - Nicht weinen, das hilft dir gar nichts, nicht das geringste. Ich bleibe fest, und morgen kommst du wieder mit mir nach Tara, ehe du uns noch alle in Verruf bringst. Nicht weinen, Kindchen. Sieh mal, was ich dir mitgebracht habe, ist das nicht ein schönes Geschenk? Sieh doch her! Wie konntest du mir nur so viel Plage machen und mich den ganzen langen Weg hierher fahren lassen? Ich habe doch so viel um die 0hren. Nicht weinen!«
Melanie und Pittypat schliefen schon seit mehreren Stunden, Scarlett aber, mit ihrem schweren angstvollen Herzen, lag noch immer wach in der wannen Dunkelheit. Nun, wo das Leben gerade wieder anfing, sollte sie Atlanta verlassen, heimfahren und vor Ellens Angesicht treten! Lieber wollte sie auf der Stelle sterben, dann würden sie es alle bereuen, daß sie so hart gegen sie gewesen waren. Sie drehte und wälzte sich auf den heißen Kissen, als von fernher aus der stillen Straße herauf ein merkwürdig vertrautes Geräusch an ihr 0hr schlug. Sie schlüpfte aus dem Bett und sah aus dem Fenster. In dem weichen Schatten der hohen Bäume lag die Straße tiefdunkel unter dem dämmerigen Sternenhimmel. Das Geräusch kam näher, Räderrollen, Hufschlag, Menschenstimmen, und auf einmal mußte sie lächeln: eine weinselige irische Stimme sang vernehmbar das vertraute »Peggy in der kleinen Chaise«, und nun wußte sie Bescheid. Gerichtstag in Jonesboro war freilich nicht, aber Gerald kam in der gewohnten Verfassung nach Hause.
Sie sah die dunklen Umrisse eines Einspänners halten und unbestimmte Gestalten aussteigen. Es waren zwei. Sie blieben an der Gartenpforte stehen, und Scarlett hörte die eiserne Klinke knacken. Dann erklang deutlich Geralds Stimme. »Nun noch die >Klage um Robert Emmet<. Das Lied solltest du wirklich kennen, mein Junge, ich will es dich lehren.«
»Ich möchte es wirklich lernen«, erwiderte der andere mit einem leisen unterdrückten Lachen in seinem gedehnten, verschliffenen Tonfall, »aber nicht jetzt, Mr. 0'Hara.«
»Du mein Gott, das ist ja dieser schreckliche Butler.« Scarletts erste Regung war Ärger, dann faßte sie Mut. Jedenfalls hatte es keine Schießerei gegeben. Sie mußten schon auf freundschaftlichem Fuß miteinander stehen, wenn sie zu dieser nächtlichen Stunde in einer solchen Verfassung miteinander nach Hause kamen.
»Ich will es aber singen, und du sollst mir zuhören, sonst schieße ich dich 0rangeman t ot.«
»Ich bin kein 0rangeman, ich bin aus Charleston.«
»Das ist auch nicht besser, das ist noch viel schlimmer. Ich habe zwei Schwägerinnen in Charleston und weiß Bescheid.«
»Will er denn der ganzen Nachbarschaft davon erzählen?« dachte Scarlett erbleichend und schlüpfte in ihren leichten Schlafrock. Was sollte sie nun machen? Sie konnte unmöglich so spät in der Nacht hinuntergehen und ihren Vater von der Straße ins Haus zerren.
Gerald aber, über die Pforte lehnend, warf ohne weitere Aufforderung den Kopf zurück und stimmte in seinem grölenden Baß die »Klage« an. Scarlett stützte die Ellbogen auf die Fensterbank und hörte zu. Sie mußte
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