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»Um Himmels willen, Pa, dreitausend! Und du hättest es doch gar nicht nötig gehabt, Prissy auch zu kaufen!«
»Ist es schon soweit, daß meine eigenen Töchter über mich zu Gericht sitzen?« donnerte Gerald pathetisch. »Prissy ist ein nettes kleines Ding, und deshalb ...«
»Ich kenne sie, ein albernes, gerissenes Balg«, erwiderte Scarlett ruhig. Sein Lärmen machte auf sie keinen Eindruck. »Du hast sie einzig und allein gekauft, weil Dilcey dich darum gebeten hat.«
Gerald machte ein betretenes Gesicht wie immer, wenn er auf einer guten Tat ertappt wurde, und Scarlett mußte lachen, weil er so ohne weiteres zu durchschauen war.
»Und wenn schon! Es hat doch keinen Zweck, Dilcey zu kaufen, wenn sie nachher des Kindes wegen immer den Kopf hängen läßt. Aber nie wieder erlaube ich einem Schwarzen, ein Mädchen von anderswo zu heiraten, das ist mir zu teuer. So, kommmit, Puß, hinein zum Abendessen.«
Das Dunkel wurde immer undurchdringlicher. Der letzte grünliche Schimmer war vom Himmel verschwunden, und die laue Frühlingsluft hatte einer leichten Kühle Platz gemacht. Scarlett überlegte, wie sie wohl das Gespräch auf Ashley bringen konnte, ohne Argwohn zu erregen. Das war schwierig, denn Scarlett besaß keine Spur von Durchtriebenheit, und Gerald glich ihr darin so sehr, daß er ihre schwachen Winkelzüge immer sofort durchschaute, genau wie sie die seinen. Und taktvoll war er auch nicht dabei.
»Wie geht es denn denen drüben in Twelve 0aks?«
»Nun, so ziemlich wie immer. Cade Calvert war da, und als ich wegen Dilcey abgeschlossen hatte, saßen wir alle auf der Galerie und tranken einige Whiskys. Cade war gerade von Atlanta gekommen, und da ist alles aus dem Häuschen und spricht nur von Krieg.«
Scarlett seufzte. Wenn Gerald einmal vom Krieg anfing, konnte es stundenlang dauern, bis er wieder aufhörte. Schnell brachte sie etwas anderes zur Sprache.
»Haben sie etwas vomGartenfest morgen gesagt?«
»Ja, nun fällt es mir wieder ein. Miß ... wie heißt sie denn ... das nette kleine Tierchen, das voriges Jahr hier war, Ashleys Cousine, weißt du ... ach ja, Miß Melanie Hamilton und ihr Bruder Charles waren schon aus Atlanta heraufgekommen und ...«
»Ach, ist sie schon da?«
»Ja, ein nettes stilles Ding, das nie von selber etwas sagt, ganz wie eine Frau sein sollte. Aber kommjetzt, Mutter sucht uns sicher schon überall.«
Scarlett sank das Herz in die Schuhe, als sie das hörte. Gegen alle.
Wahrscheinlichkeit hatte sie gehofft, daß irgend etwas Melanie Hamilton in Atlanta, wohin sie gehörte, zurückhalten würde, und in der Erkenntnis, daß sogar Gerald ihr sanftes stilles Wesen, das von ihrem eigenen so gänzlich verschieden war, guthieß, konnte sie nicht länger mehr an sich halten.
»War Ashley auch dabei?«
»Ja.« Gerald ließ den Arm seiner Tochter los, drehte sich um und blickte ihr scharf ins Gesicht. »Wenn du deswegen auf mich gewartet hast, warum sagst du es mir nicht gleich und gehst wie die Katze um den heißen Brei herum?«
Nun fiel Scarlett nichts weiter ein, unwillig fühlte sie, wie sie rot wurde. »Also, heraus mit der Sprache!«
Sie sagte noch immer nichts. Wenn sie doch den eigenen Vater packen, schütteln, ihm den Mund verbieten dürfte!
»Er war da und hat sehr freundlich nach dir gefragt. Das taten auch seine Schwestern, sie hofften, daß nichts dich morgen abhalten würde, zum Gartenfest zu kommen. Es wird doch nicht etwa?« fragte er verschmitzt. »Nun, Mädchen, was soll das alles heißen mit dir und Ashley?«
»Gar nichts«, sagte sie kurz und zerrte ihn am Arm. »Komm mit, Pa.«
»So, so, nun willst du also nach Hause«, bemerkte er. »Aber ich bleibe hier auf dem Fleck, bis ich weiß, was mit dir los ist. Nun fällt mir auch ein, du warst eigentlich in letzter Zeit sehr sonderbar. Hat er dir den Kopf verdreht? Hat er dich gefragt, ob du ihn heiraten wolltest?«
»Nein.«
»Das wird er auch nicht«, sagte Gerald.
Zornig flammte es in ihr auf, aber Gerald beschwichtigte sie mit einer Handbewegung.
»Mund halten, kleines Fräulein! Ich habe heute nachmittag im strengsten Vertrauen von John Wilkes gehört, daß Ashley Miß Melanie heiraten will. Morgen soll es verkündet werden.«
Scarletts Hand glitt matt von seinem Arm herab. Es war also doch wahr!
Der Schmerz zerriß ihr wie mit Raubtierfängen das Herz. Bei alledem fühlte sie ihres Vaters Auge ein wenig mitleidig und zugleich ein wenig verdrießlich auf sich gerichtet, weil er vor einer Frage stand, auf die er keine Antwort wußte. Er hatte Scarlett lieb, aber es war ihm durchaus nicht geheuer, wenn sie mit ihren kindlichen Problemen zu ihm kam, damit er sie löse. Ellen wußte auf das alles eine Antwort. Scarlett sollte mit ihren Kümmernissen zu ihr gehen.
»Du hast dich doch nicht etwa ins Gerede gebracht ... dich und uns alle?« fuhr er sie an. Wenn er aufgeregt war, wurde er immer laut. »Bist du hinter einem Mann hergelaufen, der dich nicht liebt ... wo du doch jeden in der Provinz haben kannst?«
Zorn und verletzter Stolz verdrängten ihren Schmerz. »Ich bin nicht hinter ihm hergelaufen. - Es ... es hat mich nur so überrascht.«
»Das lügst du!« Dann aber blickte Gerald ihr in das ganz von Schmerz verzerrte Gesichtchen und fügte in einem Anflug von Gutmütigkeit hinzu: »Es tut mir leid, Mädchen, aber schließlich bist du doch noch ein Kind, und andere Verehrer gibt es die Menge.«
»Mutter war erst fünfzehn, als sie heiratete, und ich bin schon sechzehn«, sagte Scarlett mit erstickter Stimme.
»Mutter war anders«, sagte Gerald. »Kein leichter Vogel wie du. Nun komm aber, Mädchen, Kopf hoch, nächste Woche nehme ich dich mit nach Charleston, wir besuchen Tante Eulalia, und bei all dem Hallo wegen Fort Sumter hast du Ashley in einer Woche vergessen.«
»Er hält mich für ein Kind«, dachte Scarlett. Wut und Kummer verschlugen ihr die Stimme. »Er meint, er brauche mir nur ein neues Spielzeug vor die Augen zu halten, und ich vergäße auf der Stelle meine Beulen.«
»Du brauchst das Kinn gar nicht so aufzuwerfen«, warnte Gerald. »Wenn du nur ein bißchen Verstand hättest, so hättest du Stuart oder Brent Tarleton längst geheiratet. Überleg's dir. Heirate einen von den Zwillingen, dann betreiben wir die Plantagen gemeinsam. Jim Tarleton und ich bauen dir gerade, wo sie zusammenstoßen, ein schönes Haus, dort in dem großen Kiefernhain, und ...«
»Hörst du nun bald auf, mich wie ein Kind zu behandeln?« begehrte Scarlett auf. »Ich will nicht nach Charleston, ich will kein Haus haben und auch nicht die Zwillinge heiraten. Ich will nur ...« Sie nahm sich zusammen, aber nicht rechtzeitig.
Geralds Stimme klang merkwürdig ruhig, und er sprach ganz langsam, als hole er Wort für Wort aus einem Gedankenvorrat, den er nur selten anbrach.
»Du willst nur Ashley, und den bekommst du nicht. Und selbst wenn er dich wollte, so hätte ich doch meine schweren Bedenken, ja zu sagen, trotz aller guten Freundschaft zwischen mir und Wilkes.« Als er ihren erschrockenen Blick sah, fuhr er fort: »Ich will mein Kindchen glücklich sehen, und mit ihm würdest du nicht glücklich.«
»0h doch, doch!«
»Das würdest du nicht, Mädchen. Nur wenn gleich und gleich sich heiraten, wird die Ehe glücklich. «
Scarlett verspürte plötzlich den Drang aufzuschreien: »Aber du bist doch glücklich, und Mutter und du, ihr seid gar nicht gleich!« Aber sie unterdrückte ihn aus Furcht, er möchte ihr für ihre Frechheit eine 0hrfeige geben.
»Unsereins und Wilkes sind verschieden«, fuhr er langsam fort und suchte nach Worten. »Wilkes sind anders als unsere Nachbarn ... anders als ich je eine Familie gekannt habe. Wunderliche Leute sind sie, und sie tun am besten, ihre Cousinen zu heiraten und ihre Wunderlichkeit für sich zu behalten.«
»Aber Pa, Ashley ist doch n icht...«
»Halt den Schnabel, Fuß! Ich sage nichts gegen den Burschen, denn ich habe ihn gern. Wenn ich >wunderlich< sage, so meine ich damit nicht >verrückt<. Er ist nicht so verrückt wie Calverts, die ihre ganze Habe für ein Pferd verspielen, und Tarletons, die mit jedem Wurf einen Trunkenbold zur Welt bringen, oder Fontaines, die hitzköpfigen Viecher, die für eine eingebildete Beleidigung am liebsten einen Mann totschlügen. Solche Wunderlichkeiten sind leicht zu begreifen, weiß Gott, und wäre nicht seine Gnade, so wäre Gerald 0'Hara auch nicht besser! Ich meine nicht etwa, daß Ashley mit einer anderen Frau davonliefe, wenn du seine Frau wärest, oder daß er dich schlüge. Wenn er das täte, würdest du glücklicher werden, denn dann könntest du ihn wenigstens verstehen. Aber seine Wunderlichkeit ist anderer Art, dafür gibt es kein Verständnis. Ich habe ihn gern, aber ich werde nicht aus ihm klug. Sag mir aufrichtig, Puß, verstehst du denn seine Narrheit für Bücher, für Gedichte und Musik und Ölbilder und lauter solchen Unsinn?«
»Ach, Pa«, rief Scarlett ungeduldig, »wenn ich ihn heirate, treibe ich ihm das alles aus.«
»Was du nicht meinst«, sagte Gerald vorsichtig und warf ihr einen scharfen Blick zu. »Du verstehst eben nicht viel von Männern, und nun gar von Ashley. Keine Frau hat ihren Mann je um ein Haarbreit geändert. Laß dir das gesagt sein! Und einen Wilkes ändern - du lieber Gott, Mädchen! Die ganze Familie ist so, und immer sind sie so gewesen und werden wohl auch immer so bleiben. Ich sage dir, die sind als Käuze auf die Welt gekommen. Sieh dir doch nur an, wie sie nach New York und Boston stürzen, um 0pern zu hören und Ölbilder zu sehen. Bei den Yankees bestellen sie kistenweise französische und deutsche Bücher. Und da sitzen sie dann und lesen und träumen sich wer weiß was zusammen und sollten ihre Zeit doch besser wie richtige Männer mit Jagdreiten und Pokern verbringen.«
»In der ganzen Provinz sitzt keiner besser im Sattel als Ashley!« Scarlett war wütend, daß Ashley als unmännlich verspottet wurde. »Keiner als vielleicht sein Vater, und was das Pokern betrifft - hat Ashley dir nicht erst vorige Woche in Jonesboro zweihundert Dollar abgenommen?«
»Die Calverts haben mal wieder nicht dichthalten können«, sagte Gerald ergeben. »Ashley kann wohl mit den besten Männern reiten und pokern, und ich leugne gar nicht, daß er sogar Tarleton unter den Tisch trinkt, wenn er will. Er kann das alles wohl, aber er ist nicht mit dem Herzen dabei. Deshalb sage ich, er ist wunderlich.«
Scarlett schwieg bedrückt. Gegen diese letzte Anschuldigung hatte sie nichts anzuführen, denn Gerald hatte recht. Bei all den schönen Dingen, auf die Ashley sich so gut verstand, war sein Herz nicht beteiligt. An allem, was jeden anderen aus tiefstem Herzensgrund beschäftigte, nahm er nie mehr als kühlen und höflichen Anteil.
Gerald verstand ihr Schweigen richtig, streichelte ihr den Arm und triumphierte: »Da hast du es! Du mußt doch zugeben, daß es stimmt. Was willst du mit einem Mann wie Ashley? Mondsüchtig sind sie alle, die Wilkes.« Und dann schmeichelte er: »Wenn ich vorhin von Tarletons sprach, ich wollte sie dir gewiß nicht aufdrängen. Feine Kerle sind es, aber wenn du es auf Cade Calvert abgesehen hast, nun, mir soll es einerlei sein. Calverts sind ein guter Schlag, alle zusammen, wenn auch der Alte eine Yankee geheiratet hat. Und wenn ich nicht mehr bin - pst, Liebling, hör zu! -, hinterlasse ich Tara dir und Cade ...«
»Tara will ich nicht geschenkt!« Scarlett war empört. »Und du sollst mich mit Cade in Ruhe lassen! Ich will weder Tara noch irgendeine andere dumme Plantage. Was mache ich mir aus Plantagen, wenn ...«, sie wollte sagen, »wenn ich nicht den Mann habe, den ich will.« Aber Gerald, außer sich über die hochfahrende Art, wie sie über das angebotene Geschenk hinwegging, über das, was nächst Ellen auf der ganzen Welt seinem Herzen am nächsten stand, fuhr wütend dazwischen: »Da stehst du, Scarlett 0'Hara, und sagst mir ins Gesicht, daß Tara - mein Grund und Boden - , daß du dir daraus nichts machst?«
Scarlett nickte eigensinnig. Das Herz tat ihr zu weh. Es war ihr einerlei, ob sie den Vater in Wut brachte oder nicht.
»Das einzige, was auf der Welt überhaupt etwas wert ist, ist das Land«, tobte er und fuhr in seiner Empörung mit den kurzen, dicken Armen durch die Luft. »Das einzige, was auf der Welt von Dauer ist, was wert ist, daß man dafür arbeitet, kämpft und stirbt!«
»Gott, Pa«, es klang angewidert, »du redest wie ein Ire.«
»Hab ich mich dessen je geschämt? Im Gegenteil, ich bin stolz darauf, und vergiß nicht, du Grünschnabel, daß du auch eine halbe Irin bist. Für jeden, der einen Tropfen Irenblut in den Adern hat, ist das Land, auf dem er lebt, wie seine Mutter. Deiner schäme ich mich in diesem Augenblick. Ich biete dir das schönste Land auf der Welt - außer der Grafschaft Meath, in der alten Heimat -, und was tust du? Die Nase rümpfst du!«
Gerald war gerade dabei, sich in eine gelinde Raserei hineinzureden, als das Herzeleid in Scarletts Gesicht ihm Halt gebot.
»Nun ja, du bist noch jung, sie kommt schon noch über dich, die Liebe zur Heimat. Du bist ein Kind, und die Jungens verdrehen dir den Kopf. Wenn du älter bist, dann wirst du schon sehen ... Faß du nur deinen Entschluß wegen Cade, wegen der Zwillinge oder eines von Evan Munroes Jungens und paß auf, wie schön ich dich aussteuere!«
Allmählich hatte Gerald die Unterhaltung satt bekommen und ärgerte sich weidlich darüber, daß er die Geschichte auf dem Halse hatte. Dabei ging es ihm nahe, daß Scarlett noch immer so verzweifelt dreinsah, nachdem er ihr die besten Burschen aus der Provinz angeboten hatte und Tara obendrein. Seine Gaben sollten mit Küssen und Händeklatschen entgegengenommen werden.
»Nun, kleines Fräulein, nicht maulen. Es kommt gar nicht darauf an, wen du heiratest, wenn er nur ein Gentleman ist, der denkt wie du, aus den Südstaaten, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Bei der Frau kommt die Liebe erst nach der Heirat.«
»Ach, Pa, das ist so eine altmodische Ansicht aus Irland!«
»Aber eine gute und richtige! All dies amerikanische Herumlaufen nach einer Liebesheirat, wie die Dienstboten, wie die Yankees! Die beste Ehe gibt es, wenn die Eltern für das Mädchen die Wahl treffen. Wie kann denn ein dummes Ding wie du einen Mann von einem Schuft unterscheiden? Sieh dir nur die Wilkes an! Was hat sie seit Generationen stolz und stark erhalten? Gleich und gleich hat geheiratet, ihre Cousinen haben sie geheiratet, wie die Familie es immer von ihnen erwartete.«
»Ach Gott!« Es schnitt Scarlett ins Herz, als Geralds Worte ihr die fürchterliche, unausweichliche Wahrheit klarmachten. Gerald sah ihren gesenkten Kopf und trat unruhig von einem Bein aufs andere. »Du weinst doch nicht?« Er tastete ungeschickt nach ihrem Kinn und versuchte, ihr Gesicht zu sich aufzurichten.
»Nein!« Wild zuckte sie zurück.
»Du lügst wieder, und ich bin stolz darauf. Ich freue mich über deinen Stolz, Puß, und auch morgen beim Gartenfest will ich dich stolz sehen. Die Provinz soll nicht über dich klatschen, wie du dir das Herz abhärmst für einen Mann, der nie mehr als Freundschaft für dich empfunden hat.«
»Er hat mehr für mich empfunden«, ging es Scarlett durch das betrübte Herz, »sehr viel mehr! Ich habe es gemerkt. Hätte ich nur ein bißchen länger Zeit gehabt, ich hätte ihn so weit gebracht, daß er es mir gesagt hätte - ach Gott, wenn doch die Wilkes nur nicht immer das Gefühl hätten, sie müßten ihre Cousinen heiraten!«
Gerald faßte sie unter den Arm. »Nun wollen wir zum Abendessen hineingehen. All dies bleibt zwischen uns. Ich will Mutter damit nicht beunruhigen, tu du es auch nicht. So, nun schnupf dich aus, Mädchen!«
Scarlett putzte sich mit ihrem zerrissenen Taschentuch die Nase, und Arm in Arm gingen die beiden die dunkle Einfahrt hinauf. Die Pferde folgten langsam. Nahe beim Haus wollte Scarlett wieder anfangen, aber da erblickte sie ihre Mutter im Schatten der Veranda. Sie trug Haube, Schal und Handschuhe. Hinter ihr stand Mammy, das Gesicht wie eine Gewitterwolke, und hatte die schwarze Ledertasche in der Hand, in der Ellen 0'Hara immer Verbandzeug und Arzneien mitnahm, wenn sie nach den kranken Sklaven sah. Mammys Lippen hingen tief herab; wenn sie böse war, konnte sie die untere so weit vorschieben, daß sie doppelt so breit wurde wie sonst. Sie hatte sie jetzt vorgeschoben, und Scarlett wußte, Mammybrütete über irgend etwas, was ihr gegen den Strich ging.
»Mr. 0'Hara«, rief Ellen, als sie die beiden die Einfahrt heraufkommen sah. Ellen gehörte zu einer Generation, die auch nach siebzehnjähriger Ehe, in der sie sechs Kinder geboren hatte, noch die Förmlichkeit wahrte. »Mr. 0'Hara, bei Slatterys ist jemand krank. Emmies Kleines ist geboren und liegt im Sterben und muß getauft werden. Ich gehe mit Mammy hin und sehe nach, ob ich etwas für sie tun kann.«
Sie hob fragend die Stimme, als hinge ihr Vorhaben von Geralds Einwilligung ab; eine reine Formsache, aber eine, an der Geralds Herz hing.
»In Gottes Namen!« polterte er. »Warum muß das weiße Pack dich gerade zur Abendessenszeit abrufen, gerade wo ich dir von den Kriegsgerüchten erzählen will, die in Atlanta umgehen. Aber geh nur, du kannst ja doch die Nacht nicht ruhig schlafen, wenn du nicht irgendwo draußen helfen kannst.«
»Sie kriegt überhaupt keine Ruhe, weil sie jede Nacht aufspringt, um nach den Farbigen und dem weißen Pack zu sehen, das lieber für sich selber aufpassen soll«, brummte Mammy eintönig, als sie die Stufen zu dem Wagen, der auf demSeitenwege hielt, hinabschritt.
»Setz dich bei Tisch auf meinen Platz, Liebes«, sagte Ellen und streichelte Scarlett mit ihrer behandschuhten Hand leise die Wange.
Trotz der Tränen, an denen sie noch schluckte, spürte Scarlett bis ins Innerste den nie versagenden Zauber der mütterlichen Liebkosung und zugleich den feinen Duft von Zitrone und Verbene, der Ellens rauschendem Seidenkleid entströmte. Für Scarlett hatte Ellen 0'Hara etwas förmlich Atemberaubendes, wie ein Wunder, das mit ihnen im Hause lebte, das sie entzückte, beruhigte und in seinem Bann hielt.
Gerald half seiner Frau in den Wagen und sagte dem Kutscher, er möge behutsam fahren. Toby, der schon zwanzig Jahre mit Geralds Pferden umgegangen war, stülpte in stummer Entrüstung über diese Ermahnung die Lippen vor, und so fuhr er mit Mammy an seiner Seite davon, ein Doppelbild der grollenden Mißbilligung Afrikas.
»Wenn ich nicht so viel für dies Slattery-Gesindel umsonst täte, wofür sie anderswo bezahlen müßten«, brummte Gerald, »so würden sie mir ihre elenden paar Morgen Sumpfland verkaufen müssen, und man wäre sie los!«
Dann strahlte er auf einmal im Vorgefühl eines Schabernacks, den er seinem Diener antun wollte, über das ganze Gesicht. »Komm, Mädchen, wir wollen Pork weismachen, ich hätte ihn an John Wilkes verkauft, anstatt Dilcey für mich zu kaufen!«
Er warf den Zügel seines Pferdes einem kleinen farbigen Jungen zu, der dabeistand, und ging die Stufen hinauf. Scarletts Kummer hatte er ganz vergessen, so freute er sich darauf, seinen Diener zum besten zu haben. Scarlett folgte ihm bleiernen Fußes. Schließlich, meinte sie, könnte eine Ehe zwischen ihr und Ashley doch nicht wunderlicher sein als die zwischen ihrem Vater und Ellen Robillard. Wie immer wunderte sie sich darüber, daß es ihr geräuschvoller, rauhbeiniger Vater fertiggebracht hatte, eine Frau wie ihre Mutter zu heiraten. Eine Kluft wie zwischen diesen beiden, nach Geburt, Erziehung und geistiger Haltung, gab es nicht leicht wieder.
Ellen 0'Hara war zweiunddreißig Jahre alt, nach dem Maßstab ihrer Zeit eine Frau mittleren Alters, eine Frau, die sechs Kinder geboren und drei begraben hatte. Sie war eine hochgewachsene Erscheinung, einen Kopf größer als ihr feuriger kleiner Gatte, aber sie bewegte sich in den wiegenden
Hüften mit so ruhiger Anmut, daß ihre Größe gar nicht auffiel. Der elfenbeinfarbene, wohlgerundete schlanke Hals erhob sich aus der schwarzen Tafthülle ihres enganliegenden Kleides, von der Fülle des üppigen Haars, das ein Netz am Hinterkopf zusammenhielt, scheinbar sacht nach hinten gezogen. Von ihrer französischen Mutter, deren Eltern in der Revolution von 1791 aus Haiti geflohen waren, hatte sie die schräggeschnittenen dunklen Augen, die tintenschwarzen Wimpern, die sie überschatteten, und das dunkle Haar; von ihrem Vater, einem Soldaten Napoleons, die lange gerade Nase und das eckig geschnittene Untergesicht, dessen Strenge durch die sanfte Rundung der Wangen gemildert wurde. Aber das Leben selbst hatte Ellens Gesicht seinen Ausdruck verliehen, jenen Ausdruck von Stolz, dem doch jeder Hochmut fremd war, von Güte, Melancholie und völliger Beherrschtheit.
Sie hätte eine auffallend schöne Frau sein können, wäre in ihren Augen nur ein Fünkchen Glut gewesen; ein wenig entgegenkommende Wärme in ihrem Lächeln, ein Unterton von Natürlichkeit in der Stimme, die als sanfte Melodie ihren Angehörigen und ihren Bediensteten ans 0hr schlug.
Sie sprach in der weichen, undeutlichen Mundart der georgianischen Küste, mit klingenden Vokalen, leichten Konsonanten und einer Spur von französischem Akzent. Nie hob sich die Stimme zum Befehl an einen Diener, zum Verweis an ein Kind, aber ihr wurde in Tara aufs Wort gehorcht, während das Poltern und Stürmen des Gatten stillschweigend überhört wurde.
Für Scarlett war ihre Mutter seit unvordenklichen Zeiten stets sich selber gleich. Ihre Stimme war ebenmäßig sanft und süß, ob sie lobte oder tadelte, ihre Art und Weise immer gleichmäßig und bestimmt, trotz der täglichen Anforderungen, die Geralds bewegter Haushalt mit sich brachte, der Geist immer ruhig und der Rücken ungebeugt, sogar als die kleinen Söhne starben. Scarlett hatte nie gesehen, daß der Rücken ihrer Mutter eine Stuhllehne berührt hätte. Nie hatte sie gesehen, daß sie sich ohne eine Näharbeit niedersetzte, es sei denn zum Essen, zur Krankenpflege oder zur Buchführung für die Plantage. Wenn Besuch da war, arbeitete sie an feinen Stickereien, sonst waren ihre Hände mit Geralds fein gefältelten Hemden, mit der Garderobe ihrer Töchter oder den Kleidungsstücken für die Sklaven beschäftigt. 0hne goldenen Fingerhut konnte Scarlett sie sich gar nicht vorstellen, ebensowenig wie sie sich von der Seite der seidenraschelnden mütterlichen Gestalt das kleine farbige Mädchen wegdenken konnte, dessen einziges Amt im Leben war, die Heftfäden aufzulesen und der Herrin den Nähkasten aus Rosenholz von Stube zu Stube nachzutragen, wenn sie durchs Haus ging, um die Küche, das Reinmachen und die große Schneiderei für den Bedarf der Plantage zu überwachen.
Nie hatte sie ihre Mutter aus ihrer strengen Gelassenheit heraustreten sehen, nie ihre Kleidung anders als untadelig erblickt, einerlei zu welcher Tagesoder Nachtstunde. Wenn Ellen sich zum Ball, für Gäste oder auch nur für einen Gerichtstag in Jonesboro anzog, brauchte sie für gewöhnlich zwei Stunden, zwei Kammerjungfern und Mammy dazu, bis sie mit ihrer Erscheinung zufrieden war. Dagegen war es ganz erstaunlich, wie geschwind sie sich im Notfall zurechtmachen konnte.
Scarletts Zimmer war von dem ihrer Mutter nur durch die Halle getrennt, und sie kannte von frühester Jugend an das leise Geräusch, mit dem in der Morgendämmerung nackte schwarze Füße über das Hartholz des Fußbodens huschten, das dringende Klopfen an ihrer Mutter Tür und die gedämpften, angstvollen Stimmen der Farbigen, die von Krankheit, Geburt und Tod in der langen Reihe weiß verputzter kleiner Häuser im Viertel der Farbigen flüsterten. Als Kind war sie oft an die Tür geschlichen und hatte durch einen winzigen Spalt Ellen aus dem Dunkel des Zimmers, in dem Gerald mit ungestörter Regelmäßigkeit weiterschnarchte, auftauchen und in das flackernde Licht einer emporgehaltenen Kerze treten sehen, die Arzneitasche unter dem Arm, das Haar in seiner glatten 0rdnung, und am Kleid kein Knopf, der nicht sauber zugemacht war.
Es hatte Scarlett immer so beruhigt, wenn sie ihre Mutter flüstern hörte, bestimmt und doch mitfühlend, während sie auf den Zehenspitzen durch die Halle eilte: »St, nicht so laut. Ihr weckt Mr. 0'Hara. So krank sind sie nicht, daß sie daran sterben müßten.«
Ach ja, es tat so gut, wieder ins Bett zu kriechen und zu wissen, daß Ellen in der Nacht unterwegs und alles in 0rdnung war.




