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Scarlett wollte von Herzen gern so werden wie ihre Mutter; nur gab es da eine Schwierigkeit: wer gerecht und wahrhaftig, liebevoll und selbstlos war, dem entgingen die meisten Freuden des Lebens und vor allem viele Verehrer. Das Leben aber war zu kurz, als daß man so erfreuliche Dinge versäumen durfte. Später einmal, wenn sie erst Ashleys Frau und älter war, später, wenn sie für so etwas Zeit hatte, wollte sie so sein wie Ellen. Bis dahin ...
An diesem Abend vertrat Scarlett ihre Mutter bei der Mahlzeit. Aber in ihrem Gemüt gärte noch immer das Schreckliche, das sie über Ashley und Melanie gehört hatte. Sie sehnte sich voller Verzweiflung danach, daß ihre Mutter von Slatterys zurückkehren möge; ohne sie fühlte sie sich einsam und verlassen. Welches Recht hatten Slatterys mit ihren ewigen Krankheiten, Ellen gerade heute zu beanspruchen, wo doch sie, Scarlett, ihrer so dringend bedurfte!
Während des trübseligen Mahles schlug ihr Geralds dröhnende Stimme schmerzhaft ans 0hr, bis sie meinte, es nicht länger aushallen zu können. Er hatte sein Gespräch mit ihr schon wieder vollständig vergessen und hielt jetzt einen Vortrag über die neuesten Nachrichten aus Fort Sumter, wobei er hin und wieder bekräftigend mit der Faust auf den Tisch schlug und mit den Armen durch die Luft fuchtelte. Er hatte sich zur Gewohnheit gemacht, bei Tisch die Unterhaltung zu beherrschen, und meistens saß Scarlett in ihre eigenen Gedanken versunken dabei und vernahm kaum ein Wort. Aber heute konnte sie sich nicht gegen seine Stimme abschließen, so angestrengt sie auch nach dem Knarren der Wagenräder aushorchte, das Ell ens Rückkehr anzeigen mußte. Natürlich hatte sie nicht die Absicht, ihrer Mutter zu erzählen, was ihr so schwer auf dem Herzen lag. Es hätte Ellen nur befremdet und bekümmert, zu erfahren, daß ihre Tochter einen Mann begehrte, der mit einem anderen Mädchen verlobt war. Aber im Abgrund dieser ersten Tragödie, die ihr widerfuhr, hätte ihr die tröstliche Gegenwart der Mutter schon viel bedeutet. Sie fühlte sich immer geborgen, wenn Ellen bei ihr war; nichts konnte so arg sein, daß Ellen es nicht durch ihre b loße Gegenwartgelindert hätte.
Sie fuhr unvermutet von ihrem Stuhl empor, als sie Räder über die Auffahrt knirschen hörte, und sank wieder zurück, als sie um das Haus herum weiterfuhren bis in den hinteren Hof. Ellen konnte es nicht sein, denn sie wäre gleich bei der vorderen Eingangstreppe ausgestiegen. Dann klang aufgeregtes Geplapper von den Stimmen der Farbigen und schrilles Lachen von draußen herein. Durch das Fenster erblickte Scarlett Pork. Er hielt einen brennenden Kiefernscheit hoch, in dessen Licht man undeutliche Gestalten vom Leiterwagen klettern sah. In der dunklen Nachtluft schwoll das Gelächter und Geschwätze an: anheimelnde, sorglose Stimmen, sanfte Kehllaute und helle Fisteltöne. Dann kamen Schritte die Hintertreppe herauf und weiter durch den Flur, der zum Haupthause führte. In der Halle vor dem Speisezimmer blieben sie stehen, ein kurzes Geflüster, und Pork trat ein, seiner üblichen Würden vollständig bar, mit rollenden Augen und gleißenden Zähnen.
»Master Gerald«, meldete er keuchend; sein Gesicht strahlte vor Bräutigamsstolz. »Die neue Frau sein da.«
»Neue Frau? Ich habe keine neue Frau gekauft«, erklärte Gerald und heuchelte ein äußerst erstauntes Gesicht.
»Doch, doch! Master Gerald, sie sein hier draußen und mögen Sie sprechen!« Pork grinste und rang vor lauter Aufregung die Hände.
»Nun also, bring die Braut herein«, sagte Gerald.
Pork ging in die Halle zu seiner Frau, die von Wilkes' Plantage soeben angekommen war, um ein Glied des Haushaltes auf Tara zu werden. Sie kam herein, hinter ihr her, von ihrem mächtigen Katrunrock fast verborgen, ihr zwölfjähriges Mädchen, das sich an das Bein der Mutter schmiegte.
Dilcey war groß und hielt sich sehr gerade. Sie hätte in jedem Alter zwischen dreißig und sechzig sein können, so glatt war ihr unbewegliches, bronzefarbenes Gesicht. Ihren Zügen sah man deutlich das Indianerblut an, das die Merkmale des Farbigen überwog. Die rote Haut, die schmale, hohe Stirn, die hervortretenden Backenknochen und die Habichtsnase, deren unteres Ende über wulstigen Lippen hing, alles verriet die Mischung der beiden Rassen. Sie trug sich mit einer selbstbeherrschten Würde, die selbst Mammys übertraf. Mammy hatte sich ihre Würde anerzogen, Dilcey lag sie im Blut. Wenn sie sprach, klang ihre Stimme nicht so verschliffen wie bei den meisten Farbigen, auch wählte sie ihre Worte sorgfältiger aus.
»Guten Abend, junge Missis, guten Abend, Master Gerald. Es tut mir leid, daß ich Sie störe, aber ich wollen herkommen und mich bei Ihnen bedanken, weil Sie mich kaufen und mein Kind dazu. Eine Menge Herren vielleicht mich auch kaufen, aber meine Prissy nicht mit kaufen, nur damit ich nicht traurig wäre. Ich danke auch schön. Ich wollen alles für Sie tun und zeigen, daß ich es Ihnen nicht vergesse.«
»Hrr-hmm.« Gerald räusperte sich vor Verlegenheit, weil er öffentlich einer guten Tat überführt wurde.
Dilcey wandte sich zu Scarlett, und etwas wie ein Lächeln huschte um ihre Augenwinkel. »Miß Scarlett, Pork mir sagen, daß Sie Master Gerald gebeten haben, mich doch kaufen. Dafür gebe ich Ihnen meine Prissy als Ihre eigene Kammerzofe.«
Sie langte hinter sich hin und schubste das kleine Mädchen nach vorn. Es war ein schmächtiges braunes Ding, mit Beinen so mager wie Vogelbeine und einer Unzahl sorgfältig mit Zwirn umwickelter Zöpfe, die ihr steif vom Kopf abstanden. Sie hatte ein Paar scharfe Augen, denen nichts entging, und trug eine gewollt dumme Miene zur Schau.
»Danke, Dilcey«, erwiderte Scarlett. »Ich fürchte nur, da hat Mammy ein Wort mitzureden. Sie ist seit meiner Geburt meine Zofe gewesen.«
»Mammy werden alt«, sagte Dilcey mit einer Ruhe, die Mammy in Wut gebracht hätte. »Sie sein eine gute Mammy, aber Miß Scarlett sein jetzt eine junge Dame und brauchen eine gute Zofe, und meine Prissy sein seit einem Jahr bei Miß India Zofe gewesen, sie kann nähen und das Haar aufstecken wie eine Erwachsene.«
Auf einen Rippenstoß der Mutter hin machte Prissy einen Knicks und grinste Scarlett an, die nicht anders konnte als ihr wieder zulächeln. Ein gerissenes kleines Mädel, dachte sie und sagte laut: »Dank dir, Dilcey, wir sprechen weiter darüber, wenn Mrs. 0'Hara nach Hause kommt.«
»Danke, Miß, ich wünsche allen Herrschaften gute Nacht.« Damit kehrte Dilcey sich um und verließ mit dem Kinde das Zimmer, während Pork dienstbeflissen umsie hertänzelte.
Als das Abendessen abgeräumt war, nahm Gerald seinen Vortrag wieder auf, doch machte es ihm selbst keine rechte Freude mehr und den Zuhörern noch weniger. Wenn er donnernd den Krieg als unmittelbar bevorstehend bezeichnete und rhetorisch fragte, ob der Süden sich weitere Beleidigungen von den Yankees bieten lassen dürfe, bekam er darauf nur ein stilles, gelangweiltes »Ja, Papa« und »Nein, Papa« zu hören. Carreen saß auf einem Kissen unter der großen Lampe und vertiefte sich in den Roman von einem Mädchen, das nach dem Tode ihres Liebsten den Schleier genommen hatte. Stille Wonnetränen tropften ihr dabei aus den Augen, und sie sah sich im Geiste selber wohlgefällig mit der weißen Nonnenhaube. Suellen stickte »etwas für ihre Hoffnungstruhe«, wie sie es kichernd nannte, und überlegte sich, ob sie nicht doch morgen auf dem Gartenfest Stuart Tarleton ihrer Schwester abspenstig machen und mit der süßen Weiblichkeit bestricken könnte, die ihr eigen war und Scarlett so ganz abging. Scarlett aber war voll inneren Aufruhrs wegen Ashley.
Wie konnte Pa nur immer weiter über Fort Sumter und die Yankees reden, wo er doch wußte, daß ihr das Herz brach? Sie wunderte sich nach Art sehr junger Leute darüber, daß man ihren Schmerz vergessen konnte und die Welt sich trotz ihrem gebrochenen Herzen weiter drehte wie immer. Ihr schwirrte der Kopf, als brauste ein Sturmwind durch ihn hindurch, und es war so sonderbar, daß das Speisezimmer mit dem wuchtigen Mahagonitisch, den Anrichteschränken, dem schweren Silbergeschirr, mit den bunten Flickenteppichen auf dem blanken Fußboden so friedlich wie immer vor ihr lag. Die ruhigen Stunden, die die Familie hier nach dem Abendessen verbrachte, hatte Scarlett so gern, aber heute war der Anblick ihr verhaßt, und am liebsten wäre sie leise hinausgegangen durch die dunkle Halle in Ellens kleines Schreibzimmer und hätte auf dem alten Sofa ihren Kummer ausgeweint. Dieses Zimmer hatte Scarlett von allen im Hause am liebsten. Hier saß Ellen morgens an ihrem Schreibtisch, führte die Abrechnungen über die Plantage und nahm den Bericht Jonas Wilkersons, des Aufsehers, entgegen. Dort verbrachte auch die Familie ihre Mußestunden, während Ellens Gänsekiel über die Buchseiten flog, Gerald in dem alten Schaukelstuhl, die Mädchen auf den eingesessenen Sofakissen, die zu zerschlissen und abgenutzt für die Vorderzimmer waren.
Dort zu sein, allein mit Ellen, sehnte Scarlett sich jetzt, und - den Kopf imSchoßeder Mutter- ungestörtzu weinen.
Da knirschten Räder geräuschvoll durch den Kies, und schon war Ellens sanfte Stimme draußen zu vernehmen. Gespannt blickten alle auf, als sie mit ihrem wiegenden Gang hereintrat. Mit ihr kam der schwache Duft von Zitrone und Verbene, der immer den Falten ihres Kleides entströmte und den Scarlett allezeit mit dem Bild der Mutter verband. Ein paar Schritte hinter ihr folgte Mammy, die Ledertasche in der Hand, mit vorgeschobener Unterlippe und gesenkten Brauen. Sie sprach, während sie hereinwatschelte, leise vor sich hin, und zwar so, daß ihre Bemerkungen nicht verstanden wurden, aber doch ihre entschiedene Mißbilligung zumAusdruck brachten.
»Es tut mir leid, daß ich so spät komme.« Ellen ließ ihr Plaid von den Schultern gleiten, gab es Scarlett und streichelte ihr die Wange. Bei ihrem Eintritt hellte sich Geralds Gesicht auf. »Ist das Wurm getauft?« erkundigte er sich.
»Ja, und tot, das arme Ding«, sagte Ellen. »Ich fürchtete, Emmie würde auch sterben, aber ich glaube, sie bleibt am Leben.« Die Mädchen hoben ihre erschrockenen, fragenden Gesichter empor, und Gerald schüttelte philosophisch den Kopf: »Nun, es ist besser, das Wurm ist tot, das arme vaterlose ...«
»Es ist schon spät, wir sollten lieber jetzt beten.« Ellen unterbrach ihn so sanft, daß die Unterbrechung unbemerkt vorübergegangen wäre, hätte Scarlett ihre Mutter nicht so gut gekannt. Gern hätte Scarlett gewußt, wer der Vater von Emmie Slatterys Baby war, aber wenn sie die Wahrheit von ihrer Mutter zu hören begehrte, so würde sie sie nie erfahren. Sie hatte Jonas Wilkerson im Verdacht, denn sie hatte ihn oft bei einbrechender Nacht mit Emmie die Landstraße entlanggehen sehen. Jonas war Junggeselle und ein Yankee. Seine Stellung als Sklavenaufseher schloß ihn ein für allemal von jeder Berührung mit der Gesellschaft des Landes aus. In keine auch nur halbwegs angesehene Familie konnte er hineinheiraten, mit niemand konnte er verkehren, außer mit den Slatterys und ähnlichem Gelichter. Da er an Bildung mehrere Stufen höher stand als die Slatterys, hatte er natürlich keine Lust, Emmie zu heiraten, sooft er auch in der Dämmerung mit ihr spazierenging. Scarlett seufzte, denn sie war sehr neugierig. Immer gingen unter den Augen ihrer Mutter Dinge vor sich, die Ellen so wenig bemerkte, als seien sie überhaupt nicht vorhanden. Ellen sah über alles Unschickliche hinweg und verlangte von Scarlett dasselbe, allerdings nur mit kümmerlichem Erfolg.
Ellen war zum Kamin gegangen und hatte aus dem kleinen eingelegten Kästchen ihren Rosenkranz genommen, als Mammy energisch dazwischentrat: »Mrs. Ellen, erst wird zu Abend gegessen, ehe Sie beten.«
»Danke, Mammy, ich habe keinen Hunger.«
»Ich richte Ihnen selbst die Mahlzeit an, und dann essen Sie.« Mammy runzelte vor Entrüstung die Stirn und begab sich durch die Halle in die Küche. »Pork!« rief sie, »sag der Köchin, sie soll das Feuer anblasen, Mrs. Ellen sein da.« Während die Dielen unter ihrem Gewicht erdröhnten, wurde das Selbstgespräch, in dem sie schon zuvor begriffen war, immer lauter, bis man es im Speisezimmer deutlich verstehen konnte: »Ich sagen es immer wieder, es haben keinen Zweck, für das weiße Pack sorgen, das sein die größten Faulpelze und undankbarsten Nichtsnutze, Mrs. Ellen sollen sich nicht todmüde machen für Leute, die Farbigen genug zum Pflegen haben können, wenn sie nur einen Schuß Pulver wert sein, ich haben gesagt ...«
Ihre Stimme verklang. Sie hatte ihre eigene Methode, den Herrschaften ihren Standpunkt klarzumachen. Sie wußte wohl, daß es unter der Würde der Weißen war, zuzuhören, wenn ein Schwarzer vor sich hin sprach. Sie war vor Antworten und Verweisen sicher, wenn sie sich auch noch so laut vernehmen ließ, und doch blieb keiner über ihre Meinung im Zweifel.
Pork kam mit einem Teller, dem Besteck und einer Serviette herein. Ein kleiner farbige Junge folgte ihm auf dem Fuße. Mit der einen Hand knöpfte er hastig seine weiße Leinenjacke zu, in der anderen trug er einen Fliegenwedel aus dünnen Streifen Zeitungspapiers an einem Bambusrohr, das länger war als er selbst. Ellen besaß einen prachtvollen Fliegenwedel aus Pfauenfedern, aber der wurde nur bei ganz besonderen Anlässen gebraucht, und auch dann nur nach langen häuslichen Kämpfen, denn Pork, die Köchin und Mammy waren der hartnäckigen Überzeugung, daß PfauenfedernUnglück brächten.
Ellen setzte sich auf den Stuhl, den Gerald für sie hervorzog, und dann fielen sie vierstimmig über sie her:
»Mutter, an meinem Ballkleid ist die Spitze los. Ich will es doch morgen in Twelve 0aks anziehen. Nähst du sie mir wieder an?«
»Mutter, Scarletts neues Kleid ist viel hübscher als meins, ich sehe in Rosa wie eine Vogelscheuche aus. Kann sie nicht mein rosa Kleid anziehen und ich ihr grünes?«
»Mutter, darf ich morgen für den Ball aufbleiben? Ich bin doch schon dreizehn.«
»Mrs. 0'Hara, sollte man es glauben - seht, ihr Mädchen, erst komme ich! - Cade Calvert war heute früh in Atlanta und sagt - wollt ihr still sein, ich kann ja mein eigenes Wort nicht verstehen! - er sagt, sie seien dort alle in mächtiger Aufregung und redeten von nichts anderem als vom Krieg, und in Charleston heißt es, man würde sich nun nichts mehr von den Yankees gefallen lassen.«
Ellen lächelte müden Mundes in den Tumult hinein und wandte sich zunächst, wie es sich gehörte, an ihren Mann. »Wenn das die Meinung und das Gefühl der netten Leute in Charleston ist, so haben sie sicher recht«, sagte sie. Sie hatte die feste Überzeugung, daß, mit alleiniger Ausnahme von Savannah, die Vornehmsten auf dem ganzen Erdteil in jenem kleinen Seehafen zu finden seien, eine Überzeugung, die von den Leuten aus Charleston selber in hohem Grade geteilt wurde.
»Nein, Carreen, nächstes Jahr, mein Kind, dann darfst du zum Ball aufbleiben und Kleider wie die Großen tragen. Dann wird mein kleiner Rotback sich aber amüsieren. Nicht maulen, du weißt doch, du darfst auf das Gartenfest und bis zum Abendessen aufbleiben, aber Bälle sind erst mit vierzehn Jahren erlaubt.«
»Gib mir dein Kleid, Scarlett. Ich nähe dir nach der Abendandacht die Spitze an.«
»Suellen, dein Ton gefällt mir nicht. Dein rosa Kleid ist wunderhübsch und steht gut zu deinem Teint wie Scarletts zu dem ihren. Aber du darfst morgen meine Granatkette tragen.«
Hinter dem Rücken der Mutter machte Suellen triumphierend eine krause Nase zu Scarlett, die gehofft hatte, selber die Kette zu tragen. Scarlett steckte ihr die Zunge heraus. Suellen konnte mit ihrem Gejammer und ihrer Selbstsucht unerträglich sein, und hätte nicht Ellens Gegenwart Scarlett zurückgehalten, so hätte sie ihre Schwester schon des öfteren geohrfeigt.
»Erzähl mir mehr davon, was Mr. Calvert aus Charleston berichtet hat«, sagte Ellen zu ihrem Mann.
Scarlett wußte wohl, daß ihre Mutter sich für Krieg und Politik gar nicht interessierte. Das waren für sie männliche Angelegenheiten, um die eine Dame sich nicht kümmerte. Aber Gerald hatte Freude daran, seine Ansichten zum besten zu geben, und Ellen war stets darauf bedacht, ihrem Manne eine Freude zu machen.
Während Gerald seine Neuigkeiten heraussprudelte, stellte Mammy ihrer Herrin die Schüssel hin: Gebäck mit goldiger Kruste, gebratene Hühnerbrust und eine dampfende, aufgeplatzte gelbe Batate, von der die geschmolzene Butter herabtroff. Mammy gab dem kleinen Jack einen Puff, und er begann eilends, hinter Ellens Rücken zu wedeln. Mammy stand neben dem Tisch und beobachtete jeden Bissen, der vom Teller zum Munde der Herrin wanderte. Scarlett sah, daß Ellen vor Müdigkeit kaum wußte, was sie aß. Nur Mammys unerbittliche Miene zwang sie dazu. Als die Schüssel leer war und Gerald seinen Vortrag über die leidigen Yankees noch nicht annähernd beendet hatte, stand Ellen auf.
»Wollen wir schon beten?« fragte er.
»Ja, es ist schon spät - wahrhaftig, zehn Uhr. Carreen sollte längst schlafen. Bitte, die Lampe, Pork, und mein Gebetbuch, Mammy.« Auf Mammys heiseres Geflüster stellte Jack seinen Fliegenwedel in die Ecke und räumte die Schüssel weg, während Mammy in der Schublade der Anrichte nach Ellens zerlesenem Gebetbuch suchte. Pork stellte sich auf die Zehen, faßte den Ring an der Kette und zog die Hängelampe langsam herunter, bis das obere Ende des Tisches in Licht getaucht war und die Zimmerdecke im Dunkeln verschwand. Ellen schob ihre Röcke zurecht und ließ sich auf die Knie nieder, legte das offene Gebetbuch auf den Tisch vor sich hin und faltete darüber die Hände. Gerald kniete neben ihr. Scarlett und Suellen nahmen ihre gewohnten Plätze am anderen Ende des Tisches ein und legten ihre faltigen Unterröcke unter den Knien zu einem Polster zusammen, damit ihnen der harte Fußboden nicht so weh täte. Carreen, die klein für ihr Alter war, konnte nicht recht am Tisch knien und ließ sich deshalb vor einem Stuhl nieder, die Ellenbogen auf dem Sitz. So kniete sie gern, denn sie schlief fast immer während der Andacht ein, und wenn sie in dieser Stellung hockte, merkte ihre Mutter nichts davon. Die farbigen Bediensteten kamen in die Halle geschlurft und geraschelt und knieten dann an der Tür. Mammy stöhnte laut auf, als sie sich niederließ, Pork hielt sich gerade wie ein Ladestock, Rosa und Teena breiteten anmutig die bunten Kattunröcke aus. Die Köchin sah hager und gelb unter ihrem schneeweißen Kopftuch hervor, und der ganz verschlafene Jack suchte sich seinen Platz so weit entfernt von Mammys kneifenden Fingern wie nur möglich. Die dunklen Augen der Farbigen glänzten erwartungsvoll, die Andacht mit der weißen Herrschaft war eins der Ereignisse des Tages. Von den alten, schönen Sprüchen der Litanei und ihrer morgenländischen Bildersprache verstanden sie nicht viel, und doch gingen sie ihnen zu Herzen, und während sie singend respondierten: »Herr, erbarme dich unser, Christe, erbarme dich unser«, wiegten sie den 0berkörper andächtig hin und her.
Ellen schloß die Augen und fing an zu beten, ihre Stimme hob und senkte sich beruhigend wie ein Schlummerlied. Die Köpfe senkten sich in den gelben Lichtkreis, als Ellen Gott dankte für die Gesundheit und das Glück ihres Heimes und ihrer Familie und ihrer Farbigen.
Als sie ihre Gebete für alle Bewohner von Tara, für ihren Vater, ihre Mutter, ihre Schwestern, die drei kleinen toten Söhne und »alle die armen Seelen im Fegefeuer« beendet hatte, nahm sie die weißen Perlen in ihre schlanken Finger und begann den Rosenkranz zu beten. Wie ein sanfter Wind kamen die Antworten aus schwarzen und aus weißen Kehlen zurückgesäuselt:
»Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.«
Trotz ihrem Herzweh und dem Schmerz unvergossener Tränen kam Ruhe und tiefer Friede über Scarlett, wie immer zu dieser Stunde. Ein wenig von der Enttäuschung dieses Nachmittags, von der Angst vor dem kommenden Tag wich von ihr. Nicht die Erhebung des Herzens zu Gott brachte ihr diese Linderung; denn Religion war ihr kaum mehr als Lippendienst. Es war der Anblick ihrer Mutter, wie sie ihr verklärtes Gesicht zum Throne Gottes, seinen Heiligen und Engeln erhob und Segen herabflehte auf die Menschen, die sie liebte, der ihr so naheging. Wenn Ellen im Himmel für sie eintrat, mußte der Himmel sie erhören, dessen war Scarlett gewiß.
Ellen war fertig, und Gerald, der seinen Rosenkranz zur Abendandacht nie finden konnte, begann verstohlen sich die Aves und Paternosters an den Fingern abzuzählen. Bei seinem summenden Psalmodieren konnte Scarlett nicht verhindern, daß ihre Gedanken abschweiften. Sie wußte wohl, sie sollte jetzt ihr Gewissen prüfen. Ellen hatte sie gelehrt, es sei ihre Pflicht, am Ende jedes Tages in ihrem Gewissen gründlich Umschau zu halten, ihre zahlreichen Verfehlungen zu gestehen und Gott um Vergebung und um die Kraft zu bitten, nicht wieder rückfällig zu werden. Scarlett aber prüfte ihr Herz.
Sie ließ den Kopf auf den gefalteten Händen, so daß die Mutter ihr Gesicht nicht sehen konnte, und die Gedanken wanderten betrübt zu Ashley zurück. Wie konnte er nur beschlossen haben, Melanie zu heiraten, wo er in Wirklichkeit doch sie, Scarlett, liebte? Und wenn er wußte, wie sehr sie ihn liebte? Wie konnte er ihr so das Herz brechen?
Da auf einmal fuhr ihr strahlend und hell wie ein Komet ein neuer Gedanke durch den Sinn. »Mein Gott, Ashley hat ja keine Ahnung davon, daß ich ihn liebe!«
So unerwartet kam ihr diese Erleuchtung, daß sie vor Schreck beinahe laut aufgeatmet hätte. Einen langen, atemlosen Augenblick stockten ihre Gedanken wie gelähmt, dann rasten sie weiter.
»Woher sollte er es denn wissen? Ich habe mich ihm gegenüber immer so zimperlich und damenhaft benommen und bin in seiner Gegenwart ein solches Rührmichnichtan gewesen, daß er wahrscheinlich denkt, ich mache mir nichts aus ihm, außer höchstens als Freund. Natürlich, darum hat er nie etwas gesagt! Er hält seine Liebe für hoffnungslos, und darum ...«
Geschwind eilten die Gedanken zurück in jene Zeiten, da sie ihn dabei ertappt hatte, wie er sie so seltsam ansah, da die grauen Augen, die seine Gedanken sonst so vollständig verhüllten, offen und nackt vor ihr gelegen hatten mit einem Blick voller Qual und Verzweiflung.
»Er denkt, ich sei in Brent, Stuart oder Cade verliebt, daher sein enttäuschtes Herz. Und wenn er mich doch nicht haben kann, meint er sicherlich, er könne seiner Familie zu Gefallen ebensogut Melanie heiraten. Wenn er aber wüßte, daß ich ihn liebe ...«
Ihr bewegliches Gemüt schnellte aus tiefster Niedergeschlagenheit empor zu seliger Erregung. Das also war die Erklärung für Ashleys Stillschweigen, für sein seltsames Verhalten. Er wußte nicht! Ihre Eitelkeit kam ihrem Wunsch zu Hilfe, Glaube wurde Sicherheit. Wenn er nur wüßte, daß sie ihn liebte, käme er eilends zu ihr. Sie brauchte nur ...
»Ach!« dachte sie überglücklich und grub ihre Finger in die gesenkte Stirn. »Ich Dummkopf, warum fällt mir das jetzt erst ein! Ich muß mir etwas ausdenken, um es ihn wissen zu lassen. Er heiratet sie sicher nicht, wenn er weiß, daß ich ihn liebe! Wie könnte er denn?«
Sie fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß Gerald zu beten aufgehört hatte und der Blick ihrer Mutter auf ihr ruhte. Hastig begann sie ihre Gebete und sprach mechanisch herunter, was der Rosenkranz verlangte, aber mit so viel Ergriffenheit in der Stimme, daß Mammy die Augen öffnete und sie forschend von der Seite ansah. Als sie die Gebete gesprochen hatte und Suellen und dann Carreen mit den ihren folgten, jagten ihre Gedanken immer noch weiter mit der berauschenden neuen Hoffnung. Auch jetzt war es noch nicht zu spät! Allzu oft schon hatte sich die Provinz entrüsten müssen über Entführungen in dem Augenblick, da die eine oder die andere Partei mit einem Dritten schon so gut wie vor dem Altar stand. Und Ashleys Verlobung war noch nicht einmal veröffentlicht. 0 ja, sie hatte reichlich Zeit! Wenn nicht Liebe Ashley an Melanie band, sondern nur ein altes Versprechen, warum sollte es dann nicht möglich sein, daß er sein Wort zurücknahm und sie, Scarlett, heiratete? Das tat er sicher, sobald er nur wußte, daß sie ihn liebte. Sie mußte es ihn auf irgendeine Weise wissen lassen. Wie, das wollte sie schon ersinnen! Und dann ...
Scarlett schreckte jäh aus ihrer Traumseligkeit empor. Sie hatte die Responsorien versäumt, und ihre Mutter sah sie vorwurfsvoll an. Als sie in das Ritual wieder einfiel, schlug sie geschwind die Augen auf und warf einen raschen Blick durch das Zimmer. Die knienden Gestalten, das milde Lampenlicht, der dämmerige Schatten, in dem die Farbigen sich wiegten, sogar die vertrauten Gegenstände, die noch vor einer Stunde ihrem Auge so verhaßt gewesen waren, alles nahm augenblicklich die Farbe ihres bewegten Gemüts an, und das Zimmer wurde wieder schön. Diesen Augenblick, dieses Bild würde sie niemals vergessen!




