- -
- 100%
- +
»Treueste Jungfrau«, betete die Mutter. Die Litanei der Jungfrau begann, und gehorsam respondierte Scarlett: »Bitte für uns«, während Ellen in sanftem Alt die Attribute der Mutter Gottes pries.
Schon als kleines Kind hatte Scarlett bei diesen Worten immer mehr ihre Mutter angebetet als die Jungfrau, und so war es auch jetzt noch. Mochte es auch eine Gotteslästerung sein, Scarlett sah immer durch die geschlossenen Lider hindurch Ellens emporgerichtetes Gesicht und nicht die Heilige Jungfrau, wenn die uralten Worte erklangen: »Heil der Kranken, Sitz der Weisheit, Zuflucht der Sünder, geheimnisvolle Rose« - die Worte waren schön, weil sie Ellens Attribute waren. Aber heute abend hatte die ganze Zeremonie, die leisen Worte, die gemurmelten Antworten, für Scarlett in ihrem eigenen Hochgefühl eine Schönheit, wie sie sie nie zuvor erlebt hatte. Ihr Herz erhob sich zu Gott in aufrichtigem Dank dafür, daß ihren Füßen ein Pfad sich öffnete - ein Pfad aus dem Elend, geradeswegs in Ashleys Arme.
Als das letzte Amen verklungen war, erhoben sie sich alle auf die etwas steifen Füße, Teena und Rosa richteten mit vereinten Kräften Mammy wieder auf. Pork nahm einen langen Lichtstock vom Kamin, entzündete ihn an der Lampe und ging hinaus in die Halle. Der Wendeltreppe gegenüber befand sich ein Anrichteschrank aus Nußbaumholz, der für das Eßzimmer zu groß war, und auf seinem weiten Sims standen mehrere Lampen und eine lange Reihe Leuchter mit Kerzen. Pork zündete ein Lampe und drei Kurzen an und geleitete mit der Würde eines ersten Kammerherrn des königlichen Schlafgemachs, der dem König und der Königin in ihre Gemächer voranleuchtet, die Prozession die Treppe hinauf, die Kerze hoch über dem Kopf. Ellen folgte ihm an Geralds Arm, dann gingen die Mädchen, jedes mit seinem eigenen Leuchter, hinauf. Scarlett ging in ihr Zimmer, stellte die Kerze auf ihre hohe Kommode und suchte in dem dunklen Wandschrank nach dem Ballkleid, an dem etwas zu nähen war. Sie nahm es und schritt dann leise über den Flur. Die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern stand ein wenig offen, und ehe sie klopfen konnte, vernahm sie Ellens Stimme leise, aber streng: »Mr. 0'Hara, du mußt Jonas Wilkerson entlassen.«
Gerald schäumte auf: »Und woher soll ich einen neuen Aufseher bekommen, der mich nicht übers 0hr haut?«
»Er muß sofort entlassen werden, morgen früh. Der große Sam ist ein guter Vorarbeiter, er kann das Amt so lange übernehmen, bis du einen neuen Aufseher anstellst.«
»Ah, so!« klang darauf Geralds Stimme. »Jetzt verstehe ich! Dann hat also der würdige Jonas mit der ...«
»Er muß entlassen werden.«
»Er ist also der Vater von Emmie Slatterys Baby«, dachte Scarlett. »Nun ja, was kann man von einem Yankee und einem Mädchen aus dem weißen Pack anderes erwarten?«
Nach einer behutsamen Pause, in der Geralds Wortschwall Zeit hatte abzuebben, klopfte sie an die Tür und reichte ihrer Mutter das Kleid.
Als sie sich dann ausgezogen und das Licht gelöscht hatte, war ihr Plan für morgen bis in jede Einzelheit fertig. Ein einfacher Plan. Mit der von Gerald ererbten Geradlinigkeit sah sie nur das eine Ziel vor sich und den kürzesten Weg, der dahin führte.
Zuerst wollte sie »stolz« sein, wie Gerald befohlen hatte, sobald sie aber in Twelve 0aks ankamen, wollte sie ihre lustigste, ausgelassenste Miene aufsetzen. Niemand sollte auf den Gedanken kommen, sie könne wegen Ashley und Melanie traurig sein. Und dann wollte sie jedem Manne dort Augen machen. Das war vielleicht grausam gegen Ashley, aber er würde nur um so leidenschaftlicher nach ihr verlangen. Keinen Mann in heiratsfähigem Alter wollte sie übersehen, von dem alten Rotbart Frank Kennedy, Suellens Verehrer, bis zu dem schüchternen, stillen, fortwährend errötenden Charles Hamilton, Melanies Bruder. Sie sollten sie alle umschwärmen wie Bienen ihren Stock; sicher würde das Ashley von Melanies Seite weg in den Kreis ihrer Bewunderer ziehen. Darauf wollte sie es einrichten, fern von der Menge ein paar Minuten mit ihm allein zu sein. Wenn Ashley nicht den ersten Schritt tat, so mußte sie ihn eben selber tun.
Waren sie dann endlich allein, so war der Eindruck von all den andern Männern noch frisch in seiner Seele; die Tatsache, daß alle sie umwarben, ging ihm nahe, und dann würden seine Augen den bekümmerten, verzweifelten Blick haben. Aber dann wollte sie ihn wieder glücklich machen und ihn fühlen lassen, daß sie, die von allen Geliebte, ihn allen andern Männern auf der Welt vorzog. Und während sie es verschämt und süß gestand, sollte er noch tausenderlei mehr in ihren Augen lesen. Natürlich würde das alles auf die vornehmste Weise geschehen. Sie würde sich nicht im Traum einfallen lassen, ihm offen zu sagen, daß sie ihn liebte - das ging auf keinen Fall. Die Art, wie sie es ihn merken lassen wollte, war eine Nebensache, über die sie sich nicht den Kopf zerbrach. Mit einer solchen Lage war sie schon fertig geworden, und es würde ihr wieder gelingen.
Wie sie da im dämmerigen Mondenschein in ihrem Bett lag, stellte sie sich die ganze Szene vor. Sie sah sein Gesicht, überrascht, in Glück erstrahlen, wenn er begriff, daß sie ihn wirklich liebte. Sie hörte ihn fragen, ob sie seine Frau werden wollte.
Natürlich mußte sie dann erwidern, daß sie überhaupt gar nicht daran denken könne, jemanden zu heiraten, der mit einem anderen Mädchen verlobt sei, aber dann würde er darauf bestehen, und schließlich wollte sie sich überreden lassen. Und dann würden sie beschließen, noch denselben Nachmittag nach Jonesboro durchzugehen und ...
Wahrhaftig, morgen abend um diese Zeit war sie vielleicht schon Frau Ashley Wilkes!
Sie setzte sich im Bett auf, umfaßte ihre Knie und war eine lange, glückliche Weile wirklich Frau Ashley Wilkes - Ashleys Braut! Dann überkam sie ein leiser Schauder. Wenn es nun nicht so gehen würde? Wenn Ashley sie nun nicht entführte? Entschlossen schlug sie sich den Gedanken aus dem Sinn.
»Daran will ich nicht denken«, sagte sie fest, »sonst komme ich aus dem Gleichgewicht. Ich sehe gar keinen Grund dazu, daß es nicht so gehen sollte, wie ich will - wenn er mich liebt. Und ich weiß es, daß er mich liebt!«
Sie hob das Kinn, die grünen Augen funkelten im Mondlicht. Ellen hatt e ihr nie gesagt, daß Begehren und Erlangen zweierlei sei. Das Leben hatte sie noch nicht gelehrt, daß nicht immer der Schnellfüßigste das Rennen gewinnt. Da lag sie im silbrigen Dunkel und faßte neuen Mut, schmiedete Pläne, wie eben eine Sechzehnjährige sie schmiedet, wenn das Leben so schön ist, daß eine Niederlage unmöglich scheint; wenn ein hübsches Kleid und ein schöner Teint Waffen genug sind, das Schicksal zu besiegen.
Es war zehn Uhr in der Frühe. Für einen Apriltag war es sehr warm, heller Sonnenschein strömte durch die blauen Gardinen der breiten Fenster in Scarletts Zimmer hinein. Die cremefarbenen Wände erglühten in seinem Licht, in den Mahagonimöbeln schimmerte es wie roter Wein, der Fußboden spiegelte wie Glas, wo er nicht mit den farbe nfrohen Flickenteppichen belegt war. Schon meldete der georgianische Sommer sich an, vor dessen grimmiger Hitze die Flut des Frühlings widerstrebend zurückebbte. Balsamische Wärme, schwer vom Duft der Blüten und der feuchten Erdschollen, drang in den Raum. Durch das Fenster erblickte Scarlett den prangenden Farbenflor der Narzissen zu beiden Seiten der kiesbestreuten Auffahrt und die goldige Flut gelben Jasmins, der seine Blütenzweige wie einen Reifrock zur Erde spreizte. Spottdrosseln und Häher trugen ihre alte Fehde um den Besitz des Magnolienbaumes unter ihrem Fenster aus. Man hörte ihre zankenden Stimmen, die schrillen, harten der Häher, das sanfte Klagen der Spottdrosseln.
Ein so schöner Morgen rief Scarlett immer ans Fenster, um, die Arme auf das breite Sims gestützt, die Düfte und Laute von Tara einzusaugen. Heute aber hatte sie kein Auge für all die Schönheit, sondern nur den Stoßseufzer: »Gottlob, daß es nicht regnet!« Auf dem Bett lag ihr apfelgrünes Moirekleid mit den maisfarbenen Spitzenvolants, sauber in eine große Pappschachtel verpackt. Es sollte nach Twelve 0aks gebracht und zum Tanz angezogen werden; aber Scarlett zuckte nur die Achseln, als sie es sah. Wenn ihr Plan gelang, so würde sie das Kleid heute abend nicht anziehen. Längst, ehe der Ball anfing, waren sie und Ashley dann schon auf dem Wege nach Jonesboro, um zu heiraten. Die lästige Frage war vielmehr, was sie für das große Gartenessen, das mittags stattfand, anziehen sollte. Welches Kleid brachte ihre Reize am besten zur Geltung und machte sie am unwiderstehlichsten? Seit acht Uhr hatte sie Kleider anprobiert und wieder weggehängt, und nun stand sie mißmutig und unschlüssig in ihrer Spitzenhose, der Batistuntertaille und drei wogenden, spitzenbesetzten Unterröcken da. Alles, was sie schon verworfen hatte, lag auf dem Fußboden, auf Bett und Stühlen um sie her in farbenfrohen Haufen Stoffs und schleifender Bänder.
Das rosa 0rgandykleid mit der langen Schärpe kleidete sie zwar gut, aber sie hatte es erst vorigen Sommer getragen, als Melanie in Twelve 0aks zu Besuch war, und die hatte es sicher nicht vergessen, war vielleicht sogar boshaft genug, sie daran zu erinnern. Von dem schwarzen Bombasinkleid mit den Puffärmeln und dem Stuartkragen hob ihre Haut sich prachtvoll ab, aber es machte sie älter aussehen. Scarlett warf einen ängstlichen Blick in den Spiegel auf ihr sechzehnjähriges Gesicht, als vermutete sie darin Runzeln und hängende Kinnfalten. Auf keinen Fall durfte sie neben Melanies reizender Jugendlichkeit alt und würdig aussehen. D as Musselinkleid mit den lavendelfarbenen Streifen und den breiten Einsätzen von Spitzen und Filet war prachtvoll, aber es paßte nicht zu ihrer Erscheinung. Carreens zartem Profil und unfertigem Ausdruck mußte es vorzüglich stehen, Scarlett selbst kam sich darin wie ein Schulmädchen vor. Das grünschottische Taftkleid mit all seinen rauschenden Falten, deren jede mit grünem Samtband eingefaßt war, war höchst kleidsam und eigentlich ihr liebstes, denn es machte ihre Augen dunkel wie Smaragde. Ein unverkennbarer Fettfleck saß jedoch gerade vorn auf der Taille. Sie konnte ihn natürlich mit einer Brosche zudecken, aber Melanie hatte scharfe Augen! Dann waren noch verschiedene bunte Waschkleider da, in denen Scarlett sich jedoch nicht festlich genug für diese Gelegenheit fühlte, einige Ballkleider und das grüne, geblümte Musselinkleid, das sie gestern getragen hatte. Aber das war ein Nachmittagskleid und für ein Gartenfest nicht passend. Es hatte nur winzige Puffärmel und war am Halse so tief ausgeschnitten wie ein Tanzkleid. Und doch blieb ihr nichts übrig, als es anzuziehen. Schließlich brauchte sie sich ihres Halses, ihrer Arme, ihres Busens nicht zu schämen, wenn es auch nicht ganz passend war, sie schon vormittags zu zeigen.
Als sie dann vor dem Spiegel stand und sich drehte und wendete, fand sie, daß an ihrer Figur wahrlich nichts zu verstecken sei. Ihr Hals war kurz, aber schön gebogen, die Arme lockend und voll. Die Brust, die das Korsett hochschob, war sehr hübsch. Nie hatte sie feine Seidenrüschen ins Taillenfutter zu nähen brauchen wie die meisten Mädchen ihres Alters, um damit ihrer Figur die gewünschte Rundung zu geben. Sie war froh, daß sie Ellens schlanke Hände und Füße geerbt hatte, und wünschte sich Ellens Größe dazu, obwohl sie mit ihrem eigenen kleineren Wuchs durchaus nicht unzufrieden war. »Schade, daß man die Beine nicht zeigen darf«, dachte sie und zog die Unterröcke empor. Da schauten sie unter den Spitzenhöschen hervor, gut geformt und gerundet, beängstigend hübsch. Sogar auf der Töchterschule in Fayetteville hatten die Mädchen zugeben müssen, daß sie hübsche Beine hatte. Und nun erst ihre Taille - in allen drei Provinzen gab es keine schlankere!
Ihre Taille brachte sie wieder auf praktische Gedanken. Das grüne Musselinkleid maß um den Gürtel dreiundvierzig Zentimeter, und Mammy hatte sie für das fünfundvierzig Zentimeter weite Bombasinkleid geschnürt. Mammy mußte sie fester schnüren. Sie öffnete die Tür und rief ungeduldig nach ihr. Sie durfte ungestraft ihre Stimme erheben, denn Ellen war in der Vorratskammer und teilte der Köchin die Vorräte für den Tag zu.
»Einige Leute denken immer, ich kann fliegen«, knurrte Mammy und schlurfte die Treppe hinauf. Keuchend trat sie ein mit dem Gesicht eines Menschen, der auf einen Kampf gefaßt ist und sich darauf freut. In den großen schwarzen Händen trug sie ein Tablett mit dampfenden Speisen, zwei großen Bataten mit Butter darüber, einem Häufchen Buchweizenkuchen, von denen der Sirup herabtroff, und einer großen Scheibe Schinken in einer fetten Sauce. Als Scarlett sah, was Mammy in der Hand trug, wechselte ihr Ausdruck von leichtem Ärger zu Eigensinn. In ihrer Aufregung hatte sie Mammys eherne Regel vergessen, nach der die 0'Haraschen Mädchen vor jeder Gesellschaft daheim so viel essen mußten, daß sie dort keiner Erfrischung mehr bedurften.
»Es hat keinen Zweck, ich esse nicht, du kannst es wieder in die Küche bringen.«
Mammy setzte das Tablett auf den Tisch und stellte sich in Positur. »Du ißt. Ich will es nicht noch einmal erleben, was bei dem letzten Gar tenfest passierte, als ich von Schwarzsauer so krank, daß ich dir kein Essen bringen können, hiervon du mir aufessen jeden Bissen!«
»Fällt mir nicht ein! Komm lieber her und schnüre mich fester, sonst kommen wir zu spät. Da kommt schon der Wagen vorgefahre n.«
Mammy verfiel in schmeichlerische Töne: »Miß Scarlett, sei lieb und nur ein kleines bißchen essen. Miß Carreen und Miß Suellen haben ihrs alles aufgegessen.«
»Das sieht ihnen ähnlich«, sagte Scarlett verächtlich. »Die haben nicht mehr Mut als ein Karnickel. Ich will nicht. Ich weiß noch, wie ich einmal alles gegessen hatte und zu Calverts ging, und da gab es Rahmeis, das sie die ganze Strecke von Savannah herangeholt hatten, und ich konnte nur einen Löffel davon essen. Heute will ich es mir gut gehen lassen und so viel essen, wie ich Lust habe.«
Vor so viel Trotz senkte Mammy entrüstet die Brauen. Was ein junges Mädchen durfte und was nicht, war in Mammys Kopf eingeteilt in Schwarz und Weiß. Eine Mitte gab es da nicht. Suellen und Carreen waren wie Wachs in ihren gewaltigen Händen und hörten ehrfürchtig auf ihre Ermahnungen. Aber Scarlett beizubringen, daß fast alle ihre natürlichen Neigungen und Einfalle nicht damenhaft seien, war immer ein hartes Stück Arbeit gewesen. Mammys Siege über Scarlett waren schwer erkämpft und zeugten von Winkelzügen, die einem weißen Verstand unbekannt waren.
»Wenn es dir einerlei ist, wie Herrschaften über unsere Familie reden, mir nicht einerlei«, murrte sie. »Ich wollen nicht dabeistehen, wenn sie alle auf der Gesellschaft sagen, Miß Scarlett nicht gut erzogen, ich dir immer schon sagen, daß man eine Dame daran erkennen, ob sie wie ein kleines Vögelchen essen, und du sollst mir nicht zu Wilkes gehen und wie ein Ackerknecht essen und dich vollstopfen wie ein Schwein.«
»Mutter ist eine Dame und ißt doch«, gab Scarlett zurück.
»Wenn du verheiratet bist, darfst du auch essen«, entgegnete Mammy. »Als Mrs. Ellen so alt war wie du, sie nie essen, wenn sie bei fremden Leuten war, und auch Tante Pauline und Tante Eulalia nicht, und die haben alle geheiratet; junge Fräuleins, die so viel essen, kriegen nie einen Mann.«
»Das glaube ich nicht. Bei dem Gartenfest, wo dir schlecht wurde und ich vorher nichts gegessen hatte, sagte Ashley Wilkes, ein Mädchen mit einem gesunden Appetit gefalle ihm.«
Mammyschüttelte unheilverkündend den Kopf.
»Was ein Herr sagen und was er denken - gar nicht dasselbe! Und ich haben nicht gemerkt, daß Mr. Ashley umdich anhalten.«
Scarlett wollte ihr scharf erwidern, faßte sich aber. Als Mammy ihre Verstocktheit sah, nahm sie das Tablett wieder auf und änderte mit der geriebenen Sanftmut ihrer Rasse die Taktik. Sie ging zur Tür und seufzte:
»Nun, meinetwegen. Als Cookie das Essen zurechtstellte, ich sagte ihr: du eine Dame an dem erkennen, was sie nicht essen, und ich sagte Cookie: ich nie eine weiße Dame gesehen, die weniger essen als Miß Melly Hamilton das letzte Mal, als sie Mr. Ashley - ich meinen Miß India - besuchen ...«
Scarlett warf ihr einen scharfen, argwöhnischen Blick zu, aber auf Mammys breitem Gesicht stand nur die reine Unschuld geschrieben und ein Bedauern darüber, daß Scarlett weniger Dame sei als Melanie Hamilton.
»Setz dein Tablett hin und schnür mich fester«, sagte Scarlett gereizt. »Nachher will ich versuchen, ein wenig zu essen. Wenn ich jetzt äße, könntest du mich nicht fest genug schnüren.«
Mammyverbarg ihren Triumph und setzte das Tablett wieder hin. »Was will mein süßes Lämmchen anziehen?«
»Dies«, Scarlett zeigte auf die duftige Masse grünen geblümten Musselins.
Sofort war Mammyin Harn isch.
»Nein, das tust du nicht, das passen nicht für den Morgen, vor drei Uhr darfst du den Busen nicht offen tragen, und dieses Kleid haben nicht Kragen noch Ärmel, du kriegen Sommersprossen, und das wollen ich nicht erleben nach all der Buttermilch, die ich dir aufgelegt, um Sommersprossen wegbleichen, die du dir in Savannah am Strand geholt, ich sagen deiner Mutter.«
»Wenn du ihr ein Wort sagst, ehe ich angezogen bin, esse ich keinen Bissen«, sagte Scarlett kühl. »Nachher hat Mutter keine Zeit, mich wied er hinauf zuschicken, damit ich mich noch einmal umziehe.«
Mammy seufzte ergeben, denn nun war sie geschlagen. Von beiden Übeln war es noch das kleinere, daß Scarlett morgens ein Nachmittagskleid trug, als daß sie schlang wie ein Schwein.
»Halt dich fest und ziehe den Atem ein«, befahl sie.
Scarlett gehorchte und klammerte sich an einen Bettpfosten. Mammy zog und zerrte aus Leibeskräften, und als der schmale Umfang der in Fischbein gezwängten Taille immer noch schmäler wurde, bekamen ihre Augen einen stolzen, liebevollen Glanz.
»Kein Mensch haben so eine Taille wie mein süßes Lämmchen«, sagte sie befriedigt. »Jedesmal, wenn ich Miß Suellen enger als fünfzig schnüre, sie beinahe fallen in 0hnmacht.«
»Puh!« Scarlett schnappte nach Luft und brachte kaum die Worte heraus: »Ich bin noch nie in 0hnmacht gefallen.«
»Nun, es schaden gar nichts, wenn du das ab und zu tun«, riet Mammy. »Du manchmal viel zu derb, ich dir schon immer sagen wollen, es macht keinen guten Eindruck, daß du bei Schlangen und Mäusen und dergl eichen nie in 0hnmacht fallen, nicht gerade zu Hause, aber doch wenn du ausgehst, und ich haben dir immer wieder ...«
»Still. Ich bekomme schon einen Mann, du wirst sehen, auch wenn ich nicht quieke und ohnmächtig werde. Du meine Güte, sitzt das aber fest! Nun zieh mir das Kleid an.«
Mammy ließ behutsam die zwölf Meter grünen, geblümten Musselins über die gewaltigen Unterröcke fallen und hakte die enge, tief ausgeschnittene Taille zu.
»Daß du mir aber den Schal um die Schultern behältst, wenn du in die Sonne gehst, und den Hut nicht abnimmst, wenn du heiß bist«, befahl sie. »Sonst kommst du braun nach Hause wie der alte Slattery, aber nun essen, mein Lämmchen, aber nicht zu schnell, es haben keinen Zweck, wenn alles gleich wieder rauskomme n.«
Scarlett setzte sich gehorsam zum Essen und wußte nicht recht, wie etwas in ihren Magen gelangen und ihr dann noch Platz zum Atmen bleiben könnte. Mammy nahm ein großes Handtuch vom Waschtisch, band es Scarlett vorsichtig um den Hals und breitete den weißen Stoff über ihren Schoß. Scarlett fing mit dem Schinken an, weil sie gern Schinken aß, und schluckte ihn mit Mühe hinunter.
»Ach Gott, wäre ich doch erst verheiratet«, seufzte sie bitter, als sie sich mit Widerwillen an die Bataten machte. »Ich habe es satt, ewig dies unnatürliche Wesen und daß ich nie tun darf, was ich will. Ich habe keine Lust mehr, so zu tun, als äße ich nicht mehr als ein Vögelchen, zu gehen, wenn ich lieber liefe, und zu behaupten, mir wäre nach dem Walzer schwindelig, wenn ich doch zwei Tage lang weitertanzen könnte, ohne müde zu werden. Ich habe keine Lust mehr, jedem Schafskopf, der nicht mal so viel Verstand hat wie ich, zu sagen: >Sie sind wirklich fabelhaft<, und immer so zu tun, als wüßte ich nichts, so daß die Männer mir von allem möglichen erzählen können und sich dann noch wichtig vorkommen ... Nun kann ich aber keinen Bissen mehr essen!«
»Nimmvon demheißen Kuchen«, mahnte Mammy unerbittlich.
»Warum muß ein Mädchen immer so albern sein, wenn es einen Mann haben will?«
»Ich mir denken, weil die Männer nicht wissen, was sie wollen, sie wissen nur, was sie sich einbilden, daß sie wollen, und wenn man ihnen ihren eingebildeten Willen tut, spart das einem einen ganzen Haufen Unglück und man nicht alte Jungfer, sie bilden sich ein, sie brauchen dumme kleine Mäuschen mit dem Geschmack wie ein Vögelchen und ohne allen Sinn und Verstand, einem Mann vergeht die Lust, eine Dame zu heiraten, wenn er Verdacht hat, sie sein am Ende verständiger als er.«
»Aber glaubst du nicht, die Männer wundern sich nach der Heirat, wenn sie merken, daß ihre Frauen doch Verstand haben?«
»Dann ist es eben zu spät, dann sind sie schon verheiratet. Außerdem, von ihren Frauen erwarten die Herren, daß sie Verstand haben.«
»Später tu' ich doch, was ich will, und sage ich, was ich will, und wenn die Leute das nicht mögen, ist es mir gleichgültig.«
»Nein, das tust du nicht«, schalt Mammy. »Nicht, solange ich noch atmen, nun ißt du deinen Kuchen, tunk ihn in die Sauce, mein Liebling.«
»Die Mädchen bei den Yankees benehmen sich gar nicht wie die Schäfchen. Voriges Jahr in Saratoga habe ich viele gesehen, die sich ganz so betrugen, als wenn sie richtig ihren Verstand hätten, und das in Gegenwartvon Männern!«
Mammyschnaubte verächtlich.
»Yankeemädchen, jawohl, die werden vielleicht reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen, aber ich nicht gesehen, daß ihnen in Saratoga viele Anträge gemacht werden.«
»Aber Yankees müssen doch auch heiraten«, verteidigte sich Scarlett. »Die wachsen doch nicht einfach wie Gras. Sie müssen doch auch heiraten und Kinder kriegen. Es gibt doch so viele.«
»Die Männer, sie heiraten des Geldes wegen«, sagte Mammy unerschütterlich.
Scarlett tauchte den Kuchen in die Sauce und aß. Vielleicht war doch etwas an dem, was Mammy sagte, denn Ellen sagte dasselbe, nur in zarteren Worten. Die Mütter all ihrer Freundinnen prägten ihren Töchtern die Notwendigkeit ein, vor der Welt hilflose, schmiegsame Geschöpfe mit sanften Rehaugen zu sein. Es gehörte wirklich viel dazu, solche Pose beizubehalten. Vielleicht war sie wirklich zu derb gewesen? Gelegentlich hatte sie Ashley freiheraus die Meinung gesagt. Dies und ihre urwüchsige Freude am Reiten und Laufen hatten ihn ihr womöglich entfremdet und der zarten Melanie in die Arme getrieben. Sollte sie ihre Taktik ändern? Aber wenn Ashley auf solch berechnendes Getue hereinfiel, dann könnte sie ihn nie mehr so achten wie bisher, das fühlte sie deutlich. Ein Mann, der dumm genug war, auf gezierte Einfalt, auf 0hnmächten und Schmeicheleien hereinzufallen, war der Mühe nicht wert.
Aber sie waren wohl alle so. Wenn sie es früher bei Ashley falsch angefangen hatte, so mußte sie es eben nun anders versuchen. Sie wollte ihn haben, und es blieben ihr nur wenige Stunden, ihn zu gewinnen. Wenn er Wert auf eine wahre oder gespielte 0hnmacht legte, dann wollte sie schon in 0hnmacht fallen. Wenn eine Piepsstimme, ein bißchen Koketterie und ein Spatzenhirn ihn anzogen, so wollte sie schon die Naive spielen und noch hohlköpfiger tun als Cathleen Calvert Sollten aber kühnere Maßnah men nötig werden, so wollte sie auch die ergreifen. Heute kam es darauf an!
Es gab niemanden, der Scarlett sagte, daß ihre eigene beängstigend lebensfrische kleine Person anziehender war als jede Maske, die sie sich anlegen konnte. Härte es ihr jemand gesagt, sie hätte sich gefreut, es aber schwerlich geglaubt, und auch die Gesellschaft, der sie angehörte, wäre ungläubig gewesen, denn zu keiner Zeit vorher oder nachher hat weibliche Natürlichkeit so wenig gegolten wie damals.
Als der Wagen sie dann die rote Landstraße entlang zur Wilkesschen Plantage brachte, empfand Scarlett eine fast schuldbewußte Freude, daß weder ihre Mutter noch Mammy mitfuhren. Auf der Gesellschaft würde also niemand sein, der mit unmerklich gerunzelten Brauen oder vorgestülpter Unterlippe in ihre Pläne eingreifen konnte. Zwar würde Suellen natürlich morgen ausplaudern, aber wenn alles so ging, wie Scarlett hoffte, mußte die Aufregung der Familie über ihre Verlobung mit Ashley, oder gar ihre Entführung, den Unwillen bei weitem überwiegen. Ja, sie war froh, daß Ellen zu Hause unabkömmlich war.



