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Gerald hatte am selben Morgen Jonas Wilkerson entlassen, und Ellen war in Tara geblieben, um vor seinem Weggang die Abrechnungen mit ihm durchzugehen. Scarlett hatte ihrer Mutter in dem kleinen Sch reibzimmer den Abschiedskuß gegeben, wo sie vor dem hohen alten Sekretär mit seinen von Papier überquellenden Fächern saß. Jonas Wilkerson stand neben ihr, den Hut in der Hand. Das bleiche Gesicht mit der schlaffen Haut verhüllte kaum den wütenden Haß, der ihn erfüllte, seitdem er ohne weiteres aus der besten Aufseherstellung in der Provinz hinausgeworfen worden war, und das alles wegen ein bißchen Liebelei. Er hatte Gerald wieder und wieder gesagt, daß Emmie Slatterys Kind ebensogut einen anderen unter ein em Dutzend Männern zum Vater haben könnte - ein Gedanke, den Gerald wohl teilte; aber das hatte die Sachlage in Ellens Augen nicht geändert. Jonas haßte alle Südstaatler. Ihre kühle Höflichkeit, die ihre Verachtung für seinen Stand nur unzulänglich verbarg, war ihm unerträglich. Mehr als alle anderen haßte er Ellen 0'Hara, denn sie war der Inbegriff alles dessen, was ihm in diesem Lande zuwider war.
Mammy war als Frauenaufseherin der Plantage zu Hause geblieben, um Ellen zu helfen, und statt ihrer saß Dilcey auf dem Kutschbock neben Toby. Die Ballkleider der Mädchen lagen in einer langen Pappschachtel quer über ihren Knien. Gerald ritt auf seinem schweren Jagdpferd neben dem Wagen, noch ein bißchen branntweinselig und sehr mit sich zufrieden, daß er so im Handumdrehen mit Wilkersons unerfreulicher Geschichte fertig geworden war. Die Verantwortung hatte er auf Ellen abgeschoben; an ihre Enttäuschung, daß sie auf der Gesellschaft nicht mit ihren Freunden zusammen sein konnte, dachte er nicht. Es war ein schöner Frühlingstag, seine Felder standen prachtvoll, die Vögel sangen, und er fühlte sich so jung und zu tausend Spaßen aufgelegt, daß er unmöglich an anderes denken konnte. Hin und wieder stimmte er »Peggy in der kleinen Chaise« oder andere irische Liedchen an, auch wohl die düstere Klage um Robert Emmet:
»Sie ist fern von dem Land, wo ihr junger Held ruht«. Er war glücklich und freudig erregt bei der Aussicht, den Tag in lauter, geräuschvoller Entrüstung über die Yankees und den Krieg zubringen zu können; er war stolz auf seine drei hübschen Töchter in ihren faltigen Reifröcken unter ihren närrisch kleinen spitzenbesetzten Sonnenschirmen. An seine Unterhaltung mit Scarlett vom Tage zuvor dachte er nicht mehr, sie war seinem Gedächtnis vollkommen entschwunden. Sein einziger Gedanke war, daß Scarlett hübsch war und ihm viel Ehre machte und daß ihre Augen heute so grün wie die Hügel Irlands waren. Dieser Einfall erhöhte sein Selbstgefühl, denn es lag etwas wie ein Vollklang von Poesie darin, und so beehrte er denn seine Mädchen mit einer lauten und nicht ganz reinen Wiedergabe von »Hab' ich das grüne Kleidchen an ...«
Scarlett betrachtete ihn mit jener liebevollen Geringschätzung, die Mütter für ihre kleinen großtuerischen Söhne empfinden, und wußte, daß er bei Sonnenuntergang schwer betrunken sein würde. Bei der Heimkehr im Dunkeln versuchte er sicher, wie gewöhnlich, über jeden Zaun zwischen Twelve 0aks und Tara zu springen, und hoffentlich würde er sich dank besonderer Gnade der Vorsehung und dem gesunden Verstand seines Pferdes auch diesmal wieder nicht den Hals brechen. Die Brücke würde er verschmähen und zu Pferde durch den Fluß schwimmen und dann grölend nach Hause kommen und auf dem Sofa im Büro von Pork zu Bert gebracht werden, der bei solchen Gelegenheiten immer vorn in der Halle bei einer Lampe wachte. Sicher verdarb er sich den neuen grauen Tuchanzug, weswegen er anderntags dann gräßlich fluchen und Ellen lang und breit erzählen würde, wie sein Pferd im Dunkeln von der Brücke heruntergefallen sei - eine grobe Lüge, mit der er niemandem ein X für ein U vormachen konnte, die aber natürlich von allen hingenommen wurde. Er kam sich dann sehr schlau vor.
Pa ist ein goldiger, selbstsüchtiger, leichtsinniger lieber Kerl, dachte Scarlett in aufwallender kindlicher Liebe. So aufgeregt und glücklich war sie heute morgen, daß sie mit Gerald zugleich die ganze Welt liebhatte. Sie war hübsch und wußte es genau. Ehe der Tag verging, war Ashley ihr eigen. Die Sonne schien warm und freundlich, und die Herrlichkeit des georgianischen Frühlings lag ausgebreitet vor ihren Augen. Am Rande der Straße verhüllten Brombeerranken mit zartestem Grün die roten Rinnen, die der Winterregen in den Abhang gerissen hatte, und die nackten Granitblöcke, die aus der roten Erde hervorragten, waren überwachsen von wilden Rosen und übersponnen vom zartesten Blau der Veilchen. Die bewaldeten Hügel über dem Fluß waren von schimmernden weißen Ligusterblüten gekrönt, es sah aus, als läge noch später Schnee zwischen all dem Grün. An den wilden Apfelbäumen waren die Knospen aufgesprungen eine Schwelgerei vom zartesten Weiß bis zum tiefsten Rosenrot, und unter den Bäumen, wo die Sonne auf abgefallenen Tannennadeln spielte, breitete wilder Jelängerjelieber einen bunten Teppich in Rot, 0range und Rosa aus . Ein frischer, schwacher Wohlgeruch von saftigem Grün kam mit dem leichten Wind, die Welt duftete berauschend.
»Wie schön ist es heute! Das werde ich im ganzen Leben nicht vergessen«, dachte Scarlett. »Vielleicht wird es mein Hochzeitstag!« Und klingend ging es ihr durch Herz und Sinn, wie sie und Ashley vielleicht heute nachmittag durch diese Blütenpracht und all dies frische Grün geschwind dahinfliegen würden, vielleicht gar heute nacht bei Mondenschein nach Jonesboro zu einem Pfarrer. Natürlich mußten sie von einem Priester in Atlanta noch einmal getraut werden, aber darüber mochten Ellen und Gerald sich den Kopf zerbrechen. Sie zagte ein wenig bei dem Gedanken, wie Ellen vor Scham erbleichen würde, wenn sie hörte, daß ihre Tochter mit dem Verlobten eines anderen Mädchens durchgegangen sei, aber sie wußte, Ellen würde ihr verzeihen, wenn sie ihr Glück sah. Gerald würde schelten und fluchen, aber trotz all seiner Schwüre, daß er eine Heirat zwischen ihr und Ashley nicht zuließe, würde er sich doch über ein e Verbindung zwischen beiden Familien unsagbar freuen.
»Aber darüber können sie sich noch genug den Kopf zerbrechen, wenn ich erst verheiratet bin«, dachte sie und schob die störenden Gedanken von sich. Im Sonnenschein eines solchen Frühlings, noch dazu, wenn man gerade die Schornsteine von Twelve 0aks auf dem Hügel am anderen Ufer zumVorschein kommen sah, konnte man nur vor Freude erbeben!
»Dort werde ich nun mein ganzes Leben wohnen und noch fünfzigmal und öfter solchen Frühling sehen und meinen Kindern und Enkeln erzählen, wie herrlich dieser Frühling war, so schön, wie sie niemals einen erleben werden.« Bei dieser Vorstellung war sie so glücklich, daß sie in den Schlußrefrain von »Hab' ich das grüne Kleidchen an ...« einstimmte und damit Geralds lauten Beifall errang.
»Ich weiß nicht, warum du heute morgen so vergnügt bist«, sagte Suellen patzig. Es wurmte sie immer noch der Gedanke, daß sie in Scarletts grünseidenem Ballkleid viel besser aussehen würde als seine rechtmäßige Besitzerin. Warum war auch Scarlett immer so selbstsüchtig und verlieh ihre Kleider und Hüte so ungern? Und warum nahm Mutter immer ihre Partei und behauptete, Grün sei nicht Suellens Farbe? »Du weißt so gut wie ich, daß Ashleys Verlobung heute abend verkündet wird, Pa sagte es heute morgen. Und ich weiß doch, daß du schon seit Monaten in ihn verliebt bist.«
»Was du nicht sagst!« Scarlett streckte ihr die Zunge aus und ließ sich 81
nicht aus ihrer glücklichen Stimmung bringen. Was wohl Miß Suellen morgen umdiese Zeit sagen würd e?
»Aber Susi, du weißt doch, daß das nicht wahr ist!« protestierte Carreen verletzt. »Brent ist doch Scarletts Freund!«
Scarlett wandte ihrer jüngeren Schwester lächelnd die grünen Augen zu, verwundert, wie man so reizend sein konnte. Die ganze Familie wußte, daß Carreen ihr dreizehnjähriges Herz an Brent Tarleton verloren hatte, der aber in ihr nichts als Scarletts kleine Schwester sah. Wenn Ellen nicht dabei war, neckten die 0'Haras sie bis zu Tränen damit.
»Liebes, ich mach' mir nicht ein bißchen aus Brent.« Scarlett war so glücklich, daß sie auch einmal großmütig sein konnte. »Und er sich auch nichts aus mir. Weißt du, er wartet nur darauf, daß du erst erwachsen bist!«
Im Widerstreit zwischen Glück und Zweifel wurde Carreens Kindergesicht rosenrot. »0 Scarlett, wirklich?«
»Scarlett, du weißt doch, Mutter sagt, Carreen ist noch viel zu klein, um an Verehrer zu denken, und nun setzt du ihr solche Flausen in den Kopf.«
»Geh du nur und petze, mir macht das nichts aus«, antwortete Scarlett. »Du willst Carreen nur zurückhalten, weil du weißt, daß sie in einem Jahr viel hübscher ist als du.«
»Wollt ihr wohl eure verehrten Schnäbel halten, sonst gibts eins mit der Peitsche«, warnte Gerald die beiden. »Pst, hört mal! Rollen da nicht Räder? Das sind Tarletons oder Fontaines.«
Als sie sich der Kreuzung näherten, wo der Weg aus dem dichtbewaldeten Hügel von Mimosa und Fairhill herunterführte, wurden Hufschlag und Rädergeroll deutlicher, Frauenstimmen schallten herüber, ein lustiges Wortgefecht drang durch den Vorhang der Zweige. Gerald, der voranritt, hielt sein Pferd an und ließ Toby mit dem Wagen halten, wo die beiden Wege sich kreuzten.
»Es sind die Damen Tarleton«, verkündete er seinen Töchtern. Sein blühendes Gesicht strahlte, denn außer Ellen war ihm keine Dame in der Provinz lieber als die rothaarige Mrs. Tarleton. »Und sie selbst fährt. Ja, die Frau hat eine Hand für Pferde! Federleicht und kräftig wie Rohleder und trotzdem zum Küssen hübsch. Schade, daß nicht eine von euch solche Hände hat«, fügte er mit vorwurfsvoll zärtlichem Blick auf seine Töchter hinzu. »Carreen, die Angst vor den armen Viechern hat, und Sues Hände sind schwer wie Bügeleisen, wenn sie einen Zügel anfassen soll, und du, Puß ...«
»Nun, jedenfalls bin ich noch nie abgeworfen worden«, Scarlett war empört. »Und Mrs. Tarleton stürzt auf jeder Jagd.«
»Und bricht sich das Schlüsselbein wie ein Mann«, sagte Gerald. »0 hne 0hnmacht, ohne Getue. Nun aber still, da kommt sie.«
Er hob sich in den Steigbügeln und zog in weitem Bogen den Hut, als der Tarletonsche Wagen, der von Mädchen in bunten Kleidern, mit Sonnenschirmen und wehenden Schleiern überquoll, in Sicht kam, mit Mrs. Tarleton auf dem Bock. Vier Töchter samt ihrer Amme und den langen Pappschachteln mit den Ballkleidern - da war für einen Kutscher kein Platz mehr. Und außerdem gestattete Beatrice Tarleton freiwillig keinem Menschen, sei er schwarz oder weiß, die Zügel zu halten, wenn ihr eigener Arm nicht gerade in einer Schlinge steckte. Zart, feinknochig und von so weißer Haut, als habe ihr flammendes Haar alle Farbe an sich gerissen, war sie bis zum Rande erfüllt von übersprudelnder Gesundheit und unermüdlicher Tatkraft. Acht Kinder hatte sie geboren, rothaarig und lebensstrotzend wie sie selbst, und sie vorzüglich erzogen, indem sie ihnen allen das gleiche liebevolle Gewährenlassen und zugleich die strenge Zucht angedeihen ließ, mit denen sie ihre Füllen aufzog. »Bändige sie, aber brich nicht ihren Willen«, war Mrs. Tarletons Leitspruch.
Sie liebte Pferde und sprach beständig von ihnen. Sie verstand und behandelte sie besser, als alle Männer in der Provinz es konnten. Auf der Koppel wimmelte es von Fohlen bis hinauf zum Parkrasen, wie auch das weitläufige Haus auf dem Hügel zu eng für ihre acht Kinder war. Stets liefen Füllen, Söhne, Töchter und Jagdhunde hinter ihr her, wenn sie über die Plantage ging. Ihren Pferden, namentlich ihrer roten Stute Nellie, traute sie menschlichen Verstand zu, und wenn der Haushalt sie über die Stunde hinaus festhielt, auf die sie ihren täglichen Ritt angesetzt hatte, drückte sie dem ersten besten kleinen farbigen Jungen die Zuckerschale in die Hand und sagte: »Gib Nellie eine Handvoll und sag ihr, ich käme gleich.«
Fast immer war sie im Reitkleid, ob sie ritt oder nicht, jedenfalls war sie immer im Begriff zu reiten und zog deshalb das Reitkleid gleich früh beim Aufstehen an. Jeden Morgen, ob bei Regen oder Sonnenschein, wurde Nellie gesattelt und vor dem Hause auf und ab geführt in Erwartung des Augenblicks, da Mrs. Tarleton ihren Pflichten eine Stunde absparen konn te. Fairhill war eine schwer zu bewirtschaftende Plantage, und deshalb gab es nur selten eine Mußestunde, und Nellie wurde oft stundenlang im Schritt auf und ab geführt, während Beatrice Tarleton ihre Tagesarbeit verrichtete, den Reifrock geistesabwesend über dem Arm tragend, so daß darunter ein langes Stück von den blanken hohen Stiefeln zum Vorschein kam.
Heute war sie in matter schwarzer Seide mit ganz unmodern engem Reifrock. Es sah immer noch aus, als hätte sie ihr Reitkleid an; denn die Taille war ebenso streng geschnitten, und der kleine schwarze Hut mit der langen schwarzen Straußenfeder, der schräg über den warmherzigen, zwinkernden braunen Augen saß, war der Zwillingsbruder des abgetragenen alten Hutes, den sie zur Hetzjagd trug.
Sie schwenkte die Peitsche, als sie Gerald erblickte, und ließ ihre tänzelnden Rotfüchse halten. Die vier Mädchen hinten im Wagen lehnten sich mit so lautem Gruß heraus, daß die Pferde ängstlich stiegen. Einem zufälligen Beobachter mochte es vorkommen, als seien Jahre vergangen und nicht erst zwei Tage, seit Tarletons und 0'Haras einander gesehen hatten. Tarletons waren eine gesellige Familie und hatten ihre Nachbarn gern, besonders die 0'Haraschen Mädels. Das heißt: Suellen und Carreen. Kein Mädchen aus der Provinz, mit Ausnahme vielleicht der spatzenhirnigen Cathleen Calvert, hatte wirklich etwas für Scarlett über.
Im Sommer gab es in der Provinz durchschnittlich einmal wöchentlich einen Ball und ein Gartenfest. Trotzdem fanden die rothaarigen Tarletonmädchen mit ihrer unersättlichen Genußsucht jedes neue Gartenfest und jeden neuen Ball so aufregend, als wäre es der erste in ihrem Leben. Es war ein hübsches, munteres Quartett, welches so eng zusammengedrängt im Wagen saß, daß die Reifröcke mit ihren Rüschen über den Wagen hinaushingen und die Sonnenschirme leise aneinanderstießen über den breiten Florentiner Hüten mit ihren Rosen und hängenden Kinnbändern aus schwarzem Samt. Unter den Hüten waren alle Schattierungen roten Haares vertreten, bei Hetty ein volles reines Rot, bei Camilla ein erdbeerfarbenes Blond, Randas Haare leuchteten kupferbraun und die der kleinen Betsy gelbrot wie Karotten.
»Das ist eine schöne Schar, gnädige Frau«, sagte Gerald galant und brachte sein Pferd neben dem Wagen zum Stehen. »Aber keine ist so s chön wie die Mutter.«
Mrs. Tarleton rollte die rotbraunen Augen und zog in drolliger Würdigung dieses Kompliments die Unterlippe an, und die Mädchen riefen:
»Ma, keine schönen Augen machen, oder wir sagen es Pa!« und »Ich versichere Ihnen, Mr. 0'Hara, wenn ein hübscher Mann auftaucht wie Sie, schnappt sie ihn uns allen weg!«
Scarlett lachte mit den anderen über die lustigen Worte und war doch, wie immer, von der freien Art befremdet, in der die Tarletons mit ihrer Mutter umgingen, ganz als wäre sie ihresgleichen und nicht einen Tag älter als sechzehn. Schon der Gedanke, so etwas zu ihrer eigenen Mutter zu sagen, erschien Scarlett fast wie eine Lästerung. Und doch hatten die Beziehungen der Tarletonschen Töchter zu ihrer Mutter etwas sehr Reizvolles, denn bei allem, was sie an ihr auszusetzen, zu schelten und zu necken fanden, beteten sie sie an. Nicht, daß Scarlett, wie sie sich schleunigst sagte, an Ellens Statt lieber eine Mutter wie Mrs. Tarleton gehabt hätte; aber Spaß mußte es doch machen, so mit seiner Mutter umgehen zu dürfen. Schon der Gedanke war Ellen gegenüber ein Mangel an Ehrfurcht, und sie schämte sich seiner. Von solchen Anfechtungen wurden die Hirne unter den vier Rotschöpfen dort im Wagen gewiß niemals heimgesucht. Wie immer, wenn Scarlett das Gefühl hatte, anders als ihre Nachbarn zu sein, befiel sie eine gereizte Unsicherheit.
So gescheit sie auch war, hatte sie doch wenig Menschenkenntnis; trotzdem begriff sie halb unbewußt, daß die Tarletonschen Mädchen zwar unbändig wie Füllen und wild wie Märzhasen waren, aber als glückliches Erbteil eine unbekümmerte innere Sicherheit besaßen. Von sehen der Mutter wie des Vaters waren sie Nordgeorgianer, nur durch eine Generation von den ersten Bahnbrechern in der Wildnis getrennt. Sie waren ihrer selbst und ihrer Umwelt sicher und wußten aus Instinkt, was sie zu tun hatten. Das galt auch für die Wilkes, doch auf ganz andere Art. Jener innere Zwist, den Scarlett so oft durchkämpfen mußte, da in ihren Adern das Blut der überzüchteten Aristokratin sich mit der gescheiten erdnahen Art des irischen Bauern mischte, blieb ihnen erspart. Scarlett hatte das Bedürfnis, ihre Mutter zu verehren und anzubeten, zugleich aber auch ihr Haar zu zausen und sie zu necken. Es war derselbe Widerstreit der Gefühle, der sie wünschen ließ, vor Männern als zarte Dame von edler Herkunft zu erscheinen, gleichzeitig aber auch ein ausgelassenes Mädchen zu sein, das sich nicht zu gut für ein paar Küsse vorkam.
»Wo steckt denn Ellen heute morgen?« fragte Mrs. Tarleton.
»Sie muß unserem Aufseher Entlastung erteilen und ist zu Hause geblieben, um die Bücher mit ihm durchzugehen. Wo ist denn der Gemahl und die Söhne?«
»Ach, die sind schon vor mehreren Stunden nach Twelve 0aks hinübergeritten, den Punsch zu probieren, vermutlich um festzustellen, ob er stark genug ist. Als ob sie nicht von jetzt bis morgen früh Zeit genug dazu hätten! Ich werde John Wilkes bitten, sie über Nacht dazubehalten, und wenn er sie in den Stall legen muß. Fünf Männer, die des Guten zuviel haben, sind auch mir zuviel. Mit dreien will ich schon fertig werden, aber ...«
Rasch unterbrach Gerald sie und wechselte das Thema. Er spürte genau, wie hinter seinem Rücken die eigenen Töchter kicherten und daran dachten, in welcher Verfassung er von dem Wilkesschen Gartenfest im vorigen Herbst nach Hause gekommen war.
»Warum sitzen Sie denn heute nicht zu Pferde, Mrs. Tarleton? 0hne Nellie sehen Sie mir ganz fremd aus. Sie sind doch der wahre Stentor ...«
»Stentor, du meine Güte!« Mrs. Tarleton äffte sein Irisch nach. »Zentaur meinen Sie wohl! Stentor war ein Mann mit einer Stimme wie ein Messinggong.«
»Stentor oder Zentaur, das ist mir eins«, antwortete Gerald und ließ sich durch seinen Irrtum nicht aus der Fassung bringen. »Im übrigen haben Sie ja eine Stimme wie aus Messing, gnädige Frau, wenn sie die Meute antreiben.«
»Da hast du's, Ma«, sagte Hetty, »ich hab' dir immer gesagt, du kreischst jedesmal wie ein Indianer, wenn du einen Fuchs siehst.«
»Nicht so laut, wie du kreischst, wenn Mammy dir die 0hren wäscht«, gab Mrs. Tarleton zurück. »Und du willst sechzehn Jahre alt sein! Also reiten kann ich heute nicht, weil Nellie in der Frühe gefohlt hat.«
»Wahrhaftig!« Gerald war auf das lebhafteste interessiert, seine irische Leidenschaft für Pferde strahlte ihm aus den Augen, und Scarlett hatte wieder das Gefühl der Bestürzung, als sie ihre Mutter mit Mrs. Tarleton verglich.
Für Ellen fohlten Stuten nicht und kalbten keine Kühe. Kaum daß Hühner Eier legten. Ellen sah über all das vollständig hinweg. Aber Mrs. Tarleton kannte solche Schamhaftigkeiten nicht.
»Eine kleine Stute, nicht wahr?«
»Nein, ein schöner kleiner Hengst mit fast zwei Meter langen Beinen. Sie müssen einmal herüberkommen und ihn sich ansehen, Mr. 0'Hara. Ein echt Tarletonsches Pferd, rot wie Hettys Locken .«
»Sieht Hetty auch sonst furchtbar ähnlich«, sagte Camilla und tauchte dann in einen Wirrwarr von Röcken, Spitzenhosen und wippenden Hüten unter, als Hetty sie zu kneifen begann.
»Meine Fohlen sticht heute morgen der Hafer«, sagte Mrs. Tarleton, »sie haben schon die ganze Zeit über hinten ausgeschlagen, seit wir heute morgen die Neuigkeiten über Ashley und seine kleine Cousine aus Atlanta hörten. Wie heißt sie noch? Melanie? Gott segne das Kind, sie ist gewiß ein süßes kleines Ding, aber ich kann mich weder auf ihren Namen noch auf ihr Gesicht besinnen. Unsere Köchin ist die Frau des Wilkesschen Dieners. Er kam gestern abend und erzählte ihr, daß die Verlobung heute abend verkündet werden soll, und Cooky hat es uns heute morgen berichtet. Die Mädchen sind ganz aufgeregt darüber, ich sehe nicht recht ein, warum. Seit Jahren weiß jeder Mensch, daß Ashley sie heiraten will, das heißt, wenn er nicht eine seiner Cousinen aus Macon zur Frau nehmen würde. Genau wie Honey Wilkes ihren Vetter Charles, Melanies Bruder, einmal heiraten wird. Nun sagen Sie mir, Mr. 0'Hara, ist es etwa ungesetzlich für Wilkes, außerhalb ihrer eigenen Familie zu heiraten? Wenn nämlich ...«
Den Rest der lachend gesprochenen Worte hörte Scarlett nicht. Für einen kurzen Augenblick war es, als habe sich die Sonne hinter eine kühle Wolke geduckt und überließe die Welt einem Dunkel, das alle Dinge ihrer Farbe beraubte. Das frischgrüne Laub sah kränklich aus, der Liguster wurde fahl, der blühende Apfelbaum, der eben noch in so herrlichem Rosa gestrahlt hatte, wurde bleich und trüb. Scarlett grub die Finger in die Wagenpolster, und einen Augenblick schwankte ihr Sonnenschirm. Zu wissen, daß Ashley verlobt war, bedeutete etwas ganz anderes, als die Leute so leichthin darüber sprechen zu hören. Dann aber strömte der Mut ihr machtvoll zurück, die Sonne kam wieder zum Vorschein und übergoß die Landschaft mit neuem Glanz. Sie wußte, daß Ashley sie liebte. Das war gewiß. Und sie lächelte bei dem Gedanken, wie überrascht Mrs. Tarleton sein würde, wenn heute abend von keiner Verlobung die Rede war - wenn es statt dessen zu einer Entführung kam. Dann würde sie gewiß überall erzählen, was für ein gerissener Schlingel Scarlett sei, einfach dabeizusitzen und zuzuhören, wenn über Melanie gesprochen wurde, wo doch die ganze Zeit schon sie und Ashley ... ihr kamen die Grübchen bei ihren eigenen Vorstellungen, und Hetty, die die Wirkung der mütterlichen Worte scharf beobachtet hatte, lehnte sich mit leichtem, ratlosem Stirnrunzeln zurück.
»Was Sie auch sagen mögen, Mr. 0'Hara«, unterstrich Mrs. Tarleton. »Die Heiraterei von Vetter und Cousine ist ganz verkehrt. Schlimm genug, daß Ashley die kleine Hamilton heiratet; daß aber Honey den blassen Charlie Hamilton nehmen will ...«
»Honey bekommt nie einen anderen, wenn sie nicht Charlie heiratet«, erklärte Randa grausam im Vollgefühl ihrer eigenen Beliebtheit. »Außer ihm hat sie nie einen Verehrer gehabt. Und er hat auch nie sehr verliebt getan, obwohl sie verlobt sind. Scarlett, weißt du noch, wie er vori ge Weihnachten hinter dir her war?«
»Nicht boshaft werden, Miß«, sagte die Mutter. »Vettern und Cousinen sollten einander nicht heiraten, nicht einmal Vettern und Cousinen zweiten Grades. Das schwächt den Schlag. Das ist nicht wie bei Pferden. Man kann eine Stute mit ihrem Bruder und einen Hengst mit seiner Tochter paaren und gute Ergebnisse erzielen, wenn man die Rasse kennt; aber bei Menschen geht das nun mal nicht. Edle Rasse bekommt man vielleicht, aber ohne Saft und Kraft.«
»Gnädige Frau, ich nehme Sie beim Wort! Gibt es bessere Leute als Wilkes? Und sie haben immer untereinander geheiratet, seitdem Brian Boni ein Junge war.«
»Und es wird höchste Zeit, daß sie damit aufhören, es fängt an, sich bemerkbar zu machen. 0 nein, nicht so sehr Ashley, der ist ein gut aussehender junger Teufel, obwohl auch er ... Aber sehen Sie sich diese beiden verwaschenen Wilkesschen Mädchen an, die armen Dinger! Nette Mädchen natürlich, aber farblos. Und sehen Sie sich doch die kleine Miß Melanie an. Dünn wie eine Latte, zum Umwehen zart und ohne alles Temperament. Keinen eigenen Einfall im Kopf. >Nein, gnädige Frau, ja, gnädige Frau!< Mehr weiß sie nicht zu sagen. Verstehen Sie, was ich meine? Die Familie braucht neues Blut, gutes, kräftiges Blut, wie meine Rotschöpfe oder wie Ihre Scarlett. Aber mißverstehen Sie mich nicht, Wilkes sind auf ihre Art sehr feine Leute, Sie wissen, wie gern ich sie alle habe, aber, seien Sie aufrichtig, durch Inzucht überzüchtet, stimmt es oder stimmt es nicht? Höchst brauchbar auf trockenem, auf leichtem Geläuf, aber passen Sie auf, was ich sage, ich glaube nicht, daß Wilkes auf schwerem Boden laufen können. Aller Saft und alle Kraft ist aus ihnen herausgezüchtet, glaube ich, und im Notfall sind sie dem Unerwarteten nicht gewachsen. Ein Schlag n ur für gutes Wetter! Durch das Untereinanderheiraten sind sie anders geworden als die übrigen Leute in der Gegend. Immer klimpern sie auf dem Klavier und stecken die Nase in Bücher. Ich glaube wahrhaftig, Ashley zieht das Lesen dem Jagdreiten vor! Ja, das ist meine ehrliche Überzeugung, Mr. 0'Hara! Sehen Sie sich doch nur ihre Knochen an. Viel zu fein. Die brauchten kraftvolle Väter und Mütter ...«




