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1 Lorena (17) in diesem Band.
LITERATUR
Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. 14. Auflage. Piper, München 2000.
Besand, Anja/Overwien, Bernd/Zorn, Peter (Hrsg.): Politische Bildung mit Gefühl. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2019.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Bundestagsdrucksache 19/24200. Berlin 2020. Online: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/16-kinder-und-jugendbericht-162238 [12.11.2020].
Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1977.
Holzkamp-Osterkamp, Ute: Psychologische Motivationsforschung, Bd. 1 und 2. Campus, Frankfurt a. M. 1975, 1976.
Möller, Kurt u. a.: »Die kann ich nicht ab!« Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt bei Jugendlichen in der (Post-)Migrationsgesellschaft. VS, Wiesbaden 2016.
Möller, Kurt/Neuscheler, Florian: Abschlussbericht zur Evaluation der Beratungsstelle Hessen – Religiöse Toleranz statt Extremismus. Esslingen 2018. Online: https://violence-prevention-network.de/wp-content/uploads/2019/02/Abschlussbericht-Evaluation-Beratungsstelle-Hessen.pdf [12.11.2020].
Moscovici, Serge: »Notes towards a description of social representation”, in: European Journal of Social Psychology 3, 1988, 211–250.
Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort. Beltz, Weinheim und Basel 2019.
Watzlawick, Paul: Man kann nicht nicht kommunizieren. Das Lesebuch. Zusammengestellt von Trude Trunk. 2., unveränd. Aufl. Hogrefe, Göttingen 2016.
Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss der verstehenden Soziologie. Herausgegeben von Johannes Winkelmann. 5. Aufl. (Erstaufl. 1922). Mohr, Tübingen 1985.

Foto: Carmen Maurer
#bunt, laut und kreativ
»›Kapitalismus ist scheiße‹ ist ein bisschen stumpf«
Carl (22), Ruben (22)
Student für Erneuerbare Energien und Student der VWL, Mitglieder der Punkband Xylospongium
Könnt ihr ein bisschen was über eure Band erzählen?
Carl: Im Prinzip kennen wir uns, also der Großteil von uns, aus der Schulzeit. Zwei von uns waren in einer Klasse, der Bassist und ich. Ruben war eine Stufe über uns. Wir haben uns auf ’ner geilen Klassenfahrt nach Paris kennengelernt. Wir haben noch ’nen Sänger gesucht, und dann hab ich an den Ruben denken müssen, weil wir öfter mal zusammen in ’ner Kneipe waren. Ich hab ihn dann einfach gefragt, ob er Bock hat, mit uns mal zu singen. Ruben hatte vorher keinerlei musikalische Ambitionen. [lacht] Aber die haben wir ihm dann eingeimpft. Dann haben wir angefangen zu spielen, relativ früh auch mit eigenem Material, und uns von Anfang an nicht auf Coversongs beschränkt. Klar, für ’nen Kneipengig brauchts natürlich ein paar Gassenhauer, aber wir haben eigentlich gleich von Anfang an eigenes Zeug gemacht. So hat sich das bis heut stetig entwickelt, und wir haben in der letzten Zeit total viele coole Konzerte spielen dürfen. Ende 2017 haben wir Paul, meinen Bruder, mit ins Boot geholt, weil unser erster Schlagzeuger es zeitlich nicht mehr geschafft hat. Wir haben uns gut entwickelt als Band. Wir haben schon diverse Sachen abgeklappert, wofür andere Bands deutlich länger brauchen. Wir haben coole Festivals, Slots und so gewonnen. Anfang 2019 haben wir unser erstes Album aufgenommen. Es hätte keiner gedacht, dass wir in vier Tagen elf Songs aufnehmen können, aber es hat geklappt. Wir haben dann zwar für das Produzieren von dem Album ungefähr ein ganzes Jahr gebraucht, aber im November sind wir damit fertig geworden, haben ein kleines Indie-Label aus Hamburg, Sportklub Rotter Damm heißen die, gefunden und vor ein paar Tagen ’ne Single rausgehauen. Anfang Mai kommt dann das Album raus. Das war eine schwere Geburt, aber ich bin zufrieden. Es ist nix, wofür man sich schämen muss. Ich find, es klingt gut.
Euer Bandname ist ziemlich außergewöhnlich – Xylospongium. Was steckt hinter diesem Namen?
Carl: [lacht] Das war meine Idee. Hab mir gedacht: Na, für ’ne Punkband wäre doch eigentlich Klobürste ganz witzig. Das war mir aber ’n bisschen zu einfältig, irgendwie subordinär, mit Pippi-Kacka-Witzen und so, das ist dann doch nicht unser Niveau. Deshalb hab ich schlicht gegoogelt, obs ’n geileres Wort für ’ne Klobürste gibt. Ich bin dann auf den römischen Vorläufer der Klobürste, das Xylospongium, gestoßen. Mit dem haben die Römer allerdings nicht die Schüssel, sondern sich den Hintern geputzt. Also eigentlich ist es eher der geschichtliche Vorläufer des Toilettenpapiers, aber es sieht aus wie ’ne Klobürste: Es ist ein Stock mit einem Schwamm dran. Und dann haben wir einfach gedacht: Okay, fuck it, wir nehmen jetzt einfach das als Bandnamen! Dass ich bei der Geburt der Idee auf dem Klo saß, erklärt sich wahrscheinlich von selbst. [lacht] Dieses Latein-Ding, keine Ahnung, das hat …
Ruben: … schon voll den intellektuellen Anstrich.
Carl: Als Gymnasiastenband braucht man schon was Intellektuelles. Und der Bandname ist super googelbar. Wenn du den eingibst, landest du nur bei uns und auf dem Wikipedia-Ticket vom Xylospongium.
Ein gutgelaunter Fan hat eure Musik mal als »Sophisticated Punk« bezeichnet. Wie seht ihr das?
Ruben: Das stimmt. Wir haben 2016 ein Konzert im Merlin in Stuttgart gespielt. Danach kam ein Typ zu mir, der war schon Ü40, wenns reicht. Der hatte schon gut einen drin und hat uns voll gefeiert: »Mensch, gibts noch junge Leute, die so ’ne Mucke machen?« usw. Also der war schon sehr, sehr gut gelaunt. Und da unterhält man sich auch gerne mit solchen netten Menschen, ein bisschen Fanmanagement machen und so. Und dann meinte der halt: »Was ihr macht, das ist sophisticated Punk.« Das hat der einfach so gesagt. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, was das Wort »sophisticated« bedeutet. Aber wir haben das quasi postwendend als unsere Genrebezeichnung übernommen, weil wir das cool fanden. Ich hab dann mal nachgeschaut, was das bedeutet. Ich mein, der Typ hatte vollkommen recht. [lachen] »Raffiniert«, »mit doppeltem Boden«, »nachgedacht« und einfach: »Da steckt mehr dahinter, als man im ersten Moment glauben könnte«, und so ist es halt. Carl hat sich früher immer gewehrt zu sagen: Wir machen Punk. Weil gerade, was die Gitarrenkünste angeht, besteht echter Punk aus zwei Akkorden, wenn es hochkommt. Und das machen wir ja nicht. Wir machen handwerklich schon gute Musik. Und es ist nicht nur irgendwie »Bullenschweine« und »auf die Fresse« und so. Obwohl man dem Ganzen schon auch seinen Charme abgewinnen kann.
Weil du gerade so typische Wortfetzen aus Punk-Texten zitierst: Wie wichtig ist euch der Inhalt eurer Texte?
Ruben: Schon wichtig. Carl und ich schreiben ja die Texte. Die haben schon ’nen hohen Stellenwert für uns. Es ist nicht so, dass wir die Texte als Musikfüller schreiben. Bei mir ist es so: Ich hab irgendwas, was mich beschäftigt. Das kann alles Mögliche sein: irgendwas aus meinem Privatleben, aber auch irgendwas Gesellschaftliches, Zeitgeschichtliches, was mich bewegt. Meistens gehts damit los, dass ich irgend ’ne Punchline hab oder irgendeine Zeile, die in meinem Kopf vorkommt, und dann schreib ich darum ’nen Text. Damit will ich was aussagen, und ich will auch, dass möglichst viele Leute hören, was ich da schreibe, ich möchte meine Meinung, die ich dort vertrete, verbreiten.
Carl: … und er wills als Medium benutzen, um seine Botschaften nach außen zu tragen, zu präsentieren. Was für mich auf jeden Fall ’ne elegante Möglichkeit ist, weil ich kann mir nicht unbedingt vorstellen, auf einem politischen Parteitag eine Brandrede zu halten. Für mich ist tatsächlich die Musik ein gutes Mittel, auch auf humorvolle Art und Weise politische, soziale Themen zu behandeln. Wir definieren uns nicht als politische Band. Wir haben auch nicht ausschließlich politische Songs, aber wir verarbeiten die Themen, die uns wichtig sind. Und das sind dann zwangsläufig auch politische Themen, in einem Großteil der Songs auf jeden Fall.
Wie wichtig ist euch, dass nicht nur ’ne Message rüberkommt, sondern dass sie auch »kultiviert« rüberkommt? Man könnte, gerade bei Punk, ja auch sagen: Hauptsache Message und Hauptsache laut, oder?
Ruben: Ich find es gar nicht blöd, wenn Leute ihre Message auf einen Punkt bringen und sagen: »Wir müssen hier jetzt nicht viel nachdenken. Kapitalismus ist scheiße.« Ich find so was nicht schlecht, aber es ist ein bisschen stumpf. Man kann es eleganter machen.
Carl: Haben wir aber auch, solche Songs. [lacht] So Plakatzeugs.
Ruben: Ja, aber ich versuch immer, ’ne Geschichte zu erzählen und ’ne Handlung reinzubringen. Wir wollen mehr aussagen, als man vielleicht auf den ersten Blick meinen könnte.
Carl: Wir haben ’nen Song, der heißt: »Versauft doch euer scheiß Geld!« Wenn du den Titel liest, denkst du, das wäre ein Kandidat für ein Zwei-Akkorde-Punkrock-Ding. Aber das ist gar nicht so. Die Kapitalismuskritik, die da angesprochen wird, ist ganz versteckt – außer in dem Titel.
Ein anderer Titel heißt »Gierig währt am längsten«. Um was geht es da?
Carl: Im Prinzip ist es ein kapitalismuskritisches Lied. Gerade hier in Stuttgart gibt es relativ viele größere Firmen, die sehr, sehr viel Geld erwirtschaften. Wobei eben das soziale Gefälle in Deutschland da ist. Das sieht man ja jetzt total, durch Corona kommts plötzlich raus. Jetzt merken alle: Oh, der Krankenpfleger, die Lehrerin, die Kassiererin an der Supermarktkasse, die sind ja völlig unterbezahlt. Im Gegensatz zu den Leuten beim Daimler, die sich darüber aufregen, dass sie dieses Jahr nur ’ne Prämie von 5.000 Euro bekommen. Und im Prinzip gehts um diese Gier, die für mich total präsent ist in der deutschen Industrie.
Für mich ist tatsächlich die Musik ein gutes Mittel, auch auf humorvolle Art und Weise politische, soziale Themen zu behandeln.
Durch Corona merken alle: Oh, der Krankenpfleger, die Lehrerin, die Kassiererin an der Supermarktkasse, die sind ja völlig unterbezahlt.
Versauft doch euer Scheißgeld
Früher oder später stellen wir uns dieselbe Frage, wohin mit all dem Geld?
VW-Aktien sind bestimmt grade billig oder warte ich, bis der Goldpreis fällt?
Es gibt so viele Möglichkeiten, so viele Optionen, wer sagt mir, welche meiner Hedgefonds sich jetzt wirklich lohnen?
Ich sehne mich nach Sicherheit und Wertstabilität, doch plötzlich dein geiler Tipp, ein Mann von Welt, der was versteht!
Ich steck’s nicht in ’nen Socken, ich bring’ es nicht zur Bank, es gibt nachhaltigere Werte, dem Himmel sei Dank!
Ich tätige ausgiebige Investitionen.
Es gibt wenige Dinge, die sich wirklich noch lohnen.
Dann versauft doch euer Scheißgeld!
Alles klar, wo geht’s zur nächsten Bar?
Nach der Rettung jeder Bank sind wir bekanntlich im gelobten Land.
Nur Milch und Honig sind was für Memmen, da könnt ihr euch noch so viel unter eure Nägel klemmen.
Das Kapital schön abgefüllt in Flaschen mit Verschluss, dem Finanzberater hinterm Schalter einen Abschiedskuss!
Ich sehne mich nach Sicherheit und Wertstabilität, doch plötzlich dein geiler Tipp, ein Mann von Welt, der was versteht!
Ich steck’s nicht in ’nen Socken, ich bring’ es nicht zur Bank, es gibt nachhaltigere Werte, dem Himmel sei Dank!
Ich tätige ausgiebige Investitionen.
Es gibt wenige Dinge, die sich wirklich noch lohnen.
Dann versauft doch euer Scheißgeld!
Alles klar, wo geht’s zur nächsten Bar?
© Xylospongium, 2017 ∙ Musik & Text von Carl Oestreich
Gierig währt am längsten
Früher wurde uns immer gesagt, man wird für Gutes belohnt.
Doch unsere Welt hat das offensichtlich nicht verstanden und wir sind das gewohnt.
Überall in den hohen Etagen die gleichen Phrasen.
Alle klammern sie an ihren Sesseln fest, denn:
Gierig währt am längsten, wir haben nichts zu verschenken.
Immer mit der Ruhe. Was soll dieses ganze hysterische Getue?
Macht euch keine Sorgen. Wir sichern die Welt von morgen.
Und so banal das klingt, das weiß heute jedes Kind.
Ihr denkt wohl immer noch, es ist keine Frage der Zeit.
Sondern nur die nach dem guten Willen und Schonungslosigkeit.
So viele offene Fragen, doch wer wird schon was sagen?
Wenn man bedenkt, wer diesen Karren lenkt.
Gierig währt am längsten, wir haben nichts zu verschenken.
Immer mit der Ruhe. Was soll dieses ganze hysterische Getue?
Macht euch keine Sorgen. Wir sichern die Welt von morgen.
Und so banal das klingt, das weiß heute jedes Kind.
Ihr habt uns um unsere Zukunft geprellt.
Die Suppe, die wir auslöffeln dürfen, die haben wir nicht bestellt.
© Xylospongium, 2017 ∙ Musik & Text von Carl Oestreich
Der Konzertticketschwarzmarkt fährt in die Hölle
Ich sitze hier wie so viele um Punkt zehn.
Doch diese Seite gibt mir was zu verstehn.
»Es tut uns leid, da können wir gar nichts machen.«
Sagt mir die nette Frau, ich muss weinen und lachen.
»Unsere Kunden sehen das eben als Wertanlage, so ist das nun mal heutzutage!«
Ich kann das nicht glauben und will das nicht verstehn.
Ich wollte doch nur die Ärzte sehen!
»Aber keine Sorge, normalerweise ist das kein Problem.
Schauen Sie doch einfach bei unserer Ticketbörse rein.«
Alles klar, denk ich mir, vielleicht hast du ja Glück und seh’ vor meinem inneren Auge schon, wie ich die 100-Euro-Scheine zück’.
Es ist ja jetzt nicht so, als wär’ das alles super günstig.
Da muss ich wohl noch mal zum Daimler in die Nachtschicht gehen.
Der Konzertticketschwarzmarkt fährt in die Hölle. Fahr zur Hölle.
Das nächste Mal bin ich einfach schnell, doch der Konzertticketschwarzmarkt goes to hell.
© Xylospongium, 2018 ∙ Musik & Text von Carl Oestreich
Finden die anderen Bandmitglieder die Texte immer sofort gut oder seid ihr euch manchmal auch uneinig?
Carl: Wir sind keine Demokratie! [lachen] Nein, keine Ahnung. Weiß ich nicht. Findet der Rest der Band die Texte gut?
Ruben: Doch ja! Natürlich! Ich glaub. Ich weiß nicht …
Carl: Es ist bei uns tatsächlich nicht so, dass wir am laufenden Band neues Material produzieren. Ich schreib schon mehr Texte, als nachher in Songs verwurstet werden. Aber ich geh nicht mit jedem Text zu Ruben und frag, ob er den cool findet. Sondern wenn ich einen hab, den ich richtig geil find, dann bring ich den zur Probe mit. Natürlich ändert man dann noch Zeilen. Aber im Großen und Ganzen ticken wir ja schon ähnlich. ’ne Band ist ja ein sehr komplexes Gefüge. Es würde nicht funktionieren, wenn wir nicht alle auf einer Wellenlänge wären. Das harmoniert gut, denn wir haben alle ähnliche politische Ansichten. Und wir wissen auch, was mit dem Subtext gemeint ist, oder auch wenn man mal so ’nen zynischen Kommentar abgibt oder so, fühlt sich niemand persönlich angegriffen. Der Rest der Band weiß das dann schon immer einzuordnen.
Ruben: Wenn wir irgendwas mal nicht so gut fanden, was jemand geschrieben hat, dann war das nie inhaltlicher Natur, sondern höchstens irgendwie stilistisch, dass man z. B. gesagt hat: »Willst du das Wort da wirklich benutzen?« Solche Sachen. Aber es war jetzt nie so, dass mal jemand gesagt hat: »Worüber schreibst denn du da? Das interessiert mich nicht«, oder: »Das interessiert niemanden. Was für komische Themen sind das?« Dass man sich über Stil mal auseinandersetzt, das ist ja völlig legitim. Das ist ja der Songwriting-Prozess. Aber dass jemand mal gesagt hätte: »Deine Meinung, die du da verkörperst in dem Text, die find ich scheiße …
Carl: … da kann ich nicht für auf die Bühne gehen. Das geht gar nicht, so was.
Ruben: … das gabs nicht. Da sind wir schon ziemlich d’accord, meinungstechnisch.
Das heißt, auch in eurer Nicht-Demokratie haben die anderen noch ein kleines Stimmrecht? [lacht]
Ruben: Fairerweise muss man dazu sagen, dass man schon richtig aktiv nach der Meinung anderer Mitglieder fragen muss, um eine Meinung zu bekommen.
Carl: Kann man schon sagen. Diverse Leute brauchen manchmal ’nen Arschtritt. Unser Bassist tickt ähnlich wie wir, aber der hat die grandiose Eigenschaft, dass er selten eine Meinung hat. Oder der ist extrem reflektiert. Der wägt immer ab. Weil er immer die Ambivalenz in sämtlichen Themen sieht. Der enthält sich quasi immer.
Ruben: Für ’ne funktionierende Demokratie braucht es ja auch die Partizipation des Volkes. Und wenn die nicht da ist, dann ist es ja keine Demokratie mehr. [lachen] Es ist bei uns quasi ’ne Demokratie auf Nachfragen.
Carl: Wenn der nix sagt und sich enthält, ist es eigentlich ganz gut, weil dann sinds zwei Stimmen gegen eine und sonst sind es zwei gegen zwei, das ist dann auch schwierig.
Gibt es eine Hauptmessage, ein Oberthema, das ihr über eure Songs stellen könnt?
Ruben: Ich glaube, es ist wirklich schwierig, ’ne Headline oder so zu finden. Ich würde sagen, es ist eine Mischung aus Politik aus dem linken Spektrum, was auch immer das jetzt bedeuten mag, das ist ja breit gefächert, das ist Konsum- und Kapitalismuskritik, und das ist aber auch Lifestyle, wenn man so will. Rock’n’Roll Lifestyle.
Hattet ihr schon mal Diskussionen in der Öffentlichkeit wegen euren Texten?
Ruben: Nicht direkt, aber ich würde fast behaupten, dass wir schon mal in Läden gespielt haben, wo wir schon deutlich Gefahr gelaufen sind, mit den Texten nicht alle im Publikum zu begeistern. Aber ich glaub, in den Läden haben wir einfach auch mit so einer beschissenen Anlage gespielt, dass man es nicht verstanden hat.
Carl: Sowieso. Textverständlichkeit ist eh immer schwierig. Dadurch, dass es immer in ’nem gewissen Kostüm verpackt ist, sei es ’ne Alltagsgeschichte, sei es Humor, macht es natürlich nicht sofort erkennbar, worum es sich dreht. Was ja auch teilweise das Problem ist mit Bands, die rechtes Gedankengut transportieren. Es ist ja so, dass die es noch viel mehr perfektioniert haben, das wolkig zu umschreiben, und man ja wirklich teilweise ganz genau hinhören muss, um bei manchen Bands die politischen Positionen rauszuhören. Ist kein Zufall, dass der Song »Eure Mütter haben versagt« an die Nazis geht, die irgendwelche Terrorzellen in der AfD gründen oder sich zum Beispiel für so was im Rems-Murr-Kreis treffen. Das Thema Nazis ist ja gerade bei uns im Rems-Murr-Kreis kein wirklich kleines Thema. Da positionieren wir uns auf der Bühne schon ganz klar, aber die meisten Leute, die dann da sind, sehen das genauso. Deswegen sind wir jetzt nach Konzerten noch nicht in irgendwelche politischen Diskussionen … also natürlich schon in politischen Diskussionen, aber nicht in dem Sinne, dass unsere Texte hinterfragt wurden oder mega Kritik kam.
Ruben: Wir positionieren uns ja auch in unseren Texten nicht so extrem, dass wir damit Leute total vor den Kopf stoßen würden, die sich, sag ich mal, politisch in der Mitte wiederfinden. Ich glaube, die Leute, die wirklich von unseren Texten angepisst wären, das wären dann schon auch die Richtigen. Das wären schon die Nazis. Und ich glaub, wir haben noch nie vor Nazis gespielt. Ich brauch das auch nicht. Und ich glaub, wenn uns mal Leute wegen unseren Texten angreifen würden, dann würden die das nicht mehr mit Worten machen. Aber das ist noch nicht passiert.
Carl: Und wenn sie es mit Worten machen würden, dann fänden wir das geil. Bzw. würden wir es als Kompliment verstehen, dass die Message richtig angekommen ist.
Ruben: Richtig. Getroffene Hunde bellen einfach. Und ich glaube, wir sind sicherlich kontrovers, aber nicht so kontrovers, dass Leute auf uns zukommen und sagen: »Ich wähl CDU, und ich find das mega scheiße, was ihr macht.« Und wenn sie es machen wollen, dann ist es legitim …
Carl: …. Dann trifft die Message ja auch wieder die Richtigen …
Ruben: … Das ist ja dann auch angekommen …
Carl: … sollen die uns doch scheiße finden.
Ist Musik zu machen für euch eine Form von Politik machen?
Ruben: Ja.
Carl: Ja. Wir können Botschaften, die uns am Herzen liegen, elegant präsentieren. Und ohne, dass einer direkt nachfragt. Weil, ich bin nicht der absolut stärkste Diskussionspartner. Ich war nie im Debating oder so. Weil mir die besten Argumente immer meistens nach der Diskussion einfallen, ist es ganz anstrengend, bei nervigen Freunden dagegenzuhalten, wobei das ja auch total gut ist, weil das ja Demokratie im Prinzip belebt. Was Demokratie ausmacht, sind die Diskussionen, aber ich finds schon geil, dass ich einfach mal meine Message rüberbringen kann, ohne dass jemand direkt im nächsten Satz mir ins Wort fährt und ich mich im nächsten Satz direkt dafür rechtfertigen muss.
Würdet ihr sagen, die Message mit dem Medium Musik rüberzubringen, bringt mehr oder weniger als Partei- oder Gremienarbeit, Demos, Unterschriften sammeln oder Ähnliches?
Carl: Ich glaub, dass beides total wichtig ist. Ich denk schon, dass viele Leute ihre politische Identifikation auch über Musik suchen, auch mit deren Texten. Wir sind ja jetzt nicht die einzige Band, die Texte mit Botschaften macht.
Ruben: Man muss sich ja nicht entscheiden für nur Politik über Musik oder nur Politik über Unterschriften. Ich geh auch gerne demonstrieren, ich informier mich auch so über Politik, ich geh wählen, ich versuch auch verschiedenste Kanäle zu nutzen, um meine politische Meinung populärer zu machen. Und dann ist es doch auch nur logisch, wenn ich sag: Okay, dann nutz ich die Band auch als Plattform, um ’ne politische Meinung breitzumachen. Und jeder wird sich am Ende auch das Medium aussuchen, das einen am ehesten anspricht. Wenn jemand sagt: Ich find eure Mucke scheiße, ich find eure politische Einstellung aber gut, dann zwing ich den nicht dazu, unsere Musik zu hören, sondern dann sag ich: Dann geh doch raus und demonstrier oder dann geh doch wählen und äußere so deine politische Meinung oder diskutier mit deinem Onkel, der die AfD wählt, das bringt dann vielleicht mehr.
Macht ihr denn auch noch was anderes Politisches neben der Musik?
Carl: Ich studier Erneuerbare Energien, und das hab ich schon als Studienfach ausgewählt aufgrund ’ner politischen Einstellung oder dem Anliegen, dem Thema Klimawandel was entgegenzusetzen oder mich daran aktiv zu beteiligen. Ich könnte mir auch vorstellen, auf dem Feld politisch aktiv zu sein. Ich bin im Moment in keiner Partei Mitglied, schließ es aber nicht aus für die Zukunft; ich geh wählen und ich geh auch auf Demos, wenn es sich anbietet.
Ruben: In ’ne Partei eintreten? Überlegt hab ich das sicher mal, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht so genau, woran es letzten Endes immer gescheitert ist. Ich bin schon politisch, aber ich bin halt so politisch für mich und für Leute, mit denen ich zusammen diskutier, und ja klar, dass man dann ab und zu auf ’ne Demo geht und wählen geht, aber ich hab da momentan nicht so die Ambitionen. Aber wer weiß, vielleicht Berufspolitiker, warum nicht?




