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Da ist schon echt einiges mit mir passiert, z. B. habe ich im Queer-Bereich vieles hinterfragt. Persönlich habe ich eigentlich eine komplette Kehrtwende gemacht, weil ich ein ziemlich binärer Mensch damals war.
Denkst du, du wirst dich später auch noch für deine Interessen einsetzen?
Ich hoffe. Ich bin mir natürlich nicht sicher, weil ich gemerkt habe, dass ich mehr Bildung haben möchte, mehr Tiefe in dem Thema. Da strebe ich gerade viel an im privaten Bereich. Ich hole vielleicht die Schule nach, weil mich das dann doch ziemlich nervt, dass ich immer noch Texte an Freunde schicken muss, dass die mir das erklären. Das ist natürlich auch Zeit, die einem weggenommen wird, die man anders hätte investieren können. Aktuell geht die typische Lohnarbeit bis 16 Uhr. Da hat man dann kaum noch Zeit, was Persönliches zu machen. Wie es dann ist, wenn man die Schule oder sogar ein Studium nachholt, das weiß ich leider nicht. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Ich hoffe, dass ich dann weiterhin genauso am Ball bleibe. Vielleicht mache ichs ja sogar noch ein bisschen besser.
Kannst du dir auch vorstellen, mal ganz anders Politik zu machen?
Vor ein paar Jahren durfte ich in Dresden auf einem Festival mal bei einer Podiumsdiskussion mitmachen, da habe ich ein bisschen Blut geleckt. Da saß ich dann mit einer Moderator*in, einer Sängerin und einer Person, die gerade ein Buch über Punk und Queerfeminismus geschrieben hat. Das war toll, die eigene Meinung da an Personen zu bringen, die sich unsicher waren. Da kam auch Feedback von Personen, die gesagt haben, dass sie sich durch mich vertreten gefühlt haben, weil ich auch nicht studiert bin. Es war schön zu wissen, dass ich da trotzdem eine Relevanz habe, auch wenn ich nicht immer die richtigen Worte finde. Die Nachfrage ist zwar nicht so groß, aber ich würde das gerne mehr machen. Manchmal wars möglich, in Verbindung mit einem Workshop einen Minivortrag zu halten. Aber da werden halt oft Leute bevorzugt, die das studiert haben, was ich voll verstehe, weil da die Quelle und die Meinung ein bisschen mehr Boden haben.
Hast du eine Idee, wie man junge Menschen mehr für Politik begeistern kann?
Eine politische Meinung zu äußern muss nicht immer über große Worte, eine große Plattform oder eine große Bühne passieren. Das kann auch im Hintergrund passieren, das kann auch anonym passieren. Du musst nicht immer irgendwo stehen und mit dem perfekten Wording deine Meinung äußern, weil Politik auch über Musik und andere Mittel vermittelt werden kann. Musik und Kunst sind popkulturell sehr wichtig, gerade für jüngere Menschen, um politische Inhalte zu vermitteln.
Würdest du sagen, dass solche Möglichkeiten besonders für Menschen, die nicht vom Gymnasium kommen oder nicht studiert haben, wichtig sind?
Ja, absolut. Als ich jünger war, war ich aktiv in Frauengruppen und habe mich da sehr schnell immer unwohl gefühlt, weil ich ein falsches Wort benutzt habe und es dann immer hieß: »Lies mal das! Bilde dich mal, so geht das nicht!« Ich konnte erst dazugehören, wenn ich das tue. Anstatt dass sie mir die Zeit lassen, das irgendwie anders zu lernen, oder dass sie es mir beibringen. Das hat mich dann auch wütend gemacht. Es gab aber auch andere Personen, die mir geholfen haben. Das ist total wichtig, denn sonst wäre ich nie da, wo ich jetzt bin, wenn die mir das nicht erklärt hätten, wie ich diese Texte verstehen kann, welches Wort was bedeutet und so. Wer möchte schon in einer Frauengruppe sitzen und über Themen reden, und dann heißt es sofort: »Hey, setz dich erst mal daheim hin und lies das, bevor du hier mitreden kannst!« Da geht man dann natürlich nicht mehr hin.
Wann fing denn bei dir das Interesse für Feminismus an?
Das müsste so vor zehn Jahren gewesen sein, als ich meine ersten Konzerte veranstaltet habe, wo dann auch viele Personen, Bands oder auch das Publikum sich mit diesen Themen befasst haben. Wo irgendwelche Vorfälle und Übergriffe passiert sind, die man dann auch als Außenstehende mitbekommt und hinterfragt, wie das passieren konnte. Als ich die Reaktionen von Opfern gesehen habe, habe ich viele gesellschaftliche Strukturen hinterfragt. Das Interesse an Feminismus war vielleicht schon früher da, aber ich habe es nicht so benennen können. Das war das erste Mal, dass ich eins und eins zusammengezählt habe, was ich so an Erfahrungen hatte, und dann, so vor acht Jahren, konnte ich es auch benennen.
Musik und Kunst sind popkulturell sehr wichtig, gerade für jüngere Menschen, um politische Inhalte zu vermitteln.

Was wäre deine Wunschvorstellung für die Zukunft?
Also am schönsten fände ichs, wenn solche Themen gesellschaftlich so verankert sind, dass man davon weiß und auch danach handelt. Also wenn ich merke, dass die Person neben mir was Blödes gesagt hat, dass ich mich dann auch traue, einzugreifen. Das machen jetzt schon ganz viele Personen, aber gesellschaftlich sind es immer noch so wenige, dass das Gefahren birgt. Da wünsche ich mir, dass jeder reflektiert, welche Aussagen und welche Taten welche Auswirkungen auf andere Personen haben. Natürlich ist ein Problem, dass man nie alle Themen auf dem Schirm haben kann, aber eine Grundhaltung sollte da sein, um zu erkennen, wo man handeln muss. Dann kann ich mir schon vorstellen, dass unsere Welt besser werden könnte. Wir hatten auf einem Konzert mal einen Vorfall, wo sich ein Mann nicht gut benommen hat. Da hat dann die Band und der ganze Raum aufgehört, dieses Konzert wahrzunehmen, und dann wurde gesagt: »Hey, entweder du entschuldigst dich jetzt oder du gehst.« Ich finde, es ist ein Fortschritt, zu sagen: »Hey, da sind unsere Grenzen oder da werden die Grenzen von anderen überschritten, das dulden wir nicht.« Wenn das gesellschaftlich ankommen würde, fände ich das sehr schön.
Was, denkst du, muss passieren, damit das ankommt in der Gesellschaft?
Erst mal Verständnis. Natürlich haben Typen nicht immer das große Interesse, femtrail zu lesen, weil es sie nicht interessiert. Aber dann muss einfach das Interesse so aufgebaut werden, indem die Thematik in den Alltag einfließt. Man muss halt manchmal einfach die Leute nerven, damit verstanden wird, warum man wütend ist.
Glaubst du, du kannst was dafür tun, dass sich da was ändert?
Ich glaube schon, dass ich eine recht gute Reichweite habe, um etwas zu ändern. Ich habe auch schon sehr viel Feedback bekommen von Männern, die zumindest angefangen haben, das Thema zu hinterfragen und zu reflektieren. Aber ich spezifiziere mich doch sehr auf Musik- und Queer-Themen, die natürlich nicht jeden ansprechen. Da gibt es für mich schon noch eine Hürde, so eine Relevanz zu haben, aber das ist auch völlig in Ordnung. Ich hoffe, dass ich mehr Leute motivieren kann, die eine Relevanz haben. Ich sehe nicht meine Rolle darin, die Arbeit komplett zu leisten. Aber mir ist es wichtig, Themen weiterzugeben, von denen ich Ahnung habe. Wenn weiße Menschen über Rassismus schreiben, denke ich mir: Du kannst als weiße Person nicht darüber reden, weil du diese Erfahrung nicht gesammelt hast. Bevor du was tust, überlege noch mal, ob du genug eigenes Wissen und Erfahrungen mitgebracht hast. In der Politik reden oft Personen, denen die persönliche Erfahrung fehlt. Die starten dann mit Informationen aus dritter Hand politische Aktionen. Allerdings: Politik ist kein leichtes Thema, weil man da mit Wissen rangehen muss. Erfahrungen und Wissen sind zwei unterschiedliche Dinge. Erfahrungen kann man sammeln, aber wie man am Ende damit umgeht, ist was anderes. Ob du das Geschehene durchdenkst oder nur oberflächlich berichtest. Es wären zwei unterschiedliche Texte, wenn zwei Personen über ein Erlebnis berichten würden und die eine Person einfach nur impulsiv berichten würde und die andere Person würde noch mal durchdenken, wie es dazu kommen konnte, wie sich die Person dabei gefühlt haben könnte. Das sind zwei unterschiedliche Messages, und da ist die impulsive Message oftmals gefährlicher, denke ich. Emotionale Aspekte sind oft schwierig, weil sie keine gute Grundlage sind, um eine politische Message rauszubringen. Da muss man checken, ob man zu emotional ist, um etwas auf einer neutralen Ebene zu betrachten.
In der Politik reden oft Personen, denen die persönliche Erfahrung fehlt.
Wobei ich mir schon vorstellen kann, dass gerade feministische Themen mit Emotionen verbunden sind. Viele Sachen, die da passieren, können ja wütend machen.
Ja, auf jeden Fall. Damit fangen sie ja an, aber sie so weiterzugeben, ist schwierig. Natürlich sind Demos und Aufstände das Wichtigste für mich, weil sie auch in der Vergangenheit gezeigt haben, dass sie Dinge verändert haben, die bis heute wichtig sind. Das sind alles emotionale Geschehnisse, aber man sieht auch in der Gesellschaft, wie emotionale und impulsive Geschehnisse aufgefasst werden und dass sie nicht mehr ernstgenommen werden. Deswegen habe ich schon Texte bis zu 20 Mal umgeschrieben, weil ich gemerkt habe, dass ich zu viel ausgeufert bin in meinen Gefühlen.
Link zum Blog: http://femtrail.blogsport.de/
»Was ist Deutschland für dich?«
Carolin (17)
Schülerin eines Gymnasiums, spielt Theater im Spielclub JES Open 1 in Stuttgart und ist Mitglied bei den Jungen Grünen

Du bist im Spielclub JES Open 1 des Jungen Ensembles Stuttgart. Wie bist du dazu gekommen?
Meine Schule hat verschiedene Austauschprogramme mit Partnerschulen. Das ist sehr breit ausgefächert: in Südafrika, Australien, Hongkong … Ich wollte mir diese Möglichkeit nicht entgehen lassen, in so einem geschützten Rahmen ins Ausland zu gehen und dort die Schule zu besuchen über die Sommerferien. Deswegen war ich sechseinhalb Wochen in Sydney in den letzten Sommerferien, und eins der Schulfächer dort war »Drama«.
Ach, das gibt es als Schulfach dort?
Ja. Dort habe ich zum ersten Mal Theater gespielt, und die Drama-Lehrerin dort hat mich dann gefragt: »Möchtest du es nicht vielleicht weiterführen?« Da habe ich mich erkundigt. Meine Schwester ist in einem anderen Club im JES, und dann hab ich die mal durchgeschaut und kam darauf. Und dann wurde ich ausgewählt, den Weg weiterzugehen.
Wieso hast du dir gerade diesen Spielclub rausgesucht?
Es war fast der einzige, der infrage kam. Die meisten waren eher für Jüngere. Mit 17 fällt man dann halt raus. Somit war das eigentlich der einzige Club, wo ich mich hätte bewerben können, um zu spielen.
Das Junge Ensemble Stuttgart (JES)
Das Junge Ensemble Stuttgart ist das Stuttgarter Kinder- und Jugendtheater. Seit 2004 werden jedes Jahr mit einem professionellen Ensemble unterschiedliche Theaterproduktionen erarbeitet. Die Bandbreite ist groß: klassisches Erzähltheater, Tanztheater, Theater für Kinder, performative Formen und partizipative Projekte, bei denen Profis und Jugendliche gemeinsam in einem Probenprozess Stücke entwickeln und zusammen aufführen.
In der Abteilung Theaterpädagogik ist das JES breit aufgestellt: Neben Poetry Slam, der Zusammenarbeit mit Schulen und Kitas, einem alljährlichen Festival und dem kooperativen Open Space EINMISCHEN für junge Menschen gibt es theaterpädagogisch begleitete Spielclubs für jedes Alter.

Das Theaterstück, das ihr gerade probt, trägt den Titel Deutschland – meine Hood. Erzähl doch mal, um was es in dem Stück geht.
Also einerseits um Deutschland natürlich, andererseits auch um Nachbarschaft. Da haben sich vor allem die anderen zwei Clubs mit auseinandergesetzt. Und ja, wie wir Deutschland wahrnehmen und damit umgehen. Also vor allem sprechen wir gleich am Anfang den Nationalstolz an. Wir haben es aber relativ frei gestaltet, also dass man danach noch sehr viel überlegen kann, wie man selbst dazu steht. Auch ganz zentral war: »Ich habe mein Deutschland verloren«, weil wir heute vor allem das Gefühl haben, dass es uns so geht. Wir haben meistens gespielt und dann geschaut, welche Szenen bieten sich an, in einer weiteren Form umgesetzt zu werden. So ist das entstanden.
Am Ende sag ich ihm dann, dass man ja stolz darauf sein kann, dass man heutzutage nicht mehr stolz sein muss.
Habt ihr euch das Thema selbst rausgesucht oder hat das jemand vorgegeben?
Deutschland und Nachbarschaft stand schon fest, aber das Stück haben wir selbst mitgebildet.
Gibt es das Thema auch in deinem Alltag?
Ich würde nicht sagen zentral. Also ich habe mich eine Zeitlang mal sehr intensiv damit beschäftigt, wie es viele machen. Mit der NS-Zeit und meiner Familie und wie sich da alles verflochten hat. Da habe ich ein Stück weit Sachen infrage gestellt. Ich glaube, jeder tut das mal irgendwann in seinem Leben: sich die Frage stellen, welche Rolle Deutschland in der Welt spielt oder wie wir damit umgehen können. Im Theaterstück habe ich einen Dialog mit einem, der ist fast 80, deswegen ist es interessant. Er quatscht mich im Prinzip an mit: »Was ist Deutschland für dich?« Und ich wehre erst mal die ganze Zeit ab. Am Ende sag ich ihm dann, dass man ja stolz darauf sein kann, dass man heutzutage nicht mehr stolz sein muss, man kann, aber man muss nicht. Ich finde es ganz schön, dass jeder das so für sich sagen kann, und dass wir auch stolz drauf sein können in dem Maß.
Das Theaterstück wird von drei Spielclubs gespielt und bearbeitet. Unter anderem auch dem Club Kultür mit Spieler*innen türkischer Herkunft. Wie findest du die Zusammenarbeit?
Sehr interessant, weil sie auch ihre Sicht reinbringen. Z. B. haben wir eine Szene, da kommt Besuch zu einer türkischen Familie, und dann fangen sie an, alles mögliche Essen auf den Tisch zu stellen. Alle haben eigentlich irgendwann keinen Hunger mehr, aber sie geben immer mehr, und die Besucher haben keinen Durst mehr, trotzdem schütten die von der Familie einfach nach. Die Weiteren fliehen dann davor. Ich finds deswegen auch schön, weil Deutschland ist eben nicht nur eine Nationalität, sondern mehrere. Vor allem die türkische kommt ja auch sehr oft vor in Deutschland. Deswegen find ich es eigentlich sehr schön, auch dieses Gemischte zu haben, was es ja auch heutzutage ausmacht, die Vielfalt.
Du hast mir in den Mails geschrieben, dass du dich nicht unbedingt als politisch engagiert betiteln würdest. Woran machst du das fest?
Ich habe mich bisher nicht wirklich irgendwie politisch engagiert. Also ich war schon mal bei Fridays for Future dabei oder habe mitdemonstriert, aber nicht, dass ich in einem Bundesvorstand von ’ner Jugendparteigruppe oder so wäre. So dieses klassische Politische, da würde es mich jetzt noch nicht hinziehen, obwohl ich gerade dazu tendiere. Ich wollte eher bisher, dass ich meins im Klaren habe, dass ich nicht irgendwas predige, was ich aber gar nicht selbst bei mir finde: Dass ich erst selbst weniger Fleisch esse, weniger Plastik produziere oder mit dem Tierwohl selbst bei mir ’ne Lösung finde, wie ich damit klarkomme oder wie ich handle, bevor ich dann rausgehe und andere konfrontiere und denen was weitergeben kann.
Gerade hast du aber schon erwähnt, du bist so auf dem Weg dahin, dich politisch einzubringen. Das heißt, du hast für dich die Sachen geklärt und bist jetzt bereit für Weiteres?
Ja, ich bin vor ein paar Tagen Mitglied bei den Jungen Grünen geworden.
Das heißt, Gremienarbeit war das, was dir noch gefehlt hat, sodass du jetzt selbst sagen würdest, ich bin politisch engagiert?
Ja, ich wollte nicht zu Leuten gehen und dann so tun als ob. Ich bin vor ein paar Jahren vegetarisch geworden, kaufe vieles secondhand und gehe immer weitere Schritte, damit ich mich umwelttechnisch sehr positiv aufstellen kann. Ich hatte so das Gefühl, wenn ich in eine grüne Partei eintrete, dass ich nicht gerade ’ne Vorarbeit leisten muss, aber schon so was mitbringe.
Deutschland ist eben nicht nur eine Nationalität, sondern mehrere.
Hast du noch eine Idee, wie man Jugendliche stärker an Politik beteiligen kann?
Das Theater ist eine schöne Methode, Jugendliche an Politik ranzuführen. Sonst passiert heute halt sehr viel über die Medien. Man kann am meisten erreichen heutzutage über die Medien. Durch die Medien können Kinder und Jugendliche was mitnehmen. Das kann genutzt werden. Aber sonst würde ich das Theater eigentlich immer nehmen. Das war schon bei Schiller und Goethe so, dass das über das Theater lief.
Das Theater ist eine schöne Methode, Jugendliche an Politik ranzuführen.
Wenn du mal an die Zukunft denkst, was müsste nach deiner Ansicht auf jeden Fall passieren, dass es in der Welt besser und gerechter zugeht?
Die Lösung für den Klimawandel zu finden, wäre vielleicht ganz sinnvoll. Sonst: friedliche Lösungen finden zwischen vielen Ländern. Wahrscheinlich ist das sehr utopisch gedacht, aber man kanns ja wünschen. Auch wenn man den Klimawandel aufhalten könnte, könnte man viel verhindern, dass Menschen fliehen müssen. Dadurch, dass es eben nicht dazu kommt, dass irgendwelche kleinen Inseln im Amazonas oder Atlantik überschwemmt werden. Und mir liegt auch viel am Tierwohl. Also keine Massentierhaltung oder der ganze Sojaanbau, der für das Tierfutter gemacht wird, weswegen der Regenwald abgeholzt wird. Was ja eigentlich gar keinen Sinn macht.
Hoffentlich bin ich auch irgendwann mal vegan.
Das heißt, dass du vegetarisch bist, hat schon seinen politischen Hintergrund?
Ja, hoffentlich bin ich auch irgendwann mal vegan. Aber das mache ich wahrscheinlich erst, wenn ich bei meiner Mutter ausziehe, weil ich sie nicht belasten möchte, wenn sie dann alles Mögliche kochen muss.
»Wenn man stickert, kann man seiner Meinung einfach Ausdruck verleihen, ohne dass man was dazu sagen muss«
Laura (23)
Studentin, verteilt Sticker

Da haben wir »Refugees-Welcome«-Sticker verteilt, um öffentlich zu zeigen, dass es auch Stimmen für die Aufnahme von Geflüchteten gibt.
Laura, ich habe gehört, dass du stickerst. Wie kann ich mir das vorste1llen?
Ich habe eigentlich immer Sticker dabei, sodass ich beispielsweise irgendwelche rechten Sticker überkleben kann, wenn ich welche sehe. Aber ich habe auch schon Sticker-Aktionen mit Freunden gemacht. Beispielsweise sind wir nachts durch die Stadt gelaufen und haben da großflächig Sticker verteilt. Auch in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hab ich mit Freunden bzw. mit meiner Schwester Sticker verteilt. Vor allem in dem Zeitraum, als bei uns eine Unterkunft für Flüchtlinge eröffnet wurde. Da gab es Gegenwind, und daher haben wir »Refugees-Welcome«-Sticker verteilt, um öffentlich zu zeigen, dass es auch Stimmen für die Aufnahme von Geflüchteten gibt.
Wie bist du auf die Idee gekommen zu stickern? Wie hat das angefangen?
Auf einem Konzert oder Festival, auf dem ich mal war, lagen ganz viele Sticker rum und man konnte die einfach mitnehmen. Ich habe auch davor schon von meiner Lieblingsband mal T-Shirts gekauft und da lagen auch ein paar Sticker dabei, auch schöne Sticker von der Band. Da dachte ich, die behalte ich lieber mal, vielleicht kann ich die auf meinen Schrank kleben oder so. Ich habe angefangen, die zu sammeln, hauptsächlich, um Werbung für die Band zu machen. Da war ich so etwa 17.

Sind das nur Sticker, die irgendwo rumliegen, oder bekommst du deine Sticker noch von woanders her?
Nee, beispielsweise bei Demos kann man welche mitnehmen. Da schmeißt man in ein kleines Kässchen ein bisschen Geld rein, damit das Sticker-Drucken finanziert werden kann. Ansonsten gibt es auch Internetseiten, auf denen man Sticker bestellen kann. Da habe ich auch schon welche bestellt.
Kannst du mir Beispiele nennen, was konkret auf den Stickern draufsteht?
Als die Identitäre Bewegung in Stuttgart vor zwei Jahren relativ groß war, da gab es Demo-Sticker, wo draufstand: »Die Identitäre Bewegung zerschlagen«. Da war dann dieses IB-Zeichen mit so einer Faust versehen, die auf das Zeichen schlägt und es zerbricht. Daneben gibts beispielsweise von der Links-Jugend einen Sticker zum Thema Feminismus, wo eine Vulva drauf abgebildet ist mit dem Spruch »Viva la Vulva«. Das ist mein Lieblings-Sticker.
Was gefällt dir daran so gut?
Zum einen, weil der lila ist, diese Zeichnung der Vulva selbst und dann diese schwungvolle Schrift, in der das geschrieben ist. Der sieht einfach optisch schön aus, und dann dieses Stigma, was oft noch sehr mitschwingt, dieses Schambehaftete. Wenn man den so plakativ irgendwo hinklebt, kann man drauf aufmerksam machen, dass man auch ein bisschen zelebriert, was der weibliche Körper alles kann.
Hast du auch Klamotten oder Tattoos, auf denen politische Aufdrucke sind?
Ich habe ganz viele T-Shirts mit politischen Aufdrucken. Mein erstes politisches T-Shirt war ganz plakativ mit dem Motiv »FCK NZS«. Dann habe ich solche Aufnäher auf meiner Jacke drauf, und auch auf meinem Rucksack habe ich einen. Tattoos habe ich auch. Zum einen ein Band-Tattoo. Es ist ein Zitat von einer Band, aber eher bisschen unterschwellig, wo man drüber nachdenken muss. Es ist von der Band Heisskalt und heißt »Offene Arme – der gewaltigste Protest, den wir haben«. Das ist in der Innenseite meines Oberarms. Auch so ein bisschen bunt. Und dann hab ich noch ein Anarchie-Zeichen auf dem Rippenbogen tätowiert.
»Offene Arme – der gewaltigste Protest, den wir haben«.
Was ich damit ausdrücken möchte: eigentlich den Leuten das so ins Gesicht drücken sozusagen. Das ist ja wie mit den Stickern: Die sind relativ unauffällig, wenn die an irgendeinem Laternenpfosten kleben, aber es sind trotzdem Blickfänger, worüber man dann nachdenkt. Wenn ich durch irgendeine Stadt laufe und da Sticker sehe, dann weiß ich: Okay, es sind auch mehr linke Menschen hier oder eben viele Rechte oder so. Und: Man hat oft das Gefühl, dass man sich nicht so richtig traut, was zu sagen, gerade in ’nem Dorf, wenn da viele ältere Leute wohnen, die immer wieder solche Parolen raushauen. Wenn man dann immer mit solchen T-Shirts rumläuft, dann wird man gar nicht mehr so damit konfrontiert. Die Leute wissen schon, dass sie mit mir da gar nicht drüber diskutieren brauchen. Das macht es ein bisschen einfacher.
Wem möchtest du denn allgemein mit den Stickern was sagen?
So Leuten wie beispielsweise damals bei mir im Dorf, die nicht wollten, dass da eine Asylunterkunft eröffnet wird, denen will ich zeigen: Hey, es gibt auch Leute, die das okay finden. Vielleicht aber auch denen, die rechte Sticker verteilen, dass man denen zeigt, dass es Leute gibt, die das nicht okay finden, und so ein bisschen dagegenhält.
Denen, die rechte Sticker verteilen, dass man denen zeigt, dass es Leute gibt, die das nicht okay finden.




