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Sarah schaut ihn fragend an. »Danke«, sagt sie schließlich aus ihrer Not heraus, auch wenn die Tassen noch leer sind und sie das Wasser hinter dem Vorhang gerade brodeln hört.
»Danke?«, wiederholt der Mann. Mit einem forschenden Blick sticht er in Sarahs Gedanken. »Danke für was?« Dann weist er mit dem Zeigefinger auf Sarah. »Das da, Kindchen, ist mein Platz.« Er kneift die Augen zusammen. »Nicht deiner.« Unvermittelt wendet er sich ab und verschwindet wieder aus dem Raum.
Sarah ist für einen Augenblick wie versteinert. Sein Platz? Sie erinnert sich, dass der Mann hier gesessen hat, als sie die Werkstatt betrat. Wie auf einem Thron, dachte sie. Tatsächlich. Sie hat sich auf seinem Thron niedergelassen. Woher aber konnte sie ahnen, dass er den Sessel für sich beansprucht? Sarah findet es zunächst unfreundlich, einem Gast seinen Platz streitig zu machen. Nie wäre ihr das in den Sinn gekommen. Erst recht nicht in einem so strengen und fordernden Tonfall. Und schließlich fühlt sie sich neben ihrer Eigenschaft als Gast noch immer als Kundin. Sie beabsichtigt, einen Gürtel zu kaufen. Vielleicht sollte sie doch einfach gehen? Kurz lacht sie empört auf, beißt sich aber schnell auf die Lippen. Dann fällt ihr Blick auf die Teetassen, die sich auf dem dunklen, glatten Holz des Tisches ein wenig spiegeln. Ganz so unfreundlich ist es jedenfalls nicht, einen heißen Tee anzubieten.
Wieder betritt der Mann den Raum, stellt eine Zuckerdose auf den Tisch. Sieht kurz und eindringlich zu Sarah. Verschwindet wieder. Ohne Worte. Hinter dem Vorhang beendet das Wasser sein Brodeln.
Sarah überlegt nicht lange. Der Blick des Mannes hatte sie getroffen. Nicht heftig, nicht schmerzend, aber in ihrer Seele. Genauso hätte er sagen können: »Steh sofort auf und mache meinen Platz frei. Steh sofort auf und begib dich auf den Platz, den ich dir zugewiesen habe.« Sie erhebt sich zügig, wechselt die Seite des Tisches. Bemüht sich, kein Geräusch dabei zu machen und mit der gefalteten Jacke nicht die Tassen und nicht die Zuckerdose zu touchieren. Dann lässt sie sich auf dem alten, roten Sofa nieder. Sinkt in ein Polster, dessen vergangene Jahre man nicht nur sehen, sondern auch fühlen kann. Setzt sich schräg, damit die Knie nicht nach vorn zeigen und die Tischkante berühren. Ihre Jacke legt sie schließlich über eine der Lehnen. Kaum hat sie sich positioniert, hört sie hinter sich Schritte.
Der Mann stellt eine Kanne auf den Tisch, klein, rundbäuchig und mit blassem Blumenmuster. Ohne den Platzwechsel von Sarah zu kommentieren, lässt er sich in seinen Thron fallen und atmet aus, als hätte er Schwerstarbeit verrichtet. Er nimmt die kleine Brille von der Nase und reibt sie an seinem Hemdsärmel. »Oh«, sagt er und sieht zu Sarah herüber. »Wie unhöflich, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt.« Dann legt er beide Arme auf die Lehnen und sieht entspannt aus. »Mein Name ist Carl. Carl Conrad. Mir gehört diese Ledermanufaktur.« Mit dem Kopf nickt er seitwärts und meint damit den Raum um sich, der unschwer als solche zu erkennen ist. »Aber das hast du dir sicherlich schon denken können. Und wer bist du, Kindchen?«
Sarah bemerkt einen Hauch Teegeruch. Schwarzer Tee. Nein, Rooibos, glaubt sie. »Sarah«, hört sie sich sagen, noch bevor sie sich Gedanken darüber gemacht hat, ob sie ihren Vornamen oder doch besser nur den Nachnamen nennen soll. Sie bemerkt, dass sie zum zweiten Mal handelt, ohne richtig darüber nachgedacht zu haben. Sie muss sich mehr konzentrieren, nimmt sie sich vor.
»Zieh deine Schuhe aus, Sarah.«
Sie sieht kurz nach unten auf die braunen Stiefeletten, dann wieder zu dem Mann. Fassungslos. Ihr steht der Mund offen. Die Schuhe ausziehen?
»Sie sind nass. Vollgesogen mit Wasser. Du hast kalte Füße.« Ruhig liegen die Arme des Mannes auf den Lehnen, seine Hände sind leicht geöffnet. Keine Regung. »Wenn du also keine Erkältung haben möchtest zu Weihachten …« Der Mann legt den Kopf schräg, schaut eindringlich über den Tisch.
Sarah fühlt ein »Wird es bald?«, obwohl der Mann weder in diesem Tonfall spricht noch in anderer Weise bedrohlich auf sie wirkt. Es ist einfach nur ein Gefühl. Sie beugt sich nach unten, ohne ihn aus den Augen zu lassen, tastet mit den Fingern nach den flachen Absätzen der Stiefeletten, zieht ein wenig an ihnen. Erst rechts, dann links. Während sie das tut, fliegen Blicke über den Tisch. Von ihr zu ihm, von ihm zu ihr. Sarah meint, ein kurzes Aufleuchten zu erkennen, vielleicht Genugtuung, aber es kann ebenso ein Flackern der Kerze auf dem Tisch gewesen sein. Sie schlüpft aus den nassen Schuhen.
»Stell sie drüben auf die Werkbank, dort trocknen sie am besten. Aber nicht zu nah an den Heizkörper.«
Sarah ist sprachlos. Sie hatte erwartet, dass er sich darum bemühen würde, sich erhebt, ihr die Schuhe abnimmt. Stattdessen sitzt er auf seinem Thron und bewegt sich nicht. Sarah findet, dass die Bezeichnung Thron durchaus seine Berechtigung hat. Dass sie viel besser passt als einfach nur »Ledersessel«. Sarah senkt den Blick, betrachtet ihre Socken, die an den Spitzen dunkel verfärbt sind. Tatsächlich nass. So soll sie durch die Werkstatt laufen? In Strümpfen? Sie schaut über den Boden hinweg zu der Werkbank. Das Parkett ist sauber, wenn auch ergraut und stumpf.
»Im Regal daneben liegt Zeitung, stopfe die Schuhe damit aus, bevor du sie zum Trocknen stellst.« Der Mann beugt sich ein wenig vor, als wolle er ein Geheimnis verraten. »Dann geht es schneller, Sarah.«
Sie nickt, erhebt sich, trägt die Stiefeletten hinüber zu der Werkbank. Sarah ist sicher, in ihrem Rücken ein Lächeln zu spüren. Amüsiert? Oder zufrieden? Sie weiß es nicht. Sie weiß nicht einmal, warum sie das überhaupt tut. Ein wenig wütend ist sie. Auf sich selbst. Dass sie sich von ihm belehren lässt, als wüsste sie nicht selbst, wie man Schuhe trocknet. Und dass er ihr so seelenruhig dabei zusieht. Das macht sie sauer.
»Mit Zucker, Kindchen?«
Sarah dreht sich kurz zu ihm. Zucker? Sie sieht, wie er die Kanne in der Hand hält und ihr einschenkt. Eine Hand hält den kleinen runden Deckel, damit er nicht stürzt. »Ich nehme mir schon selbst, danke«, sagt sie knurrig, während sie weiter Zeitungspapier knüllt und es in die Schuhe stopft. Bis hierhin durfte sie auch alles selbst machen, denkt sie, also braucht sie seine Hilfsbereitschaft für den Zucker nun auch nicht mehr.
»Also ohne«, hört sie ihn in ihrem Rücken sagen. Als wäre er enttäuscht. Kurz hält sie mit einem Knäuel Zeitungspapier in der Hand inne. Überlegt, ob er sie nicht richtig verstanden hat. Als sie Schritte hört, sich umdreht und ihn mit der Zuckerdose und der leeren Kanne hinter dem Vorhang verschwinden sieht, weiß sie, dass es nicht so ist. Sie beschließt, es nicht zu hinterfragen.
»Sie haben nicht viele Kunden, oder?«, ruft sie ihm hinterher, schiebt das letzte Knäuel Zeitung in einen Schuh, platziert das Paar auf der Werkbank und begibt sich mit großen Schritten zurück auf das Sofa. Sie greift nach der Tasse an ihrer Tischseite, macht es sich bequem, nimmt die Beine nach oben, schlürft einen ersten Schluck. Rooibos, genau so, wie der Tee von Anfang an gerochen hat. Sarah schließt kurz die Augen und stellt fest, dass sie sich jedenfalls nicht unwohl fühlt. Wann hat sie das je erlebt – eine Duftmischung aus Rooibostee, Cognac und Lederwerkstatt. Fantastisch, denkt sie.
»Nein«, tönt die tiefe Stimme hinter dem Vorhang, »habe ich nicht. Viel zu wenige, wenn man es genau nimmt. Die Geschäfte laufen nicht gut. Heutzutage brauchen die Menschen keine Manufakturen mehr. Sie kaufen lieber billig.« Der Mann kehrt zum Tisch zurück. »Da muss man schon etwas Besonderes herstellen, um noch ausreichend Zulauf zu haben.« Während er sich setzt, sieht er auf die Tasse in Sarahs Hand. »Oh, du hast schon begonnen, Kindchen? Wartet man da nicht?« Er zieht die Augenbrauen nach oben.
Pah, denkt Sarah entrüstet, und beinahe hätte sie es laut gesagt. Wenn hier jemand auf höfliche Umgangsformen hinweisen müsste, dann wäre das ganz klar ihr Part. Wer hatte sie denn in Strümpfen durch die Werkstatt geschickt? »Mir war kalt«, rechtfertigt sie sich, und schon mit dem letzten Wort ärgert sie sich, auf ein deutliches Kontra verzichtet zu haben.
»Weißt du, dass du in dieser Woche bislang die Einzige bist, die sich in meine Werkstatt verirrt hat?«
Sarah lässt ihren Blick durch den Raum schweifen. Sieht das an den Wänden gestapelte Material. Überwiegend schwarz, was einen Teil der dunklen Atmosphäre der Werkstatt verantwortet. Aber in wenigen Fächern der Regale lagern auch weiße, rote und sogar blaue Rollen. »Etwas Besonderes?« Ihr fällt nichts ein, was in dem langen Flur zwischen Tür und Werkstatt ihre Aufmerksamkeit erreicht hätte. Riemen und Gürtel. Kurze, lange. Mit vielen Löchern, mit wenigen. Mal genietet, mal gestanzt. Nichts Außergewöhnliches für eine Ledermanufaktur, findet sie. Abgesehen von dem wundervollen Duft und dem Gefühl der Berührung. Das einzig Besondere an dieser Manufaktur scheint ihr Besitzer zu sein.
»Wie viel Zeit hast du mitgebracht, Sarah?« Der Mann greift zu seiner Teetasse, lehnt sich wieder zurück in seinen Thron.
Sarah überlegt. Es ist noch Vormittag. Sie hat sich nichts mehr vorgenommen heute, müsste sich aber noch etwas zu essen besorgen und sollte nicht zu spät ins Bett gehen. Sie wird den Tag allerdings auf keinen Fall vollständig in einer düsteren Lederwerkstatt verbringen. »Bis die Schuhe trocken sind«, sagt sie diplomatisch.
»Gut«, sagt Herr Conrad. »Dann will ich dir etwas erzählen, Kindchen.« Er umgreift die Tasse mit beiden Händen und lehnt sich zurück. Es scheint, als wolle er es sich für längere Zeit gemütlich machen. »Dafür hast du doch Zeit, oder?«
Sarah nickt. Sie zieht die Füße noch ein wenig zu sich und lehnt sich in die Sofaecke. Hier drinnen ist es allemal bequemer als draußen. Nässe, Kälte, Mäntel und Regenschirme gegen Rooibostee, Cognacduft und Ledergeruch. Ein guter Tausch, findet sie. Jedenfalls für den Moment. Warum also keine Geschichte, bis die Schuhe trocken sind.

Kapitel Drei
»Stell dir einen Tag wie diesen vor«, sagt Herr Conrad zu Sarah, und Sarah nickt.
Kalt war es und so unfreundlich, wie es im Dezember nur sein kann. Es war bereits Abend und draußen fiel Schnee in Strichen durch die Lichtkegel der Straßenlaternen. Auf dem Fußweg eilten die Menschen von der Arbeit nach Hause oder standen frierend an Haltestellen, um auf den nächsten Bus zu warten.
Herr Conrad beugt sich leicht nach vorn und greift zu dem Teelöffel, der vor ihm auf dem Tisch liegt. »Lia«, sagt er und schaut zu Sarah, »ich nenne das Mädchen in meiner Geschichte Lia, ist das in Ordnung?«
Sarah nickt wieder. Sie umgreift mit beiden Händen ihre Tasse und spürt deren Wärme. Als wolle sie sich vor dem kalten Dezembertag schützen.
»Gut. Lia also.«
Lia sah aus einem großen Fenster auf die Straße herab. Sie sah die Striche unter den Laternen, die eilenden Menschen, eine Bushaltestelle. Sie hatte beide Handinnenflächen gegen das Glas des bis zum Boden reichenden Panoramafensters gelegt und fühlte sich, als würde sie über der Stadt schweben. Ihr war angenehm warm. Die Heizung des Hotelzimmers blies kaum hörbar Luft in den Raum, manchmal spürte man sogar einen sanften Hauch auf der Haut.
Herr Conrad senkt den Löffel in die Tasse und rührt.
»Auf der Haut?« Sarah legt den Kopf schräg und lächelt ein wenig. »Durch die Kleidung hindurch?«
»Kindchen«, sagt Herr Conrad beinahe streng, während er den Löffel durch den Tee schwenkt. »Kindchen, halte dich bitte zurück. Wenn du mich ständig unterbrichst, geht der Zauber der Geschichte verloren. Und wenn ich immer wieder neu ansetzen muss, entgleitet mir irgendwann der rote Faden. Lass mich also erzählen.«
»Verzeihung«, sagt Sarah. Kaum hat sie es ausgesprochen, bemerkt sie wieder dieses Funkeln in den Augen des Mannes. Nur ganz kurz. Sie schlürft schnell einen Schluck Rooibostee und schaut dann auf ihre Tasse. Als fühle sie sich tatsächlich schuldig.
Lia lehnte also gegen das große Fenster. Ihre Stirn berührte das Glas. Sie beobachtete das Treiben auf der Straße, entspannt und ruhig. Atmete tief ein und aus. Seit vielen Wochen hatte sie auf diesen Moment gewartet. Hatte ihren Alltag so organisiert, dass er sich ihr nicht entgegen stellen konnte an diesem Abend. Bevor sie hierher kam, hatte sie ein duftendes Bad in Lavendel genommen, sich eingestimmt und vorbereitet auf das, was sie erwartete. Und als sie sich schließlich auf den Weg gemacht hatte, fühlte sie sich bereits in einer sanften und friedlichen Stimmung. Bemerkte tief in sich ein Glühen und wusste, dass es sie an diesem Abend noch vollständig ergreifen würde.
Lia ließ ihr Gesicht weich am Fensterglas entlang gleiten. Die Stirn, die Nase, die Lippen. Als sie das Kinn erreichte, schlug der kleine Ring ihres schmalen Halsbandes mit einem leisen Klacken gegen das Glas.
Sarah hebt ruckartig den Kopf. Als sie zu dem Mann sieht, der ihr gegenüber im Thronsessel sitzt, begegnet sie seinem lauernden Blick. Sie ist unsicher, ob Herr Conrad auf ihre Reaktion gewartet hat. Oder ob er nur testen will, dass sie tatsächlich schweigt und ihn nicht wieder unterbricht. Ein Ring? An einem Halsband? Um den Hals von Lia? Sarah legt all ihre Ungläubigkeit in ihren Blick, transportiert Fragesätze, aber schweigt. Es dauert einige lange Sekunden, bis das Duell endet. Herr Conrad erzählt weiter, als wäre nichts gewesen. Die Fragen fallen zwischen ihnen zu Boden.
»Bist du bereit?«
Lia schloss die Augen. Natürlich war sie bereit. Zu keinem Zeitpunkt in den letzten Wochen war sie mehr bereit gewesen als jetzt. »Ja«, sagte sie leise gegen das Glas.
Hinter Lia erhob sich ein Mann aus einem Stuhl. Von dort aus hatte er seit Minuten zu ihr herübergesehen. Wie sie gegen das Fenster lehnte. Wie ihr Körper einen wundervollen Kontrast zwischen heller Haut und dunklem Himmel hinter der Glasfront zeichnete. Er hatte genussvoll beobachtet, dass sie still wurde, in sich versank, auf ihn wartete. Minutenlang. Jetzt war sie tatsächlich bereit.
Er griff neben sich und hob ein schwarzes Korsett aus Leder an. Schwer fühlte es sich an, so gerollt und mit Schnüren umwickelt, wie er es in der Hand hielt. Und auch kühl. Der Mann lächelte. Es war nach ihren Maßen angefertigt, nur für sie. Kein Korsett von der Stange, sondern in Handarbeit geschnitten und genäht. Etwas Besonderes. Langsam durchquerte er den Raum, erreichte Lia. Stellte sich vorsichtig hinter sie. Ganz dicht. Hörte ihren gegen das Fenster gehauchten Atem. Sah ihr über die Schulter hinweg in die Tiefe. Dort unten waren eilende Menschen, Schneefall und eine Bushaltestelle. Wie in einem anderen Universum. Niemand sah nach oben. Niemand bemerkte die gegen das Fenster gelehnte Frau, die bis auf ein Halsband gänzlich unbekleidet war. Wenn doch, wäre sie unerreichbar gewesen.
Der Mann trat leise einen halben Schritt zurück. Mit ruhiger Hand rollte er das Korsett aus. Löste langsam die Schnüre. Weich fühlte sich das Leder an, aber er wusste, dass es bald nicht mehr so sein würde, wenn er die Schnüre erst wieder angezogen haben würde. Wie eine zweite Haut würde es sich um Lias Körper legen, erst sanft, dann einengend, später Besitzergreifend, sie formend, zunehmend fordernd, ihr die Luft nehmend. In dieser Reihenfolge. Er würde sie schließlich so eingeschnürt haben, dass sie alles geben musste, um zu bestehen. Wie lange sie das schaffen würde, für ihn, wussten sie beide nicht. Aber sie würden es sehen. Dazu waren sie hier.
Als er Lia das Korsett um die Taille legte, sog sie laut und schnell den Atem ein. Als wäre sie erschrocken. Als hätte sie nicht damit gerechnet. Tatsächlich war es aber nicht so. Die erste Berührung. Der Moment, auf den sie so lange gewartet hatte. Ab dem es keine Umkehr mehr gab. Viele Wochen hatte sie sich diesem Augenblick entgegen gesehnt.
»Alles in Ordnung?«
Sarah sieht erschrocken von ihrer Tasse nach oben. »Ja, sicher …« Sie bemerkt, dass sie bereits jetzt völlig von der Erzählung ergriffen ist.
Herr Conrad hebt überrascht die Augenbrauen. Mehr nicht. Dann setzt er fort.
»Alles in Ordnung?«
»Ja«, sagte Lia leise.
Der Mann nickte, als fühle er sich bestätigt. »So schweigst du ab jetzt.« Eindringlich klang es. »Bis zum Schluss.« Er zog das Korsett an ihr zurecht. Ein wenig nach oben, so dass sich die untere Kante auf die Hüften legte. Ein wenig zur Seite, damit die Hakenleiste eine Linie von Lias Bauchnabel bis unter die Mitte ihrer Brüste zog. Langsam, gewissenhaft. Genießend. »Bis ganz zum Schluss.«
»Ja«, wiederholte Lia. Noch leiser.
Der Mann entfernte sich nicht mehr als einen Schritt von Lias Körper. Betrachtete sie, wie sie da stand. Still und unfertig wartend. Ein ungeschliffener Diamant. Eine ungeschnürte Schönheit. Er legte seine Hände sanft auf ihre Schultern, ließ sie einen Moment dort schwer ruhen. Spürte, wie Lia langsam atmete.
Unten auf der Straße fuhr ein Schneepflug. Seine orangefarbenen Rundumleuchten zeichneten kurzlebige Bilder an umliegende Hauswände und das Glas der Bushaltestelle. Langsam bewegte er sich, als wolle er sich am Bürgersteig entlang tasten. Was er beiseite schob, blieb hinter ihm wulstig wie eine kleine Narbe längs der Straße liegen.
Der Mann ließ seine Hände von den Schultern an Lias Seiten herabgleiten. Fühlte dabei über das Leder des Korsetts. Nahm sie einen Moment in den Arm. Es würde nicht leicht werden für sie.
Er griff die beiden Enden der Schnüre und begann sein Werk. Zog aus der Mitte heraus, was sich locker ziehen ließ. Nicht viel, aber so weit, dass die Schnüre nicht mehr lose lagen. Dann begann er, langsam und gleichmäßig Schlaufen zu ziehen. Von oben her. Von unten her. Zentimeter um Zentimeter raubte er Schnur, entführte sie aus der Mitte der Ösen, begann wieder von vorn.
Lia stand still. Atmete noch immer gleichmäßig. Ließ es geschehen. Sie hatte die Augen geschlossen und war längst in sich versunken, nicht mehr in dieser Welt, in der man sie hätte am Fenster stehen sehen können. Sie erwartete das, was sie geben wollte, und sie war vorbereitet darauf, dass es schwer fallen könnte. Denn sie hatte dieses Korsett noch nie so getragen. Nicht für ihn, nicht geschnürt.
Der Mann hielt inne, behielt aber die Enden der Schnüre in der Hand. Hielt sie auf Zug. Es gab keinen Weg zurück. Er trat näher an Lia, schmiegte sich von hinten an sie. Wartete einen Moment. Lauschte. Verinnerlichte, dass Lia noch ebenso sanft vor ihm stand, wie sie es bislang getan hatte.
Der Schneepflug war verschwunden. An der Haltestelle sammelten sich mehr und mehr Menschen. Hände in den Taschen vergraben, dann und wann einen Schritt vor und wieder zurück tretend. Wartend.
Der Mann hauchte liebevoll einen Kuss auf die Schließe des Halsbandes in Lias Nacken. Er liebte diese Stelle auf ihrer Haut, denn er empfand sie als ihre verwundbarste. Dort, wo er sie immer wieder gefangen nahm. Gefangenen nehmen durfte.
Lia atmete aus. Langsam und gleichmäßig. Ihr Atem war jetzt die einzige hörbare Verbindung zwischen ihr und ihm.
Dann entließ der Mann sie aus seinem Körperkontakt. Er begann von Neuem. Zog kleine Schlaufen, immer wieder, zwängte sie zur Mitte hin, raubte sie dort heraus. Das Leder schloss sich immer enger um Lias Körper, umgriff ihre Taille, forderte Form. Er bemerkte, dass Lia zunehmend ihr Körpergewicht gegen das Fenster lehnen musste, um dem Zug an den Schnüren in ihrem Rücken zu begegnen. Sie stand nicht mehr unbeweglich, denn er bewegte sie mit jedem Zentimeter Schnur, den er den Ösen abzwängte. Jede gezogene Schlaufe zog auch ihren Körper, und immer wieder sank Lia nach einem solchen Ruck wieder nach vorne. Erneut beraubt um einen Teil Umfang. Dafür bereichert um ein Stück Stolz, noch immer hier zu stehen.
Als Lia wieder die Stirn gegen das Fensterglas drückte, hielt er erneut inne. Griff mit einer Faust die Schnüre direkt an den Ösen, damit sie sich nicht zurückziehen konnten. Seitwärts trat er neben Lia, sah in ihr Gesicht.
Lia hatte die Augen geschlossen. Ihre Zähne bissen auf die Unterlippe. Leicht war es längst nicht mehr. Aber sie atmete noch immer gleichmäßig. Leise sog sie durch die Nase Luft ein, soweit es die Enge um sie erlaubte, langsam strömte die Atemluft wieder aus. Der Mann beobachtete es eine Weile, ließ sie nicht aus den Augen. Mit dem Zeigefinger strich er ihr über die Wange, um die Haut warm und trocken zu fühlen.
Lia nickte. So leicht, dass dabei die Haut ihrer Stirn am Glas haften blieb. Dass sich ihr Kopf nur Millimeter bewegte. Er aber sah es.
Er trat wieder hinter sie. Langsam. Wartete noch einen Moment. Und dann zog er richtig. Hakte die Finger in die wenigen Zentimeter Schnur zwischen den Kanten des Korsetts. Drehte die Hand, zog dabei die Schnur über den Zeigefinger, so stark, dass sie sich in seine Haut biss. Ließ keinem Zentimeter eine Chance, durch die Ösen wieder zurückzugleiten. Legte seinen Unterarm auf Lias Rücken, um sie von sich wegzudrücken, während er das Korsett Millimeter für Millimeter schloss.
Lia rutschte mit den Handinnenflächen auf dem Fensterglas ein wenig nach unten, um stabiler stehen zu können. Denn sie wurde Spielball des kräftigen Ziehens und Drückens in ihrem Rücken. Hatte ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle. Gleichzeitig mühte sie sich, zu atmen. Immer dann, wenn der Zug kurz nachließ, wenn der Mann in ihrem Rücken die Finger zwischen die Schnüre legte, um dort nachzuziehen. Ihr Atemrhythmus lief im Gleichklang mit Ziehen und Nachfassen. Und doch wurde es mit jedem Zug schwerer.
Der Mann hinter ihr wartete. Lauschte. Nach ihr. »Atme kräftig aus«, sagte er schließlich, und Lia bemerkte, dass seine Stimme belegt war. Lust. Sie ahnte, welchen Anblick ihr geschnürter Körper für ihn bieten musste. Sie wusste aber auch, dass schon der Weg dorthin für ihn erregend war. Beides wollte sie ihm schenken. Sie öffnete daher den Mund und atmete aus, bis sie meinte, keine Luft mehr in den Lungen zu haben. Und sie ballte die Hände zu Fäusten, denn sie wusste, was nun kam.
Mit einem kräftigen Ruck zerrte er an den Schnüren in der Mitte, zog sie so fest an, dass sich das Korsett um ihren Körper legte wie ein fester Panzer. Hörte nicht auf, zog weiter, drückte sein Knie gegen ihren Hintern. Fasste kurz nach und forderte noch mehr. Lia hatte große Mühe, sich auf den Beinen zu halten, aber er hatte sie zwischen sich und dem großen Fenster eingeklemmt.
Ihr verlangte nach Luft und sie öffnete weit den Mund, drehte den Kopf zur Seite, versuchte zu atmen. Aber ihr Körper war fest umschlossen und eingeengt von Leder. Nur einen Hauch sog sie ein, mehr war nicht möglich. Sie riss die Augen auf. Mühte sich, keine Panik zu bekommen, schließlich hatte sie doch gewusst, dass es nicht leicht werden würde. Ihr musste genügen, was sie bekommen konnte, und so versuchte sie es Hauch um Hauch. Beschränkte sich. Für ihn.
Der Mann hielt die Schnüre in ihrem Rücken unnachgiebig. Aber er war wieder an ihrer Seite, beobachtete sie. Verfolgte den schnellen Rhythmus ihres flachen Atems. Entdeckte Schweiß auf ihrer Stirn. Fühlte, dass ihre Wangen nicht mehr ganz so warm waren wie vorhin. Sah ihr in die Augen. Bemerkte, dass sie ihn ebenso ansah. Nicht durch ihn hindurch, sondern mit festem Blick. Das war wichtig.
Lia wusste, dass er nicht aufhören würde, solange er die Schnüre in seiner Hand hielt. Es war noch nicht vorbei. Als sie glaubte, ihre flache Atmung im Griff zu haben, wollte sie ihm auch noch den Rest von ihr schenken. Sie nickte.
Der Mann nickte zurück. Er trat hinter sie, schob sein Knie an ihren Hintern, nahm die Schnüre wieder in beide Hände.
Lia sah, dass unten auf der Straße ein Bus hielt und die an der Haltestelle wartenden Menschen einsammelte. Eine Frau in einem grauen Mantel sah vor dem Einsteigen zu ihr nach oben. Da schloss Lia die Augen und lehnte die Stirn wieder gegen das Glas.
»Atme aus.«
Lia atmete aus.
Es war ein Ruck, der ihrem Körper die letzten Millimeter abzwängte. Die Schnüre im Rücken knarrten, das Knie des Mannes zwängte sie gegen die Glasscheibe und sie hatte das Gefühl, auf jeder Stelle ihrer Haut eine tonnenschwere Last zu ertragen. Sie stöhnte laut auf, nicht vor Schmerz, sondern weil das Korsett ihr die letzte verbleibende Luft aus den Lungen gedrückt hatte.




