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Lia spürte, wie der Mann hinter ihr die Schnüre verknotete. Endstation. Mehr ging nicht. Mehr wollte er nicht. Kräftige Hände griffen an ihre ledergepanzerte Hüfte, drehten sie herum. Lia lehnte sich kraftlos mit dem Rücken gegen das Fenster. Versuchte, zu atmen. Es gelang ihr kaum. Sie sah ihn an, lächelte. Wusste, wie er sie gerade wahrnahm. Genoss es, so vor ihm zu stehen. Für ihn. Sie spürte das geschlossene Leder um sich, wusste um den festen Knoten in ihrem Rücken und auch, dass sie dieser Enge nicht ohne ihn entkommen konnte. Solange er wollte.
»Du siehst fantastisch aus«, flüsterte er. Wie ein Hauch kam es bei ihr an. »Es passt wie angegossen.«
Sie wollte erst etwas sagen, sich mit ihm freuen, aber es war ihr nicht möglich, genug Luft einzuatmen. Und trotzdem genoss sie dieses Gefühl. Das war es, was auch sie erregte. Sie wusste, dass sie es nicht lang genießen würde können. Zu wenig ließ ihr der Griff um ihren Körper. Aber dieses Mal wollte sie es bis zum letzten Moment durchhalten. Es auskosten. Für ihn. Und auch für sich.
Er trat zu ihr, umarmte sie. Fühlte mit den Händen über ihren Rücken, ihre Taille. Über die Seiten. »Du hast die perfekte Figur dafür, weißt du das?«
Natürlich wusste sie es. Wie oft hatte sie sich früher selbst zu schnüren versucht. Nie war es annähernd so, wie er es jetzt getan hatte. Sie atmete flach. Es wurde immer schwieriger.
»Kannst du noch?«
Lia nickte leicht. Aber es war gelogen. Das wusste sie. Nur noch einen Moment. Dieses Gefühl. Atemberaubend.
Dann wurde es schwarz um sie und sie rutschte in seine Arme und auf den Boden. Fiel wie ein welkes Blatt, aber beschützt. Sie wusste, dass er sie befreien konnte. Und dass er es tun würde. Sie hatte Vertrauen zu ihm. Sonst wäre sie niemals hergekommen.
»Atme wieder«, sagt Herr Conrad leise.
Es ist still in der Werkstatt. Die Kerze auf dem Tisch knistert kurz, als wolle sie darauf aufmerksam machen, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Sarah hält noch immer ihre Tasse mit beiden Händen. Kalt ist ihr aber nicht mehr. Sie sieht vor sich Lia stehen, ihre Silhouette wie eine Sanduhr, in der Mitte bezwungen. Immer wieder sieht sie Lia sanft zu Boden gleiten, als die Erregung alle Luft aufgebraucht hat.
»Atme wieder.«
Sarah schrickt auf. Schaut zu dem Mann auf der anderen Seite des Tisches, der zurückgelehnt in seinem Thron sitzt und sie mit zusammengekniffenen Augen mustert.
»Ist alles in Ordnung, Kindchen?«
Sarah räuspert sich. Nimmt einen Schluck Rooibostee, um Zeit zu gewinnen, und schiebt dann ihre Tasse langsam auf die Tischkante. Ist es in Ordnung, dass sie es sich in Strümpfen auf einem alten Sofa in einer Werkstatt bequem gemacht hat, die sie erst gestern entdeckte? Ist es in Ordnung, dass sie sich von einem alten, fremden Mann mit Nickelbrille einen Tee und eine Geschichte servieren lässt? Dass sie derart beeindruckt beinahe die Welt um sich vergisst? Sarah weiß nicht, ob man das als in Ordnung bezeichnen kann. Plötzlich ist ihr die Geschichte unangenehm, zu intensiv, zu nah. Aufdringlich. Es fühlt sich an, als hätte Herr Conrad sie bewusst gewählt. Erzählt man sich solche Handlungen, wenn man sich nicht näher kennt?
Sarah schwingt ihre Füße auf den Boden und stützt sich mit den Händen am alten Polster des Sofas ab. Das Sofa knarrt dabei ein wenig.
»Oh nein«, meint Herr Conrad und schüttelt langsam den Kopf. »Deine Schuhe sind ganz sicher noch nicht trocken.«
»Vielleicht doch?«, sagt Sarah und erhebt sich. Sie weiß, dass Herr Conrad keine Bemühungen zeigen wird, für sie nachzusehen. Warum auch immer. Sie holt kurz tief Luft, denn beim Aufstehen ist ihr ein wenig schwindlig geworden. Zu schnell, zu hastig. Lia, denkt sie. So muss es sich angefühlt haben, als ihr die Luft ausging. Als das Korsett ein Einatmen verweigerte und plötzlich nichts mehr nachgab. Sarah legt in Gedanken ihre Hände in die Taille. Lässt ihre Handflächen von dort auf die Bauchdecke gleiten, übt ein wenig Druck aus und atmet dagegen an. Plötzlich wird ihr bewusst, was sie tut. Sie schaut erschrocken zu Herrn Conrad. Der lehnt im Polster des Sessels und beobachtet sie mit einem genussvollen Lächeln auf seinem Gesicht. Unverfänglich lächelt Sarah zurück und tut so, als habe sie sich nur recken wollen.
»Schau schon nach«, sagt der alte Mann zufrieden. Mit dem Kopf nickt er in die Richtung der Werkbank. Dort, wo die Stiefeletten stehen.
Sarah geht vorsichtig über das ergraute Parkett. Tritt nur leicht mit dem vorderen Teil des Fußes auf, bis sie an der Werkbank ist. Sie greift sich einen ihrer Schuhe, zieht das geknüllte Zeitungspapier ein wenig heraus. Es ist feucht. Das Wildleder aber auch. Sarah überlegt. Sie könnte behaupten, die Stiefeletten seien innen bereits trocken. Wenn sie gleich hier die Füße in die Schuhe schieben würde, könnte er es kaum prüfen. Würde er das überhaupt? Sie ist nicht sicher.
»Nimm das Papier ganz heraus und knülle neues. Es ist genug da.«
Sarah dreht sich um. Lehnt sich gegen die Werkbank. Ihr ist noch immer ein wenig schwindlig vom schnellen Aufstehen. Sie fühlt sich einen Moment wie Lia, die gegen dieses Gefühl ankämpft. Spinnt den Gedanken weiter, wie sich das Wissen anfühlen muss, dass es noch nicht das Ende ist. Bis zum Schluss, hatte ihr der Mann ins Ohr geflüstert, bis zum Schluss hatte Lia dagegen gekämpft. Und dann?
»Was geschah dann?«, fragt Sarah.
Mit einer langsamen Bewegung dreht sich Herr Conrad in seinem Sessel zu ihr. Sein Hemd und seine Weste verrutschen dabei und werfen eine große Falte, aber das stört ihn nicht. »Dann? Was meinst du, Kindchen?«
»Was geschah, als Lia fiel?« Sarah verschränkt die Arme vor ihrem Körper wie ein trotziges Kind, das nach einem erzählten Märchen auf den Sieg des Guten pocht. »Hat er ihr geholfen?«
Herr Conrad sieht Sarah an, als sei er überrascht. Oder enttäuscht. »Diese Frage habe ich nicht erwartet«, sagt er mit seufzender Stimme. »Überhaupt nicht.« Mit einer Hand greift er in seine linke Seitentasche, wühlt darin gemächlich wie in einer Schatztruhe und zieht aus ihr schließlich einen kleinen Beutel aus braunem Leder sowie eine handgroße, geschwungene Tabakpfeife. Sorgsam legt er die Pfeife auf den Tisch vor sich und öffnet vorsichtig den Beutel.
»Keine Antwort?«, hakt Sarah nach. Sie bemerkt, dass es fordernd klingt, überlegt kurz, ob es vielleicht unangemessen ist, findet es aber nicht beunruhigend.
Herr Conrad entnimmt dem Beutel eine Kugel aus geschnittenem Tabak und prüft sie zwischen Daumen und Zeigefinger auf Feuchtigkeit. Dann schließt er den kleinen Beutel wieder schiebt ihn behutsam in seine Westentasche zurück. »Natürlich, Kindchen. Selbstverständlich hat er ihr geholfen.«
Sarah glaubt, dass es nur eine Redewendung ist. Diese Antwort hört sie von Herrn Conrad nicht zum ersten Mal. »Selbstverständlich?« Sie legt den Kopf schräg. »Wie konnte Lia wissen, dass er das tut?«
Herr Conrad ergreift die auf dem Tisch liegende Pfeife und beginnt, sie zu stopfen. Vorsichtig schiebt er die unterschiedlich lang geschnittenen Tabakfasern in den Pfeifenkopf und drückt sie leicht an. »Vertrauen«, sagt er, während er mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand nachstopft. Dabei nickt er bedächtig mit dem Kopf. »Blindes Vertrauen, Kindchen.«
Sarah bläst hörbar Luft aus, als sei ihr die Erklärung zu banal. Sie weiß nicht, wem sie selbst ein so großes Vertrauen entgegen bringen würde. Jedenfalls nicht ohne Unwohlsein.
»Wenn deine Schuhe noch nicht trocken sind«, sagt Herr Conrad, »wüsste ich eine Geschichte dazu.« Er betrachtet ausgiebig den Pfeifenkopf, als wäre es ihm völlig gleich, ob Sarah sofort, im Laufe des Tages oder überhaupt in diesem Jahrhundert antwortet. Dann nimmt er das Mundstück zwischen die Lippen und prüft, ob er richtig gestopft hat.
Sarah überlegt, ob es eine Niederlage ist, wenn sie eingesteht, dass ihre Schuhe nicht trocken sind. Dass sich das Wildleder noch nass und seifig anfühlt. Und dass sie tatsächlich Interesse an einer weiteren Geschichte hat. »Gut«, sagt sie nach einer Weile, stützt sich mit den Händen auf der Werkbank ab und schiebt ihren Hintern auf den Rand der Arbeitsplatte. Ihre Füße schweben wenige Zentimeter über dem Parkett. »Dann noch eine Geschichte.«

Kapitel Vier
»Zieh sie an«, sagte der Mann zu Lia und deutete auf ein paar Schuhe, die sorgfältig vor ihm standen. »Jetzt gleich.«
Lia erschrak. Mit den Augen erfasste sie das, was sie immer als Herausforderung betrachtet hatte: Heels mit einer gefühlten Absatzhöhe deutlich über zehn Zentimetern. Schwarz, sich vorn spitz verjüngend, mit einem breiten Knöchelriemen.
»Und trocken«, ergänzt Sarah süffisant. Mit einem Blick zur Seite erfasst sie ihre Stiefeletten aus Wildleder. Der nasse Streifen zeichnet sich noch deutlich genug ab, eine Grenze, die etwa auf der Hälfte der Höhe zwischen Sohle und Schaft verläuft.
»Ich hatte gesagt, dass du still sein sollst, wenn ich erzähle!« Herr Conrad klingt tatsächlich verärgert. Seine Stimme ist nicht nur tief, sondern auch scharf. »Hast du das schon vergessen?«
Sarah dreht sich überrascht wieder nach vorn. Sie hat es nicht vergessen, nein, sie erinnert sich daran. Aber sie hat es auch nicht ernst genommen. »Entschuldigung«, stammelt sie, erschrocken über die schroffe Reaktion des Mannes im Thronsessel.
Der alte Mann greift in seine Westentasche und hebt aus ihr einen kleinen Stopfer, der mit seinem flachen Holzgriff wie ein Taschenmesser aussieht. »Hole mir Streichhölzer. Sie liegen dort drüben im Regal neben dem Vorhang.« Herr Conrad weist unwirsch mit dem Pfeifenkopf die Richtung.
»Aber ich sollte dafür Schuhe anhaben«, meint Sarah und streckt die Füße nach vorn, während sie mit dem Hintern noch ein wenig zurück auf die Tischplatte rutscht. Außerdem, denkt sie, ist es für den Mann im Sessel lediglich die halbe Entfernung. Sie selbst würde den kompletten Raum durchqueren müssen. In Strümpfen.
»Du hättest auch still sein sollen«, entgegnet Herr Conrad scharf und sieht Sarah mit einem Blick an, der wie Nadeln sticht. Kurz duellieren sie sich. Ja gegen Nein, Unnachgiebigkeit gegen Trotz, Folgen gegen Verweigern. Auf dem Tisch knistert die Kerze, deren Docht den Kampf mit dem brennenden Paraffin bald verlieren wird. Langsam hebt Herr Conrad seine Hand, ohne den Blick zu lösen. Zentimeter um Zentimeter. Beugt sich nach vorn, als wolle er Sarah noch genauer beobachten. Dann zeigt er wieder mit der abgegriffenen Pfeife auf die andere Seite des Raumes und verharrt. »Jetzt!«
Sarah rutscht langsam von der Tischplatte. Spürt zuerst an den Zehenspitzen den Parkettboden, tritt dann mit dem vorderen Teil des Fußes auf. Verlagert ihr Gewicht. Schließlich senkt sie den Blick. Sie weiß nicht, warum sie sich geschlagen gibt. Vielleicht, weil sie sonst auf den Fortlauf der Geschichte verzichten muss. Möglicherweise aber auch, weil Herr Conrad recht hat. Er hat sie gebeten, zu schweigen. Und sie ist ihm ins Wort gefallen. Es gibt keine Rechtfertigung. Aber Sarah ist unsicher, ob es da nicht noch andere Gründe gibt. Sie durchquert auf Zehenspitzen den Raum, so, wie sie vorhin zum Tisch gegangen ist. Währenddessen vermeidet sie den Blickkontakt mit dem Mann im Sessel. Sie weiß auch so, dass er sie beobachtet. In Augenhöhe findet sie im Regal eine kleine Packung Streichhölzer, abgegriffen, die Reibeflächen mit roten Streifen überzogen. Die Schachtel liegt vor einem Kasten, der bis an den Rand mit Metallteilen gefüllt ist. Ösen könnten es sein, denkt Sarah, und sie erinnert sich an die Schnur im Rücken von Lia. An die Kraft, die diese Frau gehabt haben muss, um die Schnürung zu ertragen. In Kauf zu nehmen. Durchzuhalten. Sich nichts anmerken zu lassen. Bewundernswert, denkt Sarah und beschließt, nicht weniger entschlossen als Lia die Streichhölzer zu dem Mann im Sessel zu tragen. Sie greift die Schachtel und dreht sich auf der Stelle um.
Herr Conrad hält noch immer die Hand erhoben. Als hätte er sich nicht bewegt, während Sarah vom Arbeitstisch zum Regal auf der anderen Seite des Raumes gegangen ist. Der Pfeifenkopf zeigt direkt auf Sarah.
Sie geht zügig, aber nicht eilend auf ihn zu. Als sie die Schachtel in der Hand bewegt, spürt sie am leichten Klappern, dass nur noch wenige Streichhölzer in ihr wohnen. Seitlich neben dem großen Thronsessel bleibt sie stehen, streckt die geöffnete Hand mit der Schachtel aus und hält dem Blick von Herrn Conrad stand. Wartet. Wie in einem Patt begegnen sie sich.
Der Mann im Sessel senkt schließlich die Hand. »Na gut«, sagt er. »Lassen wir das so gelten.«
Sarah lächelt. Selbstbewusst, triumphierend. So schnell lässt sie sich nicht beeindrucken. Warme Finger spürt sie kurz auf ihrer Hand, als Herr Conrad die kleine Schachtel greift. Es ist die erste bewusste Berührung zwischen ihnen, registriert sie. Denn mit Handschlag begrüßt hat er sie nicht, weder gestern, noch heute. Sie dreht sich um und lässt sich von ihren Zehenspitzen auf das Sofa tragen.
»Das sieht gut aus«, hört sie hinter sich eine tiefe Stimme. »So, wie du läufst.«
»Danke«, antwortet Sarah kokett, während sie es sich bequem macht und eines der alten Kissen heranzieht.
Herr Conrad schiebt die Schachtel auf. Seine Finger haben ein wenig Mühe, dem kleinen Päckchen ein einzelnes Streichholz zu entnehmen.
Vielleicht hätte ich ihm helfen sollen, denkt Sarah. Sie stellt sich vor, wie das ausgesehen hätte – sie, die aus dem Regal Streichhölzer holt, neben ihm eines entzündet und es ihm reicht. Fast wie ein Hausmädchen. Nur ein Knicks hätte noch gefehlt. Ein seltsames Gefühl.
»So, wie du läufst, erinnert es mich an die Geschichte, die ich dir erzählen wollte.« Herr Conrad nimmt das Mundstück der Pfeife erneut zwischen seine Lippen, streift ein Holz bis zum Entflammen. Es zischelt kurz, dann schwenkt er die Flamme vorsichtig und langsam über dem Pfeifenkopf. Während er Luft einsaugt und sich auf seinen Backen Kuhlen bilden, bewegt sich seine kleine Brille auf der Nase auf und ab. Schmatzend zieht er noch mehrmals Luft durch das Mundstück, dann steigt feiner Rauch auf. »Kommen wir nun weiter oder redest du wieder dazwischen?«
Sarah lächelt. »Ich höre zu.« Maßregeln lassen will sie sich nicht.
Herr Conrad wedelt mit einer beiläufigen Bewegung dem brennenden Streichholz das Leben aus. Dann platziert er es gemeinsam mit der kleinen Schachtel vor sich auf dem Tisch. Gleich neben der Teetasse. Korrekt nebeneinander ausgerichtet. Beinahe pedantisch.
Sarah beobachtet den alten Mann. In sich versunken nimmt er den Stopfer und drückt den Tabak an, der sich im Pfeifenkopf unter der Hitze des Feuers ein wenig aufgerichtet hat. Seine ruhigen und entspannten Bewegungen erwecken den Eindruck, dass er das Rauchen zelebriert. Sie geduldet sich. Mag ihn nicht noch einmal stören.
Schließlich lehnt sich Herr Conrad zurück. Fährt sich mit der Zunge durch den Mund und schluckt genießerisch. Es riecht nach Cognac.
Lia ließ sich langsam auf den Boden sinken, ohne dabei den Blick des Mannes zu verlassen. Sie achtete darauf, dass ihre Knie nach außen zeigten, während sie saß, so weit es ihr möglich war. Das verlangte er immer so. Er hatte es ihr beigebracht, bis es ihr in Fleisch und Blut übergegangen war. Es geschah sogar, dass sie sich so bewegte, wenn er nicht zugegen war. Und wenn sie nicht nackt war.
Nackt? Sarah sieht ruckartig zu Herrn Conrad. Der lächelt verschmitzt und lehnt sich gemütlich in seinen Sessel zurück. Zieht an seiner Pfeife. Als würde er den Moment genießen. Er ist sicher, dass Sarah nichts sagen wird. Sie sich auch.
Dann griff sie den ersten Schuh, schob ihn über ihren Fuß. Schlüpfte mit der Ferse hinein, bemerkte sofort, wie ihr Fußgelenk gestreckt wurde. Der Mann sah auf sie herab, nickte. Lia löste ihren Blick, bemühte sich darum, auch den anderen Schuh zügig anzuziehen. Mit beiden Händen schloss sie die Riemchen um die Knöchel und gab darauf acht, nicht zu schwanken. Als sie fertig war, verharrte sie in dieser Position.
»Steh wieder auf.«
Lia wartete nur eine einzige Sekunde, da sie erfahren wollte, ob er ihr eine Hand entgegen strecken würde. Er tat es nicht. So mühte sie sich, nach oben zu kommen, ohne dass es ungelenk aussah vor ihm. Sie konnte trotzdem nicht verhindern, ein wenig zu schwanken.
Er beobachtete sie, blieb an ihrer Seite, bis sie ruhig stand. Schließlich trat er hinter sie, legte ihr die Hände auf die Schultern. »Vertraust du mir?«
»Ja«, antwortete Lia. Sofort. Wenn sie kein Vertrauen in ihn hätte, wäre sie nicht hier. So, wie er sie sah, durfte kein anderer Mann sie sehen. Würde sie sich keinem anderen Mann zeigen. Ihr vertrautes Miteinander war eine abgeschlossene Welt, in der sie sich gemeinsam, aber völlig allein befanden. Die er regierte. Nur er.
»Dann beweise es mir.«
Lia fühlte seine Hände an den Seiten ihres Kopfes, sie legten ihre Haare nach hinten, bändigten schwarze, lange Locken über die Schultern. Als er sie aufforderte, die Augen zu schließen, folgte sie sofort. Sie ahnte, was er ihr abverlangen würde. Ein ledernes Band legte sich um ihren Kopf und über die Augen. Ein wenig zog es, als sich Dorn und Öse am Hinterkopf vereinigten.
»Zu fest? Drückt es auf die Augen?«
»Nein.« Lia wusste, dass er unverzügliche Antworten erwartete. Keine langen Sätze, kein Geplapper. Einfach nur eine deutliche, treffende Antwort. Auch das hatte sie vor einiger Zeit erst lernen müssen.
»Hände hinter den Kopf.«
Lia folgte. Berührte mit den Handinnenflächen den Nacken. Verschränkte die Finger ineinander. Instinktiv streckte sie ihren Körper. Sie wusste, welches Bild sie für ihn bot.
»Horch zu, Lia. Es gibt für dich ab jetzt nur zwei Worte für dich. Wenn ich dich darum bitte, zu laufen, wirst du laufen. Ruhig, gleichmäßig. Ohne zu zögern. Wenn ich dir sage, dass du stehen bleiben sollst, wirst du sofort stehen bleiben.«
An seiner Stimme bemerkte Lia, dass er um sie herum schritt. Mal war er rechts, mal links. Sie hielt den Kopf aufrecht und nach vorn gerichtet.
»Hast du das verstanden?«
Lia resümierte. Zwei Kommandos. Laufen, stehen bleiben. Das war nicht schwer zu begreifen. »Ja, das habe ich.« Kurz rief sie sich den Grundriss des Raumes in Erinnerung, in dem sie sich befanden. Beinahe quadratisch, mit Fliesenboden. So groß, dass Geräusche leicht in Schall verfielen. Auf einer Seite standen eine Couch und ein weicher Hocker. Etwas entfernt ein Esstisch mit Stühlen. Eine Anrichte. Ein Schrank. So, wie sie vor ihm stand, hatte sie das alles im Rücken.
Sie spürte zwei Hände an ihrer Hüfte und folgte deren sanftem Druck. Er drehte sie ein wenig. Lia setzte die Füße zweimal nach und hatte Mühe, auf den hohen Schuhen die Balance zu halten. Es fiel ihr schwer, mit den Händen im Nacken den Schwung des eigenen Körpers abzufangen, und es fiel ihr noch schwerer, das mehr als zehn Zentimeter über dem Boden zu tun. Als stünde sie auf einem unsichtbaren Seil.
»Habe Vertrauen«, flüsterte es neben ihr. Ruhig und sanft.
Lia unterließ es, zu nicken oder zu antworten. Es war keine gestellte Frage. Stattdessen konzentrierte sie sich. Couch und Hocker zur linken Hand, Esstisch weiter entfernt rechts. Anrichte voraus. Wenn sie sich richtig orientierte.
»Lauf.« Der Befehl erreichte sie von einem Punkt vor ihr. Höchstens ein Meter, schätzte Lia. Zögernd setzte sie einen Fuß nach vorn. Vorsichtig. Sie wollte nicht an ihn stoßen. Mit einem lauten Pochen stieß der Absatz auf die Fliesen.
»Halt!« Seine Stimme war laut, streng und hallte durch den Raum. »Lia!«
Sie erschrak. Sie war doch nur einen Schritt nach vorn gegangen. Ganz so, wie er es gewollt hatte. Nichts daran konnte falsch gewesen sein. Sie schob die Hände enger zusammen, richtete sich instinktiv mehr auf. Vielleicht gefiel sie ihm nicht?
Die Stimme schlug wieder direkt neben ihrem Ohr ein. Lia erschrak kurz. Biss sich auf die Lippen.
»Kein Vertrauen?«
»Doch, ich habe Vertrauen«, antwortete sie. Wartete. Hielt weiter das Kinn oben, den Kopf nach vorn gerichtet.
»Warum zögerst du dann, wenn ich dich anweise, zu laufen?«
Lia überlegte, ob sie eingestehen sollte, dass sie Sorgen hatte, an ihn zu stoßen. Dass sie nicht sicher war, ob der Weg tatsächlich frei war. Sie stand immerhin auf Schuhen, die sie stürzen ließen, wenn sie nichts sehend auf etwas trat, umknickte oder stolperte.
»Antwort?« Er wurde ungeduldig. Direkt neben ihrem Ohr.
»Entschuldigung«, sagte sie zügig und laut. Blieb bewegungslos stehen. Sie ahnte, dass er abwog, es ihr durchgehen zu lassen oder nicht. Sie hatte an seiner Entscheidung keine Anteile. Darum wartete sie. Er regierte ihre Welt.
»Lauf.« Es war nur ein Flüstern.
Lia holte Luft, mühte sich, einen normalen Schritt zu gehen. Er war zu groß für die Höhe ihrer Absätze, beinahe wäre sie ins Straucheln gekommen. Ihr nächster Schritt war darum kleiner. Couch und Hocker zur linken, Esstisch nicht mehr weit entfernt zur rechten. Anrichte voraus. Vielleicht. Noch einen Schritt. Das Auftreffen der Absätze auf den Fliesen hallte von allen Seiten zurück. Lia klammerte sich an den Gedanken, dass er in der Nähe war. Genauso konnte er aber auch stehen geblieben sein. Couch und Hocker links hinter ihr, Esstisch zur rechten. Anrichte nah. Wo blieb sein Kommando? Ihr nächster Schritt wurde noch kleiner. Lia wusste, dass sie gleich mit der Spitze eines Schuhs in die untermauerte Anrichte einschlagen würde, wenn sie so weiterlief. Es konnte kaum noch ein Meter sein, der sie von diesem Schmerz trennte. Und von einem Sturz. Kein Kommando. Sie wurde unsicher. Ihre Angst zwang sie, die Körperachse ein wenig nach hinten zu verlagern. Ihr nächster Schritt war noch kleiner als alle zuvor. Und langsamer. Gerade, als sie nach ihm rufen wollte, spürte sie zwei Arme, die sich von vorn um ihren Körper legen und sie abfingen.
»Halt.«
Sie tarierte ihr Ungleichgewicht aus, lehnte sich gegen ihn. Spürte seine Wärme auf ihrer nackten Haut. Lia wunderte sich darüber, dass er noch Platz hatte, vor ihr zu stehen. Hatte sie sich so sehr verschätzt?
»Lia.« Er sprach leise, aber langsam und eindringlich. »Du sollst Vertrauen haben.« Seine Hände wanderten zu ihren Schultern, dann hob ein Finger ihr Kinn. Als könne sie ihm in die Augen sehen. »Warum bist du so zögerlich gelaufen?«
Sie musste ihre Antwort nicht lange überlegen. Die Wahrheit war offensichtlich. Er kannte sie auch.»Ich dachte, gegen die Anrichte zu stoßen.« Alles andere hätte er ihr nicht abgekauft.
»Die Anrichte?« Er lachte leise. Nicht hämisch, aber amüsiert. »Die ist hier nicht.«
Lia fühlte sich verführt zu einem Lächeln. Sie hatte sich verschätzt, wie es schien. Oder er hatte sie an der Nase herumgeführt.
»Lia!« Plötzlich klang er streng. »Du sollst nichts überlegen! Leere deinen Kopf! Ich bin derjenige, der jetzt für dich denkt. Ich bin derjenige, der für dich sieht. Ich gebe dir ganz klare Anweisungen. Und ich erwarte, dass du sie befolgst. Nichts weiter. Du bist mein.«
Der Zeigefinger unter ihrem Kinn zwang den Kopf noch ein Stück nach oben. Lia spürte warme Atemluft an ihrer Nasenspitze. Sehr nah musste er sein. Sie schluckte.
»Hast du das jetzt verstanden?«
»Ja, habe ich. Entschuldige bitte.« Lia spürte, wie er sie erreichte. Seine Stimme vibrierte in ihrer Bauchgegend. Sie mühte sich um einen flachen Atem, vermutete sein Gesicht direkt vor ihrem.
Sarah atmet mit. Bemerkt, dass der Cognacgeruch zugenommen hat. Sie schielt zu Herrn Conrad, will ihn weder unterbrechen noch verärgern. Er sitzt zurückgelehnt im Sessel, hat den Kopf angehoben, fixiert einen Punkt irgendwo an der Decke. In seiner Hand hält er die Pfeife, aus der ganz dünner Rauch aufsteigt.
»Meinst du, ich würde dich vor eine Wand laufen lassen?«
»Nein, das würdest du nicht.« Er hatte sie am Haken. Dessen war sich Lia bewusst. Seine Konsequenz, seine Strenge, die ganze Situation. All das ergriff sie.




