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Jere kletterte wie im Traum in den Bus. Drei Tage und zwei Nächte dauerte die Reise. Quer durch Brasilien. Tagsüber dösten wir vor uns hin, rutschten hin und her, versuchten minutenlang, eine andere Lage ausfindig zu machen, um unsere Rücken zu vergessen, und sehnten uns nach dem nächsten Stopp. Dann und wann riss Jere die Augen auf, wenn wir auf Zentimeterdistanz an einem Lkw vorbeirutschten. Tagelöhner oft, auf schwankenden Brettern dicht gedrängt aufeinanderhockend, braune, runzelige, sonnenversengte Gesichter, Frauen mit ihren Kindern dazwischen, irgendwo Halt suchend, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Magisch vorbeigleitende Landschaften, dazwischen unsere bizarren, unsicheren, wahllos zusammengeschraubten Gedanken, plötzliche Vorstellungen, die sich nie verwirklichen ließen, wie Blitze, die im Unwetter zuckten und uns das Dunkel überließen. Brasilien endlos.
»Kann ich Steine machen in São Paulo?«
Ich musste lachen. Warum lachte ich eigentlich? Es war mitten in der Nacht. Hinter mir hustete jemand und klopfte auf meinen Rücken. »Nein«, flüsterte ich.
»Warum nicht?«
Wie sollte ich es dem Jungen erklären, der nichts gesehen hatte, außer drei, vier Hütten, einen Haufen Ziegel und den staubigen engen Weg zum Gipsofen, zu dem er jeden Morgen Holzkohle schleppte? Wie sollte ich ihm verständlich machen, wie es ist, wenn du über nie endende Asphaltbänder jagst und an hundert steil in den Himmel ragenden Betonriesen entlangirrst, mitten im Donner von Bussen und Mikrotransportern, Lastern, Bahnen, uralten Vehikeln auf abgefahrenen Reifen, aufgepeitscht vom Kreischen der Bremsen neben dir, von Trillerpfeifen, dem Gebrüll von tausend Straßenhändlern, dem nervenzerreißenden Kratzen der Zementmischer, hart auf hart aufeinanderschlagenden Stahlträgern, absinkend im Tapsen und Rennen der Dahinflüchtenden, gefangen im Taumel der Eiferer, zwischen Glück und Ausweglosigkeit, Hass und Hölle, Angst und Jubel derer, die sich selbst nicht mehr verstehen und widerstandslos in die Einsamkeit schlittern. Brasilien endlos!
Zwei Nächte lang sah ich dem Buben ins Profil, während er mit halb offenem Mund im zerrissenen, abgeschabten Polster hing. Was hatte ich verbrochen? Ich suchte nach handfesten Gründen, nach Trost, nach Halt, nach der geringsten Rechtfertigung für meinen Entschluss.
»Du wirst lesen und schreiben lernen«, erklärte ich am anderen Morgen.
Jere riss seinen Kopf herum und starrte mich an wie ein Gespenst. »Das werde ich nie lernen. Das ist unmöglich. So etwas … das kann ich nicht.«
Ich fror. Von Neuem überfiel mich ein Nebelschleier voll mit Zweifeln, Ängsten und unlösbaren Fragen, aus denen ich nicht mehr herauszufinden glaubte.
Jere schüttelte immer wieder den Kopf. »Nein«, sagte er leise und es hörte sich an, als bettelte er. »Nein. Ganz bestimmt. Das geht … ich kann das nie.«
»Jeder kann lesen und schreiben lernen«, herrschte ich ihn an. »Und rechnen natürlich auch.«
»Ich kann rechnen.« Jere zählte seine Finger ab. »Senhor Ronaldo zahlt jede Woche zehn Reais.« Jere strahlte. »Siehst du, dass ich rechnen kann?«
Jeremias da Cunha lernte rechnen, lesen und schreiben. An seinem 17. Geburtstag brachte ich ihn in der Buchhaltung einer amerikanischen Gesellschaft unter.
Samstags ging er Fußball spielen. Wenn er dann heimkam, verschwitzt und entkräftet, wurde er oft nicht mehr mit seinen Tränen fertig. »In Ararapurana haben sie keinen Fußball. Der einzige, den sie haben, ist ganz kaputt.« Darüber kam er nie hinweg. »Wenn sie wenigstens einen guten Ball hätten …«
Und sie können nicht lesen, sie können ihren Namen nicht schreiben und sie wissen nicht, wo Europa liegt. Wir verloren kein Wort darüber. Wozu auch? Es war mir klar, dass ich ihm Zeit lassen musste. Viel Zeit sogar.
Eines Morgens, als wir in der Bar an der Ecke unser Frühstück einnahmen, war es so weit. Jere knabberte unlustig an seinem Brötchen und druckste mit etwas herum. Ich war auf etwas Bombastisches gefasst, auf so etwas wie einen Donnerschlag. Hatte sich Jere vielleicht rettungslos verknallt? Oder wollte er ausziehen aus unserer Zweizimmerhöhle, um von nun an allein zu sein? Wenn man lange genug zusammenlebt, spürt man genau, wenn etwas in der Luft liegt. Ich rührte in meinem Kaffee herum. Es kam mir vor, als warte Jere auf den passenden Moment. Oder als ob er nicht wüsste, wie er es sagen sollte.
Dann, ganz plötzlich, überfiel er mich: »Mario! Ich will zurück. Verstehst du? Zurück nach Ararapurana.«
»Warum?«, fragte ich leise und wunderte mich, aus welchem Grund es mich nicht schockierte. Warum? Warum schon? Genauso gut hätte ich irgendetwas anderes, etwas furchtbar Belangloses fragen können.
»Ich werde den Ziegelofen kaufen«, erklärte Jere. »Ich habe Geld gespart.«
»Du willst die Kinder Ziegel brennen lassen?«
Meine unüberlegte Frage musste ihm einen Stich gegeben haben. »Nein!«, schrie er entsetzt, sodass der Barmann hinter der Theke zu uns herübersah. »Natürlich nicht! Ich werde bessere Ziegel machen, solche mit Glasur. Die kann ich nach São Paulo schicken, und sie werden teurer sein als die, die sie jetzt in Ararapurana machen. Dann können die Väter Backsteine brennen, und Frico und Beto und Emilio können in die Schule gehen! Ich werde eine neue Schule bauen, aus guten Ziegeln mit roter Glasur. Denk doch mal! Es wird eine schöne Schule werden, die Kinder werden sich freuen und lachen, und alle werden lesen und schreiben lernen. Alle!«
Ich starrte in meine halb leere Kaffeetasse. Draußen hatte der Nieselregen aufgehört, der Asphalt schillerte grauschwarz und dampfte. Ich weiß nicht mehr, was mich an jenem Morgen zu meinem Entschluss gebracht hatte. Ich weiß nur noch, dass ich auf das Datum meiner Uhr sah. Es war ein 17. April. Der Mann hinter dem Schanktisch erschrak, als ich meine Tasse auf den Tisch knallte. Ich blickte Jere in die Augen. Sie hatten den Glanz der Kindheit verloren.
»Nach Ararapurana …?« Ich nickte ihm zu und schluckte den Rest der Brühe hinunter. »Nach Ararapurana? Ich fahre mit!« Mehr fiel mir dazu nicht ein. Unsere Zeit in São Paulo war einfach abgelaufen.
Jere stürzte auf mich zu und umarmte mich. Ich spürte, dass er richtige Muskeln bekommen hatte.
Eine Woche brauchten wir noch, dann hatten wir aufgeräumt – unsere kleine Wohnung, unsere Jobs, uns selbst. In São Paulo hielten uns alle für verrückt. Und wenn schon! Wir fuhren los.
Drei Tage und zwei Nächte lang träumten wir vor uns hin, schmiedeten Pläne und waren entschlossen, unser Glück nie mehr aus der Hand zu geben. Nie mehr! Um keinen Preis der Welt!
ZINNSOLDATEN
Volle Deckung! Oberhalb der Schutthalde verschwinden zwei Dutzend Köpfe. Knallrote Schutzhelme leuchten in gleißender Sonne. Atemmasken und Brillen in dicken Gummifassungen verdecken angespannte Gesichter. Die Muskeln sind bis zum Zerreißen angespannt. Drüben winken sie mit roten Fahnen. Dann ertönt ein letzter Warnruf aus dem Megafon: »Atensçao … Atensçao … Atensçao!« Die Kette der Explosionen zerbricht minutenlanges Warten. 400 Kilo Dynamit reißen die Felswand auseinander. Schutt schiebt sich über die Halde, Riesenbrocken, grausilbern schillernde Kassiterit-Blöcke donnern in die Tiefe, bleiben dann plötzlich liegen und wälzen sich schließlich weiter, irgendwohin.
Über dem Abgrund treiben stechend ätzende Wolken, Nebelschwaden in giftigem Graugrün kriechen durch die Schneise und legen sich über das Land. Dann stampfen die Bulldozer wieder. Stoßend und stöhnend schieben sie das Gestein vor sich her, türmen Erz auf Erz, verändern, was Minuten zuvor unveränderlich schien. Titanische Stahlschaufeln schwenken aus, zuerst nach links, dann im Kreisbogen auf Felsen aufschlagend, schließlich steil in den Himmel gereckt als protestierten sie, jammernd und kreischend in Achsen und unter pausenlos rotierenden Ketten, um hochwertiges Zinnerz auf die lange Reihe wartender Kipplaster zu schütten.
Vor der Zufahrt zur Mine zittert das von glühender Sonne geschundene Tor. Immer zittert es hier, wenn es mit der Wucht der ohrenbetäubenden Schläge und dem Krachen und Stoßen und Stampfen zu viel wird, während sich hundert schürfende Stahlketten ins Gestein fressen und jeden Schrei ersticken.
»FORTUNA NOVA – ZUTRITT VERBOTEN«
Unkenntlich wie Schemen im Zwielicht, verhüllt im Staub unter glühender Sonne stehen Männer zwischen den Lkws und einer fast endlos scheinenden Kette aus Erzcontainern. Verstaubte knöchelhohe Stiefel – Männer in Overalls verpackt. Dahinter Spitzhacken, Blechkanister in Kinderhänden. Da und dort haben die kleinen Burschen Bastkörbe und ausgediente Säcke aufgetrieben. Lärmend und schwitzend, mit braunen sonnenversengten Gesichtern umhertobend, oft lachend wie im Spiel und über mannshohe Brocken kletternd, beim Hupen einer unerwartet daherstampfenden Zugmaschine aufschreckend, retten sie sich hundertmal am Tag vor krächzenden Geröllschiebern, flitzen kaum einen halben Meter vor den Giganten auf die andere Seite, um sich in der nächsten Minute auf einen vermeintlich wertvollen Fund zu stürzen. Aufpassen müssen sie und rennen und schuften, wenn es vielleicht schon am Mittag richtig Moos geben soll. Nach jeder Sprengung liegt das Kleinzeug, das die Abraumtrecker nicht erfassen, in der Schlucht herum.
Cassiterita! Container auf Container. Brasilianisches Zinnoxyd auf dem Weg zum Weltmarkt. Hochprozentig schillert es im gleißenden Licht des unerbittlichen Tropenmorgens. Vor morgen Mittag wird nicht mehr gesprengt. Nur die Bagger werden den Abhang bis zur Unkenntlichkeit zerreißen, stählerne Riesen auf Kettenrädern werden Schuttberge vor sich herschieben und Kinder werden über die Wüste aus Geröll und Steinen kriechen und das verheißungsvolle Zinnoxyd zusammenklauben. Pausenlos. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. FORTUNA NOVA im Zehnstundentakt. 36 Grad im Schatten, brennende Sonne auf nackten Rücken, nicht die Spur einer Wolke am Himmel, Staub im Gesicht und in der blutenden Nase, im Rachen, in den Lungen. Es ist doch nur für ein paar Jahre. Dann werden sie, so Gott will, noch leben, und bis dahin hätten sie eine Menge Geld verdient. So hieß es in der Grube. Fast einen Dollar gab es pro Kilogramm. Vorausgesetzt, dass das Zeug, das sie anschleiften, auch gut genug war, um die Grube zu verlassen.
In dicken roten Buchstaben stand es über dem Tor des Schuppens, den sich Jaime aus zwei vergessenen Containern zusammengeschraubt hatte. Auch wenn die meisten nicht lesen konnten. 92 Centavos per Kilo! Das verstand jeder.
Kurz vor zwölf, noch bevor Jaime den Eintopf in seinem verbeulten Blechgeschirr aufwärmte, standen die Kinder in der Schlange und maunzten und kniffen sich und schrien, wer diesmal die besten Brocken habe und wie viel es dafür geben werde.
Immerhin, es lohne sich doch für die Kerlchen, behauptete Jaime, wenn er abends mit den Fahrern beim Zuckerschnaps hockte. Auch für ihn sei es doch ganz annehmbar. Vier Dollar achtzig bewilligte ihm die Direktion für den Kleinkram. Und wenn das mit den Bürschchen noch ein paar Jahre so liefe, dann werde er das Geld für die beiden Lkws endlich zusammenhaben und aus dem Loch herauskommen. Und droben im Büro dürfe sich auch niemand beklagen. Wie hätten die denn ohne die Kinder das ganze Kleinzeug verladen sollen? »Ist das vielleicht kein Zinn?«, lachte er und goss sich noch einen von dem Klaren ein.
Marcelino stand am Straßenrand. Vor ein paar Tagen war er neun geworden. Groß genug für den Job, wie er meinte. Klein-Sonja wird es schon lernen. Sie war doch auch schon sieben.
»Da runter. Geht doch gut. Rutsch mal durch.«
Klein-Sonja krabbelte unter dem aufgebogenen Drahtverhau ins Minengelände. Fast eine Woche lang waren sie unterwegs gewesen. Zuerst ging’s mit dem Ochsenfuhrwerk ab, dann hockten sie einen halben Tag auf der alten Kiste der Zuckerrohrschneider. Bis sie der Fahrer des Überlandbusses aus lauter Mitleid aufgeladen hatte. Als die Grube in Sicht kam, gab er den Kleinen einen freundlichen Klaps auf die knöchernen Schulterchen und setzte sie ab.
»Guck mal, Sonjazinha«, rief der Bub und kam gar nicht los von den Baggern und Zugmaschinen. »Guck doch! Einer hinter dem anderen.«
Schuttberge aus Zinngestein, dampfende Leiber, schweißnass und staubverkrustet, braun gebrannte Kinder in ausgefransten Shorts, nackte Rücken, Gummischlappen, Wickeltücher um blutende Füße. FORTUNA NOVA! Für einen Moment vergaß Marcelino das bohrende Gefühl im Magen.
»Guck doch, dort«, begeisterte er sich. »Dort stehen sie!«
Nebeneinander, hintereinander, gebückt, kniend, mit bloßen Fingern im Schutt wühlend, dann plötzlich aufspringend und auseinanderjagend, wenn eine der gelben Maschinen herüberstampfte. Jubel, Schimpfsalven, Flüche, Gelächter, im nächsten Moment verstummend, dann und wann umarmten sich zwei Freunde. Mancher schaffte es doch.
»Vai ficar bom aqui!« Marcelino streichelte Klein-Sonja. Es werde schon werden, versprach er ihr.
Ein heiserer Ruf unter einem Schutzhelm drang zu den beiden herüber: »Aufpassen!«
Oft verschluckte einen der Staub, die Fahrer der Trecker sahen die Kleinen kaum, und dann war es auch schon passiert. Aber dort, von wo sie herkamen, sah es nicht besser aus.
Seit Monaten hatte es nicht mehr geregnet, das Land war versteppt und verwüstet und ohne einen Halm im Boden, und Vater hatte auf den paar Hektar fremden Landes doch nur geschuftet und geschuftet. Und jetzt quälten sie Vater wegen der Pacht, das Futter für die beiden Ziegen war am Ende und der Wasserwagen kam nicht mehr. So wie damals, als Mutter starb, erinnerte sich Marcelino. Sein Schwesterchen war noch zu klein und wusste nichts davon.
Seit letzter Woche war mit dem Maisbrei Schluss. Der kleine Weiher und die beiden Tümpel, an denen Marcelino immer fischte, waren ausgetrocknet, die Geier hatten die Knochen der letzten Zebus blank genagt und die Erde war so weit aufgerissen, dass der Bub sein Ärmchen bis zum Ellbogen hineinstecken konnte.
Am anderen Morgen, als sie vor dem Ochsenkarren standen, glaubte der Bub, eine Träne in Vaters Auge gesehen zu haben. Doch außer der Mine gab es in der ganzen Gegend nichts, so sehr der Mann auch grübelte. Nur die Zinngrube! Die Kinder sollten doch überleben und nicht dabei sein und mit ansehen müssen, wie alles zu Ende ging, wenn die Glut der Sonne den letzten Tropfen Blut verdampfte und nur noch die Geier über ihren Köpfen kreisten.
»Einen Sack und eine Hacke!«, rief Marcelino. »Schnell, Sonja, schnell! Dann sammeln wir auch!« So wie alle, die er von Stein zu Stein springen sah. Schnell, bevor der Nächste da war und einem den schönsten Brocken vor der Nase wegschnappte. Stöbern, absuchen, finden und aufklauben. Ab sieben war man schon dabei.
Vorgestern hatte es Frederico erwischt. Ein einziges Mal war er nicht flink genug gewesen. Ein einziges Mal hatte er dem stählernen Arm nicht rechtzeitig ausweichen können.
»Wir passen ja auf … mit den Kleinen«, entsetzt sich Reinaldo und dann weint er selbst wie ein Kind. Ein halbes Leben lang fährt er schon Zugmaschine. »Aber manchmal …« Und dann schreit es in ihm und seine Wut bricht durch die Tränen. »Manchmal … wie sollst du wissen, was die Kerlchen grad im Kopf haben?« Für einen Augenblick nimmt er den Helm ab und wischt den Schweiß aus der Stirn. Abgekämpft stapft er zum Wassertank hinüber und dann kraxelt er mit dem AluBecher in der Hand gleich wieder auf seinen Fahrersitz. »Die Kinder dürften doch gar nicht in der Grube sein«, wettert er von der Zugmaschine herunter und legt den Ganghebel ein. Siebzehn ›Requeiros‹ hatten sie dieses Jahr weggetragen. »Siebzehn!« Seine Schreie gehen im hustenden Lärm der Dieselmaschine unter. Baggerschaufeln, Stahlketten, Detonationen nach Steinschlag, Verschüttete. Und Kinder!
Steinschlag, Explosionen, Verschüttete. Und Kinder.
Immer wieder Kinder! In Scharen kamen sie von überall her. Wie sollte man es verhindern? »ZUTRITT VERBOTEN« stand vor der Einfahrt auf der gelbroten Tafel! War das nicht klar genug?
Jenseits des Hanges hatten sie Notquartiere in den Boden gerammt. Blechbaracken, Holzschuppen. Eine Containerbude mit Zuckerschnaps und Bier und eine Handvoll aufgedrehter Mädchen für die Jungen. Meistens schliefen sie im Freien. Es war ja nicht für immer. Und es erwischte nur diejenigen, die nicht genug aufpassten.
Bulldozer … Explosionen … Bagger … Steinschlag? Und wenn schon! Wovor sie sich fürchteten und was manche bis in die Träume verfolgte, das waren ihre Armut und das Elend dort, von wo sie herkamen, und das Unrecht und das Nicht-Weiterwissen. Samantha hatte vor ein paar Jahren ihre beiden Kinder verloren. Und Miguel seinen Arbeitsplatz. Dann war er in die Mine gewandert und Samantha kam hinterher. Nachts schliefen sie im Zelt, das ihnen einer hinterließ, dem es gereicht hatte. Tagsüber wurde in den Steinen gewühlt. Immerhin holte Miguel jeden Monat gute 250 Dollar heraus. Dreimal mehr, als sie ihm in Porto Velho auf dem Bau bezahlten. Und ganz so kompliziert war das hier gar nicht. Die Maschinen zerschlugen doch alles. Man musste nur die besten Brocken kriegen, damit in den Schuppen rennen und das Zeug auf Jaimes Waage schmeißen.
»Kommt in unser Zelt, bevor es Nacht wird«, sagte Samantha zu Marcelino und Klein-Sonja. »Wir haben noch Platz für euch … wenn ihr uns helft?« Dann zeigte sie den Kindern, welche Brocken die guten waren und was sie tun mussten, wenn die Bulldozer hupten, während sie beim Klauben waren.
Daheim wartete Vater auf den Regen. – Zutritt verboten! – Ich zeig euch, wie man’s macht. – Marcelino kroch mit Klein-Sonja über den Schutt. Es war doch nur für ein paar Jahre. Und die Männer unter den roten Helmen passten schließlich auf.
Aber immer konnten sie es nicht verhindern.
RIO, MORGENS UM FÜNF
Heller und klarer als an den anderen Abenden hing der Mond über der See. Mit der klebrigen Hitze war es noch immer nicht besser geworden. Dampf, nichts als heißer beißender Dampf, nass und tonnenschwer, lastete über der Stadt. Nur hier, abseits vom Trubel der Asphaltschluchten, blies lauer Nachtwind über zertrampelten Sand, zaghaft zunächst, so als ob er sich nicht recht getraute.
»Selmiiira… Selmira!« Der Donner gewaltsam aufklatschender Brandung verschluckte die vergeblichen Schreie, die das Mädchen zum Umkehren zwingen sollten. »Selmira! Selmira!« Immer wieder, unablässig, sinnlos im Zorn in die Nacht hinausgestoßen. Zuletzt versuchte der brüllende Verfolger den kleinen Flüchtling mit heiserer, sich gewaltsam überschlagender Stimme zur Umkehr zu bewegen. Doch schneller, als es zu erwarten war, verwehte die Spur, die das davonrennende Kind im Sand hinterließ. Renn, Mädchen, renn! Renn bloß, wenn du keine Dresche willst!
Selmira schnappte nach Luft. Dann verstummte das Gebrüll. Die fiebrigen Augen des Kindes tasteten sich entlang des glitzernden Schaums, den das heranrasende Seewasser auf den Strand warf. Das rassige haselnussbraune Gesicht und die langen unter ausgeblichenen Shorts hin- und hertanzenden Gazellenbeine, das zerzauste, im Schimmer der Mondnacht blauschwarz glänzende Haar, wirr über den Schultern flatternd, verbargen das Kindesalter.
Renn, Selmira, renn! Wie oft schon war sie den engen Pfad durch die Favela hinunter zum Meer gehetzt und dann nach dort, wo sie die Freiheit vermutete. Freiheit! Irgendwo musste die Freiheit wohnen! Doch bis jetzt hatten sie die Kleine immer wieder zurückgebracht. Und jedes Mal tanzte der Lederriemen auf ihrem Rücken. Sogar an den Dachpfosten hatte sie Vater schon gebunden. »Dass du es lernst«, hatte er die halbe Nacht lang auf sie eingeschrien und immer wieder zugeschlagen.
Joana hatte es doch viel besser. Selmira hielt an und sah zurück. Wie war sie denn mitten in dieser Hetze ausgerechnet auf ihre Freundin gekommen? Joana sah natürlich viel älter aus und konnte auch so raffiniert lachen, und jeden Abend brachte sie genug Geld nach Hause. Letztes Jahr hatten sie sich drüben sogar einen neuen Kühlschrank anschaffen können. Außerdem hatte ihre Freundin einen ganz vernünftigen Vater. Und Andreia erst. Nur eifersüchtig war sie bis zum Gehtnichtmehr. Deshalb schlug sie sich dauernd mit Jacobine herum. Jacobine mit ihrem Engelsnäschen.
Selmira atmete durch. Um diese Zeit hockten die Freundinnen wieder oben vor den Hütten und erzählten sich die seltsamsten Geschichtchen. Nur Selmira rannte wieder am Strand entlang. Ewig und immer den gleichen Weg, kilometerweit, irgendwohin. Nach nirgendwohin! Nur nicht mehr dort hinauf in die Favela, jenseits des steilen Abhangs, an dem die Baracken und Buden Wand an Wand nebeneinanderstanden, die meisten nur lose ins Erdreich geschoben, bis sie vielleicht in einer dunklen Regennacht, wenn niemand damit rechnete, von Wassermassen und unter Bergen von Schlamm und Morast in die Tiefe gerissen würden.
Nur weg von dort! Weg, weit weg. Immer wieder riss Selmira aus. Flucht von klein auf. Flucht und Angst. Grenzenlose Angst! Angst! Angst! Angst! Angst vor den schrecklichen Prügeln des jähzornigen Mannes, bebende Angst vor dem heißen Bügeleisen, vor bösen giftigen Blicken, wenn sie geduckt vor der frostigen Ziehmutter stand, weil sie nicht genug Geld zusammengebettelt hatte und weil keine Milch für die Brüderchen da war und weil Vater die paar Kröten, die am Morgen noch in der Schublade gelegen hatten, beim Zuckerschnapstrinken verpulvert hatte.
Selmira presste die Lippen zusammen. Pause machen! Durchatmen! Wenigstens schrie hier niemand mehr hinter ihr her. Irgendwo musste die Freiheit wohnen. Vielleicht dort drüben, mitten im Gewühl der lachenden Straßenbummler, sich mit einem Eis in der Hand umarmend. Zwanzig-, dreißigstöckige Luxuswohnungen, lichtüberflutete Garageneinfahrten. Avenida Atlantica! Luxuswagen, teures Blech bis hinunter nach Ipanema. Tanzmusik, ohrenbetäubende Lust, gellend schreiende Autohupen, Strandläufer, sich anbellende umherstreunende Hunde, im Sand kichernde Liebespaare. Da und dort gleichmäßiges Tapsen. Dazwischen das Geschrei der Kinder, die sich wegen eines Stückes weggeworfenen Brotes vor randvollen Abfalltonnen in den Haaren lagen.
»Träume in Rio!« Ein knallig angezogener Arbeitsloser, auf zwei Meter hohen Stelzen staksend, mit einem mannshohen Plakat auf dem Rücken brüllte es im Dreißigsekundentakt in die Ohren der Touristen, dann und wann mit den Händen zum Kopf hinauffahrend, besorgt, den blauroten Riesenzylinder zu verlieren. Träume in Rio! Nacht für Nacht sollte das aufkratzende Gebrüll der lebenden Reklamefigur gegen pfeifende Reifen ankommen, gegen Hupen und Tanzmusik, um vielleicht eine Handvoll abenteuerlustiger Touristen in das Vergnügungslokal an der Ecke zu locken.
Freiheit! Selmira flitzte zwischen zwei Stoßstangen hindurch, über die Avenida und gleich in die nachtschwarze Querstraße hinein. Keine hundert Meter mehr, dann kann sie wieder vor Joshuas Obstbude stehen. Joshua war okay! Gierig starrten Sechzehnjährige ihr hinterher. Joshua winkte ihr zu. Schnell, lauf zu, Mädchen, konnte das nur heißen.
Sein ›Laden‹, wie Joshua die sechs Pfosten mit der darüberhängenden Zeltplane mit verschmitzt fröhlichem Grinsen gerne bezeichnete, war gerade stabil genug, um häufige Windstöße, die das Meer herüberschickte, abzufangen und die Petroleumlampe zu halten, die der alte Mann an einem der Pfosten befestigt hatte. Seit Joshua seine Frau verloren hatte, war es mit dem Obstgeschäft nicht mehr weit her, und auch sonst stand er ziemlich allein in der Welt. Von sieben Buben waren noch drei am Leben. Doch sie hatten sich in dem großen Land zerstreut und Joshua wusste nicht recht, wohin es sie verschlagen hatte. Wo sollte er sie denn suchen? Außerdem – wenn er ganz ehrlich sein wollte – war es ihm nie in den Sinn gekommen, die Stadt zu verlassen. Wo hätte er denn hingehen können? Er verkaufte doch sein Obst. War das nicht gut genug? Und er war so glücklich, wenn Selmira zu ihm kam und ein paar Stunden bei ihm blieb. Meistens hockte das Kind auf einer umgestülpten Kiste und stopfte sich eine halbwegs essbare Banane in den Mund.
»Joshua! Deine Bananen sind schon wieder schwarz. Es wird nicht leicht sein, sie noch loszuwerden!«
»Ich weiß, ich weiß schon.«
Der alte Mann musste sich das alles gründlich überlegen. Mit schläfrigen Augen ließ er die paar Reais, die er tagsüber eingenommen hatte, durch seine Finger gleiten. Ob er dafür auf dem Frühmarkt noch genauso viel bekommen würde? Blieb dann doch noch ein später Käufer vor seiner Obstbude stehen, so wurde er meistens von Selmira bedient. Wenn es Nacht in Rio wurde, dann kauften sie lieber von ihr.




