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Desinfektionstrupps gingen durch die Stadt, blieben bei jedem Haus stehen, in dem jemand erkrankt war, und hinterließen auseinandergeworfene Betten ohne Bettzeug, einen starken Geruch, der Übelkeit hervorrief, und ein Zeichen, das mit weißer Kreide an die Eingangstür geschrieben wurde.
Auch unser Haus musste diese schmachvolle Prozedur über sich ergehen lassen und ich sollte Zeuge sein, weil ich die Einzige aus dem Haus war, die nicht in der Infektionsabteilung eingeschlossen war. Ich kam mit Tante Ivana zur verabredeten Zeit in unsere Straße, schloss die Tür zum dunklen Gang auf und ließ zwei Männer in weißen Kitteln und mit Mund- und Nasenschutz ein. Lange, unendlich lange – oder so kam es mir wenigstens vor – standen wir unten im Gang und warteten, bis sie mit ihrer Arbeit fertig waren.
»Fertig?«, fragte Tante Ivana, als sie die Treppe heruntergelaufen kamen.
»Noch die Uhrmacherei«, antwortete einer der Männer. »Hier sollen irgendwo die Schlüssel sein.«
Ich zeigte auf die Garderobe neben der Eingangstür, und als sie aufschlossen und hineingingen, schaute ich hinter ihnen hinein. Alles war auf seinem Platz und doch war etwas seltsam am Laden.
Die Stille. Das war die fremde, unheilverkündende Stille, die mich überraschte. Ich hörte nicht das Ticken der Uhrwerke. Die Pendel hingen unbeweglich herunter und die Zeiger zeigten auf den Zifferblättern die Uhrzeit, zu der sie stehengeblieben waren. Niemand war im Haus, der die zig Uhren, vielleicht sogar hundert Uhren aufzog, niemand war da, der sie brauchte. Es war, als seien sie gestorben.
Die Männer waren fertig und gaben Tante Ivana ein Papier zum Unterschreiben, das bezeugte, dass sie ihre Arbeit gründlich und ohne Komplikationen erledigt hatten, wovon schließlich auch der fürchterliche Gestank zeugte, den sie hinterließen.
Wir schlossen wieder ab, gingen durch unsere schmale Gasse und bogen auf den Platz ein. In den Straßen waren mehr Menschen als gewöhnlich und alle gingen in eine Richtung.
»Sie gehen sich die Durchsage anhören«, sagte Tante Ivana, packte meine Hand fester und beschleunigte den Schritt. Offensichtlich hatte sie nicht die Absicht, auf dem Platz anzuhalten.
»Tante«, bat ich, »wir wollen hierbleiben. Sehen Sie, da sind auch Kinder.«
Ich weiß ganz bestimmt, dass es nicht meine Bettelei war, die Tante Ivana anhalten und der endlosen Abfolge von Namen und Mitteilungen über den Zustand der Kranken zuhören ließ. Angehalten hatte sie, weil sie der Anblick der stillen Menge neugierig machte, die dort mit dem Gesicht dem Gebäude des städtischen Nationalausschusses zugewandt stand. Was sie nicht gehen ließ, war das Raunen, das manchmal durch das Menschenmeer fuhr, wenn sich der Zustand eines Kranken verschlechtert hatte, unheilvolles Geflüster und Schluchzer. Sie blieb stehen und hörte reglos zu, ob sie einen Namen hörte, den sie kannte. Sie stand da, obwohl sie wusste, dass sie weitergehen sollte, aber die Neugier klebte ihre Füße auf dem gepflasterten Bürgersteig fest.
Die eintönige Stimme las eine endlose Liste vor, sprach die Namen sorgfältig aus und ordnete sie Kategorien zu. Ich hörte den Namen Hana Helerová. Ich zog Tante Ivana am Ärmel und kam mir sehr wichtig vor. Von meiner Tante wurde im Stadtfunk gesprochen.
»Zustand sehr kritisch.« Das war nichts Neues für mich, ich hatte selbst gesehen, dass es der Tante schlecht ging. Ich hörte weiter zu. Ein Name, eine kurze Mitteilung. Zustand kritisch, Zustand unverändert, Zustand zufriedenstellend, außer Gefahr … Dann las der Sprecher den nächsten Namen und mir schien, dass er irgendwie stockte. Nach einer Weile fuhr er fort. »Verstorben«, sagte er und las langsam weiter.
Schrecken überfiel mich. Davor war mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass Mama, Papa, Dagmarka oder Otík sterben könnten. Es sterben doch nur schrecklich alte Leute, und Papa sagte immer, seine Haare seien nicht vom Alter grau geworden, sondern von Sorgen, und Mama hatte keine einzige Falte. Und meine Geschwister waren noch Kinder. Ich fühlte, wie sich die Hand der Tante fester um meinen Arm schloss und sie mich wegzog.
»Sie sind schon beim Buchstaben J!«, schrie ich und versuchte sie aufzuhalten. »Gleich werden sie über unsere Familie sprechen.«
Tante Ivana zog mich weiter. Ich stemmte die Hacken in das Pflaster und hielt mich am Türrahmen der Bäckerei fest, vor der ich vor zwei Wochen auf den Rettungswagen für die kranke Hana gewartet hatte. Die Tante löste mein Finger und schleifte mich weiter. Sie rannte fast, so eilig hatte sie es, aber es war schon zu spät.
»Kalaš Jan«, meldete der Funk. »Zustand zufriedenstellend. Kalašová Marta, Zustand kritisch. Karásková Dagmara, Zustand unverändert, Karásek Karel, Zustand kritisch, Karásek Ota, Zustand unverändert, Karásková Rosa …« Das war Mama. Die Stimme schwieg für einen Moment. Die Tante zog mich weiter und ich zerrte nicht mehr an ihr. Auf einmal wollte ich so weit wie möglich fort und den Worten entkommen, die ich ahnte.
»Verstorben«, sagte die Stimme und mehr hörte ich nicht, denn ich fing schrecklich zu heulen an. Ich schluchzte laut und kreischte: »Nein, Mama, nein!«
Die Leute drehten sich nach uns um, aber sie dachten wohl, dass ich nur ein unartiges Kind war, das sich seiner Mutter widersetzte, und sahen uns empört an. Nichts davon bekam ich mit. Ich fühlte nur furchtbaren Kummer, Einsamkeit und Kälte und wollte auch sterben. Ich bemerkte, dass mich jemand aufhob und an sich drückte, und für den Bruchteil einer Sekunde hoffte ich, dass es ein Versehen war und Mama gekommen war, um mich zu trösten, aber es war nur Tante Ivana. Sie trug mich fort vom Platz. Über ihre Wangen liefen Tränen.
VIERTES KAPITEL
März–Mai 1954
Auch wenn ich dachte, ich könne nicht noch mehr Kummer und Hilflosigkeit erleben, als mir das Schicksal durch Mamas Tod auferlegte, hatte ich mich geirrt. Innerhalb einer Woche starben Dagmara, dann Otík und zuletzt auch Papa. Ich war noch nicht ganz neun Jahre alt und war ganz allein. Mein Leben blieb genauso stehen wie die Uhren, die in Papas Geschäft an der Wand hingen. Ich war wehmütig, hatte Angst vor der Zukunft und fühlte mich unendlich einsam.
Tante Ivana brachte mich aus dem Kämmerchen ins Zimmer ihrer Kinder. Sie legte mich ins Bett des älteren Sohnes Gustav, saß am Kopfende und hielt meine Hand so lange, bis ich einschlief. Sie war morgens da, wenn ich aufwachte, wischte mir die Tränen ab, die ich nicht aufhalten konnte, sprach zu mir, wann immer sie das Gefühl hatte, dass ich der Verzweiflung nachgebe.
Am schlimmsten war es morgens. Im Schlaf verschwand die Gegenwart und im Traum kehrte ich in das Haus zurück, in dem ich geboren wurde. Mama stand wieder am Küchentisch, backte Kuchen nach dem Rezept von Großmutter Karásková, weil Papa den am liebsten mochte, oder saß auf dem Sofa und las eines ihrer geliebten Romanhefte »Abende im Lampenlicht«. Die legte sie immer in die Schuhschachtel auf dem Schrank im Schlafzimmer und Papa musste sie herunterreichen, weil sie dort nicht herankam. Otík baute einen Turm aus bunten Holzklötzen und Dagmarka und ich machten Hausaufgaben.
Der Traum endete jedes Mal gleich. Die Tür ging auf, Papa kam herein und ich sagte: »Auf dem Platz haben sie gemeldet, dass ihr gestorben seid.« Und sie schauten mich an und lachten. »Das hast du nur geträumt, du siehst doch, dass wir hier sind«, und ich war glücklich. Nur wachte ich dann auf und es war, als ob sie noch einmal stürben. Jeden Morgen erlebte ich den Kummer wieder und wieder, und schließlich hatte ich abends Angst, schlafen zu gehen, um meine Familie nicht wieder zu verlieren.
Die Horáčeks waren sehr freundlich zu mir. Tante Ivanas Mann Jarek sagte sogar, ich könne bei ihnen bleiben, solange es nötig war, aber das machte mich noch wehmütiger, denn ich wollte nach Hause gehen. In mein altes Leben zurückkehren.
Die Typhusepidemie ließ langsam nach. Die Hygienemaßnahmen waren nicht mehr so streng, die ersten Auskurierten kehrten aus den Krankenhäusern zurück, Herr Horáček – eigentlich zu der Zeit schon Onkel Jarek – konnte wieder zur Arbeit gehen, Tante Ivana ging wieder zum Kochen in die Schulküche und ich in die Schule.
In der Klasse war alles genauso, und doch anders. Ich setzte mich in meine Bank neben Jarmilka Stejskalová, schaute auf die Tafel, aber ich sah nicht, was dort geschrieben stand, ich schrieb Zahlen in mein Heft, begriff aber nicht, was sie bedeuteten. Ich fühlte die mitleidigen Blicke der Mitschüler auf mir und hasste sie, weil sie nach dem Unterricht nach Hause gehen konnten, zu ihren Mamas, Papas und Geschwistern, aber ich kein Zuhause mehr hatte. Nicht einmal Jarmilka wusste, was sie sagen sollte, und so bot sie mir in der großen Pause wenigstens an, dass ich von ihrem Brot kosten sollte. Ich schüttelte nur den Kopf und schaute weiter vor mich hin.
Während der nächsten Tage kehrte das Leben der meisten Einwohner der Stadt wieder in die alten Bahnen zurück und die Kranken und Toten wurden nur mehr zu Zahlen in den Statistiken der Hygienestation. Insgesamt waren fast 500 Menschen erkrankt und mehr als zwanzig von ihnen waren gestorben.
Von Tante Hana hatte ich keine Nachrichten und ich forschte auch nicht nach. Mamas Schwester Hana Helerová war ein fremder Mensch für mich. Weiter entfernt als Tante Ivana, bei der ich zwar erst ein paar Wochen wohnte, aber sie brachte mir in der Zeit mehr Gefühl entgegen als Tante Hana im ganzen Leben.
Ich wusste nicht einmal, ob Hana lebte. Ich verstand, dass »Zustand sehr kritisch« eine Vorstufe des Todes war. Ohne darüber extra nachzudenken, nahm ich an, dass sie genauso aus meinem Leben gegangen war wie die Eltern und Geschwister, und die Horáčeks das verschwiegen, um meine Einsamkeit nicht noch zu verstärken.
Tante Ivana dachte sich, man müsse mich irgendwie beschäftigen, damit ich keine Zeit zum Nachdenken hatte, und versuchte mich am häuslichen Leben zu beteiligen. Es schien zu wirken. Ich fühlte zwar immer die Trauer, aber Angst und Schrecken, die mich in den ersten Tagen nach der Beerdigung kaum atmen ließen, verloren sich langsam. Ich begann mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich bei den Horáčeks blieb.
Nach einiger Zeit beschlossen die Horáčeks, dass die Gefahr vorbei und es an der Zeit war, dass ihre Kinder wieder von den Großeltern zurück nach Hause zogen. Tante Ivana machte sich freudig an die Vorbereitungen und bezog mich in das Bettenbeziehen und die große Wäsche ein.
»In ein paar Tagen kommen Ida und Gustav von der Oma zurück, dann wirst du Freunde haben«, versprach sie mir beim Einsprengen der Bett- und Kissenbezüge. Wir machten die Finger in Wassertöpfchen nass und schüttelten dann die Tropfen so gleichmäßig wie möglich auf die gestärkte Wäsche. Die Tante konnte das, aber bei mir bildeten sich nur große Pfützen.
»Iduška wollte immer ein Schwesterchen, sie wird sich freuen, dass sie jemandem zum Spielen hat. Und Gustík ist ein feiner Junge. Du wirst sehen, ihr werdet euch verstehen.« Sie lachte zufrieden und reichte mir eine Seite des besprengten Lakens, damit ich half, es vor dem Mangeln auseinanderzuziehen. Wir packten die Ecken und zogen daran. »Sie werden dich so mögen, als ob du eine von uns wärst«, lächelte Tante Ivana und griff nach dem nächsten Wäschestück.
Nun ja, da hatte sie sich ordentlich getäuscht.
Ich kannte weder Ida noch Gustav, weil die Horáčeks am Stadtrand wohnten, wo kleine zweistöckige Villen mit schönen Gärten und hochgewachsenen Obstbäumen standen. Mama war bei schönem Wetter oft mit uns hierher spaziert und sagte immer, sie würde gern später in so einem Häuschen mit Garten wohnen. Manchmal blieb sie stehen und schaute eins der Häuschen aufmerksam an, als ob sie wirklich plante, es zu kaufen, und sagte: »Hier würde ich ein Gewächshaus hinstellen.« Oder: »Die Bäume müssten beschnitten werden.«
Dagmarka und ich liefen voraus, damit wir den Pflichtspaziergang bald hinter uns brachten und uns angenehmeren Dingen widmen konnten, und Papa – wenn er beim Familienspaziergang dabei war – stützte sich auf den Kinderwagen, in dem Otík saß, und sagte: »Aber Rosi, wir wohnen doch auch sehr schön.« Und Mama antwortete jedes Mal. »Das ja, aber so ein Gärtchen, das hätte ich später gern.«
Den Horáčeks gehörte das Haus nicht, die Wohnung im ersten Stock hatten sie von der Armee zugeteilt bekommen, weil Onkel Jarek Berufssoldat war und in der hiesigen Kaserne diente.
Das Häuschen sah von weitem wie ein Dampfer aus, den eine große Welle ans Ufer geworfen hatte. Auf einer Seite war es ganz gewöhnlich eckig, aber auf der anderen war eine Ecke abgerundet, als ob der Baumeister ursprünglich ein Türmchen erschaffen wollte, es sich dann aber anders überlegte. Das Dach war flach und die Wände waren weiß verputzt. Von der Straße aus gesehen strahlten sie, bei näherer Betrachtung war zu erkennen, dass der Putz schon schmutzig war, grau und stellenweise locker wurde. Die Fenster bestanden aus quadratischen Glasscheiben und sahen wie vergittert aus. Aus dem Erdgeschoss führte eine große Glastür in den Garten. Niemand ging je da hinaus und von innen war sie mit undurchsichtigen Vorhängen verdeckt, sodass sie traurig überflüssig wirkte.
Unten wohnte ein merkwürdiges altes Ehepaar. Der Mann ging kaum vor die Tür, weil er nicht mehr vom Sessel hochkam, und seine Frau ging nur zum Einkaufen und am Sonntag in die Kirche. Mir kreiste im Kopf herum, warum sie dorthin ging, wenn sie doch ganz taub war, und deshalb fragte ich Tante Ivana danach.
»Wie kommst du darauf, dass Frau Prášilová nichts hört?«
»Sie hat noch nie auf meinen Gruß geantwortet. Und auf Ihren auch nicht.«
»Aber nicht, weil sie taub wäre. Sie mag uns nicht, deshalb spricht sie nicht mit uns.«
»Warum mag sie uns nicht?«
An Tante Ivanas Gesichtsausdruck erkannte ich, dass sie keine große Lust hatte zu antworten, aber schließlich sagte sie: »Dieses Haus gehörte den Prášils, und nach dem Umbruch ließ man ihnen nur das Erdgeschoss. Den ersten Stock beschlagnahmte die Armee und teilte ihn uns zu. Und die Prášils wollen nicht begreifen, dass wir nichts dafürkönnen. Dass, wenn wir nicht hier wohnen, jemand anderes hier wohnt.«
Das gefiel mir an Tante Ivana – sie antwortete auf meine Fragen. Wenn ich Mama etwas fragte – zum Beispiel nach Großmutter und Großvater oder ob Tante Hana schon immer so komisch war – speiste sie mich ab: »Wer viel fragt, wird schnell alt.« Oder mit irgendeiner anderen erwachsenen Weisheit, und so fragte ich lieber nichts.
Unter anderen Umständen hätte ich das Entgegenkommen der Tante ausgenutzt und sie ordentlich ausgefragt, aber bei der Erinnerung an meine Mama verflüchtigten sich die Fragen aus meinem Kopf.
Obwohl Ida nur zwei Monate jünger als ich war, war sie gut einen halben Kopf kleiner. Auf den ersten Blick sah sie wie eine Porzellanpuppe aus. Sie hatte fast durchsichtige Haut, ein hübsch geschürztes Mündchen und die Haare waren zu zwei schicken Zöpfen geflochten. Sie ging leise, sah so ordentlich und perfekt aus und mir war gleich klar, dass wir beide uns nicht verstehen würden, selbst wenn der Blick aus ihren blauen Augen, genauso blauen Augen wie sie Tante Ivana hatte, nicht so eisig wäre.
»Also das ist Mira«, sagte Onkel Jarek, nachdem sie sich stürmisch im Flur begrüßt und Ida und Gustav ihre Koffer abgestellt hatten und dem Duft der Hefebuchteln folgend in die Küche gestürzt waren. »Ich habe euch von ihr erzählt«, fügte er hinzu, als sie stehenblieben und mich schweigend anstarrten.
»Ahoj«, sagte ich, stand vom Tisch auf und stellte mich neben Tante Ivana.
»Das ist mein Stuhl«, sagte Ida. »Auf diesem Platz sitze immer ich.«
»Ida«, ermahnte sie Tante Ivana. »Das ist doch egal, wer wo sitzt.«
»Siehst du«, wandte sich Ida an Gustav, »was habe ich dir gesagt.«
Gustav sah mich völlig desinteressiert an und drehte sich zu Tante Ivana um: »Kann ich mir eine Buchtel nehmen? Sind sie mit Mohn oder mit Powidl?«
Er stopfte sich eine Buchtel nach der anderen rein und ich fragte mich, wo sie hingingen, denn er war so dünn, dass die Kleidung an ihm wie an einem Kleiderbügel hing. Ich stand neben Tante Ivana, hielt mich an ihrer Hand fest, als wäre sie meine Rettungsleine, schaute diesen gleichgültigen, kurzhaarigen Viertklässler und die feindselige Porzellanpuppe an und fühlte, dass meine Welt sich schon wieder in die falsche Richtung drehte.
»Gustík«, sagte Tante Ivana. »Wir haben eine Überraschung für dich. Mira und ich haben das Kämmerchen ausgeräumt und dir ein schönes Zimmer daraus gemacht – nur für dich. Und Mira wird mit Iduška in einem Zimmer sein.«
»Siehst du«, sagte Ida wieder. »Ich habe dir gesagt, dass du im Kämmerchen landest.«
Tante Ivana seufzte und löste unauffällig ihre Hand aus meiner.
Die Horáčeks schlugen vor, ich solle in dieselbe Schule wie ihre Kinder gehen. Ich wollte nicht und die Tante sah ein, dass ich in der letzten Zeit – wie sie sagte – schon ziemlich viele Veränderungen erlebt hatte. »Wenn du möchtest, kannst du ab September in die neue Schule gehen«, versprach sie, aber bei der Vorstellung, dass ich in einer Klasse mit der Porzellan-Ida wäre, beschloss ich, mich lieber ans andere Ende der Stadt zu schleppen.
Ida mochte mich nicht und bemühte sich nicht einmal, das zu verbergen. Sie sprach nicht mit mir, und wenn mich Gustav zufällig ansprach, der sonst den Eindruck machte, als bemerke er mich nicht, war sie auf ihn böse. Unablässig flüsterte sie ihm etwas zu, und wenn ich auf Hörweite herankam, verstummte sie, und beide betrachteten mich misstrauisch.
Tante Ivana kam jeden Abend zum Lesen zu uns, nur saß sie nicht mehr an meinem Kopfende, sondern auf einem Stuhl mitten im Zimmer. Am ersten Abend setzte sie sich zu mir und Ida heulte los.
»Du hast uns nicht mehr lieb, Mama, du hast uns vergessen. Jetzt hast du dieses Mädchen lieber.«
»Iduška«, sagte Tante Ivana, »das stimmt doch nicht. Ich hab euch lieb.«
»Und warum hast du sie dann hierhergebracht?«
»Mira hat niemanden mehr«, sagte die Tante vorsichtig.
»Warum muss sie dann gerade bei uns sein, warum? Sag, dass du mich lieber hast als sie, sag es.«
Ich sah, dass Tante Ivana verwirrt war. Sie wusste überhaupt nicht, was sie antworten sollte. Und ich sah auch, wie Idas Augen boshaft blitzten, als die Tante aufstand und sagte: »Dann setze ich mich in die Mitte.«
Seitdem gab sie gut acht, dass sie mich bei nichts bevorzugte, sie strich über meinen Kopf nur, wenn niemand es sah, und redete mit mir nicht mehr so viel wie früher. Aber als Ida einmal losheulte, als die Tante meine Hausaufgabe vor ihrer kontrollierte, schrie sie: »Hör auf damit. Du benimmst dich wie ein verwöhntes Balg. Mira lebt bei uns, finde dich damit ab.«
Ida hatte aber nicht die Absicht, sich damit abzufinden.
»Papa sagt, dass wir sie nicht aufnehmen mussten, dass du sie den Behörden hättest bringen können. Er sagt, die hätten sie ins Heim gebracht. Mami, Mami, gib sie ins Heim.« Sie heulte laut los, und als Tante Ivana sie an der Hand nahm, sie aus dem Zimmer zog und die Tür hinter ihren Schluchzern zuschlug, sah ich, dass sie Tränen in den Augen hatte, und mir schien, dass sie wohl auch einen Augenblick daran dachte, dass es vielleicht für alle das Beste wäre.
Am anderen Tag hatte ich völlig zerkrümeltes Schulbrot im Ranzen und am Tag darauf verschüttete Milch. Dann konnte ich den Beutel mit den Wechselschuhen nicht finden und saß den ganzen Vormittag barfuß in der Schule. Der Beutel tauchte nie wieder auf.
An den Pullovern hatte ich abgerissene Knöpfe und als ich mich morgens zur Schule anzog, fand ich ein aufgeschnittenes Loch in der Strumpfhose. Da war auch Tante Ivana klar, dass es keine Zufälle sein konnten, und nahm sich Ida wieder ordentlich vor. Ida leugnete natürlich, aber es nützte nichts. Diesmal trug es ihr Prügel ein.
Ich ahnte, dass diese Entwicklung unserer Freundschaft nicht förderlich war, aber zu dieser Zeit konnte ich Ida ehrlich nicht mehr ertragen, wünschte ihr schadenfroh ein paar auf den Hintern und versagte mir auch ein Siegergrinsen nicht. Dann schaute ich Gustav an und bemerkte, dass er mich argwöhnisch betrachtete.
»Siehst du«, sagte Ida zu ihm und floh beleidigt und mit Tränen in den Augen ins Kinderzimmer.
Am Abend kroch ich unters Federbett und fühlte selbst durch das Leinennachthemd, wie sich bei jeder Bewegung etwas in meine Haut bohrte. Ich warf die Decke ab und stellte fest, dass alles voller Krümel war. Ida wollte offensichtlich nicht aufgeben, aber ich hatte von den Kämpfen genug und so stand ich nur auf und fing wortlos an, die Krümel in die Handfläche zu sammeln. In diesem Moment kam Tante Ivana. »Was machst du denn da?«
Ich schwieg.
»Das ist ein schreckliches Ferkel, sie hat ins Bett gekrümelt«, sagte Ida.
»Ich war das nicht«, sagte ich.
»Und dazu lügt sie immer«, fügte Ida an.
Die Tante sagte dazu nichts, seufzte nur tief, drehte sich in der Tür um und ging. An diesem Abend las sie kein Märchen vor. Ich rollte mich auf die Seite, das Gesicht zur Wand, und wünschte mir zu sterben und bei Mama zu sein. Tante Ivana behauptete zwar, meine Familie sei im Himmel, aber das war schwer zu glauben. Mama sagte immer, es gäbe keinen Himmel, dass die Leute sich ihn nur ausgedacht haben. Ich wünschte mir sehr, dass es einen Himmel gäbe, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ein Mensch stirbt, ganz verschwindet und gar nichts von ihm bleibt.
In der Nacht weckte mich ein Schatten, der mir über die Lider strich. Ich öffnete die Augen und schaute ins Dunkel. An meinem Bett standen zwei Gestalten. Ich erkannte sie sofort. Porzellanpuppe Ida hielt ein Kissen in der Hand, steckte es Gustav zu und flüsterte: »Mach du das, du hast mehr Kraft.«
»Was soll er machen?«, fragte ich schläfrig und die Schatten verschwanden. Das erschreckte mich. Ich schaltete die Nachtlampe an und schaute mich im Zimmer um. Ida lag im Bett, und obwohl ihre Augen fest geschlossen waren, sah ich, dass sie nicht schlief. Die Kinderzimmertür stand leicht offen und im Gang war es dunkel. Ich löschte das Licht, aber der Schreck hatte mich so wach gemacht, dass ich nicht mehr einschlief, ich sah ins Leere und konnte kaum den Morgen erwarten.
Wieder hatte sich das Böse in meine Nähe geschlichen, aber diesmal versteckte es sich nicht im Untergrund und wartete auf ein zufälliges Opfer, diesmal versteckte es sich hinter einem netten Gesichtchen und streckte die Hände direkt nach mir aus.
Der Frühling wollte in diesem Jahr einfach nicht kommen. Es war schon Ende Mai, aber das Wetter war grau und trübe, als trauerte es um die, die der Typhusepidemie zum Opfer gefallen waren. Ich verbrachte viel Zeit allein, weil meine Schulfreundinnen weit weg wohnten, Tante Ivana nach der Arbeit in der Schulküche müde war und Ida und Gustav mir aus dem Weg gingen. Immer häufiger sah ich sie die Köpfe zusammenstecken und flüstern. Gustav hob manchmal den Kopf, sah mich forschend an, senkte den Kopf wieder und antwortete leise etwas.
Einmal saßen sie im Garten auf der Bank, steckten verschwörerisch die Köpfe zusammen und bemerkten nicht, dass das Fenster im Erdgeschoss leicht offen stand. Und seitdem war ich mir ganz sicher, dass Frau Prášilová nicht taub war – im Gegenteil, sie hörte wie ein Luchs. Und das, was sie hörte, entrüstete sie entweder so, dass sie ihren Hass gegenüber den Horáčeks überwand, oder bestätigte sie darin, dass die Horáčeks Gesindel waren, denn sie war nicht faul, sondern stieg auf ihren alten Beinen die Treppe hoch und teilte Tante Ivana und Onkel Jarek den Gesprächsinhalt mit.
»Sie wollte von ihm, dass er die Kleine die Treppe hinunterwirft«, vermeldete sie. »Sie erklärte ihm, sie sei ein Kuckuck. Wirft die Vögelchen aus dem eigenen Nest und besetzt es ganz für sich.« Sie schüttelte den Kopf. »Was sind Sie für Menschen, dass Sie solche Ganoven erzogen haben. Da muss man ja im eigenen Hause Angst haben.« Sie drehte sich um, hielt sich am Geländer fest, ging vorsichtig hinunter und wiederholte auf jeder Stufe halblaut: »Ganoven. Ganoven.«
Tante Ivana weinte und Onkel Jarek schrie sie an: »Das ist deine Schuld. Wegen deiner Menschenfreundlichkeit werden noch Mörder aus unseren Kindern. Was tust du ihnen an? Kannst du den eigenen Kindern keine schöne Kindheit gönnen?«
Die Tante schluchzte lauter, lief an mir vorbei ins Schlafzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Onkel Jarek schaute mich nicht an, nahm die Mütze vom Haken und ging fort.




