Der mitteleuropäische Reinigungskult

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Anton nickte. Natürlich verstand er ihn.
»Du hättest die Rede halten sollen«, sagte er. »Ich meine, natürlich hättest du den beschissenen Preis kriegen sollen, das wäre nur fair und richtig gewesen.«
»Haha, geteert und gefedert hätten sie mich! Andererseits hätte ich das auch nicht gesagt, ich hätte ihnen schön Honig ums Maul geschmiert und ihnen versichert, dass sie eine auserwählte, eine goldene Generation seien, von ihnen hinge die Zukunft Europas und der ganzen Menschheit ab. Wir stehen am Scheidepunkt der Geschichte! So hätte ich meine Rede begonnen.«
Anton lachte.
»Hast du das von David Byrne gehört?«, fiel Hans plötzlich ein. »Der hat sich jetzt entschuldigt, hat sich bei der Öffentlichkeit, bei der ganzen Welt dafür entschuldigt, dass er auf seinem letzten Album nur mit Männern gearbeitet hat. Dass keiner seiner Musiker oder Tontechniker schwanzlos war. Hat sich selbst gegeißelt und seine Schuld eingestanden. Das stand so in der Zeitung. Es tue ihm so leid und es gebe keine Rechtfertigung für so etwas. Soll Byrne tatsächlich gesagt haben! Und zwar nachdem irgendwelche Genderidioten ihn mit Online-Postings bombardiert und seine Entschuldigung eingefordert hatten. Verstehst du das?«
Anton schüttelte den Kopf. Natürlich verstand er das nicht.
»Hey, Renate!«, rief Hans einer großen Brünetten nach und flüsterte Anton noch im Gehen zu: »Die hat ihren Typen verlassen. Endlich. Wegen der bin ich eigentlich hier, du weißt schon …« Und weg war er.
Hans hatte recht. Hier ging es um nichts, um gar nichts, nur um Karrieren. Zwischen Anton und dieser Welt hier tat sich ein Spalt auf, eine nicht mehr überwindbare Kluft, ein Riss im Eis, das früher ewig, mittlerweile aber zum Schmelzen verurteilt war. Alles war nur eine Frage der Zeit, und das Ende vorprogrammiert. Den Jungen schien ihre Sprache angeboren zu sein, all die Übriggebliebenen seiner eigenen Generation jedoch, die auf den guten, alten Rock ’n’ Roll Verweisenden und auf ihre persönliche Relevanz Bestehenden erschienen ihm lächerlich. Sie waren nicht Hans. Zwar war ihm gerade aufgefallen, dass, wenn er mit Hans sprach, eine ganze Menge an Fäkalbegriffen gewechselt wurde, was womöglich einem Außenstehenden ebenso lächerlich oder männlich überzogen erscheinen mochte, aber, nun ja, so war das eben – sie biederten sich wenigstens niemandem an. Den alten Typen hier bei der traditionell fragwürdigen Award-Show aber konnte ihre Sprache nicht abhandengekommen sein, sie mussten sie bewusst unterdrücken oder modifizieren, um auf diesem Parkett einigermaßen mittanzen zu können. Ihre Lächerlichkeit war ihnen wohl nicht bewusst.
Dass einer mehr sein, etwas Größeres darstellen wollte, als er war, war ja noch verständlich, aber seine sprachlichen Grundfertigkeiten unter den Scheffel zu stellen, um den AGBs einer dämlichen, in klein geschriebenen Abkürzungen kommunizierenden VIP-WhatsApp-Gruppe zu entsprechen, leuchtete Anton nicht ein. Sicher, es sollte ihm egal sein, sollte keine Rolle spielen, er sollte über diesen Dingen stehen. Tat er aber nicht. Insgeheim ärgerte er sich über sich selbst, ärgerte sich über die Tatsache, dass er sich ärgerte, dass das Auftreten dieser Buben und Mädchen ihn störte und provozierte. Er empfand es als gegen ihn persönlich gerichtet. Er wusste, dass das unsinnig, vermutlich verrückt war. Es war kein gutes, ein von einer Mischung aus Neid und Mangel an Selbstvertrauen erfülltes Gefühl, das sich da in ihm ausbreitete, von der Magengrube ausgehend durch sein Gehirn und die Kopfhaut, durch die Haarwurzeln nach außen drang und eine Art Glocke oder Kuppel über ihn stülpte, die ihn absonderte und ihn sich fehl am Platz fühlen ließ. Hans hatte ihn nicht beruhigt, er hatte sein Gefühl nur intensiviert, auf den Punkt gebracht.
Anton und seine Rede dienten den noch nicht besoffenen, also verunsicherten, um Kontakt und Gesprächsstoff bemühten Partygästen als Konversations- oder Diskursfläche. Im Grunde war die CD-Frage nicht mehr als ein probater Gesprächseinstieg. Ernst zu nehmende Pros oder Kontras mag es gegeben haben, Antons Ohr erreichten sie nicht. Die CD, so schien es, war freilich Geschichte. Er selbst sagte nichts, kein Wort der Rechtfertigung oder Relativierung fiel von seinen Lippen, dennoch fühlte er sich missverstanden, geradezu unverstanden, ein Zustand, der ihm beinahe zur Heimat geworden war.
Im Grunde war ihm das Thema auch egal. Vielleicht hatte es tatsächlich mit Sprache zu tun, mit der von ihm gewählten, nein, seiner ihm natürlichen, einer möglicherweise altmodischen, herkömmlichen und unzeitgemäßen Sprache, er wusste es nicht. Er wusste auch nicht, dass es genau dieses Gefühl des Unverstandenseins war, das ihm eine paradoxe Befriedigung verschaffte. Er suchte dieses Gefühl, es gab ihm Sicherheit, und selbstverständlich fand er es auch stets verlässlich. Er war kein Mobbingopfer, nicht das Ziel einer perfiden Ausgrenzung, er war vielmehr ihr Initiator. Die Handlungen, die er setzte, die Meinungen, die er vertrat, die Sprache, die er sprach – alles, er selbst, sein Effekt auf die Welt provozierte seine Einzelstellung. In ihr fühlte er sich wohl und losgelöst, gleichsam verloren.
Er beobachtete einen ungefähr Fünfzigjährigen mit grauem Vollbart und ebenso grauem Bun auf dem Scheitel – er wollte wohl wie Bale, der walisische Fußballer, aussehen, dachte Anton, außerdem schien ihm sehr daran gelegen, seine wahrscheinlich um fünfundzwanzig Jahre jüngere, ziemlich herausgeputzte Gesprächspartnerin zu beeindrucken, das war allein seiner lässigen Körperhaltung und seinem aufgesetzten Dauergrinsen abzulesen. Sein Bemühen um eine abgebrühte, aber auch über den Dingen stehende, Gelassenheit ausstrahlende Wirkung war offensichtlich. Anton erkannte die junge Frau wieder, sie hatte bei der Show gesungen, sehr mädchenhaft introvertiert, mit mehr Luft als Stimme, und antipatriarchalische Floskeln gesäuselt, wenn er sich richtig erinnerte. Ja, er hatte noch gedacht, diese Mischung aus sexy Lolita und feministischer Drohgebärde sei irgendwie unpassend, wenn auch gefeierter Ausdruck des vorherrschenden Zeitgeists. Er machte ein paar Schritte auf die beiden zu, um sie zu belauschen. Natürlich war der Typ Musiker oder Produzent oder Head of irgendwas.
»Da ist so etwas Altes, Archetypisches an dir, ich weiß nicht, ob dir das bewusst ist. Versteh mich nicht falsch, das ist natürlich ein Kompliment. Du bist eine zum Singen Geborene. In deiner Stimme ist so was Rohes, wenn auch Feines, Smoothes versteckt, etwas Nikotinhaltiges, aber so natürlich und unverfälscht, etwas, das die großen Sängerinnen der Fünfzigerjahre hatten, verstehst du? In deiner Stimme ist viel zu viel Leben für dein Alter … deine Seele muss uralt sein.«
Die Kleine kicherte.
»Hast du eigentlich Jazz studiert? Du klingst wie eine, die den Jazz atmet, ihn aufgesogen und voll drauf hat, aber ihre Skills nicht wirklich preisgeben will, weißt du, was ich meine?«
»Ich glaube schon.«
»Ich glaube, du weißt genau, was ich meine. Deine Präsenz ist einfach unglaublich. Da oben auf der Bühne – und auch hier, wenn ich ehrlich sein darf. Du erfüllst gewissermaßen den ganzen Raum, jeden Raum, wie ich annehme. Das ist eine Gabe, ein Geschenk, eine Superkraft, die du nutzen solltest. Die du nutzen musst! Alles andere wäre unverantwortlich. Du hast das Zeug zur Heldin, verstehst du?«
»Echt?«
»Ja, klar«, lächelte der Mann und nahm einen Schluck Bier, ohne sein Lächeln zu beenden, was im Grunde unmöglich war, dachte Anton, vielleicht war es eine Nebenwirkung seines die Blutgefäße im Penis entspannenden Präparats, mit der er mittlerweile gelernt hatte umzugehen. Anton versuchte es selbst, das Bier rann ihm übers Kinn, er wischte schnell darüber, blickte nach rechts und links, keiner schien ihn gesehen zu haben.
»Wie die Callas«, setzte der Typ nach. »Nein, Sarah Vaughan. Oder Nina Simone.«
»Oh, ich liebe Nina Simone. It’s a new day, it’s a new life …«
»Yeah! Das verstehe ich, sie war zweifelsohne fantastisch, auch wenn ihr Klavierspiel ziemlich überbewertet ist, findest du nicht?«
»Äh … ich weiß nicht.«
Die Kleine zwirbelte ihre Locken zwischen den Fingern und stakste verlegen von einem High Heel auf den andern. Anton dachte, die Arme sollte erlöst werden, aber selbstverständlich nicht von ihm, Gott bewahre – aus dieser Spirale musste sie sich schon selbst rauswinden. Hier hatte sie ihr Patriarchat, und was tat sie? Ließ sich einlullen. Der Alte fuhr lächelnd fort.
»Nina war dann doch zu wenig, wie soll ich sagen, konzentriert. Irgendetwas schien zwischen ihren Fingern und den Tasten des Klaviers zu hängen. Eine Ebene, die sie nicht durchbrechen konnte, eine gewisse Hemmung, vielleicht waren es auch nur die scheiß Drogen. Wahrscheinlich. Letztendlich muss man sagen, die Frau war einfach verrückt, ein armseliger Junkie, oder?«
»Hm …«
»Apropos – ewig schade um Amy, was?«
»Ja, voll. Amy war genial.«
»Und Whitney erst …«
Anton hatte genug gehört. Am liebsten hätte er dem Typ seine Bierflasche zwischen die Zähne gerammt, gleichzeitig bewunderte er ihn für seine, nun ja, Lockerheit, seine Grenzenlosigkeit oder seinen Mut, was immer es war, das er hatte, und ihm, Anton, fehlte.
Als er Barbara endlich erblickte, glaubte er augenblicklich an Engelserscheinungen. Sie stand in einem, wie er fand, sehr hübschen, grauen, eng anliegenden Kleid und mit angestrengtem Blick, wahrscheinlich hatte sie ihre Brille nicht dabei, in ihr Smartphone vertieft, in einer Schlange an der Bar. Erleichtert wackelte er auf sie zu, hielt inne. Er mochte es, wenn sie sich unbeobachtet und sicher wähnte. Ihr Parfüm hatte eine augenblicklich beruhigende Wirkung auf ihn, er berührte ihre Schulter, küsste sie auf die Wange, die sie ihm roboterhaft entgegenhielt, damit er ihr den Lippenstift nicht versaute, und sagte: »Gott sei Dank, du bist meine Rettung.«
Sie schenkte ihm einen abfälligen Blick, den er nicht weiter beachtete. Der abfällige war Barbaras angeborener Blick. Sie hatte immer schlechte Laune, tagein, tagaus, es war ihre Natur, an die er sich gewöhnt hatte wie an andere Naturphänomene wie die unerträglich heißen Sommer, Pollenallergien oder seine nicht mehr zu kaschierende Glatze. Barbara war einfach so, ließ alles an ihm aus, missbrauchte seine Gutmütigkeit, war stets genervt von seiner positiven, naiven Grundhaltung. Die Welt sei nicht mehr als eine Kloake, sagte sie gern, der Mensch der Abschaum der Evolution, wohingegen er, der personifizierte Sonnenschein, das ewige Kindsgemüt, das morgendliche Erwachen bereits als Geschenk betrachtete. So sah sie ihn. Freilich waren das nur ihre immer wiederkehrenden Worte, Anton nahm sich selbst ganz anders wahr. Hier aber, in diesem gestelzten Biotop der urbanen Coolness, die doch nicht mehr als eine arrogante Behauptung war, hatte er sich ihrem Naturell aufs Selbstverständlichste angenähert, hier bedurfte es ihrer Härte, um auf Distanz bleiben zu können.
Barbara war immer schon so gewesen, aber des einen Schwäche ist des anderen Halt, und so hatte Anton von ihrer augenscheinlichen Herzlosigkeit auch immer profitiert, ihre Kälte war ihm Erleichterung, ihr Abstand gab ihm Freiraum. Was auch immer sie in ihrer Entwicklung geprägt hatte, die anarchistische Idealistin schien sie ausgelassen und sich schon in jungen Jahren für die vielleicht nicht gerade bürgerliche, auf jeden Fall aber gefestigte Zynikerin entschieden zu haben, auch wenn sie gleichzeitig stets ums Gegenteil bemüht war.
Wie jeder Mensch mittleren Alters hatte sie sich längst an ihre Haltung gewöhnt, es sich in ihr gemütlich gemacht und sich selbst davon überzeugt, dass sie ihr angeboren war, dass diese Haltung die ihr einzig mögliche war, also ihrer wahren Natur entsprach. Sie erstaunte Anton täglich aufs Neue, denn freilich wollte sie ihrem Milieu entsprechend liberal, weltoffen und modern sein. Ihr Wesen war jedoch wirr, flexibel und unentschieden, zu komplex, um es durchschauen zu können, was Anton wiederum faszinierte.
Ach ja, Barbara war Schauspielerin.
»Alles ok?«
»Nein«, grummelte sie. Anton ging nicht darauf ein, ihn kümmerte momentan nur seine eigene Befindlichkeit. Immerhin hatte er gerade einen Preis gekriegt, das sollte doch auch gewürdigt werden, oder?
»Mir geht das alles auf den Sack«, sagte er. »Wollen wir abhauen?«
»Nein, ich will hierbleiben und trinken, ich stehe hier seit zehn Minuten an.«
»Okay, Schatz. Nimmst du mir ein Bier mit?«
»Muss man hier fürs Saufen etwa bezahlen?«
»Natürlich nicht.«
Wieder tauchte sie ab in ihr Handy. Anton wurde sogleich von einer jungen Sängerin vereinnahmt, einem blondierten, pummeligen Mädchen in einem viel zu engen, schwarzen Kleid und bunten Vans. Sie war fast stoisch. Wortlos, nur mit einem Nicken, nahm sie Kontakt auf. Ihr Kiefer war mit einem übermäßig großen Kaugummi beschäftigt. Die tiefroten Lippen wirkten wie eine sich bewegende Maraschinokirsche auf einem festen Muffin aus dunkler, hochprozentiger Schokolade.
»Ich mochte Ihre Rede.«
Sie siezte ihn, was zum Gefühl dieses Abends passte, ihm aber aus irgendeinem Grund auch sympathisch war. Es war, wie er dachte, nur angemessen. Ihr Lächeln wirkte ernst gemeint und authentisch. Anton schätzte ihre Höflichkeit, dieses Gegenteil von Coolness und Arroganz, fühlte sich aber augenblicklich auch um ein paar weitere Jahre gealtert.
»Danke.«
»Man hat Ihre Leidenschaft gespürt, das ist in einem Umfeld wie diesem, das pausenlos von Dedication und Passion labert, ziemlich bemerkenswert.«
»Danke, das ist sehr nett«, fühlte er sich bestätigt.
»Ich meine es ernst.«
»Ja klar, also … das, äh, freut mich. Sie haben übrigens gut gesungen. Nicht ganz meine Musik, aber Sie waren richtig gut. Wie war noch mal Ihr Name?«
»Anna.«
»Ah ja, genau. Anna. Ich bin Anton.«
»Okay. Wollte ich nur gesagt haben.«
Anton nickte verlegen, die Sängerin zog weiter. Herrje, dachte er, was für ein sinnloses Gespräch! Hatte er etwas Falsches gesagt? Oder Mundgeruch? Eine Grenze überschritten? Hatte er sie, die natürlich seine Tochter sein könnte, etwa komisch angestarrt wie ein schamloser, verzweifelter, perverser, alter Sack, der er in gewisser Weise zweifelsohne auch war? Er war nicht geschaffen für so etwas, für solche Veranstaltungen, hatte kein Talent für die Kunst der spontanen Konversation. Selbst der Gesellschaft dieser netten jungen Frau, an der überhaupt nichts auszusetzen war und die ihm die offenherzigste Höflichkeit entgegengebracht hatte, vermochte er sich nicht anzupassen. Was war eigentlich sein Problem? Er wusste es nicht, er wollte einfach nur weg, runter von dieser verlängerten Bühne, diesem eitlen Eislaufplatz der Eitelkeiten, auf welchem der reinste Infantilismus herrschte, entfliehen. Wenn wenigstens Hans hier wäre, aber der war bestimmt am Witwentrösten. Da kam Barbara mit zwei Flaschen Bier.
»Die haben nur Ottakringer.«
»Ja, sicher. Das ist einer der Hauptsponsoren.«
»Es ist einfach nicht gut.«
»Wieso?«
»Es schmeckt grauslich.«
»Blödsinn, es ist einfach … ein Ottakringer.«
»Ja, eben. Es ist schlecht.«
»Findest du? Ich mag es eigentlich recht gern.«
»Natürlich, weil du es gar nicht hinterfragst.«
»Aber warum sollte ich mein Bier hinterfragen?«
»Weil das denkende Stadtbewohner nun einmal tun.«
»Denkende Stadtbewohner?«
»Das Gesöff ist nichts wert, Anton.«
»Du spinnst ja.«
»Es ist ekelhaft.«
»Es ist aus Ottakring!«
»Na und? Es schmeckt nach nichts.«
»Das stimmt nicht, das ist definitiv falsch. Du trinkst es doch auch.«
»Mir ist nichts anderes eingefallen, ich hatte Lust auf Bier und die hatten kein ordentliches.«
»Hör auf.«
»Sei ehrlich, es ist langweilig, geschmacklos, fahl.«
»Blödsinn. Jetzt sei kein Schnösel, Babs. Das sagen nur diese Schnösel hier, all die Artists und VIPs finden das Ottakringer minderwertig, dabei ist es ein ganz normales, anständiges Wiener Bier. Die zahlen lieber das Doppelte für ein Budweiser oder saufen irgendein wirklich schrottiges Gebräu, weil sie das dann schön proletarisch oder antikapitalistisch dastehen lässt. Das ist so verlogen und heuchlerisch, ich hasse das alles. Prost.« Demonstrativ trank er die ganze Flasche leer.
»Wer war die Kleine?«
»So eine Sängerin. Anna. Ist vorhin bei der Show aufgetreten. Hast du sie nicht gesehen?«
»Ich hab, ehrlich gesagt, nicht so aufgepasst.«
»Hast du mich gesehen?«
»Ja, sicher.«
»Und? Hast du aufgepasst?«
»Na ja. Der Anfang war ok, das mit Zappa und so, da konnte man dir nicht widersprechen, der Hauptteil aber wirkte recht verbittert und der Schluss ein bisschen pathetisch. Aber insgesamt gut. Ach ja, das mit dem kleinen Schwanz war mutig und witzig.«
Das war typisch Barbara. Eiskalt und pointiert. Mittlerweile gab er ihr die Sachen, die er schrieb, gar nicht mehr zum Lesen. Sie hatte ein gnadenloses Gespür für seine Fehler und Mängel, und kein Problem damit – so wie er es sah, schien es ihr eine geradezu böswillige Lust zu bereiten –, ihn ohne Umschweife auf diese hinzuweisen. Wahrscheinlich war sie ihm ein richtig gutes Korrektiv, womöglich genau das, was er brauchte, aber er konnte sich nicht helfen, alles, was sie sagte, empfand er als unqualifizierte Kritik an seiner Person. Als unheilvolle Mischung aus Persönlichem und Beruflichem. Nicht, dass er unprofessionell war, aber ihr Verhältnis war eben privater, ursprünglich romantischer Natur, kein professionelles, und so fiel es ihm schwer, mit ihrem trockenen Ton zurechtzukommen. Außerdem kam ihm vor, dass sie ihn als Schreiber unbewusst missbrauchte, dass sie sich einem gewissen Machtgefühl von Mitbestimmung und Kontrolle selbstgefällig hingab und insgeheim von ihm verlangte, so zu schreiben, wie es ihren ganz persönlichen ästhetischen und inhaltlichen literarischen Maßstäben entsprach. Um einigermaßen frei und ungefiltert schreiben zu können, musste er sich also von ihrem Urteil lösen. Das funktionierte ganz gut, und auch Barbara begrüßte diese Entwicklung der Dinge, bald fragte sie ihn gar nicht mehr, woran er denn arbeite, offensichtlich fühlte auch sie sich entlastet und befreit.
Das Schreiben war sein Ding, sein großer Bubentraum vom Astronauten gewissermaßen, nichts, worum sie sich kümmern musste, sie musste es also auch nicht würdigen oder fördern, für gut oder wertvoll befinden, sie musste gar nichts. Dieses von ihm anfänglich eingeforderte und geschätzte Desinteresse sah er jedoch in weiterer Folge immer wieder aufs Neue gegen ihn persönlich und seine Arbeit gerichtet. Ein auf Dauer ungesundes, selbstgerechtes Ringelspiel, das genau hier, zum exakten Zeitpunkt ihrer Kritik an seiner Rede ins Trudeln und schließlich zum Stoppen kam. In Gedanken ging er ihre Worte noch einmal durch, dann sprach er sie laut aus: »Der Anfang war also ok, der Hauptteil verbittert und der Schluss pathetisch.«
»Ja.«
»Das Einzige, was an deinem Urteil nicht stimmig ist, ist der Zusatz: aber gut.«
»Nein, der Text war gut. Echt.«
»Blödsinn.«
»Na wenn dir das so lieber ist.«
»Was soll daran gut gewesen sein, wenn Anfang, Mitte und Ende scheiße waren? Und findest du ganz im Ernst, dass mein Schwanz –«
»Das hab ich doch gar nicht gesagt! Kannst du bitte weniger empfindlich sein? Du bist doch heute geehrt worden, du hast einen Preis gekriegt, standst erhoben im Scheinwerferlicht auf einer Bühne, die Leute haben applaudiert – was willst du noch? Muss ich dir als Zugabe sagen, dass dein Ding riesig ist und du in Wahrheit den Nobelpreis verdienst?«
»Wow.«
»Was?«
»Nichts.«
»Jetzt reiß dich zusammen, Anton! Dein Narzissmus nervt. Ich flippe auch nicht aus, nur weil du gesagt hast: ›Meine Kinder, die ich Gott sei Dank nicht habe.‹«
»Wie bitte?«
»Du hast mich genau verstanden.«
»Aber –«
»Ach, hau ab.«
»Hau ab? Bitte sehr, ich bin schon weg.«
Wütend machte er sich auf, das nächste Bier zu besorgen. Er hatte das alles satt. Auch Barbara. Sie tat gerade so, als ob sie die geborene Mutter wäre und er der unsensible Karrierist. Als ob nicht im Gegenteil sie selbst es gewesen war, die immer vom falschen Zeitpunkt gesprochen hatte, die den guten Lauf ihrer großen Theaterkarriere nicht unterbrechen wollte. Welchen guten Lauf?, fragte er sich dann im Stillen – und welche Karriere? Sie hantelte sich doch von einer frustrierenden Erfahrung zur nächsten, hätte jederzeit unterbrechen können, um etwas wirklich Bedeutendes wie ein Kind zu schaffen, aber bitte, das Theater, immer das Theater, wie er das hasste.
Über Jahre war es nämlich so gelaufen: Wenn er mit dem Kindsthema angefangen hatte, weil eine Freundin oder Bekannte wieder einmal Mutter geworden war, endete es für gewöhnlich in einem Riesenstreit, und es hatte offenbar nichts mit ihm zu tun. Allein die biologische Möglichkeit der Mutterschaft löste eine dunkle Kette von Gefühlen, irrationalen Projektionen und Ängsten in ihr aus, die sie nicht im Griff hatte, die im Gegenteil die Kontrolle über sie und in weiterer Folge selbstverständlich auch über ihn hatten. Mag sein, dass ihre eigene Mutter die Schwangerschaft mit ihr verflucht oder sie nicht gestillt hatte, mag sein, dass ihre Kindheit freudlos gewesen war – was wusste er schon. Aber ihre Mutter war doch eigentlich ganz nett, die wäre doch sicher eine liebevolle, sich aufopfernde Oma, oder? Die würde sich über ein Enkelkind bestimmt total freuen, da war sich Anton ganz sicher. Oder täuschte er sich in der Frau? War es so schlimm um seine Menschenkenntnis bestellt? Ach was, die spinnt ja, sagte er sich jetzt. Immer schön die Toughe geben, immer schön in alle Richtungen austeilen, gesellschaftskritisch, feministisch, verbittert und zynisch sein, aber umkippen wie ein Kartenhaus, wenn ein süßes Kind vor ihr die Straße überquerte oder wenn er, Anton, einen doch wohl eindeutig literarisch motivierten Satz von sich gab. Und wie gern hätte er ihr ihre sogenannte Karriere vor die Füße geworfen. Wie gern hätte er ihr die harte Wahrheit als Spiegel vorgehalten. Er hielt diese Wahrheit in Händen, hatte sie immerzu vor Augen, drängte sie jedoch stets zur Seite und deckte sie zu. Um ihretwillen, um des Friedens willen, um nur ja die große Höllenpforte nicht zu öffnen. Nur so konnte das Friedensprojekt Liebe funktionieren, nur auf festem Lügengrund konnte menschliches Miteinander funktionieren, alles andere bedeutete Krieg, davon war Anton überzeugt.
Das letzte Stück zum Beispiel, in dem sie gespielt hatte: Irgendein russischer Klassiker – war es Gogol oder Gorki? – in St. Pölten. Er saß mitten im Publikum, zwischen diesen St. Pöltner Abonnenten, hauptsächlich freundliche, dem Anlass entsprechend gekleidete und herausgeputzte, bürgerliche Pensionisten, und kämpfte sich mit ihnen durch die zweieinhalb Stunden wie durch ein trockenes Wüstenstück. Es war eine klassische Verwechslungskomödie und hätte demnach wohl sehr lustig sein sollen, allein keiner der immerhin dreihundert Zuschauer konnte dem behaupteten Humor folgen. Das Ganze war einfach nur hysterisch. Anton verbrüderte sich instinktiv mit den ihm fremden St. Pöltnern und respektierte ihre Ehrlichkeit. Das sogenannte Provinzpublikum war also nicht etwa blöd, kunstfeindlich oder bloß altmodisch, nein, es war offen für Neues – warum sonst hätte es ein Theater-Abo erworben? –, und schlicht und ergreifend ehrlich. Wie Kinder. Das forderte seinen Respekt ein. Wo das kunstaffine Wiener Publikum in die Knie gegangen wäre, den Abend für total geil befunden, aus Prinzip gelacht und gejubelt hätte, weil es sich nicht die Blöße geben wollte, den Humor des Theatermachers nicht zu verstehen oder seine politischen Metaphern und Anspielungen nicht zu erkennen, war das provinzielle Publikum selbstbewusst und direkt in seinen Reaktionen. Ein Witz war immer noch ein Witz und was sie hier geboten bekamen, war nun einmal nicht witzig.
Und so reagierten sie eben gar nicht, verharrten in ihren unbequemen Stühlen, lediglich ein paar gutturale Kicherlaute erhoben sich neben dem üblichen Hüsteln von Zeit zu Zeit aus der Stille des Zuschauerraums. Die hier versammelten Menschen hatten sich ohne Worte geeinigt, diesen nächsten krampfhaft bemühten Kunstangriff, der ihnen wieder einmal keine Geschichte erzählte, sondern nur die nächste krampfhaft bemühte Welt- und Gegenwartserklärung vorhielt, einfach auszusitzen. Anton überlegte währenddessen ebenso krampfhaft bemüht, wie verdammt noch mal er sich nach der Vorstellung verhalten sollte. Natürlich würde er Barbara und ihren Kollegen gratulieren, natürlich würde er ihr später sagen, dass sie die Beste war, die Talentierteste der Truppe, dass es eine Frechheit sei, dass sie hier in St. Pölten spielen müsse und nicht im Burgtheater oder in Berlin mit den ersten Regisseuren arbeite und gefeiert werde.



